Denkwerkstatt Museum -  - E-Book

Denkwerkstatt Museum E-Book

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Beschreibung

Die »Denkwerkstatt Museum« ist ein ungewöhnliches Projekt, indem sie einen neuen Raum eröffnet, den drei Institutionen gemeinsam gestalten: Museum, Universität und Schule. Alle drei sind einander Gastgeber, alle drei nehmen einander in die Pflicht. In der »Denkwerkstatt Museum« loten Studierende und ihre Dozent/innen, Schüler/innen und Lehrer/innen das Museum als Verhandlungsort über Kunst, kulturelle Erinnerung und Gegenwart aus. Exemplarischer Ort ist die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2015

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INHALTSVERZEICHNIS

GRUSSWORT

MARION ACKERMANN

BARBARA WELZEL

VORWORT

BARBARA WELZEL

DENKWERKSTATT MUSEUM

NIKLAS GLIESMANN

VOM ARBEITEN IN EINER DENKWERKSTATT

NATALIE ÇALKOZAN

,

LEA HEMKER

,

VICTORIA HÖCHST

,

SARAH HÜBNER

,

ANNA KAMPE

,

INGA MICHAELIS

,

EYLEEN RÖBERT

,

LISA SARACHMAN

,

ANN KATRIN SCHULTE

,

MAREIKE WEHNER

,

SINA ZIEGLER

BOTSCHAFTERBERICHTE

HEINZ UDO BRENK

BOTSCHAFTER FÜR KUNSTWERKE – WAS HAT DIE SCHULE DAVON?

SARAH HÜBSCHER

VON DER VERMITTLUNG – ÜBER DIE VERORTUNG – HIN ZUM BOTSCHAFTER-SEIN

JULIA HAGENBERG

»EIN SPIEL DER FRAGEN UND ANTWORTEN« – KUNST-BETRACHTUNG MIT SCHUL-KLASSEN AUS DER PERSPEKTIVE DER MUSEUMSPÄDAGOGIK

PIERRE ROSENBERG

KUNSTGESCHICHTE UNTERRICHTEN?

NIKLAS GLIESMANN

BARBARA WELZEL

NACHWORT

DAS BUCHTEAM

LITERATUR ZUM EINSTIEG

GRUSSWORT

Nordrhein-Westfalen zeichnet sich durch eine vielfältige Kulturlandschaft aus. Es gibt viele inspirierende Künstlerinnen und Künstler und attraktive Orte, die dazu einladen, Kunst und Kultur hautnah zu erleben. Diese Orte wollen wir intensiv für die Kulturelle Bildung, einen Schwerpunkt unserer Kulturpolitik, nutzen. Es geht darum, neben Wissen eigene Kreativität, die Begeisterung für Kunstwerke und ihre Ästhetik zu fördern. Um möglichst frühzeitig anzusetzen, ist die Kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen von enormer Bedeutung.

Hier setzt zum Beispiel das Landesprogramm Kultur und Schule an. In allen Kultursparten, im Theater, der Literatur, der Bildenden Kunst, der Musik, dem Tanz, dem Film oder den Neue Medien wird jungen Menschen die Begegnung mit Kunst und Kultur – unabhängig vom familiären Hintergrund und Wohnumfeld – ermöglicht. Mit dieser Zielsetzung sind besondere Projekte ins Leben gerufen worden. Auch über das Programm »Kulturrucksack« erhalten Kinder und Jugendliche attraktive und altersgemäße Bildungs- und Kulturangebote.

Die »Denkwerkstatt Museum« ist ein bemerkenswertes Projekt, das Universität, Museum und Schule in einer Verantwortungsgemeinschaft zusammenbringt. Gemeinsam erkunden die verschiedenen Akteure die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Die meisten der Studierenden des Seminars für Kunst und Kunstwissenschaft der Technischen Universität Dortmund haben die Absicht, Lehrerinnen und Lehrer zu werden. In der »Denkwerkstatt Museum« agieren sie als Botschafter des Museums und seiner Werke für Schülerinnen und Schüler. Damit bauen sie für Kinder und Jugendliche Brücken in den Raum des Museums und ermöglichen ihnen so, ein Kunstmuseum und moderne Kunst als spannende Lebenswelten wahrzunehmen.

Ich danke den beteiligten Projektteilnehmern für ihre Mitwirkung sehr herzlich. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen verknüpft kontinuierlich die Ausstellungs- und Forschungsarbeit mit einem breit gefächerten Angebot kultureller Bildung und ästhetischer Praxis. Ich danke der Direktorin Dr. Marion Ackermann sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass sie sich auch für die »Denkwerkstatt Museum« engagiert haben.

Auch dem Team des Lehrstuhls für Kunstgeschichte der Technischen Universität Dortmund unter der Leitung von Prof. Dr. Barbara Welzel und Dr. Niklas Gliesmann gilt mein Dank ebenso wie allen Studierenden, die als Botschafter für die Werke der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen eine kaum zu überschätzende Aufgabe übernommen haben.

Ich freue mich, dass die Museumswerkstatt bei verschiedenen Schulen Anklang gefunden hat, allen voran beim Heinrich-Heine-Gymnasium in Dortmund. Die Lehrerinnen und Lehrer haben Kulturelle Bildung selbstverständlich in den schulischen Alltag integriert, und die Schülerinnen und Schüler bestätigen, wie wichtig derartige Projekte sind: Viele von ihnen sind ihrerseits zu Botschaftern des Museums und seiner Kunstwerke für Familien, Freunde und jüngere Schülerinnen und Schüler geworden.

Ein wichtiger Aspekt ist die Ausweitung der »Denkwerkstatt Museum« für Schülerinnen und Schüler, die als Flüchtlinge nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind. Ich wünsche diesem Projekt weiterhin Erfolg und viele Nachahmer.

UTE SCHÄFER

Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.

MARION ACKERMANN

BARBARA WELZEL

VORWORT

Die »Denkwerkstatt Museum« ist ein ungewöhnliches Projekt, indem sie einen neuen Raum eröffnet, den drei Institutionen gemeinsam gestalten: Museum, Universität und Schule. Alle drei sind einander Gastgeber, alle drei nehmen sich in die Pflicht. Sie erfüllen ihren je eigenen Auftrag – und zwar im Regelbetrieb, nicht in der Ausnahmesituation von Projekten, die zeitlich begrenzt durch externe Drittmittel finanziert oder als zusätzlicher Event inszeniert werden.

Das Museum zeigt sich mit seinem Auftrag des Sammelns, Bewahrens, Forschens und Vermittelns. Es ist Gastgeber mit seinen hochwertigen Sammlungen, mit dem Präsentieren von wertvollen Kunstwerken und mit dem Schaffen einer Plattform für das wechselseitige Lernen und den Austausch mit einer sich verändernden Gesellschaft. Die Universität ist Stätte von Forschung, Lehre und Studium; dort wird der Erkenntnisfortschritt vorangebracht und immer von Neuem an die nächste Generation weitergegeben. Sie ist Gastgeberin mit ihren Lehrenden und Studierenden, die ihr Wissen in den Bereichen von Kunstgeschichte und Vermittlung in der »Denkwerkstatt Museum« einsetzen, erproben und experimentell verfeinern. Die Schule ist Bildungsstätte für alle jungen Menschen des Landes; hier wird grundlegendes Wissen vermittelt und Teilhabe eröffnet – unabhängig von sozialer oder kultureller Herkunft. Sie ist entscheidender Ort für die Verwirklichung gesellschaftlicher Gerechtigkeit. In der »Denkwerkstatt Museum« ist sie Gastgeberin eines Dialoges zwischen Schüler/innen und Lehrer/innen sowie Studierenden und ihren Dozent/innen, die das Museum als Verhandlungsort über Kunst, kulturelle Erinnerung und Gegenwart ausloten.

Erfunden wurde die »Denkwerkstatt Museum« im Wintersemester 2010/2011; seither hat sie sich für mehr als 500 junge Menschen geöffnet. Alle drei Institutionen – so lässt sich nach den zurückliegenden fünf Jahren festhalten – werden bereichert durch diese Dialoge. Gerade auch für das Museum ist das Projekt besonders wichtig, da im Austausch mit jungen Menschen eine Dynamik und Lebendigkeit des Museums erzeugt und zu einer Aktualisierung der Sammlung sowie des künstlerischen und pädagogischen Programms angeregt wird.

Wir danken allen, die dieses Projekt ermöglichen, und allen, die sich daran in den vergangenen Jahren beteiligt haben: Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, Studierenden, von denen manche inzwischen selbst Lehrer/innen sind, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, den Lehrenden an der TU Dortmund, namentlich Dr. Niklas Gliesmann, der die »Denkwerkstatt Museum« seit 2013 federführend leitet und weiterentwickelt hat. Wir freuen uns, dieses – wie wir stolz und überzeugt glauben sagen zu dürfen – modellhafte Projekt nach fünf Jahren durch eine Publikation einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen.

»ICH FAND DEN AMERIKANERRAUM

BESONDERS SCHÖN.

DAS LAG NICHT NUR AN DEN BILDERN,

SONDERN AUCH DARAN,

DASS DER RAUM SO OFFEN

UND HELL IST.«

»ICH WÜRDE AUF ALLE FÄLLE

NOCHMAL HINGEHEN,

MIT FREUNDEN UND FAMILIE

UND MEIN WISSEN AN SIE

WEITERGEBEN.«

»ES MACHT EBEN AUCH

EINEN ANDEREN EINDRUCK,

WENN MAN VOR DEN BILDERN STEHT,

ALS WENN DIESE LEDIGLICH

VON EINEM

BEAMER

PROJIZIERT WERDEN.

MAN BEKOMMT EINEN GANZ

ANDEREN EINDRUCK.

DAS IST FÜR MICH

DER WICHTIGSTE UNTERSCHIED

ZUR SCHULE.«

BARBARA WELZEL

DENKWERKSTATT MUSEUM

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen galt seit ihrer programmatischen Gründung im Jahr 1961 als »Heimliche Nationalgalerie«. Die Stiftung datiert in das Jahr des Mauerbaus, die ersten Sammlungsjahre in die Zeit der Frankfurter Auschwitzprozesse. Das Museum verkörpert den Aufbruch der westdeutschen Nachkriegszeit in herausragender Weise: den unbedingten Aufbauwillen, in Deutschland kulturelle Orte zu schaffen, an denen Werke von im Dritten Reich verfemten Künstlern eine Heimstatt finden konnten und hier künftig öffentlich Wertschätzung erfahren und zugänglich sein sollten. In der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen sollten Werke nationaler wie internationaler moderner und zeitgenössischer Kunst gesammelt und präsentiert werden, um in Deutschland nach den Museumsplünderungen durch die Aktion »Entartete Kunst« und die gewaltsame Beschränkung der Kultur während des Dritten Reiches eine öffentliche Sammlung zu schaffen, in der Kunst des 20. Jahrhunderts – und inzwischen ebenfalls des 21. Jahrhunderts – in ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt aufsuchbar und verhandelbar sein sollte. Auch seit sich in den letzten Jahrzehnten die Sammlungstopographie von moderner und zeitgenössischer Kunst in Deutschland deutlich verändert hat, bleibt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ein unverwechselbares Museum. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ist ein bedeutender Kunst-Ort; sie ist zugleich ein Erinnerungsort deutscher Geschichte und Kulturpolitik, der als solcher in der Verantwortung steht Zukunft mitzugestalten. Sie ist drittens ein Demokratie-Ort, an dem sich die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Kunst ereignet und verstehen lässt.

Aus dieser Bewertung ergeben sich Konsequenzen: Es scheint geboten, dass jede/r, die/der Kunstgeschichte in Deutschland studiert, um diese Sammlung weiß – und mindestens alle Kunstgeschichtsstudierenden nordrhein-westfälischer Universitäten sich dieses Museum (neben anderen Sammlungen, auch jeweils in der eigenen Stadt) erschließen. Eine besondere Bedeutung kommt denjenigen Multiplikatoren zu, denen in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung die Vermittlung von Kunst und ihren Institutionen an junge Menschen anvertraut ist: den Lehrerinnen und Lehrern. Allein die Institution Schule erreicht herkunftsunabhängig alle jungen Menschen; sie ist der Ort, an dem für Alle demokratische Teilhabe eröffnet werden kann – und muss. Folgerichtig gehört die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mindestens in Nordrhein-Westfalen in den kunsthistorischen Kanon des Lehramtsstudiums Kunst – so jedenfalls argumentiert die Kunstgeschichte an der Technischen Universität Dortmund und hat seit mehr als einem Jahrzehnt dieser Sammlung in ihren Studiengängen einen verbindlichen Platz zugewiesen. Niemand legt in Dortmund ein Lehramtsexamen für das Fach Kunst ab, der oder die sich nicht in der einen oder anderen Form mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen befasst hat und sich – so das »mission statement« – diese Sammlung auf eine Weise erschlossen hat, dass sie oder er Anderen einen Zugang eröffnen kann. Und als Vision kultureller Teilhabe und demokratischer Inbesitznahme: Niemand besucht in Nordrhein-Westfalen eine Schule, ohne dass ihr oder ihm die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gezeigt wird.

Die »Denkwerkstatt Museum« bedeutet aus Sicht der Universität »Kunstgeschichte in Echtzeit«.1 Dieses Konzept meint, als Kunsthistoriker/in bzw. Kunstvermittler/in selbst eine Rolle im Fach und seinem fachlichen Verantwortungshorizont zu verkörpern – auch und gerade bereits im Studium. Statt eines Referates zu einem Werk im Seminarraum – der gewissermaßen »klassischen« Form in einem kunsthistorischen Seminar – wird eine alternative Aufgabe für einen Leistungsnachweis gestellt: einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern dieses Kunstwerk zu vermitteln.2 Benötigt wird dieselbe Recherche, doch wird die Auswahl der Informationen sogleich einer Bewertungsprobe unterzogen: Was ist warum von Bedeutung zum Verständnis des Werkes? Überhaupt gilt es, das Werk selbst aufzusuchen: ins Museum gehen, dort studieren – im Dialog zwischen Beobachtung, Bibliothek und Internetrecherche. Das Museum wird als fachliches Laboratorium in Anspruch genommen, Autopsie als Ausgangspunkt fachlichen Handelns eingeübt: Welche Rolle spielen Material, Format, sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften und Überlieferungsspuren für den Erkenntnisgewinn? Und welche Forschungsinformationen erschließen welche Sinnpotenziale? Was leistet Wissenschaft für die Begegnung mit einem Werk?3 »Kunstgeschichte in Echtzeit« verlangt eine Auseinandersetzung mit fachlichen Legitimationsstrategien: Warum sind das Fach und seine Gegenstände von Bedeutung in der gesellschaftlichen Selbstverständigung? Warum spielen sie in Bildungskontexten eine Rolle – und zwar weit mehr, als dies gegenwärtig an Schulen in Deutschland eingelöst wird?4 Zum Kanon kunsthistorischer Lehre – sei es an Universitäten, sei es an Schulen – gehören, so lässt sich mit gutem Grund fordern, die kulturellen Menschenrechte.5 Ein Museum wie die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Schüler/innen zu erschließen, die und deren Eltern nicht zu den »klassischen« Museumsbesuchern gehören, ist vor der Folie verbindlicher Teilhabe-Konventionen nicht verhandelbar: Es ist schlicht Teil des öffentlichen Bildungsauftrags. Zur Debatte steht das Wie.

Im März 2015 hat sich Wolfgang Ullrich in der »Zeit« mit einem polemischen Artikel »Stoppt die Banalisierung« zu Wort gemeldet.6 Schon 2010 hatte Holger Noltze für Musik und Musikvermittlung die »Leichtigkeitslüge« angeprangert und die zugespitzte Formulierung von den »furchtbaren Vermittlern« geprägt.7 Eindringlich appelliert Noltze einerseits für die Eröffnung von Teilhabe, um das kulturelle Überlieferungsgewebe nicht reißen zu lassen, und andererseits gegen Simplifizierungen, die den Werken, die vermittelt werden sollen, nicht gerecht zu werden vermögen und daher eher den Zugang verstellen. Wolfgang Ullrich leistet nun die dringend ausstehende Übertragung in den Bereich der Kunstvermittlung, die er in weiten Bereichen ihrer Praxis als missionarische Fortschreibung einer kunstreligiösen Haltung bewertet: »Niemand, wirklich niemand soll von der Beschäftigung mit Kunst ausgeschlossen werden. Das aber erinnert an die Tradition christlicher Missionskultur. Wie es in ihr darum ging, jedem Menschen, egal, wo und wie sozialisiert, die Chance zu geben, Gottes Wort kennenzulernen, will man heute ausnahmslos alle mit Kunst erreichen. Und wie der erfolgreich Missionierte ewiger Verdammnis entgehen kann, glaubt man auch im Fall der Kunst daran, dass durch ihre Vermittlung viel Gutes passiert [...].«8 Ullrich unterstreicht seine Ausführungen mit Forschungsergebnissen zur paradoxen Wirkung solcherart Kunstvermittlung: »So weist die Kunstsoziologin Kathrin Hohmaier in einer jüngst publizierten Studie nach, was man bereits befürchten musste, nämlich dass Kunstvermittlung sogar negative Auswirkungen zeitigen kann. Im untersuchten Fall ging es darum, Jugendlichen ohne abgeschlossene Berufsausbildung und ohne Erfahrung mit Museen einen Zugang zu moderner Kunst zu bahnen. Allerdings entwickelten sie während des Vermittlungsprogramms ›ein hochgradig präsentes Gefühl der sozialen Exklusion im musealen Raum‹ – und schließlich fanden sie moderne Kunst noch sinnloser als zuvor, es wuchsen ›ihre Vorurteile ihr gegenüber‹. Hohmaier vermutet, dass die Kunstvermittler sich ihrer Zielgruppe zu sehr anpassten: Statt den Jugendlichen Wissen oder Interpretationen zu den Werken zu bieten, beschränkten sie sich darauf, sie, ausgehend von Exponaten, selbst malen zu lassen. Damit aber wurde ihnen ›ihre eigene Bildungsferne […] noch stärker ins Bewusstsein gerufen‹.«9 Man wird Ullrich in seiner Kritik an einer Kunstvermittlung, die nicht auf Aufklärung, sondern auf trivialisierte »Läuterung« durch Kunst setzt, nur zustimmen können – und ergänzen müssen, dass seine Vorwürfe auch zahlreiche Positionen von Kunstpädagogik und Kultureller Bildung treffen.10 Nicht folgen kann man Ullrich aber – so eine an kulturellen Menschenrechten orientierte Gegenrede –, wenn er fortfährt: »Kunstvermittlung konnte sich auch deshalb widerstandslos durchsetzen, weil kein Museumsdirektor in den Verdacht geraten will, minderheitenfeindlich zu sein. Dabei ist dieser Verdacht alles andere als gerechtfertigt. Übertragen auf andere Bereiche hieße das, auch dann Diskriminierung zu unterstellen, wenn jemand meint, Senioren brauchten sich nicht mit Musik von Jugendlichen zu beschäftigen oder für Leute ohne Schulabschluss sei höhere Mathematik zu schwierig. Tatsächlich wird sonst überall akzeptiert, dass manchen die Voraussetzungen für bestimmte Gebiete fehlen. Warum sollte das nur im Fall der Kunst anders sein? [...] [Es] sollte endlich auch für die Kunstvermittlung eine Diskussion darüber beginnen, wie weit man mit dem Anwerben von Zielgruppen gehen kann.«11 Hier wird der Versuch erst gar nicht unternommen, eine Kunstvermittlung zu entwickeln, die den Ansprüchen von Aufklärung, der Verwirklichung kultureller Menschenrechte und den Forderungen nach Bildungsgerechtigkeit genügen kann. Damit aber läuft eine solche Position Gefahr, das zu betreiben, was Soziologen die Selbstexklusion der Eliten nennen.