Sieben Kapitulationen - Terra Ignota 2 - Ada Palmer - E-Book

Sieben Kapitulationen - Terra Ignota 2 E-Book

Ada Palmer

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Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 2454. Den Anführern der großen, weltumspannenden Hives, die an die Stelle der alten Nationalstaaten getreten sind, ist es lange Zeit gelungen, durch geheime Abkommen die Weltordnung auf einem stabilen Niveau zu halten. Doch das fragile Konstrukt des globalen Gleichgewichts zeigt erste Risse. Band 2 der vierteiligen Reihe Terra Ignota. Übersetzung von Claudia Kern.

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Seitenzahl: 774

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ins Deutsche übertragen von Claudia Kern

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2022 by Ada Palmer. All rights reserved.

Titel der Englischen Originalausgabe: »Seven Surrenders« by Ada Palmer, published 2017 in the United States by Tom Doherty Associates LLC, New York, USA

Deutsche Ausgabe 2022 Panini Verlags GmbH, Schlossstr. 76, 70176 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: Claudia Kern

Lektorat: Katja Altreuther

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Cover-Illustration: Victor Mosquera

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDADAP002E

ISBN 978-3-7367-9827-4

Gedruckte Ausgabe:

1. Auflage, September2022, ISBN 978-3-8332-4175-8

Findet uns im Netz:

www.paninicomics.de

PaniniComicsDE

SIEBEN KAPITULATIONEN

EINEFORTSETZUNGVONDEM BLITZ ZU NAH,EINERSCHILDERUNGDEREREIGNISSE,DIE SICH IM JAHR 2454 ZUTRUGEN.

VerfasstvonMycroftCanner,aufWunschbestimmterParteien.

Zur Veröffentlichung freigegeben von:

Stabilitätskomitee des Romanova-Sieben-Hive-Rats

Fünf-Hive-Komitee für gefährliche Literatur

Ordo Quiritum Imperatorisque Masonicorum

Cousins-Kommission für den humanen Umgang mit Diensterninnen

Mitsubishi-Exekutivdirektorat

Seine Majestät Isabel Carlos II von Spanien

Und mit dem Einverständnis aller freien und unfreien lebenden Personen, die hier dargestellt werden.

Qui veritatem desideret, ipse hoc legat. Nihil obstat.

Empfohlen. – Anonym.

Ichwerdenichtwissen,werdinMörderninist,bisichnimbegegne,abersollteesMycroftsein,dannseidgnädigzunim.Sorgtdafür,dassnininSicherheitweiterlebenundweiterarbeitenkann.Ichhinterlasseunerledigte Dinge, die nur Mycroft Canner zu Ende bringen kann.

APOLLO MOJAVE.

Das Vier-Hive-Komitee für Religion in der Literatur stuft das Werk als garantiert nicht bekehrend ein.

Raté par la Commission Européenne des Medias Dangereux.

Inhaltsfreigabe der gordischen Kommission:

S3– Explizite, aber nicht in die Länge gezogene Sexszenen; erwähnt werden Vergewaltigung, Sex mit Gewalt; Geschlechtsverkehr realer und lebender Personen.

V5 – Explizite und in die Länge gezogene absichtliche Gewalt; explizite, aber nicht in die Länge gezogene Darstellungen extremer Gewalt; Gewaltverherrlichung; weltweit traumatisierende historische Zwischenfälle; von realen und lebenden Personen begangene Gewalttaten.

R4 – Explizite und in die Länge gezogene Bearbeitung religiöser Themen ohne Bekehrungsabsichten; theologische Misshandlung; theologische Körperverletzung; kürzlich erfolgte Zwischenfälle globaler religiöser Kontroversen; Religiosität realer und lebender Personen.

O3 – Ansichten, die auf einzelne Gruppen beleidigend und auf viele verletzend wirken könnten; Inhalt könnte auf selbige bestürzend oder empörend wirken.

Personen, die in dieser Historie auftreten

Bridger ein Kind

Der Major ein Veteran

Gucker, Kriecher, Sanitäter, Gelber Ständer, Grüner Ständer, Keinewaffe, Keinständer seine Männer

Ducker ein Unzufriedener

Mommadoll eine Hausfrau

Mycroft Canner ihr Beschützer

Saladin sein Geliebter

Thisbe Ottila Saneer (Humanistin) eine Geruchsspur-Künstlerin

Ockham Prospero Saneer (Humanist) Sicherheitschef

Lesley Juniper Sniper Saneer (Humanistin) eine Sicherheitsoffizierin

Ojiro Cardigan Sniper (Humanist) ein Fünfkämpfer und lebende Puppe

Eureka Weeksbooth und Sidney Koons (Humanisten) Datenanalytiker

Kat und Robin Typer (Humanisten) Zwillinge

Cato Weeksbooth (Humanist) ein verrückter Wissenschaftler

Carlyle Foster (Cousin) ihr Sinnsager

J. E. D. D. Mason (minderjährig) ein Tribun

Madame D’Arouet (Blacklaw-Hivelos) Seine Mutter

Gibraltar Chagatai (Blacklaw-Hivelos) Seine Haushälterin

Martin Guildbreake (Maurer) Sein Ermittler

Dominic Seneschal (Blacklaw-Hivelos) Sein Sinnsager

Heloïse (minderjährig) Seine Nonne

Cornel MASON (Maurer) ein Imperator

Der siebte Anonyme eine politische Stimme

Brody DeLupa (Humanist) sein Stellvertreter

Bryar Kosala (Cousine) eine Vorsitzende

Vivien Ancelet (Graylaw-Hivelos) ihr Gatte, der Zensor

Jung Su-Hyeon Ancelet Kosala (Graylaw-Hivelos) ihr Bash’Kind, die stellvertretende Zensorin

Ganymede Jean-Louis de la Trémoïlle (Humanist) ein Präsident

Hotaka Andō Mitsubishi (Mitsubishi) ein Chefdirektor

Jyothi Bandyopadhyay, Chen Zhongren, Huang Enlai, Kim Yeong-Uk, Kimura Kunie, Lu Yong, Wang Baobao, Wang Laojing (Mitsubishi) seine Kollegen

Danaë Marie-Anne de la Trémoïlle Mitsubishi seine Frau

Jun, Sora, Michi, Ran, Harue, Naō, Setsuna (minderjährig) ihre Bash’Kinder

Masami Mitsubishi (Mitsubishi) ihr Bash’Kind, eine Reporterin

Toshi Mitsubishi (Graylaw-Hivelos) ein Analyst des Zensors, ihr Bash’Kind

Hiroaki Mitsubishi (Cousin) ein Analyst des Cousin-Feedbackbüros

Casimir Perry (Europäer) ein Premierminister

Isabel Carlos II von Spanien (Europäer) ein König

Felix Faust (Gordischer) ein Rektor

Julia Doria-Pamphili (Europäerin) Leiterin des Sinnnsagerkonklaves

Jin Im-Jin (Gordischer) Sprecher des Romanova-Senats

Darcy Sok (Cousin) Leiter des Cousin-Feedbackbüros

Lorelei Cook (Cousin) Romanova-Bildungsministerin

Ektor Carlyle Papadelias (Europäer) ein Polizist

Tully Mardi (Graylaw-Hivelos) ein Kriegstreiber

Aldrin Bester und Voltaire Seldon (Utopianer) Botschafter

Mushi Mojave (Utopianer) ein marsianischer Entomologe

Apollo Mojave (Utopianer) in stillem Gedenken

Dem Blitz zu nah, der vergangen ist, bevor Ihr sagen könnt: »Es blitzt.«

WILLIAM SHAKESPEARE, Romeo und Julia, II. Akt, 2. Szene

1

Nihil Obstet

Nihil Obstat – »Nichts verhindert es« – war die alte Erlaubnis, die Könige und Inquisitoren in erstickten Zeitaltern verkündeten, als Druckerpressen ihren tintenfarbenen Kuss nur auf das Papier geben konnten, wenn Tyrann Kirche und Tyrann Staat den universellen Knebel der Zensur gelöst hatten. Aber »nihil obstet« bedeutet etwas anderes, wenn Er es auf unsere Erlaubnisseite setzt, der gute Jehova Mason. »Obstet« ist ein Gebet. Eines, das Er immer wieder an die vielen Autoritäten richtete, die über die Menschheit wachen: Seinen imperialen Vater, die Cousins-Vorsitzende, den König von Spanien, das Konklave der Sinnsager, den weitsichtigen Zensor, das weise Institut der Brill: »Nichts soll es verhindern.« Sie fürchteten um Ihn ebenso wie um sich selbst, versuchten, Zweifel in Ihm zu säen, fragten Ihn mit Seinen vielen Namen: Bist du sicher, dass du das tun willst, J. E. D. D. Mason? Tribun? Porphyrogene? Prinz? Zehnter Direktor? Tai-Kun? Xiao Hei Wang? Jed? Jagmohan? Mikromegas? Jehova Epicurus Donatien D’Arouet Mason? Bist du sicher, dass diese knurrende, verwundete Erde so viel über dich erfahren soll? Aber Madame D’Arouet, die Ἄναξ Jehova in diesem seltsamen Bash’ aus der Vergangenheit erzogen hat, den sie im golddurchtränkten Herzen von Paris kultivierte, lehrte Ihn auch Zahlen: eins und viele, wenige und mehr. Dasselbe grimmige Kalkül, das Cicero und Seneca zwang, ihr Leben für das blutende Rom zu geben, zwingt Jehova nun, den Verzweiflungsschmerz der zehn Milliarden zu beenden, die nach Antworten schreien, selbst auf Kosten schlimmerer Schmerzen für die, die Ihm am nächsten stehen, und für Ihn selbst. Um Ihretwillen, Leser, hat Er gebetet, zu einem, zu vielen. Und um Deinetwillen bete auch ich zu der einen Macht, Die auf unserer Erlaubnisseite fehlt, und Die uns immer noch aufhalten könnte, wie Sie den feurigen Apollo aufgehalten hat. Die vielen Münder der Vorsehung haben tausend Geschichten verschlungen und könnten eine weitere verschlingen. Also bete ich: Lass nichts dieses Buch und das Gute, auf das es abzielt, verhindern. Wenn es in Dir, fremder Schöpfer, Güte gibt, nihil obstet.

2

EINSCHRÄNKUNG: DIESER ABSCHNITT MUSS HERAUSGENOMMEN WERDEN, BEVOR DIESES DOKUMENT VERÖFFENTLICHT ODER VERBREITET WERDEN DARF. PRIVATER ZUGANG KANN AUF RICHTERLICHE ANORDNUNG GEWÄHRT WERDEN.

EINSCHRÄNKUNG ANGEORDNET VON: Konklave din Sinnsagerninnen der universellen freien Allianz.

BEGRÜNDUNG: Verleumdung einins lizenzierten Sinnsagernins durch Unterstellung krimineller Handlungen.

EINSCHRÄNKUNG ANGEORDNET VON: Juristische Cousin-Kommission.

BEGRÜNDUNG: Dem öffentlichen Frieden könnte Schaden zugefügt werden, hier erwähnten Minderjährigen könnte Schaden zugefügt werden.

EINSCHRÄNKUNG ANGEORDNET VON: Ordo Quiritum Imperatorisque Masonicorum.

BEGRÜNDUNG: Aufruf zur Gewalt gegenüber einim Familiaris Regni.

EINSCHRÄNKUNG ANGEORDNET VON: Generalkommissarnin Ektor Carlyle Papadelias von der universellen freien Allianz.

BEGRÜNDUNG: Es liegen aussagekräftige Beweise dafür vor, dass erhebliche Teile dieses Dokuments mit zerstörerischer Absicht verändert oder gefälscht worden sind.

DAUER DER EINSCHRÄNKUNG: Fünf Jahre, Verlängerung hängt von Wiedervorlage ab.

Hallo, Fans und Feindninnen! Hier ist eurin allerbestin Sniper. Zuerst möchte ich euch versichern, dass ich lebe und es mir gut geht. Das Leben auf der Flucht passt perfekt zu mir. Meine Wunden sind verheilt, ich habe viele Verbündete, und ich werde Jehova Mason für euch töten, das schwöre ich, heute, morgen, in einem Jahr, wie lange es auch dauert. Sie können din kleinin Prinzen nicht ewig bewachen. Tyranninnen und Attentäterninnen sind symbiotisch miteinander verbunden. Meuchelmörderninnen sind immer böse und werden verachtet (selbst wenn wir Gutes bewirken, heiligt der Zweck nicht jedes Mittel), bis Tyranninnen auftauchen. Dann sind Attentäterninnen plötzlich Heldninnen, Lebensadern; auf einmal haben wir allein die Macht, die Welt ohne eine Revolution und die Zerstörungen, die Aufstände mit sich bringen, zu retten. Ihr gebt zu, dass ihr uns braucht. Aber zwischen den Tyranninnen vergesst ihr, dass wir Attentäterninnen nur dann da sein können, wenn ihr uns braucht, wenn wir die ganze Zeit über da waren. Ihr fühlt euch schmutzig, dass ihr eine solche Waffe im Haus aufbewahrt, aber irgendjemensch muss das tun, da sie sonst nicht da ist, wenn der böse Wolf schnaufend und keuchend auftaucht. Mein Amt ist nicht weniger eine Säule dieses Zeitalters als das der Zensorninnen oder dins Anonymnins. Ich übe es mit demselben Stolz aus.

Zweitens sollte ich erwähnen, dass ich nur dieses eine Kapitel schreibe und Mycroft wieder übernehmen wird, wenn ich zu Wort gekommen bin. Mycroft hat sich sehr bemüht, mit mir in Kontakt zu treten, damit ich das Ereignis schildern kann, das als Nächstes an der Reihe war. Ich habe mich nur dazu bereit erklärt, weil nin versprochen hat, kein Wort von dem, was ich geschrieben habe, zu verändern. Dieses Privileg werde ich bis zum Äußersten ausnutzen, und ich werde auch etwas zu Jehova Mason sagen, bevor ich fertig bin. Aber ich beginne mit dem Teil, aus dem sich eurin üblichin Erzählernin bisher herausgewunden hat: Ich korrigiere dieses absichtliche Versäumnis und werde euch das Aussehen von Mycroft Canner beschreiben.

Mycroft ist mittelgroß, wirkt kleiner, weil nin gebückt geht, und schwimmt in ninsem übergroßen Uniform wie eine in Säcke eingewickelte Statue, die darauf wartet, restauriert zu werden. Ninsen Haar ist auf diese klassische griechische Art gelockt, nicht ganz schwarz, mit einem eher gräulichen als braunen Hauch, und an den Seiten und auf der Stirn herausgewachsen, als würde nin glauben, dass sich ein so wunderbares Wesen unter ein paar verirrten Locken verstecken könnte. Die moderne Wissenschaft hat dafür gesorgt, dass ninsen Gesicht mit einunddreißig Jahren noch genauso frisch aussieht wie mit siebzehn, als ein Blick von Mycroft Canner genügte, um din Stärkstin erschaudern zu lassen, doch jetzt betrachten diese Teufelsaugen ganz zahm den Boden. Es sind braune Augen, wenn mensch sie denn sieht, hellbraun und antik anmutend, wie die braune Färbung, die alten Wein runder schmecken lässt als neuen. Auf ninsem Oberlippe findet mensch eine Narbe, wo sie einmal zu oft mit Gewalt gespalten wurde, was den Eindruck von versteckten Reißzähnen erweckt. Aber die wahre Belohnung verbirgt sich unter der Uniform, auf der Haut, die dort freigelegt wird, diesem Wandteppich aus Narben in allen Formen und aus allen Jahrgängen: die zerknitterten Ränder alter Schnitt- und Bisswunden, die rauen Verbrennungen, die Wunden an Hand- und Fußgelenken, die Ley-Linien der Chirurgie, Einschusslöcher, rund wie kleine Küsse, alle übereinandergeschichtet wie eine Graffitiwand, die nin dazu verleitet, ninsen eigenes Zeichen hinzuzufügen. Hinter jeder Narbe steckt eine Geschichte, und ich habe viele glückliche Stunden damit verbracht, diese Haut zu erkunden und Fragen zu ihnen zu stellen; Mycroft antwortet in etwa einem Drittel aller Fälle.

Der Mycroft, an den ihr euch aus den Nachrichten erinnert, war hager und muskulös wie ein ausgehungerter Aasfresser. Das hat sich nicht geändert. Der wildeste Streuner wird nach einem Jahr warmer Umarmungen und Streicheleinheiten weich, aber nicht Mycroft. Ich glaube nicht, dass Mycroft nur zur Selbstgeißelung hungert. Es könnte sein, dass nin einen solchen Körper nicht mit dem ungesunden Fraß verunreinigen will, den die Kundninnen den Diensterninnen anzubieten pflegen, aber ich vermute, dass unser Raubtier gewöhnliche Nahrung nur noch schwer hinunterwürgen kann, nach all dem, was es gekostet hat. Ninsen berühmte Mütze (und selbst ich war überrascht, als ich erfuhr, dass sie von Dominic Seneschal stammt) ist rund, braun, erinnert an die einins Zeitungsjungen, besteht jedoch mehr aus Flicken als aus Stoff und weist nur noch die Reste einer Krempe auf. Wisst ihr, dass Mycroft euch angelogen hat? Er sagte, es gäbe keinin Bettlerkönignin, din die Diensterninnen befehligt, aber der Anblick dieser Mütze lässt die anderen ebenso schnell Haltung annehmen wie der einer Krone. Die anderen Diensterninnen verehren Mycroft nicht wegen der Verbrechen, sondern wegen dem, was Mycroft seitdem getan hat. Es erstaunt sie, dass es in dieser Hölle einen Engel gibt, der bereit ist, sie so gut zu beschützen, wie es einem gefallenen Engel möglich ist.

Din Mycroft von heute ist in der Realität tatsächlich so unterwürfig wie in den Büchern, einin selbst ernanntin Sklavnin in dieser Welt, die keine kennt. Aber wenn man eine Weile mit nim zusammensitzt, mit nim redet, nin lockt, schwindet die Förmlichkeit, der Buckel, der die immer noch starken Schultern verbirgt, lockert sich, die Hände fangen an, sich wie Krallen auszustrecken, und schließlich kommt die Bestie, die ich din wahrin Mycroft nenne, an die Oberfläche. Sie ist nicht in nim gefangen, versucht nicht, auszubrechen, sondern ruht einfach im Inneren dins Sklavnins Mycroft wie ein Schiff, das auf etwas Besonderes wartet, im Hafen. Din Sklavnin Mycroft kennt nur einen Ausdruck: den der Entschuldigung. Die Miene dins echten Mycroft ist nicht lesbar, oder besser gesagt ist es falsch zu versuchen, sie zu lesen, so wie die Form eines Hundegesichts den Anschein erweckt, dass es lächelt oder die Stirn runzelt, obwohl man in Wirklichkeit nur menschliche Ausdrucksformen auf ein unmenschliches Ding projiziert.

Wie die meisten von uns habe ich Mycroft Canner zum ersten Mal in den Nachrichten gesehen, kurz nach der Festnahme, als die Polizei nin an einer Reihe von Einsatzkräften vorbeiführte. Mycroft war damals so gelassen. Nin sonnte sich in der Prozession, als wäre der durchsichtige Sargkäfig ein Triumphwagen. Wir hatten Mycrofts Gründe für die Mardi-Morde bereits aus den aufgezeichneten Reden erfahren, die nin bei den späteren Leichen hinterlassen hatte. Dies war der größte Gewaltakt dieses Jahrhunderts, und er wurde nicht von einer Regierung, einer Kirche, einem Stamm oder einer Armee begangen, sondern von einim Einzelnen. Seit Dorfbewohner zum ersten Mal im Namen ihrins Häuptlings angespitzte Stöcke schwangen, lag das Gewaltmonopol beim Staat, aber das Hive-System beendete das. Mycroft beschrieb ninsen Morde als die Demonstration einer Freiheit, die wir in dieser Ära zwar besaßen, aber noch nicht erkannt hatten. Als einen Beweis für den Fortschritt der Geschichte, denn siebzehn Tote hatten ausgereicht, um die Welt zu schockieren. Historisch betrachtet beschränkte sich die Welt nur an guten Tagen auf siebzehn Todesfälle. Philosophninnen haben lange über den Wilden Menschen spekuliert, darüber, ob das Gewissen angeboren ist oder von der Gesellschaft eingepflanzt wurde und ob der menschliche Geist tatsächlich in der Lage ist, Böses um des Bösen willen zu tun – selbst die abscheulichsten Mörderninnen neigen dazu, sich irgendein Ziel vorzustellen (Rache, Profit, persönliches Vergnügen, irgendeinen wahnsinnigen Befehl). Das ist eine wichtige, sogar grundlegende Frage: Können wir uns für Handlungen entscheiden, die die Welt nur schlechter machen, ohne dass wir ihnen einen, wenn auch perversen Nutzen zugestehen? Doch wir konnten nicht herausfinden, ob die wahre menschliche Bestie damals existiert hatte, als sie noch wie einin Handwerkernin im Zeitalter der Massenproduktion war, vernachlässigbar neben den unendlich größeren Übeln: Demozid und Krieg. Vor den Kameras predigte Mycroft, dass in dieser Zeit des Friedens, in der wir unseren Hive und unsere Werte selbst wählen, die Menschen endlich die Chance haben, das Schlimmste auf der Welt zu werden, und das Recht, stolz zu sein, wenn wir uns dagegen entscheiden. Das war das erste Mal, dass ich mich in jemenschen außerhalb meines Bash’s verliebte.

Einen Monat nach der Verhaftung erfuhr ich von Eureka, dass Mycroft Canner doch nicht hingerichtet worden war. Wir mussten uns nin zu eigen machen, das war klar. Selbst wenn wir meine Schwärmerei ignorieren, weiß ich, dass Killerninnen einander riechen können, und da meine Wenigkeit alle fünf Minuten in den Nachrichten zu sehen war, hatte Mycroft mich sicher schon gerochen. Eureka spürte Mycroft unter den Diensterninnen auf, und Ockham stattete nim einen Besuch ab. Es dauerte einen Moment, bis beide erkannten, was din andere war. Der lakonische Ockham sagte nur: »Komm«, worauf Mycroft sofort antwortete: »Ja, Məəəer Saneer«, in ninser typisch vagen Diktion, die den Eindruck erweckt, dass nin »Member«, »Mitglied« sagt, aber in Wirklichkeit dringt »Master«, »Meister« hindurch. Lesley und ich hatten Wochen damit verbracht, uns eine Erpressung auszudenken, mit der wir die Bestie an die Leine legen (und sie zum Schweigen bringen konnten, was Ockhams Sorge war), und es verärgerte uns ein wenig, dass sich unsere Pläne als überflüssig erwiesen. Wir hatten din Fallenstellernin auf die Jagd nach einem Wolf geschickt und stattdessen einen schwanzwedelnden Welpen gefangen; es blieb uns nichts anderes übrig, als ihn zu adoptieren. Es hätte mein Welpe sein sollen, aber Thisbe interessierte sich für ihn, und wenn Thisbe sich regt, zittert sogar O. S. Mycroft durfte meinin Spielkameradnin, Geschichtenerzählernin und Sparringspartnernin sein, aber nur Thisbe bekam nin nachts und (wie ich mittlerweile erfahren habe) berührte nin nie. Das ist auch gut so; wie mensch aus den Nachrufen der reichen Perversninnen weiß, bei denen sich Mycroft zu prostituieren pflegte, um Geld für andere Diensterninnen zu sammeln, lebt mensch nicht lange, wenn mensch mit Mycroft Canner schläft (und dank der Lektüre der ersten Hälfte dieser Geschichte weiß ich jetzt, dass ich dieses Phänomen Saladin nennen muss).

Aber unterlassen wir die Autorninnenbeschimpfung erst einmal. Meine Entführung am siebenundzwanzigsten März, darüber sollte ich sprechen. Es geschah um sechs Uhr morgens, nach meinem Zeitplan. Ich hatte gerade eine heftige (aber verdiente) Standpauke von meinim Fechttrainernin über mich ergehen lassen (nin ist unausstehlich, aber ich ertrage nin trotzdem, denn es ist so schwer, einir Trainernin zu finden, din sich nicht in mich verliebt). Ich hatte meinen Tracker gerade zum Duschen abgenommen, als mir eine geruchlose und schnell wirkende Droge das Bewusstsein raubte.

Es ist schwer zu sagen, wann ich zu mir kam, denn die Welt, in der ich erwachte, war wie ein Traum. Ich konnte nichts sehen, ich konnte mich nicht bewegen, und ich konnte nicht sprechen. Ich war nicht gefesselt oder geknebelt. Es waren meine Hände, meine Arme, meine Beine; sie lagen alle schlaff da, und als ich versuchte, um Hilfe zu rufen, kam nicht nur kein Ton heraus, auch meine Lippen weigerten sich, die Worte zu bilden. Ich spürte und erkannte sofort, dass ich in den vorgeformten Umrissen einer Lebendpuppen-Schachtel lag; Ich kenne die Umrisse, da mich Fans oft bitten, mich in der Verpackung anliefern zu lassen, damit sie das Vergnügen haben, mich auszupacken. Mein erster Gedanke war, dass ich eine meiner zum Leben erweckten Puppen sein könnte (nein, damals wusste ich noch nichts von Bridgers Fähigkeit, Spielzeug zum Leben zu erwecken; dank meines Berufs denke ich nur intensiv über solche Dinge nach). Meine Zunge konnte sich bewegen, sodass ich nicht erstickte, und ich ertastete mit ihr die Kerbe auf der Innenseite meines oberen linken Backenzahns, die keine Puppe besitzt, und die ich dort für genau solche Fälle eingeätzt habe (ich sagte ja, dass ich intensiv über solche Dinge nachdenke). Ich war also eindeutig keine Puppe. Ich konnte atmen. Ich konnte schlucken (mit Schwierigkeiten), ich konnte blinzeln und meine Augen bewegen (obwohl das Verpackungsband über ihnen so festsaß wie eine Augenbinde), und ich konnte meine Blase und meinen Anus so weit kontrollieren, dass ich die Schachtel nicht beschmutzte. Ein paar andere Muskeln spannten sich leicht an, als ich mich anstrengte – mein Kiefer, einige Stellen an meinem Bauch, eine Stelle in meinem Nacken –, also fing ich an, sie zu trainieren, um mein Blut ein wenig in Schwung zu bringen und so die Chemikalien schneller aus meinem System zu spülen, falls Chemikalien die Ursache waren. Als ich mich konzentrierte, entdeckte ich an meinem Körper einige schmerzende Stellen, die vermutlich mit der Art und Weise zusammenhingen, durch die diese Lähmung hervorgerufen worden war. Angst? Ich hatte keine Angst. Ich dachte darüber nach, in Panik zu verfallen, um meinen Puls in die Höhe zu treiben, zog es dann aber vor, mit wachem Verstand abzuwarten.

Die ersten Worte, die ich hörte, waren gedämpft, aufgrund der Schachtel und eines Stimmverzerrers, der die Silben dumpf und roboterhaft klingen ließ. »Okay, dann zeigen Sie mir mal diese Überraschung, die es wert war, mich hierher zu schleppen.« Ich spreche zwar kein Französisch, höre es aber oft, und dank dem Spanisch kann ich einfache Sachverhalte zusammensetzen.

»Es hätte gefährlich werden können, diese Überraschung in das Büro Eurer Heiligkeit zu bringen. Ich habe versucht, diesen Ort so zu dekorieren, dass Ihr euch wie zu Hause fühlt.«

»Das ist perfekt. Alle meine Lieblingsposter, und der Teppich ist schön weich.«

»Ich bin ein Profi.«

»Hm. Das bist du.«

Die beiden hielten inne, und dem Klang nach zu urteilen, knutschten sie. Es waren zwei Stimmen, beide durch Verzerrer verschleiert. Ich werde keine Namen nennen. Die Polizei hat (schriftlich) versprochen, diese Aussage nicht als Beweismittel gegen jemenschen zu verwenden, aber die Polizei hält sich nicht oft an solche Zusagen. Sie wissen ja, welchim Sinnsagernin Sniper als Gegenleistung für die Übergabe dins Cousinnins Carlyle Foster an einir gewissin Blacklaw versprochen wurde. Wenn ich die Namen nicht nenne, kann ich weiter auf berechtigte Zweifel pochen.

»Ist das die Überraschung, auf die ich hoffe?« Hände drückten auf die Verpackung.

»Wenn Ihr es erraten habt, ist es keine Überraschung.«

Ich spürte saubere Luft auf meiner Brust, als sich die Schachtel öffnete. »Oh! Wunderschön …« Die Hände erforschten meine Brust. »Nin ist echt? Din echte Sniper?«

»Ich bezahle meine Schulden, Eure Heiligkeit.« Eine andere Hand führte die erste zu meinem Handgelenk, um den Puls zu messen.

»Din echte Sniper. Das ist wirklich din echte Sniper?«

»Ich werdes es schwören, wenn Ihr daran zweifelt.«

»Hast du nin dazu gebracht, ninsen Einverständnis zu geben?«

»Nein, natürlich nicht. Ich weiß, dass Ihr diesen Teil selbst erledigen möchtet.«

»Mmm. Wie hast du nin geschnappt? Hast du das Canner-Gerät angeworfen?«

»Damit ich einen Schwarm Mondmenschen anlocke? Nein, nein. Verstohlenheit und Geduld, Euer Heiligkeit, Verstohlenheit und Geduld.«

Die Hände hoben meinen Arm an. Die Berührung war zart, aber nicht sanft. »Nin ist schlaff. Ist nin bewusstlos?«

»Wo bliebe da der Spaß? Es ist bei Bewusstsein, nur erstarrt wie eine Puppe. Es kann uns hören, und wenn Ihr die Augenbinde entfernt, kann es sehen. Also achtet darauf, dass Eure Maske nicht verrutscht.«

Die Hände spielten mit meinen Fingern, krümmten sie, um herauszufinden, ob sie sich dagegen wehren würden. »Wie hast du das gemacht?«

»Die Lähmung? Eine sehr vorsichtige Anwendung von diesem und jenem. Das ist nicht meine Erfindung; Madame hat solche Sonderwünsche schon früher erhalten. Sie ist nicht dauerhaft, sie muss alle paar Stunden aufgefrischt werden, aber ich kann für eine weitere Dosis sorgen, wenn Ihr es für nötig haltet.«

»Oh, du hast dich selbst übertroffen! Du kannst Carlyle haben! Du kannst jede Schachfigur haben, die du willst!«

Din andere lachte. »Ihr habt Euch diese Belohnung verdient. Din imaginäre Freundnin, din Ihr auf den Zeichnungen dins Jungen identifiziert habt, war genau das, was ich brauchte. Der Trick hat wunderbar funktioniert.«

»Das Kind, bei dem du um Rat gebeten hattest, konntest du es erfolgreich brechen?«

»Ich breche es noch. Kein Grund zur Eile. Ich habe drei ninser kleinen Freundninnen als Geiseln genommen, und Ihr könnt Euch nicht vorstellen, welche Schätze schon zum Köder schwimmen.«

»Kleine Freundninnnen? Ich hoffe, du verstößt nicht gegen die Gesetze der Blacklaw, indem du Minderjährigen Schaden zufügst?«

»Kein bisschen. Außerdem werde ich solche Köder nicht mehr brauchen, wenn ich din kleinin Carlyle habe und nin alles für mich erledigt.«

»Und Gott? Din gemeinin Gottnin, meine ich. Machst du Fortschritte? Du hast so spannende Andeutungen gemacht.«

Ein weiteres, kussdurchsetztes Schweigen.

»Gott ist fast mein.«

»Wie lange noch?«

Ein Schmunzeln. »Geduld ist eine Tugend, Euer Heiligkeit. Betrachtet sie als Ausgleich für das heutige köstliche Laster. Eure Puppe erwartet Euch.«

»Mmm.« Geübte Hände packten mich unter den Armen und drückten meinen Oberkörper nach vorne, bis ich in eine Umarmung rutschte. Einige lange Haare verfingen sich in meinen Lippen, als mein Gesicht auf nackte Haut fiel, und ich spürte Brüste an meiner Brust. »Ups! Vorsichtig!« Nin sprach mich auf Englisch an und lachte, als nin meinen Kopf so ausrichtete, dass meine Wange auf ninsem Schulter lag. »Was bist du doch für ein zerbrechliches Ding, Sniper, und so leicht! Ich habe mir immer vorgestellt, dass din Echte schwerer sein würde als die Puppen.«

»Passt auf, dass Ihr nim nicht den Hals verrenkt. Eigentlich hätte ich nim diese Halskrause anlegen sollen, aber das hätte den Effekt beim Öffnen der Schachtel ruiniert. Es besteht jedoch die Gefahr, dass nin sich etwas verrenkt, wie bei Babys.«

»Das können wir doch nicht zulassen, oder, Sniper? Wir können nicht zulassen, dass du verletzt wirst. Komm her.« Meinin neuin Besitzernin (wie sonst sollte eine Puppe dinjenigen nennen, dim sie geschenkt wird?) hielt meinen Kopf fest, damit din Gabenbringernin die Halskrause anlegen konnte. Das half und hielt meinen Kopf gerade, als meinin Besitzernin mich nach vorne neigte und kuschelte. Es war eine intensive Umarmung, ohne Unbeholfenheit oder Zurückhaltung, die Art Umarmung, zu der zwei Menschen nur nach langer Intimität in der Lage sind, die aber jedin sofort einem Teddybären gewähren kann. Erstaunlich. »So, ist das besser? Jetzt holen wir dich aus deiner Schachtel heraus und machen es dir bequem.«

»Lasst mich helfen.« Ich spürte die Hände der zweiten Person. Sie waren mittelgroß und hätten zu beiden Geschlechtern gepasst, aber so kräftig wie Zangen. »Auf drei, fertig? Eins, zwei, drei!«

Die beiden trugen mich ein kurzes Stück, dann legten sie mich auf einen weichen Teppich und betteten meinen Kopf und meine Schultern auf ein Kissen.

»So.« Mein Besitzer legte mir die Hände ordentlich an die Seiten. »Viel besser. Jetzt entfernen wir die Verpackung, damit wir deine schönen Augen sehen können.«

Sie zupften an dem Verpackungsstreifen, der die Puppenaugen beim Versand schützt, und spalteten das Siegel mit Fingernägeln, die es (fast) schafften, meine Haut nicht zu zerkratzen. Selbst das gewöhnliche Lampenlicht brannte nach dieser Dunkelheit, und ich schloss sofort die Augen und zuckte zusammen, soweit ich die Kraft hatte, zusammenzuzucken.

»Oh!«, rief meinin Besitzernin. »Hat dir das helle Licht wehgetan? Hier.« Nin beugte sich so weit vor, dass nin mich in ninsen Schatten einhüllte, und stellte mit einem sanften Kuss auf das Augenlid die völlige Dunkelheit in meinem linken Auge wieder her. »Lass mich das besser machen.« Der Kuss bewegte sich, von einem Auge zum anderen, dann über meine Wange. »So, jetzt ist es besser. Mach die Augen auf. Alles wird gut.«

Als ich die Augen zusammenkniff und blinzelte, sah ich eine saubere weiße Halbmaske, die die obere Hälfte eines hellen Gesichts bedeckte, mit einem schwarzen Haarschopf dahinter, der über einen nackten Körper fiel, der wahrscheinlich nicht so schön war, wie ich ihn in Erinnerung habe, aber ich bin hier ungefähr so objektiv wie Mycroft bei Thisbe. Der Raum hinter meinim Besitzernin bestand aus einer Collage von mir: Poster, Porträts, einige ziemlich selten, alle möglichen Kostüme, frech, nett, formell, knapp, alle fünf Sportarten, alle sieben Hives, und über allem thronend die limitierte 2442er-Auflage von mir, die mich ohne Hemd auf einem Stuhl sitzend zeigt, mit auf die Haut gezeichneten Gelenken und den Fäden einer Marionette, die mich halb aufrecht halten. Ich habe schon immer Leute gemocht, die das mögen.

»So. Willkommen zu Hause, Sniper!«

Als nin meine Lippen küsste, die den Kuss nicht erwidern konnten, spürte ich endlich die bedrohungsfreie Liebe, nach der ich mich so lange gesehnt hatte. Ich bin seit vielen Jahren als professionelle Puppe tätig und weiß nicht mehr, wie oft ich von einem Fan nach Hause gebracht wurde, der von einer Nacht mit dem Original geträumt hatte, dessen Erwartungen sich aber nicht erfüllten. Diejenigen, die sich eine Puppe als Liebhabernin wünschen, sind in der Regel schüchtern, scheuen Berührungen und fühlen sich mit Plastik und Fantasien wohler. Ich gebe mich so harmlos wie möglich: Ich bin unbehaart, kindlich, gebe keinem Geschlecht den Vorzug, und ich lasse mich immer anziehen, füttern, führen, doch ich erwidere die Berührungen, küsse reflexartig zurück, könnte potenziell aktiv werden. Dieses Potenzial zerstört die Illusion, so wie mensch abgelenkt ist, wenn sich ein Ba’schwis im Nebenzimmer und damit in Hörweite aufhält, selbst wenn es nichts tut. Solange ich handeln konnte, waren die Besitzerninnen bei mir nicht so sicher wie bei meinen Puppen. Fesseln lösen das Problem nicht, sie machen es sogar noch schlimmer, denn die Fesseln erinnern nur an die Macht, die sie einschränken. Hier jedoch, wo meine Macht nicht eingeschränkt, sondern weg war, konnte meinin Besitzernin sich so fühlen, wie jemensch, din nackt in einem leeren Haus sitzt oder im Badezimmer singt, und so kostete ich endlich diese sanfte Zuneigung, die zuvor nur Puppen und Dildos hatten genießen können. Ich spürte, wie sehr mich das veränderte, noch während es geschah, denn die Erfüllung eines solch intuitiven Wunschs veränderte die Dinge in meinem Kopf, nicht nur die mir bewusste Spitze des Eisbergs, sondern auch die schwarzen Tiefen, die selbst Brillistninnen kaum verstehen. Zu diesem Zeitpunkt hatten Thisbe und Eureka dem Rest des Bash’s noch nichts von ihrem »schwarzen Loch« in Paris erzählt oder von dem, was darin lauerte, sodass ich nicht erkennen konnte, dass es sich um ein Durchsickern der gleichen Bedrohung handelte. Meinin Besitzernin hatte nicht bei Madame D’Arouet studiert, aber von dim knurrenden Gabenbringernin dieselben Techniken aufgesaugt, wie durch eine dunkle Nabelschnur: das Aufspüren der Gelüste, die Menschen nicht zugeben wollen, und sie so real umsetzen, dass sich die normale Welt danach so langweilig anfühlt, als wäre sie schwarz-weiß. Mycroft hat euch gezeigt, dass din Vorsitzendnin Kosala und din Anonymnin das Feuer der Leidenschaft nicht mehr ohne ihr »er« und »sie« und die Spitzen und Westen entfachen können. Es war richtig von Mycroft, das als »Sucht« zu bezeichnen.

»Und nun zum eigentlichen Geheimnis.« Die Hände meinins Besitzernins glitten langsam an meinen Seiten hinunter zu dem zweiten Verpackungsstreifen, der meine intimsten Stellen schützte. Nin warf einen Blick über ninsen Schulter auf din Gabenbringernin. »Darauf hast du gewartet, nicht wahr?«

»Um ehrlich zu sein, habe ich es schon gesehen.« Din Gabenbringernin stand hinter meinim Besitzernin, ebenfalls maskiert und in einen schwarzen Umhang gehüllt, der alles bis auf eine im Schatten liegende Stelle an der Kehle verdeckte. »Entschuldigt, dass ich nicht auf Eure Heiligkeit gewartet habe, aber ich musste es abtrocknen und einpacken. Es war ziemlich spannend, wegen der ganzen widersprüchlichen Gerüchte.«

»Ich weiß.« Meinin Besitzernin drückte meine Oberschenkel auseinander. »Du bist ein freches Ding, Sniper, verbreitest verwirrende Gerüchte, um uns im Ungewissen zu lassen.« Ich konnte nicht nach unten blicken, aber ich sah ein subtiles Lächeln, als ninsen Finger das Siegel knackten. (Ich habe lange überlegt, ob ich das hier verraten soll, aber es ist an der Zeit. Ich bin allen unendlich dankbar, die mir geholfen haben, das Geheimnis so lange zu bewahren: dem Prominentenkindergesetz, meinen Trainerninnen, Ärztninnen, Mannschaftskameradninnen, Journalistninnen, meinen vielen Fans, die davon wussten, und den vielen, vielen anderen, die darauf brannten, es zu erfahren, aber meine Bitte um Privatsphäre so sehr respektierten, dass sie sogar vor The Scoop randalierten, als der mit einer Enthüllungsgeschichte drohte. Aber es ist an der Zeit, euch alle von diesem Schweigen, diesem Geheimnis zu befreien, euch ganz sehen zu lassen, was ich war, jetzt, da meine Puppentage vorüber sind). »Einin Junge«, verkündete meinin Besitzernin. »Nicht überraschend. Nein, Moment.« Nin beugte sich näher heran, ninsen langen Haare kitzelten meine Schenkel, die nicht zucken konnten. »Beides! Oh, ausgezeichnet.« Nin hob meinen Penis behutsam an und tastete nach den Scheidenfalten dahinter. »Du süßer Fratz, du wolltest die Fans nicht enttäuschen, die sich an beide Modelle gewöhnt hatten. Wie rücksichtsvoll!« Nin spreizte meine Schenkel weiter, und die kalte Luft des Zimmers traf auf die Feuchtigkeit meiner Schamlippen. »Das ist eine schöne Arbeit. Makellos!« Nin wandte sich wieder an din Gabenbringernin. »Welches Geschlecht hatte nin ursprünglich, weißt du das?«

Din Gabenbringernin beugte sich vor. »Das kann ich nicht sagen. Da unten sieht alles echt aus. Ich könnte nur ein paar Haare ins Labor bringen.«

»Nicht nötig. Wenn ich genauer darüber nachdenke, sollte Sniper so sein.« Meinin Besitzernin zog ninsen Hände vorsichtig von meinem Penis zurück, als hätte nin einen kleinen Vogel angefasst. »Oh! Er hat gezuckt.« Nin gluckste vor Vergnügen. »Kann nin steif werden?«

»Ja, natürlich. Die Lähmung ist sehr selektiv. Wenn mensch den Penis etwas massiert, kann es ihn hochkriegen. Sollte das erwünscht sein.«

»Hm. So wie es aussieht, muss mensch nicht viel massieren. Da amüsiert sich jemensch.« Meinin Besitzernin fuhr mit einem Finger über meine Wange. »Nicht wahr?«

Da nin wusste, dass keine Antwort kommen würde, kostete nin wieder meine Lippen und drückte mich nach vorn, wobei ninsen Zuneigung mich überwältigte wie ein guter Film, der einir zu allen Höhepunkten der Leidenschaft führt, ohne dass mensch einen Finger rühren muss. Nin war mit meinem Körper vertraut, wusste genau, wie meine Schultern hingen und in welcher Höhe nin mein Kinn auf ninsen Schulter legen musste.

»Wie lange darf ich nin behalten?«

Das war auch für mich eine brennende Frage.

Din Gabenbringernin zuckte mit den Schultern. »Das hängt von Eurer Heiligkeit ab. Wenn Ihr es für immer behalten wollt, kann ich Euch bringen, was Ihr dafür benötigt, aber es wird schwierig sein, ninsen olympischen Körperbau in der Gefangenschaft vor dem Verfall zu bewahren, und Ihr müsst Euch auf eine ziemlich heftige Verbrecherninnenjagd einstellen. Ich würde Fangen und Freilassen empfehlen: Ihr amüsiert Euch, dann setze ich Sniper wieder in der Wildnis aus, und wenn Ihr das nächste Mal in der Stimmung seid, holt Ihr es Euch wieder.«

»Würde das funktionieren?«

»Sicherlich. Ich schätze, dass es noch zwei Stunden dauern wird, bis der Rest des Bash’s merkt, dass Sniper verschwunden ist. Aber sie werden es mindestens einen Tag lang heimlich suchen, bevor sich die Neuigkeit weiter als bis zu Ninsem Gnaden, dim Herzognin ausbreitet. Solange wir Sniper heute Abend zurückbringen, wird es kein größeres Aufsehen geben. Wir können ninsen Gedächtnis als weitere Sicherheitsmaßnahme löschen, wenn Ihr wollt, aber ich bin sicher, dass es niemenschem ein Wort davon verraten wird.« Nin ging zu einem knurrenden Englisch über. »Wenn ich ihm so viel antun kann, obwohl ich ruhig bin, kann es sich denken, was ich alles anrichten könnte, wenn ich wütend wäre.«

Meinin Besitzernin umarmte mich fester. »Es gibt keinen Grund für Drohungen. Wenn ich mit meinim Sniper fertig bin, wird nin das nicht zerstören wollen. Ich weiß, was Sniper will. Ich weiß schon seit Ewigkeiten, was meinin Sniper wirklich will.«

Ihr glaubt vermutlich, dass ich an dieser Stelle etwas Trotziges und Heldenhaftes dachte, aber bei manchen Süchten reicht eine Dosis.

»Natürlich, Euer Heiligkeit. Ich entschuldige mich für die Beleidigung Eurer Fähigkeiten.«

»Hm. Ich werde dich später dafür büßen lassen.«

»Wie Ihr wünscht, Euer Heiligkeit.«

Meinin Besitzernin strich mir die schwarzen Haarsträhnen aus den Augen. »Aber zuerst ist Sniper an der Reihe.«

Durch die Stimmverzerrung klang das Kichern dins Gabenbringernins wie der Todesschrei eines Computers. »Vielleicht solltet Ihr es dauerhaft behalten. In ninsem Bash’ passieren üble Dinge; es ist vielleicht sicherer hier bei Euch.«

»Ich werde darüber nachdenken.«

Ich dachte auch darüber nach, und mir wurde klar, dass ich nur daliegen und darauf warten konnte, dass meinin Besitzernin eine Entscheidung traf, die buchstäblich meine ganze Welt bestimmen und große Auswirkungen auf die aller anderen haben würde. Mein Pflichtgefühl sorgte dafür, dass ich mich nach Freiheit sehnte, aber in meiner Erinnerung war dies der einzige Moment, an dem ich mir wünschte, mir bliebe diese Pflicht erspart.

Din Gabenbringernin wandte sich ab. »Ich habe zu tun. Ich werde zurück sein, bevor die Lähmung nachlässt. Ich habe ein paar Puppenkleider zum Anziehen mitgebracht. Sie sind in der Truhe da hinten.«

»Ich danke dir.«

»Ruft mich an, wenn Euch irgendwelche Zuckungen auffallen. Sportlerninnen haben oft einen schnellen Stoffwechsel, deshalb kann es sein, dass die Wirkung schneller nachlässt als üblich.«

»Verstehe.«

Din Gabenbringernin geriet in mein Blickfeld, als meinin Besitzernin mich auf ninsen Schoß schob. Ich suchte nach Hinweisen auf ninsen Identität (Hautfarbe, Gewicht) unter dem Mantel und der schnabelartigen gipsweißen Maske, aber diesin Feindnin war zu geübt. »Viel Spaß!«

Meinin Besitzernin genoss jeden Zentimeter von mir, aber ich werde die Details auslassen. Es ging nicht nur um Sex, sondern auch darum, gehalten zu werden, diese warme, vertrauensvolle Umarmung. Es wurde auch viel geredet. Meinin Besitzernin sprach darüber, wie es sich anfühlte, die verborgenen Obsessionen der Menschen zu sehen, als hätte mensch einen Röntgenblick und könnte all die Krankheiten erkennen, die Ärztninnen noch nicht entdeckt haben. Nin sprach über das Prinzip von Geheimnissen und spekulierte darüber, warum mensch das Bedürfnis hat, Geheimnisse mit anderen zu teilen. Ob mensch sich vorstellt, dass etwas passieren könnte, wenn mensch sie laut ausspricht, so als würde mensch auf Holz klopfen. Oder ob es sich einfach realer anfühlt, wenn es einir Zeugnin gibt. Nin sprach über den Zustand der Welt, über Vorstellungen von Gottnin, die ich nicht wiederholen werde, und viel über das Geschlecht. Nin bezeichnete das Geschlecht als eine universelle Sprache, und wir tun alle so, als würden wir sie nicht beherrschen. Die meisten stellen sich einfach blind oder versuchen (weil wir wissen, dass wir das tun sollten), die Spuren des Geschlechts zu beseitigen und damit auch die alten Ungleichheiten, die diese Spuren wiederzubeleben drohen. Aber, sagte nin, gerissene Leute können diese Sprache dazu benutzen, Ziele mit einer Körperrhetorik anzugreifen, auf die wir nicht eingehen dürfen und der wir erst recht nicht widerstehen können. Meinin Besitzernin benutzte absichtlich eine extrem geschlechtsspezifische Persönlichkeit, um Menschen zu verunsichern, so wie ich meine neutrale benutzte, damit Menschen sich wohlfühlten. Wir waren zwei Hauskatzen, die den wahren Zweck von Krallen und Reißzähnen erkannt hatten; meinin Besitzernin nutzte sie zur Jagd, während ich versucht hatte, mir die Krallen entfernen zu lassen. Nun, da ich die erste Hälfte von Mycrofts Historie gelesen habe, weiß ich, dass ich Madame D’Arouet für diese Ideen verantwortlich machen muss. Meistens aber sprach meinin Besitzernin über Macht.

»Ich brauche eine Pause von der Macht, Sniper. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich das Manipulationsspiel schon ewig spielen, und wenn mensch erst einmal damit angefangen hat, kann mensch nicht mehr aufhören. Es macht mir Spaß und ich würde es um nichts in der Welt aufgeben, aber meinin Rivalnin ist auch sehr gut, und ich muss jedin um mich herum zu einer Schachfigur machen, die auf meiner Seite steht, damit nin sie nicht auf ninsen Seite zieht. Ich brauche eine Pause, nur ab und zu, so wie jetzt. Mit dir ist es anders. Du kannst mich nicht ausnutzen, und ich will dich nicht ausnutzen, obwohl ich es könnte. Du bist für meinin Rivalnin tabu, also kann ich dich auch für mich tabu machen. Ich kann mich entspannen. Es gibt keine Macht zwischen uns beiden, nur Spaß. Ich bin mir sicher, dass du auch eine Pause brauchst. Du spielst ein hartes Spiel, damit Ganymede an der Macht bleibt. Das muss anstrengend sein, das ganze Training, die Wettkämpfe und die Kunststücke, die die Wählerninnen davon abhalten sollen, an jemensch anderen als dich und Ganymede zu denken. Aber hier gibt es kein Rampenlicht. Mir musst du nichts vorspielen, und du musst dir keine Gedanken über Verpflichtungen machen, wenn du sie nicht im Geringsten wahrnehmen kannst. Du kannst dich entspannen. Ist es nicht das, was du wirklich willst, Sniper? Ein Leben, in dem du dich endlich entspannen kannst?«

Ich hätte versuchen können, irgendwie zu antworten, ein langsames Blinzeln, einen deutlichen Atemzug, aber das hätte alles verdorben und diese Stunden zunichtegemacht, die den Höhepunkt meiner Nebenbeschäftigung darstellten. Das ist ein Wort, das mensch sich auf der Zunge zergehen lassen muss, »Nebenbeschäftigung«: eine zweite große Beschäftigung, die einir von der eigentlichen Berufung ablenkt, so wie einin von der Schauspielerei abgelenktin Musikernin oder einin von der Politik abgelenktin Lehrernin. Thisbe lässt sich vom Filmemachen ablenken und meinin Ba’El vom Entwerfen von Puppen. Alles wichtige Aufgaben, aber dennoch zweitrangig. Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf, weil sie mich und Ockham um O. S. konkurrieren ließen (das hat uns stärker gemacht), aber als Lesley auf den Plan trat, war klar, dass es einir Gewinnernin und einir Verlierernin geben würde, wenn wir erwachsen waren, kein unentschieden. Als der Rummel um meine Rolle als Lebendpuppen-Model mich zum Kinderstar machte, sah ich einen zweiten Weg vor mir, der sicherer war als der Kampf um die Führung des Bash’s, bei dem es immer fifty-fifty stand. Die anderen waren sich einig, dass eine Berühmtheit im Haus unser Arsenal ergänzen würde, und so arbeitete ich wie einin Wahnsinnigin, um mir meinen Ruhm zu sichern: Ich übte für die Presse, hielt mich auf dem Laufenden, war stets zu einem Scherz aufgelegt, sorgte dafür, dass Journalistninnen niemenschen lieber interviewten als mich. Dann fand ich eine Sportart, in der mein kleiner Körper (weder besonders stark noch schnell) brillieren konnte, und sorgte dafür, dass ich bei drei Olympiaden und mehr wettkampftauglich war. Ich liebte meine Nebenbeschäftigung, litt für sie und nahm die Pflicht, allen zu gehören, die mich liebten, sehr ernst. Aber das stand immer noch an zweiter Stelle, und meine Bash’-Berufung an erster. Ich entschuldige mich bei allen, die in das verliebt waren, was ich war. Ich vermisse euch auch, und wenn ihr meinen Untergrund kontaktiert und mich für eine Nacht aufnehmen wollt, werde ich mein Bestes tun, um wieder eurin Sniper zu sein, aber das steht an zweiter Stelle. Mein Hive, alle Hives, stehen an erster. Ich bin Humanistnin, weil ich an Heldninnen glaube und daran, dass die Geschichte von Menschen geschrieben wird, die genug Feuer in sich haben, um die Welt zu verändern. Wenn ihr keine Humanistninnen seid, dann deshalb, weil ihr etwas anderes glaubt. Dieser Unterschied ist wichtig. Ich werde nicht zulassen, dass Jehova Mason das System aushebelt, das uns (und Mycroft hat viel geopfert, um das zu beweisen) endlich das Recht gibt, stolz auf das zu sein, für das wir uns entscheiden. Die Hives müssen verteidigt werden. Noch nie war einin Tyrannin in der Lage, wirklich die ganze Welt zu bedrohen, und noch nie in der Geschichte war meine wahre Berufung so notwendig wie heute. Ich werde Jehova Mason für euch töten; bitte nehmt das als meine Entschuldigung an.

Ich habe mein Limit von fünftausend Wörtern bereits überschritten. Was soll ich noch reinstopfen, bevor ich aufhöre? Die Bridger-Teile sind wahr. Das lässt sich beweisen. Im Gegensatz zu Mycroft werde ich euch nicht erlauben, so zu tun, als wäre das Irrsinn. Traut nicht den geschlechtsspezifischen Pronomen, die Mycroft den Leuten gibt, die stammen alle von Madame. Der Putsch findet statt, lasst euch nichts anderes einreden. Was den Widerstand angeht, erwarte ich nicht, dass sich die meisten von euch freiwillig melden werden, um zu kämpfen und zu sterben, aber wenn ihr meine Seite unterstützt, bedeutet das nur, dass ihr euren Hive liebt und uns zujubeln werdet, wenn die Tat vollbracht ist. Der Erste Weltkrieg war der Moment, in dem die Menschheit erstmals ihre Opfer in Millionen zählte, aber als Humanistnin muss ich mir die Frage stellen, die sich auch die Gründerninnen meines Hives stellten: Was hat die Welt mehr verändert? Der Verlust von Millionen oder der von einer Handvoll Menschen, die die Heldninnen der nächsten Generation gewesen wären? Wilfred Owen hinterließ eine winzige Sammlung von Gedichten, die nicht einmal für ein Buch ausreichten, aber dennoch das Erschütterndste sind, was ich je gelesen habe; hätte Owen überlebt, hätte nin vielleicht die Literatur revolutioniert, die Presse und die Politik von der schuldbeladenen Angeberei abgehalten, die das Feuer des Kriegs wieder entfachen würde, oder unzählige Leserninnen in den Selbstmord getrieben. Karl Schwarzschild korrespondierte mit Einstein aus dem Schützengraben und leitete logisch die Existenz schwarzer Löcher her, während nin im knietiefen Schlamm verrottete; wenn Schwarzschild überlebt hätte, wäre die Physik vielleicht um fünfzig Jahre beschleunigt worden. Nin hätte Mukta zwei Generationen früher ermöglicht oder den Nazis Atombomben gegeben. Owen und Schwarzschild; denkt gut darüber nach, welche Brandherde ihr löschen wollt, denn ein einziger Todesfall kann die Geschichte besser umlenken als jede Schlacht. Das war die Grundlage von O. S.

– Ojiro Cardigan Sniper, Dreizehnter O. S., 23. Mai 2454

* * *

ENDE DER EINGESCHRÄNKTEN SEKTION. ÖFFENTLICH ZUGÄNGLICHE ERZÄHLUNG WIRD FORTGESETZT.

3

»Euer Gnaden, Präsident Ganymede, O. S. ist hier.«

»Schicken Sie nin herein.«

Dieser fünfte Tag meiner Historie wirft uns in ein Meer von Szenen, die ich nicht miterlebt habe. Ich saß fest, war gefangen bei Madame auf Dominics Befehl und in der Gewissheit, dass ich gelyncht werden würde, wenn ich mich auf die Straße wagte, wo die Gerüchte über den Diebstahl der Sieben-Zehn-Liste, die Korruption bei BlackSakura und das gefürchtete Canner-Gerät von der schockierenden Enthüllung des Kriegstreibers Tully Mardi hinweggefegt worden waren: Mycroft Canner versteckt sich unter den Dienstern. Dominic Seneschal trug meinen Tracker nun wie eine Trophäe in seiner Tasche. Sie war auf Anordnung meiner gerichtlich bestellten Sinnsagerin Julia Doria-Pamphili »während meiner erzwungenen Ruhezeit« deaktiviert worden. Ich war blind, stumm, gefangen und konnte noch nicht einmal auf Nachrichten zugreifen. Aber ich bin nicht für Objektivität geschaffen. Ich ergänze: einen Ausdruck, den ich nicht gesehen habe, Worte, die ich nur in Umschreibung gehört habe, eine Geste, von der ich weiß, dass sie da war, obwohl kein Zeuge sie belegen kann. Warum tue ich das? Weil Sie, fantasievoller Leser, ein Mensch sind. Sie werden für mich einspringen, Gesichter und Persönlichkeiten erfinden, so wie Sie Ihren eigenen Alexander, Ihren eigenen Jack the Ripper und Ihren eigenen Thomas Carlyle erfinden. Sie sind den Menschen, die ich beschreibe, nie begegnet, also werden Ihre Vorstellungen weniger genau sein als die von jemandem, der neben ihnen in diesen Räumen geschuftet hat und sie schwitzen sah. Gefangen zwischen zwei Lügen gebe ich Ihnen meine, denn in ihr steckt mehr Wahrheit.

Ockham Saneer besitzt nur einen Anzug, auf dem seine Gattin Lesley nicht herumkritzeln darf, und der wird nur für Reisen nach La Trimouille benutzt. Sie trafen sich im sichersten Raum der humanistischen Präsidentenvilla, dem Schatzkabinett: sechseckig, mit Bienenwaben aus gläsernen Vitrinen, die behauene Steine, Siegelringe, Miniaturporträts und tierische und mineralische Kuriositäten enthalten. Herzog-Präsident Ganymede Jean-Louis de la Trémoïlle übertrumpfte die Schätze, seine Mähne glänzte wie Gold im Sonnenlicht, sein Blick war so scharf wie blaue Diamanten. Der eisbleiche Herzog drückte seinen Unmut durch die heutige Wahl der Seide aus, eine Perlenfarbe, fast so dunkel, dass man sie silbern nennen könnte, und die an ihm so grimmig wirkt wie Schwarz an jedem anderen Mann. Ockham wirkte mit seiner warmen indischen Haut und seinem schwarzen Haar, das an fruchtbare Asche nach einem Waldbrand erinnerte, wie ein echter, organischer Mensch neben einem eiskalten Idol.

»Mitglied Präsidentnin«, begrüßte Ockham seinen Hive-Leiter mit einem steifen, aber unbeholfenen Nicken, das eigentlich etwas Förmlicheres sein wollte, doch die Gepflogenheiten unserer friedlichen Ära erlauben es uns nicht mehr zu salutieren.

Der Herzog-Präsident bat Ockham mit einer Geste, auf der Bank ihm gegenüber Platz zu nehmen. »Warum ist Sniper nicht bei Ihnen?«

»Cardigan ist unerlaubt abwesend, Mitglied Präsidentnin.«

In der Krise hielt der Herzog nicht einmal inne, um über Snipers zweiten Vornamen zu schmunzeln. »Unerlaubt abwesend?«

»Nin ist heute Morgen zwischen 11:14 Uhr und 11:40 Uhr aus ninsem Fitnessraum verschwunden. Wir glauben, dass nin entführt worden ist.«

»Was?«

Ockham ließ sich seine Angst bestimmt nicht anmerken. »Lesley hat unsere humanistische Spezialgarde darauf angesetzt, aber ich hielt es für das Beste, den Vorfall noch nicht Romanova zu melden. Es könnte sich um einir von Cardigans Fans handeln, din nichts mit der Black-Sakura-Affäre zu tun hat.«

»Wie konnten Sie das ausgerechnet jetzt zulassen?« Die Anschuldigung kam von Chefdirektor Hotaka Andō Mitsubishi. Er ging in dem winzigen Raum auf und ab, und seine aufgeregten Schritte ließen seinen frühlingshaft gemusterten Mitsubishi-Anzug rascheln, als würde ein Fuchs durch den nächtlich verdunkelten Bambus pirschen.

»Ich bitte um Entschuldigung, Chefdirektornin«, antwortete Ockham rasch. »Es gab Lücken in meinen Sicherheitsvorkehrungen.«

»Das ist klar.« Diese kalten Worte stammten von einem vierten Mann, der angespannt auf einer Stuhlkante an der anderen Seite des kleinen Raumes saß. »Lücken namens Cato Weeksbooth und Ojiro Cardigan Sniper.«

Ganymedes blaue Augen blitzten mörderisch auf. »Sie werden das, was Sniper für uns tut, nicht in Verruf bringen, Perry. Nin ist unser Bollwerk in dieser Sache, genau wie Ockham.«

Perry biss sich auf die Zunge. Es ist das erste Mal, dass Sie ihn auf der Bühne sehen, »den Außenseiter«, wie ihn die anderen bei Madame nennen, Europas Premierminister zweiter Wahl, Casimir Perry. Er hat die letzten Tage in Europas Hauptstadt Brüssel damit verbracht, Freunde zu gewinnen, Neutralen zu schmeicheln und mit der Opposition zu verhandeln, die für immer an den Wurzeln seiner empfindlichen Koalition nagt. Als der König von Spanien noch Premierminister des europäischen Hives war, hat seine Majestät den Frieden unter den Nationen-Strats mit Anmut bewahrt und sich auf das allgemeine Wohlwollen verlassen, das die anderen dem Mann entgegenbringen, der so gut zu ihnen war, dessen Vater so gut zu ihren Vätern war, dessen Großvater so gut zu ihren Großvätern war. Casimir Perry behandeln sie wie ein Nutztier. Er ist ein stattlicher Mann, so groß wie der Imperator, mit europäischem Teint, aber braun gebrannt und gesund, mit einem kantigen Gesicht, das von hundertfachem Stress gezeichnet ist, und einem bräunlichen Pferdeschwanz. Er trägt eine Armbinde mit polnischen Nationen-Strats und fein geschnittene europäische Anzüge, die ihm gut stehen. Der heutige ist senffarben und wird von einer doppelreihigen kohlschwarzen Weste und schwarzen Aufschlägen ergänzt, aber die Bemühungen seines Schneiders sehen auf den Parlamentsfotos, die Perry dort zeigen, wo das Auge den König erwartet, immer erbärmlich aus. Perrys Stimme ist angespannt, wenn er spricht, sodass jeder Satz ein wenig dringlich klingt, und auch seine Hände sind angespannt und klammern sich an die Armlehnen wie Seepocken, die Meere und Gezeiten nur bezwingen, indem sie sich an Riesen festhalten.

Ockham beachtete die schmutzigen Blicke der drei Hive-Leiter nicht, die ihm wie ein Dreigestirn aus Romanova-Richtern gegenüberstanden. »Mein größtes Sicherheitsproblem besteht momentan darin, dass wir die Mitsubishi-Spezialgarde nicht mehr haben. Sie hatte die Ehre, sich um Cardigans persönliche Sicherheit zu kümmern.«

Die bösen Blicke galten jetzt Andō, aber den Leiter des japanischen Nationen-Strats traf diese Erinnerung an die Einmischung seiner chinesischen Rivalen in die »Sicherheitsübung« im Saneer-Weeksbooth-Bash’ zwei Tage zuvor am tiefsten. »Jedes Glied in der Befehlskette, das für dieses Debakel verantwortlich war, ist bestraft worden. Mit aller Härte.«

»Einschließlich der Spitze?«, hakte Ganymede nach, den Blick auf Andō gerichtet. »Probleme in der Hackordnung des Mitsubishi-Direktorats sind nur eure Privatangelegenheit, solange sie nicht den Rest dessen gefährden, was wir aufgebaut haben. Ich habe noch keine hochrangigen chinesischen Köpfe rollen sehen. Was war es denn diesmal, Shanghai oder Peking?«

Andōs fast schwarze Augen wirkten noch schwärzer, als sie sich verengten. »Es sind Köpfe gerollt. Diskret. Würdevoll. Endgültig.«

Der Präsident der Humanisten fuhr sich mit seinen alabasterfarbenen Fingern durch die Mähne und hielt die Zuschauer gebannt fest, als wären sie Ritter vor einer Vision ihres Grals. »Also gut. Ockham, fürs Erste werde ich Ihnen einige meiner persönlichen Wachen schicken, die Sie bei der Suche unterstützen und die fehlenden Mitsubishi ersetzen sollen. Vielleicht wird Direktornin Andō das Gleiche tun?«

Andō brauchte einige Sekunden, um sich zu fassen. »Meine persönliche Wache? Ja, ich kann welche davon entbehren.«

»Ich danke Ihnen, Chefdirektornin«, erwiderte Ockham und sah dann Perry an.

»Also, ich …« Der Premierminister zweiter Wahl brach ab.

Nachsicht und Schadenfreude beherrschten Ganymedes Lächeln. »Ist schon in Ordnung, Perry. Wir wissen, dass Sie keine privaten Streitkräfte besitzen. Andō und ich werden uns um alles kümmern. Wie immer.«

»Dann danke ich Ihnen, wie immer.« Casimir Perry kratzte sich an der Stirn und versteckte sich hinter dieser Geste.

In einfacheren Zeiten wäre Ganymedes Lächeln vielleicht zu einem Lachen herangereift. Der Herzog gehört dem französischen Nationen-Strat an, kann also in Europa wählen, wenn er will, auch als Mitglied eines anderen Hives, und ich habe ihn einmal gefragt, ob er selbst für Perry gestimmt hat, bei dieser absurden Wahl nach Ziven Racers versuchter Wahlmanipulation, die dazu führte, dass der allzu ehrwürdige König von Spanien auf die Kandidatur verzichtete. Die Sphinx hätte nicht süffisanter lächeln können. »Ockham, ich will mindestens alle zwei Stunden über Ihre Suche nach Sniper informiert werden. Wenn Sie eine Spur finden, sprechen Sie meine Wache an. Sie haben die Erlaubnis, so viele meiner Streitkräfte anzufordern, wie Sie brauchen. Wenn Sie meinen, dass Sie Romanova kontaktieren sollten, dann kommen Sie zuerst zu mir, und wir werden uns direkt an Generalkommissarnin Papadelias wenden, ohne Mittelsmenschen.«

»Ja, Mitglied Präsidentnin. Allerdings stellt Papadelias schon jetzt ein Problem dar.«

»Ach?«

Selbst Ockham braucht manchmal einen Atemzug, um sich zu stählen. »Martin Guildbreaker ist in diesem Moment bei Papadelias.«

Der auf und ab gehende Andō stolperte vor Schreck. »Martin ist bei Papadelias!«

»Ja, Chefdirektornin. Unsere Set-Sets haben nin beobachtet. Martin Guildbreaker hat das Polizeipräsidium der Allianz in Romanova vor fast drei Stunden betreten, und Papadelias hat es in dieser Zeit nicht verlassen. Wenn sie zusammen sind, bedeutet das wohl, dass Guildbreaker einen starken Verdacht gegen uns hegt, aber keine Beweise hat.«

»Wie kann er uns verdächtigen?«, rief Andō. »Sie sagten, Martin sei nicht in die Nähe Ihrer Geräte oder Catos Labor gekommen, und sie zeichnen sowieso nichts auf.«

Der Herzog-Präsident seufzte unter seiner Seide, als er Ockhams Stirnrunzeln sah. »Martin hat sich Cato gegriffen?«

»Für sechzehn Minuten, ja«, bestätigte Ockham. »Im Museum. Cato berichtet, dass Guildbreaker hauptsächlich nach ninsem Unterricht, dem Wissenschaftsclub und ninsen Büchern gefragt hat, ohne direkt auf den Rest des Bash’s einzugehen. Cato beendete das Gespräch etwas aufgeregt, glaubt aber, dass sie nichts besprochen haben, was unsere Arbeit hätte verraten können. Besorgniserregender ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass Guildbreaker sich auch an Catos Psychiaternin Ember Balin gewendet und sich später die Akten über Catos Selbstmordversuche angesehen hat.«

Alle runzelten die Stirn, denn sie kannten das schwächste Glied in der Kette von O. S.

»Enthalten Balins Aufzeichnungen Hinweise auf das Motiv für die Selbstmordversuche?«, fragte Perry. »Hat Cato Andeutungen gemacht?«

»Nein, garantiert nicht. Cato ist labil, aber keinin Verräternin. Lesley und ich haben persönlich alle Akten überprüft. Aber Catos Selbstmordversuche gehen unseren Anschlägen ziemlich regelmäßig voran. So regelmäßig, dass ein intelligenter Mensch ein Muster im Zusammenspiel von Abstürzen und Selbstmordversuchen erkennen könnte. Ich gehe davon aus, dass Martin Guildbreaker ninsen Arbeit ebenso gut beherrscht wie ich meine.«

Ganymede nickte zustimmend.

»Guildbreaker kann die Anschläge, an denen unsere Autos unbeteiligt waren, nicht entdecken«, fuhr Ockham fort, »aber was die Unfallopfer angeht, wird nin sich darüber wundern, dass Cato ninsen Versuche unternahm, bevor und nicht nachdem die Menschen in unseren Autos gestorben sind.«

Wieder nickte Ganymede. »Wo ist Cato jetzt?«

»Abgeschottet zu Hause. Martin hat nicht noch einmal versucht, Cato zu kontaktieren, aber heute Morgen hat nin sich nach Esmerald Revere erkundigt.«

Außenseiter Casimir Perry rieb sich das rasurbedürftige Kinn. »Ich kenne den Namen.«

»Unserin verstorbenin Sinnsagernin, Premierministernin«, half Ockham ihm auf die Sprünge. »Dinjenige, din herausfand, was wir taten, und damit nicht umgehen konnte.«

»Ah, ja. Bedauerlich. Dann war Revere ein Anschlag?«

»Ja. Unser zweitletzter, vor dem auf Mertice O’Beirne, um Sugiyamas Sieben-Zehn-Liste auszuschalten.«

Die Gesichter der drei Hive-Leiter – das des ernsten Andō, des erschöpften Perry, des schillernden Ganymedes – nahmen diese charakteristisch entschlossene Dunkelheit an, die man beim Trauern um jemanden empfindet, dessen Tod man entschieden hat und wieder entscheiden würde.

»Haben Sie Revere durch einen Unfall umkommen lassen«, fragte Andō, »oder durch eine von Catos Erfindungen?«

»Weder noch, Chefdirektornin. Thisbe hat Revere erledigt.«

»Gut, das dürfte schwer mit dem O’Beirne-Absturz in Verbindung zu bringen sein oder mit etwas, das Martin entdecken kann.«

Ockham holte betreten Luft. »Leider hat Thisbe auch beim O’Beirne-Absturz mitgeholfen, Chefdirektornin.«

Das Stirnrunzeln des Chefdirektors wurde noch ernster. »Ich dachte, Sie wechseln die Techniken ab.«

»Wir versuchen es. Die Praxis ist leider nicht immer entgegenkommend.«

Erfreulicherweise nickten an dieser Stelle alle drei Hive-Leiter und respektierten Ockhams Urteil. Schlechter geeignete Befehlshaber hätten ihm vielleicht im Nachhinein Vorwürfe gemacht, aber ein so unerschütterlicher und ausgezeichneter Offizier wie Ockham Saneer verdient Respekt, und den bekommt er hier.

Ganymede lenkte alle Blicke auf sich, als er seine Mähne schüttelte. »Was glauben Sie, wie viel Martin Guildbreaker herausgefunden hat?«

»Viel, aber sicher nicht alles, Mitglied Präsidentnin. Noch nicht. Wenn Guildbreaker Beweise hätte, würde nin sich an MASON wenden. Wenn nin stattdessen zu einim Spürhund wie Papadelias gegangen ist, bedeutet das, dass nin eine Spur aufgenommen hat, aber die Beute noch nicht vor sich sieht.«

Andō hatte keine Geduld. »Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?«

»Ich habe noch nicht genug Daten, um Maßnahmen vorzuschlagen.«

»Welche Daten brauchen Sie denn? Sie wissen doch, in welche Richtung die Untersuchung geht.«

Ockham hielt inne und dachte nach. »Ich muss verstehen, inwieweit wir Tribun J. E. D. D. Mason vertrauen können.«

Drei tote Sekunden lang atmete niemand auch nur.

»Ich muss fragen, Exzellenzen«, drängte Ockham. »Ich weiß, dass Martin Guildbreaker für Tribunnin Mason arbeitet. Sie selbst haben veranlasst, diese Untersuchung in die Hände dins Tribunnins zu legen, ich dachte, weil nin Ihnen persönlich nahesteht und man nim vertrauen kann. Aber dann haben Sie, Mitglied Präsidentnin, Cardigan sehr eindringlich, wenn auch unvollständig, gewarnt, din Tribunnin von unseren ›schwächeren‹ Bash’-Mitgliedern fernzuhalten. Ich habe die Warnung beherzigt, aber ich bin nach wie vor zutiefst verwirrt, und diese Verwirrung beeinträchtigt meine Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, insbesondere darüber, wie ich mit Guildbreaker verfahren soll. Was ist Tribunnin J. E. D. D. Mason für uns? Freundnin oder Feindnin? Ich muss das verstehen.«

Was sind das für Blicke, die sie austauschen, Andō, Ganymede und Perry mit seinen geschürzten Lippen? So viele Begriffe – Angst, Zweifel, Optimismus, Zuneigung, Scham – passen und passen nicht.

»Mir … ist … klar, dass ich Tribunnin Mason weniger gut kenne als meine Kollegen …« Es war Perry, der den Anfang machte, den Blick von Andō zu Ganymede gleiten ließ und Fahrt aufnahm, als er bemerkte, dass beide bereit waren, ihn zuerst antworten zu lassen. »Aber soweit ich weiß, ist die persönliche Pflicht, die familiäre Pflicht, für nin wichtiger als jeder Hive. Oder zumindest ist die persönliche Pflicht für din Tribunnin ausschlaggebend, wenn mehrere Hives an nim zerren. Und nin hat starke persönliche Bindungen zu Ihnen beiden, richtig?« Sein Blick huschte zwischen Andō und dem nachdenklich wirkenden Ganymede hin und her.

»Tai-kun verehrt mich wie einir Vater«, antwortete Andō, und die Dunkelheit wich aus seinem Gesicht, als er das in Worte fasste. »Und Ganymede ist einer von Tai-kuns Bash’Eltern.«

Der Herzog-Präsident runzelte die Stirn. »Bash’-Geschwister trifft es trotz unseres Altersunterschieds eher, aber ja, wir kommen aus demselben Bash’. Mensch hat sich große Mühe gegeben, uns etwas Privatsphäre zu gewähren, ähnlich wie bei Ihnen und Sniper.«

Ockham nickte und signalisierte, dass er das zumindest halbwegs verstand. »Wenn persönliche Beziehungen für Tribunnin Mason ausschlaggebend sind, wäre es dann nicht das Beste, nim einfach die Wahrheit zu sagen? Das moralische Kalkül ist auf unserer Seite. Wir haben unzählige Beweise dafür, dass unsere Anschläge für alle von Vorteil waren, dass sie die Welt immer wieder aus der Krise geführt und nicht nur unseren drei verbündeten Hives, sondern allen geholfen haben. Und wir können mit Leichtigkeit demonstrieren, wie verheerend es im gegenwärtigen Klima wäre, wenn unser System und seine Geschichte aufgedeckt würden.«

Andō runzelte für einige nachdenkliche Momente die Stirn, bevor er den Kopf schüttelte. »Ich glaube nicht, dass Tai-kun zu dieser Art ethischen Kompromisses fähig ist.«

Ockham hob die Augenbrauen. »Ich dachte, Tribunnin Mason hätte Ihnen und anderen oft geholfen, Geheimnisse zu verbergen. Mir wird immer wieder erklärt, dafür sei ninsen Ermittlungsteam da, für heikle Fälle, die eine Bedrohung für die Stabilität der Hives darstellen.«

Andō, der Ihn schon so lange und so gut kennt, konnte nur seufzen. »Normalerweise tut Tai-kun genau das für uns, und nin versteht es auf brillante Weise, mit allen sieben Hives zusammenzuarbeiten und dabei vor jedim zu verbergen, was dem Ganzen schaden würde, käme es heraus. Aber Todesfälle sind für Tai-kun etwas anderes, etwas absolut und unendlich anderes.«

»Obwohl die Enthüllung unserer Aktivitäten sicherlich weitaus mehr Schaden anrichten würde? Von der wirtschaftlichen und politischen Katastrophe einmal abgesehen, würde im momentanen Klima die Zahl der Toten durch Aufstände die der Menschen, die wir töten, weit übertreffen – im Verhältnis hundert zu eins, wenn nicht mehr.«

Der Chefdirektor schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass Tai-kun zu einer solchen Entscheidung fähig wäre. Wir haben es hier nicht mit einem normalen … Menschen zu tun.« Welches Wort wäre ihm in dieser Pause fast herausgerutscht, frage ich mich. »Tai-kun ist psychologisch einzigartig, selbst in den Annalen des Brill-Instituts findet sich niemensch Vergleichbares. Man kann ninsen Aktionen oder Reaktionen nicht vorhersagen. Worte, Ethik, die Entscheidungen, bei denen wir jeden Tag Grautöne und Kompromisse sehen, sind für Tai-kun so starr und präzise wie Mathematik.«

»Die Mathematik ist auf unserer Seite. Weniger Tote gegen mehr.«

»Nein. Würden wir eine Gleichung aufstellen, wäre der Tod nach Tai-kuns moralischer Mathematik unendlich, also sind beide Enden der Waage negativ unendlich und gleichermaßen inakzeptabel. Allein die Frage würde nin lähmen.«

Ockhams schwarze Brauen zogen sich vor Konzentration zusammen, als er versuchte, sich einen solchen Verstand vorzustellen. »Lähmen auf eine für uns nützliche Weise?«

Andō schüttelte den Kopf. »Tai-kun wäre nicht in der Lage, zu verbergen, dass er mit einer solchen Frage ringt. Das wäre für Martin, für Dominic, für viele andere, einschließlich MASON, sofort offensichtlich.«

Ockham richtete seinen noch immer hoffnungsvollen Blick auf Ganymede. »Wie steht es um Ihre Überzeugungskraft als Ba’schwis, Mitglied Präsidentnin?«