Denken Wissen Handeln Wirtschaft -  - E-Book

Denken Wissen Handeln Wirtschaft E-Book

0,0
11,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Geballte Kompetenz und fundierte Information zu den wichtigen Fragestellungen unserer Gegenwart. Zum Westend Geburtstag bietet die Westend Sonder-Edition Denken Wissen Handeln einen kritischen Diskurs und die wichtigsten Texte unserer renommierten Autorinnen und Autoren zu den Themenfeldern Politik und Wirtschaft.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 494

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ebook Edition

Philipp Müller (Hg.)

DENKEN WISSEN HANDELN

Wirtschaft

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-767-2

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2019

Umschlaggestaltung: Nele Thörner, mxd Westend Verlag

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Inhalt

Vorwort des Herausgebers
Der Kapitalismus: Über Markt & Staat
Ökonomie oder Wirtschaften?
Wesen oder Un-Wesen? Die Ökonomie
Was erwarten wir vom Wirtschaften?
Symbiose oder Koexistenz?
Kapitalismus ist nicht das Gegenteil von Staat
Marktversagen? Nein, danke!
Keynes und die Neoklassiker
Nur der subjektive Nutzen zählt
Ein Rätsel, das ein Rätsel bleibt: Wo kommen die Preise her?
Die Realität wird ignoriert: Großkonzerne sind angeblich unwirtschaftlich
Schumpeter spottet über die Neoklassik: nur »Jammergestalten«
Krisen? Welche Krisen?
Sicher ist nur die Unsicherheit
Die Neoklassik versteht ihre eigene Theorie nicht
Sparen ist keine Tugend – sondern gefährlich
Das ungelöste Rätsel der Neoklassik: Wie funktioniert der Zins?
Es zählt nicht der Zins – sondern die Spekulation
Die Übermacht der Finanzmärkte
Versagt der Markt, muss der Staat eingreifen
Die Überwindung des Kapitalismus
Das Geheimnis des Geldes: Über Schulden, Zinsen und Inflation
Wie alles begann
Alles, was sie schon immer über Geld wissen wollten
Erst die Schuld, dann das Geld
Der Doppelagent Geld
Warum kostet Geld?
Endet der Zinseszins oder endet erst die Welt?
Is Time Money oder kostet Money uns Zeit und Leben?
Ein Lob auf die Inflation
Das Geschäft mit den Staatsschulden
Der Motor der Wertschöpfung: Arbeit & Arbeitslosigkeit
Die Mittelstandsgesellschaft und die Angst vor dem Abstieg
Die Mittelschicht schrumpft, aber wer steigt eigentlich ab?
Wie sicher sind unsere Jobs?
1. Robinson und die Rationalisierung
Die Angel und die Arbeitsteilung
Nachahmung als Innovationsmotor
Und dann die Sättigung?
1.2 Industrieller Fortschritt
Produktivitätsgewinne nur für den Investor …
… oder nur für die Beschäftigten …
… sind schlechter als Produktivitätsgewinne für die Verbraucher
Eine innovationsfreundliche Verteilungsregel …
… ist wachstumsfördernd und beschäftigungsneutral
1.3 Rationalisierung und gesamtwirtschaftliche Entwicklung
Konjunkturloses Produktivitätswachstum?
Arbeitszeitverkürzung als Lösung?
Unbegrenzte Bedürfnisse – begrenzte Nachfrage
Die ungleiche Gesellschaft: Über Reichtum und Wege der Umverteilung
Ein Panorama sozialer Ungleichheit
Ungleiche Arbeit, Löhne, Einkommen, Vermögen
Arbeit
Löhne
Einkommen
Vermögen
Ungleiche Chancen für Männer und Frauen
Ungleiche Bildungszugänge
Zunehmende Polarisierung
Steigende Armut
Vermehrter Reichtum
Die Geschichte des Reichtums und warum sie zählt
Das zweite vergoldete Zeitalter
Das erste vergoldete Zeitalter
Steuern – Der große Gleichmacher?
Besteuerung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit
Optimale Besteuerung: Effizienz vs. Gerechtigkeit
Der Selbstbetrug der Mittelschicht
Die permanente Reform bei den Steuern: Ein Milliardengeschäft für die Eliten
»Omas kleines Häuschen«: Firmenerben entrichten keine Erbschaftsteuer mehr
Die angeblichen Sozial-»Versicherungen«: Wie die Mittelschicht für die Armen zahlt
Sozialdemokratie und Ungleichheit
Das Fehlen eines stabilen egalitären Gleichgewichts
Strategien der Umverteilung
Warum sich engagieren?
Was sollte getan werden?
Teilen – was sonst?
Tarifverträge
Mitbestimmung
Vermögensteuer
Öffentliche Güter
Zeitautonomie
Ein anderes Europa
Die Schattenseiten des Wohlstands I: Finanzkrisen & -kriminalität
Der Neoliberalismus und die Krisen
Willkommen im Finanzkasino: Der Handel mit Derivaten
Eine falsche Theorie wird teuer: Die Finanzkrise kostet Billionen
Nach der Krise ist vor der Krise
Ein »griechisches Problem«
Die Systemkrise und die Konstruktionsfehler der EU
Das heiße Thema »Staatsschulden«
Griechenland – ein »schwarzes Schaf«
Austeritätspolitik und Widerstand
Die Rolle der Troika und der europäischen Institutionen
Die Regierung der Technokraten
Gier in den Topetagen
Business und Betrug
Einladung zum Betrug: Steuerfreie Enklaven
Die Geburtsstunde des Goldesels
Die Schattenseiten des Wohlstands II: Über Monopole, Hungersnöte & Umweltschäden
Digitale Monopole: Die Fallstudie »Amazon«
Hunger in Zeiten der Krise
Die Nahrungskrise des Jahres 2008
Die Wirtschafts- und Finanzkrise verschlimmert das Hungerproblem
Was tun?
Lehre 1: Eine aktive Rolle des Staates bei der Entwicklung
Lehre 2: Die Produktionskapazitäten ausweiten – eine zentrale Frage
Lehre 3: Der Landwirtschaft wieder den Vorrang geben
Lehre 4: Eine Industriepolitik aufbauen
Lehre 5: Die armen Länder müssen ihre Märkte schützen dürfen
Lehre 6: Die Strategie der Jahrtausendentwicklungsziele verbessern
Lehre 7: Den Finanzsektor regulieren
Lehre 8: Entwicklung nachhaltig gestalten
Lehre 9: Die regionale Zusammenarbeit und Integration fördern
Der Globus entgleitet uns
Die Vermüllung der Meere
Die Verschmutzung der Atmosphäre
Eine unsinnige Zahl verharmlost den Klimawandel
Die größten Veränderungen sind nicht reversibel
2018: Rekordjahr der Extreme
Vermögensverwalter werden nervös
Der Globus ist uns entglitten
Die Politik ist gefordert – oder ist sie überfordert?
Zweifel säen durch Lobbyarbeit
Der Wolf im Schafspelz
Der Klimawandel ist eine besondere Herausforderung
Branchenethik: Teil einer fairen Marktwirtschaft
Anmerkungen

Vorwort des Herausgebers

Wenn im öffentlichen Diskurs von »der Wirtschaft« die Rede ist, regt sich in den Köpfen vieler Bürgerinnen und Bürgern die Assoziation eines urtümlichen und mysteriösen Wesens, das nur einige wenige Eingeweihte – die Ökonomen – zu verstehen und zu beherrschen wissen. Gewandet in eindrucksvollem Vokabular und geschmückt mit komplexer Zahlendreherei gerät die Ökonomie dadurch zu einer wahrhaftigen Bestie, deren Wohlwollen sich in Konjunktur, ihr Zorn hingegen in Krisen, manifestiert. Doch dabei handelt es sich um einen Irrglauben: Die Ökonomie ist menschengemacht und Ökonomen – insbesondere die Anhänger des neoliberalen Mainstreams – können sich irren. Um den Leserinnen und Lesern des vorliegenden Bandes diese Botschaft zu vermitteln, ist es von zentraler Bedeutung, die Hintergründe, Mechanismen und Konsequenzen der Strukturen, die globale und regionale Märkte bestimmen, aufzudecken und kontextualisiert zu untersuchen.

Entsprechend behandelt das erste Kapitel das dominante wirtschaftliche System der westlichen Industriestaaten, den Kapitalismus. Zu Beginn erläutert Arno Gahrmann vermittelst der begrifflichen Distinktion zwischen Ökonomie und Wirtschaften die Essenz profit- und wachstumsorientierten Denkens. Im darauffolgenden Abschnitt entkräftet Ulrike Herrmann das neoliberale Märchen von der diametralen Gegensätzlichkeit von Kapitalismus und Staat aus einer historischen Perspektive, die im Auszug von Stefan Bach um eine systematische Komponente ergänzt wird. Im Weiteren absolut zentral für ein Verständnis dieser Beziehung ist Ulrike Herrmanns Analyse und Kritik der neoliberalen Schule, worin sie demonstriert, dass die neoklassische Theorie – im Gegensatz zu der Keynesianischen – in Sphären fernab der Wirtschafts- und Lebensrealität operiert. Das Kapitel endet mit einem Dialog zwischen Sahra Wagenknecht und Florian Rötzer über Möglichkeiten und Anreize zur Überwindung des Kapitalismus.

Im zweiten Kapitel rückt Geld, das basale Element kapitalistischer Wirtschaftssysteme, in den Mittelpunkt der Betrachtung. Paul Schreyer erzählt die Geschichte des Geldes vom ebenso rosigen, wie fehlerhaften Bild des Universaltauschmittels in grauer Vorzeit bis hin zum Katalysator des modernen Finanzkapitalismus. In der Gegenwart angekommen, illustriert Arno Gahrmann die Zusammenhänge zwischen Geld, Schulden und Zinsen und deckt den Zaubertrick, wie die Banken Geld in Form von Krediten aus dem Nichts herbeiwünschen können, auf. Ulrike Herrmann ergänzt seine Ausführungen mit einer Lobrede auf die Inflation. Den Abschluss des Kapitels bilden Paul Schreyers Ausführungen zum bizarren Geschäft mit den Staatsschulden.

Doch Geld haust nicht nur in den Elfenbeintürmen von Zentralbanken, Aktienmärkten und Staatskassen: Den meisten Menschen ist das Geld am nächsten, das sie sich durch Arbeit selbst verdient haben. Aber Arbeit erlaubt nicht nur, Bedürfnisse durch Erwerb von Waren und Dienstleistungen zu stillen, sondern stiftet auch eine klare soziale Identität. In der ersten Hälfte des dritten Kapitels unterzieht Ulrike Herrmann diese einer genaueren Prüfung: Wer sind die Armen? Wer sind die Reichen? Wer ist die Mittelschicht? Und wichtiger noch: Wen finanziert die Mittelschicht mit ihrer Arbeit? Die zweite Hälfte richtet den Blick in die Zukunft und fragt, ob und wann Digitalisierung und Automatisierung der breiten Masse der Bevölkerung ihre Arbeitsplätze nehmen. Heiner Flassbeck bietet in seiner Untersuchung eine überzeugende und wissenschaftlich fundierte Antwort auf diese Frage, deren Ergebnis direkt vorweggenommen werden darf: Unsere Jobs sind sicher!

Ungeachtet dieser einstweilig beruhigenden Botschaft dürfte dem Leser aber bereits aufgefallen sein, dass der wiederholte Sprech von Arm und Reich in diesem Band eine zunehmend bedrohliche Entwicklung unserer Gesellschaft suggeriert, die Gegenstand des vierten Kapitels ist: die soziale Ungleichheit. Nach einer breiten Übersicht über die unterschiedlichen Teilaspekte dieses Phänomens von Friedhelm Hengsbach, widmet sich Chrystia Freeland der Geschichte der Ungleichheit oder – etwas pathetisch gesprochen – dem Ursprung allen Übels. Die darauffolgenden Beiträge besprechen Möglichkeiten der Umverteilung: Stefan Bach diskutiert unterschiedliche steuerpolitische Modelle als Werkzeuge zur Redistribution gesellschaftlichen Reichtums. Ulrike Herrmann verlagert in ihrem Beitrag das Hauptaugenmerk hingegen von der makroskopischen »Arm-Reich-Ebene« auf die Mittelschicht. Ihr zufolge gehen die derzeit praktizierten Strategien der Umverteilung maßgeblich auf Kosten des Mittelstandes. Per Molander bespricht auf einer abstrakteren Ebene die Notwendigkeit breit angelegter staatlicher Maßnahmen gegen gesellschaftliche Ungleichheit vor dem Hintergrund sozialdemokratischer Strukturen. Friedhelm Hengsbach SJ beendet das Kapitel schließlich mit einer konkreten Auflistung möglicher Maßnahmen der Umverteilung.

Die Kapitel fünf und sechs teilen sich das übergreifende Thema der sprichwörtlichen Schattenseiten unserer gegenwärtigen sozio-ökonomischen Ordnung. Auf der einen Seite stehen die unmittelbaren und systemimmanenten Konsequenzen des ungebremsten, neoklassizistisch geprägten Kapitalismus: Finanzkrisen und -kriminalität. Im ersten Beitrag des Kapitels stellt Ulrike Herrmann dar, wie der Handel mit Derivaten im »Finanzkasino« zur Krise im Jahre 2008 führte – und die neoliberalen Ökonomen in beschämtes Staunen versetzte. Auf die äußerst realen Schäden dieses unwirklichen Spiels geht Giorgios Chondros anhand des Beispiels Griechenland ein. Nüchtern schildert er, wie die eindeutige Folge einer Systemkrise des Kapitalismus zu einem »griechischen Problem« umgemünzt und als Vorwand benutzt wurde, die Menschen dieses Landes ihrer Freiheit und Würde zu berauben. Und während eine brachiale Sparpolitik die Bevölkerung von Staaten, die unvorbereitet von der Krise getroffen und geschädigt wurden, in die Knie zwingt, verdient eine kleine, rücksichtslose Elite in Nadelstreifenanzügen mit der Spekulation, welche die Krise überhaupt erst ausgelöst hat, ein Vermögen. Motivation und Praktiken dieser »Nimmersatts« untersucht Wolfgang Hetzer im letzten Abschnitt des Kapitels.

Die andere Schattenseite des Kapitalismus sind die zahlreichen sekundären, weil mittelbaren, Folgen der modernen Wirtschaftsordnung. So bilden sich über den freien und unkomplizierten Handel im Internet gigantische Monopole heraus, die lokale Geschäfte zunehmend zu zerstören drohen. Johannes Bröckers bietet eine Fallstudie zum wohl notorischsten Vertreter dieser Riege: Amazon. Und während sich die Verbraucher in den reichen Industriestaaten allmählich sogar Brot, Käse und Schokolade vor die Haustür liefern lassen, verhungern in ärmeren Ländern unverändert Menschen. Jean Feyder zeigt auf, wie die Krisen des Kapitalismus, die hierzulande bereits bedrohlich wirken, in anderen Breitengraden, dem Auge der Öffentlichkeit gänzlich entrückt, Leben kosten. Abschließend behandelt ein Beitrag von Peter Grassmann die wohl weitreichendsten Auswirkungen ungezügelten Wirtschaftens: die Schäden an unserer Umwelt.

Philipp N. Müller, Jahrgang 1994, studierte Philosophie und Germanistik in Heidelberg und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2016 arbeitet er als freischaffender Lektor unter anderem für den Westend Verlag.

Der Kapitalismus: Über Markt & Staat

Ökonomie oder Wirtschaften?

von Arno Gahrmann

Wesen oder Un-Wesen? Die Ökonomie

Kennzeichnend für die heutige Ökonomie ist die einheitliche Verfassung aller in ihr dominierenden Unternehmen wie AGs und GmbHs und deren Zielsetzung: Sie definieren sich als Gesellschaften von Eigentümern, die mittels eigener (Geld-)Mittel und Kredite, dem Kapital, in Sachvermögen investieren und erwarten, dass ihr Reinvermögen, das sogenannte Eigenkapital, einen Zuwachs (Gewinn) erfährt. Damit das eintritt, müssen augenscheinlich die Erträge höher als die Aufwendungen sein, andernfalls würde das Reinvermögen sinken. In früheren Zeiten gab es selbstverständlich auch schon ein Reichtumsstreben, wovon schon die griechische Sage des Königs Midas erzählt, dem alles, dummerweise auch sein Essen, zu Gold wurde, doch bezog es sich wie selbstverständlich auf das eigene Besitztum, sei es Handel, Gewerbe oder ein Landgut. Die moderne Ökonomie hingegen löst sich vom einzelnen Unternehmen ab; es ist nur noch ein Mittel zum Zweck der Kapitalmehrung und wird beliebig fallen gelassen, wenn anderwärts höhere Renditen erzielt werden können. Den modernen Kapitalisten geht es nämlich nicht um den dauerhaften Bestand eines Unternehmens, in das man gerade mehr oder weniger zufällig investiert hat; dieses ist für ihn vielmehr nur ein austauschbares Investitionsobjekt neben vielen.1

Marx prägte für diese kapitalorientierte Ausprägung daher den lange Zeit verpönten Begriff des Kapitalismus. Der romanische Begriff der »Anonymen Sozietät« (vgl. die Abkürzung S.A. für »Société Anonyme« beziehungsweise »Sociedad Anónima«) für Kapitalgesellschaften macht es deutlich: Die Eigentümer werden als persönlich irrelevante Kapitalgeber gesehen, die vorrangig am Gewinn interessiert sind, nicht notwendig am Unternehmen selbst, seinen Mitarbeitern und seinen Erzeugnissen. Bestes Beispiel sind private oder institutionelle Anleger wie Lebensversicherungen, die Aktienfonds erwerben, in denen alle DAX-Unternehmen vertreten sind, also Mercedes genauso wie sein Konkurrent BMW oder der Pharmakonzern Bayer. Und wenn der Fonds nicht ihren Renditeerwartungen entspricht, transferieren sie ihr Kapital um, zum Beispiel auf einen weltweiten Fonds von Goldproduzenten.

Die dieser Ökonomie inhärente Kapitalmehrung führt zwangsläufig zur Suche nach immer mehr und immer neuen Anlagemöglichkeiten. Da vorhandene Produktionen mangels realer Restriktionen wie Absatz, Rohstoffe, Personal oder Fläche nicht beliebig erweitert werden können, bedarf es neuer »Felder«. Diese schafft sich die Ökonomie durch Entwicklung völlig neuer Märkte, wie höchst erfolgreich mit den neuen Medien praktiziert, oder sie kauft bis dahin kapitalfreie »Brachen« wie kommunale Stadtwerke, historische Stadionnamen oder das Rentensystem auf, um hieraus sichere Rendite zu beziehen. Die »neue Landnahme« nennt dies der Soziologe Klaus Dörre.2

Die Maximierung der Rendite verlangt eine maximale Auswahl von Kapitalanlagemöglichkeiten; daraus entstand der Druck, das Kapital weltweit und ohne Beschränkung fließen zu lassen. Umgekehrt geraten hiermit nicht nur die einzelnen Unternehmen unter den beschriebenen Renditedruck, sondern ganze Volkswirtschaften in einen Standortwettbewerb: Nur wer den Unternehmen das beste Umfeld zur Erzielung von Spitzenrenditen bietet, erhält vom Kapital einen Zuschlag in Form von Investitionen. Erhofft werden hiervon insbesondere Arbeitsplätze und die Ansiedlung weiterer Unternehmen wie Zulieferer, in Schwellenländern auch ein Know-how-Transfer. Als Gegenleistung winken geringe Steuern, niedrige Löhne, laxe Umwelt- und Sozialstandards, aber auch – wie in Deutschland – hervorragende äußere Bedingungen an Bildung, Sicherheit und Infrastruktur.

Handel und Wandel gab es schon immer in den jeweils bekannten Welten. Doch erst diese permanente, unbeschränkte und globale Interaktion zwischen Unternehmen, Kapitaleignern und Staaten ist es, die der Ökonomie ihre historisch einmalige Dynamik verleiht. Ermöglicht wurde sie durch die Expansion der Verkehrsmittel und die dank der Container ermöglichte Beschleunigung der Warentransporte, auf eine vorläufige (?) Spitze getrieben durch den simultanen Informationsfluss.

Dieser katapultierte auch in ungeahntem Umfang nach oben, was vor der Globalisierung nur in Ansätzen, zum Beispiel in Form von Forderungsaufkäufen oder Devisentermingeschäften, praktiziert wurde: den Finanzkapitalismus, die weitgehende Abkopplung des Kapitals von der Realwirtschaft. So wie in der klassischen kapitalistischen Ökonomie die Unternehmen als Mittel zur Kapitalmehrung genutzt werden, ist es nun das Kapital selbst, aus dem heraus selbständige virtuelle »Produkte« wie Wetten auf Aktien- oder Wechselkurse gebildet werden und mit denen man ohne reale Wertschöpfung handeln und gewinnen (aber auch schnell verlieren) kann. Da an keine materiellen und regulatorischen Engpässe gebunden, konnte sich diese jüngste und – wie viele Wissenschaftler meinen3 – reinste Form der kapitalistischen Marktwirtschaft innerhalb kürzester Zeit zu Billionensummen aufblähen, die heute als unkontrollierbare Finanzkrise Staaten und Wirtschaft in den Abgrund zu ziehen droht.

Was erwarten wir vom Wirtschaften?

Verbleibt die Ökonomie für uns ein diffuses System der Reichtumsmehrung, verbinden wir mit der Wirtschaft lebensnahe, praktische Vorstellungen. Bezeichnenderweise gibt es kein Verb zur Ökonomie, wohl aber zur Wirtschaft. Man kann wirtschaften, jedoch nicht ökonomen. Das Wirtschaften ist ein ureigen menschliches Tun mit Dingen und anderen Menschen. Als zwischenmenschlicher Prozess zur Existenzsicherung und Lebensentfaltung erhebt sich das Wirtschaften weit über die klassische Definition der Wirtschaftswissenschaft hinaus, die hierunter bloß den Inbegriff aller Einrichtungen zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse versteht. Diese Aufgabe könnten zur Not nämlich auch Lastenabwürfe von Flugzeugen oder vom Himmel herabgesandtes Manna erfüllen. Erst in der Verschmelzung mit dem sinn- und zweckreichen Umgang der Menschen miteinander und mit den Dingen wird aus der puren Bedarfsdeckung das Wirtschaften. Sehr lebendig umreißt ein Grundsatzpapier der Lausitzer Regionalwährung das Wesen des Wirtschaftens:

»Wir haben uns mit dem Grund des Wirtschaftens zu beschäftigen. Die Frage lautet: Warum wirtschaften wir überhaupt?

Wirtschaften wir, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln? Wirtschaften wir, um auf dem Weltmarkt zu bestehen? Oder wirtschaften wir, um die Aktienkurse steigen zu lassen? Für manche Menschen mögen die genannten Gründe ihr persönlicher Sinn des Wirtschaftens sein, für die Vielzahl der Menschen ist die Wirtschaft jedoch der gesellschaftliche Raum, in dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Menschen wirtschaften, weil sie Bedürfnisse haben, die sie (sich) erfüllen wollen. Essen, Wohnen, Bildung, Kultur, Vergnügen und Reisen – dies und vieles mehr ist nicht einfach so vorhanden und nutzbar. Diese Güter und Leistungen sind für uns nur nutzbar, weil andere Menschen sie für uns ermöglichen: indem sie wirtschaften. Weil wir wirtschaften!

Wir wirtschaften also aus Notwendigkeit, denn ohne Wirtschaft gibt es keine Versorgung. All die Produkte und Annehmlichkeiten des (modernen) Lebens wären ohne unser Wirtschaften nicht vorhanden und nicht nutzbar.

Darüber hinaus ist es ein menschlicher Wunsch, kreativ und produktiv tätig zu sein. Die Befriedigung durch erfolgreiche Ergebnisse im Arbeitsprozess sind für die meisten Menschen genauso wichtig wie die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. ›Wirtschaften‹ ist der Sammelbegriff für diese Tätigkeiten.

Wir wirtschaften also aus zwei Gründen:

aus Notwendigkeit, denn ohne Wirtschaft keine Versorgung,

aus dem menschlichen Wunsch, kreativ und produktiv tätig zu sein und dem eigenen Leben einen Sinn zu geben.«4

Kurz und prägnant drückte es der ehemalige Bundespräsident und vormalige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) Horst Köhler in seiner Weihnachtsansprache 2006 aus: »Arbeit (…) vermittelt Lebenssinn.« Offensichtlich waren ihm die leidvollen Erfahrungen zu Herzen gegangen, die die Bevölkerung Argentiniens und vieler Entwicklungsländer, denen der IWF harte Sparmaßnahmen mit der Folge starker Arbeitslosigkeit aufzwang, durchmachen musste.

Tief in uns eingeprägt hat sich diese Vorstellung von Wirtschaften in ihren Urformen, wie wir sie auch heute noch anfinden können, so in der familiären Land- und Hauswirtschaft, im Handwerksbetrieb oder im Kloster; grundsätzlich also dort, wo Menschen gemeinsam und geschickt, d.h. in sinnvoller Arbeitsteilung, für ein materielles Wohl, die Sicherung ihrer Zukunft – und auch zur Selbstverwirklichung – agieren. […]

Doch ein reines Paradies unerschöpflicher Quellen war das Wirtschaften nie; Knappheit und sparsamer Umgang mit den Ressourcen gehörten stets dazu. So hat es auch in der heutigen Geldwirtschaft einem ehernen Gesetz zu gehorchen: Auf Dauer dürfen die Ausgaben nicht höher als die Einnahmen sein. Und selbstverständlich wird jeder Betrieb und jeder Inhaber kaum etwas gegen Überschüsse einwenden, können diese doch für Modernisierungen, Erweiterungen oder höheres privates Einkommen verwendet werden.

Symbiose oder Koexistenz?

Verglichen mit der klassisch-formalen Sicht von Wirtschaft als Bedarfsdeckung, erst recht mit der Vorstellung eines vielfältigen und lebensintensiven »Wirtschaftens«, stellt sich die moderne kapitalistische Ökonomie als ein System dar, das einem einzigen und eindimensionalen Ziel unterworfen ist: dem der Kapital- beziehungsweise Vermögensmehrung. Dieses Prinzip der »Gewinnmaximierung« wird in den betriebswirtschaftlichen Lehrbüchern als bare Selbstverständlichkeit postuliert und ist darüber hinaus gemeinhin akzeptiert. Dennoch werden im allgemeinen Sprachgebrauch »Wirtschaft« und »Ökonomie« meist synonym verwendet, soweit mit der Ökonomie nicht ihre zweite Bedeutung als Lehre der Wirtschaftswissenschaften gemeint ist.

Seit Jahren etwa beklagen die Gegner eines höheren Spitzensteuersatzes, er schade »der Wirtschaft«, wiewohl er zunächst nur die Vermögensmehrung bremsen und die Verwendung der zusätzlichen Steuern etwa für den Netzausbau die Wirtschaft im doppelten Sinne unter Strom setzen würde, was von der tatsächlich stark praktizierten Anlage der Gewinne in Steuerparadiesen nicht behauptet werden kann. Können sich also die Ziele von Wirtschaft und Ökonomie kaum decken, geht es bei ersterer doch um vielfältige und dynamische Aufgaben und bei zweiter um eine statische Größe?

Es war Adam Smith, der den Zusammenhang zwischen beiden als Erster formulierte: Indem der Einzelne mittels wirtschaftlicher Tätigkeit seinen privaten Reichtum mehrt, befördert er gleichzeitig die Wohlfahrt des Gemeinwesens. Dieses war sicher schon den frühen Handels- und Gewerbevölkern selbstverständlich und auch Thema des griechischen Philosophen Platon, der allerdings den erarbeiteten Gewinn des Produzenten und den leistungslosen Gewinn des Händlers moralisch deutlich schied (wobei wir dem Händler durchaus seine Mittler-, Lager- und Verteilungsarbeit gerne honorieren wollen). Doch Smith zielte auf weitere, seinerzeit durchaus nicht selbstverständliche Faktoren, die nicht nur den privaten, sondern auch den gesellschaftlichen Reichtum voranbringen, nämlich 1. die Arbeitsteilung auf einem 2. freien Markt.

Ist also die eingangs erfolgte Unterscheidung zwischen Ökonomie und Wirtschaft nur künstlich überhöht, gehören beide nicht zusammen wie die zwei Seiten einer Münze? Sind es nicht triviale Erkenntnisse und Erfahrungen, dass der Nutzen der Käufer, ihren Bedarf an Gütern gedeckt zu bekommen, mit dem Vorteil der Verkäufer, die in arbeitsteiliger Wirtschaft diese Güter hergestellt und mit Gewinn verkauft haben, zusammenfallen kann? Und ist der Unterschied zwischen der Gewinnmaximierung der Ökonomie und der Kostendeckung des Wirtschaftens nicht ein nur gradueller?

Wir kennen die offensichtliche Erfolgsgeschichte der sozialen, aber eben auch kapitalistischen Marktwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, die im »freien Spiel der Kräfte« das Wirtschaften mobilisierte. Dass hierbei einzelne Unternehmer und Unternehmen reich und reicher als die Arbeitnehmer wurden, störte Letztere nicht ernsthaft, nahmen doch auch für sie Wohlstand und persönliches Vermögen in bislang ungekanntem Ausmaß zu. Fraglich ist allerdings, ob es wirklich nur das Reichtumsstreben war, das die Unternehmer und Manager antrieb, oder nicht ebenso die Freude am Schaffen, Tüfteln und Organisieren, also genau das »Wirtschaften«. Denn das war auch das Belebende an der sozialen Marktwirtschaft der Nachkriegszeit: die Aufbruchsstimmung, verbunden mit einer seit der Gründerzeit der 1870er Jahren nicht mehr gekannten Gewerbefreiheit und einem Neustart der Märkte, die den Unternehmern ungekannte Entfaltungsmöglichkeiten bot.

Schauen wir uns dagegen die mächtigen Kapitalgesellschaften an, deren Anteilseigner tatsächlich vorrangig oder gar einzig am Gewinn interessiert sind und die das heutige Bild der Ökonomie bestimmen. Diese geben den einzelnen Geschäftsbereichen jährliche Renditeziele vor, die dann häufig bis auf Abteilungsebene heruntergebrochen werden. Als »Wertbeitrag« gilt dort nicht der schlichte Überschuss der Erlöse über die Kosten, sondern nur, was über die (hohen) Anforderungen der Aktionäre hinausgeht. So schloss oder verkaufte die Arzneimittelfirma Schering vor einigen Jahren die Hälfte seiner deutschen Betriebsstätten nicht etwa deshalb, weil sie Verluste bereitet hätten, sondern weil sie die Vorgabe von 18 Prozent pro anno nicht erreichten. Dermaßen auf hochrentable Betriebsstätten zurückgeschnitten, wurde dann Schering im Jahr 2006 für einen sicher stolzen Preis an Bayer verkauft. Bekannt und berüchtigt ist auch die Schließung des Nokia-Werkes in Bochum 2008: Auch dieses erwirtschaftete durchaus einen Gewinn, doch versprach die Verlagerung nach Rumänien halt noch höhere Gewinne. Und selbst der stolze Flugzeugbauer Airbus musste nach seinem letzten Geschäftsjahr 2011 mit einem Rekord an Auslieferungen und Neubestellungen von der Konzernleitung EADS erfahren, dass seine Rendite bis zum Ende des Jahrzehnts auf zehn Prozent zu steigern sei.

In diesen Unternehmen stehen die Angestellten und Arbeiter ständig im »Überlebenskampf«, das hoch gesetzte Renditeziel beziehungsweise auf sie persönlich zugeschnittene Marken zu erreichen. Gleichzeitig drückt die »knallharte« Konkurrenz auf die Preise, so dass das Heil meist nur in der Senkung der Stückkosten liegt, sowohl durch höhere Produktionsmengen als auch durch weitere Rationalisierungen. Dann werden in unserem christlichen Abendland mittels eines »gnadenlosen« Wettbewerbs Märkte »erobert«, neue Waffen, sprich: Produkte entwickelt, Kunden »gefangen« und der Betrieb auf versteckte Kostenverursacher hin durchkämmt und diese eliminiert beziehungsweise »outgesourct«. Dass hierdurch die Daumenschrauben auf das Management und die Mitarbeiter angezogen und gleichzeitig ihr persönlicher und fachlicher Freiraum stark eingeschränkt werden, ist offensichtlich und hinreichend bekannt. Andererseits muss man nicht extra Vergleiche mit der sozialistischen Planwirtschaft ziehen, um den Gewinn an Produktivität und Innovationskraft für die gesamte Wirtschaft zu erkennen, von dem in der Regel auch die Bürger in ihrer Eigenschaft als Konsumenten profitieren beziehungsweise zu profitieren glauben.

Gemäß der herrschenden (neoliberalen) Lehre und der sich auf sie berufenden Parteien sollten sich die beiden Kernelemente der modernen Ökonomie – Kapitalrendite und freier Wettbewerb – von Staats wegen möglichst unbeschränkt entfalten können. Der Renditedruck treibt die Produktivität immer weiter nach oben, der Konkurrenzdruck andererseits die Preise immer weiter nach unten. In einem theoretischen Gleichgewichtszustand würden dann nur die produktivsten Unternehmen überleben, die in diesem »mörderischen« Preiskampf gerade noch Gewinn machen. Damit wäre das Konsumentenparadies niedrigstmöglicher Preise erreicht, wie es die konsequenten Wettbewerbsförderer der EU erwarten, wenn sie selbst auf kommunaler Ebene EU-weite Ausschreibungen verlangen. Tatsächlich herrscht bei weitem nicht überall der totale Wettbewerb, sondern gibt es eher Oligopole, Preis- und Marktabsprachen und Korruption, womit Produktivität und Preise nicht bis zum Letzten ausgereizt werden müssen. Die globalen Energiemonopolisten schließlich demonstrieren ganz unbekümmert, dass sie König sind und nicht die Kunden.

Selbst wenn einerseits für viele Produkte heute weniger bezahlt werden muss, sehen sich die Konsumenten aufgrund schlechterer Qualität, häufiger aber wegen technischer Neuerungen zu einem teuren Ersatz verlockt (Handys und Autos) oder gezwungen (PCs). Dass man von der Werbung häufig zu überflüssigen Käufen verleitet wird, die sich dann bald im Müll, in Abstellräumen oder in Altkleidersäcken wiederfinden, nimmt man als Kehrseite der Ökonomie hin. Auch die Verbilligung für internetbasierte Dienstleistungen wird erkauft – nämlich von den älteren Mitbürgern, die zum Beispiel für Bahnfahrten und Fahrkarten entweder eine teure Servicenummer anrufen und/oder weite Wege zu den wenigen verbliebenen Schaltern antreten müssen. Und zu gerne wird der Beitrag der armen Länder zur Verbilligung der Produkte übersehen: Sie haben kaum Marktmacht gegenüber den Konzernen, um ausreichende Löhne durchzusetzen. Ganz ins Hintertreffen gerät in dieser Ökonomie, die ihr Heil überwiegend über ein Mengenwachstum sucht, der letztlich wichtigste Stakeholder: Natur und Umwelt. Da mag der Verlust an Biodiversität und Fläche beklagt und vor Klimaerwärmung und dem Erschöpfen der (Energie-)Rohstoffe gewarnt werden, und dennoch werden Autobahnen zu Pistenmonstern erweitert und Flüsse zu standortaffinen Verkehrswegen ausgebaggert, um einer weiteren Verdoppelung des Frachtverkehrs zu genügen; nicht weil ein Versorgungsnotstand für die Bevölkerung droht, sondern weil die Ökonomie um ihrer selbst willen wachsen und die billigsten Quellen weltweit nutzen muss.

Doch während gegen solche Missbräuche, Auswüchse und Umweltzerstörungen vorgegangen werden kann und je nach politischem Wollen auch wird, verbleibt die grundsätzliche Frage, ob ein solches Konsumentenparadies das ist, was die Menschen wollen. Es reduziert sie auf nichts als simple Verbraucher, die alle anderen Aspekte, insbesondere das eigene Arbeiten, ausblenden und ökonomisch durch eine Sperrmüllpresse ersetzt werden können. Eine Kapitelüberschrift des Buches Wir steigern das Bruttosozialglück von Annette Jensen lautet: »Viele wollen ein ganzes Leben«. Die Autorin stellt der Reduzierung des Menschen auf den nichts als Wohlstand optimierenden Homo oeconomicus das Tun, die Vielfalt und Ausgewogenheit des menschlichen Wirtschaftens entgegen.

Böse Erfahrungen mit dem reinen Konsumentenparadies mussten nicht nur die Bewohner der ehemaligen DDR machen, als sie im Besitz frisch eingetauschter DM endlich die begehrten Westprodukte anstelle der grauen Konsumwaren kaufen konnten – und sich damit gleichzeitig um ihre Arbeit brachten. Mittlerweile kennen die Arbeitnehmer der ganzen Welt den gleichen Vorgang, und wir können es fast täglich lesen: Notwendige Rationalisierungen und Kostensenkungen gehen zu Lasten von Arbeitnehmern, die entweder für den gleichen Lohn mehr und stressiger arbeiten müssen, in den Niedriglohnsektor abgedrängt oder auch ganz entlassen werden. Kaum einer der Betroffenen wird sich dann mit den niedrigen Discounter- und Handypreisen trösten, der glänzenden Seite dieser ökonomischen Medaille.

Und wem kommt diese Spirale von Preis- und Lohnsenkungen eigentlich zugute? Bislang haben nur die Arbeitnehmer Not gelitten, indem ihr Anteil am Volkseinkommen geschrumpft ist, während das Kapital eine nie gekannte Zunahme erfuhr. Bedeuten die 18 Prozent Zunahme der Arbeitnehmerentgelte im Deutschland der vergangenen zehn Jahre nicht einmal eine reale Aufrechterhaltung ihrer Einkommen, lassen sich bei einer 50-prozentigen Zunahme der Unternehmens- und Vermögenseinkommen im selben Zeitraum und einer durchschnittlichen Eigenkapitalrendite von 25 Prozent pro anno die von den Arbeitnehmern verlangten Opfer kaum als notwendig rechtfertigen.

Wir stellen fest: Wenn ein Aufbau wie in Nachkriegszeiten oder in Entwicklungsländern angesagt ist, treiben die Chancen auf mehr oder weniger Reichtum das ureigene menschliche Bedürfnis des Wirtschaftens zweckmäßig und zum Wohl des Landes an. Genauso wichtig erscheint jedoch auch die Freiheit der Unternehmer, damit sie im Sinne des Wirtschaftens Ideen und Innovationen entwickeln und voranbringen können, wie es eindrücklich der Ökonom Joseph Schumpeter beschrieb. Der weltweite Wettbewerb in Verbindung mit hoch angesetzten Rendite- und Gewinnzielen steigert zweifellos die Produktivität und senkt die Preise, ignoriert aber die Vielfalt des menschlichen Wollens und reduziert die Menschen auf Renditemacher und Konsumenten; er übersieht Hungerlöhne und blendet die Übernutzung von Natur und Umwelt aus. Die faktische Macht des Kapitals hat überdies nicht einmal die einzig erkennbare positive Komponente der ökonomischen Theorie für die Menschen Wirklichkeit werden lassen – das Konsumentenparadies niedrigster Preise und (!) niedrigster Unternehmensgewinne. Vielmehr eignete sich das Kapital einen immer weiter wachsenden Anteil am Volkseinkommen an.

Eine scharfe Grenzlinie zwischen Ökonomie und Wirtschaften ist freilich nicht zu ziehen. Offensichtlich gilt es, ein ausgewogenes Maß zwischen ökonomisch bedingtem Rationalisierungs- und Innovationsdruck und der Kreativität des vielfältigen Wirtschaftens zu finden. Anzutreffen ist dieses Maß zum Beispiel bei ländlichen Genossenschaften: Ihre Eigentümer sind gleichzeitig häufig ihre eigenen Lieferanten (landwirtschaftliche Produkte, Spareinlagen) und/oder Kunden (Maschinenpark, Bedarfsartikel, Kredite), die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stammen aus ihrem persönlichen Umfeld. Somit entsteht ein schöpferisches und stabilisierendes Spannungsfeld, in dem sich die Interessen der verschiedenen Stakeholder durchaus artikulieren, aber keine Seite dominieren wird. Auch die Produktivität und Effizienz des Genossenschaftsbetriebs muss im Interesse der Eigentümer und der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Dritten beachtet werden, darf jedoch nicht zu einem Kahlschlag an Personal und Leistungsumfang führen. Die Mitarbeiter und Unternehmer in der »harten« Ökonomie hingegen haben keine andere Wahl, als sich deren unerbittlichen Gesetzen von maximaler Leistung und Effizienz zu unterwerfen.

Die folgende Tabelle fasst die wesentlichen Merkmale der kapitalistischen Ökonomie einerseits und der Wirtschaft zusammen. Auf den Punkt gebracht: In der Ökonomie dominiert die Quantität, in der Wirtschaft der Mensch.

Ökonomie

Wirtschaft

Ziel

Vermögens-(Kapital-)mehrung

Bedarfsdeckung, Existenzsicherung, Tun

Mittel

Optimierung, Effizienz- und Umsatzsteigerung, Globalisierung

planvolles, zweckgerichtetes Handeln in Arbeitsteilung

Restrik­tionen

Renditevorgabe, Kapitalangebot, globaler Wettbewerb

Kostendeckung

Gesamt­wirtschaft

hohe Produktivität, Dominanz der Konzerne

Kleinteiligkeit, Regionalbezug, Personalintensität

Mitarbeiter

Renditedruck, hohe Einkommensspannen, Arbeitsplatzrisiko

stabile Positionen, begrenzte finanzielle Attraktivität, Service-Intensität

Kunden

niedrige Preise, schicke Produkte, Auswahlstress, geringe Verlässlichkeit

feste Preise, personeller Kontakt, Service

Gesellschaft

Ökonomisierung der Zeit und des Lebens, ökonomische Spaltung

unmittelbar erlebbare Wirtschaft, sozioökonomisches Miteinander

Dritte Welt

billiger Lieferanten und Resteabnehmer, Arbeitsbeschaffung

geringe Wirkung (sowohl positiver als auch negativer Art)

Natur/Umwelt

kostenloser Lieferant, sofern nicht gesetzlich reguliert; globale Beanspruchung

mangels Größe und dank Transparenz geringere Schäden, begrenzter Verkehrsbedarf

Maß

quantitativ

qualitativ

Auszug aus Gahrmann, Arno (2013): Wir arbeiten und nicht das Geld. Wie wir unsere Wirtschaft wieder lebenswert machen, S. 23–43.

Kapitalismus ist nicht das Gegenteil von Staat

von Ulrike Herrmann

Neoliberale erwecken stets den Eindruck, als ob die Wirtschaft vom Staat geknebelt würde und sich von dieser politischen Diktatur mühsamst befreien müsste. Historisch ist dies ein völlig schiefes Bild: Wo immer es Frühformen des Kapitalismus gab – da hatten diese frühen Kapitalisten auch politisch das Sagen.

Sehr typisch sind die mittelalterlichen Hansestädte Hamburg, Lübeck oder Bremen, deren prächtige Rathäuser noch heute davon zeugen, dass dort einst mächtige Senatoren tagten. Diese Patrizier waren natürlich nicht durchs breite Volk gewählt, sondern stammten aus dem erlauchten Kreis der großen Kaufleute, die die Politik der unabhängigen Stadtstaaten danach ausrichteten, was dem Fernhandel und damit ihrer Schatulle förderlich war.

Dieses Muster war in allen großen Handelsmetropolen zu beobachten. Auch in den italienischen Stadtstaaten Venedig, Florenz und Genua regierte die Geldaristokratie. Besonders berühmt wurde die Florentiner Bankiersfamilie Medici, der es sogar gelang, sich zu Großherzögen der Toskana aufzuschwingen. Nach der Entdeckung Amerikas 1492 verlagerte sich der Handel zwar gen Westen, aber auch in Antwerpen und später Amsterdam galt, dass die Kaufleute ihre Städte regierten. »Der Kapitalismus triumphierte nur dann, wenn er mit dem Staat identifiziert wurde, wenn er der Staat war«, fasst der französische Historiker Fernand Braudel dieses Phänomen zusammen.5

Die Handelsstädte waren der Fläche nach zwar klein, aber sie waren regionale und manchmal sogar globale Großmächte. Sowohl Venedig wie Genua besaßen zahlreiche Kolonien im Mittelmeerraum, und die Amsterdamer Kaufleute dehnten ihren Einfluss bis nach Indonesien aus, indem 1602 die Niederländische Ostindien-Kompanie gegründet und mit staatlicher Herrschaftsgewalt ausgestattet wurde. Politische Macht und wirtschaftliche Interessen waren nicht zu trennen.

Bis ins 17. Jahrhundert dominierten die großen Handelsstädte den weltweiten Handel, doch sie lagen wie kleine kapitalistische Inseln in einem weiten Meer von Feudalstaaten. Im 18. Jahrhundert ändert sich dies. Erstmals wurde ein ganzer Nationalstaat von Kapitalinteressen regiert: England. Die schon erwähnte »Glorious Revolution« von 1688/89 war das Symbol für diesen Wandel; die »Bill of Rights« sicherte dem Parlament umfassende Rechte zu, die die Macht des Königs beschnitten. Formal wurde England damit zur konstitutionellen Monarchie, doch war das Stimmrecht daran gekoppelt, dass man ein Mindestvermögen besaß.

Eine kleine Elite, die vor allem aus dem Landadel, aber auch aus Kaufleuten bestand, dominierte das englische Parlament und sorgte dafür, dass die britische Politik ihre wirtschaftlichen Interessen bediente. Nicht zufällig hatten sie sich dafür auch den richtigen König ausgesucht: Nachdem die Briten 1688 ihren katholischen König Jakob II. gestürzt hatten, trugen sie die Krone Wilhelm III. von Oranien-Nassau an, der gleichzeitig der Statthalter der Niederlande war.

Allerdings wäre es falsch zu behaupten, dass die englischen Kaufleute bis dahin unter ihren Monarchen gelitten hätten. Spätestens seit dem 16. Jahrhundert gehörte es zum Programm der englischen Könige, die Wirtschaft zu fördern, wie Adam Smith 1776 bezeugt: »Seit der Herrschaft von Elisabeth hat sich die englische Gesetzgebung besonders um die Interessen des Handels und der Manufakturen bemüht, und in Wirklichkeit gibt es kein Land in Europa, Holland nicht ausgenommen, wo das Recht dieser Art von Industrie so gewogen ist.«6

Das englische Beispiel machte bald Schule, denn auch anderen europäischen Monarchen war deutlich, dass sie ihre Wirtschaft fördern mussten, wenn sie die permanenten Kriege in Europa überstehen wollten. Armeen waren teuer und ließen sich nur durch eine prosperierende Ökonomie finanzieren. Ab dem 17. Jahrhundert kam daher europaweit der sogenannte »Merkantilismus« in Mode, der zwar nie ein geschlossenes theoretisches Konzept darstellte, aber in fast allen Ländern dazu führte, dass die Herrscher bemüht waren, Manufakturen zu gründen und die Exporte ihres Landes zu steigern. Wieder war die Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft eng: Die meisten Könige hatten bürgerliche Berater, die ihnen erklärten, wie das Handelsleben funktionierte. Legendär wurde der russische Zar Peter der Große, der 1697 sogar unter falschem Namen nach Holland reiste, um in Zaandam auf einer Werft zu arbeiten und die Wirtschaft dieser reichen Handelsnation zu studieren.

Diese kurze historische Skizze zeigt bereits, dass der Kapitalismus nicht gegen den Staat entstanden ist, sondern immer Staatshilfe genossen hat. Allerdings wandelte sich die Rolle des Staates im 19. Jahrhundert fundamental, als mit der Industrialisierung der moderne Kapitalismus einsetzte. Der Merkantilismus hatte sich abgemüht, in einer weitgehend stagnierenden Wirtschaft Wachstum zu erzeugen. Mit der Industrialisierung stellte sich das Problem genau umgekehrt: Nun gab es zwar Wachstum, aber die rasante technische Entwicklung hatte ungeahnte gesellschaftliche Folgen, die nur der Staat bewältigen konnte.7

Damit sich der Kapitalismus entfalten konnte, war es notwendig, die Bevölkerung besser auszubilden, Universitäten zu gründen und die Forschung zu finanzieren. Die explodierenden Städte mussten geplant und verwaltet, Straßen und Eisenbahnen gebaut werden. Potentiell gefährliche Produkte wie neue Medikamente mussten überwacht, die Sicherheit der Fabriken kontrolliert und Umweltschäden vermieden werden. Der Staat war plötzlich überall gefragt.

Zudem hätten zentrale technische Entwicklungen gar nicht stattfinden können, wenn der Staat nicht mitgezogen hätte. Ein Beispiel: Für die Deutsche Edison-Gesellschaft (später AEG) lohnte es sich nur, ins Elektrizitätsgeschäft einzusteigen, weil die Stadt Berlin als sicherer Kunde zur Verfügung stand und 1884 einen Konzessionsvertrag mit der Firma abschloss.

Vor allem aber musste der Staat dafür sorgen, dass die Bevölkerung den technischen Wandel aushalten konnte. »Wohlstand für alle« klingt zwar gut, aber der ständige Produktivitätsfortschritt ist auch eine Zumutung. Wissen veraltet, einst sichere Arbeitsplätze verschwinden, und im Wettstreit um die besten Jobs kann nicht jeder siegen. Der Soziologe Karl Otto Hondrich hat die Dialektik des Fortschritts sehr schön beschrieben: »Wettbewerb erzeugt Ungleichheit. Sogar wenn alle ihre Leistung steigern, sind einige zum Scheitern verdammt. Der Erfolg des einen ist der Misserfolg des anderen. Leistungssteigerung führt – später oder früher, dort oder hier – zu Leistungsversagen. Dieses Leistungsversagungsgesetz ist das fundamentale Paradox der Wettbewerbsgesellschaft, eine Fortschrittsfalle, aus der es kein Entrinnen gibt. (…) Jede individuelle Leistungssteigerung im Wettbewerb beruht auf einer kollektiven Vorleistung: Die Gesellschaft muss ja sagen zum Leistungsversagen!«8 Das Ergebnis ist bekannt: Alle westlichen Länder haben eine staatliche Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe eingeführt, um wenigstens die größten Härten des Kapitalismus abzufedern.

Die wachsende Bedeutung des Staates spiegelt sich in der sogenannten Staatsquote wider, die den Anteil öffentlicher Ausgaben an der jährlichen Wirtschaftsleistung misst, und diese Staatsquote ist rasant gestiegen. Lag sie im Kaiserreich noch bei fünf bis sieben Prozent, hatte sie in der Weimarer Republik schon 15 bis 20 Prozent erreicht – und 2011 betrug sie in Deutschland 45,3 Prozent.9

Auf den ersten Blick könnte dies nahelegen, dass die Staatsausgaben ständig steil nach oben klettern würden. Tatsächlich jedoch verharren sie seit fast 40 Jahren auf einem fast unveränderten Niveau. In Deutschland belief sich die Staatsquote 1975 auch schon auf 48,8 Prozent – und seither musste sogar noch eine Wiedervereinigung finanziert werden. Die Sorge ist also gänzlich unbegründet, dass ein Moloch namens Staat das angeblich zarte Pflänzchen namens Kapitalismus restlos zermalmen könnte.

Vor allem aber ist die neoliberale Grundannahme falsch, dass Wachstum nur möglich sei, wenn sich der Staat möglichst aus der Wirtschaft heraushält. Obwohl Österreich die stattliche Staatsquote von 50,5 Prozent aufweist, ist es in den vergangenen Jahren stärker gewachsen als Deutschland. Zwischen 2001 und 2010 legte die österreichische Wirtschaft jährlich im Durchschnitt um 1,6 Prozent zu, während es die Bundesrepublik nur auf 0,9 Prozent brachte. Die Schweiz wiederum scheint zunächst den gegenteiligen Fall darzustellen, weil sie ein durchschnittliches Wachstum von 1,7 Prozent erzielte, obwohl ihre Staatsquote nur bei 34,5 Prozent liegt.10

Allerdings führt es etwas in die Irre, nur die absoluten Wachstumsraten zu vergleichen. Denn es bleibt ja die Frage, auf wie viele Köpfe die Wirtschaftsleistung zu verteilen ist – und da zeigen sich bemerkenswerte Unterschiede zwischen den drei Staaten. In Deutschland nahm die Zahl der Bürger leicht ab und liegt jetzt bei 80,2 Millionen, während die Schweiz im vergangenen Jahrzehnt rund 800000 Menschen hinzugewonnen hat und nun auf etwa acht Millionen Einwohner kommt, was einem Zuwachs von über zehn Prozent entspricht. Nach Österreich sind in der gleichen Zeit 400000 Menschen eingewandert, so dass dort die Zahl der Bürger um fünf Prozent auf 8,4 Millionen angestiegen ist. Mehr Menschen bedeuten jedoch mehr Konsum. Es ist völlig logisch, dass eine Wirtschaft wächst, wenn zusätzliche Einwanderer zu versorgen sind.

Um dies genauer vorzurechnen: Seit 2000 betrug das Schweizer Wirtschaftswachstum kumuliert etwa 21 Prozent. Da gleichzeitig die Bevölkerung um über zehn Prozent zunahm, handelte es sich zur Hälfte um ein »Breitenwachstum«.11 Pro Kopf war das Plus also nur halb so hoch und betrug etwa 0,85 Prozent. Diese Ziffer erinnert genau an den Durchschnittswert von Deutschland, das bei leicht sinkender Bevölkerung auf 0,9 Prozent kam. Am besten schnitt pro Kopf Österreich ab, obwohl es von den drei Ländern die höchste Staatsquote besitzt.

Zudem stellt sich die Frage, wie es den Schweizern überhaupt gelungen ist, ihre Staatsquote auf erstaunliche 34,5 Prozent zu drücken. Schließlich schwankt diese in fast allen anderen westeuropäischen Ländern in einem Korridor von 45 bis 55 Prozent. Die Antwort heißt »Privatisierung«. Die Schweizer Krankenversicherung und ein Teil der Altersvorsorge werden durch private Unternehmen abgedeckt – und damit bei der Staatsquote nicht erfasst. Aus der Sicht eines Schweizer Angestellten ist dies nicht viel mehr als ein Taschenspielertrick, denn er muss ja trotzdem Zwangsabgaben an die Versicherungen leisten. Der Schweizer Unternehmerverband hat bereits ausgerechnet, wie hoch die Schweizer Staatsquote wäre, wenn man die privatisierten Sozialversicherungen berücksichtigen würde: Sie läge sogar noch weit über dem deutschen Niveau.12

Europaweit war es in den vergangenen Jahren ein neoliberaler Volkssport, sich auf die Staatsquote zu fixieren und diese möglichst weit nach unten zu drücken. Doch dies gelingt nur mit statistischen Tricks. Die »echte« Staatsquote liegt in allen westlichen Ländern ähnlich hoch – egal ob dort Sozialdemokraten oder Konservative regieren. Dieser Befund ist nicht erstaunlich: Der Staat muss ein sehr wesentlicher Teil des Kapitalismus sein, sonst bricht dieser Kapitalismus sofort zusammen.

Vor allem die »Finanzmärkte« würde es gar nicht geben, wenn der Staat nicht stützend und regulierend eingreifen würde. Dies macht schon die Geschichte der ersten Banken deutlich. Sie entstanden in Italien im 14. Jahrhundert nicht etwa, um private Einlagen entgegenzunehmen, sondern um die öffentlichen Schulden zu verwalten.13 Aus der Sicht der italienischen Kaufleute war diese enge Kooperation sehr naheliegend: Da sie die Städte regierten, gab es für sie sowieso keine Trennung zwischen Staat und privat.

Auch Aktiengesellschaften waren ursprünglich keine rein privatwirtschaftlichen Unternehmen. Die weltweit erste Aktiengesellschaft war die schon erwähnte Niederländische Ostindien-Kompanie von 1602, die ihre Profite damit machte, dass sie ein staatlich garantiertes Monopol für den Fernhandel mit Asien besaß. Die Börsen hatten zunächst ebenfalls wenig mit der Privatwirtschaft zu tun, obwohl sie als die Inkarnation des freien Marktes gelten: 1611 entstand die weltweit erste Wertpapierbörse in Amsterdam – und sie hatte zunächst nur den Zweck, die »Liquidität«, also den Umsatz, von staatsnahen Papieren zu erhöhen. Gehandelt wurden vor allem öffentliche Schuldverschreibungen und eben Aktien der Niederländischen Ostindien-Kompanie.14 In London wiederholte sich dieses Phänomen gegen Ende des 17. Jahrhunderts, als sich die dortige Börse für Wertpapiere öffnete. Erneut waren vor allem zwei Papiere begehrt: nämlich die Aktien der Britischen Ostindien-Kompanie und die Anleihen der Bank von England15 – beides staatlich geschützte Monopolgesellschaften.

Seither hat sich das Geschehen auf den Finanzmärkten zwar stark diversifiziert, aber auch heute noch wären viele Investoren ratlos, wenn sie nicht mit Staatspapieren spekulieren könnten. Der Umsatz mit öffentlichen Anleihen ist geradezu astronomisch, wie das Beispiel der deutschen Bundespapiere zeigt. 2011 zirkulierten Bundesanleihen im Wert von etwa 1,1 Billionen Euro, doch das weltweite Handelsvolumen mit diesen Papieren betrug sechs Billionen Euro. In einem Jahr wurde also jede Anleihe mehr als fünfmal gekauft und verkauft.16

Noch beliebter ist der Devisenhandel, der auf ein weltweites Volumen von mindestens vier Billionen Euro kommt – täglich. Ökonomisch ist dieses Großkasino sowieso völlig überflüssig, aber vor allem wird gern vergessen, dass Währungen keinen Wert »an sich« haben. Geld behält seine Kaufkraft nur, weil es staatlich überwacht wird. In allen Ländern sorgen Notenbanken dafür, dass die Geldmenge nicht explodiert, indem sie das Zinsniveau vorgeben. Der Zins ist aber nichts anderes als ein Preis – nämlich für Kredite, die immer noch das Kerngeschäft der Finanzmärkte ausmachen. Die angeblich so freien Finanzmärkte sind also Märkte, auf denen der Staat den Preis zentral bestimmt. Ein Marsmensch würde wahrscheinlich denken, dass Finanzmärkte knapp vor einem Sozialismus einzuordnen wären.

Dieser Marsmensch läge auch deswegen nicht falsch, weil die großen Banken und Fonds ein einzigartiges Privileg genießen: Fast immer rettet sie der Staat, wenn die Pleite droht. Denn beim Bankrott einer wichtigen Bank kollabieren nicht nur die Finanzmärkte – auch die Realwirtschaft leidet sofort. Also muss der Staat eingreifen, um den Crash zu vermeiden. Für die Investmentbanken ist diese implizite Staatsgarantie ungeheuer lukrativ, denn sie leben in einer Welt, die sich als eine perverse Mischung von Sozialismus und Kapitalismus beschreiben ließe: Die Verluste werden sozialisiert und die Gewinne privatisiert.

Kein Wirtschaftszweig ist vom Staat so abhängig wie die Finanzbranche, und insofern war es geniales Marketing, dass es ihr gelungen ist, sich als besonders staatsfern darzustellen. Die Deregulierung seit den frühen 1980ern basierte auf dem Trick, die staatlichen Regeln als Zwangsjacke zu diffamieren, die die freie Entfaltung des »Finanzmarktes« und der Wirtschaft abwürgen würde. In ihrer ersten großen Rede nach dem »Big Bang« kondensierte die britische Premierministerin Margaret Thatcher diese neoliberale Weltsicht zu einem einzigen Satz: »Verschwunden sind die Kontrollen, die den Erfolg behindert haben.«17

Wie das Wort »Erfolg« schon sagt: Misserfolge waren gar nicht erst vorgesehen, was erstaunlich realitätsblind war. Der Kapitalismus ist ein extrem volatiles System, das zu periodischen Krisen neigt. Oft sind es nur normale Konjunkturdellen, aber nicht selten kommt es auch zu schweren Depressionen, die durch das Herdenverhalten der Finanzinvestoren ausgelöst werden. Sobald aber das Wachstum stockt, ist wieder der Staat gefragt. Dann nehmen auch neoliberale Unternehmer sehr gern Regierungshilfe in Anspruch. Ein gutes Beispiel war die »Abwrackprämie«, die 2009 die Automobilindustrie durch die Finanzkrise lotsen sollte und die den deutschen Steuerzahler fünf Milliarden Euro gekostet hat.

Neben solchen direkten Subventionen profitieren die Firmen aber auch indirekt: Obwohl Marktwirtschaftler gern die angeblich zu hohe Staatsquote beklagen, sind es genau diese öffentlichen Ausgaben, die die Wirtschaft in Krisenzeiten stabilisieren. Denn die Renten laufen weiter, Arbeitslose werden unterstützt, und auch die Krankenkassen schränken ihre Leistungen nicht ein. Diese »automatischen Stabilisatoren« garantieren einen Basissockel an Einkommen, was wiederum für Konsum, Umsatz und Arbeitsplätze sorgt, während die Firmen ihre Investitionen und Kapazitäten nach unten fahren. Würde die deutsche Wirtschaft nur aus privaten Unternehmen bestehen – sie würde in jeder Krise weitgehend kollabieren. Das 19. Jahrhundert ist dafür ein abschreckendes Beispiel, als es noch keine Sozialversicherungen gab und der Staat nicht intervenierte: Nach dem Gründerkrach 1873 wurden in der deutschen Eisenindustrie 40 Prozent aller Arbeiter entlassen. Dies wäre heute undenkbar.

Der Staat ist im Kapitalismus allgegenwärtig, weil es ohne seine permanente Intervention gar keinen funktionierenden Kapitalismus geben würde. Dieser Zusammenhang ist so offensichtlich, dass sich die Frage stellt, warum Marktliberale dies hartnäckig ignorieren. Eine Antwort dürfte sein: Es ist keine angenehme Vorstellung, zum Staat verdammt zu sein. Es ist anstrengend, dass man sich ständig mit Millionen von Mitbürgern arrangieren muss und es keine ökonomische Insel gibt, auf die man flüchten kann. Die Idee des Marktes hingegen ist unendlich tröstlich: Dort zählt nur das Individuum, das ganz auf seine eigene Leistung bauen kann und sich nicht ständig um das große Ganze kümmern muss. Dort ist jeder seines Glückes Schmied und übernimmt Verantwortung nur für sich selbst und seine Familie. Dieses Märchen ist einfach zu schön, um es aufzugeben.

Zudem schmeichelt es dem Selbstwertgefühl der Privilegierten ungemein, wenn sie sich zu Leistungsträgern adeln dürfen, anstatt sich nach den sozialen Bedingungen ihres Reichtums fragen zu müssen.

Wer heute Videos mit Margaret Thatcher sieht, staunt ein wenig, wie steif sie war. Ihre Reden wirken, als wären sie auswendig gelernt. Trotzdem entfalteten sie einen Sog, weil die britische Premierministerin das Märchen vom freien Markt und vom freien Individuum perfekt erzählen konnte. Den Ausverkauf der öffentlichen Wasserversorgung, Bahnen und Elektrizitätswerke rechtfertigte sie zum Beispiel 1986 mit diesen Worten: »Wir Politiker haben alle Träume. Zu meinem gehört, dass ich Macht und Verantwortung an das Volk zurückgeben will, um den Menschen und ihren Familien wieder das Gefühl der Unabhängigkeit zu vermitteln. Die große Reform des vergangenen Jahrhunderts war es, mehr und mehr Bürger zu Wählern zu machen. Die große Reform unserer Zeit ist es, mehr und mehr Bürger zu Eigentümern zu machen. Volkskapitalismus ist ein Glaubensfeldzug: ein Kreuzzug, der die vielen befreit und befähigt, am wirtschaftlichen Leben Großbritanniens teilzunehmen. (…) Menschen brauche Anreize; sie brauchen Verantwortung; sie brauchen die Freiheit und die Würde, die daher rührt, dass sie etwas ihr Eigen nennen können (…) Die Stärke unserer Politik ist, dass sie auf dem gesunden Instinkt unseres Volkes beruht – einem Instinkt für Eigentum, Sparsamkeit, ehrliche Arbeit und faire Belohnung.«18

Jeder würde gern in dieser Welt des ehrlichen Eigentums leben, aber leider ist es eben nur eine schöne Mär. In der Realität strichen wenige Finanzinvestoren Monopolgewinne ein, während die britischen Eisenbahnen und Wasserwerke verfielen.

Auszug aus Herrmann, Ulrike (2013): Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen, S. 87–96.

Marktversagen? Nein, danke!

von Stefan Bach

Die Begründung für Staat und Steuern in der privatkapitalistischen Marktwirtschaft ist das Marktversagen, wenn öffentliche Güter nicht oder in nicht ausreichendem Umfang angeboten werden. Das Gleiche gilt für staatliche Regulierungen, wenn der Staat Unternehmen und Bürgern ein bestimmtes Verhalten vorschreibt, ohne gleich selbst tätig zu werden. Aber wie gut sind Politik und Verwaltung dabei, wie weit soll der Staat gehen bei seinen wirtschaftlichen Aktivitäten? Angesichts vieler Beispiele für Politik- und Staatsversagen gibt es hier offensichtlich Restriktionen.

Die sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Theorien bieten viel Stoff für dieses Thema. Anders als Privathaushalte oder Unternehmen mit wenigen Personen und relativ homogenen Interessen muss der Staat das Gemeinwohl organisieren und damit breiteste Interessen abstimmen, die häufig in starkem Widerspruch zueinander stehen. Das bedeutet, dass immer wieder Minderheiten überstimmt werden, wenn Mehrheitsentscheidungen stattfinden. Durch differenzierte Abstimmungsregeln und Minderheitenrechte kann man aber versuchen, das auszugleichen.

Die »Public-Choice-Theorien« berücksichtigen darüber hinaus, dass die beteiligten Akteure – Politiker, Verwaltungsbeamte, Verbände und Lobbyisten – eigene Interessen verfolgen und nicht allein die ihrer Mitglieder oder Wähler. Größe, Finanzkraft, wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht spielen hierbei eine wichtige Rolle: So haben vermögende Personen und Gruppierungen, große Unternehmen und Wirtschaftsverbände, Kirchen oder Gewerkschaften einen starken Einfluss auf die Politik, während beispielsweise kleine Selbstständige, Arbeitslose oder Migranten durch die Politik eher schlecht repräsentiert werden. Das gehobene Bürgertum engagiert sich in Vereinen, Bürgerinitiativen, Verbänden oder Politik und setzt seine Interessen durch; das gilt gleichermaßen für linksliberale Bildungsbürger und wirtschaftsliberale Besitzbürger. Arme und sozial benachteiligte Bürger engagieren sich gesellschaftlich kaum und gehen immer weniger zur Wahl.

Hinzu kommen kurz- und langfristige Wirkungen und Interessen. Politiker denken primär in Wahlzyklen und bevorzugen oftmals kurzfristige Lösungen, die langfristige Nachteile haben können – Zeitinkonsistenz nennen das die Ökonomen. Steuervergünstigungen oder Subventionen mildern manche Härte des Strukturwandels, behindern ihn aber langfristig. Oder wenn die Infrastruktur nicht vernünftig erhalten wird, kostet deren Sanierung später mehr. Aber natürlich ist es politisch einfacher, beim Unterhalt zu sparen als Personalkosten und Sozialleistungen zu kürzen oder Steuern zu erhöhen. Hinzu kommt, dass die Wirkung von Reformen unsicher ist: Politiker und Lobbyisten stellen die Ergebnisse in den Vordergrund, die ihnen in den Kram passen. Wenn dann noch die Datenlage unsicher ist und Prognosemodelle wenig zuverlässig sind, wie es in der Steuerpolitik häufig der Fall ist, dominieren schnell Ideologien und Mythen die Diskussion.

»Der Staat, die Beamten, die Politiker oder auch »die Sozis« können nicht mit Geld umgehen, daher haben sie in der Wirtschaft nichts zu suchen« – so lautet eine klassische Stammtischparole. Darin äußert sich das Unbehagen vieler Wirtschaftsbürger an der Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik. Wohlfeile Empfehlungen zum schlanken Staat und niedrigen Steuern knüpfen daran an. Dabei wird gerne vergessen, dass Staat und Wirtschaft in einer engen Symbiose leben. Kernaufgabe des Staats ist, »Marktversagen« zu korrigieren, also öffentliche Güter und Leistungen bereitzustellen, die es auf dem Markt nicht oder in keinem ausreichenden Maß zu kaufen gibt: Rechtsordnung, soziale Sicherung, Umverteilung, Polizei, Militär und viele Gesundheits-, Bildungs- und Kulturangelegenheiten.

Ferner geht es heute nicht nur darum, auf privaten Märkten den Wettbewerb mithilfe von Kartellbehörden und Verbraucherpolitik zu sichern – zunehmend muss man Märkte überhaupt erst in Gang bringen. Viele Innovationen müssen vom Staat angeschoben und dabei Risiken übernommen werden. Ohne eine aktive staatliche Energiepolitik wäre beispielsweise nie ein Atomkraftwerk ans Netz gegangen. Heute werden die erneuerbaren Energien exzessiv gefördert, damit sie wettbewerbsfähig werden. Viele aktuelle Herausforderungen der künftigen »Industriepolitik 4.0« hängen mit komplexen Technologien, Telekommunikationsnetzwerken und Innovationen zusammen. Diese sind ohne intensive Kooperation zwischen staatlichen, privatwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Akteuren nicht denkbar.

Das Pendant zum Marktversagen ist das Politikversagen, das die Neoliberalen gerne betonen, und das nicht ganz zu Unrecht. Politiker, Verwaltungsbeamte, Verbände und Lobbyisten verfolgen eigene Interessen und sind eher am kurzfristigen Erfolg interessiert. Die komplexen Verantwortlichkeiten in Politik und öffentlicher Verwaltung erschweren häufig eine effiziente Organisation; auffallend viele Großprojekte im Infrastrukturbereich gehen schief. Zugleich wird am Unterhalt der öffentlichen Einrichtungen gespart, wenn kein Geld da ist, denn Reparaturen kann man eine gewisse Zeit auf die lange Bank schieben. Wenn politische Entscheidungsträger, Verwaltungsbeamte, Lobbyisten und Wirtschaft zu eng zusammenarbeiten, kommt es leicht zu heikler Kungelei. Beispiele sind der undurchdringliche militärisch-industrielle Komplex oder die Energiewirtschaft. Besonders fatal gelaufen ist die Entwicklung der Finanzmärkte bis zur Finanzkrise, bei der sich Deregulierung und Marktversagen zu Kreditblasen aufgeschaukelt haben. Das hat nicht nur das Finanzsystem an den Abgrund geführt, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Fehllenkungen ausgelöst.

Klar, unsere Berufsbeamten sind nicht gerade dynamische Heißdüsen: Die Bürokratie mahlt langsam, aber bei uns zumeist zuverlässig und unbestechlich. Zu den Hochzeiten des Neoliberalismus glaubten viele, man könne durch Privatisierung oder private Bereitstellung von öffentlichen Leistungen große Effizienzgewinne realisieren und Kosten sparen. Das ist auch in vielen Fällen möglich, wenn man Leistungen im echten Wettbewerb vergibt und die laufenden Steuerungsanforderungen bei der Leistungsabwicklung nicht sehr hoch sind. Die Staatsverwaltung muss nicht alles selbst machen, in einem Unternehmen werden ja auch viele Leistungen nach außen vergeben.

Aber auch in der Privatwirtschaft ist nicht alles Gold, was glänzt. Der Wettbewerb ist häufig nicht so groß. Viele Effizienzgewinne in der Produktion streichen Führungskräfte und Aktionäre durch exzessive Gehälter und hohe Gewinne ein. Außerdem werden »Effizienzgewinne« mitunter schlicht durch Ausbeutung einfacher Malocher aus dem Niedriglohnsektor erwirtschaftet oder durch Beschiss am Kunden erzielt.

Fazit: Markt versus Staat sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich wie unterschiedliche Geschwister. Da sich die Zeiten ständig ändern, muss das Verhältnis immer wieder neu austariert werden. Intensive Regulierungen, Privatisierung oder Partnerschaften mit Unternehmen bei der Erfüllung von öffentlichen Aufgaben sollten kein Tabu, aber auch kein Dogma sein.

Auszug aus Bach, Stefan (2016): Unsere Steuern. Wer zahlt? Wie viel? Wofür?, S. 126–132.

Keynes und die Neoklassiker

von Ulrike Herrmann

Im ausklingenden 19. Jahrhundert kam es in den Wirtschaftswissenschaften zu einer »marginalistischen Revolution«, wie sie später genannt wurde. Man verabschiedete sich von der Arbeitswertlehre, die die klassische Ökonomie geprägt hatte – und rückte stattdessen den Konsumenten ins Zentrum. Die Kalkulationen des rationalen Homo oeconomicus sollten jetzt erklären, wie Preise entstehen.

Nur der subjektive Nutzen zählt

Auch dieser neue Ansatz setzte beim »klassischen Wertparadox« an, das schon Adam Smith gequält hatte: Warum ist lebenswichtiges Wasser so viel billiger als ein unnützer Diamant? Die Antwort der »Marginalisten« lautete: Entscheidend ist der subjektive Nutzen. Wenn jemand Durst hat, ist der erste Schluck Wasser sehr viel wert. Doch je mehr Wasser man trinkt, desto geringer wird der Durst – und am Ende würde man keinen weiteren Penny ausgeben, um noch mehr Wasser zu erwerben.

Der Nutzen dieser letzten Einheit, der sogenannte Grenznutzen, bestimmt den Preis eines Guts: Ist Wasser im Überfluss vorhanden, so dass jeder seinen Durst stillen kann – dann kostet Wasser nichts. Wird in der Wüste hingegen jeder Tropfen zum Überleben benötigt, ist Wasser extrem teuer, weil der Grenznutzen auch des letzten verfügbaren Tropfens noch immens hoch ist.

Neu an dieser Idee war nicht, dass der Nutzen eines Guts wichtig ist. […]Auch Adam Smith und David Ricardo war bewusst, dass Nützlichkeit und Knappheit eine Rolle spielen. Im Wohlstand der Nationen kommt der Begriff »Nachfrage« 269-mal vor, während das Wort »Angebot« nur 144-mal erwähnt wird.1 Aber die klassischen Ökonomen nahmen noch an, dass es einen objektiven, unveränderlichen Gebrauchswert gäbe: Birnen waren nützlich – und hatten deswegen einen Tauschwert.

Die Neoklassik verabschiedete sich von der tradierten Idee, dass ein Gut einen objektiven Nutzen haben könnte. Stattdessen wurde der Nutzen nun als subjektiv definiert – und als abnehmend. Wer schon zwei Orangen gegessen hat, ist auf eine dritte nicht mehr erpicht. Nur der Grenznutzen zählt, auf Englisch »margin«, weswegen die Neoklassiker auch »Marginalisten« heißen. Dieser Ansatz wurde von verschiedenen Ökonomen parallel entwickelt und setzte sich ab 1871 durch.

Aus diesem Ansatz folgte logisch schlüssig, wie ein Individuum mit seinem Geld umgehen sollte, damit es den eigenen Nutzen maximiert. Mathematisch ausgedrückt: Das Verhältnis von Grenznutzen zu Preis muss bei allen Gütern gleich sein. […]

Ziel war also die optimale Ausnutzung des eigenen Budgets. Gerechtigkeit spielte dabei keine Rolle: Für die Marginalisten war es zunächst unerheblich, ob einige Haushalte arm und andere reich sind. Die Neoklassik nahm einfach an, dass die »Grundausstattung« eines jeden Einzelnen bereits vorhanden sei. Die Frage war nur noch, wie das Individuum seinen Nutzen maximiert – mit den Mitteln, die es hat. Oder um es technisch auszudrücken: Es ging um die optimale Allokation knapper Ressourcen. Solange jeder Einzelne das Maximum herausholte, war es egal, »dass der wohlhabende Haushalt seine Katzen nach Belieben mit Milch füttert, während die Kinder des armen Haushalts noch nicht einmal sauberes Wasser zu trinken haben«.2

Dieser neue Ansatz hatte immerhin den Vorteil, dass sich die doppelten Begriffe erübrigten, die seit Adam Smith so gestört hatten. Es gab jetzt keinen getrennten Gebrauchs- und Tauschwert mehr, sondern der subjektive Grenznutzen bestimmte gleichzeitig den Tauschwert.

Trotzdem wurde es auch für die Neoklassiker dornig. Bis heute haben sie viele Widersprüche nicht lösen können, in denen sich ihre Theorie verhedderte. Denn es reicht ja nicht, dass jedes Individuum subjektive Präferenzen besitzt – um seinen Nutzen zu optimieren, muss es mit den anderen Haushalten so lange in einen Austausch treten, bis es die gewünschten Güter auch erhalten hat. Wenn alle Bedürfnisse optimal befriedigt werden sollen, muss es auf den Märkten zu einem Gleichgewicht kommen: Jeder Verkäufer muss auch einen Käufer finden und umgekehrt.

Ein Rätsel, das ein Rätsel bleibt: Wo kommen die Preise her?

Aber kann tatsächlich ein allgemeines Gleichgewicht entstehen, wenn sich jeder Haushalt nur für den eigenen Nutzen interessiert? Diese Frage trieb den französischen Ökonomen Léon Walras um, der 1874 tatsächlich mathematisch nachweisen konnte, dass ein allgemeines Gleichgewicht möglich ist. Die Betonung liegt auf »möglich«. Denn es war keineswegs garantiert, dass die mathematische Lösung ökonomisch sinnvoll ist. Beispielsweise könnten negative Preise oder auch negative Mengen herauskommen; zudem war nicht ausgeschlossen, dass es mehr als eine Lösung für das Gleichungssystem gibt.

Noch schlimmer: Es war völlig unklar, wie der Marktprozess aussehen sollte, der zum Gleichgewicht führt. Die Neoklassiker stellten sich vor, dass alle Individuen miteinander in vollkommener Konkurrenz stehen. Insofern hätte jeder Einzelne nicht die Macht, die Preise selbst zu setzen oder auch nur zu beeinflussen. Wenn aber jeder Marktteilnehmer die Preise bereits vorfindet – wo kommen sie dann her? Es ergab sich eine Art Henne-Ei-Problem: Es werden Preise benötigt, damit man seinen Nutzen sinnvoll optimieren kann. Aber genau dieser Optimierungsprozess sollte überhaupt erst zu Preisen führen. Walras drehte sich im Kreis. Bis heute hat die Neoklassik dieses fundamentale Problem nicht lösen können, was liberale Ökonomen aber nicht davon abhält, allgemeine Gleichgewichtstheorien vorauszusetzen.

Der Begriff »Neoklassik« ist eigentlich irreführend, denn die Vorsilbe »Neo-« suggeriert, dass sie die »Klassik« von Adam Smith oder auch Karl Marx nur ergänzt und fortgesetzt hätte. Doch tatsächlich bedeutete die Neoklassik einen kompletten Paradigmenwechsel – oder sogar eine Zeitreise zurück in ein fiktives Mittelalter.

Die Neoklassiker blendeten den real existierenden Kapitalismus aus und beschrieben stattdessen eine reine Tauschwirtschaft. Sie ignorierten den Produktionsprozess und taten so, als ob die Waren bereits vorhanden wären oder vom Himmel fielen. Die zentrale Figur war jetzt der Konsument, nicht mehr der Kapitalist. Investitionen, Technik, Arbeit, Wachstum – nichts davon war wesentlich. Statt die stürmische Dynamik des Kapitalismus zu erfassen, ging es um ein statisches »Gleichgewicht«. Auch die sozialen Spannungen wurden ausgeblendet, die Smith, Ricardo und Marx beschäftigt hatten. Der Verteilungskampf zwischen Arbeitern und Unternehmern kam nicht mehr vor, sondern es interessierte nur noch die optimale Allokation und die individuelle Nutzenmaximierung.

Wie seltsam diese neoklassische Welt war, hat die englische Ökonomin Joan Robinson anschaulich illustriert. Sie stellte fest, dass es nur ein einziges reales Beispiel gibt, das der Vorstellung von Walras entspricht: nämlich das Kriegsgefangenenlager. Dort leben die Insassen »mehr oder weniger von amtlichen Rationen und erhalten jeden Monat ein Paket vom Roten Kreuz. Der Inhalt dieser Pakete ist nicht nach dem Geschmack des einzelnen Empfängers zugeschnitten, so dass jeder gewinnen kann, indem er das, was er weniger wünscht, für das, was er mehr wünscht, tauscht. Es wird so lange gekauft und verkauft, bis für jede Ware Angebot und Nachfrage in Deckung gebracht sind (…) und keiner der Beteiligten das Bedürfnis hat, zu den herrschenden Preisen etwas zu tauschen.«3

Obwohl die Neoklassik die reale Welt nicht abbilden konnte, stieg sie zur herrschenden Lehre auf, denn sie hatte einen unschlagbaren Vorteil: Ihre Modelle ließen sich in eleganten mathematischen Formeln ausdrücken, die die Differential- und Integralrechnung nutzten. Zudem lag ein methodischer Fehlschluss nahe, dem Ökonomen bis heute allzu gern verfallen: In der Wirtschaft geht es stets um Mengen und um Preise, also um Zahlen. Da die Mathematik ebenfalls Zahlen nutzt, erscheint es »wissenschaftlich« zwingend, dass die Ökonomie mathematische Formeln verwendet.