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Dennoch kann ein Wendepunkt im Leben sein. Dennoch kann auch Auflehnung und Ratlosigkeit bedeuten, aber ebenso Aufbruch und Richtungswechsel. Von diesen Erfahrungen berichten die Autorinnen und Autoren in diesem Buch. Gerade durch das Dennoch ist bei ihnen eine tiefe Beziehung zu Gott gewachsen. Mitten in der eigenen Hilflosigkeit gibt ihnen das Vertrauen in Gottes Hilfe dennoch Kraft. Es sind meist Grenzerfahrungen und doch eröffnen sie neue Horizonte und verändern die Sichtweise. Birgit Ortmüller hat 52 neue Texte gesammelt, die von diesem Dennoch-Glauben erzählen. So unterschiedlich die Autor:innen dieses lebensnahen Geschichten- und Andachtsbuchs sind, so vielfältig sind auch ihre persönlichen Gedanken und Geschichten. Sie machen Mut, in den großen wie kleinen Widrigkeiten des Lebens sich voll Vertrauen an Gott zu wenden und Hoffnung zu wagen. Dennoch! Ein wunderbares Buch, um Ermutigung zu verschenken oder sich selbst in den zahlreichen Erlebnissen wiederzufinden. Mit Beiträgen von: Ingrid Kretz, Bettina Wendland, Dr. Debora Sommer, Josef Müller, Arne Kopfermann, Ruth Pfennighaus u.v.m.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Birgit Ortmüller (Hg.) • Dennoch voll Vertrauen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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© 2024 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen Vluyn
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Kristina Dittert, FreiSinn Grafik
Coverfoto: © Shutterstock/Kate Macate
Lektorat: Sarah Siebentritt
DTP: Burkhard Lieverkus
Verwendete Schriften: Scala Pro, Scala Sans Pro
eBook: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln, www.ppp.eu
ISBN 978-3-7615-6986-3 Print
ISBN 978-3-7615-6987-0 E-Book
www.neukirchener-verlage.de
Vorwort
Dennoch – dieses kleine Wort hat für mich eine große Bedeutung bekommen. Ein Holzaufsteller aus der Wohnung meiner Großeltern trägt die Aufschrift Dennoch. Er brachte mich auf die Idee, Dennoch-Geschichten zu sammeln: Geschichten aus dem Leben, die von einem Dennoch handeln, die ermutigen und Hoffnung machen.
Es ist nicht immer leicht, ein Dennoch auszusprechen. Manches, was wir erleben, bringt uns an die Grenzen menschlicher Vernunft und hinterlässt nicht selten Verzweiflung, Unverständnis und Hoffnungslosigkeit. Vor so manchem Dennoch in meinem Leben wäre ich am liebsten geflohen. Doch ich habe gespürt, dass Aufgeben keine Option ist. Ich kann vor Gott und seiner Liebe nicht fliehen. Er ist immer und zu allen Zeiten des Lebens gegenwärtig. Alle offenen Fragen dürfen wir an ihn weitergeben. Gott kennt uns, möchte uns durch alle unsere Dennochs begleiten und schenkt uns – wenn auch nicht immer sofort – neue Perspektiven.
Seit Dennoch ist Hoffnung, das erste Buch mit Dennoch-Geschichten, erschienen ist, habe ich eine Menge Zuspruch erhalten und mir wurde viel Dankbarkeit entgegengebracht. So hat Gott mich immer wieder ermuntert, weiter Dennoch-Texte zu sammeln. Ich durfte neue Kontakte knüpfen und so sind wieder 52 hoffnungsvolle Geschichten zusammengekommen.
Sie erzählen authentisch und ehrlich von den verschiedensten Dennochs und sollen für andere zum Hoffnungsträger werden. Dieses Buch möchte Mut machen, unserem Gott zu vertrauen und an ihm dran zu bleiben, selbst dann, wenn alles verloren erscheint. Denn er bleibt auch an uns und hält uns fest. Dennoch!
Birgit Ortmüller
Priscilla Bilger
1 Dennoch freue ich mich
Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke« (Nehemia 8,10). Das ist mein Konfirmationsspruch. Ich habe ihn in seiner ganzen Tiefe erfahren. Er sagt mehr aus, als: Mach dir keine Sorgen. Sondern: Wenn du Sorgen und Nöte hast, freue dich dennoch am Herrn, dadurch wirstdu stark und erhältst die Kraft, deinen Lebensweg zu bejahen.
Was ist eine perfekte Kindheit? Beinhaltet sie ein behütetes Zuhause, keine familiären oder finanziellen Probleme und einfach Gesundheit? Meine Kindheit war in diesem Sinne nicht perfekt, sie war besonders. Im Guten wie im Schlechten.
Die gute Seite ist: Ich bin am Rande des Schwarzwaldes aufgewachsen, auf einem Bauernhof mit drei älteren Geschwistern und mit Eltern, die uns eine behütete Kindheit ermöglicht haben.
Die andere Seite war schwer und sehr herausfordernd für mich und meine Familie: Ich war epilepsiekrank. Die Krankheit dauerte sieben Jahre. Anfangs waren es nur kleine Anfälle. Ich habe sie im ersten Jahr, als ich noch keine Diagnose hatte, als Aussetzer beschrieben.
Als ich den zweiten großen Anfall hatte, wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte führten ein paar Tests mit mir durch und diagnostizierten mir Epilepsie.
Bei einem Anfall war es, als ob ich in meinem eigenen Körper gefangen wäre. Ich konnte mich in diesen Momenten nicht bewegen und daher konnte ich auch nicht mehr angemessen reagieren. Dies hatte zur Folge, dass ich bei normalen Aktivitäten – wie mit anderen Kindern alleine spielen oder Fahrrad fahren – nicht mehr mitmachen konnte. Da es mir nicht mehr möglich war, mich auf meinen Körper zu verlassen, habe ich zusätzlich Angstzustände entwickelt.
Die Krankheit wurde immer schlimmer. Es gab zwar auch Zeiten, in denen ich nur einen Anfall pro Woche hatte, aber in den letzten beiden Krankheitsjahren bekam ich mehrere Anfälle an einem Tag. Sie wurden immer länger und heftiger. Und es gab keine Medikamente, die mir geholfen hätten. Täglich hatte ich mit Kopfschmerzen zu kämpfen.
Trotzdem habe ich als Kind nie den Glauben verloren. Meine ganze Familie hat mit mir und für mich gebetet. Uns als Familie war immer klar, dass wir kein Anrecht auf ein Leben ohne Krankheiten und ohne Schwierigkeiten haben. Gesundheit ist ein Geschenk Gottes – und nicht das Wichtigste im Leben, wie es das Sprichwort sagt. Leben mit einer Krankheit ist dennoch lebenswert, wenn wir uns von Gott geschaffen und geliebt wissen.
Als ich zwölf Jahre alt war, fanden die Ärzte heraus, welcher Gehirnteil erkrankt war. Sie rieten mir zu einer Gehirnoperation, denn sie waren der Meinung, dass ich andernfalls die Schule nicht abschließen und kein lebenswertes Leben führen könne. Gemeinsam mit meiner Familie habe ich entschieden, mich operieren zu lassen.
Im April 2016 war dann der Tag der Operation gekommen. Morgens holten mich die Ärzte aus meinem Zimmer ab. Kurz vorher hatte ich meinem Vater eine Nachricht nach Hause geschrieben: Die Ärzte sind da, ich werde jetzt gleich operiert. Jesus ist bei mir. Hab dich lieb, deine Prissi. Von da an hatte ich eine innerliche Ruhe, obwohl ich wusste, dass die Operation sehr riskant war.
Alles verlief ohne Komplikationen. Danach war ich für drei Monate in Reha. Dort habe ich wahre Heilung von Gott durch Menschen erfahren. Langsam wurden nun auch die Medikamente abgesetzt, worüber ich bis heute sehr froh bin.
In den ersten Jahren nach der Operation hatte ich oft Kopfschmerzen. Aber inzwischen bin ich seit sieben Jahren medikamentenfrei und geheilt. Kopfschmerzen habe ich nur noch selten.
Im Rückblick betrachtet war es schwer, das alles durchzustehen. Aber ich habe auch viele wunderbare Momente erlebt. Mir ist klar geworden, dass wir kein Anrecht auf gute Umstände haben, diese sind ein Privileg. Sie sind auch nicht das Ziel. Das Ziel ist, dass wir Gott in jeder Lebenssituation anbeten und ihm die Ehre geben.
Ich bin Gott so dankbar, dass er seine Macht in meinem Leben gezeigt hat, und ich weiß, dass er auch durch alle kommenden Herausforderungen hindurch treu sein wird.
Cord Exner
2 Dennoch – immer wieder
Es traf uns völlig unvermittelt, dafür heftig. In wenigen Worten an uns stellte sich heraus, dass wir als Familie mit vier schulpflichtigen Kindern in Kürze unsere Wohnung und ich meine Arbeit verlieren würden. Die Gründe dafür lagen nicht bei uns. Wir konnten sie auch nicht beeinflussen. Und auch sonst niemand. Da hatten Menschen ohne uns Entschlüsse gefasst, die zu unseren Lasten gingen. Wir begriffen: Ein Umbruch hatte eben begonnen. Ein Umzug stand an. Ein Neuanfang würde nötig sein. Wie sollte das gehen? Und vor allem: Wohin?
»Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht«, so hatten wir es schon oft gesungen. So wollten wir es nun auch glauben. In aller Erschütterung, die wir durchlebten. Mit den unbeantwortbaren Warum-Fragen, trotz aller lähmenden Ungewissheit und mitten im Weiter-So des Alltags, der ja auch bewältigt werden musste. Durch jede und jeden von uns. Und tatsächlich tat sich fast ohne unser Zutun eine Möglichkeit auf. Ein Ort kam in Sicht, den wir uns als neue Bleibe vorstellen konnten. Ein Lebensrahmen, den wir meinten, ausfüllen zu können. Eine Tätigkeit, die sich als chancenreich und lohnend erweisen sollte.
»... der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann«, konnten wir nun weiterhin singen. Etwas beschwerter zwar, aber dennoch erleichtert. Etwas tiefgängiger, aber dennoch mutig. Und so ließen sich innerhalb weniger Monate viele Abschiede gestalten, ein Arbeitsplatz besenrein hinterlassen, ein neues Domizil beziehen, vier Schulgelegenheiten im anderen Bundesland finden... Tatsächlich hatte er, Gott, der sich in Christus anrufen lässt, Wege aufgetan und Mittel bereitgestellt. Tatsächlich hatte er die Dinge gefügt, wie die Alten sagen. Dennoch.
Es traf uns dann nicht ganz unerwartet, aber doch heftig. Nach wenigen Jahren und vielen Worten stellte sich heraus, dass wir nach nicht allzu langer Zeit erneut Arbeit und Wohnung, Schulen und andere Bezüge aufgeben würden, um einen neuen Platz zu suchen. Es gab Gründe dafür. Auf allen Seiten. Ein Neuanfang wurde nötig. Ein Umzug stand an. Wie sollte das gehen? Und vor allem: Hatte nicht Gott alles vorbereitet gehabt? Hatte er nicht alles in Bahnen gelenkt? Wie konnte dann nicht alles gut gehen? Hatten wir nicht genug geglaubt? Hatten wir versagt? Und wenn ja, gibt es ein weiteres Dennoch?
Und tatsächlich tat sich fast ohne unser Zutun wiederum eine Möglichkeit auf. Ein Ort kam in Sicht, den wir uns als neue Bleibe vorstellen konnten. Ein Lebensrahmen, den wir meinten, ausfüllen zu können. Eine Tätigkeit, die sich als chancenreich und lohnend erweisen sollte.
Und auch das war nicht das letzte Dennoch in unserem Leben. Bei Weitem nicht. Wir haben uns nicht danach gesehnt, denn es ist manchmal ein mühevoller Weg, bis ein Dennoch tatsächlich ausgesprochen und geglaubt wird.
Aber es sieht so aus, als ob das Dennoch uns geradezu verfolgt. Oder anders gesagt: Es ist Gott, der uns dennoch verfolgt. Um es mit Psalm 23,6 zu sagen: »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.« Es ist Gott, der uns zu seiner Zeit »mit großen Gnaden« immer wieder »die Sonn der schönsten Freud’« erblicken lässt. Und die Dinge zum Guten führt.
Weg hast du allerwegen,an Mitteln fehlt dir’s nicht;dein Tun ist lauter Segen,dein Gang ist lauter Licht.Dein Werk kann niemand hindern,dein Arbeit darf nicht ruhn,wenn du, was deinen Kindernersprießlich ist, willst tun.
Hoff, o du arme Seele,hoff und sei unverzagt!Gott wird dich aus der Höhle,da dich der Kummer plagt,mit großen Gnaden rücken;erwarte nur die Zeit,so wirst du schon erblickendie Sonn der schönsten Freud.
Paul Gerhardt
Birgit Götz
3 Dennoch von Gott gehalten
Vor fünf Jahren ist mein Mann ganz plötzlich gestorben. Sein Tod hat nicht nur ihn aus dem Leben gerissen, sondern auch mich aus der Bahn geworfen. Ich war total überrumpelt, sein Tod machte für mich überhaupt keinen Sinn und ich war ein einziges Fragezeichen.
Als dieses Fragezeichen war ich ungefähr ein halbes Jahr später bei uns im kleinen Dorfladen einkaufen. An der Kasse stand vor mir eine Oma. In der einen Hand hatte sie einen großen Geldbeutel, mit der anderen hielt sie die Hand ihrer kleinen, etwa vierjährigen Enkelin fest. Auf der Höhe des Mädchens waren schöne Bonbonschachteln in allen Farben aufgereiht. Das Mädchen betrachtete sie lange, zeigte dann auf die erste Schachtel und fragte: »Oma, darf ich das?«»Nein.«»Darf ich dann das?«»Nein.«»Das?«»Nein.« Und so ging sie die ganze Reihe an Sachen ab, die dieses Regal zu bieten hatte. Und jedes Mal antwortete die Oma: »Nein.« Nachdem sie alles erbeten hatte, stellte das Mädchen die schlaue Frage: »Aber warum denn nicht? Du hast doch so viel Geld!«
In diesem Moment erkannte ich mich in dem kleinen Mädchen wieder, das den großen Gott nach so vielen Herzenswünschen fragt, aber ein Nein bekommt. Warum denn nicht, Gott? Du hast doch alle Macht der Welt in deinen Händen!
In dieser Szene ist mir so bewusst geworden, wie groß der Unterschied zwischen Gott und mir ist. Riesig! So wie man dem Mädchen nicht erklären kann, warum es die Bonbons nicht bekommt, weil sie die Erwachsenenpädagogik einfach noch nicht verstehen kann, so kann ich nicht verstehen, warum Gott manche Dinge tut oder zulässt, die ich so gern ganz anders hätte.
Mir wurde klar, dass Gott wirklich groß ist und ich mit meinem Menschenhirn in diesem Leben keine verständliche Antwort auf meine Fragen erhalten werde. Warum handelt Gott so? Weil es sein Plan ist, weil er noch etwas Besseres vorhat, weil ich es nicht anders verdient habe, weil ich undankbar bin über alles, was er mir doch schon geschenkt hat … Alle Erklärungen, die wir uns und anderen geben, sind nur unmögliche Versuche, den großen Gott in unseren kleinen Verstand zu bekommen. Niemand weiß es!
Dennoch glaube ich an Gott, weil ich in dieser Situation begriffen habe, dass Gott wirklich so viel größer ist als ich. Er hat alle Macht in seinen Händen. Gott ist souverän und mir keine Erklärung schuldig.
Die Situation mit der Oma und ihrem Enkelkind hat mich auch deshalb so berührt, weil ich etwas beobachtet habe. Während das Mädchen seine Forderungen stellte, hielten die beiden sich die ganze Zeit an der Hand. Und auch als die Oma Nein gesagt hat, haben sie die Hände nicht losgelassen. Gemeinsam haben sie den Laden verlassen, ohne Bonbons.
Wenn davon die Rede ist, dass wir Kinder Gottes sind, dann stelle ich mir das genau so vor. Manchmal sind wir voller Wut und schmeißen uns auf den Boden wie ein Kind. Manchmal zweifeln wir an Gott und seiner Liebe zu uns. Manchmal haben wir keine Kraft mehr, die Hand Gottes von uns aus festzuhalten. Manchmal drehen wir uns um und gehen zu einem anderen Supermarktregal. Manchmal spüren wir seine Liebe, manchmal nicht. Aber wenn schon eine Oma niemals ohne ihr Enkelkind nach Hause gehen würde, wie viel weniger würde Gott von uns weggehen! Gar nicht!
Gott wird unsere Hand halten. Und wenn wir sie ihm wütend, zweifelnd, verzweifelt entreißen, wird er trotzdem dastehen und auf uns warten. Er wird nicht ohne uns gehen.
Trotz aller unerfüllter Wünsche, trotz meiner Fragen und meinem Unverständnis will auch ich an Gott festhalten. Weil er mich liebt, egal, wie viel oder wenig ich an ihn glauben kann.
Ein frohes und dankbares Lied fällt uns nicht immer leicht.In unser Danken bricht oft die Klage,in unsere Freude die Sorge.Wir bitten dich, dass wir trotz allem,was unser Leben verdunkelt,deine Liebe wahrnehmen und deine Treue spüren.
Stephan Goldschmidt
Samuel Garthe
4 Dennoch tiefer Frieden
Ein junger Teenager sitzt tief erschüttert weinend vor seinem Bett. Nein, er sitzt nicht, er kniet – damit er sich auf die Matratze fallen lassen kann, die Tränen in sie hinein heulen und gelegentlich, aus Verzweiflung an seiner Situation, auch auf die Matratze einschlagen kann. Es geht ihm nicht gut. Er ist innerlich am Ende.
Seit Monaten, wenn nicht sogar schon seit Jahren, ist er Außenseiter in der Schule. Seit dem Umzug seiner Familie aus dem Ausland zurück nach Deutschland. Bei den Jungs findet er keinen Anschluss, weil er all die Fußballer und anderen Stars, über die geredet wird, einfach nicht kennt. Bei den Mädels läuft es auch nicht wirklich besser. Die finden es komisch, wenn er in ihrem Mädelskreis auf dem Schulhof mit dabei steht. Und wenn dann doch mal ein Thema dabei ist, zu dem er was beitragen könnte, kommt oft nur der Kommentar, er solle sich nicht einmischen. Tag für Tag, Woche um Woche fühlt er sich in der Schule allein. Ein sehr wichtiger Punkt zum Aufatmen ist da die christliche Jugendgruppe einmal die Woche. Es ist einer der wenigen Orte, an denen er sich wirklich angenommen fühlt und nicht wie sonst ständig das Gefühl hat, irgendwie falsch zu sein – eigentlich anders sein zu müssen, um angenommen zu werden. Aber das sind nur ein paar wenige Stunden in der Woche. Nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein. Die anderen Christen in der Schule, es muss welche geben, hat er die gesamte Schulzeit über nicht ausfindig machen können. Alle seine Versuche sind ins Leere gelaufen. Niemand gibt sich zu erkennen. Er ist allein.
So kann das nicht weitergehen. Er will nicht mehr in die Schule. Er will so nicht mehr weiterleben. Er ist verzweifelt. – Nicht, dass er sich wirklich etwas antun würde. Dafür ist er zu sehr davon überzeugt, dass Gott irgendwie doch noch einen guten Plan für sein Leben hat. Nur gerade sieht er ihn nicht.
Tief verzweifelt, frustriert, enttäuscht und ohne Hoffnung auf eine Verbesserung kniet er dort, vor seinem Bett und knallt Gott alles hin. All seine Gefühle, all seine Verzweiflung, all seine Wut. Ein junger Teenager, tief erschüttert weinend vor seinem Bett.
Und dann, plötzlich, spürt er tief in seinem Herzen eine Veränderung. Ein unerklärliches Gefühl von Gehalten-Sein. Ein Realisieren: »Gott hält mich. Auch jetzt gerade – trotzdem. Dennoch!« Und dann die tiefe Erkenntnis: »Ich bin nicht allein!« Ein unglaublich tiefes Gefühl von Geborgenheit, wie von einer liebevollen Umarmung oder wie das Gefühl, sich in eine flauschige Decke einzukuscheln …
Ein junger Teenager kniet tief erschüttert, weinend vor seinem Bett. Aber seine Tränen haben sich auf einmal in Freudentränen verwandelt und seine Erschütterung kommt aus einem tiefen Schluchzen vor Freude über Gottes Gegenwart. Eine tiefe Freude darüber, dass Gott spürbar bei ihm ist. Gefolgt von einem angesichts der Lage scheinbar total unvernünftigen Frieden. – Einem tiefen Frieden, weil er jetzt tief im Inneren weiß und überzeugt ist, dass er nicht allein ist mit seinen Herausforderungen und dass Gott ihn hält.
Dieser Teenager war ich. Und diese Begegnung mit Gott prägt mich bis heute. Ich habe immer wieder Gottes Frieden in ähnlicher Weise erlebt. Aber selten war der Frieden so intensiv wie damals, in meiner »existenziellen« Not als ausgegrenzter, einsamer Teenager. Der Frieden, den ich in dieser Situation dennoch – entgegen aller Vernunft – erleben durfte, übersteigt mein Denken absolut. Doch gerade dieser unvernünftige Frieden hat mir wieder und wieder gezeigt, dass Gott real, erlebbar und treu ist. Und, dass auf das, was er in der Bibel sagt, Verlass ist: »Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus«(Philipper 4,7).
Sonja Mann
5 Dennoch brauchen manche Wunder Zeit
Mein Sohn und ich liegen in der Nestschaukel in unserem Garten und schauen in den blauen, fast wolkenlosen Himmel. Er kuschelt sich eng an mich und piepst mit seiner engelhaften Stimme: »Mama!« Ich schmelze dahin und drücke ihn mit einer kleinen Träne im Auge noch mehr an mich. Ich bin glücklich und Gott überaus dankbar für dieses Geschenk. Vor fünf Jahren sah alles noch ganz anders aus.
Mein Mann und ich saßen in einem sehr vollen Wartezimmer. Wir beide waren ziemlich aufgeregt und angespannt und wussten nicht, was da auf uns zukam. Dann wurden wir aufgerufen und rutschten auf unseren Stühlen hin und her. »Nun erzählen Sie mal, warum sind Sie hier?«, hörte ich den sehr netten Arzt sagen, der uns mit seinen freundlichen Augen anschaute und lächelte.
Dann begann ich zu erzählen: »Mein Mann und ich versuchen nun seit Jahren ein Kind zu bekommen. Laut den Voruntersuchungen bei mir und meinem Mann sollte es aber gehen.« In meiner Stimme lag ein Zittern und ich erinnerte mich an die zurückliegenden zweieinhalb Jahre.
Als sich der ersehnte Erfolg nach einiger Zeit nicht einstellte, wurde das Ganze von meiner Seite immer verkrampfter. Jeden Monat zählte ich genau die fruchtbaren Tage. Nachts lag ich weinend im Bett und betete verzweifelt, das Gott uns doch ein Kind schenken würde. Es tat sich nichts. Stattdessen wurden um uns herum alle Freunde schwanger. Mit jedem Monat, den es bei uns länger dauerte, wurden diese Tatsachen für mich schlimmer. Ich fühlte mich von Gott hintergangen und im Stich gelassen. Was hatte Gott nur für einen Humor?! Ich wünschte mir sehnlichst ein Kind und betete dafür jeden Tag und jede Nacht. In der Bibel las ich folgenden Vers: »Der unfruchtbaren Frau schenkt er Kinder, damit sie eine glückliche Mutter wird« (Psalm 113,9). Warum schenkte Gott mir kein Kind?
Jede Nachricht einer Freundin, eines Bekannten oder noch schlimmer Verwandten von deren Schwangerschaft riss mir den Boden unter den Füßen weg. Häufig schloss ich mich in unser Badezimmer ein und brach weinend zusammen. Meine Zuversicht, dass Gott es gut mit uns meinte, schwand immer mehr, genauso auch mein Vertrauen in Gott. Zudem erhielten wir noch die schöne Nachricht, dass meine Schwägerin ein Kind erwartete. Diese Botschaft ließ das Fass überlaufen. Was sollte das? Was bist du nur für ein Gott, der mich so quält und leiden lässt? Das waren meine Gedanken und meine Beziehung zu Gott wurde immer schwieriger. Das Beten im Gottesdienst und zu Hause sowie das Bibellesen fielen mir deutlich schwerer.
Mein Mann und ich beschlossen nun, uns medizinische Hilfe zu holen, und gingen in eine Kinderwunschklinik. Keine leichte Entscheidung, aber ein notwendiger Schritt. Doch auch nach vier Monaten Behandlung wollte der ersehnte Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Nach jeder Behandlung hoffte ich auf ein Wunder und wurde doch enttäuscht. Ich trauerte jeden Monat um ein Kind, das eigentlich noch nicht existierte.
Nach einer Durchspülung meiner Eileiter versuchten wir noch zwei weitere Samenübertragungen, doch auch diese wa
