Denken mit dem Herzen - Andreas Neider - E-Book

Denken mit dem Herzen E-Book

Andreas Neider

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Beschreibung

Wie das Denken mit dem Herzen heute praktisch geübt und ausgebildet werden kann, aber auch welche Vorläufer es in Ost und West dazu schon gegeben hat, dazu finden sich in diesem Buch zahlreiche Anregungen und meditative Übungen. Dass das menschliche Herz eine Art Wahrnehmungsorgan ist, davon erzählt nicht nur die östliche Weisheit, auch St. Exupéry spricht in seinem Buch "Der kleine Prinz" davon, dass man nur mit dem Herzen gut sehen könne. Dass man mit dem Herzen aber nicht nur wahrnehmen, sondern auch denken kann und dass dadurch unser Denken eine völlig neue Form annehmen wird, darauf hat Rudolf Steiner immer wieder hingewiesen. Wie aber lässt sich ein solches Denken mit dem Herzen erüben und praktizieren? Auf diese Frage gibt Andreas Neider konkrete und praktisch anwendbare Antworten gegeben, wobei auch die Kulturgeschichte des Herzens als Wahrnehmungsorgan, aber auch die Physiologie des menschlichen Herzens berücksichtigt werden. Dabei zeigt sich, dass der Mensch erst durch ein Denken mit dem Herzen seine besondere Aufgabe in der Welt und im Kosmos verwirklichen kann, so wie unser Leben auf der Erde erst durch die Sonne überhaupt möglich wird.

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Andreas Neider

Denken mit dem Herzen

Wie wir unsere Gedankenaus dem Kopf befreien können

Inhalt

Einführung

I. Das Schicksal des Denkens

II. Wenn Maschinen beginnen, Gedanken zu haben – Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz

III. Die Physiologie des menschlichen Herzens und das Zeitenkreuz – Östliche und westliche Spiritualität des Herzens

IV. Die Sonne als Weltenherz und das Miterleben des Jahreskreislaufes

V. Der anthroposophische Seelenkalender und die geistige Herzfunktion – Anregungen zur Entwicklung des Herzdenkens I

VI. Die Ausbildung des Herzchakra – Anregungen zur Entwicklung des Herzdenkens II

VII. Die Wahrnehmung des Sonnenlichtes und die Wirksamkeit der Verstorbenen – Anregungen zur Entwicklung des Herzdenkens III

Anhang mit Texten Rudolf Steiners

Anmerkungen

Einführung

«Denken mit dem Herzen» erscheint einem wohl auch ohne, dass man sich mit diesem Thema schon intensiver beschäftigt hat, als eine Fähigkeit, ja geradezu eine Tugend, die zu besitzen zur Lösung unzähliger Probleme, in die wir uns sowohl als einzelne Menschen wie als gesamte Menschheit verstrickt haben, beitragen könnte. Nicht umsonst wird vor allem in Veröffentlichungen aus dem Bereich östlicher Spiritualität gerne auf ein «Denken mit dem Herzen» Bezug genommen.1 Aber auch die christliche Spiritualität bedient sich immer wieder dieses Ausdrucks2, wobei hier schnell deutlich wird, dass damit nicht eine neue Qualität des Denkens gemeint ist, sondern eine in früheren Zeiten bereits vorhandene Fähigkeit, auf die zum Beispiel auch Antoine de Saint-Exupéry in seiner Erzählung Der kleine Prinz mit dem berühmten Ausspruch «Man sieht nur mit dem Herzen gut» hingewiesen hat.

Wir werden auf diese älteren Formen eines Sehens oder Erlebens mit dem Herzen noch ausführlicher zu sprechen kommen. Uns geht es in diesem Buch jedoch um eine neue, über ein Sehen mit dem Herzen einerseits und über das Denken mit dem Kopf andererseits hinausgehende Fähigkeit. Sie eröffnet den Gedanken den Weg zum Herzen und löst dadurch das in der Menschheitsgeschichte bisher schon entwickelte Denken, das uns heute so viele Schwierigkeiten bereitet, tatsächlich vom Gehirn, um es auch rein physiologisch in den Bereich des Herzens übergehen zu lassen. Daher werden wir uns auch genauer mit der Physiologie des Herzens, aber auch mit dem übersinnlichen Organ des sogenannten «Herzchakra» beschäftigen, das mit dem physischen Herzen in enger Verbindung steht.

Damit ist nun auf einen Bereich heutiger Spiritualität hingewiesen, der sich seit dem 20. Jahrhundert jenseits oder besser gesagt diesseits der östlichen und der christlichen Spiritualität entwickelt hat: die Anthroposophie Rudolf Steiners. Denn Steiner hat in zahlreichen Vorträgen und vor allem in seinem letzten schriftlich verfassten Werk3 ausführlich über die Ausbildung eines Denkens mit dem Herzen gesprochen. Diese Hinweise Steiners wurden in der Vergangenheit bereits von mehreren anthroposophischen Autoren ausführlich dargestellt und kommentiert,4 weshalb wir sie in dem vorliegenden Buch nicht erneut dokumentieren, sondern uns auf die wesentlichen Zitate beschränken werden.5

Ziel der vorliegenden Darstellung ist es vielmehr, auf einige in der bisherigen anthroposophischen Literatur bisher wenig bis gar nicht behandelte meditative Themen im Werk Rudolf Steiners, die von ihm nicht explizit mit dem Herzdenken in Verbindung gebracht wurden, die unserer Auffassung nach aber eindeutig in unmittelbarem Zusammenhang mit der Ausbildung des Herzdenkens stehen, in praktischer Hinsicht aufmerksam zu machen. Das soll vor allem unter Berücksichtigung unserer heutigen Zeitverhältnisse geschehen, in denen sich im Hinblick auf die Entwicklung unseres Denkens eine Tendenz immer stärker zur Geltung bringt: die mit dem sogenannten Transhumanismus in Verbindung stehende weltweite Ausbreitung der künstlichen Intelligenz.

Mit diesem Thema habe ich mich bereits in meinen beiden Büchern Der Mensch zwischen Über- und Unternatur und Aufmerksamkeitsdefizite auseinandergesetzt.6 Auch in meiner Darstellung zum Wesen der Zeit im Werk Rudolf Steiners7 bin ich auf einige Aspekte der Digitalisierung eingegangen und habe dabei auch die Thematik der Physiologie des menschlichen Herzens berührt.

In diesem Buch soll es jedoch konkreter und konzentrierter als zuvor um die Praxis der Ausbildung des Herzdenkens als Gegenbild zur Entwicklung der künstlichen Intelligenz gehen. Das heißt, wir werden uns auf die für diese Praxis wesentlichen Aspekte beschränken. Dazu werden wir in den ersten Kapiteln in knapper Form auf die Entwicklung des Denkens und der Intelligenz in der Menschheitsgeschichte und auf das Wesen der künstlichen Intelligenz sowie auf die älteren Formen des oben bereits erwähnten Sehens mit dem Herzen eingehen. Außerdem werden wir uns kurz mit der Physiologie des menschlichen Herzens und ihrer Beziehung zum Zeitenkreuz beschäftigen, die wiederum die Grundlage für das Miterleben des Jahreslaufes bildet.

Der zweite Teil des Buches wird sich dann in drei Kapiteln mit der Praxis der Entwicklung des Herzdenkens anhand konkreter meditativer Übungen beschäftigen. Im Zentrum des Buches wird dabei die Beziehung des menschlichen Herzens zur Sonne und zum Jahreskreislauf der Erde sowie die Meditation der «Herzensgüte»8 stehen. Warum und weshalb, das wird sich aus dem Verlauf der Darstellung ergeben. Im Ganzen werden wir dabei eher aphoristisch vorgehen und uns nicht in Details verlieren. Dadurch soll die Lektüre zwar nicht dem Inhalt, aber der Form nach erleichtert werden.9

Danken möchte ich vor allem Friederike Schinagel, die mich zu der von ihr kuratierten Veranstaltungsreihe Ästhetik der interreligiösen Begegnung an der Humboldt-Universität zu Berlin, die 2018 unter dem Motto Das Herz als Wahrnehmungsorgan stand,10 eingeladen und mir dadurch die Gelegenheit gegeben hat, das dort vorgetragene Thema Denken mit dem Herzen aus anthroposophischer Perspektive in schriftlicher Form auszuarbeiten. Zu danken habe ich außerdem Armin Husemann für den Hinweis auf den Zusammenhang zwischen dem Herzen und dem Zeitenkreuz. Außerdem habe ich meiner Frau Laurence Godard zu danken, die mir durch ihre Arbeit den täglich notwendigen Freiraum für das Schreiben auch dieses Buches verschafft hat.

Im Anhang sind einige Texte Rudolf Steiners zusammengestellt, anhand derer man die Inhalte und Anregungen des Buches noch weiter vertiefen kann.

Montpellier, Johanni 2018

Andreas Neider

I. Das Schicksal des Denkens

Das unbeobachtete Denken

Um verstehen zu können, warum die Anthroposophie Rudolf Steiners dem Denken mit dem Herzen einen so hohen und zentralen Stellenwert beimisst, müssen wir uns zunächst mit dem Denken selbst beschäftigen.

«Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, dass der Denkende das Denken vergisst, während er es ausübt. Nicht das Denken beschäftigt ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet.

Die erste Beobachtung, die wir über das Denken machen, ist also die, dass es das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens ist.»11

Wir denken zwar den ganzen Tag hindurch, sind uns aber der Tätigkeit, die wir dabei ausüben, nicht bewusst. Dennoch haben wir aber bei allem, was wir denken, immer den Eindruck, dass wir es selbst erzeugen, dass wir also der Hervorbringer der Gedanken sind, auch wenn wir uns des Hervorbringens selbst gar nicht bewusst werden.

Die Beobachtung des Denkens

Woher also kommen dann die Gedanken, oder anders ausgedrückt: Wo liegen die Quellen des Denkens?12 Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir als Erstes anfangen, das Denken selbst zu beobachten, zum Beispiel bei der Erfassung eines mathematischen Beweises. Nehmen wir beispielsweise den Beweis der Winkelsumme im Dreieck. Diese ist bekanntlich 180 Grad. Aber wodurch lässt sich das beweisen? Nur durch unser Denken und ein konsequentes Verfolgen der Gedanken. Der Beweis geht dabei von bestimmten Voraussetzungen aus, ohne die er nicht durchführbar wäre. So zum Beispiel die, dass eine Gerade die direkteste Verbindung zweier Punkte ist und dass daher ein über einer Geraden liegender Winkel 180 Grad beträgt.

Wir zeichnen nun an der Spitze eines von uns gewählten Dreiecks eine waagerechte parallele Gerade zur Basis des Dreiecks.

Dabei bilden sich sowohl an der oberen wie an der unteren Geraden jeweils zwei Winkel, die einander entsprechen. Wir bezeichnen die drei Winkel unseres Dreiecks mit α, β und γ, die beiden oben an der Parallele entstehenden Winkel als α’ und β’. Da eine weitere unserer Voraussetzungen die ist, dass sich die an Parallelen gegenüberliegenden Winkel «spiegeln» und sich daher entsprechen, ergibt sich daraus:

1. α’ und β’ ergeben an der oberen Parallelen zusammen mit γ die Summe von 180 Grad.

Diese gedankliche Ableitung ergibt sich aber nur dann, wenn wir den entscheidenden Gedanken, nämlich die Identität der Winkelsumme von α, β und γ mit der Winkelsumme von α’, β’ und γ einsehen. Diese Einsicht nennen wir intuitiv, weil sie sich blitzartig ergibt und uns in ihrer totalen Transparenz evident erscheint.

Dieses intuitive Erleben von Transparenz und Evidenz im Denken zeigt nun aber zugleich, dass wir zwar einerseits die zu einem solchen Beweis führenden Gedanken selbst hervorbringen müssen, dass aber ihr Inhalt von uns andererseits vollkommen unabhängig ist. Woher aber stammt dann dieser Inhalt? Woher stammen die Gesetzmäßigkeiten, die wir in unserem Denken zwar hervorbringen müssen, die jedoch keinesfalls unserem Kopf entsprungen sein können?

Auf diese Frage nun hatten die Menschen früherer Zeitalter durchaus andere Antworten, als sie unsere heutige Philosophie, die sich überwiegend an den Neurowissenschaften orientiert, geben würde. Diese heutige, materialistisch orientierte Philosophie übergeht den Unterschied zwischen unserer Denktätigkeit und dem von uns selbst unabhängigen Denkinhalt, und schreibt beides der Gehirntätigkeit zu.13

Nominalismus und Realismus

Frühere Zeitalter hingegen bezeichneten den Denkinhalt, also die Begriffe, mit denen wir denken, als «Universalien» oder schlichtweg als «Intelligenz» und brachten deren Entstehung im Bewusstsein des Menschen nicht mit einer Eigentätigkeit, sondern mit den nicht sinnlich wahrnehmbaren, tätigen «Intelligenzen» in Beziehung:

«Vorher hatte man von der Seele eine imaginative Vorstellung. Man sah ihr Wesen nicht im Gedankenbilden, sondern in ihrem Teilhaben an dem geistigen Inhalt der Welt. Die übersinnlichen geistigen Wesen dachte man denkend; und sie wirken in den Menschen hinein; sie denken auch in ihn hinein. Was so von der übersinnlichen geistigen Welt im Menschen lebt, das empfand man als Seele.»14

Das diese Intelligenzen oder Engel15 leitende Wesen empfanden die Menschen noch bis ins Mittelalter hinein als eine Wesenheit, der die jüdisch-christliche Tradition den Namen «Michael» gegeben hat. Diese Wesenheit wurde in anderen Traditionen, etwa in Griechenland, als Apollon bezeichnet, in östlichen Traditionen, etwa in Indien, als Krishna, usw.16

«In alten Lehren hat man die Macht, aus der die Gedanken der Dinge erfließen, mit dem Namen Michael bezeichnet. Der Name kann beibehalten werden. Dann kann man sagen: Die Menschen empfingen einst von Michael die Gedanken. Michael verwaltete die kosmische Intelligenz. Vom neunten Jahrhundert an verspürten die Menschen nicht mehr, dass ihnen Michael die Gedanken inspiriert. Sie waren seiner Herrschaft entfallen; sie fielen aus der geistigen Welt in die individuellen Menschenseelen.»17

So beschreibt Rudolf Steiner die Seelenverfassung der Menschen in einer vormodernen Epoche. Diese aber hatte zur Folge, dass sich der Mensch in ganz anderer Weise mit den Dingen verbunden erlebte. Die Gedanken wurden nicht im Kopf entstehend erlebt, sondern draußen in den Dingen der Sinneswelt, da lebten sie, da wurden sie mit den Sinneseindrücken zusammen wahrgenommen. Mithin waren Denken und Wahrnehmen gar nicht getrennt. Wohl aber ging es darum, die Dinge in richtiger Weise wahrzunehmen, das heißt aber, wie wir weiter unten noch sehen werden, mit dem Herzen.

Welche Folge aber musste es dann haben, dass die Gedankentätigkeit von den Engelwesen an die Menschen überging? Sobald die Menschen anfingen, sich selbst als Urheber der Gedanken zu erleben, entstand damit die Frage, ob der Inhalt der Gedanken vom Menschen hervorgebracht wird, oder ob dieser Inhalt einen göttlichen Ursprung hat. Diese Frage war im Mittelalter eine heiß umkämpfte und führte zu dem berühmten Streit der Nominalisten mit den Realisten. Die Nominalisten waren nämlich der Auffassung, dass die Inhalte der Gedanken lediglich «Namen» seien, die die Menschen den Dingen beilegen, während die Realisten die Ansicht vertraten, dass die Gedanken zwar vom Menschen erzeugt, ihr Inhalt jedoch «real» zu nehmen sei.18

Daher sprachen die Realisten nicht von «Namen», sondern von «Universalien» und teilten diese in drei Kategorien ein:

– Universalia ante rem: Das sind die Gedanken der himmlischen Wesen oder der Engel «vor der Erschaffung der Dinge».

– Universalia in re: Das sind die Gedanken, die in den Dingen wirksam sind und sie dadurch zur Erscheinung bringen.

– Universalia post rem: Das sind die Gedanken, die wir als Menschen durch unser Denken aus den Dingen abziehen, d.h. abstrahieren.

Die Nominalisten hingegen leugneten den göttlichen Ursprung der Gedanken und legten damit die entscheidende Grundlage für den durch die modernen Naturwissenschaften entstehenden Materialismus.19

Die oben beschriebene Übung jedoch kann uns deutlich werden lassen, dass der intuitiv erlebte Gedankeninhalt nicht von uns selbst erzeugt, sondern durch die Gedankentätigkeit lediglich in unserem Bewusstsein zur Erscheinung gebracht wird.

Die intuitive Erfahrung des Denkens

Im Bewusstsein des Menschen erscheint durch sein Denken somit der geistige Gehalt der Welt. Er wird aus der Sphäre des Lebens, in der er sich in den Dingen als Gesetzmäßigkeit wirksam zeigt, ins Bewusstsein des Menschen gehoben. Aber wozu?

«Es ist die im Menschen stattfindende Gedankenbildung ein Fortschritt in der menschlichen Selbsterkenntnis. Im Übersinnlichen angeschaut, stellt sich die Sache so dar: Die geistigen Mächte, die man mit dem Michael-Namen bezeichnen kann, verwalteten im geistigen Kosmos die Ideen. Der Mensch erlebte diese Ideen, indem er mit seiner Seele an dem Leben der Michael-Welt teilnahm. Dieses Erleben ist nun sein eigenes geworden. Dadurch ist eine zeitweilige Trennung des Menschen von der Michael-Welt eingetreten. Mit den inspirierten Gedanken der Vorzeit empfing der Mensch zugleich die geistigen Weltinhalte. Indem diese Inspiration aufhörte und der Mensch in eigener Tätigkeit die Gedanken bildet, ist er auf die Anschauung der Sinne verwiesen, um für diese Gedanken einen Inhalt zu haben. So musste der Mensch zunächst die errungene eigene Geistigkeit mit materiellem Inhalt erfüllen. Er fiel in die materialistische Anschauung in dem Zeitalter, das sein eigenes geistiges Wesen auf eine Stufe brachte, die höher ist als die vorangehenden.

Das kann leicht verkannt werden; man kann den ‹Fall› in den Materialismus nur allein beachten, und dann über ihn traurig sein. Aber während das Anschauen dieses Zeitalters sich auf die äußere physische Welt beschränken musste, entfaltete sich im Innern der Seele eine gereinigte, in sich selbst bestehende Geistigkeit des Menschen als Erleben. Diese Geistigkeit muss nun im Michael-Zeitalter nicht mehr unbewusstes Erleben bleiben, sondern sich ihrer Eigenart bewusst werden. Das bedeutet den Eintritt der Michael-Wesenheit in die menschliche Seele.»20

Die an der Sinnesweilt entfaltete gedankliche Tätigkeit bedeutet für den Menschen einen geistigen Fortschritt, weil er sich dadurch seiner eigenen Geistigkeit bewusst werden kann. Daher ist die oben beschriebene Beobachtung des eigenen Denkens so entscheidend für unser heutiges Bewusstsein, denn an ihr wird sich der Denkende nicht nur der intuitiv erlebten Denkinhalte bewusst, sondern zugleich seiner eigenen geistigen Natur. Denn nur ein geistiges Wesen ist in der Lage, geistige Inhalte intuitiv zu erfahren.

So wie unsere Augen durch das Licht für das Licht gebildet wurden, so ist unser Denken durch den Geist für dessen Wahrnehmung geschaffen worden. Intuitiv erlebtes Denken ist also die erste Form einer geistigen und mithin übersinnlichen Wahrnehmung. Damit aber tritt der Mensch zugleich wieder in Beziehung zu jener Wesenheit, die wir als die eigentliche Quelle des Denkens identifiziert haben.

Wie unterscheidet sich nun aber ein solches intuitiv erlebtes Denken von unserem gewöhnlichen Verstandes- oder Kopfdenken? Dieses zeichnet sich, wie wir oben gesehen haben, dadurch aus, dass wir es nicht wahrnehmen, sondern uns ganz auf die durch die Sinneswahrnehmung gegebenen Inhalte fixieren. Wir denken nach – das heißt, den Dingen hinterher. Sie erscheinen uns außerhalb unseres Denkens als gegeben und die durch das Denken erzeugten Begriffe sind nur Namen, die wir den Dingen hinzufügen.

Durch das intuitive Erleben des Denkens aber verbinden wir uns mit dem Leben, mit dem Leben, das die Dinge zur Erscheinung gebracht hat, zusammen mit der in ihnen wirksamen Gesetzmäßigkeit. Das heißt, wir erleben uns in dem Element, aus dem die Dinge geschöpft sind, wir beobachten gewissermaßen den Schöpfungsvorgang selbst und stehen den Dingen nicht mehr getrennt und äußerlich gegenüber, sondern wir erleben sie sozusagen von innen.

Dieses Innen-Erleben im Denken, das Erleben der Dinge nicht mehr von außen, sondern von innen, nennt Rudolf Steiner Herzdenken und verbindet damit zugleich eine gewisse Unmittelbarkeit, die mit dem intuitiven Erleben des Denkens einhergeht.21

Kehren wir nun zu unserem Anfangsbeispiel zurück. Dieses war ja zunächst bewusst einfach gewählt, aus dem Gebiet der Geometrie, also nicht aus der Sinneswelt.22 Wie lässt sich nun aber das hier entwickelte Herzdenken an der Sinneswelt entwickeln? Dieser Frage werden wir im weiteren Verlauf genauer nachgehen und dann durch die Übungen im zweiten Teil versuchen, konkret zu beantworten.

Im Folgenden gehen wir nun aber zunächst der Frage nach, wie sich das Kopfdenken in unserer Zeit weiterentwickelt hat und welche Rolle in diesem Zusammenhang die Entstehung der künstlichen Intelligenz spielt.

II. Wenn Maschinen beginnen, Gedanken zu haben – Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz

Wir haben in Kapitel I gesehen, dass wir beim Denken zwei Dinge unterscheiden müssen, nämlich erstens die Denktätigkeit und zweitens den Denkinhalt. Und wir haben gesehen, wie ein bereits im Mittelalter entstehender Nominalismus zu der Auffassung gekommen ist, dass aufgrund der Tatsache, dass wir uns selbst – und heute wird dieses «Selbst» üblicherweise mit unserem Gehirn gleichgesetzt – als Erzeuger der Gedanken erleben, und auch der Inhalt von uns, das heißt, von unserem Gehirn erzeugt wird. Folglich besteht aber zwischen diesem Denkinhalt und den Dingen, auf die er sich bezieht, nur eine äußere, aber keine innere, wesenhafte Beziehung mehr. Durch unser Denken geben wir den Dingen nur einen Namen, wir benennen sie in der Art, wie es den Strukturen unseres Gehirns entspricht.

Francis Bacon: «Wissen ist Macht»

Aus dieser materialistischen Auffassung des Denkens ist seit Beginn des materialistischen Zeitalters die gesamte naturwissenschaftlich-technische Entwicklung hervorgegangen. Am deutlichsten hat sich in dieser Hinsicht der wohl bis heute wirkmächtigste Philosoph und Naturwissenschaftler der Neuzeit, nämlich Francis Bacon (1561–1626) geäußert, indem er in seinem Novum organum das Ziel alles Wissens in der Beherrschung und Nutzbarmachung der Natur gesehen hat: «Wissen ist Macht» war daher sein berühmt berüchtigtes Motto.

Das heißt, dass durch die moderne Naturwissenschaft das Denken nicht mehr als Ausdruck geistiger, vom Menschen unabhängiger Wesenheiten oder Intelligenzen erlebt wird, sondern eben als ein dem Menschen gegebenes Instrument, mit dessen Hilfe er sich die Natur zunutze machen und durch menschliche Erfindungsgabe in technischer Weise verwertbar machen kann. Diese Entwicklung führte im 20. Jahrhundert schließlich dazu, das nun immer weiter erforschte «Instrument» des menschlichen Denkens, nämlich das Gehirn, als Vorbild für neue Technologien, den sogenannten Informationstechnologien, zu nutzen. So gelang es in den 40er- und 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts dem ungarischen Mathematiker John von Neumann (1903–1957), der entscheidend am Bau der ersten Atombombe während des sogenannten «Manhattan Project» beteiligt war,23 die Funktionsweise des menschlichen Gehirns auf Maschinen zu übertragen: