16,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 16,99 €
Eine traurigschöne Mutter-Tochter-Geschichte mit poetischer Strahlkraft.
Mit der Geburt ihres Kindes blickt eine junge Frau anders in die Welt. Wörter schwinden, während Liebe und Verlustphantasien sie vereinnahmen. Erst jetzt erkennt sie, wie stumm ihre Mutter und Großmutter im Leben stehen. Wie sie versäumt haben, ihre eigenen zu erzählen. Wie Fragen nach Zugehörigkeit und Brüchen ständig einsickern. Mit tastender Genauigkeit nähert sie sich den sprachlosen Rätseln, zeichnet sinnlich wie schonungslos ihre Leben inmitten des Nebels ihrer Gedächtnisse nach. Denn woher soll ein Kind wissen, wohin es geht, wenn es nicht weiß, woher es kommt? In ihrem neuen Roman zeigt Paulina Czienskowski in zyklischen Bewegungen, was es bedeutet, zum Echo zu werden – drei Frauen, drei Mütter und ein neues Leben, das enttarnt, als wäre alles mit Spiegelfolie ausgekleidet.
»Das ist ein Buch über eine Mutter, und ein Buch, das Väter lesen sollten. Das ist ein Buch einer Tochter, ein Buch über den Körper, die Scham, das zur Kraft kommen und das Schwachsein. Das ist ein Buch über das Kindsein. Das ist ein Buch, in dem jemand dort Sprache findet, wo sonst nur Gefühl ist.« Saša Stanišić.
»Jedes Kind hat eine Mutter, jede Mutter war mal Kind: Paulina Czienskowski macht aus diesen grundlegenden Tatsachen zarte, brutale, hellwache Poesie.« Theresia Enzensberger.
»Gedanken, Sprache wie ein neugeborenes Lebewesen. Entwaffnend, anziehend, tastend. Eine andere Welt, aber man fühlt sich bis auf die Knochen verbunden. Liebe zu einem Text.« Inga Machel.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2025
Drei Frauen, die zum Echo werden, und ein neues Leben, das enttarnt.
Mit der Geburt ihres Kindes kommt die Sprachlosigkeit. Liebe und Verlustangst vereinnahmen die junge Erzählerin, als sie erkennt, wie stumm auch ihre Mutter und Großmutter im Leben stehen, wie Scham sie lahmlegt. Doch woher soll ein Kind wissen, wohin es geht, wenn es nicht weiß, woher es kommt? Zwischen Realität und Fantasie imaginiert die Frau ihre Leben, erinnert schwimmend Begegnungen voller Übersprünge und Unbehagen, spricht hinein in eine Stille, die brüllt. Überall stößt sie auf alte Wunden, Pflichtgefühl und ein Weitermachen, auf die Frage nach Zugehörigkeit.
»Das ist ein Buch über eine Mutter, und ein Buch, das Väter lesen sollten. Das ist ein Buch einer Tochter, ein Buch über den Körper, die Scham, das zur Kraft kommen und das Schwachsein. Das ist ein Buch über das Kindsein. Das ist ein Buch, in dem jemand dort Sprache findet, wo sonst nur Gefühl ist.« Saša Stanišić.
»Jedes Kind hat eine Mutter, jede Mutter war mal Kind: Paulina Czienskowski macht aus diesen grundlegenden Tatsachen zarte, brutale, hellwache Poesie.« Theresia Enzensberger.
»Gedanken, Sprache wie ein neugeborenes Lebewesen. Entwaffnend, anziehend, tastend. Eine andere Welt, aber man fühlt sich bis auf die Knochen verbunden. Liebe zu einem Text.« Inga Machel.
Paulina Czienskowski lebt und arbeitet in Berlin, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Sie veröffentlicht u. a. Texte in der Zeit. 2018 erschien der Erzählband »Manifest gegen die emotionale Verkümmerung« im Korbinian Verlag, 2020 dann ihr Debütroman »Taubenleben« bei Blumenbar, der auf der Shortlist für den EU-Literaturpreis stand. Es folgten Hörspiele für Deutschlandfunk Kultur und Texte für die Theaterbühne. »Dem Mond geht es gut« ist ihr zweiter Roman.
Einmal im Monat informieren wir Sie über
die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehrFolgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:
https://www.facebook.com/aufbau.verlag
Registrieren Sie sich jetzt unter:
http://www.aufbau-verlage.de/newsletter
Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir
jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!
Paulina Czienskowski
Dem Mond geht es gut
Roman
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
Newsletter
Motto
Das Kind schwebt.
Im Wasser ist man leichter
Ich stehe an Land
Später liege ich in der Badewanne
Manchmal fehlen mir jetzt die Worte
Gestern Abend
brüste sind stein
Ich bin ein Echo
Als du dir Binden
Du fragst
Sein Jammern dringt
Manchmal
Da sind Narben
Wenn du Oma zum Essen
Die Baumkronen
An Omas Oberfläche
das kind ist eine katze
Ich habe ein Bild von dir
Nun, der kräftige Arm
Das Licht in der Nacht
Du, ein rosafarbener Seestern
Über Jahre sammelst du
Der Mann
Schön bist du
Und irgendwann
Nach Schulschluss
Nur wenn sich Waschpulver
Nachts liege ich da
Ich bin erwachsen
Als du weg bist
Morgens aus dem Bett
In einer Kiste
Seesterne
Geisterhaft legt sich die Trennung
Ich höre Pontus
Schnelle Finger folgen Bögen
Als ich mit dem Kind
Du bist fleißig
Wenn das Kind schreit
Irgendwann schlafe ich ein
Während ich auf mein Handy schaue
Beim Blättern
Oma verbrennt Familienfotos
Und dann schwindet alles
Bei meiner Runde
Omas Kopf dreht sich
An euren Körpern
Und wie ich dann dastehe
In der Nacht
Und jetzt
Nehmen wir an
Was ist, wenn immer was lauter ist
Im Nebel
Kleine Kügelchen aus Klopapier
An einem Tag
Bei Oma auf dem Sofa
Ich sammle
Müde Sonne
Du erzählst
Als ich mit dir telefoniere
Stelle ich mir Oma
Grenzen verlaufen
Was ich weiß
Als Oma tagsüber im Bett liegt
Da sind Gesichter
Ich in der Finsternis
Wenn ich dich besuche
Im Wohnzimmer
Da ist dieses fortlaufende Gespräch
Irgendwann gehe ich zurück
Ich deponiere meine Wünsche
Und dann stürzt Omas Hand
Im Nachtschatten
Auf dem Flur
Dass Oma seit Jahrzehnten Antidepressiva nimmt
Ich halte das Kind im Arm
Oma
Nachdem das Kind mit dir im Park spielt
Unser Atem
Das Kind vor mir
Ich frage
Und so sitzt du Oma gegenüber
Während ich denke
Höher als alles sonst
Vom Kopf
In einer Nacht sagst du
Oma ist wieder zu Hause
An einem Tag sitzt Oma
Gerade aus ihrer Haustür raus
Quellenverzeichnis
Impressum
The killer in me is the killer in you
The Smashing Pumpkins, Disarm
… anerkennen, dass unsere Kinder Geiseln des Schicksals sind …
Joan Didion, Blaue Stunden
Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.
Christa Wolf, Kindheitsmuster
Das Kind schwebt. Zart berühren meine Finger seinen nackten, kleinen Körper, eine Qualle, flüchtig. Es lacht.
Ich stelle mir vor, wie es mir entgleitet, wie es untergeht in der plötzlichen Endlosigkeit der Badewanne, über die sich mein müder Körper beugt.
Im Wasser ist man leichter als an Land. Das merke ich, als mich niemand unten an der Rutsche auffängt und mein Körper, fünfjährig, widerstandslos ins offene Seewasser rast. Meine Glieder sind federleicht, als sie im blinden Wasser treiben. Ich kann sie beobachten, als wären sie Fische, die an mir vorbeiziehen. Sie sind nicht mehr meine. Hinauf Richtung Himmel steigen sie, die Blasen, die meine Schreie einfassen, lautlos zum Licht. Meine brennenden Augen halten Ausschau nach dir. Aber hier treffen Momente aufeinander, in Sekundenschnelle, und ein Abgrund tut sich auf für alles Weitere.
Als ich den warmen Beton unter meinem Körper spüre, sehe ich keine Köpfe, aber rieche deine Hände auf meiner Brust. Da liegen sie, weich und geschwollen von der Hitze.
Ich stehe an Land, beide Füße fest auf dem Boden, und stemme die Kilos. Hüftköpfe drücken sich in Gelenkpfannen. Bin ich schon kleiner geworden? Meine Rippenbögen nähern sich einander an, und meine Füße, was ist mit denen – sind sie größer geworden unter dem neuen Gewicht?
Du sagst: Breit bin ich geworden, mein Becken, die Füße, ein richtiger Trampel.
Und ich weiß nicht, wie du vor mir ausgesehen hast, aber bekomme Angst, dass mich das Kind weiten wird, bis zur Unkenntlichkeit verändern. Ich sehe an mir herab, fahre mit meinen Handflächen das mit Wasser gefüllte Gewölbe ab. Immer wieder versuche ich, das Ausmaß zu begreifen, in mir, und auch, was es bedeuten wird, aber das alles erscheint mir wie eine optische Täuschung. Mein Inneres dehnt sich aus, es drückt die mal fest gewesene Hülle nach außen, bald schon gespannt wie die Plane des Zeppelins, den ich als Kind glaube, manchmal zu sehen.
War es so? Aus dem großen Schrägfenster in der Küche, meine ich, als du und der Vater euch manchmal noch küsst.
Es ist, als würde die Haut um meine Körpermitte dünner und dünner. Eine einzige Nadel könnte bald reichen, um das Wasser und das winzige Ding, das vielleicht aussieht wie ein frisches Hamsterbaby, aus mir herausströmen zu lassen.
Immer weiter schwelle ich an, als würde jemand Wasser in mich hineinpumpen. Ich werde zum Gebirge. Warm und müde bleibe ich liegen, trage den Abdruck der Falten vom zerknitterten Bettzeug den halben Tag auf der Wange. Erst Stunden später wird die an Flusskarten erinnernde Maserung, die mein Faulsein verrät, wieder verschwinden.
Meine Bauchdecke schlägt Wellen. Ich will ein Video davon machen, aber die Aufnahme zeigt nicht, was ich meine.
Ich weiß nicht, was bald passieren wird, und habe entschieden, mich nicht zu sehr mit allem zu beschäftigen. Eine Freundin ertastet die Ohrmuscheln ihres Fötus durch ihre Haut hindurch, eine andere lockt ihr Kind mit einem Glöckchen in die richtige Position. Ich ignoriere alles, jede Ahnung, jede Angst, nur nicht meine Lust, will meine Träume freihalten, und ich träume wirklich viel.
Und dann ist die Riesenseerose nicht im Amazonas, sondern doch wieder in mir, kommt mit drei Metern Durchmesser aus der Tiefe, dem Dunkel, Victoria amazonica, und ich kann nichts gegen sie tun. Sie wächst und nähert sich der Helligkeit. Sie wächst und stößt gegen meine Rippenbögen, mein Zwerchfell, sie tritt mich, ihre Wurzeln knebeln Organe. Dabei bin ich ja diejenige, die sie lebendig hält, denke ich und schwimme in meinem Schweiß.
Nachts wache ich in nassem Bettzeug auf. Das Kind im Fruchtwasser ist keine Riesenseerose, das weiß ich gleich morgens, als ich mich wie ein Ross über die Seite nach oben aus dem Bett wuchte.
Wir zählen die Tage, irgendwann Wochen, und ich manchmal unseren Schluckauf. Ich atme schwerer, jeden Tag, und jeder Tag ist ein weiterer.
Vielleicht ist es ein Moment in Transit, denke ich und finde, das klingt gut: in Transit. Nicht hier, nicht da. Ich spüre eine Unwirklichkeit in diesem Dazwischen, im Übergang zwischen den Welten. Als alles vorbei ist, oder vielleicht, als alles erst so richtig beginnt, verstehe ich, dass es das ist: unwirklich.
Nicht lange nachdem fremde Menschen auf meine ihnen entgegengestreckte Körperöffnung starren und nervös einen Schrei herbeisehnen, den ersten, die Klimax im Leben des Kindes. Nachdem ich meinen Namen wie ein Echo im Raum schwimmen höre. Nachdem ich wie ein Käfer auf dem Rücken liege und alle meine Sinne verliere, weil zu viel von meinem Blut den Klinikboden wie Waschwasser flutet. Nicht lange danach fallen die Satzzeichen eines Lebens in ihre Positionen.
Später liege ich in der Badewanne, ganz unten, mein Kopf am Grund, halte den Atem an, die Blasen, die aus meiner Nase treten, kitzeln. Ich schaue in den Lichtkegel an der Decke, meine Augen brennen, und ich stelle mir vor zu ertrinken.
Ich kann nicht mehr verschwinden. Nie wieder kann ich das. Nie wieder seit fünfhundertvierzig Tagen. Vorhin habe ich wieder gerechnet.
Ich denke, irgendwann bestraft man mich, weil ich mir Videos von Müttern, die ihre Familien verlassen, anschaue, weil ich mich manchmal wegwünsche. Und ich traue mich, es zu erzählen, nur dir nicht, Mama. Vielleicht weil dich die Sorgen um mich und das Kind und diese kleine Familie, die wir jetzt sind, weil dich meine Zweifel an allem, an deine eigenen erinnern würden.
Früher, wenn mir in der Schule alles zu viel wird, löse ich den Feueralarm aus. Ja genau: ich. Hektisch scheuchen uns die Lehrkräfte durch die Flure. Wir, ihre Lämmer, trappeln über das nach Leinöl riechende Linoleum. Alles blökt und meckert dem Alarmton entgegen, der in keinem Winkel des Gebäudes gnädig ist. Nur ich bleibe ruhig.
So tonlos wie das Kind in den ersten Wochen seines Lebens, als wir denken, es müsse taub sein, weil es wie eine träge Larve in Wolle gewickelt auf nichts als den Geruch meiner Brüste reagiert.
Mir geht die Luft aus.
Beim Auftauchen schwappt Wasser auf den Boden im Bad. Ich muss die Pfütze wegwischen, bevor das Kind darin ausrutscht, denke ich. Es wird sich seinen Kopf an der Keramik aufschlagen.
Du sagst: Ach, nur ’ne Beule.
Ich werde es nicht glauben, auch nicht, nachdem ich dir noch ein zweites und ein drittes Mal schreibe, dass ich das Kind nun nachts alle dreißig Minuten wecke, ihm mit einer Taschenlampe direkt ins Auge leuchte, gucke, wie die Pupille reagiert, gucke, ob es sich erbricht.
Du sagst: Mach dir nicht immer so Sorgen, wird alles gut …
Und dann, zack, Thrombus, zack, tot, zack, was wäre denn dann, Mama?
Ich werde solche Bilder nicht mehr los, sehe sie vor mir: ein Schädel-Hirn-Trauma, einen herausgeschlagenen Zahn, eine Fleischwunde am Kinn, einen plötzlichen Herzstillstand, eine unwiderrufliche Sprachlosigkeit, meinen Tod.
Nichts davon darf uns passieren, sage ich dir, und irgendwo lese ich, dass wir zu schützen versuchen, was wir nicht schützen können.
Da ist sie, die Angst, sagst du, ein bisschen so, als hättest du dich seit Jahren auf diesen Satz gefreut.
Manchmal fehlen mir jetzt die Worte.
Und eine Freundin sagt: Du sprichst doch.
Ich hab nicht die richtigen, sage ich, die passenden Worte, meine ich, wie soll ich mit falschen drüber sprechen?
Gerade weiß ich nur noch, dass es anders ist als gestern und auch vorhin. Ich denke, ich bin zu langsam geworden.
Vielleicht ist es so: Ich gehe unter in einer Unordnung aus Versatzstücken.
Vielleicht ist es so: Zwei Herzen, eins in, eins an mir, die ich versuche miteinander zu verketteln, aber ich bin noch immer nicht gut genug an der Maschine, Mama, dabei sehe ich dich doch ständig eine Nadel bewegen.
Und vielleicht ist es so: Meine Lider sind schwer, mein Hirn ist wattig, mein Herz ächzt unter all dem Gewicht.
Irgendwann beginne ich mit Listen. Lose Enden. Flinke Nattern, Einzelgänger.
verfall des subjekts
erst die entzweiung, dann haut auf haut
leben als frequenzillusion
Nachts strahlt das blaue Licht vom Handy mich an, wenn ich versuche, mich zwanghaft daran zu erinnern, was mir im Stillen beim Stillen kam, beim Tagträumen, alleine auf Klo. Husch, husch – aber meine Finger beeilen sich kein Stück. Sie schleppen sich über die Tasten. Ich will ihnen in die Hacken treten.
Und dann stehen da doch irgendwann solche Kleinigkeiten, unwichtige vielleicht, aber ich bilde mir ein, mich an ihnen festhalten zu können. Da ist dieser Schlund, ein Fluss, der mich mitreißt, mich verschlucken will, der nichts für mich bereithält. Oder einfach: viel zu viel vom Gleichen.
Nicht untergehen, darauf kommt’s an, sagt mir eine Frau, als ich an der Kasse stehe und denke, dass ich das Kind vergessen habe, aber es ist beim Vater.
Und eine Freundin mit Baby gratuliert mir zum Geburtstag: Du hast überlebt!
Offenbar wissen die meisten von diesem Schlund, der einen unaufhaltsam frisst und mit viel zu wenig Licht ausgestattet ist. Früher interessiert mich das alles nicht.
Dass ein Kind schreit.
Wieso ein Kind schreit.
Das Plakat bei meiner Gynäkologin: Schütteln Sie Ihr Kind nicht.
Wieso nach Monaten ohne Tiefschlaf nicht jedes Lächeln fremder Menschen, weil: Ist das Kind aber süß!, erwidert werden kann.
Stilldemenz.
Hyperfokus.
Kind, Kind, Kind.
Und nun stoße ich mich ständig am Frauen hassenden Teufel, den ich auch in mir entdecke. Dadadadaa, mmmamammamaa, jaaaa jaaa. Ich bin geworden wie alle und finde es wirklich leidig. Ständig freundlich aufgerissene Augen, sie hinterlassen tiefe Spuren auf meiner Stirn. Mein kleiner, süßer Engel-Schatz, mein Herz.
Als das Kind Geburtstag hat, schreibt mir die Freundin mit Baby: Geschafft! Du hast dein Kind nicht umgebracht, Glückwunsch!
Und ich denke, vielleicht ist es so: Auch noch Monate nach der Geburt dieses schauerliche Ziepen der Naht am Damm.
Gestern Abend noch in der Wanne mit hitzig-roten Wangen, ich und mein Körper, jetzt wieder geisterhaft auf der Straße. Ungesehen, die immer selben Runden. So ungesehen, wie man mit Kinderwagen sein kann. Vorbei an der Sumpfzypresse, der Reihe aus Platanen, die flachkronig beschnitten, wie sie sind, bedrückend amputiert wirken. Vorbei am Graureiher; meist sitzt er erstarrt bei den Robben aus Stein am Steg, und niemals lässt er sich stören von den Spazierenden, die ihm unangebracht nah kommen wie sonst nur dem Baby. Vorbei am Kormoran, wenn er da ist. Ich sehe ihn erst, als ich ihn im Quartett vom Kind entdecke. Da draußen sitzt er im Dickicht oder streckt seinen kleinen Kopf aus dem Wasser, nur kurz, bevor er wieder nach Fischen in dem See mitten in der Stadt taucht. Und manchmal trocknet er sich, das ölig schimmernde Gefieder funkelt im Licht bis hin zur anderen Uferseite. Vorbei am Schwan, der seine Jungen monatelang über den See geleitet, bis sie schneeweiß sind wie er und ihre Flügel stärken. Später liegt er hager und krank am Fuß der Brücke. Ich muss weinen, als ich die Feuerwehr rufe und er trotzdem sterben wird.
Alles um mich herum zeigt sich im Gegensatz zu meinen Gedanken in beeindruckender Genauigkeit, so lebendig, sogar wenn ein Vogelleben zu Ende geht.
Vielleicht ist es so: im Strudel, überlagert, Schlafsterne, überstimuliert, Kortisol.
brüste sind stein, milchdrüsen wie wurmgänge, es rauscht, wenn das kind trinkt, ein reißender fluss
mama sagt (bin 11): du hast mich ausgesaugt
angst vor leeren capri-sonnen auf den rippen
Wie von fremder Hand notierte Gedanken stehen die Worte da, und weil sie da stehen, ganz selbstverständlich, wirken sie kurz darauf schon so logisch wie die getragene Unterhose am Abend in meinem Wäschekorb. Oft lösche ich wieder, wenn ich abends im Bett liege und der Rest schläft.
Viel bleibt leer, die blanken Notizen, rein wie das Weiß im Auge vom Kind. Sie erinnern mich an die Tagebücher in meiner Jugend: ständig Kribbeln in den Fingern, aber nichts wert genug, um es wirklich festzuhalten. In den besten Momenten berühre ich was Größeres als mich selbst. Aber was ist schon größer, als einen Menschen am Leben zu erhalten?
Die streuende Leere erinnert mich an ausbleibende Erzählungen von dir, Mama, und an ausbleibende Erzählungen von Oma.
merke mir nichts, aber so was für immer: die haut von neugeborenen ist fünfmal so dünn wie die von erwachsenen, ihre füße und fäuste sind immer kalt, ihr herz schlägt unregelmäßig …
Alles, was ich gerade bin, bin ich in Abgrenzung zum Kind. Jeder Satz über mich, ist auch einer über das Kind. Jeder trägt nun den Namen vom Kind: Kind.
Weiterschreiben, will bleiben.
Und der Vollmond im Zimmer, so hell, dass die Nacht unverständlich wird. Dem Mond geht es gut, denke ich dann, wenn durch meinen Blick Ameisen krabbeln vor Erschöpfung. Niemand macht sich Sorgen um den Mond. Ich lese es irgendwo, und dann denke ich, ich denke, denke, denke … denke ja doch nur ans Kind, das weint, weil der Mond hinter Hauswänden verschwindet, hinter Wolken. Mein Kopf ist wie er, er verschwindet auch von Zeit zu Zeit. Ich stehe im Nebel.
Darin auch du, plötzlich, das alles erinnert mich daran, dass auch du alles aufschreibst und vergisst. Auf Post-its und lose Blätter, die du auf dem Tisch verteilst für den Überblick, den du ja doch nie gewinnst. Den Stift drückst du so doll aufs Papier, dass, wenn man genau hinsieht, die Buchstaben Muster auf dem Holztisch hinterlassen. Man wird deinen Spuren folgen können, Mama. Manches pinnst du an Wände, an Spiegel wie Memos. Das meiste aber verschwindet irgendwann – wie Mond und Kopf.
Vielleicht, denke ich, schreibst du nicht, um zu erinnern, sondern, um zu vergessen, was war, so lese ich es irgendwo.
Ich bin ein Echo geworden, sage ich einer Freundin auf ihrem Balkon im Wind. Er wirbelt unsere Haare spiralförmig nach oben.
Alle wissen, dass ich Wind hasse. Ich verliere mich in ihm. Als würde er mich zerstreuen wie die Asche eines Toten. Dir geht es genauso, und wenn nichts geht, dann eben ein Gespräch darüber, wie viel mehr er geworden ist, der Wind. Jetstream, Erwärmung, heiß, dann fröstelig, Zahlen springen, sie stürzen, ein Zündstoff und so weiter. Und immer wieder so, als könnten wir uns nichts merken. Und immer wieder so, als würden wir ein erstes Mal feststellen, dass wir ihn beide nicht ausstehen können.
Als du dir Binden so groß wie Surfbretter zwischen die Beine steckst, spüre ich deine Einsamkeit beim Bluten. Ich frage dich nicht, wie es dir geht. Schon eine Umarmung, die länger als vier Sekunden dauert, könnte bedeuten, nichts dagegen tun zu können, dass aus deinen Tiefen Gefühle wie tote Fische an die Wasseroberfläche treiben. Ich stelle mir vor, wie meine Tränen ihre zum Himmel gestreckten Bäuche nässen.
Eine Hand auf deiner Stirn, die Temperatur ertastend, erträgst du schlecht, und du wünschst dir nichts mehr als einen Körper, der deinen hält. Aber es kann nicht meiner sein, ich bin zu klein.
Was würdest du sagen, würde ich dich fragen?
Ich meine zu wissen, mir das alles Jahre später zurechtgefummelt zu haben. Das Blut, immer wieder, und immer wieder auch dein entleertes Gesicht.
Ich weiß, wie schnell du überfordert bist, wenn dir jemand zuhört. Wenn du in einem Gespräch zu Wort kommst, wenn man dich was fragt. Du nimmst selten Raum ein, und wenn doch, dann hast du Wein getrunken oder ziemlich gute Laune, quasselst dich mit einer sorglosen Überschwänglichkeit durch den Abend, die dir nicht lange danach schon wieder fremd zu sein scheint.
Oft holpern die Wörter schon im Augenblick des Losgaloppierens asynchron wie aus dem Takt geratene Hufe eines Springpferdes über den Tisch, an dem du sitzt. Manchmal nur, mit ihrer ersten Bewegung, kommen sie in Einklang, um nach hinten raus doch wieder zu stolpern. Es sind Momente, in denen du unerwartet drauflospreschst, anderen ins Wort hinein, zu laut, zu stürmisch, ungelenk, so, als müsstest du die Hürde möglichst schnell nehmen, bevor deine Verunsicherung dich wieder unterbricht.
Verstellst du manchmal die Stimme? Ich erkenne sie nicht immer. Du betonst die Silben unnatürlich, maskierst mit gespitzten Lippen deine Sätze durch eine Intonation, die ich dir nicht ganz glauben kann. Haspelnd schälst du sie aus deinem Mundraum, und ich schaue dich an, um mich zu vergewissern, dass es nicht jemand anderes ist, der da spricht. Vielleicht gewinnst du durch die Verfremdung Abstand zu dir selbst. Trickst du dich aus? Ich meine, weil du dich doch eigentlich gar nicht traust. Nur selten scheinst du in Übung, weil nicht mal die einfachsten Wörter so aus dir herauskommen wollen, wie sie sollen.
Und manchmal winkst du, bevor du einen Satz überhaupt zu Ende gesprochen hast, noch bevor man dir folgen kann, ab, sagst: Ach, ihr wisst schon.
Nee, weiß ich nicht, Mama, sag doch, was du sagen willst, maule ich, wenn ich glaube, bereit zu sein, dich herauszufordern.
In Wahrheit bin ich das nie. Ich weiß, dass wir dieses Gespräch zerknirscht beenden werden, dabei ging es um nichts, um den rückläufigen Merkur, um Mondknoten, Legionellen, um irgendwas.
Aber ich finde auch, es geht immer um mehr; unter den Sätzen, da liegen Welten, zwischen den Wörtern, im Tonfall, in Körpern.
Und du sagst: Sei nicht immer so streng mit mir.
Dein Körper erscheint in diesem Moment des ruckartigen Rückzugs noch zarter, noch schwindender in seiner Silhouette, nachdem du dich kurz vorher so ungewohnt groß aufgebäumt hast und dich nun nicht mal mehr ein kleines Stückchen vor das kalkige Gehäuse traust, das dich in meiner Vorstellung wie das einer Schnecke umgibt. Alles, was dir Masse im Raum geben würde, lässt du wieder verschwinden, hältst deine zaghaft tastenden Fühler so nah an deinem Körper, dass man sie nicht mehr sehen kann.
Ich denke: Schnecke, du: Schildkröte.
Ich bin eine, sagst du mal einigermaßen aufgeregt und referierst darüber mit beeindruckendem Wissen. Wie immer, wenn sich in deinem Hirn Informationen finden, mit denen ich nicht rechne, weil du dich ja sonst so gern im Haus versteckst.
Dass Madonna sechs Jahre älter ist als du, weißt du, und: Nee, keine Schwalbe, das da ist ein Mauersegler, korrigierst du mich beim Blick in den Himmel. Schmucklilien, Lupinen, Echinacea, volle Sonne, leichter Streuschatten. Und du singst, fehlerfrei, jedes Wort ist da: I wanna live, I wanna give, grölst du, aber erwartest nichts, da so leicht und frei, weshalb ich immer gleich einsteigen will. Auch Werbejingles schmetterst du mit sorgfältiger Präzision, wirklich: jeden Ton, die Pausen, das hab ich von dir. Wie wir imitieren, jede Atempause, jede Bridge, ein Flüstern, wie wir die Brüche kennen, plötzliches Up-tempo, den Rhythmus der Worte, wie sie aufeinanderfolgen und in ihrer Betonung den Melodien angepasst sind.
Aber zurück zu den Schildkröten. Anpassungsfähig seien sie, du liest davon, geduldig, ausdauernd. Ich vergesse, was du mir so detailreich über sie erklärt hast, sofort. Du ziehst durch die Tage und Abende und erzählst dich weiter durchs Tier.
Später sitze ich zu Hause und verstehe, wie unmöglich es dir ist, über dich zu reden, einfach über dich, ohne die Schildkröten.
Nun, ich sag ja, dass du sprechen kannst, wenn es um was geht, von dem du verlässliche Ahnung hast. Von Krähen, die sich rächen, an Menschen, noch Generationen danach kreisen sie überm Feind. Von Bienen, Brian Eno, Hormonen. Dieses ewige Ungleichgewicht in dir hat dich zur Forscherin gemacht. Und auch wenn du dich in Wiederholungen verhedderst, dich schnell ablenken lässt, sprichst du wie eine Laborantin über mir nicht greifbare Stoffwechselprozesse in unseren Körpern, in deinem, der manchmal müde ist und später wieder ruhelos. Ständig dich selbst erforschend, gegenwärtig, durstig, sagst du: Hätte ich doch mal Ärztin werden sollen.
Wenn du mit Tempo von dir und deinen Erkenntnissen erzählst, bohre ich nicht, grabe nicht, treibe dich nicht vor mir her. Es braucht hier kein Zutun von mir. Du sprichst ja, hörst kaum auf, weshalb ich dich dann doch manchmal unterbreche, weil mich meine Ungeduld fast immer peitscht, etwas, das du nicht besonders magst an mir, weil es mich hart macht und dich verschließt, hab ich recht?
Ich sage: Mmhhh, hast du schon erzählt.
Es erinnert mich, an früher, meine ich, dieses jugendlich Genervte, das ich bin. Kennst du das noch? Flaps, flaps, klatsch, die Wörter wie Schellen, lustlos und überheblich.
