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Das literarische und essayistische Œuvre des Schriftstellers, Intellektuellen und Diplomaten Jiří Gruša (1938-2011) lässt sich dezidiert als ein Werk von europäischem Format beschreiben. Dies gilt in einem doppelten Sinn: im Hinblick auf seine ästhetische Qualität wie auch hinsichtlich seiner zukunftsweisenden transnationalen Diktion und Dimension. Das Werk des 1938 in Pardubice geborenen, 1981 ausgebürgerten und 2011 in Deutschland verstorbenen Autors umfasst ein heterogenes Werk, das in zwei Sprachen - Deutsch und Tschechisch - verfasst ist und das mehrere Kontexte aufweist: einen tschechischen, einen deutschen, einen österreichischen und einen europäischen. Die kritische Sichtung vieler unpublizierter Texte sowie die lektorierte Neuausgabe seiner Romane und seiner Lyrik bilden das Zentrum der Klagenfurter Werkausgabe, die Sabine Gruša zusammen mit einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Tschechien, Österreich und Deutschland unter Leitung von Hans Dieter Zimmermann und Dalibor Dobiaš initiiert hat. Dabei geht es nicht nur um die unbestreitbare Tatsache, dass seine Romane, Gedichte, Vorträge und Aufsätze Teil eines gemeinsamen europäischen Gedächtnisses vor und nach der Wende von 1989 sind, und auch nicht nur um die Sicherung eines hervorragenden literarischen Werkes, sondern um die maßgeblichen Impulse, die von Grušas wegweisendem transnationalen und nationalitätskritischen Denken ausgehen und die mit einem bestimmten Habitus verbunden verbunden sind, den man als "europäisch" bezeichnen kann.
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Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2014
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GRUŠA • WERKAUSGABE BAND 5
JIŘÍ GRUŠAWERKAUSGABEDEUTSCHSPRACHIGE AUSGABEHERAUSGEGEBEN VON HANS DIETER ZIMMERMANNUND DALIBOR DOBIÁŠGESAMMELTE WERKE IN 10 BÄNDEN
Jiří Gruša
Roman
Aus dem TschechischenvonMarianne Pasetti-Swobodamit einem Vorwort von Erhard Busekund einem Nachwort von Dalibor Dobiáš
Die Herausgabe dieses Buches erfolgtemit freundlicher Unterstützung folgender Institutionen:
Der Verlag bedankt sich überdies sehr herzlichfür die Übernahme der Patenschaft durchFrau Dr. Annemarie S. Reynoldsund freut sich mit ihr auf viele Leserinnen und Leser.
Wieser Verlag GmbH
A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12Tel. + 43(0)463 37036, Fax. + 43(0)463 [email protected]
Copyright © dieser Ausgabe 2015 bei Wieser Verlag GmbH,Klagenfurt/CelovecAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Josef G. PichlerISBN 978-3-99047-015-2
Vorwort:Zeitzeuge Jiří Gruša
I. Granit 01
II. Anadyomene
III. Die Festung in der Wüste
IV. Largior
V. Die Pforte
VI. Libosad 01
VII. Der Warran
VIII. Take it easy 01
IX. Der Baum der Republik
X. Die Braut
XI. Ornithoptera
XII. Chochlakov
XIII. Sprachkenntnisse
XIV. Libosad 02
XV. Die Nacht im Hundezwinger
XVI. Dort im Wildpark liegt er
XVII. Wolkenschloss
XVIII. Take it easy 02
XIX. Granit 02
Nachwort
Kommentar
Editorische Bemerkung
Das Wort Zeitzeuge wird heute leichthin vergeben, wobei man dabei aufzeigen will, dass einer aus seiner konkreten Erfahrung etwas über eine Person oder ein Ereignis erzählen kann. Dass Jiří Gruša das konnte, braucht nicht besonders betont zu werden. Das Interesse aber gerade für uns und heute muss darin bestehen, dieses Leben im Bogen über die Ereignisse vor und während des Zweiten Weltkrieges bis hin zur Teilung Europas in Ost und West, zum kommunistischen System und den ungeheuren persönlichen Folgen wie Landesverweisung, Verlust der Staatsbürgerschaft etc. aufzuzeigen. Dann aber ist es auch der Weg zurück in die Heimat, vor allem aber auch die Auseinandersetzung mit den Dingen, die politisch geschehen sind und die dazu führten, dass eigentlich Jiří mit der Zeit ein Bürger in zwei Sprachen wurde. Jiří wurde ein Diplomat, tätig in Wien und Bonn, ein Politiker für Bildung in einer tschechischen Regierung, vor allem aber in einem Netzwerk von Menschen, die sich um Freiheit und Demokratie bemüht haben und dafür unsägliche Opfer erbrachten. Damit wird ein ungeheurer Lernvorgang vermittelt, nicht nur durch die Berichterstattung, sondern auch in der Art des Umgangs damit. Jiří Gruša ist ausgewiesener Mitteleuropäer, nicht nur von der Geografie und dem historischen Hintergrund her, sondern auch mit der Art, mit dem, was er erlebt hat, umzugehen. Es gibt ein berühmtes Wort über den Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern, dass unsere Freunde immer sagen: »Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos!«, während es den Österreichern zu eigen ist, zu meinen: »Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst!« Das ist eigentlich ein mitteleuropäisches Diktum, dem Jiří in seinen Werken sehr eng verhaftet ist. Hier geht es aber nicht um den Genuss des ironischen Umgangs mit diversen Wahrheiten, sondern eigentlich um die Art und Weise, Dinge darzustellen, näherzubringen und im Hintergrund auszuleuchten. Seine Werke sind eine Art »Laterna magica«, wo nicht nur ein Bild gezeigt, sondern auch die Schatten entworfen werden und dadurch eine beachtliche Tiefendimension entsteht.
Als Wiener und Österreicher möchte ich an dieser Stelle Jiří Gruša ein herzliches Dankeschön sagen. Er hat diese auf so enge Weise mit Böhmen und Mähren verbundene Stadt durch seine Präsenz ausgezeichnet, er hat sie verstanden, manchmal besser als wir Wiener. Er hat auch dazu beigetragen, die Gemeinsamkeit des Raumes darzustellen, nicht als Nostalgiker einer Habsburgmonarchie, sondern als Darsteller einer tiefen kulturellen Gemeinsamkeit, die wir einmal mehr in Europa brauchen.
Es ist zu empfehlen, seine Werke nicht nur zu lesen, sondern auch darüber in einem tieferen Sinn zu meditieren – als eine Berichterstattung über historische Erfahrung in menschlichen Dimensionen. Das aber braucht nicht nur das Urteil über die vergangene Zeit, sondern auch die Zukunft des Kontinents, der immer wieder in sich gefährdet ist und bislang die Kraft gehabt hat, doch immer wieder zu entstehen. Mitteleuropa ist auch ein eigener Kontinent, dem Jiří Gruša auf das Tiefste verhaftet ist!
Dr. Erhard Busek
Diejenigen, die einander lieben,können Dritten vergeben.(Plutarch)
Sultan: Aber ich frage dich,woher du kommst und wohin du gehst.Ich spreche mit dir Türkisch.Kašpar: Und ich sage es Ihnen auf Tschechisch.Woher ich komme: Das liegt hinter mir.Und wohin ich gehe: Das liegt vor mir.(Matěj Kopecký)
Am 19. September 197… suchte ich in der Stadt Prag, d. h. hier und nicht etwa in Chlumec, die Fa. GRANIT auf, bereits den sechzehnten Betrieb während der letzten zwei Jahre, und erhielt von Gen. (= Genosse oder Bundesgenosse, im Bund mit anderen Genossen) Pavlenda im zweiten Stock, Zimmer 102, meinen sechzehnten Fragebogen.
Im Unterschied zu den vorherigen Fragebögen stand hier, rechts oben, mit Tintenstift und höchstwahrscheinlich von der Hand des Gen. Pavlenda, in Blockschrift: NICHT DURCHSTREICHEN, d. h. eine vielsagende Mitteilung, denn auf den früheren Exemplaren war so etwas nicht vorgekommen. Ich hielt diese Tatsache für so wichtig, dass ich mich sogleich entschloss, den Fragebogen noch einmal auszufüllen, obgleich mich zuvor, als ich ihn von Gen. Pavlenda entgegennahm, ja, als ich ihn nur in seiner Hand erblickte, alle Hoffnung verließ.
Nun aber stand hier eine direkte Botschaft. Keiner der Gen., mit denen ich zuvor in Verhandlungen getreten war, hatte die Notwendigkeit verspürt, die schroffen Fragen zu glossieren oder gar die Art und Weise vorzuschreiben, wie ich mein x-x-x zu machen hätte. Ihnen genügte es, dass ich den Fragebogen abgab. Im Gegenzug schickten sie mir gewöhnlich nach drei Wochen eine kurze Benachrichtigung, dass meine Bewerbung abgelehnt sei.
Ich hatte jedoch in allen früheren Fragebögen einiges durchgestrichen, z. B. in der Rubrik 19, öffentliche Funktionen, den/die Laienrichter(in) ausgeixt, der/die ich niemals gewesen war, denn ich neigte nicht im Geringsten zu einer solchen Mission. Auch Rubrik 27, Namen von Personen im Ausland, hatte ich gestrichen und natürlich etliche weitere Spalten, jedoch immer solche, die entweder die Zeit vor meiner Geburt oder die Zeit meiner Kindheit betrafen, da ich schon aus physischen Gründen an manchen Aktionen gar nicht teilgenommen haben konnte. Dennoch hatte ich mich dem Ausfüllen jedes Mal mit reinem Gewissen unterzogen und stets wahrheitsgemäß erklärt, nichts verheimlicht zu haben, und dies am Schluss vorschriftsgemäß mit eigenhändiger Unterschrift bescheinigt.
Das hier war jedoch eine Aufforderung.
Die blaugrünen Augen dieses Pavlenda, und auch wie er sich bückte, um sich den Stuhl unter den Hintern zu schieben, wie er sich dann zu mir vorneigte, der ich saß (nur einmal hatte man mich aufgefordert, mich zu setzen), und wie er mir dieses Papier Nr. 01-240-0 aus Stráž bei Pilsen (ich wusste über meinen Fragebogen sogar schon, wo er gedruckt wurde) über das Marmortischchen zuschob, und wie mir fast ins Gesicht geatmet wurde, als der Gen. Pavlenda lächelte …, das war vielversprechend.
Und vom Gang kam eine Frau mit einer Unterschriftenmappe herein, und als sie die Tür aufmachte, flog dieses Papier, das sich schon fast meinem Mittelfinger genähert hatte, hoch, schwebte in der Luft, bis es mit Loopingbewegungen gleitend auf dem Büroteppich landete.
Wir standen auf, ich und Gen. Pavlenda, verneigten uns tief vor der eingetretenen Frau, denn zu ihren Füßen lag der Fragebogen, doch Gen. Pavlenda war schneller als ich, griff früher nach dem Papier. Dabei schob sich seine Krawatte heraus und sein Scheitel verrutschte. Ich betrachtete ihn so entbehördlicht, er war ein rötlich angelaufener Albino, etwa in meinem Alter. Aber bereits Genosse. Auch das war vielversprechend.
Und er lächelte ein zweites Mal.
Ich nahm dieses Lächeln gleichzeitig mit dem Formular entgegen.
Dann brach ich auf, ging neben der Frau mit der Unterschriftenmappe über die granitenen Treppen von GRANIT, um den Traum oder die Vision oder die Vorahnung zu haben – auf meine Art:
Die Frau mit der Mappe – oder besser: nur diese Frau, der ich nicht ins Gesicht gesehen hatte, obgleich ich überhaupt nicht daran zweifelte, dass es die gleiche Person ist, die in das Büro des Gen. Pavlenda hereingekommen war und mir diesen Durchzug beschert hatte, diese Frau wartete an dem ersten Treppenabsatz, wo sie mir sagte, dass ich in den Aufzug einsteigen sollte, obgleich GRANIT nur ein zweistöckiges Rokokopalästchen ist. Dann fuhren wir in die obere Etage und stiegen direkt aus dem Fahrstuhl in eine Apotheke voll mit Fläschchen und Gläsern. Die Arzneien waren mit lateinischen und griechischen Schildern beschriftet und bei aller Kostbarkeit offensichtlich für einen Pappenstiel zu haben, zumindest dieser Frau nach, die sie (immer noch gesichtslos) umfüllte und umschüttete, um schließlich nach einem grünen, phosphoreszierenden Flakon mit einer einfarbigen Flüssigkeit mit der Bezeichnung
zu greifen, doch kaum wollte sie mir davon eingießen, schrie ich auf und bat sie, aufzuhören, weil in jenem Fläschchen auch ich war – als Homunkulus. Die Frau aber goss mir die Lake rücksichtslos weiter ein, bis ich spürte, dass ich ersticken würde wie ein Fisch, dass ich nach Luft schnappe, dass mir völlig die Luft ausgeht.
Ich ging also zu Olin, der mein Vetter ist und, was den Altersunterschied anbelangt, eher mein Onkel sein könnte, und ihn bat ich um Auslegung. Er ist nämlich zugleich mein Traumdeuter und Enträtsler meiner Vorahnungen und überhaupt mein Wahrsager in allen Dingen. Doch diesmal lehnte er ab und empfahl mir spöttisch, ich solle, um besser schlafen zu können, auf dem Kopf stehen lernen. Ich überging das und fragte ihn, ob auch er glaube, dass das vielversprechend sei.
»Ja«, stimmt er mir zu, »du fängst an zu spinnen.«
»Da hast du recht, Olin. Weißt du, was mir eingefallen ist? Dass ich das falsch ausfülle. Etwa das mit dem Laienrichter.«
»Laien… was?«
»Laienrichter«, sage ich, »den habe ich immer ausgeixt. Aber damit habe ich mir Chancen verbaut, verstehst du?«
Ich blicke Olin an, und zu meinem Erstaunen will mir scheinen, dass er diesmal meinen Gedanken nicht folgen kann.
»Sie haben immer daraus entnommen, dass ich kein Laienrichter sein will, dass ich es rundweg ablehne. Warum sollten sie sonst diesen Fragebogen behalten, wenn sie mich niemals nehmen?«
»Weil du kein Anrecht hast«, sagt Olin.
»Auf der anderen Seite«, sagt Olin, »wenn sie ein Exemplar nach dem anderen nehmen und die Bewegung deiner IXEREI nachvollziehen, müssen sie erkennen, dass du dich besserst.«
»So ist dieses Papier tatsächlich eine Botschaft«, sage ich, »damit deutet man mir eigentlich an …«
»Geh schlafen«, sagt Olin, »genug mit dem Blödsinn!«
Ich gehe schlafen, ohne dass mir mein Traum ausgelegt wurde, aber ich gehe betrunken und ganz erschlagen, wie immer, wenn ich mit Olin zusammen bin und er zu trinken und zu singen beginnt … und Träume deutet, vor allem seine eigenen, die völlig anders sind als meine. In seinen Träumen kommt entweder ein Fluss vor oder Licht oder ein Weib, das es in sich hat und das weiß und dabei von Olin Notiz nimmt, und er macht sich’s in ihr schön. In meinen Träumen kommt immer ein Kreis vor (irgendetwas Kreisförmiges), und immer dreht er sich.
Vielleicht hätte ich auch das in dem Fragebogen anführen sollen. Oder zumindest im Lebenslauf. Aber den habe ich den Formularen bisher immer ganz stereotyp beigefügt – als maschinengeschriebene Vervielfältigung – ohne die geringste Änderung. Ich sollte dort über den Traum von dem KREIS schreiben. Wie er sich dreht, und wie mich gesichtslose Frauen begleiten oder solche, deren Gesicht sich aus rosaroten Blättchen zusammensetzt, und ich reiße die Blättchen ab, um die Gesichtszüge zu ergründen, aber die Blättchen sind endlos, bodenlos, und wieder kreisen sie, wenn sie fallen.
Mein Gott, es ist nicht so, dass ich unter diesen Träumen zusammenbreche, eher ersaufe ich oder besaufe mich.
Aber manchmal ist mir, als stürbe ich in diesem Traum. Item: Nächstens werde ich nichts durchstreichen.
Mag da auch dieses Laub in Jíveň sein, als Pluto in den Löwen eintrat und der Neumond nahte, dort unweit von Chlumec, am Donnerstag, dem zwanzigsten Oktober. Mein Bald-Vater Edvín (ach, dieser Name!) ist anfangs umsichtig und denkt nicht daran, mich zu machen. Er, immer vorsichtiger, zumindest im Vergleich zu Mama … zögert jetzt noch.
Nicht, dass er nicht wollte, er ist Soldat – er ist Korporal, über dem linken Arm hat er den Mantel – selbst bei der Nasskälte –, rechts im Arm Alice, meine Mutter, in meinem Vorgedächtnis ist der Widerschein eines herbstlichen Wölkchens genau eingeprägt, wie es ihr aus dem Mund stieg, wenn sie lachte oder wenn sie vergnügt diesen Edvín anredete, der sie zwischen Jíveň und Vrát ins Laub führt, eigentlich in die Illegalität, denn beide fliehen. Edvín aus der Kaserne und Alice vor ihrer Pflegemutter, der Tante Vlačihová. Die hatte Edvín schon einmal von der Polizei aufgreifen lassen, und so treffen sich die Meinen jetzt auf halbem Weg, Edvín kommt aus Hrádek angefahren und Mama aus Chlumec, in Jíveň ist es, als würden ihre Züge einander verschlingen, aber in diesem Zwischenraum, der hinter ihnen zurückbleibt, stehen Edvín und Alice, die Gesichter einander zugewandt, sie überqueren die Geleise und haken sich unter. Ich höre die Handtasche, wie sie Mama an die Beine schlägt, ich spüre das Wehen des Rockes, aber mir ist überhaupt nicht kalt. Edvín hat in der Manteltasche das české slovo zusammengefaltet, doch das Datum lässt sich gut lesen, und darum merke ich es mir. Hinter Jíveň, bereits außer Sichtweite, zögert Edvín ein letztes Mal: »Und was, wenn sie uns wieder verpfeift?« Alice sagt jedoch: »Und wenn schon!«
Sie hat sich ein für alle Mal für mich entschieden.
Ich schweige derweil, aber ich beobachte alles aufmerksam und erstatte von allem ausführlich Bericht. So fiel z. B., Gen. Pavlenda, als dieser Mantel ausgebreitet wurde, diese Zeitung heraus, und ich sah, dass dort über ihre Partei geschrieben wird. Sie wurde soeben verboten. Edvín hatte es gelesen und war ruhig darüber hinweggegangen (er war niemals politisch organisiert, siehe Rubrik 7 und 23), d. h., ruhig hatte er sich weiter auf den Weg nach Jíveň gemacht, war ruhig von der Bank aufgestanden, zur Ausgangstür gegangen und hatte auf dem Weg die Zeitung in die Manteltasche gesteckt, aus der sie erst jetzt herausfiel, während meiner Zeugung.
Ich entstand jedoch in Freude und gewissermaßen beiläufig, nicht zu dem einzigen Zweck, will sagen, ich war Alice und Edvín nicht Selbstzweck; so soll es sein. Mama blieben in den Haaren Disteln, also ölhaltige Kletten hängen, als sie bei der Suche nach dem weitestgeöffneten Liegen vom Mantel abrutschte und mit dem Kopf, dem locker gewordenen (und gleichzeitig kupfern schimmernden) Haar die Kletten streifte, die gleich zuschnappten und ganz fest hängen blieben.
Sie ließen sich nicht auskämmen. Nicht einmal abends, als Alice (Frl. Váchalová) von Tante Ludmila eine Ohrfeige bekam – für diese Kletten. Ich wurde bei diesem Schlag durchgeschaukelt und hörte, dass die Tante Mama beschimpfte, aber ich konnte nicht zuhören, noch mich übermäßig umschauen in dem Čepíner Haus, ich hatte gerade zu tun, um nicht während des Aufpralls herauszufallen. Das war schon die zweite Gefährdung meines Lebens, und das innerhalb so kurzer Zeit; einen Monat zuvor hätte ich zusammen mit Edvín fallen können, wenn sich der Krieg nicht verschoben hätte und wenn ich nicht ganz so weit in Böhmen dringewesen wäre. Glücklicherweise hörte ich jedoch auch während der Schaukelei nach der Ohrfeige der Tante diese Allee hinter Vrát, sie verfärbte sich gelb, und ihr Laub raschelte unter den Füßen, und ebenso hörte ich, wie Edvín es unter seinem Militärmantel zusammenscharrte, damit er Mama höher und weicher betten konnte, und wie das Rascheln dieses Laubs dann von dort vernehmbar war, wo sie es miteinander machten, d. h., in meiner nächsten Nähe, sodass es sich mir nachhaltig ins Gedächtnis eingegraben hat, noch heute ist es da, und ich liebe das Oktoberende oder den Novemberanfang, ich stapfe in Parkanlagen im Laub herum und erinnere mich an jenes Rufen, welches damals Edvín, als er schon zurückziehen wollte, zwang, sich festzusaugen und zuzustoßen, damit ich von dort, aus dem Kaulquappenuniversum, wo ich noch war (umherirrte), hinunterstieg in diesen Schoß, mich dort verfing und festhielt wie die Häkchen der Kletten in Alices Haar, unumstößlich und nicht wegzuohrfeigen.
Doch auch Edvín, als er sah, dass es sein musste, ließ sich nicht durch unnötige Zurückhaltung um das Spritzen bringen, das beglückt, sondern er drückte sich bis an Mamas Schambein (so weit es ging, in das völlig Offene) und spürte dort, wie sich innen all dies Weiche, Atmende, dies Saftige zusammenzieht und frei macht, das dann auf den Fingern trocknet oder brennt, das aber gleichzeitig erregt, du lieber Gott, bis zur Glückseligkeit. Bis zum Unsinnigen jedoch, zumindest sprach Edvín so davon, wenn es abtaute und er den Herrgott bat, ihm das Wohlgefallen daran zu vergeben.
Er war Katholik, es nagte an ihm, dass er während des Vögelns sogar den Namen Gottes aussprach. Er betete darum zu Gott dem Herrn, ihm zu vergeben. Und der Herr tat dies höchstwahrscheinlich, was sollte Er letzten Endes mit Edvín machen, wenn Er von all Seinen Gaben Vater am reichlichsten mit Schönheit beschenkt hatte, mit Liebreiz und der Lust, gerade das zu tun? Diesen Edvín’schen Liebreiz mochte Mama bestimmt am liebsten, Tränen traten ihr in die Augen, wenn er, schon leer gesprudelt und von den letzten Wellen dort unten mitgerissen, mit seinem Kopf in der Höhle ihres Schlüsselbeins lag und zu Mama sagte, sie sei seine Alička – oder Alka, wie Alke, dieser nordische Schwimmvogel, von dem Edvín nicht die geringste Vorstellung hatte, aber es gefiel ihm sein mollgetönter Name. Mama strich ihm dabei durchs Haar, und da sich aus seinem Namen kein einigermaßen annehmbares Verkleinerungswort formen ließ, sagte sie du zu ihm. Aber es bedeutete indessen auch ich, das Wesen im Laub, der Samen des Samens.
Ich ging gerade von einem Aggregatzustand in den anderen über, in dieses Laubwesen, nein, kein nebenbei Hingefickter, sondern ein Kind der Liebe, Alice war siebzehn, sie verpatzte sich damit das Leben, mit mir im Bauch würde sie unter die Mitschüler des Chlumecer Gymnasiums müssen …, und Edvín verschafft ihr außer diesem Lieben nichts Besseres. Meine weiteren Schicksale, genauer gesagt, meine Beteiligung am Widerstand im Lande (am Widerstand außer Landes habe ich mich nicht direkt beteiligt), setzt sich aus diesen Tatsachen zusammen:
Ich lehnte mich, wie schon angeführt, gegen Ludmila Vlačihová auf, als sie Mama eine Ohrfeige gab und mit mir alles schwankte, und ferner siegte ich über die Tante in dem Streit, ob ich umgebracht werden sollte. Sie fürchtete sich vor der Chlumecer Schande mehr als meine Mutter. Sie suchte Blanka Jeništová, die Hebamme, auf, und überredete sie, zur Engelmacherin zu werden. Alice gab sie den Rat, mich durch Hopsen oder das Tragen schwerer Lasten herauszuschütteln, aber Mama sagte, dass sie es sich nicht nehmen ließe (damals sprach sie von mir wie von etwas, das heißt, sie benutzte für mich die Bezeichnung Es), und die Tante gab auf. Selbst sie wollte mich nicht grundlos erschlagen lassen, doch sie erfüllte ein Versprechen ihrer Schwester (meiner seligen Großmutter), sich um Alice zu kümmern, und jetzt schien es, dass sie es nicht gerade besonders gut gemacht hatte, dass Alička ja eine schwangere Waise sei und überhaupt, dass sich alles seltsam verquirlte. Und danach (gleich danach) hatte ich Schwierigkeiten mit der Gestapo (Anm.: eine deutsche Polizei-Art). Am vierten April kamen sie in die Schokoladenfabrik, in der Edvín Betriebsleiter war, nicht etwa um Vater einzusperren, sie wollten sich nur ein bisschen mit ihm unterhalten. Wir wohnten, also bereits wir drei, d. h. Alice + Edvín + ich, in der Tuchmachergasse in einem Hatuš-Wohnheim, es war das einzige moderne Haus in der alten Stadt, und diese Polizisten brauchten in Chlumec ein hübsches Quartier. Sie kamen, als wollten sie das mit Papa vereinbaren, dabei aber schnappten sie sich ihn, nur so, um ihn dann mit zerzausten Federn wieder aus der Hand lassen zu können.
Auf diese Weise zerzaust, kehrte er nach Hause zurück zu Mama und mir in ihr, die wir in der Essecke bei Tisch saßen, ich mit dem Kopf direkt gegen die offene Schublade, Mama ordnete dort die blank geputzten Silbermesser, ein Hochzeitsgeschenk (Anm.: Eigentumsverhältnisse gehören jedoch erst in Rubr. 10), und diese Messer funkelten, mit Putzwatte und bislang auch mit Zigarettenasche poliert, als Edvín eintrat und sagte:
»Sie sind hinter uns her!«
»Wer?«, fragte Mama und schaute mit ihren jüdischen Augen auf.
»Die Deutschen«, sagte er, und ich, wahrscheinlich aufgerüttelt von der Heftigkeit in Vaters Stimme, ich stemmte mich mit den Beinen gegen die Wand meiner damaligen Wohnstätte, schnellte empor, sodass Mamas Bauch mit einer Wellenbewegung diese herausgeschobene Schublade zustieß, eins, zwei schloss sie sie, und Edvín stürzte zu Boden.
Diese beiden Schläge, mit denen ich meine Widerstands-Aktivität zum Ausdruck brachte, sind genau aufgezeichnet.
Der erste rasselte nur metallisch, seine Vibration durchzitterte den Raum, auch dann noch, als die Schublade zuschnappte. Der zweite war hohl, kurz – howgh.
Edvín, das wollte ich nicht, wirklich, ich bitte dich vielmals um Entschuldigung!
Aber Mama erschrak auch, fasste nach mir, drückte mich zurück, brachte mich zurück in mein Schwimmen, dieses Wandern im Inneren ihres Körpers, das, wie ich zu bestätigen bereit bin, noch weit komplizierter war als meine späteren Fahrten, und es kam ihr in den Sinn, was für ein unendlich empfindliches Organ doch die Gebärmutter ist, sie hielt mich wieder an dem ursprünglichen Platz fest, dann hob sie mich ein wenig mit den Händen an, um sich nicht allzu sehr zu belasten, oder sie hob ein wenig den Bauch an, als sie sich zu Edvín niederkniete, Papa auf seine hohe Stirn küsste und mit diesen Küssen ihn wieder zum Leben erweckte, wie eine Märchenprinzessin den Prinzen, nein, wie meine Mama, denn jede andere Hausfrau hätte Wasser oder Riechsalz geholt, während sie ihn küsste und liebkoste, bis Edvín aus der Ohnmacht zu erwachen begann, die Augen aufmachte und den Satz aller Prinzen vorbrachte:
»Ach, wo bin ich denn?«
Und Mama sagt ihm, er sei in Chlumec und bei ihr.
»Schließlich wird es ganz prima, wenn wir nicht im Hatuš-Haus wohnen werden.«
»Hm«, sagt Edvín, »wir werden Am Tälchen wohnen, gegenüber vom Sportplatz, da ist eine Wohnung zu vermieten.«
»Ja«, sagt Alice, »dort werden wir wohnen«, denn Alice weiß, dass es bejahende und ablehnende Augenblicke gibt, sie hält sie genau auseinander, und dann denkt sie erneut daran, was für ein empfindliches Organ die Gebärmutter ist, denn Edvín hat schon die Lippen bis zu Mamas Adamsapfel angehoben …, ich muss ihn wohl ranlassen.
Und sie lässt ihn ran. Dort auf dem Fußboden, gleich da, wo er gestürzt ist, selbst wenn ich wütend werde, selbst wenn ich zu strampeln anfange. Und so geben sie mir zu trinken, damit ich mich nicht ärgere. Sie machen mich betrunken mit Hagebuttenwein und etwas, das VIGNAC MEDICINAL heißt und das der Chlumecer Drogist Gode & Söhne herstellt.
Ich höre, wie sie miteinander anstoßen, und da schlafe ich schon fast, trete nicht mehr.
Und sie schlafen auch und schmiegen sich im Traum aneinander wie in Wirklichkeit.
Es ist nicht ausgeschlossen, fällt mir ein, dass diese Trunkenheit den größten Feind der Neugeborenen vertreiben hilft: die Frühgeburt.
Ich schlafe, ich singe und spüre keine Schmerzen.
Noch 77 Tage, und ich werde sein.
In diesen siebenundsiebzig Tagen läuft Olin, d. h. Oldřich Vlačiha, der Sohn von Tante Ludmila, davon, sodass ich ihn im Leben nicht früher sehe als in meinem sechsten Lebensjahr. Aber er wird in der libyschen Wüste eine Erscheinung haben.
Auch Sie, Gen. Pavlenda, beeilen Sie sich, besorgen Sie sich eine Mutter, damit Sie in meinem Kielwasser als Skorpion zur Welt kommen.
Ich gehe durch die Stadt, werde getragen; ich errege nicht einmal Ärgernis, wie Tante Ludmila befürchtete, jeder hat seine eigenen Sorgen, um einen Bauch kümmert sich niemand. Das Einzige, was wir in diesen 77 Tagen Schmachvolles ertragen müssen, ist eine Vier vom Kuruc. Er rächte sich an uns für den schönen Bauch, er unterrichtete Mama in Französisch, er schaute sie hämisch an, stellte sich vor ihr auf die Fußspitzen, wiegte sich vor und zurück, schnaubte und schmatzte, ständig prüfte er sie im passé composé der unregelmäßigen Verben, sie musste ihm eine Geschichte aus dem Lehrbuch nacherzählen, die Les noces au village hieß, wo erzählt wird, dass die Braut in die Kirche tritt, entra à l’église au bras de son père, jedoch nicht angebumst und keine Waise, bis Alička einmal so giftig wurde, dass sie diesen Kuruc an seinem Anhänger an der Hose packte, der ihm dort baumelte wie eine Uhrkette, aber hier dran hing der Rübezahl aus dem Riesengebirge, weil Kuruc – der Winzling – Sportler war und in Pumphosen mit Skiern den Berg hinunterfuhr. Und dieser Anhänger baumelte dort anstelle seines eigenen Gliedes (d. h. Schwanzes), weil der so unberechenbar war, sodass der Winzling sich lieber diesen klimpernden Anhänger hinhängte, um sicherzugehen, dass ihm auf den Bergen bei stärkeren Frösten sein eigenes Winzding nicht ganz in den Körper hineinschrumpfte, und diesen Kuruc erwischte Mama an den Aufschlägen seines Mantels, in dem er seinen Beruf ausübte, sie packte ihn und schüttelte ihn hin und her, bis er rot wurde, und kastrierte ihm das Bimmelding weg. So mir nichts, dir nichts, zuerst hatte sie se laver konjugiert und es bis zu nous nous étions lavés gebracht, ohne jede Warnung packte sie ihn am Revers und dann, während das Gesicht des Winzlings die Farbe seines Mantels annahm, d. h. bläulich anlief, griff sie ihm unten mit einer eleganten schnellen Bewegung in die Daseinsmitte. Die Geste war schamanisch und zeugte davon, dass die, die zugriff, dieses schöne angebumste Mädchen, wusste, was sie fände, wenn hier etwa Edvín stehen würde (und Edvín würde er stehen), und dass sie viel liebenswürdiger sein könnte, wenn sie die Liebkosung gewählt hätte statt der Kastration! So! Mit einem Mal riss sie dem Winzling seinen Winzling ab, und Kuruc fiel in Ohnmacht.
Als der ihm abfiel, wurde er ganz und gar blau und brach neben dem Katheder zusammen; meine Mama, Alka, hob sich über ihm ab mit dem Bauch, schritt über ihn hinweg wie ein Elefantenweibchen und kehrte zurück an ihren Platz in der zweiten Bankreihe beim Fenster (rechts). Andere Schülerinnen liefen den Hm. Direktor holen, während A. Vâchalovâ, kaum hatte sie sich gesetzt, zu weinen begann. Ihr Weinen warf mich herum, darum begann ich zu kraulen, damit sie sich an mich erinnerte; sie kreuzte die Hände über mir und beruhigte mich, eigentlich beruhigten wir uns gegenseitig, wir wollten uns nicht die Lage verderben, vor der irregulären hatten wir große Angst.
Woher denn, das könnte ich Mama nicht antun! Sie hatte darüber so viele Geschichten von Gebärenden gehört, dass sie sehr böse auf mich wäre, wenn ich irgendwie dumm runterrutschte. So legte sie also die Hände dorthin, wo ich am meisten hervortrat und wo unter der Plazenta mein Hinterteil war, und tröstete mich. Sie dachte, dass ich mich dort mit dem Kopf hinauswölbe, sie war überzeugt davon, dass sie mir fast übers Haar strich und dass sie mich liebkoste, als sei sie meine Liebe, sie sprach zu meinem Hinterteil und beruhigte mich und legte den Finger an die Lippen: Pssst!
Aber meine Lage war völlig normal, mit dem Kopf lag ich nach unten, ich hatte ihn direkt dem Ausgang gegenüber …, mit abgerundetem Scheitel so zweckmäßig platziert, einfach vorbereitet, um mit leichtem Drehen und mit eiligem Durchschleudern herauszuschlüpfen – ohne weiteren Verzug. Nicht einmal der Stand der Gestirne war schlecht (zumindest nach Olins späterem Nachrechnen, siehe seine Rekonstruktion in dem beigelegten Horoskop), der Mond trat in die Jungfrau. Mama fuhr nach Čepín. Es liegt ein Stückchen von Chlumec entfernt, gehört deshalb nicht mehr zu Chlumec, sondern ist eine zerfallene Burg, und unterhalb von ihr befindet sich eine Brauerei mit zwei Schornsteinen, ein Gutshof, Hütten, das Wirtshaus Unter dem Lindenbaum und Tante Ludmilas Haus mit dem Walmdach, wo Alice diese Ohrfeige bekommen hatte.
Es dunkelte, als die Tante Mama unten von der Haltestelle kommen sah, um das Klán’sche Haus herum, und Mamas Bauch glänzte matt in dem abendlichen Halblicht, er ähnelte dem Bauch der Jungfrau Maria aus den Abbildungen im »Goldenen Himmelsschlüssel«, wo gleichfalls aus dem schwangeren Leib Strahlen herausschießen, während die himmlische Muttergottes, die Arme sanft ausgebreitet, die Wölbung der Leibesfrucht bewahrend, lächelnd auf das Licht inmitten ihres Körpers blickt und in diesen Anblick ganz versunken ist. Alice hat es ihr abgeschaut, sie schreitet hinauf von der Haltestelle zu dem Haus der Vlačihas, und von ferne grüßen sie ehrerbietig Herr Vostárek, der hiesige Mälzer, und Herr Klán mit seiner hübschen Frau, die sich gleich auch so einen Bauch wünscht, und es sieht sie auch Tante Ludmila, und sie beginnt zu zittern, erschrickt sehr, bedauert, dass sie je an meinen Tod gedacht hat, denn jetzt bin ich auffallend lebendig, und sie bemerkt das. Sie bittet Frau Jeništová um Verzeihung und zugleich um ihre Patenschaft, damit das irgendwie weggewischt und vergessen wird, worum sie sie zuvor gebeten hatte. Frau Jeništová verspricht mir ihre Patenschaft, und ich begrüße das. Sie ist die beste Assistentin von Dr. Brázda, sie lässt es sich angelegen sein, dass ich Mama nicht zusätzlich übermäßig wehtue.
Dann bekomme ich mein Zeugnis, meine erste schlechte Note in sittlichem Betragen – und in Französisch. Aber darüber lächeln Alice und ich nur.
Auch besuche ich an Mariä Heimsuchung zum ersten Mal die Kirche St. Barbara in Chlumec. Vor dem Besuch schwanke ich jedoch ein wenig, Mama will nicht so gern mit mir in meinem gegenwärtigen Zustand dort hin, erst als Edvín nickt, er würde neben diesem Bauch immer als sein Urheber hergehen, betreten wir die Kirche, und wir alle beten.
Am sündhaftesten jedoch Tante Ludmila. Sie verspricht mich durch die Vermittlung der hl. Barbara der Jungfr. Maria, und als sei sie sicher, ich würde priesterlichen Geschlechts sein, bietet sie mich ihr als Priester an. Ich bin böse. Warum fragt sie mich nicht? Warum übergeht sie mich so offenkundig? Gott erhört sie dafür nicht und macht mich nur zum Chrysostomos. Gold gibt er mir in den Mund, aber sonst erhöht er mich nicht. Noch zu Hause – in meinem dritten Zuhause (wenn ich als das erste die Čepíner Wohnung rechne, wo wir die Ohrfeige bekamen) bin ich empört, wieder strample ich, sodass Alice sich ans Pianino setzt, dort in dem Zimmer mit dem Fenster zur Straße (Am Tälchen Nr. 1278 – nach dem Jahr der Schlacht auf dem Marchfeld), und ein Menuett spielt. Es ist eines der drei Stücke, die Mama auf dem Klavier spielen kann, geschrieben von dem Komponisten Polívka, ich lausche versunken, und mein Zorn vergeht.
Oder ich monde mich mit Mama, so bezeichne ich unser Sonnen im Mondlicht. Mama geht hinaus in den Garten (d. h. zwischen drei Apfelbäume, Stachelbeersträucher und Fliederbüsche, bis hinten zu dem Kaninchenstall). In dieser Schwüle kann man sowieso nicht schlafen, Alička deckt sich nur mit einem Bettuch zu, doch wenn das Leinentuch wegrutscht und Mama keine Lust mehr hat, noch einmal bis tausend zu zählen, wickelt sie ihren nackten Körper in einen langen Morgenrock und geht hinaus. Der Morgenrock ist japanisch, wie es Mode war, als Tante Ludmila Oldřich Vlačiha in sich trug, auf dem Morgenrock plustert sich ein Pfau, Mama setzt sich auf die Bank, die Beine ein wenig von sich gestreckt – wegen des Bauches –, die Arme lässt sie frei am Körper herabsinken. Der Morgenrock geht auf, damit Licht einfallen kann, ein Regen von Licht, denn so kommt meiner Mama der Mondschein vor, wenn er ihr kühlend über den Bauch herabfließt.
Als der Vollmond näher rückte, nahm dieses Licht zu, und Edvín rief nach Mama, wenn er erwachte und sie wieder im Garten sah, ob sie denn spinne, sie solle doch schlafen, und sie antwortete immer, ja, sie käme schon, aber sie saß weiter dort, lauschte den Zweigen und dem Gras und den einfachen Blumen, sie mondete und mondete sich, bis sie sich einmal ans Kreuz fasste, wo es ihr einen Stich gab. Sie seufzte, richtete sich auf, aber auf mich wurde Druck ausgeübt an derselben Stelle, d. h. im Kreuz, d. h. dort, wo ich nicht das Köpfchen hatte, sondern das Hinterteil. Ich nahm diese Aufforderung jedoch noch immer nicht ernst. Ich verspürte keine Lust, aus diesem Schwimmen wegzugehen, auf einmal bekam ich Angst, ich drückte die Hände an das Kinn und bohrte mich tiefer hinein. Nein, mir gefiel dieser Sommer mit dem Mond in der Jungfrau nicht, und wäre nicht dieses Lächeln auf Alices Gesicht gewesen, vielleicht hätte ich aus allgemeinem Widerwillen zu weinen begonnen.
Im Gegenzug rief Alice nun Edvín, und der lief zu Hrn. Draksí gegenüber in die Autowerkstatt, um sich einen Lieferwagen auszuleihen. Darin fuhren wir in die Entbindungsanstalt, Edvín hielt uns, damit wir uns hier nicht auseinanderschüttelten (er hielt mich und Mama auf verschiedene Weise fest).
Es ist nicht wahr, dass es Alice wehtat. Ich tat, was in meinen Kräften stand, um mich nirgendwo zu verwickeln. Schließlich begriff ich, dass ich sowieso keinen anderen Ausgang habe als den über die Haare. Ich war schwarzhaarig, Gen. Pavlenda, während sich bei Ihnen nur dieser weiße Flaum bildete, mit dessen Hilfe Sie später zum Albino wurden. Also drückte ich in diese Richtung, und das ganze Wasser, in dem ich schwamm, das Wasser meines Ruhens, drängte gleichfalls zum Ausgang, bis er sich öffnete und ich Licht auf dem Scheitel meines Kopfes spürte, das hier hereinleuchtete aus dem Saal oder sonst woher, und dieses Leuchten war so fremd, dass ich mit meinen geschlossenen Augen durch dieses abschirmende Wasser hindurch seine Fremdheit aufnahm und mit meinem linken Händchen bis zu den Augenbrauen ausholte, um mich irgendwie zu schützen, und damit habe ich mich trotz meines Vorsatzes verfangen. Mama tat das weh, sie schrie auf und jammerte. Bisher hatte sie geschwiegen, außer einem gelegentlichen Aufkeuchen, und sie biss sich nur in die Hand, sodass es aussah, als unterdrücke sie eher ein Lachen als ein schmerzliches Verziehen des Gesichts.
Nach diesem Aufschrei rutschte ich endgültig heraus, schlüpfte durch den linken Arm und lag auf einmal auf dem Gesicht, die Augen zusammengeballt (diese Angst schloss sie mir, wie sich die Hand zur Faust ballt), ich rieb mich mit der Stirn und der Nase und dem Mund an der Glätte (es war glatt und glättete auch, welcher Kretin hat das als Schleimhaut bezeichnet!), und ich rutschte weiter und drehte mich dabei und sagte mir immerzu: mein Gott, warum ist mein Kopf so groß, und ich schloss noch fester die Augen, kniff sie zusammen, und spürte noch mehr, wie mir Mamas innerster Körper nachrutschte und wie ich mich freimachte und sich mir die Wangen hinaufdrückten bis in die Augenhöhlen und wie sie sich mir dort zusammenschoben, lauter Falten und Runzeln, und hier blieb ich ein zweites (aber schon letztes) Mal stecken. Ich wollte anhalten, denn auf einmal kam mir zu Bewusstsein, wohin ich fiel, dass ich nach Böhmen, nach Chlumec unterwegs bin und dass ich es mir doch noch überlegen sollte, abwägen, und wenn das schon nicht möglich ist, ich es wenigstens ein wenig verzögern sollte, zumindest warten, bis auf meinem Horoskop die Sterne weiterrücken, damit ich meine Sonne nicht genau im achten Haus (MORS) habe! Doch dann hörte ich auf einmal Mama nicht mehr atmen, mir kam es vor, als würde sie verlöschen, als quäle ich sie, als peinige ich sie mit meinem Zaudern, und so legte ich mich völlig in die Richtung meines linken Armes, und als Alice wieder (Gott sei Dank) zu atmen begann, fand ich mich ab mit dem Ort meines künftigen Wirkens (siehe Rubr. 4, Zeile: vorübergehender Wohnsitz), ich gehorchte Mama, wie übrigens in wichtigen Dingen immer …, und sie presste dann plötzlich, ich duckte mich und flog hindurch, sodass weder Dr. Brázda noch die Geburtshelferin Jeništová (unter deren Protektion ich stand) mich auffangen konnte und ich ihnen in dieses Porzellangeschirr plumpste, das man der Gebärenden unterstellt. Mir war durchaus bewusst, dass ich zu ertrinken drohte, darum schrie ich und schrie.
Mama nahm ihre angebissene Hand aus dem Mund und fragte (überaus leise), ob es schon so weit sei.
»Freilich«, antwortete Dr. Brázda und fischte mich heraus.
»Sie wissen doch«, sagte die Schwester, »der Herr Primarius hat goldene Hände.«
Und in diesem Augenblick hatten sie tatsächlich diese Färbung. Er duschte mich, trug mich zu Mama.
Sie legte mich an die Brust, und ich war so winzig, dass mein ganzer Brustkorb in diese angebissene Hand passte.
Ich schrie immer noch, aber schon mehr in Moll.
Es war 15 Uhr 41, der zwanzigste Juli neunzehnhundertneununddreißig, Uranus bildete mit Neptun ein Trigon, Saturn mit dem Mars ein Quadrat, und die Sonne hatte ich im achten Haus, im Haus des Todes.
Am Freitag, dem achtundzwanzigsten Juli, stand sie angeblich ebenfalls dort. Dioskur, der Vater der hl. Barbara, holte mit seinem Schwert gegen den schlanken Hals seiner Tochter aus. Ihr helles, langes Haar hielt er in der Hand, während sie kniete und mit gefalteten Händen betete, in den Augen diesen liebevollen gebrochenen Blick wie vor dem Tod und wie vor jedem Erschauen, neben ihr der Turm mit Pfauenfedern (wie auf dem japanischen Schlafrock) und der Kelch mit der Hostie und natürlich Luna, der Mond, in dem ich mich badete.
»Ach, heilige Barbara!«, rief Mama ihr auf dem Kirchenbildnis zu. Sie konnte sich nicht bekreuzigen, sie trug mich im Steckkissen, zum Zweck der Taufe, »mag er also Chrysostomos heißen, wenn’s denn sein muss, Hauptsache, er ist da. Sei ihm Fürsprecherin!«
Alice gefiel mein heiliger Namenszusatz nicht, er erinnerte sie an Zahnpasta, er passte ihr einfach nicht zu der sonst üblichen Jan-Tradition im Geschlecht der Váchals.
Bei den Váchals, von denen sie abstammt, hießen alle Söhne Jan, z. B. Alices Vater Jan Evangelist, sie hatten jedoch auch einen Jan Nepomuk, einen Jan Baptist usf., einer nach dem anderen in direkter Linie, in die ich dann jedoch eine Schleife und einen Knoten machte, indem ich Alice – gewissermaßen nach dem Umklammerungsschema – geboren wurde. Mama war die weibliche Nachfolge; als sie auf die Welt kam, ging ihr Vater ohne Sohn von dannen, er starb an einer Krankheit aus dem Ersten Weltkrieg; sie gingen aneinander vorbei, kaum dass sie es schafften, sich zu begrüßen.
Alice weiß jedoch nicht, dass ich nicht nur darum Jan Chrysostomos bin, weil die Váchals alle übrigen Jans schon weggetauft hatten, sondern auch wegen Tante Ludmila, die mich dem Priestertum und Msgr. Rosin, Dekan in Chlumec, weiht, der ebenfalls so getauft ist. Ich soll sein Namensvetter sein, aus mir soll einmal der gleiche Msgr. werden!
»Efeta«, sagt sie, und Frau Jeništová, ehe ich selbst mich irgendwie äußern kann, sagt sich an meiner Stelle vom bösen Geist los.
Dann (noch in der Sakristei) haucht mich der Hr. Dekan an, und Mama hebt mich nach diesem Anhauchen hoch, und alle gehen im Geleitzug mit mir hinein ins Kirchenschiff unter das Bildnis Barbaras, wo sie über mir beten, ohne dass ich störe. Ich bade! Selbst an diesem Freitagnachmittag fällt durch die bunten Fenster das Licht, ähnlich dem Mondlicht, bestrahlt mein Federbettchen blaurot, und ich monde mich wieder.
Da sind wir schon unter der Kanzel, bei dem dreibeinigen, zinnernen Taufbecken. An seinen Seitenwänden hängen goldene Ringe, lugen aus Löwenmäulern hervor, und der Herr Dekan schüttet mir Wasser über den Kopf und schmückt mich mit einem weißen Schleier, während Frau Jeništová von ihm eine große Kerze entgegennimmt, die brennt und, als wir dann zurückkehren, auf die Grabplatte des Herrn Jošt von Chlumec tropft, der
HIER RUHET IN ERWARTUNG DER AUFFERSTEHVNGVERSCHIEDEN IM JAHR DES HERRN MDLXII.
Oder hat dort mein Onkel Bonek die Kerze tropfen lassen? Ach, ich habe nicht aufgepasst, ob und wie mir dieser Onkel leuchtet! Ein Fehler. Ich blickte damals – etwa für ein, zwei Sekunden – auf seine Lippen. Sie zuckten leise. Vermutlich beteten sie. Später habe ich ihn nie mehr bei etwas Vergleichbarem ertappt.
Alice reicht mich Edvín, Edvín der Tante usw., ich wandere von einem Arm zum anderen.
Mir hatte man auf die linke Schulter mit Tinktur die Ziffer 9 geschrieben, die in Ihrem Fragebogen, Gen. Pavlenda, den »erlernten Beruf« bezeichnet, im »Grossen und sonderbaren Traum-Buch« jedoch die Bedeutung hat von
So hatte Alice es in dem Traumbuch gefunden, gleich lief sie damit zu Edvín, und sie lachten darüber, aber ich, Jan Chrysostomos, lachte nicht darüber, die Zeiten waren viel zu ernst. Überdies war ich auf Alice eifersüchtig, dass sie mich einfach so ausgewickelt liegen ließ, dass sie mich nicht mehr beachtete, nicht mehr mit mir schmuste, sondern mit Edvín, sodass mir ihr Haar nicht mehr um das Gesicht duftete, wie ich es gern hatte und wie ich es schließlich verlangte.
Aber sonst ist die Neun tatsächlich eine Glückszahl. Sie ist die dreifache Dreiheit. Sie überbrückt die Einsamkeit und Ausschließlichkeit der Eins, die Spaltung der Zwei, damit umso mehr das Entstehen hervortritt, das der eigentliche Inhalt der Zahl 3 ist. Die dreifache Triade bedeutet dann diese Welt und dabei ein wenig auch jene, Mamas Welt, aus der ich kam, zu der ich fliehe. Und es bedeutet darüber hinaus eine Pyramide, auf deren Gipfel ich meinem erlernten Beruf nach Jan Chrysostomos bin. So hätte ich es in den vorangegangenen Exemplaren auch ausfüllen sollen. So hätte es dort in der Rubrik unter der Nr. 9 über meiner tinkturgeschriebenen Neun stehen sollen.
Sie verblasste nur langsam im Rhythmus dieses Sommers (1939, abermals eine Pyramide, Gen. Pavlenda, die zweite Zahl ist das Dreifache der ersten!), der durch die Schwüle rollte, obgleich der Krieg einfach nicht ausbrechen wollte. Er näherte sich, das ja, doch weil etliche Male nichts daraus geworden war, schien es, dass sich auch jetzt irgendein Aufschieber fand. Nur ich wusste bereits sein genaues Datum, die Sonne, für immer in meinem achten Haus festgehalten, erlaubte mir das. Ihr Schein war eindeutig ein sterbender. Und sogar mein Onkel Vlačiha Oldřich fasste ihn so auf. Er lachte, als er sich daran erinnerte, Aug in Aug mit diesem Licht und diesem Sand, dass es der Feiertag Maria Schnee war. Er saß beim Lagerfeuer in Al-Arisch, in der Wüste. Die anderen Soldaten klaubten die glühende Holzkohle heraus und reichten sie dem Mann, der den Steinofen heizte. Es wurde gegessen, zu der Fleischsoße wurden Brotfladen verteilt; in den Fingern zerdrückt, dienten sie als Löffel. Die Sonne ging zu seiner Linken auf. Olin blickte hinauf zu ihr, und dieses lange, sandige Gelb begann zu wogen wie ein Weizenfeld, und an der Stelle, wo die Sonnenscheibe brannte, loderte Mädchenhaar auf. Das Mädchen ging durch das Getreide, das vor ihr zurückweicht, das sich vor ihr neigt. Und wenn man auch des Glühens wegen diesem Mädchen nicht ins Gesicht sehen kann, ist allein durch die Helle gegeben, dass hier eine Schönheit nackt dahinschreitet; die rechte Hand hält sie an die Brust, mit der Linken hat sie die längste Flechte ihres lodernden Haars gefasst und damit ihren Schoß bedeckt, mit dieser wehrlosesten aller Mädchengesten. Olin ist mit dieser Gebärde wohl vertraut, darum fürchtet er sich nicht und spricht dieses Mädchen an, sie lächelt ein wenig, nach diesem Lächeln richten sich die nächststehenden Ähren auf, und übermäßig gereift, geraten sie in Brand, die Körner schmoren darin und bersten, immer unerträglicher entströmt ihnen Glut, das Feld rundum explodiert in Flammen, es gibt keinen Weg zur Flucht, … ach, ich sterbe, befiehlt Olin sich, macht sich bereit, darin zu verbrennen wie diese Ähren, er schließt die Augen, um sich nicht weiter dem Grauen zu ergeben, und sobald er das tut, fletscht sie anstelle jenes Lächelns die Zähne, die Olin am Hals packen, ihn in die Höhe heben und über das brennende Feld tragen, Olin hängt in ihnen wie ein Kätzchen im Maul der Katzenmutter, sie könnten sich in ihm festbeißen, doch sie beißen sich nicht fest, Sicherheit liegt in ihnen, Olin strampelt mit den Beinen, und seine Soldatenstiefel rutschen ihm von den Füßen und fallen hinunter in dieses Feuer, hm, aber es ist eigenartig: In den Flammen bilden sich Kreise wie auf dem Wasser, Olin hängt über dieser Scheibe und fragt diese Zähne: Wer trägt mich da, doch er wird barfuß auf den geschrubbten Fußboden gelegt, das Gelb, das überall brannte, leuchtet jetzt im Fell einer rostgelben Katze, und die Katze sagt:
»Ich heiße MA FILLE, ich bin es, die dich hergebracht hat.«
Olin versteht sie, sie spricht französisch, und er ist in diesem Al-Arisch als Fremdenlegionär. »Jetzt ist es klar, es wird Krieg geben«, sagt er denen, die um das Feuer herumsitzen.
Und der Kapellmeister aus dem Dorf namens Žd’ár (doch die Kapelle ist in Holland auseinandergegangen, und er vervollständigt nun auch die Legion) sagt:
»Käme er nur endlich!« Er streckt die Beine in Richtung des Ofens aus, und unter einem Bein kommt die rostgelbe Katze aus dem Traum hervorgekrochen. Olin starrt sie so ungläubig an, dass sie ihn auszulachen beginnen.
»Hast du noch nie im Leben eine Katze gesehen?«
Er sagt ihnen jedoch:
»Eben weil ich sie gesehen habe … eben weil ich viele von ihnen auf einmal gesehen habe.«
Und die Katze geht weg, zu den Baracken, und sie rufen ihr nach: »Fatima!«
Item: Olin steht auf, dreht sich um, er hat jetzt die Sonne zu seiner Rechten, und er eilt der Katze nach, um sie zu fragen, ob sie tatsächlich so heiße. Die Katze schüttelt den Kopf.
»Du bist Mafij, nicht wahr?«
Und sie sagt, sie sei es.
Darum sorgte er für sie. Zumindest, soweit ihm das die Festung in der Wüste, aus der lange, aufreibende Märsche unternommen wurden, erlaubte; oder sooft es die Arbeit zuließ, die Capt. Mauger (lies Mo-Schee) seinen Tschechen auferlegte. Dieser achtete sehr darauf, dass sie nicht der Sehnsucht nach ihrer s. g. Heimat erlagen, da ihnen an deren Stelle nun die Legion zugewiesen war.
»Fatima«, rief Olin die Katze, doch als sie kam, sprach er sie mit »Mafille« an, streichelte sie, fuhr mit dem Finger über ihr raues Zünglein, um sich seinen Flug über das brennende Feld in Erinnerung zu bringen. »Mafijchen, ach Mafijchen, es wird Krieg geben«, doch als er seine Stimme hörte (diese innere wie die äußere), bebte er, denn die Stimme klang flehend. »Es werde Krieg«, sagte er. »Und du, gelbe Katze, gib, dass darin auch ein paar von denen umkommen, die es verdient haben.«
Dann erinnerte er sich an Hauptmann Mauger, der gesagt hatte (französisch, denn hier war er Kommandant der Wüste), es sei nicht möglich, wie vor zwanzig Jahren zu bluten.
»Ach, Katze«, sagte er von ihm, »verzeih ihm; was das Bluten betrifft, so wird es ohne Maß sein.«
Item trat dieser Hauptmann dort ein und fragte Olin, ob er nichts anderes zu tun hätte, als die Katze zu streicheln.
Olin antwortete mithilfe eines Lächelns, dass er Fragen, die in diesem Ton gestellt würden, im Böhmischen Königreich (Royaume de Bohême) nicht gern habe, wir seien jedoch in Afrika, und das ändere die Situation etwas.
Fatima drückte sich ebenso aus – mithilfe in den Boden geschlagener Krallen und ihres lang gestreckten Körpers.
Dazu sagte Olin (jedoch in tschechischer Sprache) …
»O Katze, rätselvolles Wesen,
Seltsame Katze, engelgleiches Tier,
Denn alles, Welt und Himmel ruht in ihr,
Voll Harmonie, holdselig und erlesen!«
»Qu’est-ce que c’est?«
»Baudelaire.«
»Hm«, antwortete der Hauptmann, »ich lasse Sie einsperren.« Vielleicht, Gen. Pavlenda, sagte er, »bis Sie schwarz werden …«; ich kann jedoch diese Redensart in Anbetracht meiner Sprachkenntnisse (siehe Rubr. 13) nicht gebührend wiedergeben.
Dann brachten sie Olin ins Gefängnis, doch bis zum Morgen war der Krieg ausgebrochen. Es war ein Sonntagmorgen, und der Onkel ging mit den knappen Schritten des französischen Marschtritts dem Kapellmeister entgegen, der ihm die Beendigung der Strafe ankündigen kam.
»Ich nehme die Begnadigung an«, sagte er, »doch nur unter der Bedingung, dass sie auch für die Katze gilt.«
»Die Katze ist futsch«, sagte der Kapellmeister, »entweder ist sie verschwunden, oder jemand hat sie erschlagen.«
»Sie lebt«, korrigierte ihn Olin, »Katzen sind sehr wachsam.«
»Es war eine Muselmanin«, sagte der Kapellmeister …, da er sah, wie traurig Olin war.
Item: Sie fuhren ab. Olin war sogar entschlossen, mit den übrigen Männern seines Bataillons zu siegen. Sie durften bereits ein eigenes Bataillon haben … und waren darin nicht auf die Legion angewiesen, doch ansonsten blieb ihnen das Pech treu. Ich indessen durchlebte meine Analphase im Großen und Ganzen erfolgreich und hatte dank Alice seit Weihnachten schon im Wesentlichen gelernt, meinen Stuhlgang zurückzuhalten, und ab Mai hatte ich in dieser Richtung keine Probleme mehr, was sich von Frankreich nicht behaupten ließ. Und es half dem Land nicht einmal, dass Olin in den Raum nahe Montigny einfiel … er stellte sich nämlich vor, so etwas zu tun. Er fühlte sich der Armee zugehörig, die manchmal imstande ist, auch irgendwo einzufallen, doch als man gegen Abend feststellte, dass alle Männer der Einheit die Munition nur für den Wachdienst erhalten hatten, wurde er nervös, und etliche Male wollte er angesichts des Feindes die Spucke schlucken, die ihm zugleich im Mund zu fehlen schien.
Auch kam es ihm sonderbar vor, an die Front zu marschieren, während andere Abteilungen von der Front zurückmarschierten. Es goss, und es war nebelig. Es sah ein wenig so aus, als würden Regen, Nebel + Dämmerung die Verteidigungslinie verhüllen. Dann lichtete es sich, und nirgends war ein Schützengraben. Die Brücken über die Marne waren unversehrt.
Olin hob also Schützengräben aus, verrammelte die Zugänge zum Dorf und zählte die Geschosse, doch anstelle der Munition kam ein Leutnant auf dem Fahrrad und brachte den Befehl zum Rückzug.
Bisher hatten alle gedacht, dass sich die Aktion erst entwickeln würde.
Auch Olin zog sich zu der festgesetzten Uhrzeit (22.00) diszipliniert in ein Dorf bei Vibert – Rozay-en-Brie – zurück; als sie sich ihm näherten, begrüßte ihn Geschützfeuer, und er lebte auf. Ein Zug Senegalesen lag im Gras und schoss nach vorn. Ihr Korporal steckte einen Granatwerfer an sein Gewehr, lud es und ballerte auf den Kirchturm los. Alle behaupteten (und riefen es laut heraus), dass an diesen Plätzen eine deutsche Fallschirmjägerabteilung stationiert sei.
Olin sagte einem Soldaten, sie sollten eine Schwarmlinie bilden. Dann gingen sie bis zum Dorfplatz, wo unter einem Kastanienbaum ein Araber stand und auf eine Krähe schoss.
Nach jedem Schuss war es, als schrumpfe der Vogel zusammen und klebe an dem Ast fest. Höchstwahrscheinlich war er so verängstigt, oder er fühlte sich zwischen den Blättern sicherer als in dieser Luft voller Geschosse … oder er war bereits tot und war dort hängen geblieben, versteinert …
Ein Stück von dem Araber entfernt, auf einem weißen Gartenstuhl, der sich weiß Gott warum auf dem Gehsteig befand, saß ein französischer Offizier und schaute sich das an. Olin sagte zu ihm:
»Sind Sie es, der eine solche Panik zugelassen hat?«
Doch nicht der Franzose, sondern dieser Araber sagte:
»C’est la guerre, mon lieutenant.«
Und von Neuem zielt er auf die Krähe, doch diesmal holt er sie herunter, holt diesen Fallschirmspringer herunter, zerfetzt ihn, Blätter und Zweige regnen herab, und schwarze Federn schneien auf dieses Dorf, auf den Fluss Grand Marrain, der Franzose auf dem Gartenstuhl blickt zu diesem Fluss hinüber, antwortet meinem Onkel nicht, zuckt die Schultern, er hat viel getrunken.
Item: Olin zieht sich hinter die Seine zurück, befindet sich bis zum Abend des folgenden Tages auf dem Rückzug. In der Landschaft wird dabei fleißig gestorben, deutsche Flieger arbeiten dort, sie zerwühlen den Boden, neben einem Krater liegt eine Frau mit abgerissenem Kopf, oder es liegt ein Pferd dort, aufgedunsen, erstarrt und blutbesudelt, voll von Fliegen und Geruch, den man Gestank nennt, oder Soldaten – schon als Leichen – in den gleichen Uniformen, die vorbeimarschieren, sich zurückziehen und fliehen. Jagdflugzeuge greifen die Formationen der Franzosen an und erlegen sie lustvoll.
Es ist Morgen. Man flieht einzeln und in kleineren, eng geschlossenen Gruppen, soweit möglich ohne Waffen. Aber mit bidons. Das sind Feldflaschen, die Feldflaschen dieser Franzosen, Wein haben sie darin, sie retten ihn und bergen ihn. Olin z. B. sieht einen Soldaten, der einen Kinderwagen voll von diesen Flaschen schiebt. Der Wagen ist hoch, mit großen Rädern – im Vergleich zu meinem, Gen. Pavlenda, unmodern –, in seinem Wagenkasten rasselt und klirrt es, gerade fahren sie aneinander vorbei, er und dieser Radfahrer, dieser französische Leutnant, der die Befehle zum Rückzug ausführt.
»Wohin jetzt?«, fragt ihn mein Onkel.
Der Franzose sagt jedoch: »Nirgendwo mehr hin, weil Frankreich schon Unterhandlungen führt.«
Olin ist zum Heulen zumute, einstweilen ist er nicht fähig, etwas zu der Sache zu sagen, 2450 tschechoslowakische Soldaten schweigen gleichfalls, sie hatten Gefallene und Verwundete, hinter der Loire blieb ein Teil des Trosses zurück, sie sind voll Trauer, die auf sie einstürzte, anfangs war sie nicht die ihre, doch umso schwerer erscheint sie ihnen jetzt, da sie von ihr zugedeckt werden.
»Bedeutet das also«, sagt Olin, »dass Deutschland gesiegt hat?«
Doch war diese Frage bereits an das Hinterteil gerichtet, das sich an dem Sattel des Fahrrads rieb und zum Fluss Cher davonfuhr, über den Feldweg nach Châteauroux. Weiter in dieser Richtung, bei der Stadt Noutron, wurden die Waffen abgegeben. Gleich danach begann der Frieden, diese direkte Fortsetzung des Krieges.
General Dunoyer schrieb Olin, dass er ihm danke. Das war am dreiundzwanzigsten Mai.
Ich ließ in Chlumec Alices Hand los, und gelockt von Edvín, der eine Tüte Bonbons (bereits gestohlene) in der Hand hielt, machte ich den ersten selbstständigen Schritt in den Raum in der Nähe des Kaninchenstalls. Genauer: Ich begann in diesen Raum zu stürzen, wenn es mir auch sofort, noch ganz am Anfang, gelang, den Sturz durch Unterschieben, sei es des einen oder anderen Beins, zu steuern, sodass ich eigentlich einherschritt. Erst bei jenem Kaninchenstall, nach vollen sieben Schritten, plumpste ich hin, blassblaue Fliederblüten in der Hand, abgerissen bei dem Versuch, Schritt Nr. 8 zu machen.
»Der Bösartigkeit der heutigen Zeit zum Trotz«, schrieb General Dunoyer meinem Onkel Olin, »der Bitternis dieses Tages zum Trotz, der unsere beiden unglücklichen Nationen schmerzvoll verbindet, lasset uns an die Zukunft glauben, an die Erfüllung unserer Hoffnungen.«
Ich aber ließ die Fliederblüten aus der Hand fallen, um Platz zu haben für die Lutschbonbons der Marke Largior, und ernannte meinen Onkel Olin zum Vetter (französisch: mon cousin), um ihn von einem anderen Onkel von mir zu unterscheiden, nämlich von diesem Bonek, der meine Taufkerze tropfen ließ.
