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Im August 1968 marschierten Truppen des Ostblocks in der Tschechoslowakei ein und machten dem "Prager Frühling", der so hoffnungsvoll begonnen hatte, ein Ende. Es war die letzte Chance des Kommunismus, die er selbst zunichtemachte. Jiří Gruša, Autor der jüngeren Generation, die den Kommunismus nicht installiert hatte, sondern unter ihm aufwuchs und litt, antwortete mit einem Roman, einer Anti-Utopie in der Art von George Orwells "1984", in gewisser Weise ein Science-Fiction-Roman. Ein Reisender kommt in ein fremdes Land Kalpadotia, dessen Regeln er nicht kennt, dessen Sprache er nicht versteht. Hier steht die Sprache im Mittelpunkt: die eigene, in der sich jeder findet, und die fremde, die ihm aufgedrängt wird und ihn von sich entfremdet. Beobachtet der Reisende zunächst aus der Distanz wie ein Soziologe, so wird er schließlich immer mehr in das Geschehen hineingezogen, bis er dem System verfällt, das rücksichtslos die Menschen ausbeutet. Den Roman schrieb Jiří Gruša von Oktober 1968 bis September 1969, als das alte System sich in der Tschechoslowakei wieder etablierte. Es ist nicht nur eine Antwort auf dieses System, sondern auf alle Systeme, die mit welcher Ideologie auch immer die Menschen unterdrücken. Man muss nicht lange nach aktuellen Beispielen suchen. So hat der Roman seine Aktualität bewahrt. Gruša wurde strafrechtlich verfolgt, als er Teile dieses Romans in der Zeitschrift "Sešity" publizierte. So konnte das Werk erst 1990 in der Tschechoslowakei erscheinen. Es gibt mehrere Versionen des Textes. Im Exil hat Jiří Gruša eine deutsche Fassung erstellt, die 1986 in Köln erschien und dann noch einmal 1991. Sie liegt der neuen deutschsprachigen Ausgabe des Wieser Verlags zugrunde. Milan Uhde, bekannter Dramatiker in Tschechien, Dissident wie sein Kollege Jiří Gruša, schrieb dazu das Nachwort, letztes Zeugnis einer engen Freundschaft.
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2015
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GRUŠA • WERKAUSGABE BAND 3
JIŘÍ GRUŠAWERKAUSGABEDEUTSCHSPRACHIGE AUSGABEHERAUSGEGEBEN VON HANS DIETER ZIMMERMANNUND DALIBOR DOBIÁŠGESAMMELTE WERKE IN 10 BÄNDEN
Jiří Gruša
Roman
Mit einem Vorwort von Hans Dieter Zimmermannund einem Nachwort von Milan Uhde.
Die Herausgabe dieses Buches erfolgtemit freundlicher Unterstützung folgender Institutionen:
Wieser Verlag GmbH
A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12Tel. + 43(0)463 37036, Fax + 43(0)463 [email protected]
Copyright © dieser Ausgabe 2015 bei Wieser Verlag GmbH,Klagenfurt/CelovecAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Josef G. PichlerISBN 978-3-99047-032-9
Der Roman »Mimner« von Jiří Gruša ist ein eigenartiges Werk; er hat nicht seinesgleichen. Ein Mann, der Ich-Erzähler, kommt nicht in eine ihm völlig fremde Welt, er ist von Anfang an darinnen, und je länger er drin ist, umso geringer wird seine Distanz zu dieser Welt, bis er fast dazugehört. Fast, denn am Schluss wird ihm deutlich, dass er nur gejagt und missbraucht wurde bis zu seinem schäbigen Ende.
So fehlt uns, den Lesern, die Distanz, die uns diese merkwürdige, abstoßende, ja ekelhafte Gesellschaft vom Leibe hält, die Distanz, die etwa ein Ethnologe wahrt, der eine ihm fremde Kultur beobachtet und beschreibt. Wir wissen nicht einmal, welche Wesen es sind, die diesen armen Besucher drangsalieren: Menschen, Tiere, Mischwesen aus beiden, gar Dämonen? Jedenfalls haben sie eine eigene Sprache, die der Besucher nach und nach lernt, auf die er sich aber nicht verlassen kann, so wenig wie auf das Verhalten der Einheimischen: Sie sind immer unberechenbar. Und die Worte ihrer Sprache sagen anderes aus, als sie bedeuten. Der Besucher will endlich entfliehen, endlich, denkt der Leser, der von einem erstaunlichen Sog in diesen Text hineingezogen wird. Die Faszination bleibt bis zum Schluss, denn die Flucht misslingt wie alles, was der Besucher zur Verbesserung seiner Lage anzustellen sucht, er macht alles nur schlimmer. Es gibt kein Entrinnen.
Der Roman »Mimner« ist ein eigenartiges Werk; er hat nicht seinesgleichen, denn womit in der empirischen Welt ist etwas Vergleichbares zu diesem Kalpadotia zu finden? Nirgends. Der Roman schildert eine Albtraumwelt, die wir vielleicht in unserem Innern mitunter ahnen oder gar finden können – in der Angst vor Entsetzlichem, das uns droht oder drohen könnte. Deshalb ist auch der Vergleich mit negativen Utopien wenig hilfreich, etwa mit George Orwells »1984«. Dort ist das Modell deutlich zu erkennen als ein aus der schrecklichen Realität des 20. Jahrhunderts abgeleitetes: den Diktaturen Hitlers und Stalins, die ihre Untertanen rücksichtslos kontrollierten und manipulierten, alle Widerstrebenden gnadenlos unterdrückten, wenn nicht ausrotteten.
»Mimner« zeigt keine Diktatur, sondern eine Gesellschaft, deren Mitglieder mit sich selbst und ihren Bräuchen, so widerlich sein mögen, zufrieden sind, Misshandlungen, Quälereien, Mord und Kannibalismus eingeschlossen. Nur der Besucher durchschaut die Regeln nicht, deren Opfer er wird. Nur den Besucher stoßen diese Bräuche ab, wenn er sich auch langsam, aber sicher ihnen anpasst. Der Lieblingstrank der Einheimischen, der ihn zunächst ekelt, wird ihm angenehm, ja, er giert schließlich danach wie die Einheimischen. Doch er gehört nicht dazu, wie er sich auch verhalten mag. Die Einheimischen traktieren ihn.
Ein anderer Text, der sich zum Vergleich anbietet, ist Franz Kafkas Roman-Fragment »Das Schloß«; hier ist eine gewisse Ähnlichkeit zu finden. Ein Fremder kommt in eine Gesellschaft, deren Regeln andere sind als die der Gesellschaft, aus der er stammt. Er durchschaut sie nicht, wie sehr er auch versucht, sich mit ihnen zu arrangieren. Auch er wird zum Spielball der Einheimischen, durchweg primitiver, ihren Trieben anheimgegebener Gestalten. Er wird zum Spielball einer Verwaltung, die ihn offensichtlich an der Nase herumführt. Auch er weiß nicht, was letztlich dahintersteckt. Das Schloss ist unerreichbar und doch in seiner Unerreichbarkeit immer präsent. Aber diese Dorf- und Schloss-Gemeinschaft ist doch noch eine menschliche. Es sind Menschen, die K. begegnen, mitunter auch verständnisvolle, die ihm allerdings nicht helfen können. Der Leser kann sich vorstellen, dass es ein solches Dorf mit Schloss durchaus irgendwo in einer entlegenen Gegend Europas gegeben haben könnte.
Das Land, in das es den Besucher in »Mimner« verschlagen hat, aus welchen Gründen wissen wir nicht, gibt es nicht, in welcher Weltgegend auch immer, kann es nicht geben, weil die Gestalten keine Menschen sind, sondern Unwesen, Fabelwesen. So kann auch die Erfahrung des Autors Jiří Gruša, der als Kind noch Nationalsozialismus und Krieg erlebte und erlitt und als Heranwachsender den Stalinismus, nur bedingt zur Deutung herangezogen werden. Die böse, rücksichtslose, willkürliche, undurchschaubare Staatsgewalt wird jedoch einen Anstoß zum Albtraum »Mimner« gegeben haben, der Vorstellungen abbildet, die während der Schreckensherrschaft in vielen Menschen sich herausbildeten.
Doch es gibt einen Autor, zu dem Gruša in diesem Roman eine stärkere Nähe aufweist als zu Kafka, es ist ein Autor und ein Zeichner: Alfred Kubin. Auch er ist in Böhmen geboren, in Leitmeritz/Litomerice 1877, aufgewachsen ist er in Salzburg und im Salzburgerischen verbrachte er auch sein Leben; er starb 1959. Die frühen Zeichnungen Kubins, um die Jahrhundertwende in München entstanden, die sich etwa im Katalog »Lyonel Feininger und Alfred Kubin. Eine Künstlerfreundschaft« finden (Verlag Hatje Cantz, 2015) und unter dem Titel »Frühe Dämonen« zusammengefasst sind, scheinen Illustrationen zu Grušas Roman »Mimner« zu sein. Etwa das Blatt »Am Canal« (um 1900, Seite 77), das eine Prozession skurriler Gestalten zeigt: merkwürdige Menschen und Tiere, Mischwesen aus beiden, und Gnome, eine fröhliche und scheußliche Schar. Oder »Alltagsmusik« (um 1900, Seite 72): verzerrte Figuren, Fische, die durch die Luft fliegen, eine tote Frau, eine andere, die ihre Röcke hebt, Frosch und Hase, Totenköpfe. Hieronymus Bosch und Francisco Goya inspirierten Kubin. Die Zeichnung »Selbstbetrachtung« (1901/2, Seite 69) bringt das Schluss-Tableau von Grušas Roman: ein geköpfter Mensch, der Kopf liegt auf der Erde und schaut den vor ihm stehenden kopflosen restlichen Körper an.
Aus Illustrationen ist auch Kubins einziger Roman entstanden, den Jiří Gruša kannte: »Die andere Seite«. Alfred Kubin sollte den Roman »Der Golem« seines Freundes Gustav Meyrink illustrieren, Meyrink hatte eine Schaffenskrise und kam nicht voran. Seine Illustrationen zu Meyrink regten daraufhin Kubin zu einem eigenen Roman an. Die elf Zeichnungen zum »Golem« fügte er kurzerhand seinem eigenen Roman ein. Kubins Roman »Die andere Seite« erschien 1909, Meyrinks »Golem« 1915. Erfolg hatten sie beide, Meyrink beim breiten Publikum, Kubin bei den kundigen Kollegen. Sein Werk wurde von den Malern Wassily Kandinsky und Paul Klee gelobt, aber auch von bekannten Literaten wie Max Dauthendey und Stefan Zweig. Franz Kafka lernte Kubin im November 1911 in Prag kennen, im Tagebuch berichtet er darüber. Am 22. Juli 1914 schrieb er eine Postkarte an Kubin: »Vielleicht gelingt es mir, doch noch einmal zu sagen, was mir ihre Arbeit bedeutet.« Gemeint waren offensichtlich nicht nur die Zeichnungen, sondern auch der Roman »Die andere Seite«.
Der erste Teil von Kubins Roman heißt »Der Ruf«. Der Ich-Erzähler wird in die Stadt »Perle« in einem entlegenen Land eingeladen, die von seinem Schulfreund Patera regiert wird. Der zweite Teil »Perle« schildert das verrückte Leben in der Stadt selbst, eine verdrehte, verkehrte Welt, wie sie auch »Mimner« darstellt. Der dritte Teil heißt »Der Untergang des Traumreichs«. Er erzählt von einem fürchterlichen Kampf von Widersachern Pateras, der zum Tod fast aller Bewohner Perles führt und schließlich auch zum Ende Pateras, der kein Mensch ist, sondern ein Ungeheuer, das sich verwandelt und auch wie Luzifer in schöner bezaubernder Gestalt auftreten kann. Hier lässt Kubin seiner Phantasie freien Lauf. Teile der Stadt versinken im Sumpf, Molche, Käfer, Unken und anderes Getier überfallen den Rest der Stadt. Eine Masse von »Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern« wälzt sich wie ein Lavastrom heran: »In diesem in allen Farben der Verwesung schillernden Gemenge stapften die letzten Träumer herum«. Die Bilder, die Kubin befügt, erinnern den Leser an die Leichenberge in den befreiten Vernichtungslagern. Im Blick auf die eigene Geschichte haben viele noch nach dem Zweiten Weltkrieg Kubins Traumreich-Roman gelesen – bis in die sechziger Jahre hinein. Dann wurde der Roman nur noch wenig beachtet.
So sehe ich den Roman »Mimner« von Jiří Gruša in der Nähe zu Kafkas Roman »Das Schloß«, mehr noch in der Nähe zu Kubins Roman »Die andere Seite«. Grušas Roman ist keine negative Utopie, sondern Traumliteratur, Albtraumliteratur. Er bildet Albträume aus, die durch die realen Schrecken des 20. Jahrhunderts hervorgerufen wurden. Und weiterhin durch reale Schrecken hervorgerufen werden; ein Blick in die Zeitung lehrt es uns.
Hans Dieter Zimmermann
Für Petr Kabeš
Schlecht verstand ich ihre Sprache.
Es war mein Glück, dass man mich zu diesem Atzi schickte, der keinen Dialekt sprach, obwohl auch sein Alcha nicht lautrein war, denn das ist die größte Schwierigkeit hier, dass man so viele Mundarten hat, so viele Vokale (davon allein sieben verschiedene »e«), die nicht nur Wörter voneinander unterscheiden, sondern noch während des Gespräches die schon vorhandenen Bedeutungen verschieben, sodass manchmal ein Eindruck gewisser Biederkeit entsteht, obwohl die Aussage inzwischen gefährlich geworden ist.
Und das höre ich nicht.
Doch dieser Atzi verhielt sich ganz freundlich, lud mich in sein Haus (mit den üblichen Einheitstapeten überzogen), ließ einen Trunk namens alse bringen und bot mir Platz an in einem der Brutkörbe, eigentlich in einem auf diese Weise und sicherheitshalber gebauten Korbstuhl, in dem man hierzulande zu sitzen pflegt, solange die Stimmung durch den alse nicht locker wird.
Es gilt nämlich als ungehörig, jemanden bei diesem Umtrunk zu töten.
Es wurde dunkel, so machten sie Licht, und das Licht drang durchs Geflecht, formte an den Wänden und der Decke in verschiedenartigen Gebilden die Nummer dieser Ortschaft, als ich hinter mir in der Ecke einen Gegenstand erblickte, der mir zum Verhängnis werden sollte.
Er sah wie eine Harfe aus.
Da ich weiß, wie selten hier Musikinstrumente vorkommen, gab ich meiner Überraschung Ausdruck und fragte Atzi, ob er spiele. Zuerst war er verlegen, denn »spielen« hat, ähnlich wie bei uns, mehrere Bedeutungen, dann aber bemerkte er – und es schien mir höhnisch zu klingen –, er tue es nur ausnahmsweise, an Festtagen und natürlich immer mit diesem
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