Denkmäler demokratischer Umbrüche nach 1945 -  - E-Book

Denkmäler demokratischer Umbrüche nach 1945 E-Book

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Beschreibung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist eine generelle Akzentverschiebung vom Pathos der klassischen 'Heldendenkmäler' hin zu Mahnmalen und Gedenkstätten, die an die Opfer von Diktatur und Gewalt erinnern, zu beobachten. Demgegenüber fallen die 'Denkmäler demokratischer Umbrüche' zahlenmäßig eindeutig zurück. Im Zentrum des Bandes steht die Frage, ob die Demokratie Denkmäler braucht, welche Funktionen sie haben können und wie die Überwindung von Diktaturen in Europa sich über Erinnerungsdaten hinaus in Gedenkstätten und Denkmälern manifestiert hat. Dabei werden sowohl 'negative' Denkmäler, die an die Opfer der Gewaltherrschaft erinnern, als auch 'positive' Denkmäler, die der Befreiung und den demokratischen Revolutionen gewidmet sind, aufeinander bezogen und in ihren Botschaften vergleichend analysiert. Der Band liefert somit eine erste Bestandsaufnahme über Denkmäler und Erinnerungsorte der demokratischen Umbrüche in Ostmitteleuropa und in Deutschland nach 1989/90 sowie ihrer Ideen, Intentionen und ihrer Formensprache.

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Denkmäler demokratischer Umbrüche nach 1945

 

Europäische Diktaturen und ihre ÜberwindungSchriften der Stiftung Ettersberg

Herausgegeben von

Hans-Joachim VeenVolkhard KniggeTorsten Oppelland

in Verbindung mit

Hans-Peter SchwarzPeter MaserRobert TrabaKarl Schmitt

Gefördert durch das Thüringer Ministeriumfür Bildung, Wissenschaft und Kultur

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Umschlagabbildung:Freiheitsdenkmal, Riga, grafisch verfremdet(Foto: ullstein bild – Prisma/Raga Jose Fuste)

© 2014 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar WienUrsulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unz ulässig.

Korrektorat: Manuel Leppert, WeimarSatz: Reemers Publishing Services, Krefeld

ISBN 978-3-412-22388-5

Datenkonvertierung: Lumina Datamatics, Griesheim

ISBN dieses eBooks: 978-3-412-21815-7

Inhalt

 

 

Hans-Joachim Veen

Einführung

Richard Schröder

Gedenken in der Demokratie

Christoph Cornelißen

Erinnerungskulturen in Stein: Nationaldenkmäler in Demokratien seit der Amerikanischen Revolution

Stefanie Endlich

Denkmäler und Mahnmale zur NS-Diktatur

Denkmäler und Erinnerungsorte der Demokratie in Ostmitteleuropa nach 1989/90

Valters Nollendorfs

Denkmäler zum Nachdenken: Lettland während und nach der Singenden Revolution

Alvydas Nikžentaitis/Rasa Čepaitienė

Über die Brüchigkeit homogener Erinnerungskultur: Der Fall Litauen

Mária Schmidt

Denkmälerlandschaft – Symbolische Ausdrucksformen politischen Willens in Ungarn

Krzysztof Ruchniewicz

»Sehr geehrte Damen und Herren, am 4. Juni 1989 endete in Polen der Kommunismus.« Denkmäler und Erinnerungsorte der Demokratie in Polen nach 1989/90

Tomáš Vilímek

Denkmäler und Erinnerungsorte in der Tschechischen Republik nach 1989 – Opfer und Helden

Peter Švorc

Gedenktafeln und Denkmäler in der Slowakei – Die Reflexion der Vergangenheit oder der Gegenwart?

Farbtafeln

Denkmäler und Erinnerungsorte der Demokratie in Deutschland nach 1989/90

Andreas H. Apelt

Das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin

Rainer Eckert

Leipzig als Ort eines nationalen Freiheits- und Einheitsdenkmals?

Peter Maser

Der Erfurter Kubus der Friedlichen Revolution

Manuel Leppert

Braucht die Demokratie Denkmäler? Bericht zur Abschlussdiskussion des 12. Internationalen Symposiums der Stiftung Ettersberg

Die Autoren

Personenregister

Bildnachweis

Hans-Joachim Veen

Einführung

Wie haben sich die demokratischen Umbrüche nach 1945 in Denkmälern oder anderen »lieux de mémoire« manifestiert? Dieser Frage widmete sich das 12. Internationale Symposium der Stiftung Ettersberg, das gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen am 18. und 19. Oktober 2013 in Weimar stattfand. Vorgelegt wird demgemäß eine erste Bestandsaufnahme über Denkmäler demokratischer Umbrüche nach 1945 in Ostmitteleuropa sowie eine kritische Reflexion darüber, was Denkmäler heute leisten können und was nicht, welche Funktion sie haben und welche Form ihnen angemessen ist.

1. Mahnmale und Denkmäler – wozu eigentlich?

Rund sechzig Jahre nach Kriegsende und ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung und den demokratischen Umbrüchen im kommunistischen Machtbereich wächst offenbar, zumindest in Deutschland, aber auch in Polen und anderswo, das Bedürfnis nach Nationaldenkmälern. Die »alte Bundesrepublik« verhielt sich aus guten Gründen ausgesprochen denkmalsabstinent. Auch im vereinigten Deutschland blieb die Neigung, Denkmäler zu errichten, zunächst sehr begrenzt. Als 1993 die Berliner Neue Wache zur »Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft« umgestaltet wurde, flüchtete man sich in eine skulpturale Überhöhung von Käthe Kollwitz’»Mutter mit totem Sohn«, und löste damit sogleich heftige Kontroversen aus.

In der DDR und den anderen Staaten des sowjetischen Imperiums verstellten dagegen ungezählte Lenin-Statuen und ähnlich geartete kommunistische »Heiligenbilder« und Ehrenmale die Landschaft, nachdem ein Denkmalssturm fast alle Erinnerungszeichen früherer Zeiten hinweggefegt hatte. Nur in der Sowjetunion ging man hier etwas differenzierter vor. Aber davon wird später noch zu sprechen sein. Inzwischen sind an mehreren, nicht gerade zahlreichen Orten im östlichen Europa und im vereinigten Deutschland Denkmäler und Erinnerungsorte der demokratischen Umbrüche entstanden oder befinden sich in Planung. Dieses Gedenken artikuliert sich in den verschiedenartigsten [<<7||8>>] Formen, konkretisiert diverse historische und geografische Bezüge und changiert manchmal zwischen Denkmal und Mahnmal.

Bevor wir in den Beiträgen die konkrete Vielfalt des Gedenkens durchmustern, wird einleitend grundsätzlich nach der Notwendigkeit, den Möglichkeiten und Formen des »Gedenkens in der Demokratie« gefragt werden. In Erinnerung wird weiterhin gerufen: Demokratische Nationen haben ihr Selbstverständnis seit der Amerikanischen Revolution immer wieder in nationalen Denkmälern festzuschreiben versucht. Dabei hat sich eine Traditionslinie, eine »Erinnerungskultur in Stein«, herausgebildet, die selbstverständlich auch auf die »Denkmäler demokratischer Umbrüche nach 1945« einwirkt. In welchem Umfang das geschah und geschieht, werden die in diesem Band versammelten Beiträge zu den »Denkmälern und Erinnerungsorten der Demokratie in Ostmitteleuropa und in Deutschland nach 1989/90« reflektieren.

In Ländern, deren Nationalgeschichte durch diktatorische Regime verzerrt wurde, wird das Gedenken immer ein Doppeltes sein müssen. Es gilt, der Opfer der Diktaturen und des Sieges der demokratischen Revolutionen zu gedenken. In Anlehnung an Reinhart Koselleck, der vom »negativen« und »positiven Gedächtnis« gesprochen hat, kann man in diesem Zusammenhang einerseits von »negativen Denkmälern«, die zumeist am »historischen Ort« an die Opfer erinnern, und andererseits von »positiven Denkmälern« sprechen, die der Erinnerung an Widerstand, Befreiung und demokratische Aufbrüche gewidmet sind.1

In Thüringen können wir zumindest zwei historische Orte vorweisen, an denen die Doppelpoligkeit des Gedenkens Gestalt gewonnen hat, wenngleich es Gedenkorte ganz unterschiedlicher Dimensionen und Themensetzungen sind. Erstens: In Buchenwald präsentiert sich der gesamte KZ-Lagerkomplex mit einer Vielzahl von unterschiedlich gestalteten Erinnerungsstätten als historisches Mahnmal, das an all jene Menschen erinnert, die auf dem Ettersberg litten und ermordet wurden. Der monumentale Glockenturm, 1954 bis 1958 erbaut, verkörpert hingegen das Motto »Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg« als Denkmal des kommunistischen Widerstandes im Lager und der problematisch heroisierten »Selbstbefreiung« des Konzentrationslagers am 11. April 1945. Zweites Beispiel: In der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt, die zur Stiftung Ettersberg gehört, erinnert der historische Haftbau zusammen mit dem zum Mahnmal gestalteten Freiganghof des ehemaligen MfS-Untersuchungsgefängnisses eindrücklich an die Leiden der hier Inhaftierten. Demgegenüber setzt der sogenannte Kubus, der im Freigelände neuerbaute [<<8||9>>] Veranstaltungsraum, mit seiner großartigen Fassadengestaltung im Stil der Graphic Novel den Ereignissen der Friedlichen Revolution in Thüringen und der Besetzung der Erfurter Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 ein Denkmal.

Unübersehbar ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine generelle Akzentverschiebung vom Pathos der klassischen »Heldendenkmäler« hin zu Mahnmalen und Gedenkstätten, die an die Opfer von Diktatur und Gewalt erinnern. Anna Kaminsky hat mit zahlreichen Veröffentlichungen der Bundesstiftung Aufarbeitung einen europaweiten Überblick über die Vielzahl dieser »Erinnerangsorte« ermöglicht.2 Demgegenüber fallen die »Denkmäler demokratischer Umbrüche« zahlenmäßig eindeutig zurück.

Unübersehbar sind auch alle Versuche, die Planung neuer Denkmäler und Mahnmale neben allen traditionellen Ausschreibungen durch unterschiedlichste Formen der Bürgerbeteiligung, insbesondere der Mitsprache von Bürgerrechtlern und Diktatur-Opfern, demokratisch zu legitimieren. Aber auch ausgedehnteste Bürgerbeteiligung kann nicht übersehen lassen, dass Denkmäler immer monumentale Herrschaftszeichen waren und bis heute sind: Wer konnte sich durchsetzen? Wer konnte das notwendige Geld beschaffen? Wessen Geschichtsbild ist vorherrschend? Oft genug bezeugen Denkmäler heute aber auch den in Beton, Metall oder Glas gebannten Kompromiss der unterschiedlichen Kräfte, die sich auf kleinstem gemeinsamem monumentalem Nenner zusammengerauft haben.

Unübersehbar ist schließlich auch: Denkmäler haben immer ihre Zeit, den Zeitraum, in dem sie bestimmte Überzeugungen, Wertvorstellungen und Geschichtsbilder gesellschaftlich akzeptiert verdeutlichen. Immer wieder aber überleben Denkmäler auch ihre Zeit. Sie verfallen dann, wenn nicht dem Abrisskommando, dann doch der Nichtachtung; sie werden belanglos und degenerieren zu reinen Dekorationsstücken, die vielleicht Kinder noch gerne bespielen oder Touristen als skurrilen fotografischen Hintergrund nutzen. Erinnert sei an die Schicksale von zurückgebliebenen Lenin-Statuen, beispielsweise in Schwerin (im Plattenbaugebiet Mueßer Holz, heute das westlichste Lenin-Standbild in Europa) [<<9||10>>] und in Berlin-Kreuzberg (gegenwärtig auf dem Hof einer Spedition abgestellt) oder den Eislebener Lenin, der als Staffage ins Deutsche Historische Museum deportiert wurde. Ähnliche Beobachtungen ließen sich auch für die monumentalen Restspuren von Karl Marx in Berlin und Chemnitz oder Ernst Thälmann in Weimar anstellen. Die Verfallszeiten gelten aber natürlich auch für so manches Standbild vergangener Fürstenherrlichkeit. Denkmäler sollen das Erinnern verewigen, sind selber auf Ewigkeit hin angelegt, und doch gilt auch und gerade für sie die tiefe Einsicht des Predigers Salomo (3,1): »Alles hat seine Zeit!« Und vielleicht ist die Zeit der Monumentaldenkmäler ja gänzlich vorbei? Vielleicht ist die fünfzig Meter lange, begehbare Waagschale des Berliner Freiheits- und Einheitsdenkmals ja das Zeichen unserer Zeit? Zweifel hieran sind angebracht. Vielleicht ist aber auch die Zeit des temporären Denkmals gekommen, das nur auf Zeit wirken soll? Darüber wird zu diskutieren sein.

2. Ein Rückblick: Lenins »Denkmalspropaganda«

Wer sich auf das Errichten von Denkmälern einlässt, lässt sich immer auf ein schwieriges Geschäft ein, so notwendig Denkmäler zur gesellschaftlichen Verständigung und Vergewisserung der eigenen Werte im öffentlichen Raum auch sein mögen. Welche Probleme sich mit der Errichtung von Denkmälern in einer postrevolutionären Phase ergeben, musste übrigens bereits Lenin erfahren. Erlaubt sei deshalb ein historischer Exkurs über die Debatten in der frühen Sowjetunion, auf die mich Peter Maser dankenswerterweise aufmerksam gemacht hat. Ich kann sie hier nur skizzenhaft und ohne weitere Nachweise darlegen, aber sie weisen erstaunlich aktuelle Bezüge auf. Durch das Dekret des Rates der Volkskommissare vom 12. April 1918 »über die Entfernung der zu Ehren der Zaren und ihrer Diener errichteten Denkmäler und über die Ausarbeitung von Entwürfen zu Denkmälern der Russischen Sozialistischen Revolution«, das von Lenin, Lunačarskij und Stalin unterzeichnet worden war, wurde die Beseitigung derjenigen Denkmäler »von Plätzen und Straßen« angeordnet, »die weder in historischer noch künstlerischer Hinsicht von Interesse sind«. Die inhaltliche und künstlerische Konditionierung des verordneten bolschewistischen Ikonoklasmus ist bemerkenswert. Für die Denkmäler, die zu beseitigen waren, ließ das Dekret der Volkskommissare zwei Möglichkeiten offen: die Überführung in »Depots«, also ins Museum, und die »nützliche Verwendung«, zumeist also wohl die Verschrottung. Hinzu konnte in Einzelfällen aber auch noch die bewusste Erhaltung eines Denkmals vergangener Zeiten »als Vogelscheuche für das Land«, wie es Demjan Bedny mit Blick auf das Denkmal Alexanders III. ausdrückte, in Betracht kommen.

[<<10||11>>] Nach Abräumung der »widerwärtigsten Götzenbilder«, so das Dekret der Volkskommissare, sollten bereits zum 1. Mai 1918 die »ersten Modelle neuer Denkmäler dem Urteil der Massen unterbreitet« werden. Auf den verordneten Ikonoklasmus folgt also unmittelbar das neue verordnete Heldengedenken. Anatolij V. Lunačarskij forderte am 27. Mai 1918 die Schaffung und Aufstellung von fünfzig Denkmälern »zu Ehren hervorragender Persönlichkeiten der revolutionären gesellschaftlichen Tätigkeit, der Philosophie, Literatur, Wissenschaften und Künste«. Sein Aufruf stieß zunächst auf wenig Gegenliebe. Lenin, der damals bereits über eine volkspädagogische »Denkmalspropaganda« nachdachte, beschimpfte deshalb die Avantgarde um Vladimir Tatlin sogar als »Saboteure und Trottel«. Einen Ausweg bot die Errichtung provisorischer Denkmäler, also von Denkmälern auf Probe, aus billigen Materialien (Gips, Holz), von denen zum ersten Jahrestag der Oktoberrevolution in Moskau immerhin dreißig Exemplare Straßen und Plätze zierten. Zur endgültigen Ausführung in edlerem Material sollten nur diejenigen kommen, die von der »Masse« per Abstimmung akzeptiert würden. Solche Anerkennung erreichten schließlich 17 dieser »ephemeren Denkmäler«.

Schon in seinem »Plan zur Denkmalspropaganda« von 1918 hatte Lenin eine Nutzung der neuen Denkmäler erwogen, die er verdeckt mit einer Idee von Tommaso Campanella in Verbindung brachte, die dieser 1602 im Sonnenstaat3 skizziert hatte. Der kalabrische Staatstheoretiker und Utopist hatte vorgesehen, die Bürger auch dadurch politisch weiterzubilden, dass diese Fresken abschreiten müssten, die die Ideale des Gemeinwesens ins Bild rücken. Diese Möglichkeit, das ungebildete Volk durch staatspolitisch ambitionierte Bildgeschichten zu bilden, kam in der frühen Sowjetunion allerdings nur ansatzweise zum Zuge, da solche »narrativen Denkmäler« sehr rasch von den neuen figurenfixierten »Heiligenbildern« der Führer der bolschewistischen Revolution überlagert wurden.

1919 konzipierte Vladimir E. Tatlin sein avantgardistisch-monströses Turmprojekt zu Ehren der Dritten Internationale. Das Mehrzweck-Denkmal sollte »ein für alle mal mit menschlichen Figuren Schluß machen«, sei doch »die Zeit eines heroischen Geschichtsverständnisses« unwiederbringlich vorbei, wie Nikolaj Punin, Wortführer der russischen Avantgarde, anmerkte. Tatlins Turm mit einer geplanten Höhe von vierhundert Meter sollte als ein gigantischbizarres Gebilde mit Konferenzräumen, Treppenanlagen, beweglichen Innenräumen und einem Radiosender die Dynamik der Revolution und der neuen Gesellschaft verkörpern. Das künstlerisch kühne Projekt kam schon aus Kostengründen niemals zustande, blieb in der Architekturgeschichte aber [<<11||12>>] unvergessen. Noch im Jahr 2000 hat die Russische Föderation diesem »Symbol der Epoche des sozialistischen Aufbruchs« eine Briefmarke gewidmet.

Stattdessen setzte eine Inflation von stereotypen Lenin-Denkmälern ein, die allerdings auch schon früh Kritik auslöste. Bereits Anfang 1918 warnte eine Zeitschrift prinzipiell: »An dem Tag, an dem sich die Revolution in Namen auflöst, zeichnet sich ihr Ende ab.« Ebenso grundsätzlich sekundierte eine andere Zeitschrift: »Der Kult der Persönlichkeit steht im Gegensatz zum Geist des Marxismus, zum Geist des wissenschaftlichen Sozialismus.« Sehr viel praktischer meinte 1928 der avantgardistische Schriftsteller Sergej Tret’jakov, statt solcher Denkmäler sei es besser, das Straßenpflaster zu reparieren, öffentliche Toiletten einzurichten, die Gehwege instand zu setzen und die Verkehrsregelung zu verbessern. Noch 1934 zitierte Tret’jakov zustimmend Brechts Gedicht über die Teppichweber von Kujan-Bulak, die das für ein Lenin-Denkmal gesammelte Geld zur Mückenbekämpfung einsetzten. »So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten und / Ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn / Also verstanden«, heißt es bei Brecht. Und der Effekt war: Am 10. September 1937 wurde der futuristische Dichter und überzeugte Kommunist Tret’jakov zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Der renommierte Kunstwissenschaftler und -funktionär Aleksej Fëdorov-Davydov setzte sich sehr früh sogar für eine »Kinofizierung« der Denkmäler ein, wenn er schrieb: »Die Aufgabe, die Lenin der Skulptur stellte, konnte nur das Kino oder das Agitplakat erfüllen.« Entwürfe, die dieser Auffassung folgten, hat es wohl einige gegeben, wirklich ausgeführt wurde keiner davon. Das mag erstaunen, hielt Lenin die Filmkunst doch für die »wichtigste aller Künste« im Zeitalter der Revolution, denn der Film konnte stark narrativ argumentieren, das ungebildete Volk dadurch bilden und war mit Hilfe mobiler Kinoeinheiten bis ins letzte Dorf einsetzbar.

Einzelne Kunstkritiker verwiesen damals schließlich darauf, dass das Scheitern der Lenin’schen »Denkmalspropaganda« auch mit der »neurasthenischen Zeit« zu erklären sei, die monumentale Aufgabenstellungen nicht gerade begünstigte. Auch die Errichtung »temporärer Denkmäler« habe das Problem nicht lösen können und schließlich dem allgegenwärtigen Mittelmaß und der massenhaften Serienproduktion von Heldendenkmälern den Weg geebnet.

Mit diesem Exkurs über die Lenin’sche »Denkmalspropaganda«, ihre Auswirkungen und Kritiker, wurde ein prägnantes Exempel für die grundsätzlichen Probleme einer staatlich gelenkten Geschichts- und Denkmalspolitik zitiert, das durchaus abschrecken soll. Manche Parallelen zu heutigen Debatten drängen sich doch förmlich auf! In der instruktiven Schlussdiskussion wurden sie noch einmal gebündelt. Manuel Leppert, dem ich auch für die Redaktion des Bandes danke, hat sie zusammengefasst.

 

 

1  Vgl. Reinhart Koselleck: Formen und Traditionen des negativen Gedächtnisses, in: Volkhard Knigge/Norbert Frei (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S. 21–32.

2  So sind eine Vielzahl von Länderstudien erschienen: Vgl. Anna Kaminsky (Hg.): Orte des Erinnerns. Gedenkstätten, Gedenkzeichen und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 2. Aufl., Berlin 2007; Dies. (Hg.): Erinnerungsorte an den Massenterror 1937/38 in der Russischen Föderation, Berlin 2007; Dies. (Hg.): Erinnerungsorte an den Holodomor 1932/33 in der Ukraine, Leipzig 2008; Dies. (Hg.): Die Berliner Mauer in der Welt, Berlin 2009; Dies. (Hg.): Erinnerungsorte an die Opfer des Kommunismus in Belarus, Berlin 2011 sowie: Erinnerungsorte für die Opfer von Katyń, Leipzig 2013; außerdem Ronny Heidenreich/Anna Kaminsky (Hg.): Erinnerungsorte an die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, Berlin 2008, online abrufbar unter: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/uploads/pdf-2009/eo_prag.pdf [15.05.2014].

3  Erschienen ist das Werk damals noch unter dem italienischen Titel La città del sole.[<<12||13>>]

Richard Schröder

Gedenken in der Demokratie

1. Gedenken und Erinnern

Nach Hesiod hat die Göttin Mnemosyne dem Zeus die neun Musen geboren. Mnemosyne heißt Erinnerung. Erinnerung wäre demnach der Ursprung aller Künste und Wissenschaften, wie sie durch die olympischen Musen repräsentiert werden.

In archaischen Epen wie der »Odyssee« und dem »Nibelungenlied« werden schlicht unerhörte Begebenheiten erinnert, ohne weitere Absichten, und solche faszinieren bis heute, wie gerade die Völkerschlacht. Vielleicht noch wichtiger sind Herkunftsgeschichten. Individuen und Gemeinschaften verbinden ihre Identität mit Herkunftsgeschichten. Bei Individuen ist deren Bedeutung besonders manifest in den Fällen, da Kinder verspätet erst erfahren, dass sie adoptiert worden sind, dass sie also ihre leiblichen Eltern noch gar nicht kennen. Obwohl diese Mitteilung an ihren Lebensverhältnissen scheinbar nichts ändert, können sie dadurch richtiggehend aus dem Gleis geworfen werden. Aber auch die Feier von Geburtstagen beruht doch auf der Bedeutung, die für uns unsere Herkunft hat. Ein Sonderfall von Herkunftsgeschichten sind Gründungsgeschichten und die Feiern entsprechender Jubiläen, ob nun Hochzeitstage, Firmenjubiläen oder eben die Gründung von Gemeinwesen. Das alles sind erfreuliche Ereignisse für fröhliche Feste.

Auch in den Religionen spielt das Erinnern eine große Rolle, im Judentum besonders die Erinnerung an den Exodus aus dem Sklavenhaus Ägypten. Im Christentum erinnert der jährliche Festkreis von Weihnachten bis Pfingsten die Gründungsgeschichte.

Man kann sich die enorme Bedeutung der Erinnerungen ex negativo verdeutlichen an Menschen, die einen Gedächtnisverlust erlitten haben. Sie haben damit auch alle Beziehungen zu Orten und Mitmenschen verloren. Sie sind handlungsunfähig, weil sie sich nicht mehr orientieren können. In Gemeinschaften wird ein totaler Gedächtnisverlust wohl kaum eintreten, aber es gibt sehr weitgehende Tabuisierungen und Verdrängungen, und wenn auch irgendjemand etwas davon noch weiß, so gibt es doch ein vollständiges öffentliches [<<13||14>>] Schweigen, und zwar nicht nur dort, wo formelle Zensur herrscht. Dies betrifft naturgemäß nicht die erfreulichen Seiten der eigenen Geschichte, sondern belastete und belastende.

2. Gedenken in der Demokratie

Wer erinnert? Natürlich nicht die Demokratie, denn das ist der Name einer Staatsform. Der Staat erinnert und gedenkt nicht, selbst wenn er anordnet und verbietet. Allerdings ist der Staat für gesetzliche Feiertage zuständig und Denkmäler im öffentlichen Raum genehmigt er, wenn er nicht sogar Bauherr ist. Das Volk oder die Nation erinnert.

Unter Gesellschaft verstehen wir zumeist das anonyme Interaktionsresultat zusammenlebender Menschen. Da gibt es Trends mit erwünschten oder auch unerwünschten Folgen. Dergleichen muss erforscht werden, wenn man missliche Folgen vermeiden oder schädliche Trends bekämpfen will. Das ist eine technische Perspektive, die durchaus ihre begrenzte Berechtigung hat. Die Gesellschaft bezeichnet aber keine Wir-Identität, die einen Willen artikulieren könnte. Deshalb ist auch die Rede von einer gesellschaftlichen Verantwortung nicht präzise. Appelle von der Art »Die Gesellschaft sollte…« sind entweder nur Wünsche oder falsch adressiert. Sehr wohl gibt es aber eine Verantwortung für die Gesellschaft. Im Herbst 1989 riefen die Leipziger Demonstranten: »Wir sind das Volk!«. Niemand kam auf die Idee, zu rufen: »Wir sind die Gesellschaft!«.

Unter Staat verstehen wir das Gefüge von Institutionen, das von besonderen und hauptberuflichen Funktionsträgern oder Beamten repräsentiert wird und sich von der Gesamtheit der Bürger unterscheidet. Wort und Sache entstehen erst in der Neuzeit. Für die griechischen Demokratien war noch charakteristisch, dass die Polis nichts anderes war als die verfasste Gesamtheit der Bürger. Auch der Staat hat oder ist keine Wir-Identität. Der Ludwig XIV. zugeschriebene Satz: »Der Staat bin ich!«, wird zitiert als Verstiegenheit des Absolutismus. Und der Satz: »Wir sind der Staat!«, wäre den Leipziger Montagsdemonstranten ebenfalls nicht über die Lippen gekommen. Eher hätte man ihn auf Plakaten der SED erwarten können.

Nach marxistisch-leninistischem Verständnis sollte der Staat das Machtmittel der herrschenden Klasse sein und eben die kommunistische Partei als die herrschende Klasse repräsentieren. Die Väter und Mütter des bundesdeutschen Grundgesetzes dagegen hatten zunächst als Artikel 1 (1) den Satz erwogen: »Der Staat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des [<<14||15>>] Staates willen.«1, in Anlehnung an das Wort Jesu vom Sabbat2 und in Reaktion auf den diktatorischen NS-Staat.

Wenn es um das Gedenken in der Demokratie geht, geht es also darum, inwieweit die Staatsform das Gedenken bestimmt, und zwar im Kontrast zur Diktatur. Und wenn es um 1989 geht, dann geht es um den Kontrast zur kommunistischen Diktatur. Demokratie im Kontrast zur vorausgehenden Diktatur, das gibt es aber auch zum Beispiel in Chile, Argentinien, Griechenland, Portugal und Spanien.

Es geht dann jedes Mal um die politische Freiheit im Kontrast zur politischen Unfreiheit. Es geht deshalb immer um ein doppeltes und zugleich entgegengesetztes, bipolares Gedenken, und dabei ist auch von Bedeutung, wie sich das Verhältnis zwischen den beiden Polen jeweils, also in den verschiedenen Ländern, austariert, und ob denn in diesen Ländern der Kontrast immer noch so gesehen wird wie 1989, also ob und wenn, in welchem Maße, die Erinnerung nun die Diktatur vergoldet und in welchem Maße etwa inzwischen die Demokratie enttäuscht hat.

Wer sich da jeweils erinnert, das ist immer das Volk oder die Nation. Nach einer noch immer sehr brauchbaren Beschreibung von Ernest Renan ist eine Nation eine Willensgemeinschaft, verbunden durch gemeinsame Erinnerungen und den Willen zu einer gemeinsamen Zukunft.3 Nationen sind tatsächlich Wir-Identitäten. Und Renans Beschreibung berücksichtigt, dass sie keine substanzartigen, gar übergeschichtlichen Gebilde sind, wie Herders oder Hegels Gedanke der Volksgeister4 unterstellte. Die Österreicher wollen heute eine eigene Nation sein, obwohl sie nach dem Untergang der Donaumonarchie die bisherigen Briefmarken mit »Deutschösterreich« überdruckten und zu Deutschland gehören wollten. Der Wille zur gemeinsamen Nation kann sich abschwächen, [<<15||16>>] er kann sogar erlöschen. Und tatsächlich gibt es in Europa separatistische Tendenzen, was ja besagt, dass eine kleinere Wir-Identität eine größere, sie bisher einschließende zersprengen, jedenfalls aber verlassen möchte.

Dass für Nationen gemeinsame Erinnerungen konstitutiv sind, möchten manche in Frage stellen mit dem Argument, für die Demokratie sei Pluralismus charakteristisch, deshalb würden gemeinsame Erinnerungen der Demokratie widersprechen. Pluralismus ist tatsächlich die Folge der Freiheit von Meinung, Überzeugung, Religion und Weltanschauung. Damit ist aber doch nicht der Unterschied zwischen der Meinung oder Überzeugung aller, vieler, einiger und weniger aufgehoben. Es gibt, wie jede Umfrage belegt, auch in der Demokratie Mehrheitsmeinungen, und wenn es sie nicht gäbe, wäre die demokratische Willensbildung unmöglich. Meinungsfreiheit besagt doch nicht, dass alle Meinungen gleichrangig sind, sondern dass auch irrige und verrückte Meinungen ungestraft geäußert werden dürfen. Und dann gibt es noch den Unterschied zwischen den Meinungen, denen auch Taten folgen dürfen und jenen, bei denen die Umsetzung in die Tat bestraft wird. Parteien, die verfassungsfeindliche Ziele (Meinungen) durch die Tat verfolgen, können auch in der Demokratie verboten werden. Wenn die gemeinsame (mehrheitliche) Erinnerung verblasst, zerfällt eine Nation – aber nicht pluralistisch in Individuen, sondern in kleinere Nationen, die wiederum gemeinsame Erinnerungen und der Wille zu einer gemeinsamen Zukunft verbinden.

Nationen sind nicht die einzige Wir-Identität, die wir leben. Es gibt die kleinere, in Deutschland Heimat genannt und aus eigener Anschauung vertraut. Andererseits schließt die Identität als Deutscher keineswegs aus, sich außerdem als Europäer zu verstehen. Den Sachsen freut es, wenn er auf der Zugspitze einen sächsischen Landsmann trifft. Ebenso freut es ihn, wenn er in China einen Niederländer trifft. Diese Identitäten verhalten sich zueinander wie konzentrische Kreise, andere dagegen nicht: wie wir Frauen, wir Christen oder wir Ärzte.

Auch in einem zusammenwachsenden Europa wird die Ebene der Nationen und des Nationalstaates auf unabsehbare Zeit ein besonderes Gewicht behalten, weil der Nationalstaat die rechtliche und die soziale Sicherheit der Bürger gewähren wird. Europa zahlt keine Renten. Das entspricht ja auch dem europäischen Subsidiaritätsprinzip. So ist es auch ganz in Ordnung, wenn wir das Gedenken in der Demokratie in den verschiedenen Ländern unterscheidend betrachten, denn es ist auch verschieden. Mit Blick auf 1989/90 ist aber außerdem zu beobachten, dass das Verhältnis zwischen Nation und Demokratie in den verschiedenen, ehemals sozialistischen Ländern unterschiedlich ins Spiel gekommen war.

[<<16||17>>] In Polen hat sich die Nation von der Diktatur befreit, indem sie ihrer kommunistischen Regierung freie Wahlen abgetrotzt hat. Die baltischen Völker haben sich eher von der Unterdrückung ihrer Nationalität, von der Russifizierung befreit. Darin lag die Gefahr eines ausgrenzenden Nationalismus5, der mit demokratischen Grundrechten kollidierte. In der Tschechoslowakei hat das Staatsvolk die kommunistische Diktatur gestürzt, aber danach gingen Tschechen und Slowaken eigene Wege. Siebzig gemeinsame Jahre hatten nicht genügt, eine gemeinsame stabile Wir-Identität zu gründen. Tausend Jahre getrennter Geschichte waren stärker.

Und schließlich der Sonderfall DDR: Die Teilung Deutschlands hatte zu dem merkwürdigen Ergebnis geführt, dass sehr viele Westdeutsche die DDR als Ausland betrachteten. Aber das Grundgesetz verpflichtete sich dem Ziel der Einheit der deutschen Nation. In der DDR dagegen lehnte die SED seit Honecker diese Einheit der Nation ab und sprach von zwei Nationen auf deutschem Boden, was auch immer der deutsche Boden dabei bedeuten sollte. Aber die DDR-Bevölkerung war allabendlich am Fernseher Zaungast des Westens. Und wer die DDR verlassen wollte, wollte »nach drüben«, und das war nie Österreich oder die Schweiz. Und so wird denn auch das Jahr 1989 noch immer in Ost und West verschieden akzentuiert erinnert. Im Westen ist es das Jahr des Mauerfalls und des Weges zur deutschen Einheit. Für Ostdeutsche dagegen ist der Herbst 1989 zuerst die Zeit der Demonstrationen, der überwundenen Angst und der Zivilcourage, kurz der Herbstrevolution. Und viele Protagonisten der Herbstrevolution betrachteten die Maueröffnung sehr skeptisch6 und behaupteten, die deutsche Einheit sei daran schuld, dass die [<<17||18>>] Herbstrevolution eine unvollendete Revolution blieb. Damit haben sie sich aber von den ostdeutschen Demonstranten entfremdet und sich ihre Wahlniederlage bei den freien Volkskammerwahlen eingehandelt, denn die Demonstranten skandierten bald nach der Maueröffnung aus dem unterdrückten Text der DDR-Nationalhymne: »Deutschland einig Vaterland« und gingen dann von der Losung: »Wir sind das Volk!« über zu der Losung: »Wir sind ein Volk!«7, was manche Westdeutsche indigniert als nationalistisch und rechtsextrem verorteten.

[<<18||19>>] Ich bin 1991 öfter nach Westdeutschland eingeladen worden zu Veranstaltungen unter dem Zitat von Heinrich Heine: »Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht«. Die Veranstalter dachten dabei an Auschwitz und drückten so ihr Unbehagen an der deutschen Einheit aus. Bei Heine im Pariser Exil aber lautet die Fortsetzung so:

»Nach Deutschland lechtzt’ ich nicht so sehr,

Wenn nicht die Mutter dorten wär.

Das Vaterland wird nie vererben,

jedoch die alte Frau kann sterben.«8

Es gab 1989/90 im überraschend vereinigten Deutschland doch beachtliche Begriffsverwirrungen. Bei der ersten Sitzung der frei gewählten Volkskammer fanden die Abgeordneten den Brief eines Westberliners vor, der sie eindringlich ermahnte, sich der deutschen Vereinigung zu widersetzen und die DDR als demokratische Alternative zur kapitalistischen Bundesrepublik zu erhalten. Natürlich war das keine Mehrheitsposition, aber es gab im Westen 1990 Demonstrationen gegen die Einheit, bei der ganz vorn prominente Grüne mitmarschierten.

Im Osten dominierte 1990 die Begeisterung über die gefallene Mauer und die Wiedervereinigung. Aber die Stimmung verdüsterte sich ungemein aufgrund der bitteren Erfahrungen mit dem Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft, die so plötzlich ungeschützt den Bedingungen des Weltmarktes und dem Verlust der traditionellen Ostmärkte ausgesetzt war. Obwohl der Wirtschaftspolitik der SED die Hauptschuld an diesem Zusammenbruch anzulasten ist, wurde doch weithin die Treuhandanstalt dafür verantwortlich gemacht.

Die deutsch-deutsche Problematik des Gedenkens lässt sich auch am Streit um den geeigneten Nationalfeiertag verdeutlichen. Nationale Feiertage sind ja neben den Denkmälern immer der klarste Ausweis für das Wichtigste im Selbstverständnis einer Nation.

In der DDR war der Nationalfeiertag ganz traditionell der 7. Oktober als Gründungstag der DDR. Ironie der Geschichte: Zwei Tage nach dem vierzigsten Jahrestag, am 9. Oktober 1989, kapitulierte in Leipzig die Staatsmacht vor den Montagsdemonstranten und stellte damit die Weichen für das Ende der DDR.

In der alten Bundesrepublik feierte man nicht die Gründung, die Ratifizierung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949, sondern den 17. Juni als Tag der Deutschen Einheit und zur Erinnerung an den ostdeutschen Arbeiteraufstand von 1953, den sowjetische Panzer niedergewalzt hatten. Er war aber, von einigen [<<19||20>>] beachtlichen Reden aus diesem Anlass im Bundestag, zu einem Tag ohne Emotionen degeneriert. Im Osten war der Tag als Gedenktag absolut tabu.

Der neue nationale Gedenktag wurde der 3. Oktober, das Datum der deutschen Vereinigung, mit dem auch der Zwei-plus-vier-Vertrag in Geltung trat, durch den das vereinigte Deutschland seine volle Souveränität erlangte und der Zweite Weltkrieg völkerrechtlich beendet wurde.

Dagegen ist oft eingewendet worden, der 3. Oktober stehe doch nur für einen bürokratischen Akt und sei ein Tag ohne Emotionen. Der 9. November sei der geeignete Nationalfeiertag, der Tag der Maueröffnung, aber zugleich der Tag der Reichspogromnacht 1938, mit dem die Judenverfolgung eine weitere Eskalationsstufe erreichte. Der ehemalige Außenminister Fischer hat den 9. November gerade wegen dieser Ambivalenz empfohlen, denn sie sei für die deutsche Geschichte charakteristisch. Letzteres stimmt zwar, man kann aber in Wahrheit gar nicht gleichzeitig fröhlich sein und trauern. Man kann nicht »ambivalent« feiern, so wenig man Weihnachten und Karfreitag auf einen Tag legen kann.

Seit dem 3. Oktober lebt Deutschland in allseits anerkannten Grenzen, umgeben von Freunden. Wenn das kein Grund zum Feiern ist, was dann?

Im Jahr 2013 haben erneut manche gefordert, wieder zum 17. Juni als Nationalfeiertag zurückzukehren, da der Tag für den Freiheitswillen der Ostdeutschen stehe, zu deren Forderungen damals ja tatsächlich auch die deutsche Einheit gehörte. Aber kein Volk sollte eine Niederlage, einen niedergeschlagenen Aufstand zum Identifikationsdatum wählen. Die Serben haben sich keinen Gefallen getan, als sie ihre Niederlage gegen die Türken auf dem Amselfeld (Kosovo) zum nationalen Identifikationsdatum wählten.

Das Erinnern in den Demokratien, die 1989/90 entstanden sind, ist, wie oben ausgeführt, bipolar: einerseits die Erinnerung an die überwundene (kommunistische) Diktatur, andererseits diejenige an diese Überwindung, an die Revolution, die ja zumeist – Rumänien ausgenommen – eine friedliche war. Wie sieht nun das Verhältnis zwischen diesen beiden Polen aus?

Im Bericht der Bundesregierung zum Stand der Aufarbeitung der SED-Diktatur aus dem Jahr 2013 sind sieben Gedenkstätten und Erinnerungsorte der Teilung und 28 zum Thema Überwachung und Verfolgung verzeichnet. Zu Opposition und Widerstand sowie zur frei gewählten Volkskammer und ihrer Regierung ist nichts verzeichnet, weil es nichts gibt. Immerhin finden in der Rubrik »Denkmäler und Mahnmale« drei Freiheits- bzw. Einheitsdenkmäler ihre Erwähnung, nämlich diejenigen in Plauen, Berlin und Leipzig.9 Die [<<20||21>>] »Aufarbeitung« hat eine kräftige Schlagseite, die ich mir mit einer unter uns weit verbreiteten Unfähigkeit zur Freude an der Freiheit erkläre.

Aber warum sollte man überhaupt die Diktatur mit ihren dunklen, teils sogar schrecklichen Aspekten erinnern und nicht lieber vergessen?

3. Warum Schlimmes, Trauriges und Belastendes erinnern und nicht lieber vergessen?

Christian Meier hat in seiner Studie von 2010 darauf hingewiesen, dass Kriege und Bürgerkriege seit dem Friedensschluss zwischen Athen und Sparta 404 v. Chr. regelmäßig verbunden waren mit der Forderung, alles Schreckliche, das in Kriegszeiten geschehen ist, zu vergessen. Manchmal wird sogar die Erwähnung von Untaten unter Strafe gestellt, um des Friedens willen.10

Eine solche Amnestieformel findet sich auch noch im Saarvertrag von 1956: »Niemand soll auf Grund der von ihm in der Vergangenheit gegenüber der Saarfrage eingenommenen Haltung beeinträchtigt werden.«11 In Anlage 1 wird dazu ausgeführt, dass selbst Körperverletzung unter diese Amnestie fällt.12

Die Verbindung von Amnestie und Friedensvertrag ist wohl zum ersten Mal gelöst worden im Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg, der nämlich den Deutschen, genauer dem Kaiser Kriegsverbrechen vorwirft (Teil VII. Art. 227–230). Der alte Gedanke, dass der Wunsch nach Gerechtigkeit gegenüber dem Wunsch nach Frieden und Befriedung zurücktreten müsse, wurde aufgegeben zugunsten des Gedankens der strafenden Gerechtigkeit, der allerdings sehr einseitig in Stellung gebracht wurde. So hat denn auch dieser Friede durch seine neuartigen und skandalösen Friedensbedingungen (unbezifferte Reparationen) in Wahrheit das Ziel einer Befriedung völlig verfehlt.

Christian Meier verteidigt die alte Strategie »Frieden vor Gerechtigkeit durch Amnestie« grundsätzlich. Er sieht aber in Auschwitz, also der nationalsozialistischen Judenvernichtung, ein derart monströses Verbrechen, dass er hier den Gedanken an Amnestie und Vergessen für vollkommen verfehlt ansieht.13 Dem stimme ich zu. Diese Judenvernichtung war weder ein Kriegsverbrechen [<<21||22>>] noch ein Bürgerkriegsverbrechen. Deshalb kann es dazu ja auch keinen Friedensvertrag geben.

Und er fragt, warum nicht nach dem Ende der DDR das Vergessen als Strategie gewählt worden ist. Er erklärt das so: Die Herbstrevolution war unblutig, deshalb musste keine Rache für Revolutionstote befürchtet werden. Die Herrschenden waren so vollständig entmachtet, dass auf sie keine Rücksicht mehr genommen werden musste. Und das westdeutsche Vorbild der Erinnerungsarbeit hinsichtlich der Nazizeit wirkte als Vorbild. Er endet aber dennoch mit dem Satz: »Die uralte Erfahrung, wonach man nach solchen Ereignissen besser vergisst und verdrängt als tätige Erinnerung walten zu lassen, ist noch keineswegs überholt.«14

Dass die Friedlichkeit der Revolution der Hauptgrund gegen das Vergessen geworden ist, lässt sich plausibel machen im Vergleich mit dem Vorgehen in Italien und Frankreich nach dem Ende der deutschen Besatzung hinsichtlich der Kollaborateure. Es kam nämlich in beiden Ländern zu einer kurzen Phase exzessiver gewalttätiger Abrechnungen – man könnte das auch Lynchjustiz nennen –, denen in Italien 10.000 bis 15.000, in Frankreich mindestens 10.000 Menschen zum Opfer fielen. Danach kam eine Amnestie, die nun für die Untaten beider Seiten galt.15 Joseph Rovan hat noch 1992 dieses Vorgehen verteidigt und empfohlen, »nach dem Ende einer Diktatur sollten Säuberungen kurz und blutig sein.«16

Ich möchte die Friedlichkeit dieser Revolutionen mit drei Argumenten verteidigen:

1. Diese Revolutionen waren ja nur möglich geworden, weil Gorbačëv die sogenannte »Brežnev-Doktrin« widerrufen und erklärt hatte, die Sowjetunion werde sich nicht (mehr) in die inneren Auseinandersetzungen der sozialistischen Länder einmischen. Wären diese Revolutionen blutig geworden, hätte die Sowjetunion wohl doch eingegriffen, um der Sicherheit ihrer Truppen willen.

2. Die Losung: »Keine Gewalt!«, die ja besonders von den Kirchen gefördert wurde, hatte für die Demonstranten auch eine legitimierende und insofern entlastende und motivierende Funktion: »Wir sind keine Konterrevolutionäre nach euren Vorstellungen.« Logik und Praxis der Gewaltlosigkeit haben das Feindbild der Kommunisten ungemein verwirrt. Das war Teil des Erfolges gegen die so hochgerüsteten Sicherheitskräfte. Diese waren auf eine »Konterrevolution« [<<22||23>>] vorbereitet, und zwar von der Art, wie sie Revolutionen gemacht hatten.

3. Jenes Vergessen, die Amnestie, hat in Italien und Frankreich nicht nur Gutes bewirkt. In Italien ist die Auseinandersetzung mit dem Faschismus so lasch geführt worden, dass dieser geradezu gesellschaftsfähig wurde und Mussolinis Enkelin deshalb eine politische Rolle spielt, weil sie seine Enkelin ist. Und in Frankreich waren plötzlich alle Franzosen Widerstandskämpfer, bis Präsident Mitterrand das Schweigen um Vichy brach und bekannte, dass er auch dort war.

In Friedensverträgen hat die Verbindung von Befrieden und Vergessen wohl deshalb eingeleuchtet, weil sich im Krieg (und auch im Bürgerkrieg) regelmäßig beide Seiten Unrecht und Verbrechen vorzuwerfen haben. Das Unrecht in den Diktaturen ist aber ganz einseitig, asymmetrisch geschehen. Weder die »Rassenfeinde« noch die »Klassenfeinde« waren in der Hinsicht, um die es hier geht, irgendwie auch Täter oder irgendwie mitschuldig an ihrer Verfolgung oder Benachteiligung. Sie waren reine Opfer. Wenn es nichts wechselseitig aufzurechnen gibt, verliert das große Vergessen seine Plausibilität.

Aber für die individuelle Dimension möchte ich Meiers Votum zustimmen. Das Institut der Verjährung ist in unserem Rechtssystem ganz zu Recht fest verankert. Totschlag verjährt, wie früher Mord, nach zwanzig Jahren. Belastungen aus DDR-Zeiten, die strafrechtlich nicht relevant sind, namentlich die Stasi-Verwicklungen, sollten nach der ursprünglichen Fassung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (StUG) nur 15 Jahre für den öffentlichen Dienst und Verwandtes überprüft werden.17 Nach zwei Verlängerungen wurden daraus dreißig Jahre. Allerdings sind es ja oft gar nicht die Stasi-Verwicklungen von damals, sondern deren Verschweigen heute, die zum Anstoß werden. Das ist ein weites Feld. Aber auf individueller Ebene muss einmal das Vergessen einsetzen, auch für diejenigen, denen leider der Mut fehlt, sich zu ihrer Schuld zu bekennen.

[<<23||24>>] Was aber die Diktatur selbst betrifft, spreche ich mich gegen das Vergessen und den Schlussstrich aus. In Spanien und in Polen ist zunächst die Strategie des Schlussstrichs gewählt worden, weil beim Übergang zur Demokratie die Eliten der Diktatur weiter amtierten, also eine Art von Kohabitation der Revolutionäre oder Demokraten mit dem Ancien Régime eingingen. Man musste das zunächst hinnehmen, weil man es nicht sofort, sondern nur allmählich ändern konnte. In beiden Fällen aber hat sich kein befriedendes Vergessen eingestellt. Die Fragen nach dem Unrecht in der Diktatur brachen, verzögert, dennoch auf.

Ehe ich nun begründe, warum nach Diktaturen das Erinnern berechtigt ist, möchte ich drei Begründungen für solches Erinnern nennen, die mich nicht überzeugen, obwohl sie regelmäßig vorgebracht werden:

1. »Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung.« Dieser Satz findet sich auf einer Briefmarke der Bundesrepublik aus dem Jahr 1988 neben einer brennenden Synagoge zur Erinnerung an die sogenannte Reichsprogromnacht, früher Reichskristallnacht genannt. Ich habe trotz erheblicher Anstrengung jenem Satz keinen Sinn abgewinnen können. Er ist aus der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem übernommen worden. Dort wird der Verfasser angegeben: Rabbi Israel ben Elieser (1699–1760), genannt Baal Schem Tov, der Begründer des Chassidismus. Er lautet aber vollständig: »Vergessen verlängert das Exil, das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung«, nämlich die Erinnerung an die messianische Verheißung einer Rückkehr der Juden nach Jerusalem – und nicht die Erinnerung an Zerstörung und Mord. Die erlöst nicht, wie wir alle wissen, sondern belastet ungemein. Es gibt aber Gründe, diese Belastung auf sich zu nehmen.

2. »Wer die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist verurteilt, sie zu wiederholen.« Der Satz aus dem Jahr 1905 stammt von George Santayana.18 Ob dieser für Individuen gilt, sei dahingestellt, ich will aber meine Zweifel nicht verheimlichen. Kollektiv gilt er jedenfalls nicht. Die Nazis haben den Ersten Weltkrieg erinnert (in ihrer Interpretation, versteht sich) und einen zweiten vom Zaun gebrochen. Die Kommunisten haben die Nazidiktatur schmerzlich erlebt und eine weitere errichtet.

3. »Wir müssen aus der Geschichte lernen.« Irgendwie ist das immer richtig. Für Individuen und Kollektive gilt: Gedächtnisverlust macht handlungsunfähig. Aber der alte Satz: »Historia magistra vitae«, die Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens, stand unter der Voraussetzung »es geschieht nichts Neues unter der Sonne« (Prediger Salomonis). Deshalb galten früher die Alten, die Senioren und Senatoren als die Lebenserfahrenen. Das gilt zwar immer [<<24||25>>] noch in vielen Bereichen, aber oft gilt leider auch, was der Enkel sagt: »Opa, das verstehst du nicht.« Denn seit der Industrialisierung geschieht in bisher unerhörter Weise ständig Neues unter der Sonne. Gemeint war mit der Geschichte als Lehrmeisterin außerdem seinerzeit nicht der Geschichtsverlauf, sondern die Geschichten, die sich zugetragen haben. Früher bestand die Ausbildung zum Diplomaten oder Politiker zu wesentlichen Teilen im Studium der antiken Geschichtsschreiber. Aber lange schon gilt nun der andere Satz: »Geschichte wiederholt sich nicht.« Die nächste Krankheit ist dann meistens eine andere. Wer sich zu sehr auf die vorige konzentriert, bemerkt die nächste womöglich zu spät. Jüngstes deutsches Beispiel: Wer bei Terrorismus vor allem an den Linksterrorismus der RAF dachte, übersah den Rechtsterrorismus des NSU.

»Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten«, ist das Motto von Roland Jahn.19 Auch in dieser Form leuchtet mir die These vom unmittelbaren Lernen aus der Geschichte nicht ein. Der unterstellte Zusammenhang ist weitestgehend fiktiv.

Das Studium der Diktatur kann sehr plastische Eindrücke vermitteln vom Leben in Unfreiheit, von der Verweigerung elementarer Menschenrechte, das stimmt.

Demokratie, wie wir sie verstehen und wie sie im Grundgesetz institutionell ausgearbeitet ist, ist aber mehr als die Abwesenheit von Diktatur.

Von Aristoteles bis Kant war das Wort Demokratie negativ besetzt, weil man darunter die reine Mehrheitsdemokratie verstand. Kant rechnet sie deshalb zu den despotischen Herrschaftsformen, Aristoteles zu den gesetzlosen. Auch die Tyrannei der Mehrheit ist Tyrannei. Erst die Einschränkung des Mehrheitsprinzips durch mehrheitenfeste Grundrechte, durch den Rechtsstaat und die Gewaltenteilung hat das Wort Demokratie geadelt. Darauf kommt niemand allein durch das Studium der Diktaturen. Wer die SED-Diktatur am besten kennt, ist jedenfalls deshalb nicht gleich der beste Demokrat. Man kann sich da in belanglose Einzelheiten verlieren und am Ende den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

Die Kommunisten waren der Auffassung, sie hätten die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen, nämlich nach der Logik der Umkehrung: wer [<<25||26>>] wen? »Amboss oder Hammer sein.«20 Und so haben sie mit bestem Gewissen die nächste Diktatur errichtet. Sie haben die parlamentarische Demokratie als Scheindemokratie verhöhnt und die »Diktatur des Proletariats« (bei Marx die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit) als wahre Demokratie gefeiert. Diese Begriffsverwirrung wirkt nach. Die repräsentative parlamentarische Demokratie wird auch heute von vielen in Ost und West als uneigentliche, defizitäre Demokratie kritisiert. Die wahre Demokratie sei die direkte, bei der im Idealfall alle über alles entscheiden. Das wäre dann aber die Diktatur der Mehrheit oder die totalitäre Demokratie.21

Demokratie heißt Volksherrschaft. Volksdemokratie hieße demnach Volksvolksherrschaft. Nirgendwo jedoch ist das Wort »Volk« so inflationär gebraucht und missbraucht worden wie in den beiden Diktaturen auf deutschem Boden. Moderne Diktaturen berufen sich nämlich sehr gern aufs Volk, genauer auf die Massen, und dokumentieren ihre angebliche Volksverbundenheit mit jubelnden Massenaufmärschen. Die austarierten Regeln der parlamentarischen Demokratie werden als toter Formelkram beiseite gewischt.

Wie schnell die Berufung aufs Volk missbraucht werden kann, haben wir im Herbst 1989 auch erlebt. Als der Gewerkschaftsbund FDGB zum Runden Tisch nicht zugelassen wurde, weil er keine Partei, aber eine fünfte Kolonne der SED war, haben seine Vertreter vor dem Versammlungsraum so lange »Wir sind das Volk!« gerufen, bis sie zum Runden Tisch zugelassen wurden.

[<<26||27>>] Nach 1989 haben manche Bürgerrechtler verkündet, sie würden nun über die Strategie verfügen, wie man eine Diktatur gewaltfrei stürzen kann. Das wollten sie aus der Geschichte gelernt haben. Sie irrten. Unter den gegebenen Umständen, zu denen Gorbačëv, Ungarns Sonderweg, die Vergreisung des SED-Politbüros, der Handlungsspielraum der Kirchen und vieles mehr gehörten, konnte nur eine gewaltfreie Revolution Erfolg haben. Aber diese Umstände werden sich wohl kaum so schnell anderswo wieder zusammenfinden. Leider gilt weiterhin: Eine stabile, das heißt hemmungslose terroristische Diktatur lässt sich nicht von unten stürzen.

Für das Erinnern an die Diktatur brauchen wir bessere Gründe,

1. um die unmittelbaren Diktaturfolgen zu bekämpfen und nach Möglichkeit zu beheben. Das betrifft die sogenannte Regierungskriminalität, also Verbrechen im Windschatten der Diktatur, die Rehabilitierung von politisch Verfolgten, Haftentschädigungen und die Betreuung derjenigen, die noch heute an Spätfolgen leiden, sowie die Rückgabe von widerrechtlich Enteignetem. Das alles ist auch die wichtigste Würdigung der Opfer. Dies ist eine endliche Aufgabe, die in Deutschland größtenteils abgearbeitet ist.

Auch die Überprüfungen im öffentlichen Dienst, in Parlamenten und einigen anderen Bereichen gehören hierher. Sie sind als Eignungsprüfungen gedacht und nicht als Bestrafung. Sie sollten Seilschaften und eine Beschädigung des Ansehens öffentlicher Ämter verhindern. Auch dies ist eine endliche Aufgabe, die zum Übergang nötig war, aber allein schon durch den zeitlichen Abstand ihre ursprüngliche Bedeutung weitestgehend verloren hat;

2. um die fehlende Öffentlichkeit der DDR zu ersetzen. »ln diesem Lande leben wir wie Fremdlinge im eignen Haus«22, hat Wolf Biermann gesungen. Wir DDR-Bürger waren über das, was in unserem Land vorging, höchst unzureichend informiert. Erst durch die Anwesenheit von westdeutschen Journalisten, die aus der DDR via Westfernsehen in die DDR berichten konnten, änderte sich das etwas. Auch ostdeutsche Oppositionelle wurden doch erst auf diesem Weg landesweit bekannt;

3. um das offizielle Geschichtsbild der SED zu korrigieren. Da gab es zum einen das Verschwiegene, wie Stalins Schauprozesse und den Gulag, deutsche Exilkommunisten in sowjetischen Straflagern, die Speziallager des sowjetischen Geheimdienstes nach 1945, oft in ehemaligen KZs der Nazis, den 17. Juni 1953 und vieles mehr. Und an der Stelle des Verschwiegenen stand Entstelltes, die Fehlinformationen, wie man sie zuhauf in jedem Museum vorfand, mit Ausnahme vielleicht der naturkundlichen.

[<<27||28>>] Man kann den zweiten und dritten Punkt auch so zusammenfassen: Wir möchten wissen, wie es wirklich war, und dies gar nicht zu irgendeinem Zweck. Alle Reflexionen über die Bedingtheit und Standortabhängigkeit jeder Geschichtsbetrachtung können doch nicht aus der Welt schaffen, dass die Frage, wie es wirklich war, berechtigt ist und auf einem weiten Feld auch unstrittig beantwortet werden kann. Wenn es tatsächlich keine nackten Tatsachen (bruta facta) gibt, folgt daraus keineswegs, dass es keine Tatsachen gibt und alles bloß Ansichtssache sei.

4. Die SED-Funktionäre, NVA-Offiziere, auch die hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter waren uns in unserem Umfeld zumeist bekannt. Schulkinder wussten so etwas zumeist von den Eltern ihrer Mitschüler. Aber: »Wer hat mich bespitzelt?«, das wurde im Herbst 1989 die Frage, die viele bewegte. Und deshalb wurde die Frage, wer Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi (IM) war, so wichtig. Das wurde auch der wichtigste Antrieb für die ostdeutsche Forderung nach Einsicht in die Stasi-Akten. Aber das Stasi-Unterlagen-Gesetz der Volkskammer wurde von der Bundesregierung im Einigungsvertrag abgelehnt. Aufgrund massiver ostdeutscher Proteste hat dann die westdeutsche Seite unmittelbar vor der Abstimmung zum Einigungsvertrag in der Volkskammer zugesagt, dass der Bundestag ein Stasi-Unterlagen-Gesetz beschließen werde.23 Es hat sich gezeigt, dass die Besorgnisse unberechtigt waren. Aufs Ganze hat die Akteneinsicht befriedend gewirkt.

Die Konzentration auf die IM und die Stasi-Akten ist zwar in ihrer Genese verständlich, hat aber zwei missliche Folgen gezeitigt. Lange Zeit – und zum Teil bis heute – schien die DDR der »Stasi-Staat« zu sein. Er war aber der SED-Staat und die Stasi war »Schild und Schwert der Partei«, wie es ja auch das Wappen der Stasi darstellte. Die missliche Folge: Die SED konnte sich hinter der Stasi verstecken. Nach dem Zeugnis des ehemaligen Bürgermeisters von Dresden, Wolfgang Berghofer, hat Ministerpräsident Hans Modrow (SED) das sogar so intendiert. Und die Überprüfungen haben sich oft exklusiv auf die inoffizielle Stasi-Mitarbeit bezogen, obwohl SED-Funktionäre und auch solche der Blockparteien womöglich Schlimmeres zu verantworten hatten als dieser und jener kleine IM. Außerdem erscheinen manchmal die hauptamtlichen [<<28||29>>] Stasi-Offiziere wie Ehrenmänner, um deren Zeugnis man bemüht ist, um diesem oder jenem eine IM-Tätigkeit nachweisen zu können, obwohl sie doch zum Verrat überredet und angeleitet haben.

Auch dies, die individuelle Akteneinsicht, ist eine endliche Aufgabe. Daran wird sich auch nicht so viel ändern, wenn durch die Rekonstruktion zerrissener Akten noch einmal neues Material zugänglich wird.

Dies alles sind endliche Aufgaben, die tatsächlich einmal erledigt, »bewältigt« oder »aufgearbeitet« sind oder sich gar mit der Zeit von selbst erledigen.

Drei Aufgaben sind dagegen potentiell unendlich und nicht einmalig zu erledigen:

1. Die Unterrichtung der heranwachsenden Generation über unsere Geschichte, also auch über die DDR, kann naturgemäß nie beendet werden.

2. Der Streit darüber, was an der SED-Herrschaft das Verkehrte war, wird uns dauerhaft erhalten bleiben, und zwar schon deshalb, weil er ja zugleich ein Streit um die Maßstäbe ist.

3. Forschung ist potentiell unendlich, weil nicht nur neues Material, sondern auch neue Fragestellungen neue Forschungsergebnisse generieren. Eine noch nicht ausgelotete Fragestellung ist der Diktaturvergleich, der alle ehemals sozialistischen Länder einbezieht. Übrigens: Ein Blick nach Nordkorea und Kambodscha, auf die chinesische Kulturrevolution und auf Stalins Herrschaft zeigt uns, dass wir mit der SED-Diktatur nicht das Schlimmste erleben mussten, gewissermaßen also Glück im Unglück hatten. Ein anderer Diktaturvergleich, nämlich der zwischen den beiden Diktaturen auf deutschem Boden, erregt immer wieder die Gemüter, bis hinein in die Tagespolitik. Wenn der SED-Staat ein Unrechtsstaat genannt wird, sehen die einen darin eine bösartige Denunziation der DDR, die anderen eine gefährliche Verharmlosung Nazideutschlands, das allein Unrechtsstaat genannt werden dürfe.