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Würden wir kein Unglück kennen, könnten wir auch kein Glück empfinden. Mal gehen wir achtsam mit ihm um, mal zerbricht es uns zwischen den Händen. So facettenreich wie die Menschen in den Geschichten von Rosa van Dohm sind auch ihre Wahrnehmungen. Für den einen bedeutet eine wunderbare Liebe Glück, eine verlässliche Ehe, Kinder, die die Welt schöner machen. Für den anderen Leidenschaft oder emotionale Sicherheit, erfüllte Sexualität oder Zufriedenheit mit dem was das Leben schenkt. Glück ist wenn man nach Irrungen und Wirren seinen eigenen Weg findet und zur Erkenntnis, dass in jedem Ende auch ein Anfang steckt, dass Berührendes und Heiteres eng beieinander stehen. Und dass das auch gut so ist!
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Rosa van Dohm
Dem Glück auf der Spur Band 2
Bitter-süße Geschichten wie das Leben sie schreibt
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Dem Glück auf der Spur Band 2
Story 1: “Die Sehnsucht zerriss mir das Herz - Würde ich meinen Sohn jemals wiedersehen?"
Story 2: In den Bergen erwartete mich mein Schicksal
Story 3: Bittere Heimkehr
Story 4: Der ewige Sohn
Story 5: Einem sexuell gestörten Mann verfallen - beinahe hätte ich mich aufgegeben!
Story 6: Ich kann doch den kleinen Flo nicht wieder hergeben!
Story 7: Gerade drei Wochen vor Weihnachten zerbrach meine Ehe
Story 8: Warum gerade ich?
Story 9: Das Familiengeheimnis - Klaras Weg nach Hause
Story 10: Der vierzigste Geburtstag
Kapitel 1: “Die Sehnsucht zerriss mir das Herz - Würde ich meinen Sohn jemals wiedersehen?"
Kapitel 2: In den Bergen erwartete mich mein Schicksal
Kapitel 3: Bittere Heimkehr
Kapitel 4: Der ewige Sohn
Kapitel 5: Ich war einem sexuell gestörtem Mann verfallen!
Kapitel 6: Ich kann doch den kleinen Flo nicht aufgeben, niemals!
Kapitel 7: Gerade kurz vor Weihnachten zerbrach meine Ehe!
Kapitel 8: Die große Versuchung - warum passierte das gerade mir?
Kapitel 9: Das Familiengeheimnis - Klaras Weg nach Hause
Kapitel 10: Der vierzigste Geburtstag
Impressum neobooks
Barbara Felten (43) ist nach langen Jahren der Einsamkeit bitter geworden. Ihr Beruf als Lehrerin fällt ihr schwer, sie hat weder Partner noch Familie. Ihren Sohn aus der kurzen Ehe mit dem Amerikaner John hat sie seit 17 Jahren nicht mehr gesehen, seitdem John den Kleinen mit in die Staaten zurücknahm. An dieser Wunde leidet sie mehr als sie sich eingestehen will. Als sie sich nach einem Nervenzusammenbruch und darauf folgenden Krankenhausaufenthalt ein Herz fasst und dem nunmehr 22-jährigen Matt schreibt, weiss sie noch nicht, was auf sie zukommen wird. Der Besuch ihres Sohnes wird zu einer großen Mutprobe - für beide. Aber dabei erfährt Barbara auch die Lebenslüge ihres Ex-Mannes John.
Michael Fahrtmann, 45, ein Baufachmann, bekommt in der Mitte seines Lebens ein aufregendes berufliches Angebot, das ihn in ein Dilemma bringt zwischen der heimlichen Sehnsucht nach einem einfachen, mit Sinn erfüllten Leben und der Angst, seine Karriere zu gefährden. In der Bergwelt Südtirols, in die er zum Nachdenken flüchtet, erlebt er Freundschaft und Liebe, Schuld und Sühne – und findet zu seinen Ursprüngen zurück.
Eine traurige Nachricht! Sonja macht sich Vorwürfe. Hätte sie sich früher mehr um ihre Mutter kümmern sollen? Natürlich war ihr Verhältnis schwierig, aber jetzt scheint es für eine Umkehr zu spät zu sein.Sonja kommt nach längerer Zeit im Ausland, wo sie ein neues Leben begonnen und einen neuen Partner kennen gelernt hat, zurück in ihr Elternhaus. Sie erfährt, dass ihre Mutter an Alzheimer erkrankt ist. Zeit ihres Lebens war das Verhältnis zwischen den beiden Frauen mehr als angespannt, Sonja hat unter dem Diktat der Mutter gelitten, kein eigenes erfüllendes Leben entwickelt. In den nächsten Tagen überstürzen sich die Ereignisse und Sonja nimmt erneut Abschied von ihrer Heimat. Kann sie noch ihren Frieden machen?
So wollte ich auf keinen Fall weiterleben, Maja F. (28) aus Köln kämpft um ihre Liebe:
Maja hat sich vorgenommen, den netten Musterknaben Jens, ihren Abteilungsleiter, zu verführen. Was anfangs Spiel ist, wird Ernst: Sie verliebt sich, wird schwanger, nach der Heirat friert das Eheleben aber auf den Tiefpunkt. Jens' fordernde Mutter steht ständig zwischen ihnen, Jens ist der "ewige Sohn". Erst als Maja ihn zwingt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, ändert sich mit einem Schlag alles. Rührend - diese Mutterliebe. Mein Mann war der "ewige Sohn!"
Patricia lieben den um 12 Jahre älteren Mann, Vincent, der sie fasziniert, der sie aber auch auf Distanz hält. Es ist ihm unmöglich, eine normale sexuelle Beziehung einzugehen Als sie von ihm ein Kind will, zieht er sich zurück Dieses schockartige Erlebnis macht sie für Jahre beziehungsunfähig. „Gerade hatte ich Fuß gefasst in einem wunderbaren neuen Job am Theater. Alles schien gut. Als ich mich hals über kopf in Vincent verliebte, wusste ich noch nicht, dass ich in dieser Beziehung nur leiden würde …..“
Schwester Sylvia (35) arbeitet seit 12 Jahren in der Kinderabteilung des Elisabeth-Krankenhauses. Sie, die täglich mit Babys zu tun hat, ist selbst aus organischen Gründen nicht in der Lage, ein Kind auszutragen. Ihren Kinderwunsch hat sie daher verdrängt. Ihr Mann Ben (42) ist seit über zwei Jahren arbeitslos, was eine große Belastung für ihre Ehe darstellt. Eines Tages wird wieder ein ausgesetztes Kind in der Babyklappe gefunden. „Bens Arbeitslosigkeit belastet unsere Ehe schwer. Aber noch mehr litt ich daran, keine Kinder zu bekommen. Gerade ich als Kinderschwester - das war einfach nicht fair. Als wieder ein Baby in der Kinderklappe unseres Krankenhauses gefunden hatte, schien mir das wie ein Fingerzeig des Himmels.
Dr. Ellen Vorbacher-Matthis (33) und Markus Vorbacher (37) aus München sind seit 7 Jahren verheiratet. In dieser Zeit hat sich Markus so manche Freiheit herausgenommen, die Ellen ihm immer verziehen hat. Gerade in der Vorweihnachtszeit schlägt Markus aber erneut heftig über die Stränge. Ellen besteht auf einer zeitweiligen Trennung, die ihr Klarheit geben soll. Will sie so weiterleben oder einen Schlussstrich ziehen? Seit der Scheidung ihrer Eltern, da war sie 8, hat sie panische Angst davor neue Verluste zu erleben. Eine Begegnung auf dem Lande gibt ihr die Kraft aus diesem inneren Zwiespalt herauszufinden. „Als ich mich für den Notdienst an den Feiertagen anmeldete, war es mehr eine Flucht. Lieber wollte ich mich um kranke Vierbeiner kümmern als an den Festtagen in ein schwarzes Loch zu fallen. Einsam vor einem Tannenbaum zu sitzen war keine rosige Vorstellung für jemanden, der nie allein gelebt hatte ..“
Paula lebt in einem bayerischen Dorf. Von ihrer Tante Rosemarie weiß sie nur, dass diese mit Schimpf und Schande aus der Familie wegging. Sie ist ein Tabu, ein Familiengeheimnis. Doch unerwartet gerät sie mit dem Leben und Sterben ihrer Tante in Berührung und eine delikate Aufgabe führt sie in große Versuchung. Wird Paula die richtige Entscheidung treffen?
Der Brief eines Notars ruft Klara in das Heimatdorf ihrer verstorbenen Mutter. Sie kennt in Schmalenhain keinen Menschen. Mit ihrer städtischen Aufmachung erregt sie Aufsehen. Bei der Testamentseröffnung fällt ihr überraschend das Häuschen zu, in der die verstorbene Tante Marie zeit ihres Lebens gewohnt hat und aus dem auch Klaras Mutter Paula stammt. Außerdem erhält sie Klarheit über ihren Vater, den ihre Mutter nie preisgegeben hat. Und sie entdeckt, dass sie einen Halbbruder namens Karl hat. Das Erbe hat die Auflage, dass Klara in Schmalenhain leben soll. Sie muss sich entscheiden.
Leonore K. feiert einen Geburtstag, den sie so schnell nicht vergessen wird. Als Sachbearbeiterin im Sozialamt kommt sie mit viel Not zusammen. Das hat sie bitter gemacht. Beruflich und privat ist sie für ihre Mitmenschen eine Nervensäge, weil sie es liebt, alles unter Kontrolle zu haben. Am Abend ihres 40. Geburtstags erlebt sie einen großen Schock, der sich heilsam auswirkt. Dabei hilft ihr ein „Schutzengel“, den sie bislang immer übersehen hat.
Barbara Felten (43) ist nach langen Jahren der Einsamkeit bitter geworden. Ihr Beruf als Lehrerin fällt ihr schwer, sie hat weder Partner noch Familie. Ihren Sohn aus der kurzen Ehe mit dem Amerikaner John hat sie seit 17 Jahren nicht mehr gesehen, seitdem John den Kleinen mit in die Staaten zurücknahm. An dieser Wunde leidet sie mehr als sie sich eingestehen will. Als sie sich nach einem Nervenzusammenbruch und darauf folgenden Krankenhausaufenthalt ein Herz fasst und dem nunmehr 22-jährigen Matt schreibt, weiss sie noch nicht, was auf sie zukommen wird. Der Besuch ihres Sohnes wird zu einer großen Mutprobe - für beide. Aber dabei erfährt Barbara auch die Lebenslüge ihres Ex-Mannes John.
Jedes Jahr zu Weihnachten traf das obligatorische Foto mit ein paar kühlen Zeilen meines Ex-Mannes ein, es zeigte immer das gleiche Motiv: Meinen Sohn Matthias, oder Matt, wie er in seiner neuen Heimat genannt wurde, jedesmal ein Jahr älter, jedesmal vor dem weihnachtlich geschmückten Kamin im stilvoll dekorierten Livingroom seiner neuen Familie, jedes Mal mit einem wunderschönen Hund im Arm. Aber ich sah nur seine Augen, sein hinreißendes Lächeln, das unbefangene frische Gesicht eines Heranwachsenden, dem die Welt offen stand. Ich presste das Bild an mich und umarmte es an seiner Statt, während ein scharfes Messer mir durch das Herz fuhr. Meinen Kummer verschloss ich tief in mir. Misstrauisch und eigenbrötlerisch wurde ich gegenüber dem Leben und gegenüber den Menschen. So vergingen die Jahre freudlos.
Der Zusammenbruch war gleichzeitig ein Anfang
Gerade an Matts 22. Geburtstag wurde ich mit einer schweren Nervenkrise ins Krankenhaus eingeliefert. Ich war mitten in einer Unterrichtsstunde zusammengebrochen, Englisch gab ich gerade. Den Youngstern der 10a war nicht entgangen, dass ich an diesem Tag besonders unkonzentriert und fahrig war. Sie nutzten meine Schwäche sofort aus, ein dichter Geräuschteppich, der aus Kichern und geraunten Gesprächen gewebt war, hing im Klassenzimmer. Einmal klingelte provozierend ein Handy, dann stöpselte sich Robby Knopfhörer ein und legte eine neue CD in seinen Player, den er unter der Tischplatte versteckt hielt. Ich wusste es längst, meist konnte ich mich in einer solchen Situation noch durchsetzen, an diesem Tag aber versagten alle meine Tricks, meine Beine waren schwer wie Blei, als ich vor der Tafel auf und ab ging. Die Jungs starrten mich an, vermutlich in der Hoffnung, dass ich stolpern würde, wie letzte Woche, als ich ein, zwei Minuten lang am Boden lag, unfähig, mich aus eigener Kraft zu erheben.
Ich hatte die ganze Nacht keinen Schlaf gefunden und mir noch lange im kalten Wohnzimmer alte Fotoalben angesehen. Jetzt summte ein langer Ton in meinen Schläfen, nur mühsam hielt ich mich aufrecht. Gott, die Jungs waren nicht böse, sie waren einfach nur junge Fohlen, die vor Kraft strotzten und keine Lust hatten, auf der Weide festgehalten zu werden. Wie hätten sie sich vorstellen können, wie es in meinem Innern aussah?
Ich bemühte mich Fassung zu bewahren, aber als Lars und Uwe, die beiden in der letzten Reihe, die sich ohnehin nur miteinander unterhielten, niemals mit mir, in aller Gemütsruhe ein Schachspiel hervorholten und die Figuren für eine Partie aufzustellen begannen, versagten mir die Nerven. Ich stürzte auf sie zu, ergriff das Brett und schüttelte es in der Luft, die Figuren prasselten durch die Gegend, die Klasse tobte und kreischte, ich selbst schrie mit einer nie gekannten Wut Dinge aus mir heraus, für die ich mich heute schäme. "Ihr seid es nicht wert, dass man sich um euch kümmert“, war noch das mildeste. Als der Lärm plötzlich abebbte und ich mich erschöpft umwandte, sah ich in der Tür des Klassenzimmers unseren Direktor stehen. Ich stolperte auf ihn zu, er fing mich auf, als ich schwankte. Dann wurde es schwarz vor meinen Augen.
Beinahe erleichtert fand ich mich im Städtischen Krankenhaus wieder, selbst dann noch als ich feststellen musste, dass ich auf der psychiatrischen Abteilung lag. Ein paar Tage Ruhe vor der Schule und meinen Quälgeistern, dachte ich noch, dann dämmerte ich wieder weg. Es war ein traumloser Schlaf, aus dem ich ungern erwachte. Zuerst fand ich mich nicht zurecht, doch das kühle glatte Betttuch, die Dämmerung, die ins Zimmer fiel, die ungewohnte Ruhe, all das hüllte mich ein wie ein sanfter Schleier. Hier war ich wie in Watte gepackt, und mein Alltag schien so fern wie der Mond; ich sehnte mich danach, nie mehr aus diesem Bett aufstehen zu müssen. Die Beruhigungspillen taten ein Übriges, ich sah alles wie durch ein mattgrünes Milchglas.
Dr. Waldheimer spürte, dass etwas mit mir nicht stimmte
Der junge Assistenzarzt sah in den folgenden Wochen oft nach mir; als er meinte, ich könne zum Wochenende entlassen werden, schrie ich entsetzt auf.
"Aber freuen Sie sich denn gar nicht? Es warten doch bestimmt Menschen auf Sie?", fragte er mich grinsend. "Meist können es unsere Patienten gar nicht erwarten, wieder ihre Siebensachen zu packen".
Ich schwieg eine Weile verlegen und malte mit dem Finger kleine Kringel auf die Bettdecke.
Dr. Waldheimer ließ nicht locker. "Nun aber raus mit der Sprache."
Wie sollte ich ihm erklären, was in mir wühlte? Ich wusste es ja selbst nicht. In den letzten Jahren war es immer leerer um mich herum geworden. Freunde und Bekannte von früher hatten sich mehr und mehr zurückgezogen. Die meisten klammheimlich, ein paar sagten mir offen ins Gesicht: "Barbara, es ist schwierig mit dir, du bist so unglaublich empfindlich geworden. Alles reizt dich, der kleinste Widerspruch macht dich gleich wütend. Und dann kannst du ganz schön verletzend sein. Wir sollten ein wenig auf Distanz gehen."
Klar, ich verstand sie irgendwie, denn ich konnte mich ja selbst nicht mehr leiden. Aber waren es jemals wirkliche Freunde gewesen? Ich vertraute meiner eigener Urteilskraft schon lange nicht mehr.
Daher versuchte ich Dr. Waldheimer etwas vorzumachen. "Sehen Sie, zuhause wird ja gerade renoviert, mein Lebenspartner will alles schön für mich richten, da kann ich jetzt noch nicht kommen."
Er musterte mich prüfend. "Ist das wirklich wahr?"
Ich nickte ein wenig vage, denn ich spürte, wie mich seine Anteilnahme rührte. Ich hatte davon so wenig, eigentlich interessierte es keinen Menschen, wie es mir ging. Daher bereute ich diese Lüge, aber nun war sie raus.
Dr. Waldheimer ließ nicht locker: "Aber Barbara - ich darf Sie doch so nennen - es muss doch einen Grund gegeben haben für Ihren Zusammenbruch. Organisch sind Sie ja ganz in Ordnung, was hat Sie an diesem Tag denn so besonders mitgenommen?"
Ich spürte, wie mein Widerstand schmolz, ich hätte mich so gerne an seine Schulter gelehnt, ich konnte nur stammeln: "Das waren einfach die Nerven, ich hatte so wenig geschlafen".
"Haben Sie Schlafstörungen?", hakte er nach. "Wie lange denn schon?"
Ich schluckte, ein dicker Kloß saß in meiner Kehle fest.
"Wollen Sie sich nicht einmal aussprechen?" Nun sah er mich sehr ernst an, nahm mein rechte Hand und drückte sie fest.
Da gab es kein Halten mehr, die Tränen stürzten aus meinen Augen, ich schluchzte wie ein Kind, das sein liebstes Spielzeug verloren hatte, und zitterte am ganzen Körper. Wie eine Lawine überschütteten mich Jahrzehnte lang verdrängte Gefühle.
Dr. Waldheimer wartete ab, bis der Anfall etwas nachließ und reichte mir ein Taschentuch. "Ist es so schlimm?" sagte er und das Mitgefühl in seiner Stimme tat mir gut.
"Ach, es ist eigentlich noch schlimmer, am liebsten würde ich sterben“, seufzte ich und ließ mich in die Kissen zurückfallen. „Na, na!“ Er rückte näher. Er ist ein Engel, dachte ich, so verständnisvoll, so anteilnehmend. "Ich habe Sie angelogen, ich habe gar niemanden, keinen Partner, keine Familie, keine richtigen Freunde“, flüsterte ich. Es war befreiend, sich jemanden anzuvertrauen. "Mein Leben ist ein Chaos. Als Lehrerin kann ich mich nicht durchsetzen, mit der Schulbehörde habe ich ständig Probleme, zuhause ertrage ich die Einsamkeit nicht und unter Menschen fühle ich mich fehl am Platz. Ich weiss nicht mehr, was ich machen soll. Ich bin am Ende."
"Aber es muss doch in Ihrem Leben schon Menschen gegeben haben, die Sie geliebt haben und die Ihnen nahe standen. Wo sind die denn abgeblieben?"
Ich fühlte meinen Magen zu Eis erstarren, Übelkeit stieg in mir hoch. Ich wandte schroff mein Gesicht zur Wand. "Das sind alte Geschichten“, entfuhr es mir, "die ich schon lange vergessen habe."
"Aber diese alten Geschichten setzen Ihnen offenbar ganz schön zu. Wollen Sie sich nicht erinnern?"
Ich nickte. "Nein, besser nicht. Es tut zu weh."
Der Arzt ließ mir Zeit. Vor dem Fenster wiegte sich ein Meisenpärchen auf einer Birke. Heller, lichter Frühling. Die Märzsonne wärmte schon, das erste helle Grün spross an den Zweigen.
Meine Lebensbeichte erleichterte mich sehr
Da brach es aus mir heraus: "Mein Sohn, Herr Doktor, mein Sohn Matthias, ich vermisse ihn so furchtbar. Er ist weit weg, und ich habe ihn seit 17 Jahren nicht mehr gesehen."
Nun, da sich die Schleuse geöffnet hatte, erzählte ich ihm alles. Als 20-Jährige hatte ich Hals über Kopf einen hier stationierten amerikanischen Soldaten geheiratet, bald danach wurde ich schwanger. Aber meine Familie lehnte John, den lässigen, schnoddrigen, lebenslustigen Filou, strikt ab. Ich meinte, ich müsste für meinen Mann einstehen, daher brach ich alle Bindungen zu meinen Eltern und meiner Schwester ab. Aber ich war von John abhängig, ich studierte ja noch an der Uni in Stuttgart. Unser Sohn Matthias - mein Goldjunge - wurde während eines längeren Aufenthalts bei Johns Eltern in den Staaten geboren. Er war also Amerikaner.
Zuhause in Deutschland fiel es mir schwer, Kind und Studium unter einen Hut zu bringen, vor allem, weil John sich wenig um den Haushalt kümmerte. Seine Freizeit verbrachte er mit seinen Kameraden bei Baseball und Cricket, mich nahm er dazu nicht mit. Seinen Sohn verwöhnte er allerdings, wo er konnte. Was hab ich für ein Glück, dass mein Sohn einen so guten Vater hat, dachte ich oft. Als Kind hatte ich mit ansehen müssen, wie mein oft betrunkener Vater meine Mutter schlug, wie meine Mutter sich aus seelischer Erschöpfung früh verbrauchte. Das hatte sich in meinem Körper eingebrannt. Eine heile Familie, das war es, wovon ich träumte.
Meine Ausbildung bedeutete mir nicht viel, das Studium fiel mir nicht leicht, nach meinem Abschluss sollte Matt auf keinen Fall ein Einzelkind bleiben. Einen Großteil meiner Zeit verbrachte ich auf dem Weg zur Uni, in staubigen Seminarräumen und mit Studienkollegen in der verräucherten Mensa, wo wir uns gegenseitig Tipps gaben, bei welchen Professoren man sich prüfen lassen sollte und bei wem besser nicht.
Aber auch als Hausfrau und Mutter war ich kein Vorbild. Irgendwie glitt mir alles aus der Hand. Matt wurde mit eineinhalb Jahren in den amerikanischen Kindergarten aufgenommen, er sprach früher englisch als deutsch. Mit seinem Vater schmuste er viel, mit mir war er eher abweisend. Am liebsten tobte der kleine Rabauke auf seinen kurzen Beinen im Indianerkostüm oder als Cowboy durch die Wohnung und verschaffte sich lautstark Gehör. Als ich mein Studium endlich abgeschlossen hatte, war ich so erleichtert und stolz, dass ich nicht merkte, wie sehr John und ich uns entfremdet hatten, und verschloss die Augen davor, dass mein Sohn mit mir nicht viel anfangen konnte.
Die Nachricht, dass John in die Staaten zurückversetzt werden sollte, traf mich wie ein Keulenschlag. Gerade stand ich vor meiner ersten Stelle als Gymnasiallehrerin in meiner Heimatstadt antreten können und nun sollte ich alles aufgeben? Aber es kam ganz anders: John teilte mir in kühlen Sätzen mit, dass er keinesfalls vorhatte, mich in seine Heimat mitzunehmen; er forderte die Scheidung und seinen Sohn würde er natürlich mitnehmen, Matt sei ja sowieso mehr Amerikaner als Deutscher. „Dein Recht als Mutter hast du verwirkt, du hast dich ja kaum um das Kind gekümmert“. Einer seiner Kameraden erzählte mir sehr viel später, dass John damals schon längst eine Beziehung zu einer weiblichen Armeeangestellten eingegangen war. Ich war längst ersetzt worden. Diese Anny würde natürlich auch zurückgehen, zusammen mit John und meinem damals fast 5-jährigen Sohn.
Für mich brach eine Welt zusammen
In meiner Not machte ich John eine wilde Szene, in der ich kreischend vor Wut und Schmerz mit Töpfen und Tellern warf und die Hälfte unseres Hausrats zerschlug. Matthias musste diesen schrecklichen Vorfall mit weit aufgerissenen Augen über sich ergehen lassen. Er klammerte sich an seinen Vater und beobachtete mich aus seinen dunkelblauen Augen mit sichtbarem Entsetzen. „Du bist eine Zumutung für mich!“ Johns waren ja bereits gepackt Koffer. Er verließ mit meinem Sonn unsere Wohnung, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen konnte. Der Polizei, die er noch rief, sagte er mit einer Stimme, die vor kühler Verachtung klirrte: „Meine Frau - bald Ex-Frau - hat versucht, dem Kind etwas anzutun“. Diese gemeine Lüge konnte ich zwar im Verhör entkräften, aber die Polizei stellte mich dem Amtsarzt vor und dieser ließ mich für einige Wochen in eine Nervenklinik einweisen. Zu diesem Zeitpunkt zerbrach etwas in mir - der Rest meines Selbstwertgefühls! 17 Jahre waren vergangen, in denen ich meinen Sohn nicht ein einziges Mal sah. Anfangs schrieb ich Matthias noch sehnsüchtige Briefe, aber da ich darauf nie eine Antwort bekam, erlahmte mir der Mut. Einsamkeit, Schuldgefühle und das Warten auf ein Lebenszeichen hatten mich über die Jahre zu einem nervlichen Wrack gemacht. Ich glaubte nicht daran, Matt jemals wieder in die Arme nehmen zu können. Und der Tag, an dem ich in der Schule zusammenbrach, war sein 22.Geburtstag.
Als ich meinen Bericht geendet hatte, sah mich Dr. Waldheimer mitfühlend an. "Barbara, es gibt nur einen Weg, Sie müssen zu Ihrem Sohn Kontakt aufnehmen. Und das am besten noch heute. Es gibt bestimmt eine Brücke zu ihm. Selbst über den weiten Atlantik hinweg. Sie müssen Ruhe finden.“
Endlich fasste ich einen Entschluss, der Folgen haben sollte
Der junge Arzt hatte in mir etwas bewegt. Zuhause zögerte ich noch eine Weile, dann raffte ich mich auf und schrieb meinem Sohn einen langen Brief. Noch hatte ich nicht vor, ihn auch wirklich abzuschicken, nein, ich wollte mir einmal alles von der Seele reden, was in mir brannte. Dass ich ihn von Herzen liebte, dass er - auch wenn es nicht so ausgesehen habe - immer das Wichtigste in meinem Leben gewesen sei, dass es mir weh tat, nicht zu wissen, wie es ihm ging, wie er aufgewachsen war oder ob seine neue Familie - er hatte mittlerweile zwei Stiefgeschwister - auch wirklich zu ihm gut war, und vor allem - ob er mich nicht einmal besuchen könnte.
Als der Brief vor mir lag, schämte ich mich erst, weil ich mein Innerstes so weit geöffnet hatte, meinem eigenen Kind, von dem ich so gar nichts wusste. Lange trug ich ihn verschlossen und frankiert in meiner Tasche. Eines Tages, es war im Juli und draußen glühte die Luft – da hielt ich es nicht länger aus. Ich nahm den Umschlag an mich und warf ihn ein. Als er im Briefschlitz verschwunden war überfiel mich Angst. Sollte ich ihn nicht wieder herausfischen? Dann beließ ich es dabei. Eine Antwort erwarte ich ja doch nicht, sagte ich mir in der Selbsttäuschung, die mir zur zweiten Haut geworden war. Insgeheim fieberte ich jedoch einem Lebenszeichen von Matt entgegen.
Nach ein paar Monaten war ich schon entschlossen, alles zu vergessen, da läutete an einem stickigen Sonntagvormittag das Telefon. Wer sollte es schon sein? Höchstens eine Bekannte, die es wie ich leid war das Wochenende allein zu verbringen. Oder meine Mutter, die seit Vaters Tod im Seniorenheim lebte. In dieser Minute schaltete sich der Anrufbeantworter ein, und ich lauschte gebannt und mit plötzlich heftig pochendem Herzen einer gebrochen deutsch sprechenden jungen Stimme: "Hi, this is Matt. Oh yeah, German Sprach ist schwer. Ähm .. Ich bin in der Stadt, kann dich besuchen, wenn es dir angenehm ist. Komme so gegen zwei. Okay? Passt das? " Kleine Pause. Dann unterbrach der Pfeifton. Die Aufnahmezeit war zu kurz. Ich stürzte ans Telefon, doch Matt hatte schon aufgelegt.
Großer Gott, Matt würde kommen??
Als ich aus meiner Erstarrung erwachte, sah ich auf die Uhr. Das war ja schon in zwei Stunden! In plötzlich einsetzender Panik musterte ich die Wohnung, die mir jetzt besonders schäbig vorkam. Das abgewetzte Sofa - hätte ich das nicht schon längst mal ersetzen können? Die Vorhänge - lange nicht gewaschen, die billigen Stiche an der Wand? Plötzlich sah ich, wie sehr ich mich in den letzten Jahren vernachlässigt hatte. Würde Matt das nicht alles furchtbar finden? Und ich selbst? Ich sah an mir herab. Umziehen, schnell, Haare waschen - reicht die Zeit noch? Im Spiegel sah mich ein erregtes Gesicht an, mit roten Flecken auf den Wangen, verschreckten Augen. Irgendwie gelang es mir dann tatsächlich, mich mit einer heißen Dusche, Rouge und Lockenstab in einen Zustand zu bringen, den ich als ganz okay bezeichnen würde; der neue rote Pulli stand mir gut, die enge schwarze Hose auch; Matt sollte seine alte Mutter nicht hässlich finden. Wo war meine kleine Perlenkette? Mit fahrigen Fingern nestelte ich am Verschluss. O Gott, ich hatte Angst vor meinem eigenen Sohn. Was würde passieren? Ich löffelte eine Tasse Melissentee und versuchte, meine fliegenden Nerven zu beruhigen.
Nach Jahren der Isolation endlich das Wiedersehen mit Matt
