Delikatessen - Martin Walker - E-Book + Hörbuch

Delikatessen E-Book

Martin Walker

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Beschreibung

›Savoir vivre‹: Archäologische Funde zeigen, dass man schon vor 30 000 Jahren im Périgord gut leben konnte. Aber der Tote, auf den man bei neuen Grabungen stößt, stammt eindeutig aus dem falschen Jahrhundert und weist alle Spuren eines Gewaltverbrechens auf.

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Seitenzahl: 410

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Martin Walker

Delikatessen

Der vierte Fall für Bruno,Chef de police

Roman

Aus dem Englischen vonMichael Windgassen

[7] Prolog

An diesem Morgen trug der Polizeichef der kleinen französischen Stadt Saint-Denis ausnahmsweise eine Waffe. Benoît Courrèges, von allen Bruno genannt, hatte seine Dienstpistole aus dem Tresor im Bürgermeisteramt genommen, wo sie bis zur obligatorischen jährlichen Schießübung auf dem Schießstand des Polizeihauptquartiers in Périgueux unter Verschluss war. Bruno hatte die alte 9-mm-MAB im Morgengrauen sorgfältig geputzt und geölt und in das blankpolierte Lederholster gesteckt, das er nun an der Schulter trug. Seine Galauniform, die er auf dem Weg zur Mairie von der Wäscherei abgeholt hatte, roch nach chemischer Reinigung. Er war erst tags zuvor beim Friseur gewesen, hatte sich am Morgen gründlicher als sonst rasiert und seine Stiefel so auf Hochglanz poliert, wie es nur ein ehemaliger Soldat kann.

Neben ihm standen Sergeant Jules und die kleine Mannschaft der Gendarmerie von Saint-Denis in Reih und Glied vor ihrem bescheidenen, mit Stuckelementen verzierten Gebäude. Auch die Gendarmen trugen Galauniform, und man musste schon genau hinsehen, um einen Unterschied zwischen den französischen Beamten und Bruno als Angestelltem der Stadt ausmachen zu können. Auf dem Flachdach der Gendarmerie hing neben der Funkantenne die [8] Trikolore auf Halbmast, und über der Eingangstür hing ein Schild mit der flammenden Granate – das Symbol der Gendarmen seit ihrer Gründung im Jahre 1791. Capitaine Duroc, der nominelle Leiter des Postens, glänzte durch Abwesenheit. Er hatte sich krankgemeldet, weil er einen Konflikt mit seinen Vorgesetzten in Paris scheute, die den Polizisten und Gendarmen Frankreichs ein offizielles Gedenken an den toten Brigadier Nerin untersagt hatten. Doch hier in Saint-Denis wie auch in den anderen Polizeistationen und Gendarmerien des Landes war man entschlossen, den Getöteten mit einer Parade zu ehren.

Bei einem Glas Wein hatte Bruno am Vorabend mit Jules vereinbart, dass er eine kurze Ansprache halten und die Parade abnehmen würde. Als Angestellter des Bürgermeisteramtes riskierte Bruno nichts, während Jules, dem Sergeanten, ein Verweis drohte, wenn nicht Schlimmeres, und das so kurz vor seiner Pensionierung.

Nach einem letzten Blick auf seine Uhr nahm Bruno Haltung an, trat vor und wandte sich den zur Parade Erschienenen zu, die, wie er, alle, Männer wie Frauen, einen Trauerflor am rechten Oberarm trugen. Im Hintergrund hatte sich eine kleine Gruppe von Bürgern des Städtchens versammelt. Sie beobachteten ihn schweigend. Bruno nickte einem Jungen zu, der ein wenig abseitsstand; er trug ein graues Hemd und eine schwarze Krawatte und hielt ein Signalhorn in der Hand.

»Geschätzte Kollegen«, hob Bruno an. »Wir sind hier, um Brigadier Jean-Serge Nerin zu ehren, der in Ausübung seines Amtes zu Tode kam. Er wurde in Dammarie-lès-Lys im Département Seine-et-Marne von Terroristen gezielt [9] niedergeschossen. Dies ist der erste Mord an einem französischen Polizisten durch die baskische Terrororganisation ETA, der in Spanien schon mehr als achthundert Menschen zum Opfer gefallen sind. Im aktiven Dienst getötet zu werden ist ein Risiko, dem wir in unserem Beruf immer ausgesetzt sind, aber dieser Anschlag ist etwas Besonderes. Unsere Kollegen in ganz Frankreich sind trotz offizieller Einwände einhellig der Auffassung, dass es sich gebietet, unseres gefallenen Kameraden Brigadier Nerin in einer Schweigeminute zu gedenken.«

Er legte eine Pause ein und rief dann aus voller Brust: »À mon commandement!«

Die Gendarmen nahmen Haltung an, bereit für den nächsten Befehl.

»Escadron, garde à vous!«

Bruno hob salutierend die rechte Hand an den Schirm seiner Mütze und gab damit dem jungen Jean-Michel das verabredete Zeichen. Der setzte das Horn an die Lippen und blies den Anfang von Sonnerie aux morts, jenem Trauermarsch, mit dem die Garde Républicaine ihre Toten ehrte. Als die letzten Klänge verhallt waren, zählte Bruno im Stillen die Sekunden einer Minute ab. Sein salutierender Arm wurde dabei immer schwerer, und er musste sich in Acht nehmen, dass die Hand nicht zu zittern anfing. Dann war die Minute vorüber. Er ließ den Arm sinken und beendete die kurze Feier.

Sergeant Jules kam als Erster auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. Die anderen taten es ihm gleich, als sie der Reihe nach in die Gendarmerie zurückkehrten. Bruno bedankte sich bei Jean-Michel und ging dann über die Rue [10] de Paris zum Bürgermeisteramt, um seine Pistole wieder für ein Jahr im Tresor zu verschließen. Er überquerte den Platz und steuerte auf die kleine, mit Eisennieten beschlagene Seitentür zu, weil er, statt den modernen Fahrstuhl zu benutzen, lieber über die alten Steinstufen hinauf in sein Büro stieg. Dort wartete der Bürgermeister auf ihn, der gerade eine Pfeife stopfte.

»Danke, dass Sie gekommen sind«, sagte Bruno. »Ich habe Sie unter den Zuschauern gesehen.«

»Danke für Ihren Einsatz, Bruno. Das mit der Musik war übrigens ein hübscher Einfall. Tja, es stünde schlimm um Frankreich, wenn diejenigen, die für unsere Republik ihr Leben lassen, nicht mehr geehrt würden«, erklärte der Bürgermeister. »Wie mir übrigens aufgefallen ist, hat sich Capitaine Duroc wieder einmal aus der Affäre gezogen.«

»Capitaine Duroc gehorcht der Regierung, die anscheinend ihre Gründe hat, auf eine öffentliche Parade zu verzichten. Im Unterschied zu ihm bin ich nur Ihnen verpflichtet und den Bürgern von Saint-Denis«, erwiderte Bruno.

Der Bürgermeister lächelte. »Ah, Bruno, schön zu hören, was Sie da sagen. Wenn es bloß auch wahr wäre!«

[11] 1

Es war der erste Frühlingsmorgen, und die soeben aufgegangene Sonne vertrieb die Nebelschleier aus den Waldsenken, durch die kleine Wasserläufe auf die Vézère zuströmten. Tautropfen funkelten an den Knospen, die sich scheinbar über Nacht an den kahlen Bäumen gebildet hatten. Die Luft duftete irgendwie anders, frisch und hoffnungsvoll. Dutzende verschiedener Vogelarten belebten sie mit ihrem Gesang. Gigi, der Basset-Rüde, hatte zwar schon seine allmorgendliche Runde gedreht, war aber immer noch ganz angetan von den Düften der neuen Jahreszeit und streckte schnuppernd seine Nase durchs offene Fenster des Polizeitransporters, den Bruno über den steilen, kurvenreichen Weg steuerte, der von seinem Haus hinunter zur Stadt führte. Bruno summte ein fast vergessenes Lied, das vom Frühling in Paris handelte, und dachte an sein Tagesprogramm, als er plötzlich auf die Bremse treten musste.

Es war das erste Mal, dass er auf dieser stillen Landstraße von einem Verkehrsstau aufgehalten wurde. In endloser Schlange standen vor ihm Autos und Traktoren mit laufenden Motoren. Ihre Fahrer schauten in Richtung Saint-Denis oder waren ausgestiegen, manche mit Handy am Ohr und aufgeregt gestikulierend. Ein Hupkonzert setzte ein. Bruno staunte noch über die ungewöhnliche Szene, als sein [12] eigenes Handy zu läuten anfing. Auf dem Display erschien der Name von Pierre, einem Nachbarn, der weiter unten an der Straße wohnte. Wahrscheinlich wollte er ihm vorjammern, dass er im Stau stand. Bruno ließ das Handy läuten. Es hatte anscheinend einen Unfall gegeben.

Ihm ging durch den Kopf, dass er jetzt hier nicht feststecken würde, hätte er, wie geplant, die Nacht bei Pamela verbracht. Doch diesen Gedanken verdrängte er sofort wieder. Seit vergangenem Herbst hatten die beiden ein lockeres Verhältnis miteinander, das sie auch nicht vertiefen wollte. Sie hatte ihre Einladung zum Abendessen und zu einer gemeinsamen Nacht kurzfristig abgesagt und erklärt, der Hufschmied käme am frühen Morgen vorbei, um ihre Pferde zu beschlagen. Nach Brunos Geschmack ließ Pamela allzu häufig Verabredungen platzen, und er war sich nicht sicher, ob sie auf Distanz ging oder einfach nur eine engere Bindung scheute. Jedenfalls würden sie sich am Abend sehen, was ihn aber nicht besonders zuversichtlich stimmte.

Den Blick nach vorn auf die stehenden Fahrzeuge gerichtet, ohne wirklich darauf zu achten, was er sah, spürte er, dass ihn sein Hund fragend anschaute. Gigi hatte recht; die Pflicht rief. Bruno stellte den Wagen am Straßenrand ab und stieg aus, um nach dem Rechten zu sehen. Alain, der Milchbauer, dessen Hof an der Straße nach Les Eyzies lag, hatte offenbar einen guten Überblick über die Lage.

»Gänse – Enten und Gänse«, rief er Bruno von seinem hohen Traktor aus zu. »Sie sind überall.«

Bruno hörte die Schreie der Tiere, die auf das Gehupe zu antworten schienen, und kletterte zu Alain hoch, wo er nun [13] selbst die Ursache für den Stau erkannte. Flügelschlagend kreuzten Hunderte von Enten und Gänsen die Straße, um an eine weite Wasserfläche zu gelangen, die der Frühlingsregen auf der benachbarten Weide hatte anschwellen lassen.

»Die sind von Louis Villatte«, sagte Alain. »Ich schätze mal, ein Baum ist umgefallen und hat den Zaun des Geheges eingerissen. Der wird stinksauer sein. Hat an die dreitausend Vögel. Hatte er jedenfalls. Einige scheinen unter die Räder gekommen zu sein.«

»Hast du seine Telefonnummer?«, fragte Bruno. Alain nickte. »Dann ruf ihn an. Frag Louis, ob er weiß, dass sein Federvieh entkommen ist. Vielleicht kannst du ihm auch helfen, die Lücke im Zaum zu flicken. Ich komme dann auch, sobald der Verkehr hier wieder fließt.«

Bruno warf einen letzten Blick auf die riesige Vogelschar, die, wie von einem unwiderstehlichen Ruf gelockt, auf das Wasser zusteuerte. Dann kehrte er zu seinem Transporter zurück, öffnete Gigi die Tür und schritt die Reihe der stehenden Autos ab, aus denen ärgerliche Fragen auf ihn einprasselten. Mehr als einmal musste er über tote Vögel am Boden hinwegsteigen. Ein Fahrer, den er kannte, inspizierte missmutig einen zerschlagenen Scheinwerfer, während eine verwundete Gans unter dem Wagen kläglich schrie.

»Du bist doch auf einem Bauernhof groß geworden, Pierre«, sagte Bruno im Vorbeigehen. »Willst du das arme Tier nicht endlich erlösen?« Über die Schulter sah er, wie Pierre die Gans unter dem Wagen hervorzog und ihr den Hals umdrehte. Sie flatterte wild mit den Flügeln und erschlaffte dann. Wer auf einem Bauernhof aufgewachsen war, verstand sich auf diesen Handgriff, selbst Pierre, der [14] mit Landwirtschaft längst nichts mehr zu tun hatte und als Buchhalter arbeitete.

Als Bruno die Stelle erreichte, an der die Vögel in heillosem Durcheinander, aus dem Wald kommend, die Straße passierten, sah er, dass sich im weiteren Straßenverlauf auch auf der Gegenspur die Autos stauten. Die Tiere mit Gigis Hilfe zurückzutreiben empfahl sich nicht, denn sie würden wahrscheinlich nur an anderer Stelle versuchen, die Straße zu überqueren. Diesem Exodus war kein Einhalt zu gebieten, er ließ sich allenfalls beschleunigen. Also überredete Bruno die Autofahrer an der Spitze beider Schlangen, ihre Fahrzeuge ein Stück zurückzusetzen, um die Gasse zu verbreitern und den Vögeln ein Durchkommen zu erleichtern. Als auch die Streitlustigen unter ihnen seiner Aufforderung murrend nachkamen, machte er sich mit Gigi auf den Weg durch den Wald zum Hof der Villattes, im weiten Bogen vorbei an der Prozession der Vögel, die nicht enden zu wollen schien. Bruno schmunzelte und fragte sich, ob die Tiere wohl zu fliehen versuchten oder von Neugier getrieben waren, vielleicht von einer Abenteuerlust, die der Frühling in ihnen geweckt hatte.

Er traf Louis, dessen Frau und Alain, den ältesten Sohn, vor einer großen Lücke im stabilen Maschendrahtzaun des weitläufigen Geheges. Die hatte weder ein umgestürzter Baum noch ein außer Kontrolle geratener Traktor geschlagen. Vielmehr deutete alles auf Vorsatz hin. Mehrere Pfosten waren aus der Verankerung gerissen, der Maschendraht aufgeschnitten. Louis war gerade dabei, die Lücke notdürftig mit Brettern, alten Türen und Pappkartons zu flicken. Mit fuchtelnden Armen und unterstützt von ihrem [15] kläffenden Hund, scheuchten seine Frau und Alain die noch verbliebenen Vögel zurück, die den anderen in den Wald und zum Tümpel jenseits der Straße folgen wollten.

Ohne dazu aufgefordert zu sein, nahm auch Gigi an der Treibjagd teil, während Bruno dabei half, die letzten Schlupflöcher mit Reisig zu schließen. Erst als der Zaun wieder dicht war, streckte Louis die Hand aus, um Bruno zu begrüßen. Gigi und der Hund der Villattes beschnupperten einander höflich und nahmen dann Seite an Seite Platz, um denjenigen Vögeln zu drohen, die es wagten, ihnen zu nahe zu kommen.

»Danke, Bruno«, sagte Louis. »Wir sind schon seit Tagesanbruch hier zugange. Das Gezeter der Vögel hat uns aus dem Bett geholt. Sehen Sie sich das Loch an! Irgendein Mistkerl hat den Zaun mutwillig eingerissen und ganze Arbeit geleistet.«

»Und wir wissen auch, wer«, ergänzte Sandrine, seine Frau. »Hier, schauen Sie mal, was an dem Pfosten da vorn gehangen hat.« Sie reichte ihm einen fotokopierten Handzettel, der in einer durchsichtigen Plastikhülle steckte.

»SCHLUSS mit der Tierquälerei! Boykottiert foie gras« stand darauf zu lesen, darunter ein verschmiertes Foto von einer Ente in viel zu engem Käfig, der von einem Mann ein Schlauch in den Schlund gestopft wurde. Unterschrieben war die Aufforderung mit »Contactez PETAFrance.com.«

»Wofür steht PETA?«, fragte Louis, der Bruno über die Schulter schaute.

»People for the Ethical Treatment of Animals«, antwortete er. »Eine amerikanische Bewegung, vielleicht auch britisch. Jedenfalls findet sie auch in Frankreich Zulauf. In [16] Paris haben sie mächtig Krach geschlagen. Wegen Legebatterien und der Boxenhaltung von Kälbern. Es scheint, dass sie jetzt gegen Gänseleberpastete vorgehen wollen.«

»Aber das ist unsere Lebensgrundlage«, sagte Sandrine. »Außerdem stellen wir keine Pasteten her, sondern ziehen nur die Vögel auf, und das ist doch wohl nicht verwerflich.«

»Sehen Sie nur.« Louis zeigte auf den Zaun. »Die sind mit Bolzenschneidern zu Werke gegangen. Das heißt, die Sache war geplant. Sie haben ein verdammt großes Stück aus dem Maschendraht geschnitten und weggeschafft, wahrscheinlich irgendwo in der Nähe versteckt. Der andere Junge sucht gerade danach.«

»Stadtärsche!«, fluchte Alain. »Haben keinen blassen Schimmer vom Landleben und fallen wie Terroristen über uns her, um uns zu ruinieren.« Er wandte sich ab und spuckte aus. »Finden Sie heraus, wer dahintersteckt, Bruno. Für alles Weitere sorgen wir.«

Bruno ging auf Alains Wutausbruch nicht ein und wechselte das Thema. »Die Vögel sind alle zum Tümpel rüber, der sich auf dem Feld hinter der Straße gebildet hat«, berichtete er. »Da scheinen sie erst einmal bleiben zu wollen. Gibt es irgendeine Möglichkeit, sie zurückzulocken?«

»Ich werde mit der Futterglocke läuten. Dann kommen die meisten bestimmt angeflattert. Alle anderen fangen wir dann mit dem Netz ein«, erklärte Louis. »So machen wir’s meistens. Wir schaffen sie in den Hänger und bringen sie zurück, sobald der Zaun repariert ist.«

»Je eher, desto besser«, sagte Bruno. »Sie legen nämlich den Verkehr lahm. Deshalb bin ich hier.«

»Dumme Gänse«, murmelte Louis missmutig. »Sie [17] haben ihren eigenen Tümpel da drüben, an dem nichts auszusetzen ist. Aber kaum wittern sie was Neues, sind sie weg.« Er zeigte auf einen Teich im hinteren Teil des Geheges, in dem einige der Vögel, die vergeblich versucht hatten, durch den neu verbarrikadierten Zaun zu entkommen, schon wieder gelassen in ihrem vertrauten Teich herumdümpelten.

Ein Junge von ungefähr zehn Jahren kam aus dem Wald auf sie zugelaufen und schleppte stolz ein Stück Maschendrahtzaun.

»Ich hab’s, Papa«, rief er. »Und es ist noch mehr davon da. Ich kann dir zeigen, wo.« Als er den Polizisten sah, bei dem er im Winter Rugby und im Sommer Tennis spielen lernte, strahlte er übers ganze Gesicht. »Bonjour, Monsieur Bruno.« Er ließ das Drahtgeflecht fallen und schüttelte Bruno die Hand.

»Bonjour, Daniel. Hast du irgendwas gesehen oder gehört, als das hier passiert ist?«

»Nichts. Ich habe noch geschlafen, als Papa uns nach draußen gerufen hat, um die Tiere einzufangen.«

»Aber ich habe etwas gehört. Entengeschnatter, kurz bevor der Hahn zu krähen anfing«, sagte Louis. »Es muss also noch vor Tagesanbruch gewesen sein. Ich dachte nur, seltsam, denn die Enten rühren sich erst nach den Hühnern.«

»Könnte es ein Lockruf gewesen sein, aus einer Pfeife?«, fragte Bruno. »Wer den Zaun aufgeschnitten hat, wird darauf aus gewesen sein, die Tiere zu vertreiben, solange im Haus noch alles schlief.«

»Ja, so muss es sich abgespielt haben«, pflichtete ihm Sandrine bei. »Die Vögel warten morgens immer vor der Scheune, um gefüttert zu werden. Von allein ziehen sie [18] nicht los. Nicht einmal als der Sturm einen Teil des Zauns flachgelegt hat.«

»Ich muss jetzt wieder zur Straße zurück und dafür sorgen, dass sich der Stau auflöst«, sagte Bruno.

»Was wissen Sie über diese PETA-Organisation?«, fragte Sandrine.

»Nicht viel, aber ich werde mich schlaumachen«, entgegnete Bruno. »Ich fürchte, Sie haben ein paar Tiere verloren. Einige sind unter die Räder gekommen, aber der Schaden hält sich in Grenzen.«

»Jeder Vogel bringt uns sechs Euro. Wir dürfen uns keine Verluste leisten, denn zuerst muss dieser Bankkredit bedient werden, ehe wir hier auf eigene Rechnung verkaufen können. Und was, wenn diese PETA-Leute uns noch einmal überfallen?«, fragte sie.

»Dann knalle ich sie ab«, knurrte Louis. »Wir werden rund um die Uhr Wache halten.«

»Sie haben das Recht, Ihr Eigentum zu schützen, allerdings nur mit zulässigen Mitteln«, erklärte Bruno. »Lassen Sie sich nicht dazu hinreißen, selbst zu entscheiden, welche Mittel zulässig sind. Wenn wieder etwas passiert, sollten Sie mich anrufen, und was immer Sie tun, wehren Sie sich auf keinen Fall mit Waffen. Sonst geraten Sie womöglich noch in größere Schwierigkeiten als diese PETA-Typen. Das Beste wäre, Sie machten Fotos von ihnen, über die wir sie identifizieren können. Vielleicht sollten Sie Scheinwerfer aufstellen oder Bewegungsmelder installieren…«

»Fotos bringen nichts«, widersprach Alain. »Die Gerichte stehen doch auf deren Seite, das wissen Sie, Bruno. Sind selber alle Ökos, unsere Richter. Und dann gibt’s da [19] noch diese Lebensmittelinspektoren und jede Menge Verordnungen und Richtlinien, mit denen wir uns rumzuschlagen haben.«

»Ich glaube, ich weiß, wer dahintersteckt«, unterbrach Sandrine. »Diese Archäologiestudenten nämlich, die vergangene Woche gekommen sind und für einen deutschen Professor irgendwo da drüben, Richtung Campagne, im Dreck buddeln. Sie wohnen auf dem Gemeinde-Campingplatz. Zurzeit sind sie die einzigen Fremden in unserer Gegend, und Sie wissen ja, wie diese Studenten drauf sind. Alles Ökos.«

Bruno nickte. »Ich werde der Sache nachgehen. Wir sehen uns später.« Beim Blick auf den Zaun sah er einen weiteren Handzettel an einem der Pfosten flattern. In einer jener Zellophantüten, die sonst zum Einfrieren von Lebensmitteln verwendet werden. Er holte ein Taschentuch hervor und löste die Tüte vorsichtig vom Pfosten. Möglich, dass die Kriminaltechnik damit etwas anfangen konnte. Entlang des Zauns waren noch weitere Exemplare zu finden. Er nickte Alain zu. »Hast du Lust mitzukommen? Vielleicht brauchen wir euren Trecker.«

Als er die Straße erreichte, wo sich die Autos allmählich wieder in Bewegung setzten, klingelte sein Handy erneut. Auf dem Display erschien der Name »Horst«. So ein Zufall, dachte er und nahm den Anruf entgegen. Horst Vogelstern war der deutsche Archäologieprofessor, der die Ausgrabungen leitete und mit den Studenten zusammenarbeitete. Seit mehr als zwanzig Jahren verbrachte Horst seinen Urlaub in seinem kleinen Haus am Stadtrand von Saint-Denis und erforschte das Tal der Vézère, das vom [20] hiesigen Fremdenverkehrsbüro als Wiege der Menschheit beworben wurde. Vor über hundert Jahren waren ganz in der Nähe Überreste einer Siedlung von Cro-Magnon-Menschen entdeckt worden, und weiter oben am Fluss gab es die berühmten Höhlenmalereien von Lascaux zu bestaunen. Bruno war stolz darauf, in diesem Tal zu wohnen, das sich rühmen konnte, seit der frühen Steinzeit ununterbrochen von Menschen bewohnt zu sein.

Bruno hatte schon einige Vorträge von Horst gehört, der perfekt Französisch sprach, wenngleich mit Akzent. Er besuchte ihn manchmal auf einer seiner Ausgrabungsstätten, wo sie dann einen Imbiss zu sich nahmen, und interessierte sich für die Artikel, die Horst in der bekannten Monatszeitschrift Dossiers d’Archaeologie veröffentlichte. Normalerweise ein stiller Mann, wurde Horst immer sehr leidenschaftlich, wenn sein Thema zur Sprache kam, nämlich das große Rätsel der Verdrängung des Neandertalers durch den Cro-Magnon-Menschen vor rund dreißigtausend Jahren. War es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen? Hatten sich die Arten gemischt? Oder waren Krankheiten und Seuchen für das Aussterben der Neandertaler verantwortlich gewesen? Für Horst waren dies entscheidende Fragen zur Entstehung der Menschheit, und wenn er davon sprach, spürte Bruno etwas von dem Feuer, das diesen Wissenschaftler antrieb.

»Horst«, sagte er. »Wie geht es Ihnen? Ich wollte grad zu Ihnen.«

»Gut. Wir brauchen Sie sofort. Und bringen Sie einen Arzt mit. Wir haben eine Leiche gefunden.«

»Gratuliere – danach suchen Sie doch, oder?«

[21] »Ja, nach Knochen aus ferner Vergangenheit. Aber hier geht’s um was anderes. Die Leiche, die wir ausgegraben haben, trägt eine Kette um den Hals und einen Anhänger, auf dem der heilige Christophorus abgebildet ist. Und eine Swatch, wenn ich mich nicht irre. Das fällt in Ihr Gebiet, Bruno, und nicht in meins.«

[22] 2

Als Horst ihn über das Ausgrabungsfeld führte, über das ein Raster aus weißen Schnüren gespannt war, staunte Bruno wieder einmal über die Sorgfalt und Mühe, die das Team an den Tag legte. Jede Handvoll ausgegrabener Erde wurde gesiebt, jedes mögliche Fundstück mit feinen Pinseln abgestaubt, und alle waren so konzentriert bei der Arbeit, dass kaum jemand auf ihn achtete, als er vorbeiging. Manche standen in den parallel verlaufenden Gräben, die so tief waren, dass sie darin verschwanden, und auch sie blickten nur auf, wenn er sich über den Rand beugte und ihnen das wenige Sonnenlicht nahm, das sie hatten.

Er hörte jemanden »Bruno« rufen, drehte sich um und sah ein hübsches schlankes Mädchen mit hellen Haaren herbeilaufen. Sie sprang über einen Haufen ausgehobener Erde und warf sich ihm in die Arme.

»Dominique«, begrüßte er sie freudig. Er kannte sie seit ihrer Kindheit. Ihr Vater, Stéphane, war ein Jagdgefährte. Er führte eine kleine Milchwirtschaft in den Hügeln und stellte den tomme d’Audrix her, Brunos Lieblingskäse. Seit Brunos Ankunft in Saint-Denis durfte er jeden Winter an der Schlachtung des Hausschweins teilnehmen, wobei ihm und Dominique die Aufgabe zufiel, dessen Innereien im kalten Wasser des nahen Flusses zu waschen. Jetzt studierte [23] Dominique an der Universität in Grenoble und war aktives Mitglied der Grünen Partei. »Ich wollte sowieso zu euch auf den Hof kommen. Dein Vater hat mich Sonntag zum Mittagessen eingeladen.«

»Bist du wegen des Toten hier?«, fragte sie und hakte sich bei ihm unter.

»Genau, ich schaue ihn mir jetzt einmal an. Wir sehen uns dann am Sonntag.«

»Nein, schon heute Abend im Museum. Du musst dir den Professor anhören. Er wird etwas Großes ankündigen; mehr darf ich nicht verraten. So, und jetzt muss ich wieder Dreck sieben.«

Sie lief davon, und Bruno ließ den Blick wieder über das Ausgrabungsgelände schweifen. Die Gräben liefen auf einen Felsüberhang zu, vor dem ein quadratisches Loch ausgehoben worden war, rund vier mal vier Meter groß und drei Meter tief. Am Rand lehnten Aluleitern. Auf dem Grund lag ein großer flacher Stein mit sonderbaren Vertiefungen an der Oberfläche. Davor hockten drei Archäologen. Sie beschäftigten sich mit Bruchstücken von glatter Beschaffenheit und bräunlicher Farbe und gingen mit Pinseln zu Werke, die so fein waren wie die eines Miniaturenmalers. Bruno glaubte, erkennen zu können, dass sie Knochenreste in den Händen hielten, und schaute sich fragend nach Horst um, weil er annahm, dass der ihn wegen dieser Skelettteile gerufen hatte. Die Männer im Loch schenkten ihm keine Beachtung. Die Intensität, mit der sie arbeiteten, verblüffte ihn noch mehr angesichts der gespenstischen Natur ihrer Entdeckung. Er hatte damit gerechnet, ein Team anzutreffen, das zu schockiert war, um weiterarbeiten [24] zu können. Aber für Archäologen schienen Knochen und der Tod etwas Alltägliches zu sein.

»Entschuldigung, dieses Grab ist überfüllt«, sagte Horst. »Die Fundstelle Ihres Toten liegt ein bisschen abseits.« Sein Bart war seit ihrer letzten Begegnung noch etwas weißer geworden, das Kopfhaar lichter. Er trug dieselbe englische Tweedjacke mit Lederflicken an den Ellbogen wie im Vorjahr und all die Jahre zuvor. »Die Knochen da unten sind über dreißigtausend Jahre alt. Was ich Ihnen zeigen will, ist jüngeren Datums.«

Er führte Bruno an einem Flaschenzug vorbei, der an einem Dreifuß hing und mit einer Winde bedient wurde, und steuerte auf einen längeren, schmalen Graben zu, der gut einen Meter tief war. Davor standen zwei Frauen, eine junge hübsche und eine ältere mit roten Haaren, die ein grün-weiß gestreiftes Herrenhemd trug, und sahen ihnen entgegen.

Die junge Frau, die ihr dunkles glänzendes Haar zu einem losen Knoten am Hinterkopf gewunden und mit zwei Stäbchen so festgesteckt hatte, dass sie wie eine alte Fernsehantenne aussahen, legte einem stämmigen jungen Mann mit langen Haaren tröstend eine Hand auf die Schulter. Er kniete mit gebeugtem Kopf am Graben. Neben ihm lag eine kleine Kelle. Die rothaarige Frau lächelte Bruno freundlich zu, der sich nun vor jene heikle Frage gestellt sah, die eine Begrüßung auf französische Art häufig aufwarf. Er war unschlüssig, ob er sie schon gut genug für eine bise kannte, ein Küsschen auf beide Wangen. Sie war Leiterin einer der wissenschaftlichen Abteilungen im Musée national de Préhistoire von Les Eyzies.

»Bonjour, Clothilde«, sagte er und schüttelte kurz [25] entschlossen der rothaarigen Französin die Hand. Sie jedoch zog ihn an der ausgestreckten Hand zu sich hin und küsste ihn entschieden auf die Wangen, als wollte sie ein für alle Mal klarstellen, dass sie sich durch nichts von einer herzlichen Begrüßung abhalten ließ, schon gar nicht von einer gerade entdeckten Leiche. Clothilde Daunier zählte zu den prominentesten Archäologen Frankreichs. Sie und Horst waren einmal ein Liebespaar gewesen und auch jetzt immer noch eng befreundet. Bei einer Flasche Wein, aus Deutschland für Bruno mitgebracht, hatte Horst ihm einmal anvertraut, dass Clothilde die Liebe seines Lebens sei, obwohl ihre Affäre zu diesem Zeitpunkt angeblich schon vorüber war. Bruno zweifelte jedoch daran, denn er war sich sicher, Horst in jenem grün-weiß gestreiften Hemd gesehen zu haben, das Clothilde nun trug.

»Bruno, darf ich vorstellen, diese junge Dame ist Kajte aus Holland. Ich hoffe, ihren Namen richtig ausgesprochen zu haben«, sagte Clothilde. Das Mädchen lächelte kühl und reichte Bruno die Hand. Sie machte einen sehr selbstbewussten Eindruck und taxierte ihn mit ihren grauen Augen schnell und gründlich. Sie trug wie alle anderen Studenten auf dem Gelände eine kurze Khakihose und ein Jeanshemd; ihre Sachen aber sahen teuer aus. Vielleicht lag es an der Art, wie sie sie trug, dachte Bruno. »Und dies ist der junge Mann, der die Leiche gefunden hat. Er kommt aus England, heißt Teddy und ist aus verständlichen Gründen ziemlich mitgenommen.«

»Wann haben Sie den Fund gemacht?«, fragte Bruno mit Blick in den Graben, wo er einen Schädel entdeckte, zwei Schulterblätter und das, was er für Armknochen hielt. [26] Hüften und Beine steckten noch halb verschüttet unter der Erde. Das ausgestreckte Skelett lag mit dem Gesicht nach unten. Verrottete Teile dessen, was eine Lederjacke gewesen sein mochte, mischten sich unter die losen Erdkrumen und Steinchen auf dem Rücken des Toten. Am Schädel klebten noch ein paar Strähnen, und da, wo der Hals gewesen war, schimmerte golden das von Horst erwähnte Medaillon mit dem heiligen Christophorus. Am deutlichsten zu erkennen waren die mit einem rötlichen Stromkabel im Rücken gefesselten Hände. Am linken Handgelenk hing eine Swatch.

»Um Himmels willen!«, sagte Bruno. »Wenn man sich die gefesselten Hände ansieht, könnte man meinen, er wäre lebendig begraben worden.«

»Den Gedanken hatte ich auch«, entgegnete Clothilde. »Ich fürchte, dieses Grab wird mich in meinen Träumen verfolgen. Da deutet doch alles auf einen Mord hin, oder?«

»Jedenfalls wird sich die Police Nationale darum kümmern müssen. Und die Gerichtsmedizin. Ich muss Meldung machen, und dann wird dieser Ort hier abgesichert. Man wird genau wissen wollen, wann und wo das Skelett gefunden wurde.«

»Teddy hat es gefunden, kurz nach Arbeitsbeginn. Wir fangen immer um halb acht an, und ich habe Sie schon vor acht Uhr angerufen«, sagte Horst. »Zuerst waren nur die Handknochen zu sehen. Als wir dann ein bisschen mehr Erde abgetragen haben, kam der Rest zum Vorschein.«

»Bonjour, Teddy«, grüßte Bruno den jungen Mann. »Sprechen Sie Französisch?«

»Ein… bisschen«, antwortete er stockend. Bruno [27] blickte in zwei hellblaue Augen. Ebenso auffallend war das markante, vorspringende Kinn. »Habe den professeur sofort informiert. War allein, als ich das hier gefunden habe.« Er hatte eine sehr tiefe Stimme und war schwer zu verstehen wegen seiner Aussprache, die so melodisch klang, dass Bruno ihn weder für einen Engländer noch für einen Deutschen halten konnte.

Bruno wandte sich an Horst. »War er allein? Ich dachte, Sie arbeiten im Team«, fragte er in Erinnerung an frühere Ausgrabungen.

»Eigentlich ja, aber Teddy hatte eine interessante Idee, die er verfolgen wollte«, antwortete Horst. »Er suchte nach Abfällen und der Latrine, und zwar abseits des Frischwasserzulaufs. Das macht Sinn – vorausgesetzt, der Bach hatte vor dreißigtausend Jahren dasselbe Bett wie heute, was ich sehr bezweifle.«

»Solche sogenannten Muschelhaufen sind archäologische Fundgruben. Sie verraten uns eine Menge über das, was die Menschen damals gegessen haben, welche Werkzeuge sie hatten und so weiter«, erklärte Clothilde. »Ich weiß, dass Teddy sorgfältig arbeitet, also haben wir ihn machen lassen. Er gräbt hier schon seit drei Tagen.«

»Ich muss einen Arzt rufen. Auch wenn alles so offensichtlich ist, brauchen wir einen Totenschein.« Bruno wandte sich ab und nahm das Handy aus der Gürteltasche, um Fabiola in der Klinik anzurufen. Sie war nicht nur eine gute Freundin, sondern verstand sich auch auf forensische Untersuchungen.

Während er dem Summton lauschte, schaute er auf den Felsen, der hoch über der Ausgrabungsstätte aufragte und [28] mit seinem Überhang ein schmales schützendes Dach bildete. Rund fünfzehn Meter entfernt stürzte ein Bach über den bewaldeten Abhang, dem sich ein zweiter Felsvorsprung ohne Überhang anschloss. Die Reifenspuren von Horsts Geländewagen folgten dem weiteren Bachverlauf über eine Strecke von gut hundert Metern bis zur Straße nach Les Eyzies. Trotz der hohen Klippen und des steil ansteigenden Waldes dazwischen schien die Sonne fast den ganzen Tag auf das Ausgrabungsgelände. Bruno fragte sich gedankenverloren, inwieweit sich die Landschaft in über dreißigtausend Jahren verändert haben mochte und ob das Gelände vom Bach mit seinen Schwemmstoffen aufgeschüttet worden war. Im Gegensatz zu Horst glaubte er nicht, dass sich der Bachlauf zwischen diesen markanten Felsen, die eine natürliche Schneise bildeten, allzu sehr verändert hatte.

Als sich Fabiola meldete, erläuterte Bruno den Grund seines Anrufes und beschrieb ihr den Weg zur Fundstelle. Dann wandte er sich wieder Horst und Clothilde zu.

»Sie graben nun schon seit Jahren. Haben Sie eine Ahnung, wie lange die Leiche schon hier liegt?«

Clothilde zuckte mit den Achseln. »Wir beschäftigen uns zwar mit alten Knochen, nicht aber mit Verwesungsprozessen. Ich zumindest nicht. Ich weiß nur, dass die Bodenbeschaffenheit ein entscheidender Faktor ist. Vermutlich wird die Leiche vor mindestens zehn Jahren verscharrt worden sein, aber ganz bestimmt nicht vor 1983.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Die Swatch.« Sie hob ein Smartphone in die Höhe und schmunzelte verschmitzt, was sie zehn Jahre jünger [29] aussehen ließ und Horsts Zuneigung zu ihr noch verständlicher machte. »Ich habe vorhin im Internet recherchiert. Solche Uhren sind erst seit 1983 auf dem Markt.«

»Wie sah die Fundstelle vor der Grabung aus?«, fragte Bruno. »Irgendwelche Auffälligkeiten?«

Horst schüttelte den Kopf. »Wie das übrige Gelände. Unberührt. Wie zu Peyronys Zeiten.«

Bruno runzelte die Stirn. »Wurde hier schon einmal gegraben?«

»Ja, vor fast hundert Jahren. Durch Denis Peyrony. Er war ein Schullehrer aus der Gegend und gilt heute als Vater der französischen Archäologie«, erklärte Clothilde. »Noch vor dem Ersten Weltkrieg hat er so bedeutende Fundorte wie Les Combarelles und Font-de-Gaume entdeckt und auch das Museum gegründet, in dem ich jetzt arbeite. Auf ihn geht der Katalog aller bekannten Ausgrabungsstellen zurück wie auch der Orte, an denen sich aller Wahrscheinlichkeit nach archäologische Zeugnisse finden lassen. So etwa diese hier. Er hatte allerdings nicht die Zeit für ausführlichere Grabungen, und als er hier nichts fand, zog er weiter. Wir, Horst und ich, dachten, ein zweiter Blick könnte nicht schaden.«

»Gab es dafür einen besonderen Grund?«, fragte Bruno.

»Professioneller Instinkt«, antwortete Horst. Die bedeutende Fundstätte La Ferrassie lag ganz in der Nähe von Brunos Zuhause und war berühmt als Neandertalerfriedhof. Man hatte dort menschliche Überreste gefunden, deren Alter auf siebzigtausend Jahre geschätzt wurde. Die Schädel und Skelettteile – insgesamt von acht Personen, unter ihnen zwei Föten – galten als etwas ganz Besonderes. [30] Doch konnte sich Bruno nicht mehr genau erinnern, nur daran, dass die Fundstelle mit ihrem überragenden Felsdach und Bachlauf ganz ähnlich gelegen war wie diese hier. Bruno warf einen neidischen Blick auf Clothildes Smartphone und dachte, wie praktisch es wäre, wenn er sich unterwegs im Netz über La Ferrassie erkundigen könnte, statt jedes Mal an seinen Computer im Büro zurückkehren zu müssen. Aber in Anbetracht des bescheidenen Budgets der Stadt kam eine solche Anschaffung wohl nicht in Frage.

»Wann haben Sie mit den Ausgrabungen hier begonnen?«, fragte er.

»Erst vor zehn Tagen, als die Studenten gekommen sind«, antwortete Horst. »Allerdings haben wir schon letzten Herbst erste Grabungen vorgenommen, die so vielversprechend waren, dass wir zurückgekommen sind. Das scheint sich in Fachkreisen herumgesprochen zu haben, denn wir sind mit Anfragen geradezu überhäuft worden.«

»Solche Vorhaben lassen sich kaum geheim halten«, sagte Clothilde. »Jeder noch so kleine Hinweis geht um die ganze Welt.«

»Klingt interessant«, entgegnete Bruno, dem keine intelligente Frage einfallen mochte, weil er nicht wusste, was diese Experten für wichtig erachteten. »Ich nehme an, Sie haben mit den alten Knochen dort drüben schon einen guten Fund gemacht. Auf solche Gräber stößt man wohl nicht alle Tage. Sie sprachen von dreißigtausend Jahren. Handelt es sich nun um Neandertaler oder um Cro-Magnon-Menschen?«

Horst und Clothilde tauschten vorsichtige Blicke.

»Für eine endgültige Antwort ist es noch zu früh«, [31] antwortete sie vorsichtig. »Horst wird heute Abend im Museum einen Vortrag halten und sich näher dazu äußern.«

»Ich hoffe, Sie kommen«, sagte Horst.

»Mir scheint, Sie haben in der Tat etwas Wichtiges entdeckt«, erwiderte Bruno. »Ich wäre allerdings ohnehin gekommen. Übrigens, wozu brauchen Sie diese Winde?«

Horst schaute hinüber zu einer Art Dreifuß, auf den Bruno mit der Hand zeigte. »Damit wollen wir den großen flachen Stein aus dem Graben ziehen«, antwortete Horst. »Er weist ähnliche Vertiefungen auf wie die in La Ferrassie gefundene Grabplatte, die allerdings an die vierzigtausend Jahre älter sein dürfte.«

Bruno schwirrte der Kopf von den vielen Daten, mit denen Horst scheinbar mühelos jonglierte. »Faszinierend«, sagte er höflich. »Im Moment interessiere ich mich allerdings mehr für die Knochen aus jüngerer Zeit.«

»Die, das können wir wohl mit Sicherheit annehmen, nichts mit unserem Fach zu tun haben«, ergänzte Horst lächelnd. »Außer natürlich, dass einer unserer Studenten sie gefunden hat.«

Teddy richtete sich auf. Er überragte alle anderen. Bruno schätzte ihn auf zwei Meter. Die junge Holländerin reichte ihm gerade mal bis zur Brust. Seine Schultern waren entsprechend breit. Die beeindruckende Gestalt machte Bruno neugierig, nicht zuletzt der Umstand, dass seine Nase gebrochen zu sein schien.

»Spielen Sie Rugby?«, fragte er.

Teddy lächelte zum ersten Mal. »Klar. Ich komme aus Wales, Pays de Galles, wie man hier sagt. Da spielen alle Rugby, ich schon seit der Schulzeit.«

[32] »Gareth Edwards, Ieuan Evans«, zählte Bruno auf und nannte damit zwei der größten walisischen Rugbyspieler der letzten Zeit, die hier, im französischen Stammland des Rugbysports, ebenso verehrt wurden wie in Wales. Dass Teddy dort geboren war, erklärte auch seinen ungewöhnlichen Akzent. »Ich habe Evans spielen sehen, auch Edwards, ihn allerdings nur im Fernsehen. Wenn Sie Lust haben, könnten Sie bei Gelegenheit an unserem Training teilnehmen.«

Teddy nickte eifrig. In diesem Moment war eine Autohupe von der Straße her zu hören. Bruno beeilte sich, Fabiola herbeizulotsen. Doch sie ließ den Wagen lieber auf der Straße stehen, statt ihm die holprige Strecke bis zur Ausgrabungsstelle zuzumuten, und reichte Bruno ihren Arztkoffer, ehe sie ihn auf beide Wangen küsste.

»Haben Sie heute etwa dienstfrei?«, fragte er, weil sie nicht wie sonst einen schicken Hosenanzug, sondern Jeans und einen Pullover trug.

Sie schüttelte den Kopf und erzählte, dass sie bis eben in der Klinikapotheke aufgeräumt und Arzneimittel entsorgt habe, deren Verfallsdatum abgelaufen war.

»Ich bin froh, eine Pause einlegen zu können«, sagte sie, »auch wenn es wegen einer Leiche ist. Manche Sachen im Schrank der Apotheke haben schon Schimmel angesetzt. Die lagern da offenbar schon seit meiner Schulzeit, als ich noch Ballerina werden wollte und nicht Ärztin.«

Bruno runzelte erstaunt die Stirn. Diese Geschichte kannte er noch nicht. Er stellte Fabiola den Archäologen vor und bemerkte, wie diese auf die lange Narbe in Fabiolas Gesicht starrten und dann schnell wegschauten. Bruno achtete schon längst nicht mehr auf dieses Andenken an [33] einen Kletterunfall im Gebirge, und Fabiola ignorierte die Narbe einfach. Ihre Haltung und ihre Art, sich zu kleiden, zeugten vielmehr vom Selbstbewusstsein einer sehr attraktiven Frau, die um ihre Qualitäten wusste.

Fabiola warf einen Blick auf das Skelett im Graben und machte gleich ein paar Fotos von allen Seiten mit einer kleinen Digitalkamera, die sie aus einer Jeanstasche gezogen hatte. Dann musterte sie skeptisch die schmalen Stufen, die auf beiden Seiten des Grabens in den bröckelnden Rand gegraben worden waren.

»Kann ich denen trauen? Ich möchte mir die Sache von nahem ansehen«, sagte sie.

»Durchaus«, antwortete Horst. »Wir müssen nur ein wenig Dreck beiseiteschieben. Halten Sie sich an mir fest.« Er gab ihr die Hand, als sie vorsichtig nach unten stieg. Bruno stellte ihren Koffer am Rand ab.

»Könnte mir einer von euch Archäologen helfen, den Schädel freizulegen?«, rief Fabiola nach oben. »Damit ich ihn mir genau ansehen kann.«

»Vielleicht finden Sie eine Brieftasche oder irgendetwas, womit sich der Tote identifizieren lässt«, sagte Bruno. Soweit er wusste, war seit seiner Ankunft in Saint-Denis vor rund zehn Jahren niemand spurlos verschwunden, und ungelöste Vermisstenfälle gab es auch keine.

Horst ließ sich von Teddy den Pinsel, die Kelle und einen Plastikbeutel reichen und stieg ebenfalls in den Graben. Während Fabiola weitere Fotos machte, trug er auf Höhe des Schädels noch mehr Erde ab und reichte Teddy den gefüllten Beutel im Austausch gegen einen leeren. Als Horst die Kelle wieder ansetzte, hielt Fabiola ihn zurück, um die [34] Schädelbasis in Augenschein zu nehmen, die sie dann behutsam mit dem Pinsel abwischte.

»Ich bin mir sicher, hier ist ein Einschussloch«, sagte sie und blickte zu Bruno auf. »Das Opfer wurde zwar nicht lebendig begraben, ein Mord war’s aber trotzdem.«

Bruno drückte auf seinem Handy die Kurzwahltaste für seinen Freund Jean-Jacques Jalipeau, den Chefermittler der Police Nationale in Périgueux. Das Handy ans Ohr gepresst, überlegte Bruno, wie er Horst und Clothilde beibringen sollte, dass sie ihre Arbeit vorübergehend ruhen lassen mussten. Die polizeilichen Ermittlungen hatten Vorrang vor wissenschaftlichen Interessen, und bald würde das ganze wertvolle Grabungsgelände als Tatort abgesichert und nur noch für die Spezialisten der Kriminaltechnik zugänglich sein. Allenfalls ließe sich Jean-Jacques darauf ein, die Ausgrabungen nur kurzfristig zu unterbinden, da ja die Mordtat schon einige Zeit zurücklag.

Statt Jean-Jacques selber meldete sich dessen Anrufbeantworter. Bruno sprach ihm aufs Band und drückte dann die Null-Taste, über die er die Polizeizentrale erreichte. Er meldete den Fund und Fabiolas erste Einschätzung und wurde gebeten, erstens den Tatort zu sichern und zweitens mit allen Anwesenden vor Ort zu bleiben, bis das Ermittlerteam zur Stelle wäre. Auf seine Frage, wann denn damit zu rechnen sei, bekam er die Auskunft: in zwei bis drei Stunden, frühestens. Bruno meldete sich daraufhin bei Sergeant Jules in der Gendarmerie und forderte ihn auf, jemanden in Uniform zu schicken, denn er, Bruno, habe noch andere Termine.

»Ich brauche eine Liste der Namen aller Studenten, die [35] hier arbeiten, einschließlich der Nummern ihrer Pässe oder Personalausweise«, sagte Bruno, der nicht recht wusste, wen er ansprechen sollte, Horst oder Clothilde. Zwar leitete Horst die Ausgrabungen, aber Clothilde hatte wahrscheinlich das Sagen, da sie sich hier auf französischem Boden befanden.

»Wenn Sie mit mir ins Museum kommen, kann ich Ihnen die Liste sofort geben«, erwiderte Horst.

Bruno schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber niemand darf von hier weg, ehe die Ermittler aus Périgueux eingetroffen sind. Das ist Vorschrift und gilt auch für mich, es sei denn, ich lasse mich von einem Gendarmen vertreten.«

»Geben Sie mir Ihre E-Mail-Adresse«, sagte Clothilde und tippte auf ihr Smartphone. Bruno nannte sie ihr, worauf sie mit verschmitztem Lächeln alle gewünschten Daten, die sie offenbar gespeichert hatte, an sein Büro schickte. »Kann ich jetzt gehen?«

»Leider nein. Aber da fällt mir ein, vielleicht könnten Sie mir verraten, ob einer Ihrer Studenten Tierschützer ist. Es gab vergangene Nacht einen unschönen Zwischenfall. Irgendjemand hat den Zaun eines Geheges niedergerissen, Hunderte von Enten und Gänsen freigelassen und überall Flugblätter verstreut. Da Ihre Studenten alle aus dem Ausland kommen, muss ich wissen, wo sie sich zur Tatzeit aufgehalten haben.«

»Wenn sich seit meiner Studienzeit nicht allzu viel verändert hat, werden sich unsere Leute bestimmt gegenseitig Alibis für die Nacht geben können«, erwiderte Clothilde und nickte schmunzelnd in Richtung von Teddy und Kajte.

[36] 3

Sergeant Jules hatte Wort gehalten und war innerhalb kürzester Zeit am Ausgrabungsort erschienen, um dort die Aufsicht zu übernehmen, damit Bruno noch rechtzeitig zu seinem Termin im Château de Campagne kam. Den Brigadier durfte man nicht warten lassen. Obwohl er dem Polizeichef von Saint-Denis gegenüber formell keine Weisungsbefugnis hatte, wussten Bruno und sein Bürgermeister, dass es sich dennoch empfahl, den Anordnungen des Geheimdienstchefs Folge zu leisten, der sich nie in die Karten blicken ließ. Er hatte Bruno zu dem verfallenen, aber immer noch schmucken Schlösschen zitiert, dessen niedere Türme und Zinnen schon seit langem auf Staatskosten restauriert werden sollten. Bruno war deshalb überrascht von dem regen Betrieb, als er durch die frischgestrichenen schwarzen Eisentore auf den Schlossplatz fuhr, wo sich die Fahrzeuge von Handwerkern, einer Umzugsspedition und einem Catering-Service drängten und er nur mit Mühe einen Parkplatz finden konnte. Von einem Lastwagen wurde frischgestochener Torf abgeladen, denn vor der breiten Terrasse legten Gärtner eine neue Rasenfläche an. In der Luft hing ein Geruch von Lackfarbe, und aus den geöffneten Fenstern tönten Maschinenlärm, Stimmen und der scheppernde Klang von Kofferradios. Aber von [37] der schwarzen Limousine, nach der Bruno Ausschau hielt, war nichts zu sehen. Der Brigadier war offenbar noch nicht eingetroffen. Bruno schaute sich um und stellte fest, dass die Bauarbeiten fast abgeschlossen waren, als sein Handy klingelte. Auf dem Display erschien Jean-Jacques’ Name.

»Ich habe Ihre Nachricht erhalten«, sagte er. »Bin auf dem Weg und in einer halben Stunde bei Ihnen.«

»Ich bin aber nicht mehr auf dem Ausgrabungsgelände. Ich bin mit dem Brigadier im Château de Campagne verabredet«, sagte Bruno. »Aber so viel vorweg: Es ist hier bei uns keine Person als vermisst gemeldet, die wir mit der Leiche in Verbindung bringen könnten, und die Spurenlage ist äußerst dürftig.«

»Verstehe, da müssen wohl Fachleute ran. Was will der Brigadier von Ihnen?«

»Das hat er mir noch nicht gesagt. Nur dass wir zur Feier seiner Ankunft ein Gläschen Monbazillac und einen Happen foie gras verkosten werden.«

»Bekommt er das nicht auch in Paris?«

»Isabelle hat ihm geraten, von meiner pâté zu probieren. Also habe ich ein gutes Stück in meiner Kühltasche, dazu eine Flasche Tirecul La Gravière und ein frisches Baguette von Fauquet.«

»Eine Flasche Tirecul? Welcher Jahrgang?«

»Null-fünf.«

»Nicht schlecht. Rufen Sie mich an, wenn Sie fertig sind. Wir könnten gemeinsam zu Mittag essen. Ich erzähle Ihnen dann, auf welchen Alptraum Sie sich gefasst machen müssen. Ihr Name ist Annette Meraillon; sie hat letztes Jahr ihren Abschluss an der Verwaltungshochschule in Bordeaux [38] gemacht – als Jahrgangsbeste. Dürfte so ziemlich genau Ihre Kragenweite sein: Sie ist Vegetarierin, Feministin und hat sich während ihrer letzten Sommerferien in Paris für die Rechte muslimischer Frauen stark gemacht. Seit neuestem sitzt sie in der Unterpräfektur in Sarlat. Das heißt, sie wird als neue Amtsrichterin für Ihre Kommune zuständig sein.«

»Eine vegetarische Amtsrichterin für Saint-Denis?«, wunderte sich Bruno. »Das kann ja heiter werden. Was hält sie von der Jagd?«

»Gar nichts. Sie will den privaten Waffenbesitz verbieten. Ausgenommen sind, wie ich vermute, muslimische Frauen. Erinnern Sie sich noch an Jofflin, meinen jungen Inspektor in Bergerac? Er hat sie an der juristischen Fakultät kennengelernt und weiß, dass sie nicht einmal trinkt. Nie. Kein einziges Glas. Und auch für Gänseleberpastete hat sie nichts übrig, nicht einmal für Ihre. Sie werden viel Spaß mit ihr haben, Bruno.«

Als Polizist im Dienst des Bürgermeisteramtes war Bruno selbst nur selten mit der Strafverfolgung von Delikten befasst. Er würde also sehr viel weniger mit der neuen Amtsrichterin zu tun haben als die Gendarmerie und die Police Nationale. Allerdings stand zu erwarten, dass sie ihn in örtliche Ermittlungen einbeziehen, ihm die Zeit stehlen und sich in seine Angelegenheiten einmischen würde. Bisher hatte Bruno Glück gehabt, denn der ehemalige Ermittlungsrichter für Saint-Denis und die benachbarten Gemeinden war während der vergangenen zehn Jahre ein gleichgesinnter Kumpel gewesen, ein leidenschaftlicher Jäger und ehemaliger Vorsitzender der Rugby-Föderation der Dordogne. Außerdem machte er sich als Prud’homme[39] der Jurade de Saint-Émilion verdient, die seit dem zwölften Jahrhundert über den Zeitpunkt der Weinernte entschied. Mit Argusaugen wachte er über das Brandeisen, mit dem jedes echte Fass der hoch gerühmten Weine von Saint-Émilion gekennzeichnet wurde. Es war ein Ehrenamt, verbunden mit spektakulären Tafelrunden und Weinverkostungen, die er stets nach alter Tradition und mit großem Ernst zelebrierte. Bruno konnte sich keinen besseren Amtsrichter für diese Region vorstellen, die sich als Herzland der französischen Küche verstand. Seine Nachfolgerin aber schien überhaupt nicht hierherzupassen.

»Da kommt ein Hubschrauber, wahrscheinlich mit dem Brigadier. Hoffentlich sind wir hier zeitig fertig, dann rufe ich zurück und wir treffen uns zum Mittagessen.«

Bruno klappte sein Handy zu und verließ den Hof in Richtung Schlosspark, wo die Gemeinde von Campagne jeden Sommer einen Antiquitätenmarkt veranstaltete. Zum ersten Mal sah er den vor kurzem aufgestellten Windsack und den großen Kreidekreis, der den Helikopterlandeplatz markierte. Er musste sein képi festhalten, als der Hubschrauber auf dem Rasen niederging und mächtig viel Wind machte. Zwei Männer in dunklen Anzügen sprangen als Erste aus der Maschine, der eine trug eine FAMAS-Maschinenpistole und inspizierte mit einem schnellen Blick das hügelige Gelände ringsum, während der andere mit der rechten Hand unter sein Jackett griff. Er nickte in Richtung Hubschrauber, worauf zwei weitere Gestalten in der Luke auftauchten. Bruno erkannte den Brigadier, der seinen Begleiter höflich aufforderte, vor ihm auszusteigen. Typisch, dachte Bruno, der alte Fuchs hielt sich immer den Rücken frei.

[40] Offiziell war der Brigadier nach wie vor Chef der Gendarmerie nationale, arbeitete aber schon seit langem für den Geheimdienst der Renseignements Généraux und gehörte somit zum Stab des Innenministeriums. Wie Bruno von früheren Fällen wusste, bestand seine Aufgabe unter anderem darin, militante Naturschützer, die extreme Rechte, asiatische Syndikate und Schlepperbanden im Auge zu behalten. Er hatte weitreichende Vollmachten, jede Menge Freiheiten, was seinen Dienst anging, und jederzeit Zugriff auf einen Hubschrauber. Da Bruno Angestellter der Gemeinde von Saint-Denis war, hatte der Brigadier keine Weisungsbefugnis über ihn. Wenn er also dessen Unterstützung brauchte, legte er dem Bürgermeister ein formelles Ersuchen vor, entweder von der Präfektur des Départements oder vom Innenministerium. Falls er damit nicht durchkäme, würde er sich zweifellos Brunos Reservistenstatus zunutze machen und ihn kurzerhand einziehen lassen.

Bruno zollte dem Brigadier Respekt, stand ihm aber gleichzeitig durchaus kritisch gegenüber, seit dieser eine Operation geleitet hatte, bei der Isabelle Perrault, mit der Bruno eine für sein Empfinden zu kurze Liebesaffäre gehabt hatte, ernstlich verwundet worden war. Nicht zuletzt deshalb ging er jedes Mal auf Abstand, wenn ihm der Brigadier einen Job in Paris anbot. Bruno bemerkte, dass jener einen kleinen roten Anstecker der Légion d’Honneur am Revers trug. Das war neu. Bruno ahnte, womit sich der Brigadier diesen Orden verdient hatte: mit ebenjener Operation, bei der ein Schiff voll illegaler Einwanderer abgefangen und Isabelles Oberschenkel von einer Kugel aus einer AK-47 zertrümmert worden war.

[41] Der Mann, der den Brigadier begleitete, war Mitte vierzig und so groß, dass er sich ducken musste, als er unter den austrudelnden Rotorblättern auf Bruno zuging. Er machte einen sportlichen Eindruck, hatte dichte, glänzend schwarze Haare, die recht lang waren, und blassblaue Augen. Der dunkle Bartschatten ließ vermuten, dass er sich täglich zweimal rasieren musste. Mit den dünnen Lippen und dem vorspringenden Kinn wirkte er fast arrogant, fast grausam, was jedoch dadurch gemildert wurde, dass er sich mit wachen Augen umschaute und freundlich lächelte, als er Bruno erblickte.

»Bonjour, Bruno«, grüßte der Brigadier. »Darf ich vorstellen: Carlos Gambara, stellvertretender Leiter der Antiterrorabteilung im spanischen Innenministerium. Er ist mein spanisches Pendant in dieser Operation und wird auch am Gipfel teilnehmen, vorher aber ein paar Tage hier verbringen. Carlos, das ist der Mann, von dem ich Ihnen erzählt habe, Chef de Police Courrèges, Träger des Croix de Guerre. Ich glaube, Sie können ihn trotzdem Bruno nennen.«

»Gipfel?«, fragte Bruno und deutete mit seiner rechten Hand einen soldatischen Gruß an, obwohl er sich wegen der Plastiktüte in der linken Hand dabei komisch vorkam; außerdem war ihm bewusst, dass der Leibwächter mit der Maschinenpistole hinter ihm stand. Wahrscheinlich würde er wissen wollen, was in dieser Tüte war. »In Saint-Denis?«

»Ein kleiner Gipfel«, antwortete der Brigadier, der nun leiser sprechen konnte, da die Rotoren zum Stillstand gekommen waren. »Die Innenminister von Spanien und Frankreich wollen sich über koordinierte Maßnahmen im [42] Kampf gegen den baskischen Terrorismus beraten und ein Abkommen unterzeichnen, das den Austausch geheimdienstlicher Informationen, Grenzkontrollen, den Besitz von Feuerwaffen und Zugriffskompetenzen regelt. Jetzt, wo einer unserer Polizisten hier in Frankreich getötet wurde, will man Nägel mit Köpfen machen.«

»Messieurs, dürfte ich Sie bitten hineinzugehen?«, unterbrach der Leibwächter, dessen Hand immer noch im Jackett steckte. Er schaute sich unablässig um. »Wir sind ein bisschen exponiert. Nicht, dass hier so bald wieder schlechte Gewohnheiten einreißen.«

Der Brigadier nickte und schenkte ihm ein dünnes Lächeln. Bruno wertete es als ein gutes Zeichen für das Team des Brigadiers, dass der Leibwächter dem Chef die Meinung sagen konnte.

»Willkommen in Saint-Denis«, sagte Bruno und reichte dem Brigadier die Tüte. »Ich weiß von Isabelle, dass Sie auf eine kleine Kostprobe meiner Gänseleberpastete hoffen, dazu ein Schlückchen Monbazillac.«

»Sehr freundlich, Bruno. Mein Frühstück liegt schon eine Weile zurück.« Er gab die Tüte an einen der Leibwächter weiter. »Wie wär’s, wenn wir unserem spanischen Freund nach der ersten Besichtigung einen zünftigen französischen casse-croûte vorsetzen?«

»Der Brigadier hat mir viel von Ihren gemeinsamen Abenteuern erzählt«, sagte der Spanier und streckte eine sehr große Hand aus. Bruno schüttelte sie und nahm die Auskunft nicht so ernst; in einem Militärhubschrauber konnte man sich kaum verständlich machen. »Herzlichen Dank für Ihre Hilfe, auch im Namen meiner Regierung.«

[43] »Willkommen in der Gemeinde von Saint-Denis beziehungsweise Campagne«, sagte Bruno und führte die Gäste auf das Schloss zu. »Wann soll das Treffen der Minister denn stattfinden?« Unwillkürlich hatte er jetzt selber auch zu den Hügeln hinübergeblickt und nach möglichen Verstecken für Heckenschützen Ausschau gehalten. In der nächsten Woche würden die Bäume noch kahl sein und nicht nur einen freien Blick auf den Park bieten, sondern mit ihren Stämmen auch Deckung für Attentäter. Der Weg vom Hubschrauber zum Château müsste mit Stoffblenden abgeschirmt werden. Aber welche Blende würde dem Abwind eines Hubschraubers standhalten können?

»Nächste Woche, vorausgesetzt, die Renovierungsarbeiten sind dann abgeschlossen«, antwortete der Brigadier. »Deshalb sind wir hier, um uns ein Bild zu machen. Außerdem wollte ich Sie Carlos vorstellen. Er wird ein paar Tage hierbleiben, die Lage sondieren und die Sicherheit der Kommunikationsverbindungen prüfen. Sie, Bruno, möchte ich bitten, einen Plan zur Bewachung des Anwesens und aller angrenzenden Straßen und Wege zu erstellen. Für Straßensperren und dergleichen kann ich eine Kompanie von der Gendarmerie und eine zweite von den CRS einsetzen, dazu Spezialkräfte der treizième paras, Ihrer alten Fallschirmspringereinheit. Sie wissen, wie’s läuft, und kennen sich hier bestens aus. Deshalb setze ich auf Sie.«

Bruno spürte, wie der Spanier ihn schmunzelnd beobachtete, und sagte: »Wir haben offenbar den gleichen Gedanken, Senõr. Dort drüben können sich Heckenschützen verstecken. Wir haben hier solide Blenden, die nicht so leicht umfallen. Die ETA bevorzugt jedoch Bomben. Falls [44] es immer noch Bedenken gibt, lassen wir die Minister in einer gepanzerten Limousine vom Hubschrauber in den Schlosshof fahren.« Er sprach fließend Französisch, wenngleich mit Akzent.

»Wer hat das Château als Treffpunkt vorgeschlagen?«, fragte Bruno. Er hatte das seltene Gefühl, die Antwort bereits zu kennen.

»Isabelle«, verriet der Brigadier mit einem Augenzwinkern. »Sie lässt natürlich herzlich grüßen. Es scheint, ihr gefällt diese Gegend, und als sie hörte, dass das Château fast fertig renoviert ist, meinte sie, der Gipfel biete eine gute Gelegenheit zur feierlichen Wiedereröffnung. Es kann auch sein, dass unser Minister dem Staatssekretär für Tourismus einen Gefallen schuldet.«

»Hätte der Gipfel nicht besser in unserer baskischen Region bei Biarritz stattgefunden?«, fragte Bruno. »Schließlich geht es um staatliche Zusammenarbeit…«

»Davon haben wir aus Sicherheitsgründen abgesehen«, antwortete Carlos. »Die Gegend hier liegt relativ nahe an der Grenze zum Baskenland, ist aber dennoch gewissermaßen baskenfrei.«

»Baskenfrei? Das würde ich nicht behaupten«, entgegnete Bruno. »Es gibt hier gar nicht so wenige – allerdings in zweiter oder dritter Generation…«

»Ich weiß«, sagte Carlos. »Diejenigen, die 1939 dem Bürgerkrieg in Spanien entflohen sind und Zuflucht in Frankreich gesucht haben.«

»Manche waren dann an vorderster Front in der Résistance aktiv«, erinnerte sich Bruno. »Erfahrene Kämpfer, die die Faschisten und Nazis zutiefst hassten. Die meisten [45] sind nach Kriegsende ins baskische Gebiet nahe der Grenze zurückgekehrt, aber der eine oder andere hat ein Mädchen von hier geheiratet und ist geblieben.«

»Ja, es waren in erster Linie Kommunisten und Anarchisten«, sagte der Brigadier. »Wir behalten sie im Auge, ohne uns wirklich Sorgen zu machen. Die meisten sind ohnehin tot.« Er entnahm seiner Aktentasche einen Umschlag und reichte ihn Bruno. »Ein Brief vom Minister an Ihren Bürgermeister. Bis zum Abschluss der Konferenz gehören Sie zum Sicherheitsausschuss, dem Carlos und ich vorstehen. Seine Befehle sind für Sie so verbindlich wie meine.«

»Und was ist mit meinen anderen Pflichten?« Bruno berichtete vom Leichenfund am archäologischen Grabungsort.

»Eine Exekution? In Saint-Denis? Wann genau?«

»Aufgrund des Zustands der Leiche vor mindestens zwanzig Jahren«, antwortete Bruno und sah, dass sich der Brigadier sofort wieder entspannte. »Wir müssen die Leiche aber noch identifizieren. Jean-Jacques wird wahrscheinlich inzwischen am Fundort sein.«

»Verstehe, aber unsere Arbeit hat Priorität«, sagte der Brigadier energisch.

»Zu Ihren üblichen Pflichten gehört es doch bestimmt auch, ein Auge auf Fremde zu haben. Und ich wäre Ihnen dankbar für Ihre Hilfe«, sagte Carlos. »Ich bin froh, ein paar Tage hier in der Gegend verbringen zu dürfen«, fuhr er fort. »Ich kenne unsere eigenen prähistorischen Höhlenmalereien von Altamira und hoffe, einige Ihrer Felszeichnungen sehen zu können.«

Bruno musste über die durchsichtige [46] Guter-Bulle-böser-Bulle-Rollenaufteilung zwischen den beiden innerlich lachen. Nur dass der Spanier eigentlich den bösen Part hätte übernehmen müssen, denn zwischen Bruno und dem Brigadier hatte sich längst eine kollegiale Beziehung entwickelt, die von Brunos Seite aus von vorbehaltlichem Respekt und jenem bedingten Vertrauen geprägt war, das Soldaten Vorgesetzten gegenüber an den Tag legen, die wissen, was sie tun. Weniger klar war ihm, was der Brigadier von ihm