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Wir schreiben das Jahr 2454. Die Menschheit befindet sich in einem hart erkämpften goldenen Zeitalter, in dem Religionen und auch Nationalstaaten keinen Platz mehr haben. Sieben Fraktionen - die sogenannten "Hives" - regieren nun gemeinsam die Welt, deren Herrschaft durch eine wohlwollende Zensur, statistische Analysen und technologischen Reichtum gestützt wird. Aber das Fundament dieser neuen Welt ist brüchig ...Verurteilt für seine Verbrechen und gefeiert für seine Talente gilt Mycroft Canner als das bevorzugte Instrument einiger der mächtigsten Menschen der Welt. Als er damit beauftragt wird, einen bizarren Diebstahl zu untersuchen, findet er sich auf der Spur einer Verschwörung wieder, die die Weltordnung der Hives in ihren Grundfesten erschüttern könnte.Doch Mycroft selbst birgt ein Geheimnis, das genug Zündstoff enthält, um die Mächtigen ins Chaos zu stürzen. Denn wie wird eine Welt, die Gott aus ihrem Leben verbannt hat, mit einem 13-jährigen Jungen umgehen, der Wunder vollbringen kann? Band 1 der vierteiligen Reihe Terra Ignota.
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Seitenzahl: 872
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ins Deutsche übertragen von Claudia Kern
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2022 by Ada Palmer. All rights reserved.
Titel der Englischen Originalausgabe: »Too Like the Lightning« by Ada Palmer, published 2012 in the United States by Tom Doherty Associates LLC, New York, USA
Deutsche Ausgabe 2022 Panini Verlags GmbH, Schlossstr. 76, 70176 Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Geschäftsführer: Hermann Paul
Head of Editorial: Jo Löffler
Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])
Presse & PR: Steffen Volkmer
Übersetzung: Claudia Kern
Lektorat: Peter Thannisch
Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart
Cover-Illustration: Victor Mosquera
Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln
YDADAP001E
ISBN 978-3-7367-9853-3
Gedruckte Ausgabe:
1. Auflage, Januar2022,ISBN 978-3-8332-4097-3
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PaniniComicsDE
Dieses Buch ist dem ersten Menschen gewidmet, der auf die Idee kam, einen Baumstamm auszuhöhlen, um ein Boot daraus zu machen, und seinem oder ihrem Erfolg.
DEM BLITZ ZU NAH
EINE SCHILDERUNG DER EREIGNISSE, DIE SICH IM JAHR 2454 ZUTRUGEN.
Verfasst von Mycroft Canner, auf Wunsch bestimmter Parteien.
Zur Veröffentlichung freigegeben von:
Stabilitätskomitee des Romanova-Sieben-Hive-Rats
Fünf-Hive-Komitee für gefährliche Literatur
Ordo Quiritum Imperatorisque Masonicorum
Cousins-Kommission für den humanen Umgang mit Diensterninnen
Mitsubishi-Exekutivdirektorat
Seinin Majestät Isabel Carlos II. von Spanien
Und mit dem Einverständnis aller freien und unfreien lebenden Personen, die hier dargestellt werden.
Qui veritatem desideret, ipse hoc legat. Nihil obstat.
Empfohlen. – Anonym.
Das Vier-Hive-Komitee für Religion in der Literatur stuft das Werk als garantiert nicht bekehrend ein.
Raté par la Commission Européenne des Medias Dangereux.
Inhaltsfreigabe der gordischen Kommission:
S3 – Explizite, aber nicht in die Länge gezogene Sexszenen; erwähnt werden Vergewaltigung, Sex mit Gewalt; Geschlechtsverkehr realer und lebender Personen.
V5 – Explizite und in die Länge gezogene absichtliche Gewalt; explizite, aber nicht in die Länge gezogene Darstellungen extremer Gewalt; Gewaltverherrlichung; weltweit traumatisierende historische Zwischenfälle; von realen und lebenden Personen begangene Gewalttaten.
R4 – Explizite und in die Länge gezogene Bearbeitung religiöser Themen ohne Bekehrungsabsichten; Religiosität realer und lebender Personen.
O3 – Ansichten, die auf einzelne Gruppen beleidigend und auf viele verletzend wirken könnten; Inhalt könnte auf selbige bestürzend oder empörend wirken.
Ah, mein armer Jacques! Du bist Philosoph! Keine Sorge: Ich werde dich beschützen.
DIDEROT, Jacques der Fatalist und sein Herr
DEM BLITZ ZU NAH
1
Ein Gebet an den Leser
Sie werden mich für meinen Stil kritisieren, Leser, denn er ist sechshundert Jahre von den Ereignissen entfernt, die ich schildere. Doch Sie sind zu mir gekommen, weil Sie möchten, dass ich Ihnen diese Zeit der Verwandlung erkläre, eine Zeit, die Ihre Welt zu der gemacht hat, die sie heute ist. Die Wiedergeburt der Philosophie des 18. Jahrhunderts, geprägt von Optimismus und Ehrgeiz, brachte die jüngste Revolution hervor, und so kann man dieser Zeit nur gerecht werden mit der Sprache der Aufklärung, die von Ansichten und Stimmungen durchsetzt war. Verzeihen Sie mir daher bitte mein »Ihr« und »Euch«, mein »er« und »sie«, das Fehlen von modernen Worten und moderner Objektivität. Das wird Ihnen anfangs schwerfallen, aber ob Sie nun in meiner Gegenwart leben und die neue Ordnung noch staunend betrachten oder mit geschichtlichem Interesse auf mein 25. Jahrhundert zurückblicken so wie ich auf das achtzehnte: Sie werden feststellen, dass Sie die Sprache der Vergangenheit besser beherrschen, als Sie glaubten. Das tun wir alle.
Einst habe ich mich gefragt, warum sich Schriftsteller in früheren Zeiten so oft vor ihrem Publikum auf die Knie warfen, sich entschuldigten, um Gefallen baten oder die Leser anflehten wie einen Kaiser, während sie ihre Versäumnisse und Fehler eingestanden; doch nun, obwohl ich mein Werk gerade erst begonnen habe, muss ich mich bereits einer solchen Trauerrede bedienen. Wenn ich dem Stil, für den ich mich entschieden habe, treu bleiben will, muss ich zu Beginn des Buchs mich, meinen Hintergrund und meine Qualifikationen beschreiben und Ihnen erklären, welcher Zufall oder Akt des Schicksals mir die Antworten, die Sie suchen, in den Schoß gelegt hat. Doch ich bitte Sie, lieber Leser, Herrscher, Tyrann, mir das Privileg des Schweigens zu gewähren. Diejenigen, die den Namen Mycroft Canner kennen, können dieses Buch nun beiseitelegen. Die anderen bitte ich, mir einige Dutzend Seiten lang zu vertrauen, denn diese Geschichte wird Sie früher oder später von allein dazu bringen, mich zu hassen.
2
Ein Junge und sein Gott
Wir beginnen mit dem Morgen des 23. März im Jahr 2454. Als Carlyle Foster an diesem Morgen aufstand, war er von Kraft erfüllt, denn der 23. März war der Turibiustag, an dem Menschen in früheren Zeiten und auch heute noch ihren Schöpfer preisen. Er war noch keine dreißig, von ausreichend europäischer Abstammung, um fast blond zu sein, während ihm das Haar bis auf die Schultern fiel, und hagerer Statur, als wäre er so sehr mit dem Leben beschäftigt, dass er das Essen vergaß. Er trug praktische Schuhe und wie so häufig einen locker fallenden, bequemen Cousins-Überwurf, an diesem Morgen einen graugrünen. Doch nur auf ein Kleidungsstück achtete er sorgsam: seinen vom Alter grau gewordenen langen Sinnsagerwollschal, der angeblich einst dem großen Sinnsagerkonklaven-Reformer Fisher G. Gurai gehört hatte – eine der vielen Lügen, in die Carlyle sich täglich hüllte.
Den Anweisungen seines Gemeindemitglieds folgend, landete Carlyle den Wagen nicht etwa auf dem hohen zugbrückenartigen Fußweg, der zum Haupteingang des gläsern schimmernden Bash’Hauses führte, sondern an der schmalen Wartungstreppe daneben. Sie führte hinunter in eine künstlich angelegte Schlucht, die diese Reihe Bash’Häuser von der nächsten trennte wie ein leerer, tiefer Burggraben. Wildblumen und Gräser, die sich unter ihrer Saat beugten, bedeckten den Boden der Schlucht, in der unzählige Vögel nach Nahrung suchten. Hier, im Schatten der Brücke, befand sich Thisbes sogar für eine Klingel zu unwichtige Tür.
Er klopfte.
»Wer ist da?«, rief sie aus dem Inneren.
»Carlyle Foster.«
»Wer?«
»Carlyle Foster. Ich bin Ihrin neuin Sinnsagernin. Wir haben einen Termin.«
»Oh, richtig. Ich …« Thisbes Worte hinkten halb erstickt durch die Tür. »Ich habe telefonisch abgesagt. Wir hatten so ein Sicherheitsding … Problem … Verstoß.«
»Ich habe keine Nachricht bekommen.«
»Jetzt geht es wirklich nicht!«
Carlyle lächelte so zärtlich wie eine Mutter, deren Kind sich am ersten Kindergartentag hinter ihren Knien versteckt. »Ich kannte Ihrin letztin Sinnsagernin sehr gut. Ninsen Verlust hat uns alle getroffen.«
»Ja. Sehr tragisch. Nin … Schhhh! Halt doch still!«
»Ist alles in Ordnung da drin?«
»Ja! Ja!«
Vielleicht erahnte der Sinnsager andere, leise, aber grimmige Stimmen jenseits der Tür, vielleicht hörte er nichts, fühlte jedoch die Lüge in ihrer Stimme.
»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte er.
»Nein! Nein. Kommen Sie später wieder. Ich …«
Nun wurden weitere Stimmen laut, Männerstimmen, so leise wie ein Flüstern, aber so eindringlich wie ein Schrei.
»Zeiger! Bleiben Sie bei mir! Bleiben Sie hier! Atmen!«
»Zu spät, Major.«
»Er ist tot.«
Die Tür konnte die Trauer nicht dämpfen; das Schluchzen des kleinen Kindes bohrte sich ins Herz wie ein Speer. Carlyle handelte; er war nun kein Sinnsager mehr, sondern ein menschliches Wesen, das einem anderen, in Not geratenen helfen wollte. Er hämmerte mit Händen, die nicht daran gewöhnt waren, zu Fäusten geballt zu werden, gegen die Tür, und rüttelte an der Klinke, die, wie er wusste, sich seiner ungeübten Kraft nicht unterwerfen würde. Diejenigen, die nicht an Schicksal glauben, werden vielleicht dem Hund im Inneren die Schuld geben, da er in seiner Panik der Tür so nahe kam, dass er sie aktivierte.
Ich weiß, was Carlyle sah, als sich die Tür öffnete. Zuerst Thisbe, barfuß und die Kleidung vom Vortag tragend. Wie eine Wahnsinnige kritzelte sie auf einem Stück Papier herum, das auf einem hastig abgeräumtem Tisch lag, während die Überreste ihrer Arbeit und des Frühstücks den Boden bedeckten. Elf Männer standen auf diesem Tisch, angeschlagene Männer, stark, mit harten Knochen und harten Gesichtern, als wären sie in einer raueren Zeit aufgewachsen. Jeder von ihnen war fünf Zentimeter groß und trug eine winzige, entweder grüne oder sandbraune Armeeuniform, die nicht die Eleganz des alten Europas wiedergab, dafür aber geeignet war für die von Schmutz und Dreck geprägten Weltkriege. Drei von ihnen bluteten leuchtend rote Farbe, die sich über die Tischplatte ergoss wie aus der Wunde einer zahmen Maus, für die jeder verlorene Tropfen einem halben Liter Menschenblut entsprach. Einer jedoch blutete nicht nur.
Haben Sie je den Tod erlebt, lieber Leser? Ein langsamer Tod wie etwa bei Blutverlust ist nicht nur ein Moment, sondern eher eine Periode der Unklarheit: ein Luftholen vergeht, und man wartet unsicher auf das nächste. Oder war dies der letzte Atemstoß? Folgt noch einer? Ein letztes Zucken? Es dauert so lange, bis die Wangen schlaff werden und der Gestank des sich entspannenden Darms die Kleidung durchdringt, sodass man den Besuch des Todes erst dann bemerkt, wenn er schon vorüber ist. Das war hier nicht so.
Vor Carlyles Augen stieß der Soldat ein letztes Mal den Atem aus, und damit verschwand auch die Weichheit und die Farbe, das Rot des Bluts, die Pfirsichfarbe der Haut. Alles wurde grün, als sich die winzige Leiche in einen Spielzeugsoldaten aus Plastik inklusive Standfläche zurückverwandelte.
Unser Protagonist hockte schluchzend und schreiend unter dem Tisch.
Bridger ist nicht der Name, der Sie zu mir geführt hat. Um 1700 hätte jemand selbst mit Engelszungen die gebildeten Massen nicht davon überzeugen können, dass ein junger Schriftsteller namens Voltaire eines Tages die europäischen Königshäuser überstrahlen würde, und auch mir wird es nicht gelingen, Sie, lieber Leser, davon zu überzeugen, dass dieser Junge und nicht die Staatsoberhäupter, die ich Ihnen noch vorstellen werde, dass Bridger, der Dreizehnjährige, der unter Thisbes Tisch seine Knie umklammerte, die Zukunft erschaffen hat, in der Sie leben.
»Fertig!« Thisbe rollte ihre Zeichnung zusammen und reichte sie rasch dem Jungen. Ich frage mich, ob sie gezögert hätte, wenn ihr klar gewesen wäre, dass ein Eindringling zusah. »Bridger, es ist so weit. Bridger?«
Stellen Sie sich eine weitere neue Stimme vor, die in Krisen zu Hause ist, autoritär, aber nicht einschüchternd, die Stimme eines Großvaters, kräftiger, die Stimme eines Veteranen. Carlyle hatte eine solche Stimme noch nie gehört, denn er war ein Kind des Friedens und des Überflusses. Weder er hatte sie je gehört noch seine Eltern und deren Eltern in diesen drei Jahrhunderten des Friedens. »Handle jetzt, meinim Sohn, oder die Trauer wird dich der Chance berauben, den anderen zu helfen.«
Bridger streckte die Hand aus und berührte die Papierrolle mit seinen Kinderfingern. Sie waren zu dick und kurz, als gehörten sie zu einer noch nicht vollendeten Knetfigur. In dem Moment wurde die Papierrolle ohne Blitz und Donner oder eine melodramatische Rauchwolke zu Glas, die Kringel zu einem Etikett und das lila Gekritzel zum Pigment einer Flüssigkeit, die in der Flasche blubberte. Thisbe zog einen Korken heraus, der eben noch eine Kreuzschraffur gewesen war, und schüttete den Trank auf die winzigen Soldaten. Als die Flüssigkeit über die Verletzten schwappte, lösten sich deren Wunden ab wie alte Farbe und ließen die Soldaten sauber und geheilt zurück.
Auch Ihr, Mycroft Canner?, stoßen Sie, empörter Leser, da hervor. Warum beharrt auch Ihr auf einem Märchen, das schon von zu vielen Zungen wiederholt worden ist? Ihr seid mir eh ein schlechter Führer, aber ich hatte gehofft, dass Ihr mir wenigstens Tatsachen präsentieren würdet, keinen Irrsinn. Was soll Ihr Diener darauf antworten, werter Herr? Ich kann Sie nicht davon überzeugen; obwohl Sie das Wunder fast mit eigenen Augen miterlebt haben, ich werde Sie nie davon überzeugen, dass Bridgers Fähigkeiten real waren. Das werde ich auch nicht versuchen. Sie verlangen die Wahrheit, aber ich kann Ihnen keine Wahrheit anbieten, nur das, was ich glaube. Sie sind nicht gezwungen, diesen Glauben zu teilen, und können Ihren makelbehafteten Führer und mit mir auch Bridger am Ende der Reise fallen lassen. Aber solange ich Ihr Führer bin, bitte ich Sie, Nachsicht zu üben, so wie Sie es bei einem Kind tun würden, das erst zur Ruhe kommt, wenn Sie vorgeben, ebenfalls an die Ungeheuer unter dem Bett zu glauben. Nennen Sie es Wahnsinn – es fällt leicht, mich verrückt zu nennen.
Carlyle konnte sich den Luxus einer solchen Skepsis nicht erlauben. Er sah die Verwandlung so deutlich, wie Sie diese Seite sehen, unglaublich und unbestreitbar. Stellen Sie sich die Priester des Pharaos vor, als Moses’ Schlange die ihren verschlang, als ein Sklavengott die tierköpfigen Herren über Tod und Wiedergeburt besiegte, die Ägypten zum mächtigsten Reich seit Menschengedenken gemacht hatten – der Ausdruck auf den Gesichtern dieser Priester, die die Kapitulation ihres Pantheons miterlebten, hätte wohl gut zu Carlyles gepasst. Ich wünschte, ich wüsste, was er hervorstieß, ein Wort, ein Gebet, ein Stöhnen, aber die Anwesenden – der Major, Thisbe, Bridger – konnten mir das nicht sagen, da sie seine Stimme mit ihrem eigenen spontanen Schrei unisono übertönten: »Mycroft!«
Ich überwand die Treppe in Sekunden und den Sinnsager in noch kürzerer Zeit, warf ihn zu Boden und presste meine Finger auf seine Luftröhre, sodass er weder atmen noch sprechen konnte. »Was ist passiert?«, keuchte ich.
»Das ist unserin neuin Sinnsagernin.« Thisbe antwortete am schnellsten. »Wir hatten einen Termin vereinbart, aber Bridger … und dann öffnete sich die Tür, und nin sah … alles. Mycroft, din Sinnsagernin, hat alles gesehen.« Sie berührte den Tracker an ihrem Ohr, der piepte, als ihr Bruder Ockham sie aus der oberen Etage anrief. »¡Nein! ¡Komm nicht runter!«, sagte sie auf Spanisch und energisch ins Mikro. »¿Was? Alles ist in Ordnung … Nein, ich habe nur fiese Parfüme auf dem Teppich verschüttet. Bleib lieber oben … Nein, das hat damit nichts zu tun … Mir geht es wirklich gut …«
Während Thisbe ihre Lügen abspulte, beugte ich mich so tief über meinen Gefangenen, dass ich, als ich den Druck auf seine Kehle reduzierte, seinen ersten Atemzug schmecken konnte. »Ich werde Ihnen nichts tun. Ihr Tracker wird Sie gleich fragen, ob alles in Ordnung ist. Wenn Sie signalisieren, dass alles in Ordnung ist, werde ich Ihre Fragen beantworten, aber wenn Sie um Hilfe rufen, werden das Kind, die Soldatninnen und ich verschwunden sein, bevor jemand hier erscheint, und Sie werden uns niemals aufspüren. Verstanden?«
»Spar dir die Mühe, Mycroft.« Thisbe ging zu ihrem Schrank. »Halte nin einfach nur fest. Ich habe noch ein paar von diesen erinnerungslöschenden Tabletten, du weißt schon, die blauen.«
»Nein!«, schrie ich, während mein Gefangener durch ein Zittern den gleichen Widerspruch zum Ausdruck brachte. »Thisbe, das ist einin Sinnsagernin.«
Sie warf einen Blick auf den zerfransten Schal, der auf Carlyles Schultern lag. »Lass uns nicht in dieses Wespennest stechen. Ockham sagt, dass einin Polyrechtnin oben ist, einin Maurernin.«
»Sinnsagerninnen gehen in Metaphysik auf, Thisbe, das ist ihre Essenz. Wie würdest du dich fühlen, wenn jemensch die Erinnerung an das wichtigste Ereignis deines Lebens auslöschen würde?«
Thisbe gefiel mein Tonfall nicht, und ich setzte mich ihrem Zorn nur aus, weil dies ein Sinnsager war, nicht irgendeine niedere Kreatur. Ich frage mich, Leser, an welche Wortherkunft Sie glauben. Geht »Sinnsager« auf das lateinische Wort sensum zurück? Oder ist es enger mit dem »Wahrsager« verwandt, wobei sich »Wahr« in »Sinn« verwandelt hat? Oder schwingt darin der japanische Ehrentitel Sensei mit, den man Lehrern, Ärzten und den Weisen gewährte? Mertice McKay hinterließ leider keine Hinweise für die Nachwelt, als sie diesen Begriff erschuf – dafür fehlte ihr die Zeit, denn sie arbeitete in den turbulenten 2140ern, die nach dem Kirchenkrieg vom Zorn der Gesellschaft erfüllt waren und in denen man religiöse Stätten, Versammlungen und Missionierungen verbot und sogar, so fasste sie es auf, damit drohte, das Wort »Gott« abzuschaffen. Die Gesetze sind noch gültig, Leser. So wie ein Haus, in dem drei nicht miteinander verwandte Frauen lebten, früher mancherorts vom Gesetz als Bordell eingestuft wurde, so gelten bis heute drei Personen, die sich in einem Raum aufhalten und über Religion sprechen, als »Gebetsversammlung«, was nicht durch Gesetze von einem oder zwei Hives schwer bestraft wird, sondern sogar durch den Romanova-Kodex.
Was für eine schreckliche Stille McKay vorhersah: ein Mann, der es nicht wagte, seinen Geliebten zu fragen, ob auch er auf ein Jenseits hoffe; Eltern, die es nicht wagten, zu antworten, wenn ihre Kinder fragten: »Wer hat die Welt erschaffen?« Mit welcher Verzweiflung McKay jene anschrie, in deren Macht es lag, das zu verhindern. »Die Menschheit kann ohne diese Fragen nicht leben! Lasst uns ein neues Wesen schaffen! Keinen Prediger, sondern einen Lehrer, der sich die Fragen der Gemeindemitglieder anhört und ihnen die Ansichten aller historischen Glaubensrichtungen und Sekten dazu erklärt, von Christen bis Heiden, von Muslimen bis Atheisten, ohne Wertung. Mit diesem neuen Wesen als Führer kann sich jemand die Rosinen aus all den Theologien und Anti-Theologien herauspicken und aus ihnen ein eigenes System schaffen, das er testen und verbessern und auf das er sich in all den Jahren seines langen Lebens stützen kann. Die Gegner der christlichen Reformation befürchteten anfangs, die Protestanten würden so viele Christentümer gründen, wie es Christen gab. Dieses neue Wesen soll dafür sorgen, dass es so viele Religionen wie Menschen gibt!« Das schrie sie. Vergebt ihr, Leser, dass sie in ihrem Eifer nicht innehielt, um ein Diagramm zur Herkunft des Namens dieser neuen Kreatur anzufertigen.
»Mycroft hat recht.« Die Stimme des Veteranen rettete uns. So wie ich ihn festhielt, konnte Carlyle wahrscheinlich nur den kleinen Oberkörper sehen, der sich über die Tischkante reckte wie ein Kundschafter über eine Klippe. »Wir sagen doch schon lange, dass Bridger unbedingt mehr Menschen kennenlernen muss, und ganz ehrlich, Thisbe, gibt es irgendwen auf der Welt, der einen Sinnsager dringender braucht als wir?«
Die anderen Soldaten auf der Tischplatte jubelten.
»Der Major hat recht!«
»Wird Zeit, dass wir endlich irgendeinen verdammten Priester holen.«
»Höchste Zeit!«
Ich beugte mich näher zu meinem Gefangenen hinunter. »Heben Sie den Notruf auf, sonst machen wir, was Thisbe sagt!«
Ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie nie so handeln sollten wie Carlyle. Wenn der Tracker in Ihrem Ohr einen plötzlichen Anstieg der Herzfrequenz oder des Adrenalins bemerkt, ruft er automatisch Hilfe herbei, außer Sie geben Entwarnung. Dadurch soll gewährleistet werden, dass Ihnen im Fall einer Gefahr oder eines Angriffs geholfen wird, auch wenn Sie sich nicht bewegen können. Letztes Jahr gab es einhundertachtzehn Morde und fast eintausend sexuelle Übergriffe, die man hätte verhindern können, wären die Opfer nicht aus verschiedenen Gründen dazu gebracht worden, den Notruf aufzuheben. Carlyle traf die richtige Wahl, als er seinen Notruf aufhob, weil Gott ihm wichtiger war als Leben oder Keuschheit und weil ich ihn nicht ernsthaft bedrohte. Dies lässt sich wahrscheinlich nicht auf Sie übertragen.
»Erledigt«, flüsterte er.
Ich ließ meinen Gefangenen los und wich zurück, wobei ich ihm meine Hände zeigte, meinen Körper entspannte und den Blick unterwürfig zu Boden richtete. Ich wagte es nicht einmal, aufzusehen, um festzustellen, ob er abgesehen von dem Cousins-Überwurf und seinem Sinnsagerschal noch andere Zeichen seines Amts trug, denn in diesem Moment, in dem er erneut die Polizei hätte rufen können, zählte nur, dass ich nicht bedrohlich auf ihn wirkte.
»Wie heißen Sie, Priester?«, rief der Major von der Tischplatte dem Sinnsager zu. Seine leise Stimme klang so warmherzig wie die eines Großvaters.
»Carlyle Foster.«
»Ein guter Name«, erwiderte der Soldat. »Mensch nennt mich den Major. Diese Männer nennt mensch Zieler, Gucker, Kriecher, Sanitäter, Gelber Ständer, Grüner Ständer, Ducker, Keinewaffe, Keinständer, und das dahinten ist der verstorbene Private Zeiger.« Er deutete mit dem Kinn über seine Schulter auf das Plastikspielzeug, das nun steif auf der Seite lag.
Carlyle war geistig zu gesund, um nicht darauf zu starren. »Plastik.«
»Ja. Wir sind Spielzeugsoldaten aus Plastik. Bridger hat uns aus dem Müll geholt und zum Leben erweckt, aber wir hatten heute eine Auseinandersetzung mit einer Katze, und bei unserer Größe ist eine Katze so gefährlich wie der Nemeische Löwe. Zeiger kämpfte wie ein Held, aber Helden sterben.«
Nun gesellten sich die anderen neun Soldaten zu dem Major an der Tischkante. Abgesehen von dem paranoiden Ducker, hatten alle längst den schweren Helm abgenommen, doch ihre Uniform trugen sie noch. Die Tarnkleidung mit ihren winzigen Taschen hätte keine menschliche Hand nähen können, und die Gewehre, welche die Soldaten an Riemen auf den Rücken trugen, waren so zerbrechlich wie Zahnstocher.
Dies war für Carlyle der Moment des Zweifels. »Irgendein U-Geschöpf? Eine KI?«
»Was für eine Erleichterung das wäre.« Der Major lachte darüber. »Nein, Bridgers Fähigkeit lässt sich nicht so leicht erklären. Eine Berührung macht Spielzeug real. Das haben Sie ja gerade gesehen, als Thisbe die Phiole mit dem Heiltrank malte.«
»Heiltrank«, wiederholte Carlyle.
»Mycroft«, rief der Major, »geben Sie Carlyle die leere Tube, damit er fühlen kann, dass sie echt ist.«
Das tat ich, und Carlyles Finger zitterten, als würde er damit rechnen, das Glas könne wie eine Seifenblase platzen. Dies geschah jedoch nicht.
»Das funktioniert bei allem«, fuhr der Major fort, »bei jeder Darstellung: Statuen, Puppen, Origami-Tiere. Wir haben Papier da, und wenn Sie möchten, können Sie einen Frosch falten, aber keinen Kranich. Frösche kann man in Originalgröße falten, aber Kraniche sind nicht dazu geschaffen, so lang wie ein Finger zu sein. Das ist grausam, geht nicht gut aus.«
Carlyle warf einen Blick unter den Tisch, wo eine Gestalt halb verborgen hinter einem Stuhl hockte. Sie trug einen Kinderüberwurf, dessen blau-weißes Muster sich mit Zeit und Liebe in Blaugrau verwandelt hatte. »Bist du Bridger?«
Die angewinkelten Knie pressten sich fester zusammen.
»Und Sie sind Cousinnin Carlyle Foster?« Thisbe übernahm mit ihrer Stimme und ihrer Haltung das Kommando, als sie vortrat. Sie hatte ihr Meer aus schwarzem Haar aus dem Dutt befreit, mit dem sie es vor dem Wasser ihrer Morgendusche beschützt hatte, und trug nun auch ihre Stiefel: hohe, eng sitzende Humanistenstiefel, die von einer fließenden Pinselstrichlandschaft bedeckt waren, mit der Art von geschwungenen Ufern und nebelverhangenen Bergen, in denen sich das Auge verlor. Alle Humanisten verändern sich, werden stärker und stolzer, wenn sie die Hive-Stiefel anziehen, mit denen jedes Mitglied seine Signatur in den Staub der Geschichte drückt, aber während andere von einer Hauskatze zu einem Königstiger werden, verwandelt sich Thisbe in etwas Extremeres, ein vergessenes, urzeitliches Raubtier, das man in unserer weichen Gegenwart nur noch anhand seiner Knochen erkennt.
Sie starrte den Eindringling von oben herab an. Ihr Körper mit den breiten Schultern und dem geraden dunklen Hals drückte Macht aus und ließ das peinliche Schlaf-Shirt vergessen. Ich glaube, durch die Adern der Saneer fließt auch etwas Mestizenblut, aber abgesehen davon war Thisbe komplett indisch: große Augen, die durch die langen schwarzen Wimpern noch größer wirkten, sodass ihr harter Blick das unglückliche Ziel nicht etwa durchbohrte, sondern einwickelte, als sie den Namen des Sinnsagers wiederholte.
Dieses Mal war ich das Ziel dieser Augen, und die zu langsamen Silben wurden für mich wiederholt. »Cousinnin Carlyle Foster.«
Ich nickte so subtil wie möglich und bestätigte damit, dass ich mit unauffälligen Gesten bereits den Namen in meine Suche eingegeben hatte. Daten flackerten über meine Brillengläser, als ich durch Polizei-, Arbeits- und Cousins-Mitgliedschaftsakten raste und sich meine Freigaben durch ihre Sicherheitssysteme schnitten wie ein Seziermesser durch Fleisch. Wenige Minuten später wusste ich mehr über den Sinnsager als er selbst. Sie wären ebenso vorsichtig gewesen, hätten Sie Bridger beschützen müssen.
»Tut mir leid.« Der Sinnsager wand sich nun ebenfalls vor Thisbe. »Ich wollte nicht einfach hereinstürmen. Es klang nur …«
Mit einem einzigen Blick brachte sie ihn zum Schweigen. »Überzeugen Sie mich davon, dass ich Ihnen die wichtigste und gefährlichste Macht der Welt anvertrauen kann.«
»Gefährlich?«
»Ich hätte ›Tödliche Superseuche‹ auf diese Phiole schreiben können.«
Carlyles blasse Wangen wurden blasser. »Das können Sie, weil ich … sie in Kontext setzen kann? Und Vergleiche und Szenarien und ›-ismus‹-Namen vor Dinge anbringen kann!«
Seine Pausen überzeugten mich mehr als seine Schlussfolgerung, denn in diesen Pausen rang der Sinnsager mit dem Redeverbot, das ihm von den antimissionarischen Gesetzen und den Konklavenschwüren auferlegt worden war und das ihn dazu zwang, mit keinem Wort zu verraten, ob sein Glaube diese Begegnung dem Zufall, der Vorsehung, dem Schicksal oder dem Aufeinanderprallen von Billardatomen zuordnete. Aber Carlyle war gut. Selbst in diesem Extremfall verriet er sich nicht.
»Namen, Szenarien«, wiederholte Thisbe kühl. »Und dann Vorschläge? Ein paar Dinge, die Bridger machen könnte? Gold? Diamanten? Und dann Begegnungen, zuerst mit einim Freundnin, dann einim anderin und dann mit den Reichen und Mächtigen?«
Carlyle zog die Augenbrauen zusammen, und seine jugendliche Haut warf schmale Falten. »Geld? Wieso sollte … Es geht hier um etwas viel Wichtigeres als Geld. Es geht um Theologie!«
Ich sah, wie sich Thisbes strenger Gesichtsausdruck veränderte, sodass sich nicht mehr Ärger dahinter versteckte, sondern ein Lachen.
»Sie können mir vertrauen«, fuhr Carlyle fort. »Das Konklave hat sich die Wahl einins neuen Sinnsagernins für ausgerechnet Ihrin Bash’ nicht leicht gemacht, natürlich nicht. Wenn ich meine Stellung missbrauchen wollte, bräuchte ich nur den Schlüssel zum Saneer-Weeksbooth-Bash’, dann könnte ich die Welt in Schutt und Asche legen.«
»Das stimmt.« Ich bezweifele, dass Carlyles Bemerkung über Thisbes Arbeit als Kompliment gemeint war, aber sie brachte ihm ein Lächeln ein.
Thisbe berührte die Wand, um erneut die Vibrationen des Computersystems zu spüren, das sich in den Tiefen befand. Es wurde beschützt von ihrem Bash’, den Bash’Eltern, den Bash’Großeltern und so weiter, bis man fast vierhundert Jahre früher auf Gulshan und Orion Saneer und Tungsten Weeksbooth stieß, die dieses Haus in Cielo de Pájaros zu einer der Säulen unserer Welt machten.
Carlyle nahm Fahrt auf. »Ich bin nur hier, weil das Konklave weiß, dass ich meine Stellung niemals ausnutzen würde. Niemals.«
Thisbe hob das Kinn, um die Autorität ihres Blicks zu unterstreichen. »Sie werden das absolut geheim halten. Alles, was Sie hier sehen. Dass Bridger überhaupt existiert.«
»Ja. Absolut.«
»Schwören Sie das«, unterbrach ich leise. Thisbe wäre nicht auf die Idee gekommen, ihn darum zu bitten.
»Ich schwöre.«
»Bei etwas«, hakte ich nach.
»Ja, bei etwas.« Ein Lächeln wärmte Carlyles Wangen, wahrscheinlich Stolz darauf, dass er seinem Glauben an dieses Etwas, an das er glaubte, so treu blieb. »Ich kann Ihnen helfen. Mensch hat mich für so etwas ausgebildet. Ich habe keine Angst vor dem Wort ›übersinnlich‹. Ich habe keine Angst davor, dies hier zu erkunden, nicht, indem ich irgendwen dränge, irgendetwas zu tun, sondern mit Hypothesen, Gedankenexperimenten, mit Zuhören und Diskutieren.«
»Fürchten Sie sich vor dem Wort ›Wunder‹?«, fragte ich.
»Nein.« Er sah nun mich an, und ich drehte den Kopf, um zu verbergen, dass mir ein Stück des rechten Ohrs fehlt. Ich befürchtete, dass er das mit dem Namen »Mycroft« verbinden und erkennen würde, wer ich war. Sein Gesicht verriet nicht, ob dem so war. »Um genau zu sein, ist das eines meiner Lieblingsworte.«
Ich hob den Blick und sah den Cousin nun zum ersten Mal direkt an. Es freute mich, dass er abgesehen von seinem Hive-Überwurf und dem Schal, der seine Tätigkeit verriet, kaum Insignien mit sich führte. Er trug das rotbraune Armband einer Person, die gerne Kriminalromane las, die grün gestreiften Socken eines Teeliebhabers und eine Hosenklammer an einem Schuh, aber nichts Politisches, Nationales, noch nicht einmal einen Universitätsring.
Ich lächelte zufrieden, und der Major auf dem Tisch nickte zustimmend. Thisbes düsterer Blick war weiterhin auf uns gerichtet und verbat sich jede Unterbrechung ihrer stummen inneren Debatte. Als ein Lächeln ihrem Gesicht die Härte nahm, verschwand die Kälte auch aus dem ganzen Zimmer. Die heiß pulsierende Strömung aus Drohungen und Gewalt wurde davongeweht, als sich ihr Körper entspannte, so wie eine heilende Brise Rauch vertreibt.
Thisbe hockte sich neben den Tisch und beschwor ihren sanftesten Tonfall. »Bridger? Möchtest du herauskommen und din Sinnsagernin Carlyle Foster begrüßen?«
Der Junge unter dem Tisch schaukelte in der Wiege, die seine Knie bildeten, hin und her. Sein lautloses Schluchzen ließ seinen Atem stoßweise gehen. »Zeiger ist tot.«
Ich entschuldigte mich stumm bei Zeiger, dem Jungen und den Soldaten, weil ich, geblendet von der Krise, die der Eindringling ausgelöst hatte, die Notwendigkeit der Trauer übersehen hatte. Weiterhin darauf achtend, dass Carlyle mein verstümmeltes Ohr nicht sah, kroch ich zu Bridger unter dem Tisch und hüllte ihn mit meiner Wärme ein. Ich strich ihm übers nun goldblonde Haar, das das Weißblond der Kindheit verlor. Kaum zu glauben, dass er dreizehn geworden war. »Du weißt, was einin Sinnsagernin ist, richtig?«, versuchte ich ihm zu entlocken. »Du erinnerst dich an das, was ich dir gesagt habe?«
»Sinsagerninnen sind …« Schluchzer unterbrachen seine Antwort wie ein Schluckauf. »… Leute, die … das Universum so sehr lieben … dass sie ihr Leben damit verbringen … über die vielen Arten zu reden … wie es sein könnte.«
Ich lächelte, als meine Definition in der Sprache eines Kindes wiedergegeben wurde. »Sinnsagerninnen helfen den Menschen darüber nachzudenken, woher die Welt kommt und ob es einen Plan für sie gibt oder jemenschen, din über sie herrscht, oder ob nur Chaos herrscht, und was passiert, wenn Leute sterben. Carlyle ist einin Sinnsagernin. Nin kann dir helfen, über diese Dinge nachzudenken. Vor allem über den Tod.«
Meine Umarmung war wie eine Rüstung, die Bridger die Kraft verlieh, sein tränenverschmiertes Gesicht zu heben und den Fremden anzusehen. »Kann ich Zeiger zurückholen? Ist das in Ordnung? Ich kann einen Trank brauen, der Zeiger von den Toten zurückholt, aber ich weiß nicht, ob das schlecht ist, weil ich nicht weiß, wohin nin im Tod gegangen ist, und vielleicht ist nin an einem schönen Ort, dann wäre es schlecht, nin zurückzuholen, aber vielleicht ist nin an einem schlimmen Ort oder an gar keinem Ort und ist einfach weg. Wissen Sie das?«
Carlyle lächelte. Es war ein perfektes, ruhiges, echtes Lächeln, und ich bewunderte, wie schnell er sich erholt hatte. Weniger als zwei Minuten zuvor hatte er in meinem Würgegriff gehangen, doch nun war er die einzig ruhige Person im Zimmer. Ein echter Sinnsager. »Nein, ich weiß das nicht«, antwortete er, »wenigstens nicht genau. Menschen haben schon viele Ideen dazu geäußert, und es gibt gute Argumente für die verschiedenen Versionen. Wenn du möchtest, können wir über sie sprechen. Aber was denkst du? Denkst du, dass Zeiger irgendwo hingegangen ist?«
Herr, glauben Sie, dass nur der Zufall, ohne Unterstützung der Vorsehung, diesem Kind in diesem Moment einen so angemessenen Lehrer schickte?
»Ich denke nicht, dass Zeiger einfach nur weg ist.« Bridger wischte sich die Nase am Ärmel ab und seinen Ärmel an meinem. »Es wäre nicht fair, wenn nin einfach nur weg wäre.«
Carlyles Lächeln war so routiniert, dass es nichts preisgab. »Viele Menschen stimmen dem zu.«
»Und es wäre nicht fair, wenn nin an einen schlimmen Ort ginge.«
»Dem stimmen auch viele Menschen zu. Es gibt viele gute Orte, zu denen nin gehen könnte. Manche würden sagen, dass Zeiger als eine andere Person wiedergeboren worden ist. Manche würden sagen, dass nin zurückgekehrt und wieder eins mit dem Universum geworden ist, so wie vor ninsen Geburt. Manche würden sagen, dass nin in ein Jenseits gegangen ist.«
Bridgers Finger gruben sich tief in meinen Arm. »Wie der Hades oder der Himmel. Und dann sieht mensch all die toten Leute, die mensch kannte, wie Mama und Papa.«
»Manche Leute denken, dass das nach dem Tod passieren könnte.«
»Aber Zeigers Mama und Papa hat es nie gegeben. Sie sind ausgedacht. Ich habe sie mir ausgedacht. Zeiger erinnerte sich an sie und auch an das Land, aus dem ninsen Armee kam, und an den Krieg, in dem nin gekämpft hat, aber das hat es alles nie gegeben, weil ich es erfunden habe. Kommen erfundene Tote auch ins Jenseits?«
Carlyles fünfjährige Ausbildung und seine vier Jahre Berufserfahrung konnten ihm keine Antwort liefern. Ich steckte nun tiefer in Carlyles Akten, hatte die Ehrungen hinter mich gebracht, die Empfehlungen von Gemeindemitgliedern, die Lebensläufe seiner Bash’Freunde – ein sicheres, nicht berühmtes Bash’ voller Cousins, die meisten davon Lehrer, plus ein Masseur, zwei Wandgemäldekünstler und ein Oboist. Ich hatte sogar seine Waisenhausakten ausgegraben, die ich bei seinem Nachnamen Foster, mit dem man Pflegekinder versieht, erwartet hatte. Das Wort »Genverbot« hatte ich nicht erwartet.
Vielleicht, lieber Leser, ist die Menschheit in Ihrem Zeitalter besser als in meinem, sodass Sie ein so düsteres Werkzeug nicht mehr benötigen. Der universelle DNS-Katalog, unser erster Schutz vor Krankheit und Verbrechen, hob auch die Anonymität von Findelkindern auf, da deren Eltern ihre Unterschrift in jeder Zelle hinterlassen. Die Gerichte feierten dies zuerst als einen Triumph, der die Verlassenen unterstützte, und erst nach dem Cooper-Skandal und dem dreifachen Chaucer-King-Selbstmord erkannte die Rechtsprechung, dass eins von tausend Findelkindern eine unerträgliche Vergangenheit in seinen Genen verbirgt. Dieses kleine Volk von »Genverbotenen« unterliegt einer gerichtlichen Anordnung, mit der dem Kind zu seinem eigenen Wohl untersagt wird, sein Blut zu einer Aussage herbeizuziehen. Das Gesetz überlässt den Gerichten, nicht den Eltern, die Entscheidung, in welchen Fällen ein Genverbot angemessen ist, obwohl Eltern, wenn nötig, dagegen klagen (oder Gerichte bestechen) können. Vergewaltigung ist kein ausreichender Grund. Inzestvergewaltigung fällt Ihnen wahrscheinlich gerade ein, und tatsächlich kommt das auch vor, aber normalerweise verbirgt sich eine längere, seltsamere Geschichte hinter solchen Anordnungen. Wenn Königin Hekabe von Troja, die Mutter von fünfzig Söhnen, was unmöglich ist, einen einundfünfzigsten geboren hätte, und das nicht in den offenen Türmen von Ilium, sondern nach dem Fall der Stadt in Sklavenzelten, in denen trojanische Frauen mit Händen, die noch weiß von der Asche ihrer Ehemänner waren, die Knie ihrer Eroberer umklammerten, wenn in dieser Stunde das boshafte Schicksal entschieden hätte, dass die Königin noch nicht tief genug gesunken wäre, und ihr bei der Vergewaltigung eine letzte Saat in den Mutterleib, aus dem so viele hervorgebracht und dem Tod überantwortet worden waren, gepflanzt hätte, und zwar nicht die Saat eines Helden, nicht die von Menelaus oder Ajax oder einem anderen König, sondern wenn sie ihren königlichen Körper dem krummbeinigen Thersites hätte hingeben müssen, der hässlichsten und niedersten Kreatur, die es je nach Troja verschlagen hatte, wäre der Sohn, der daraus hervorging, mit einem Genverbot belegt worden.
Ich lächelte nun über den Namen Carlyle. Ich hatte gedacht, das Waisenhaus hätte diesen Namen aus Einfallslosigkeit gewählt, weil er, seit ich Mycroft von der Liste gestrichen habe, der populärste Babyname der Welt geworden ist. Doch Sie werden mir wohl zustimmen, dass ein Genverbotener, den man seines Erbes und sogar der Geschichte seiner Eltern beraubt hat (die ihn vielleicht zumindest in die Lage versetzt hätten, sein Recht auf Rache auszuüben), einen Heldennamen verdient.
»Probleme?«, flüsterte Thisbe, als sie sich dicht neben mich hockte. Wahrscheinlich hatte sie mein Zucken bemerkt, als ich über das Wort »Genverbot« stolperte.
»Vielleicht«, flüsterte ich zurück. »Wir bringen Bridger besser weg.« Ich zerzauste dem Jungen das Haar. »Willst du nach Hause, Bridger?«, drängte ich ihn. »Du musst jetzt nicht mit Carlyle reden. Du kannst nach Hause gehen, dir von Mommadoll Kekse backen lassen und später entscheiden, ob du Zeiger wiederbeleben willst.«
»Aber …«
Ich drückte seine Schulter. »Zeiger ist schon tot, und daran wird sich erst einmal nichts ändern. Du kannst dir Zeit lassen, bevor du dich entscheidest.«
»Was, wenn nin an einem schlimmen Ort ist? Wie der Hölle?«
Ich drückte seine Schulter fester. Das Wort schnürte mir die Kehle zu.
Der Major ging besser damit um. »Zeiger war ein Soldat, Bridger. Er war auf den Tod vorbereitet, egal, was Tod bedeutete.«
Da brach der kleine Damm der Tapferkeit, den der Junge in sich errichtet hatte. Halb erstickte Schluchzer brachen hervor, die er zu verbergen suchte, um Stärke zu zeigen.
»Na komm.« Ich zog Bridger zu mir, aber meine Arme vergaßen, dass er nicht mehr leicht hochzuheben war.
»So-sollte ich ni-icht mit dim Sinn-sagernin reden?«
Sein Mut machte meine Augen feucht. »Dazu bekommst du noch Gelegenheit«, erklärte ich. »Morgen oder wann immer du willst. Richtig, Carlyle?«
Selten habe ich ein leidenschaftlicheres »Ja« gehört.
Bridger kroch so schüchtern wie ein Küken unter dem Tisch hervor. Neben ihm tauchte Boo auf, sein strahlend blauer, knapp neunzig Zentimeter langer Hund, der mitfühlend winselte wie ein echter Hund. Selbst wenn man genau hinsah, hielt man Boo für ein U-Geschöpf oder einen anderen hoch entwickelten Roboter oder einen durch Genmanipulation erzeugten Begleiter, da Bridgers Berührung alle Nähte und Säume hatte verschwinden lassen. Boo war es, der mir vor zehn Jahren verraten hatte, was es mit Bridger auf sich hatte, aber ich wäre nie darauf gekommen, was dieser Plüschhund war, wenn das Schicksal ihn mir nicht genau in dem Moment, in dem eines von Bridgers Wundern verging, in den Weg gelegt hätte, sodass ich mit eigenen Augen sah, wie sich der Hund in Stoff und Füllmaterial verwandelte.
Bridger beugte sich vor und drückte seine Schulter gegen die Tischkante. »Alle an …« Noch ein Schluchzen. »Alle an Bord.«
Die winzigen Soldaten murmelten aufmunternde und freundliche Worte, als sie an den Maschen von Bridgers Überwurf hinaufkletterten wie an einem Frachtnetz und sich wie Matrosen in der Takelage niederließen.
»Was ist mit Zeigers Leiche?«, fragte Bridger.
Thisbe meldete sich freiwillig. »Ich kümmere mich um Zeiger. Ruh dich aus und iss etwas. Bei Mommadoll wartet bestimmt schon ein voller Teller auf dich.«
Bridger rieb sich die Augen und verschmierte salzige Feuchtigkeit auf seinen geröteten Wangen. »Okay.«
Ich wollte hinter dem Jungen herkriechen, aber Thisbe trat vor und sperrte mich hinter den festen Gitterstäben ihrer Beine unter dem Tisch ein. Bridger setzte sich in Bewegung, erstarrte aber, als ich ihm nicht folgte. »Mycroft kommt nicht mit?«, fragte er.
Thisbe weiß, wie man lächelt, ohne dass es gezwungen wirkt. »Mycroft kommt gleich nach, Schatz, aber nin muss noch bleiben und mir hier helfen, in Ordnung?«
»In Ordnung«, antwortete Bridger. Sein Gesicht verriet, dass das ganz und gar nicht in Ordnung war, aber er versuchte, so zu tun, der tapfere Junge.
»Warte eine Sekunde, Bridger!«, rief der Major, als der Junge die Tür öffnete. »Carlyle Foster.«
Staunen ergriff den Sinnsager, als Bridger vor ihm innehielt und er sich die unglaublich perfekten Menschenfiguren, die nicht einmal so groß wie ein Finger waren, genauer ansehen konnte. »Ja?«
»Nur zur Warnung: Wir sind zwar klein, aber wir sind Soldaten. Echte Soldaten. Der Tod ist kein Fremder für uns.« Er machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. »Wir werden Sie im Auge behalten. Wenn Sie uns hintergehen, wenn Sie das auch nur erwägen, wenn Sie den Jungen auf irgendeine Weise in Gefahr bringen, werden wir Sie töten. Keine zweite Chance. Wir werden uns auf keine Spielchen einlassen, sondern Sie einfach umbringen. Verstanden?«
»Ich habe keinen Schwur geleistet, um ihn zu brechen.«
Ich war auf der anderen Seite des Zimmers, zu weit entfernt, um den Gesichtsausdruck des Majors sehen zu können. Daher wusste ich nicht, ob die Leidenschaft und Entschlossenheit des Sinnsagers ihn zum Lächeln brachten oder ob er die Stirn runzelte, weil dessen strahlendes, heiteres Gesicht verriet, dass er die Drohung nicht ernst nahm. »Dann werden Sie hier morgen willkommen sein, Carlyle Foster. Wir brauchen einen Priester oder einen Sinnsager, wie auch immer Sie sich nennen; der Junge braucht Sie, aber meine Männer auch. Wir haben das vermisst. Wir werden uns freuen, wenn Sie kommen.«
Der Major zog Carlyle in seinen Bann. Seine dünne Stimme klang zu erfahren, und die Sorgenfalten in seinem Gesicht waren tiefer als die, die man in unserem gütigen Zeitalter für gewöhnlich antrifft. Ich glaube, Carlyle hätte den Major auch als etwas Außergewöhnliches identifiziert, wenn er von normaler Größe gewesen wäre.
»Auf Wiedersehen, Major. Auf Wiedersehen, Bridger. Auf Wiedersehen, Männer.« Thisbe zerstörte die Stimmung mit einem strategisch platzierten, schrillen Singsang, der den Jungen vertrieb. Ihr Lächeln erstarb, als er die Tür hinter sich schloss. »Nun zum ernsten Teil.« Sie drehte sich zu Carlyle um, aber ihre Beine sperrten mich weiterhin unter dem Tisch ein. »Din Major meinte es ernst, als nin sagte, nin würde Sie töten, wenn Sie das versauen, also hören Sie mir gut zu. Erste Regel: Sie werden niemenschem von Bridger erzählen. Niemenschem. Nicht Ihren Bash’Freundninnen, nicht Ihren Chefninnen, nicht der Polizei, nicht der Person, die Sie lieben …«
»Und schon gar nicht dem Sinnsagerninnen-Konklave«, fügte ich hinzu.
»Genau«, bestätigte sie, »nicht Ihrim eigenen Sinnsagernin, niemenschem.«
»Ich verstehe«, antwortete er.
»Sind Sie sich sicher? Geheimnisse zu bewahren ist schwerer, als mensch denkt.« Thisbe schwang sich auf die Tischplatte und ließ die Stiefel mit ihren Landschaften vor meinem Gesicht baumeln.
Carlyle hielt dem Blick ihrer dunklen, fordernden Augen stand. »Ich bin einin Sinnsagernin. Ich breche meine Schwüre nicht, und ich behalte die intimen Geheimnisse, die ich täglich höre, immer für mich.«
»Zweite Regel: Sie werden den Dingen, die Bridger erschafft, keine Proben entnehmen, um Tests daran durchzuführen. Wir haben nichts dagegen, diese Sache wissenschaftlich zu erkunden, aber wir haben selbst Zugang zu Laboren und kennen Leute, denen wir vertrauen und die Geheimnisse für sich behalten. Wenn Sie einen Test für nötig halten, werden Sie ihn uns vorschlagen. Wir freuen uns über neue Ideen, aber wir setzen sie selbst um.«
Er nickte. »Das ist nachvollziehbar. Ich bin froh, dass Sie Tests durchführen.«
»Dritte Regel«, fuhr sie energisch fort. »Sie werden Bridger kein neues Spielzeug, keine Bilder und keine Bücher geben, die Sie uns nicht vorher gezeigt haben.«
Er hob die Augenbrauen. »Darf ich fragen, warum?«
»Wegen der Bindung«, antwortete sie. »Bridger weiß, dass nin die Welt nicht mit lebendem Spielzeug bevölkern kann, aber manchmal wird nin traurig, wenn nin sich mit einer Figur verbunden fühlt, die nin nicht zum Leben erwecken sollte.«
Er nickte.
Sie erwiderte sein Nicken.
Verstört es Sie, Leser, dass ich Sie in jedem Satz an das Geschlecht dieser Personen erinnere? – »sein« und »ihr«? Sehen Sie im Geiste, wie sie sich nackt in die Arme fallen, und wird dadurch selbst diese nüchterne Szene mit lüsterner Sinnlichkeit erfüllt? Linguisten wissen, dass unsere Vorfahren auf geschlechtsspezifische Sprache deutlich weniger sensibel reagierten als wir, dass sie uns nur auffällt, weil sie selten vorkommt, aber dass sie in Zeitaltern, in denen »er« und »sie« in fast jedem Satz auftauchten, sich so schnell abnutzten wie der Anblick eines nackten Knöchels, als die Röcke kürzer wurden. Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass geschlechtsspezifische Sprache auf unsere Vorfahren ebenso sinnlich wirkte wie auf uns, dass sie nur bereit waren, sich einzugestehen, dass Sex bei jedem Gedanken und jeder Geste eine Rolle spielt, während man sich in unserer prüden Zeit hinter dem kastrierten »nin« versteckt und so tut, als würden wir nicht glauben, dass zwei Menschen, die sich ansehen, wenn nicht körperlich, so doch im Geiste Unzucht treiben. Sie widersprechen: Mein Verstand ist nicht so schmutzig wie Eurer, Mycroft. Mich verstören »er« und »sie« nur, weil dies die 2450er sind, wo sie nicht mehr angebracht sind. Ich wünschte so sehr, Sie hätten recht, lieber Leser. Ich wünschte, »er« und »sie« hätten in meiner Zeit ihre spannungsgeladene Kraft verloren. Jedoch beruht die Verwandlung, die ich Ihnen schildern muss, auf genau diesen beiden Worten, deshalb muss ich sie benutzen, um sie zu beschreiben. Es tut mir leid, Leser. Wenn ich Ihnen Wein anbieten soll, müssen Sie auch den giftigen Alkohol annehmen.
Carlyle lächelte nun. »Das sind gute Regeln, gute Vorsichtsmaßnahmen.«
Diese Worte waren bestimmt als Kompliment gedacht, aber Thisbe trat verärgert nach hinten aus und hätte mit ihrer Ferse beinahe meine Nase getroffen. Natürlich waren das gute Vorsichtsmaßnahmen. Sie war Thisbe Saneer vom Saneer-Weeksbooth-Bash’, der man von Geburt an eine der mächtigsten Maschinen unserer Zivilisation anvertraut hatte. Wie konnte es dieser kleine Cousin wagen, über ihre Vorsichtsmaßnahmen – ob gut oder schlecht – zu urteilen? »Dann befolgen Sie sie.«
»Das werde ich.« Carlyle leckte sich über die Lippen, während er versuchte, die tausend Fragen in seinem Kopf zu gliedern. »Wo kommt Bridger her?«
Sie atmete tief durch. »Wir wissen es nicht. Nin war ein Kleinkind, als nin die Soldatninnen zum Leben erweckte. Was davor war, wissen wir nicht. Seitdem ziehen wir nin hier heimlich auf, und das wird auch so bleiben, bis Bridger reif genug ist, um die Implikationen ninser Kräfte einzuschätzen und zu entscheiden, ob und wem nin sie zeigen will.«
»Sie haben nin in diesem Bash’ aufgezogen?«
»Draußen im Blumengraben«, berichtigte sie ihn. »Dort gibt es Verstecke.«
»Wissen die anderen in Ihrem Bash’ davon?«
»Nein.«
Ich meldete mich zu Wort. »Cato.«
»Stimmt.« Thisbe lachte, entweder über sich selbst oder darüber, dass ihr Bash’Freund so harmlos war, dass sie ihn vergessen hatte. »Cato weiß in gewisser Weise Bescheid.«
»Cato Weeksbooth?« Ich sah das Flackern in Carlyles Brillenglas, als er die Datei aufrief. »Ich habe noch keinen Termin mit nim, aber ich habe angerufen, um einen zu vereinbaren.«
Thisbe runzelte die Stirn. »Cato weiß nichts über Bridgers Kräfte oder die Soldatninnen. Nin weiß nicht einmal, dass Bridger hier im Graben lebt, aber wir bringen Bridger immer zu einem Wissenschaftsclub für Kinder, den Cato leitet, damit nin andere Kinder kennenlernen kann, deshalb weiß Cato, dass Bridger ein Kind ist, das Mycroft und ich anleiten. Aber nicht mehr.«
»Mycroft …« Nun richtete Carlyle seinen forschenden Blick ganz auf mich. Ich kniete unter dem Tisch und versuchte, so harmlos wie möglich zu erscheinen, obwohl ich Carlyle eben noch mit der Geschwindigkeit eines Raubtiers überwältigt hatte. Sollte ich mich an dieser Stelle beschreiben? Was Carlyle sah? Ich bin nichts Besonderes, vielleicht ungefähr so groß wie Thisbe, hätte ich nicht gelernt, mich zu ducken. Meine Haut ist ein bisschen dunkel, mein dunkles Haar ist immer zu lang, und mein Gesicht ist so dünn, dass manche sich besorgt fragen, ob ich vielleicht nicht genug esse. Meine Hände sind mittlerweile so rau wie die eines Arbeiters, und meine beige-grau gemusterte Diensteruniform hängt so locker am Körper, dass ich darin schlafen kann. Auf der Straße würden Sie mir keine Aufmerksamkeit schenken, und selbst mit einem alten Foto von mir in der Hand würden Sie mich nur an meinem verräterischen Ohr erkennen.
Glücklicherweise blieb Carlyles Blick an meiner Uniform hängen, und ich bemerkte, wie er einen halben Schritt zurückwich, so wie es freie Menschen normalerweise tun, wenn sie den Schuldigen begegnen.
Mord aus Habgier ist das Verbrechen, an das die meisten Menschen denken, wenn sie eine Diensteruniform sehen. Der Straftäter hat keinen Grund, es zu wiederholen, da das Gesetz ihm das Recht auf Besitz genommen hat. Menschen mit mehr Fantasie stellen sich vielleicht einen ausgeklügelten Konzernraub vor oder einen Mord aus Rache, mit dem etwas Böses, das sich dem Gesetz entzogen hat, bestraft wurde, oder vielleicht einen Mord aus Leidenschaft, bei dem jemand die Geliebte in den Armen eines Rivalen vorfand und beide in einem triumphalen Anfall von Wahnsinn niederstreckte. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts beschrieb Sankt Sir Thomas More ein humanes, wenn auch fiktives persisches Rechtssystem, in dem Verurteilte nicht in dunkle Kerker gesperrt, sondern zu Sklaven des Staats wurden. Man ließ sie umherziehen, ohne Heim oder Besitz, sodass sie allen Bürgern, die Arbeiter benötigten, zu Diensten sein konnten. Da alle wussten, dass es sich bei ihnen um Straftäter handelte, bekamen sie nur Nahrung und Unterkunft, wenn sie einen Tag lang für eine Person gearbeitet hatten. Da sie nichts zu gewinnen, aber auch nichts zu verlieren hatten, dienten sie der Gemeinschaft ein Leben lang friedfertig und ohne Ehrgeiz. Was glauben Sie: Als unsere Vorväter im 22. Jahrhundert das Diensterprogramm erschufen und Kriminellen, die keine Gefahr darstellten, den lebenslangen Gemeindedienst als Alternative zum Gefängnis anboten, waren sie da progressiv oder retrogressiv? Schließlich führten sie ein siebenhundert Jahre altes System ein, das es nie gegeben hatte.
»Sie haben ebenfalls bei Bridgers Aufzucht geholfen?«, fragte Carlyle.
»Mycroft ist so wie Sie über Bridger gestolpert«, antwortete Thisbe. »Ich flunkere zwar ein bisschen, wenn ich ninser Arbeitsstunden als ›Reinigung‹ anstatt ›Kinderbetreuung‹ eintrage, aber das widerspricht nicht der Absicht des Gesetzes.«
In diesem Moment stockte mir der Atem, denn Carlyle hielt nun meine zerbrechliche Zukunft in seinen Händen. Er hätte mich melden können: meine falsch deklarierte Arbeitszeit, meine zu enge, fast schon familiäre Bindung an diesen Bash’. Das alles ist uns, die wir unsere Heimat, unseren Bash’ und alles andere verloren haben, verboten, weil unsere Verbrechen so schwer sind, dass selbst lebenslange Arbeit das, was wir zerstört haben, nicht ausgleichen kann. Doch Carlyle war ein gütiger Mensch und lächelte mich sogar an. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Mycroft. Das Gericht hat einir Sinnsagernin für Sie bestimmt?«
»Das ist richtig.«
»Din von Bridger nichts weiß?«
»Korrekt.«
»Und Thisbe, Sie hatten auch noch nie einir Sinnsagernin, din von ihm wusste?«
»Nein.«
»Dann konnten Sie beide noch nie mit einim Sinnsagernin über Ihre Lage und deren Bedeutung sprechen?«
Thisbe hielt inne. »Könnte mensch so sagen.«
»Möchten Sie das? Wir haben einen Termin, wenn Sie dazu in der Lage sind.«
Sie starrte ihn an. »Sind Sie dazu in der Lage?«
»Immer.« Mir gefiel Carlyles »immer«, dieser bestimmte Tonfall, als würde er seine wahre Bestimmung erahnen, als hätte sie eine neue Energie in ihm erweckt. »Und Mycroft, wenn Sie auch gerne eine Sitzung mit mir verabreden würden, könnte ich das bestimmt ermöglichen.«
»Ich denke darüber nach«, erwiderte ich, als ich nun endlich zwischen den Tischbeinen und Thisbes Beinen hervorkroch.
Sie runzelte die Stirn. »Mycroft, du musst nicht gehen, nur weil …«
»Ich muss arbeiten.« Das war nicht gelogen. Schon seit einiger Zeit summte eine Aufforderung des Mitsubishi-Exekutivdirektorats in meinem Ohr. Ich hatte gezögert, weil Bridger wichtiger war, doch nun hatte ich selbst einen Grund für einen Besuch in Tōgenkyō. Meine Suche war tiefschürfend gewesen. Im Jahr 2426 waren nicht viele Genverbotskinder geboren worden, es gab nicht viele Eltern, die ein Kind mit solch blauen Augen und solch goldschimmernden Haaren hervorgebracht hatten, und es gab nicht viele Krankenhäuser, deren Akten sich nach Eingabe der Sicherheitscodes, die ich mir hatte ausleihen dürfen, nicht öffneten. Das hatte mich nach Tōgenkyō geführt.
Thisbe wusste, dass ich ihr auch auf Nachfragen nichts über meine Arbeit verraten würde. »Sehen wir uns heute Abend?« Sie beugte sich vor und berührte meinen Rücken, ihre Handfläche und ihre langsamen Finger glitten über die Konturen meines Fleischs. Carlyle, das las ich in seinem Gesicht, gab sich sofort einer Vorstellung hin, in der ich nackt in Thisbes Armen lag. Das war der große Dienst, den mir Thisbe erwies. Explizite Lügen waren unnötig, denn die routinierte Weiblichkeit, die ihre legere Körperhaltung unterstrich, überzeugte jeden davon, sogar die Ba’Schwister, mit denen sie aufgewachsen war, dass meine ständigen Besuche auf eine simple, verbotene Affäre zurückzuführen waren. Carlyle hatte Bridger schon gesehen, was eine solche Täuschung eigentlich unnötig machte, doch jemand, der glaubt, das schmutzige Geheimnis eines anderen zu kennen, gräbt normalerweise nicht tiefer.
Ich erwiderte Thisbes Berührung, indem ich ebenso routiniert über ihre Wange strich. »Hoffentlich.«
Sie beugte sich näher an mein Ohr und verließ sich darauf, dass dies dank unserer Vorstellung natürlich wirken würde. »Ist diesin Cousinnin ein Problem?«
»Das werde ich in ein paar Stunden wissen«, erwiderte ich flüsternd. »Nutz diese Sitzung bis dahin, um nin besser kennenzulernen und auf die Probe zu stellen.«
Thisbe lächelte warmherzig und breit.
Ich war von Ängsten erfüllt, als ich ging. Ich fürchtete mich nicht vor Carlyle und fürchtete auch nicht um ihn, aber ich hatte Angst vor dem, was Tōgenkyō mir über die verraten würde, die Carlyle geschickt hatten. Dieser Genverbotene war so talentiert und passte so gut zu unseren Bedürfnissen, dass es schwer war zu glauben, dass von allen Sinnsagern auf der Erde ausgerechnet er uns zugewiesen worden war.
Ich werde Sie mit nach Tōgenkyō nehmen, Leser, aber noch nicht. Zuerst muss ich Ihnen schildern, was in der oberen Etage des Bash’Hauses geschah, bevor mich Thisbes Ruf nach unten befahl. Ich bitte Sie um Geduld. Sollten Sie sich entscheiden, nicht an Bridger zu glauben, dann fängt im ersten Stock die Hälfte der Geschichte an, die, wie Sie zugeben werden, unsere Welt verändert hat.
3
Die wichtigsten Menschen der Welt
An diesem Morgen, dem 23. März, war ein weiteres Auto vor dem gleichen Bash’Haus gelandet. Cielo de Pájaros erstrahlt wie ein Gletscher an so einem Morgen, wenn sich die Sonne in den langen Reihen der Glasdächer spiegelt, die wie Dantes Inferno mit riesigen Stufen zum Pazifik hinunterführen. Die Stadt verdankt ihren Namen den Vögeln, über eine Million, heißt es. Sie sind wild, aber gezüchtet, und schlüpfen in den Blumengräben zwischen den Ebenen, wo sie auch gefüttert werden. Daher wallen die Schwärme ständig aus ihren Verstecken auf und fallen in die Tiefen der Gräben zurück wie die Schaumkronen eines fliegenden Meers. Cielo de Pájaros ist eine von Krepolskys ersten Spektakelstädten und wird oft wegen ihrer Homogenität kritisiert: eine Häuserreihe nach der anderen, ohne eine Innenstadt oder ein Einkaufsviertel. Doch es mangelt der Stadt nicht an Einwohnern. Die Kritiker behaupten, dass die Menschen ein Leben ohne Innenstadt akzeptieren, weil sie dafür mit dem perfekten Meerblick in Chile belohnt werden, oder dass die Einwohner der Stadt vor allem stolz auf ihren Hive sind, dass sich diese Mitglieder der Humanisten freuen, weil unter ihren Stiefeln die gewaltigen Saneer-Weeksbooth-Computer summen. Aber es leben nicht nur Humanisten hier, sondern auch Cousins, Mitsubishi, gordische Scharen. Ich glaube, dass Cielo de Pájaros so erfolgreich ist, weil dies die erste Stadt war, die man für Leute erbaute, die keine Stadtzentren mögen, deren perfekter Abend darin besteht, am Fenster zu sitzen und den Möwen und den schäumenden schwarzen Wellen zuzusehen. Wer braucht schon geschäftiges Treiben in einer Stadt, die für Bash’s gebaut wurde, die lieber allein sind?
Martin Guildbreaker verließ das Auto, überquerte die strahlende Fußbrücke über dem Blumengraben und klingelte an der Haustür. Was konnten die Personen im Inneren sehen, als er sich näherte? Einen kantigen, marmorgrauen Maureranzug, dessen strenge Bügelfalten auf eine langwierige Arbeit schließen ließen, die man nur investierte, wenn man das eigene Aussehen für andere perfektionierte, so wie ein Butler für seinen Herrn, eine Braut für ihren Geliebten oder Martin für seinen Imperator. Eine dunklere, imperatorgraue und schwarz gesäumte Armbinde, auf der man Viereck und Kompass sah, wies ihn als FamiliarisRegni aus, einen Intimus des Maurerthrons, der durch die Gänge der Macht wandelte und sich im Gegenzug an das Gesetz und den Vertrag halten musste, die ihn zwangen, sich Cäsars Diktum vollständig zu unterwerfen. Martin trug keine Strat-Insignien, nicht einmal die eines Hobbys, nur sein einer weißer Ärmel verriet, dass er permanent an einem sehr maurertypischen Ritual, dem AnnusDialogorum, teilnahm. Er hatte schwarzes Haar und eine gesunde, leicht persischbraune Haut, aber ich werde Sie nicht mit der Genetik einer Blutlinie langweilen, die seit zehn Generationen keine Nations-Strat-Insignien mehr trägt. Für einen Guildbreaker, einen Gildenbrecher, gibt es nichts außer dem Imperium, und für uns gibt es keinen unerwünschteren Anblick als den eines Guildbreakers auf unserer Türschwelle.
»Ich bin auf der Suche nach Mitglied Ockham Saneer«, sagte Martin ins Interkom.
Der Wächter des Hauses blieb im Inneren, sodass nur Worte den Eindringling begrüßten. »Naht der Weltuntergang?«
»Nein.«
»Dann gehen Sie. Ich muss mich um achthundert Millionen Menschen kümmern.«
»Das geht nicht.« Der Maurer entschuldigte sich mit seinem Tonfall, nicht mit seinen Worten. »Ich muss den Sicherheitsverstoß von gestern Nacht untersuchen.« Martin veranlasste den Computer, seinen Ausweis zu zeigen. »Ich habe die entsprechende Vollmacht.«
»Ich habe unsere Polizei gerufen, keinin Polyrechtnin.«
»Ich weiß, dass dies ein Humanisten-Bash’ ist, und ich werde Ihre Hive-Souveränität selbstverständlich respektieren. Aber da es um einen global essenziellen Besitz geht, ist Romanova für Sie zuständig. Und sie haben mich damit beauftragt.«
»Glauben Sie, dass Sie einfach hier hereinspazieren und meine Sicherheitssysteme verbessern dürfen, nur weil Ihr Bash’ im Sanctum Sanctorum herumstolziert?«
Ich glaube nicht, dass Martin je zuvor damit beleidigt worden war, dass seine Bash’Freunde in der ehrwürdigsten Garde des Maurer-Hives dienten. Es gelang ihm, nicht zusammenzuzucken. »Sind Sie Mitglied Ockham Saneer?«
»Das bin ich«, verkündete Ockham genüsslich, als hätte er sich genau für dieses entschieden, hätte man ihm alle Leben in der Geschichte zur Auswahl gestellt.
Martin nickte angemessen respektvoll. »Es geht nicht nur um einen einfachen Sicherheitsverstoß. Mensch hat Ihnen einen Diebstahl in die Schuhe geschoben. Ihre Tracker-ID hat sich gestern am späten Abend am Tatort in Tokio eingeloggt, und heute Morgen sind fünf Millionen Euro auf Ihrem Bankkonto aufgetaucht. Ich weiß, dass die Vorstellung, jemand aus Ihrem Bash’ würde aus Profitgier stehlen, absurd ist, aber ich kann nur mit Ihrer Hilfe herausfinden, weshalb jemensch einen so unglaubwürdigen Plan umgesetzt hat. Dass hier gestern Abend ebenfalls eingebrochen wurde, kann kein Zufall sein.«
Die Tür schwang nun doch auf, und dahinter kam ein Mann zum Vorschein, der wie seine Schwester Thisbe indischer Abstammung und mehr als nur athletisch gebaut war. Sein Hemd und die Hose waren einmal einfarbig gewesen, doch nun bedeckte sie ein Labyrinth aus Kringeln, sich überkreuzenden Spiralen und hypnotisch wirkenden Wirbeln, die der Mann allerdings so gleichgültig trug, als hätte der Stoff nie Bekanntschaft mit Tinte gemacht. Nur seine Humanistenstiefel waren wichtig: Adern aus Stahl, die wie Klingen glänzten, rahmten blasses, eisgraues Leder ein, echtes Leder, das einst die strammen Flanken eines lebenden Rehs bedeckt hatte, von Ockham persönlich erlegt. Ebenso wie Martin trug Ockham keine Hobby- oder Nations-Strats, nur seine Hive-Stiefel und die überwältigende Selbstsicherheit eines Mannes, der etwas so Wichtiges bewacht, dass es ihm das Gesetz sogar erlaubt, dafür zu töten.
Die uralten Zivilisationen im Osten und Westen kannten den besonderen Atem der Macht, der mit dem Recht zu töten verbunden war. Dadurch wurden Schwert und Rutenbündel zu Herrschaftszeichen. Es erhob den Gebieter über den Knecht, den Mann über die Frau, den Richter über den Bittsteller. Wir haben im Verlauf unserer friedlichen Jahrhunderte nichttödliche Gewalt perfektioniert, sodass selbst die Polizei ohne das Recht zu töten zufrieden ihre Aufgaben erfüllt. Aber wir sind keine Narren. Denjenigen, die das gesamte Gemeinwesen bewachen, und den Wächtern rund um das Olenek-Virenlabor und im Sanctum Sanctorum gestehen wir zum Schutz von Millionen Menschen die Verteidigung mit »allen nötigen Mitteln« zu, mit einem Messer, einem Knüppel und sogar der Faust, diesem tödlichen Werkzeug. Selbst wenn sie von diesem seltensten Recht niemals Gebrauch machen, umgibt diese Wächter bei jedem Blick und jeder Geste ein Hauch uralter ritterlicher Macht.
»Ich bin Ockham Saneer. Was soll ich denn gestohlen haben?«
Martin nickte respektvoll. »Die unveröffentlichte Sieben-Zehn-Liste von Black Sakura.«
Ockham wirkte noch spöttischer als zuvor. »Wer würde denn fünf Millionen für einen geistlosen Leitartikel bezahlen, der in zwei Tagen gedruckt wird?«
»Das gäbe es eine recht lange Liste. Aber ich weiß nicht, wer fünf Millionen bezahlen würde, um Ihnen dieses Verbrechen in die Schuhe zu schieben. Waren Sie gestern in den Büros von Black Sakura? Hatten Sie je mit denen zu tun?«
Ockham blockierte immer noch so unverrückbar wie eine Statue auf einem öffentlichen Platz den Eingang. »Wenn ich mich für Zeitungen interessieren würde, läse ich eher The Olympian oder El País.«
»Das Fehlen der Seiten wurde um neunzehn Uhr entdeckt. Das ist Tokio-Zeit, also sechs Uhr morgens hier. Haben Sie vielleicht in den Stunden zuvor Ihren Tracker abgelegt?«
»Seiten?«
»Ja. Bei der gestohlenen Liste handelt es sich um ein auf Papier handgeschriebenes Manuskript. Black Sakura ist in der Hinsicht sehr antiquiert.«
Ockhams Gesichtsausdruck wurde härter. »Das erklärt den Einbruch hier. Din Eindringlingnin hat ein von japanischen Schriftzeichen bedecktes Stück Papier im Haus zurückgelassen.«
Martin schluckte. »Darf ich es mir ansehen? Es fällt in meine Zuständigkeit.« Er ließ seine Vollmacht über Ockhams Brillengläser flackern.
Der Humanist wich so zögerlich wie ein Mastiff zurück. »Fragen Sie, bevor Sie etwas anfassen.«
»Verstanden.« Der Maurer trat auf Zehenspitzen und mit einer Verehrung, die er sonst nur seinem eigenen Kapitol entgegenbrachte, über die Schwelle. Im Eingangsbereich gab es nur wenig zu sehen, abgesehen von einem knöchelhohen Sicherheitsroboter, der sich zeigte, um den Besucher daran zu erinnern, dass sich seine unzähligen Brüder und Schwestern überall im Haus verbargen. Loyale Humanisten des Saneer-Weeksbooth-Bash’ stellen für gewöhnlich die traditionellen Relikte all ihrer Triumphe im Eingangsbereich ihrer Häuser aus, aber da ihr berühmtestes Mitglied sein Zuhause geheim hielt, hingen nur wenige Diplome und Bilder – Thisbes Trophäen, Catos Buchumschlag – vereinsamt an den Wänden wie unvollendete Malereien. Erlaubte sich der junge Guildbreaker ein Urteil darüber? Betrachtete er selbstzufrieden die armselige Sammlung der Saneer-Weeksbooth, deren Name in den triumphalen Annalen des Bash’Systems so hoch angesehen war wie sein eigener?
