Der 48-Stunden-Mann - Susan Mallery - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

"Ich brauche einen Ehemann." Nach einem Margarita und einigen Gläsern Tequila schaut Polizistin Hannah in Nick Archers blaue Augen und sieht die Lösung ihrer Probleme vor sich: Dieser sexy, aber zwielichtige Grundstücksmakler ist ihr Mann! Für ein Wochenende jedenfalls, an dem er beim ersten Treffen mit ihrer Mutter den glücklich Verheirateten spielen soll. Dass Hannah den echten nach genau fünf Tagen abgeschrieben hat, muss so niemand erfahren … Und tatsächlich spielt Nick seine Rolle glänzend, entpuppt sich nicht nur als Traum aller Schwiegermütter, sondern lässt auch Hannahs Herz höher schlagen. Schon träumt sie von einer Zukunft an seiner Seite, da kommt für alle die erschütternde Wahrheit ans Licht: Es existiert niemand mit dem Namen Nick Archer!

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Zeit:4 Std. 41 min

Sprecher:Floriane Kleinpaß


Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Susan Mallery

Der 48-Stunden-Mann

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Barbara Alberter

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Jürgen Welte

Copyright © 2019 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Husband by the Hour

Copyright © 1997 by Susan W. Macias

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l

Umschlaggestaltung: HarperCollins Germany / Deborah Kuschel

Redaktion: Daniela Peter

Umschlagabbildung: GettyImages_rudall30, losw

Satz: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN (eBook, EPUB) 9783745751185

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

1. KAPITEL

Du musst aus der Stadt verschwinden“, drängte Captain Rodriguez.

Nick Archer lehnte sich im Stuhl zurück und rieb sich die Schläfen. „Glaubst du, das weiß ich nicht? Leichter gesagt als getan.“

Das war gelogen, denn so schwer fiel es ihm gar nicht zu verschwinden. Er hatte es bereits hundertmal praktiziert. Er ging einfach. Diesmal hielt ihn allein die Tatsache zurück, dass ihm kein einziger Ort einfiel, wo er hingehen könnte, und das war für einen Mann wie ihn eine ganz schön vertrackte Situation.

Rodriguez wandte sich seinem Computer zu und tippte auf ein paar Tasten. „Sie sind dir auf den Fersen, Nick. Wenn du auffliegst, bist du in weniger als vier Stunden ein toter Mann. In Southport Beach bist du nicht sicher, dazu ist es zu klein. Verlass die Stadt. Verschwinde aus Südkalifornien.“

„Ja, wird gemacht.“ Sowie er wusste, wohin. Der Mai war fast überall ein schöner Monat. Vielleicht sollte er nach Vegas gehen. Dort könnte er seine Spur verwischen und tagelang untertauchen. „Ich melde mich, wenn ich dort bin, und werde dafür sorgen, dass ein Telefon in der Nähe ist.“

„Gute Idee“, erwiderte der Captain. „Du hast bei diesem Einsatz alles riskiert. Jetzt geht es nur noch um ein paar Tage, allerhöchstens zwei Wochen. Dann haben die Jungs vom FBI, was sie brauchen, und wir können die Haftbefehle ausstellen. Ende des Monats bist du wieder auf deiner Dienststelle in Santa Barbara.“

„Ich bin begeistert.“

Nicks Einsatz als verdeckter Ermittler hatte mehr als ein Jahr gedauert. Es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, nach Santa Barbara zurückzukehren und die Fäden seines alten Lebens wieder aufzunehmen. Nach einem Jahr – wie viel Leben würde es da noch geben, das er wieder aufnehmen konnte?

Er erhob sich und ging zur Tür. Als er sie aufzog, runzelte Rodriguez die Stirn und rief dann laut: „Wenn Sie Pentleman aus dem Gefängnis holen wollen, werden Sie schon eine Kaution hinterlegen müssen. Diesmal lassen wir uns auf keinen Deal ein.“

Pentleman, ein kleiner Ganove, war heute am frühen Morgen bei einem Raub festgenommen worden. Er war einer von Nicks „Angestellten“ und hatte ihm einen Vorwand geliefert, zur Polizeistation zu kommen, um mit Rodriguez zu sprechen. Nur sein Captain in Santa Barbara, Rodriguez hier in Southport Beach und der FBI-Agent, der die verdeckten Ermittlungen koordinierte, kannten Nicks wahre Identität. Der Rest der Welt hielt ihn für einen erfolgreichen Kriminellen.

Wie zum Spott salutierte Nick vor Rodriguez und ging nach vorn zur Anmeldung. Er würde die Kaution für Pentleman stellen und dann die Stadt verlassen. Die Frage, wohin, nagte an ihm, bis er Hannah Pace entdeckte, die gerade ihre Schicht beendete. Sie wechselte ein paar Worte mit der jungen Beamtin, die ihren Platz an der Telefonanlage einnahm. Als sie sich umdrehte und auf den Flur trat, entdeckte sie Nick. Entnervt schloss sie kurz die Augen.

Nick lief die letzten Schritte, um sie einzuholen. Hannah war eine große Frau, beinahe eins achtzig, mit langen Beinen und einer linkischen Anmut, die ihn an ein galoppierendes Fohlen erinnerte. Da er selbst einen Meter fünfundneunzig groß war, fiel es ihm leicht, Schritt mit ihr zu halten. Sie ignorierte ihn. Es war schon ein Ritual zwischen ihnen, ein Ritual, das er mehr genoss, als er zugeben wollte.

„Hallo, Schönheit, schon Feierabend?“

„Offensichtlich.“ Das einzelne Wort klang abgehackt.

Sie würdigte ihn keines Blickes, nicht einmal, als er ihr den Arm um die Schultern legte und sie an sich zog. Stattdessen hob sie nur sein Handgelenk an und ließ es hinter sich fallen. Nick nutzte die Lage, um einen Klaps auf ihren wohlproportionierten Po zu landen, was ihm einen kurzen wütenden Blick einbrachte.

„Ich trage eine Waffe“, fauchte sie und steuerte den Nebeneingang an, der zum Bedienstetenparkplatz führte. „Und bei zwielichtigem Abschaum wie Ihnen scheue ich auch nicht davor zurück, sie zu gebrauchen.“

„Hannah, Sie verstehen mich völlig falsch. Ich respektiere Sie.“

„Ach ja, richtig. Und was soll das heißen? Dass Sie nicht erwarten, für Sex mit mir zahlen zu müssen?“

In gespieltem Entsetzen schlug er sich die Hand an die Brust. „Ich bin zutiefst verletzt.“

Sie zog die Tür auf und ging hinaus. Warme Luft, die nach Meer und Sonne roch, hüllte sie ein. Der klare Himmel strahlte in kalifornischem Blau. Hätte er sich die Mühe gemacht, aufs Meer zu blicken, hätte er bis zur Insel Santa Catalina sehen können. Nick bezweifelte jedoch, dass es einen reizvolleren Anblick geben könnte als die Frau vor ihm.

Hannah blieb stehen, holte tief Luft und starrte ihn mit großen braunen Augen an. Die Farbe erinnerte ihn an Milchschokolade, für die er schon immer eine Schwäche gehabt hatte. Und wie es schien, hatte er auch eine Schwäche für Frauen in Uniform, selbst wenn ihm das noch nie aufgefallen war, bis er Hannah darin gesehen hatte. So ein vernünftig geschnittenes Kleidungsstück, das sich der weiblichen Figur anschmiegte, hatte etwas, das sein Blut erwärmte und sich auch sonst anregend auf seinen Körper auswirkte. Nur dass es nicht irgendeine weibliche Figur war, sondern die von Hannah.

„Was wollen Sie, Nick?“

Sie hatte ihre Abwehrhaltung aufgegeben und klang müde. Bei genauerem Hinsehen konnte er Schatten unter ihren Augen erkennen. Das dicke, glänzend dunkle Haar war zu einem strengen Knoten zurückgebunden, aus dem sich auch nicht eine einzige Locke gelöst hatte, die ihn hätte provozieren können. Und doch juckte es ihm in den Fingern, den schweren Knoten zu lösen.

„Lassen Sie sich doch einmal auf einen Drink von mir einladen“, sagte er und schenkte ihr sein schönstes Lächeln, das in der Regel immer funktionierte. An zahllosen Frauen hatte er es erprobt, immerhin mit so viel Erfolg, dass seine Freunde sich schon beklagten. Der einzige Mensch, der dagegen immun zu sein schien, war Hannah. Ein ganzes Jahr lang hatte sie seine Neckereien, seine Komplimente, seine Sprüche und Einladungen ignoriert. Er hatte den Verdacht, dass sie ihn als eine Lebensform ansah, die nur wenig über der einer Kakerlake angesiedelt war.

Lange schaute sie ihn nur an. „Sie geben nicht auf, richtig?“

Sein Lächeln wirkte jetzt leicht verrucht. „Bei Ihnen? Niemals.“

„Warum? Was reizt Sie denn so an mir?“

Die Frage überraschte ihn. Normalerweise verdrehte sie nur die Augen und ging einfach weiter.

„Es gefällt mir, wie gut Sie Ihren Schreibtisch aufräumen. Diese vielen Stapel sehen immer so ordentlich aus.“

Sie schüttelte den Kopf. „Genau das, was ich mir gedacht habe. Sie sind nichts als ein Schuljunge, der gegen Autorität rebelliert.“

Bevor sie sich abwenden konnte, hielt er sie mit einer Hand am Arm fest. Die Bluse ihrer Uniform hatte kurze Ärmel, so konnte er ihre warme Haut fühlen – und auch das leichte Zittern, das sie überlief.

„Es ist mehr als das, Hannah.“ Er beugte sich zu ihr und legte den Zeigefinger seiner freien Hand an einen ihrer Mundwinkel. „Mir gefällt, wie Ihre Lippen immer ein wenig nach oben zeigen, selbst wenn Sie wütend sind. So wie jetzt.“

Sie trat einen Schritt zurück und entzog ihm ihren Arm. „Ich bin nicht wütend. Ich bin ungeduldig.“

„Ungeduldig?“ Er hob eine Augenbraue. „Das finde ich gut. Ungeduld. Könnte es sein, dass diese Ungeduld ein wenig damit zu tun hat, dass Sie schwach werden?“

„Oh, werden Sie erwachsen“, schnaubte sie und ging zum Parkplatz.

„Hannah Pace, ich bin schon lange ein Mann. Und erzählen Sie mir nicht, dass Sie das nicht bemerkt hätten, denn ich habe Sie dabei ertappt, wie Sie mich gemustert haben.“

Damit brachte er sie aus dem Tritt, und sie wirbelte zu ihm herum. „Ich habe Sie nie gemustert.“

Nick trat auf sie zu und senkte die Stimme. „Aber sicher haben Sie das. Sie halten mich für einen gut aussehenden Charmeur.“

„Ich halte Sie für einen Dieb und Betrüger und weiß Gott was sonst noch alles.“

„Ich wusste doch, dass Sie sich Gedanken über mich machen.“

„Verdammt“, murmelte sie. Dann atmete sie bewusst langsam. „Wie kommt es, dass Sie immer das letzte Wort behalten?“

„Weil Sie glauben, dass ich Sie nur provozieren will, aber ich sage die Wahrheit.“

Erstaunlicherweise tat er das wirklich. Jedes Wort, das er ihr sagte, meinte er ernst. Er fand sie schön, witzig, klug und auch alles andere, was er ihr im Laufe des letzten Jahres gesagt hatte. Hannah würde ihm nie glauben, darum konnte er es gefahrlos aussprechen. Manchmal fragte er sich allerdings, was die kühle, unnahbare Lady wohl denken würde, wenn sie wüsste, dass er sich aufrichtig von ihr angezogen fühlte.

Verständnislos blinzelte sie ihn an. Er nutzte ihre Verwirrung und legte ihr wieder den Arm um die Schultern. „Das Problem ist“, erklärte er ihr, „dass Sie mir nie eine Chance gegeben haben. Ich bin nicht annähernd so schlecht, wie Sie glauben. Oder vielleicht bin ich das sogar, und genau das ist es, was Sie vor allem an mir reizt. Ein Drink. Was könnte das schaden?“

Während er weiterredete, führte er sie zu seinem dunkelblauen Mercedes Cabriolet, eine der Zusatzleistungen bei diesem Einsatz. Natürlich würde ihm der Wagen wenig nützen, wenn er am Ende starb. Noch zwei Wochen, und der Job wäre erledigt. Dann konnte er in sein normales Leben zurückkehren, und einen Nick Archer würde es nicht mehr geben.

An der Beifahrerseite blieb er stehen und zog die Schlüssel aus der Tasche.

Hannah musterte den Wagen mit kritischem Blick. „Ist der gestohlen?“

„Wenn ich jetzt Nein sage, werden Sie dann Ja sagen?“

„Ist er es?“

Er öffnete die Tür und deutete auf den hellgrauen Ledersitz. Dabei war er absolut darauf gefasst, dass sie ihm eine Ohrfeige verpassen und ihm ein paar unzüchtige Schimpfnamen an den Kopf werfen würde, um dann zu ihrer praktischen Limousine zu stolzieren, die auf der anderen Seite des Parkplatzes stand. In Erwartung des Schlags spannte er sogar schon die Muskeln.

Der aber erfolgte auf eine völlig andere Weise.

Es war der pure Schock. Ein Schock, der ihn völlig betäubte, als sie murmelte: „Ich bin verrückt geworden“, und auf den Sitz in seinem Wagen rutschte.

Sorgfältig schloss Nick die Beifahrertür und fluchte im Stillen. Das war mal wieder typisch. Just an dem Tag, an dem er aus der Stadt verschwinden musste, beschloss die Eiskönigin zu schmelzen.

Hannah tippte mit der Zunge an den Rand ihres Glases und ließ das Salz im Mund zergehen. Sie betete darum, nicht würgen zu müssen – oder Schlimmeres – und griff nach dem kleinen Glas Tequila, das neben ihrem Margarita stand. In einem einzigen Schluck kippte sie es hinunter.

Es brannte wie Feuer, und sie rang hörbar nach Luft, musste aber nicht husten. Dann blinzelte sie die Tränen weg, die ihr in die Augen geschossen waren. Schon besser, dachte sie erleichtert, als das Feuer sich in eine beinahe angenehme Wärme verwandelte.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte Nick und runzelte leicht die Stirn.

„Alles bestens“, brachte sie zustande, wobei ihr die Stimme alkoholbedingt nur leise in der Kehle kratzte.

Nick lehnte sich auf dem roten Sitz in ihrer Nische zurück. „Die Runde geht an Sie, Hannah. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass Sie Kurze trinken könnten.“

Wie um ihm zu sagen, dass es eine Menge gab, was er nicht von ihr wusste, zuckte sie mit den Schultern. Eigentlich wusste er gar nichts von ihr, aber was seinen letzten Satz betraf, hatte er recht. Vor diesem Abend hatte sie so etwas noch nie getrunken. Und das wird sich auch wohl kaum wiederholen, sinnierte sie, während der Alkohol ihr wie eine Welle in den Kopf schoss und den Raum leicht ins Wanken brachte. Gewöhnlich beschränkte sie sich auf ein einziges Getränk wie Weißwein oder eher noch Schorle. Zu besonderen Gelegenheiten gönnte sie sich ein Glas Champagner. Aber heute war es anders. Sie war bei ihrem zweiten Margarita und hatte sich dazu noch jeweils einen Tequila pur bestellt.

Wie hieß das noch? Sich Mut antrinken? Da brauchte sie schon eine Menge und obendrein so viel wie möglich aus jeder anderen Quelle, die ihr das bieten konnte. Wenn sie wirklich tun wollte, woran sie dachte, würde sie jedes Quäntchen Wagemut aufbieten müssen, das sie besaß. Und wenn nicht, würde sie einer alten Frau das Herz brechen. Sie saß sozusagen zwischen Baum und Borke. Manchmal war das Leben einfach nicht fair.

Die Kellnerin, die ihnen die Cocktails serviert hatte, kam an ihren Tisch und fragte, ob sie noch etwas trinken wollten.

Die Frage war an sie beide gerichtet, aber die Aufmerksamkeit der Frau galt eindeutig Nick. Hannah konnte ihr keinen Vorwurf machen. Sie selbst hatte häufiger Schwierigkeiten, andere Personen wahrzunehmen, wenn er in der Nähe war. Ganz als wäre die Welt in Dunkel getaucht und Nick die einzige Lichtquelle. Dass er auch der Kellnerin auffiel, bedeutete nur, dass die Frau einen guten Geschmack besaß.

Hannah widerstand dem Bedürfnis, stöhnend den Kopf auf die Hände zu legen. Wenn sie anfing, positiv über Nick Archer zu denken, musste sie betrunkener sein, als sie glaubte. Er war nichts weiter als ein ganz gewöhnlicher Krimineller. Oh, man hatte ihn noch nie wegen irgendwas verhaftet … zumindest war keiner der Vorwürfe aufrechterhalten worden. Sein polizeiliches Führungszeugnis war lupenrein. Aber solche Typen kannte sie. Die waren aalglatt. Viel zu glatt für jemanden wie sie.

„Hannah?“ Nick deutete auf ihr Glas, das sie halb ausgetrunken hatte.

Sie winkte ab, und er entließ die Kellnerin. Die vollbusige Blondine bedachte ihn mit einem Lächeln, bevor sie verschwand. Komisch, er schien es nicht einmal zu bemerken.

„Aber sie ist schön“, platzte Hannah heraus und hielt sich viel zu spät die Hand vor den Mund, um die Worte noch zurückzuhalten.

Nick runzelte die Stirn. Das war jetzt schon das zweite Mal in ebenso vielen Minuten. Hannah mochte es, wenn sich seine Augenbrauen so zusammenschoben. Dann wurde seine Stirn ganz kraus, und wenn er sich entspannte, sah sie wieder ganz glatt aus.

„Wer ist schön?“

Da sie ihre Bemerkung schon fast wieder vergessen hatte, brauchte sie einen Augenblick, um zu begreifen, wovon er sprach. „Die Kellnerin.“

Er warf nicht einmal einen Blick in Richtung Bar, um die betreffende Frau zu finden. „Wenn Sie meinen.“

„Finden Sie etwa nicht, dass sie gut aussieht?“

„Ist mir nicht aufgefallen.“

„Ja, klar.“

Junge, als Nächstes würde er ihr von seinem Strandgrundstück in Arizona erzählen, dem nur noch das große Beben fehlte, das Kalifornien ins Meer schieben würde. Nur dass Kalifornien bei einem Erdbeben nicht im Meer landen würde. Die tektonischen Platten schoben sich nach Norden. Irgendwann einmal würden Los Angeles und San Francisco auf Pendlerdistanz nebeneinanderliegen. Höchstens noch zwei Millionen Jahre, dann war es geschafft.

„Geografie hat mir immer Spaß gemacht“, sagte sie.

„Darum können Sie Ihr Grundstück mit Meeresblick gern behalten.“

„Wie bitte?“

Er wirkte verwirrt. Völlig perplex. Hannah lächelte. Zumindest hatte sie das Gefühl, sie würde lächeln, aber das war schwer zu sagen, denn ihre Lippen fühlten sich ganz taub an. Perplex. In Gedanken wiederholte sie das Wort. Ein schönes Wort mit einem guten Klang. Sie sollte versuchen, es öfter einmal in einen Satz einzubauen.

„Hannah?“

Sie schaute auf und sah, dass Nick sie verwirrt ansah.

„Was?“, fragte sie.

„Was soll das heißen, ‚was‘? Warum reden Sie von Geografie?“

„Mach ich doch gar nicht.“

„Aber Sie haben gerade gesagt …“ Er schüttelte den Kopf. „Es hat Sie umgehauen. Ich fasse es nicht. Eineinhalb Margaritas, da kann man von einem Leichtgewicht reden.“

„Und noch zwei Kurze“, rief sie ihm ins Gedächtnis und überlegte, ob sie protestieren sollte, weil er behauptete, sie wäre betrunken. Natürlich war sie das. Und dann dieses lästige taube Gefühl, das ihr von den Lippen in die Wangen strahlte. „Das ist Ihre Schuld“, brummelte sie.

„Meine Schuld? Wie das?“

„Sie sind immer da.“ Sie trank noch einen Schluck von ihrem Cocktail. „Sie quatschen mich an. Laden mich ein. Warum machen Sie das?“

„Vielleicht, weil ich Sie mag.“

„Oh, sicher.“ Er mochte sie. Richtig, ja. Daran bestand keinerlei Zweifel. Schließlich waren durchschnittlich aussehende Polizeibeamtinnen der Traum eines jeden Mannes. Nur komisch, dass sie nicht täglich hundert Angebote bekam.

„Sie glauben mir nicht.“ Es war keine Frage.

„Warum sollte ich?“

Langsam verzog er die Lippen zu einem leichten Lächeln, dessen Wirkung sie bis hinunter in die Zehenspitzen spürte. Er sah sündhaft gut aus mit seinen großen nachtblauen Augen, die von dichten Wimpern – eine Art Mittelbraun mit etwas Gold an den Spitzen – umrahmt wurden. Dazu das stufig geschnittene goldblonde Haar, das ihm gerade bis an den Kragenrand reichte. Nick Archer hatte breite Schultern und – soweit sie das unter den teuren Anzügen erkennen konnte – einen fantastischen Körper. Obwohl er ein Krimineller war, kleidete er sich wie der Manager eines Großunternehmens. Er war witzig, auch wenn sie sich immer alle Mühe gab, nicht über seine Witze zu lachen. Ein Schwätzer war er, charmant und bei Weitem eine Nummer zu groß für sie. Sie würde sich hüten, irgendetwas von dem zu glauben, was er ihr sagte.

Nick beugte sich vor und berührte ihre Hand. Es war nur sein Finger, der ihre Haut kaum streifte. Und obwohl sich ihre Wangen völlig taub anfühlten und sie ihre Beine schon gar nicht mehr spürte, brannte diese kleine Berührung durch sie hindurch wie Laser durch Stahl.

Sie sagte sich, dass sie ihre Hand zurückziehen oder ihm wenigstens einen ordentlichen Klaps geben sollte. Aber sie tat nichts, als auf seinen Finger, seine Hand und ihre beiden Hände zu starren, die so nah nebeneinanderlagen. Dann wurde ihr die Brust eng, und sie befahl sich zu atmen.

„Was ist los, Hannah?“

„Nichts.“

„Blödsinn. Ich kenne Sie, und irgendetwas stimmt nicht.“

Es machte sie nervös, dass er so sicher klang. Sie entzog ihm ihre Hand und legte sie in den Schoß, dann trank sie noch einen Schluck Margarita. Dabei sah sie sich möglichst unauffällig um und versuchte herauszufinden, ob jemand in der Bar war, den sie kannte. Das war nicht sehr wahrscheinlich, denn ihre Kollegen von der Dienststelle hatten ihr eigenes Stammlokal – und das war nicht dieses schicke Strandetablissement. Sie saß mit Nick in einer der hinteren Ecknischen und konnte rechts aufs Meer schauen. Gerade ging die Sonne unter und warf ein Muster in gelbem und rotem Licht auf das ruhige Wasser. Ein Moment wie aus dem Bilderbuch, komplettiert durch ihren attraktiven, wenn auch leicht verschwommen aussehenden Begleiter.

„Sie kennen mich überhaupt nicht“, erwiderte sie.

„Ich weiß, dass Sie mir nicht vertrauen. Also – warum haben Sie meine Einladung angenommen?“

„Vielleicht hat mich Ihr Charme besiegt.“

Da lachte er schallend, und das klang so angenehm, dass es ein Lächeln auf ihre Lippen zauberte. „Versuchen Sie’s mit etwas anderem“, sagte er.

Ihr fiel auf, dass er nicht das Einzige war, das vor ihren Augen verschwamm. Der Raum, in dem sie saßen, hatte begonnen, sich in den Ecken zusammenzufalten. Wann war sie zuletzt so betrunken gewesen? Ein einziges Mal, entsann sie sich vage. Bei der Hochzeit einer Freundin. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann genau das gewesen war. Fünf Jahre mochte es jetzt her sein.

Warum war sie mit Nick ausgegangen? Sie ignorierte den aus den Fugen geratenen Raum und dachte über seine Frage nach. Weil er sie ein Jahr lang ungefähr zweimal in der Woche eingeladen hatte und sie jedes einzelne Mal gern Ja gesagt hätte.

Wenn eine Frau wie sie sich von einem Mann wie ihm angezogen fühlte, war das dumm. Nicht nur, weil er so viel besser aussah. Noch nicht einmal, weil sie Polizistin und er ein Krimineller war. Der Grund war, dass Nick auf einer völlig anderen Ebene existierte als sie selbst. Er ließ sich auf den Moment ein, während sie den Kopf gesenkt hielt. Er bestand aus spontanem Lachen, spontaner Freude, spontanem Sex – ups, wo kam das jetzt her? –, während sie alles im Voraus plante. Er scherzte und flirtete, während sie sich die Welt vom Leibe hielt.

„Ich brauchte mal eine Pause“, antwortete sie schließlich – vor allem, weil es die Wahrheit war.

„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das nur ein Vorwand ist. Sie benutzen mich, um etwas vor sich herzuschieben, wozu Sie keine Lust haben.“

Ihr Kopf fuhr hoch, und das erwies sich als großer Fehler. Das leichte Wabern verwandelte sich in ein wildes Drehen. Selbst ihr Sitz schien in Bewegung zu geraten. Dann holte sie ein wenig Luft, und alles pendelte sich auf einer Ebene ein, mit der sie zurechtkam.

„Vielleicht“, räumte sie ein.

Hannahs Hände lagen jetzt wieder auf dem Tisch. Er streckte den Arm aus, nahm eine davon in seine Hand und strich ihr mit dem Daumen über die Finger. Es fühlte sich angenehm an.

„Ich brauche einen Ehemann“, platzte sie heraus.

Es sprach für Nick, dass er die Hand nicht zurückzog oder sich auch nur versteifte. Stattdessen strich sein Daumen weiter auf und ab, auf und ab. Eine träge Hitze kroch ihr den Arm hinauf. Nach wie vor hielt er ihren Blick fest, während die Andeutung eines Lächelns noch in seinen Mundwinkeln schwebte. Vielleicht hatte er sie nicht gehört. Möglich wäre auch, dass sie es gar nicht laut ausgesprochen hatte.

Dann fragte er ruhig: „Einen Ehemann? Aus dem üblichen Grund?“

„Üblicher Grund? Was soll das heißen?“ Sie dachte einen Augenblick nach. „Oh. Oh! Ach nein, das nicht. Ich meine, ich bin nicht schwanger.“

Es war ihr ungeheuer peinlich, und sie kippte sich den Rest ihres Drinks hinunter. Kurz dachte sie daran, die Kellnerin heranzuwinken und noch einen zu bestellen, entschied jedoch, dass ihr Kater am nächsten Morgen auch so schon groß genug sein würde. Abgesehen davon war Nick noch immer bei seinem ersten Bier, und selbst das hatte er kaum angerührt.

„Gut.“

Sie blinzelte. Wovon redete er? „Was ist gut?“

„Ich bin froh, dass Sie nicht schwanger sind.“

„Ich auch. Oh, die Sache mit dem Ehemann.“ Mit ihrer freien Hand machte sie eine wegwerfende Bewegung. „Es geht um eine Familienangelegenheit. Darum muss ich ein paar Tage lang verheiratet sein. Keine Ahnung. Vielleicht auch nicht. Vielleicht sollte ich doch lieber einfach die Karten auf den Tisch legen. Aber sie ist so alt. Wenn der Schock sie nun umbringt?“ Mit ernsten Augen sah sie ihn an. „Das würde ich wirklich nicht wollen. Eigentlich kenne ich sie ja nicht einmal, aber ich will sie kennenlernen. Glauben Sie, das wird sie verstehen?“

„Ja.“

Hannah erlebte einen Augenblick der Klarheit. „Sie haben keinen Schimmer, wovon ich hier rede.“

„Stimmt. Aber ich mag den Klang Ihrer Stimme, also reden Sie nur weiter.“

Sie bemerkte, dass er noch immer ihre Finger mit dem Daumen streichelte. Nicht ohne Bedauern entzog sie sich dem verführerischen Kontakt. Wenn es doch nur wahr wäre. Wenn Nick Archer doch nur wirklich eine scharfe Puppe in ihr sehen würde!

Über diesen Gedanken musste sie lachen. Sie war athletisch gebaut, sie war stark, und sie trug bei der Arbeit eine Pistole. Irgendwie konnte sie sich kaum vorstellen, dass sie unter die Definition des Wortes Puppe fiel.

Er spielte mit ihr, weil es ihn amüsierte, und wahrscheinlich auch, weil sie ihm nicht gleich auf den ersten Blick vor die Füße gesunken war.

„Sie könnten doch einen Ehemann engagieren“, schlug er vor. „Wenn es nur vorübergehend ist.“

„Oh ja, das ist es. Nur für ein paar Tage. Glauben Sie mir, daran habe ich auch schon gedacht, und ich könnte anrufen …“ Sie funkelte ihn böse an. „Sie lachen über mich.“

„Nur ein bisschen. Also, Hannah, wie sieht Ihr idealer Mann aus? Welchen Typ würden Sie anfordern? “

Einen Mann wie Nick. Er war perfekt, zumindest physisch. Aber sie hatte nicht vor, ihm das zu sagen. Dazu müsste sie noch viel betrunkener sein als jetzt.

„Wie jemand, der sich an die Gesetze hält“, antwortete sie.

Er zuckte zurück, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. „Das tut weh. Wollen Sie etwa behaupten, dass ich kein gesetzestreuer Mensch bin?“

„Sie sind ein ganz gewöhnlicher Krimineller.“

„Vielleicht bin ich ja ein Krimineller, aber gewöhnlich war ich noch nie.“ Entspannt lehnte er sich zurück. „Wie lange werden Sie den Kerl brauchen?“

„Zwei oder drei Tage. Nur so lange, um rauf in den Norden zu fahren, meine Familie kennenzulernen und wieder zurückzukommen.“

„Klingt einfach genug. Was springt dabei heraus?“

„Warum fragen Sie das?“

„Sie wären doch niemals in der Lage, einen Escortservice anzurufen und jemanden anzuheuern. Das wissen wir doch beide. Nehmen Sie mein Interesse einfach als freundschaftliche Geste.“

„Aber wir sind keine Freunde“, murmelte sie und räusperte sich. Nick? Als temporärer Ehemann? Sie schauderte. Das würde niemals funktionieren.

„Wie viel?“, fragte er. Als sie ihn verständnislos ansah, formulierte er die Frage anders: „Wie viel sind Sie bereit zu zahlen?“

„Ich weiß nicht genau. Über Geld habe ich noch gar nicht nachgedacht.“ Wie hoch mochte der Stundenlohn für Scheinehemänner heutzutage liegen? „Ist aber auch egal. Sie sind dafür nicht geeignet. Es tut mir leid, dass ich es überhaupt erwähnt habe.“

Sie wollte aus der Nische rutschen, aber es fiel ihr schwerer, sich zu bewegen, als sie geglaubt hätte. Wieder legte er eine Hand auf ihre, und wieder stieg die verdammte Hitze in ihr auf, sodass sie sich gar nicht mehr bewegen wollte.

„Ich helfe Ihnen gern“, sagte er. „Ich muss sowieso für ein paar Tage aus der Stadt verschwinden.“

„Oh, darauf würde ich wetten. Was ist es denn diesmal? Irgendein Immobiliengeschäft schiefgelaufen? Oder vielleicht hat auch der Mann einer Ihrer Frauen beschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.“

Lange schaute Nick sie nur an. Irgendetwas flackerte in seinem Blick, etwas Dunkles, Geheimnisvolles. Dann blinzelte er, und es war verschwunden. „Sie würden es mir doch nicht glauben, wenn ich es Ihnen sagte“, erklärte er leichthin. „Sehen Sie den Tatsachen ins Auge, Hannah. Wo sonst werden Sie einen Mann finden, der so kurzfristig bereit wäre, Ihren Ehemann zu spielen?“

Er hatte recht. Sicher wäre sie weder in der Lage, einen Mann dazu zu verführen, noch war sonst ein Mann in greifbarer Nähe. Mit Ausnahme von Nick. Nicht, dass sie daran interessiert wäre, Nick zu verführen.

Da sie die vage Befürchtung hatte, gleich vom Blitz getroffen zu werden, zog sie vorsorglich den Kopf ein. Als dies nicht geschah, richtete sie sich wieder auf. Im Grunde hätte sie es weitaus schlechter treffen können. Wenigstens sah er hinreißend aus. Und er reagierte schnell. Sollte jemand anfangen, Fragen zu stellen, wäre Nick in der Lage, sie souverän zu parieren. Es ging nur um ein paar Tage, und schlussendlich war es nicht so, als ständen ihr massenhaft Alternativen zur Verfügung.

„Ich werde zweihundert Dollar zahlen plus Reisekosten“, sagte sie und biss sich gleich darauf auf die Zunge. Aber es war zu spät, die Worte waren heraus.

Erstaunt sah er sie an. „Ich hatte eher an einen Tauschhandel gedacht. Ein Wochenende Ehemann spielen gegen eine Nacht …“

Abwehrend hob sie eine Hand. „Sprechen Sie es nicht aus.“

„Leidenschaftlicher Liebe“, beendete er dennoch seinen Satz.

Hannah wand sich. „Vierhundert, auf die Hand. Keine Berührungen.“

„Das können wir übers Wochenende ja noch weiter verhandeln. Wann wollen Sie aufbrechen?“

Hatte sie wirklich eine Wahl? Sie wäre niemals in der Lage, einen Escortservice anzurufen. Und war es nicht besser, Nick mitzunehmen, als einer alten Frau das Herz zu brechen? „Morgen früh. Ich will am Samstag dort sein.“

„Wo ist dort?“

„Nordkalifornien.“

Er hielt ihr die Hand hin. „Abgemacht?“

Sie wünschte, sie hätte noch einen Tequila, der ihr Mut einflößen würde. Sie wünschte, sie hätte kein Wort davon erwähnt. Sie wünschte, sie wäre nie in seinen Wagen gestiegen.

Aber wünschen änderte nichts, und eine bessere Möglichkeit gab es nicht. Wahrscheinlich war das überhaupt der Grund, warum sie sich darauf eingelassen hatte, etwas mit ihm trinken zu gehen. Da zeigte sich wieder einmal die Macht des Unterbewusstseins.

Als sie ihre Hand in seine legte, war ihr Abkommen besiegelt. Der Kontakt war elektrisierend. Hannah rechnete damit, Feuer und Rauch zu sehen, aber da war nur Nick, der sie anlächelte, sich an ihrem Dilemma ergötzte und es genoss, endlich Macht über sie zu haben.

Und Macht besaß er. Wenn sie seine Macht mit der Macht ihres Unterbewusstseins verglich, war das ungefähr so, als wollte sie einen Schwertransporter mit einem Spielzeuglaster vergleichen. Hannah hatte das ungute Gefühl, Nick geradewegs vor die Scheinwerfer gelaufen zu sein, und fürchtete, nun jeden Augenblick niedergewalzt zu werden.

2. KAPITEL

Hannah starrte auf die Haustür. Sie wollte nicht aufmachen. Nicht nur, weil ihr Kopf brummte und ihr schon beim Gedanken an Sonnenlicht die Tränen in die Augen stiegen, sondern auch, weil sie dem Mann auf der anderen Seite nicht begegnen wollte.

Es war Wahnsinn. Eine andere Erklärung gab es nicht. Vielleicht lag er in ihrer Familie. Sie war adoptiert worden, also konnte sie das gar nicht wissen. Vielleicht aber war auch ihr Blutzucker unter den normalen Level abgesunken, weshalb sie eine kurze Blackout-Episode erlebt hatte. Was auch immer die Erklärung sein mochte, sie hatte einfach nicht den Mumm, sich ihm zu stellen und ihre Vereinbarung einzuhalten.

Nick klopfte wieder. „Hannah? Sind Sie wach?“

„Ja“, flüsterte sie, obwohl sie wusste, dass er sie nicht hören konnte. Dann räusperte sie sich und sagte etwas lauter: „Ich bin schon da. Warten Sie.“

Sie drehte den Schlüssel im Schloss herum und zog die Tür auf. Nick stand auf den Stufen vor ihrem Reihenhaus. Das Sonnenlicht blendete sie, Nick ebenso. Es war einfach unfair. Selbst in ihrer miesen Verfassung – mit pochendem Schädel und grummelndem Magen – fand sie noch, dass er gut aussah. Besser als gut. Er war verführerisch.

Mit seinen blonden Haaren, den blauen Augen und seiner locker flockigen Art entsprach er ganz dem kalifornischen Klischee. Die gut geschnittenen Anzüge, die er immer trug, betonten seine Vorzüge. Falls er irgendwelche physischen Mängel haben sollte, waren sie ihr nie aufgefallen. Doch sie hatte gelernt, sein gutes Aussehen, die maßgeschneiderte Kleidung und das strahlende Lächeln zu ignorieren. Das alles war nur bedeutungsloses Beiwerk, das lediglich seine Charakterfehler kaschierte. Dagegen war sie immun.

Es sei denn, sie hatte einen Kater. Sie blieb in der Tür stehen und musste sich daran erinnern, das Atmen nicht zu vergessen. Einatmen und ausatmen, ein und aus – solange, bis die unbewusste Funktion von selbst wieder einsetzte. Heute trug er weder einen Anzug noch handgefertigte Schuhe, nicht einmal eine Krawatte. Er stand in Jeans und einem schlichten weißen Hemd vor ihr, das er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt hatte. Sein Lächeln war genauso umwerfend wie immer. Zum Glück konnte sie ihre weichen Knie dem Kater zuschieben.

„Sie sehen schrecklich aus“, stellte er fröhlich fest und schob sich an ihr vorbei ins Haus. „Verkatert?“

„Nein“, knurrte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen. Seine Stimme tat ihr im Kopf weh. „Mir geht es gut.“

„Hm-mhm.“ Er stellte sich vor sie, schob die Hände in die Taschen und wippte auf den Fersen. „Das sehe ich. Haben Sie schon gepackt?“

„Ja.“

Es waren nicht nur die Nachwirkungen des Alkohols, die Hannah beeinträchtigten, es war auch der Mangel an Schlaf. Um vier Uhr morgens war sie plötzlich aufgewacht und hatte nicht wieder einschlafen können. Sie hatte die Decke angestarrt und abwechselnd gebetet, dass die Erinnerungen an ihren gemeinsamen Abend nur ein Traum sein mögen, und gleichzeitig gehofft, sie wären wahr.

„Haben Sie etwas eingenommen? Eine Aspirin?“

Sie nickte und wünschte sofort, sie hätte den Kopf nicht bewegt.

Sein Lächeln war voller Mitgefühl. „Sie sind ein so tugendhafter Mensch, dass ich Sie wohl kaum dazu überreden kann, es mit einem Katerbier zu versuchen, richtig?“

Dass er so nett zu mir ist, macht alles nur noch schlimmer, dachte sie verzagt, während sich ihr Magen umdrehte. Sie hasste es, wenn Leute versuchten, sich um sie zu kümmern. Schließlich wusste sie Bescheid. Alle versuchten nur, sie solange einzulullen, bis sie ihnen vertraute, und dann wurde sie verlassen. Auf das Spiel würde sie sich nicht noch einmal einlassen.

„Es geht mir gut“, fuhr sie ihn an und trat einen Schritt zurück. „Meinetwegen können wir losfahren.“

„Ausgezeichnet.“

Hannah holte Luft und hielt sich an der Haustür fest, als ihr schwindlig wurde. „Wo ist mein Auto?“

„Im Carport.“

Genau das hatte sie befürchtet. Sie erinnerte sich bestenfalls noch an das Ende des Abends. Allerdings wusste sie noch, dass Nick ihr gesagt hatte, sie sei viel zu betrunken, um noch fahren zu können. Dem hatte sie zugestimmt. Also hatte er sie nach Hause gefahren, anstatt zur Polizeistation, wo ihr Wagen stand. Vage erinnerte sie sich, dass Nick ihr versprochen hatte, dafür zu sorgen, dass er in den Carport ihres Reihenhauses gebracht würde. Keine große Sache … nur gab es da ein kleines Problem.

Sie griff nach dem Schlüsselbund, der noch im Schloss der Haustür hing, suchte den Autoschlüssel und zog ihn heraus. „Einen Autoschlüssel hatten Sie jedenfalls nicht.“

Sein mitfühlendes Lächeln wurde breiter, und fast hätte sie ihr Gleichgewicht ganz verloren. „Ich weiß. Darum habe ich auch einen meiner Geschäftspartner gebeten, sich darum zu kümmern. Wahrscheinlich sollten Sie lieber nicht zu viele Fragen stellen.“

Sie schloss die Augen. Nick hatte recht. Fragen – oder wohl eher die Antworten darauf – würden sie nur beunruhigen. Wenn jemand auf dem Parkplatz der Polizeiwache ihren Wagen aufgebrochen und kurzgeschlossen hatte, wollte sie lieber nicht über sämtliche möglichen Konsequenzen nachdenken.

„Muss ich mir Sorgen machen, dass diese Person eine kleine Spritztour mit meinem Wagen unternommen haben könnte?“ Sie schlug die Augen wieder auf und sah ihn an. „Es wurde doch wohl nicht im Vorbeifahren daraus geschossen oder Ähnliches?“

Er legte die Hand an die Brust. „Ich bin zutiefst verletzt. Sie reden ja, als wäre ich ein Gangster. Hannah, ich bin in der Immobilienbranche tätig. Ich bin gern bereit zuzugeben, dass ein paar meiner Angestellten ein wenig …“ Er unterbrach sich.

„Kreativ im Umgang mit dem Gesetz sind?“, schlug sie vor.

„Genau. Aber ich bin sauber. Das haben Sie selbst gesehen.“

„Ja, das stimmt.“

Und sie hatte auch gesehen, wie er zur Wache kam, für seine Mitarbeiter die Kaution stellte und sie aus dem Gefängnis holte. Nur eine Wahnsinnige würde Nick Archer ihrer Mutter vorstellen. Eine Wahnsinnige, die wirklich verzweifelt war.

„Sie werden es sich doch wohl nicht noch einmal anders überlegen?“, fragte er.

„Oh nein.“ Das entsprach durchaus der Wahrheit, denn sie war bereits zum fünften oder sechsten Mal damit beschäftigt, es sich anders zu überlegen. Schon öffnete sie den Mund, um ihm das zu sagen und ihn wissen zu lassen, dass es nie und nimmer funktionieren konnte. Stattdessen aber wies sie auf ihr Gepäck und erklärte: „Alles fertig gepackt.“

In ihrer Verfassung war sie geneigt einzuräumen, dass sie ein paar Stunden in seiner Gesellschaft verbringen und den Mann hinter der glatten Fassade entdecken wollte. Natürlich war das verrückt. Er war ein Krimineller und sie ein Cop. Sie sollte ihn verabscheuen und verachten. Und das tat sie auch. Irgendwie. Außerdem musste sie zugeben – wenn auch nur vor sich selbst –, dass es höllisch schwer war, Nicks Charme zu widerstehen. Er hatte so eine nette Art, sie zum Lachen zu bringen.

Er ging zu ihrem Gepäck. Ich tu’s für dich, Mom, dachte sie und hoffte, dass es das Richtige war. Eine alte Frau, die im Sterben lag, erwartete von Hannah, dass sie einen Mann hatte. War es verkehrt, ihr vorzugaukeln, dass ein solcher Mann tatsächlich existierte?

Nick hob zwei Koffer auf. „Ganz schön viel für ein Wochenende.“

„Ich bleibe nicht nur ein Wochenende.“

„Sie hatten von zwei oder drei Tagen gesprochen.“

„Das ist richtig. Sie werden zwei Tage mit mir dortbleiben, aber ich bleibe zwei Wochen.“

Er zog die Augenbrauen hoch und brachte es fertig, gekränkt auszusehen. „Sie machen Urlaub und haben mir nichts davon erzählt? Hannah, das ist so unsensibel.“

Sie wollte lachen, aber er wirkte überraschend ernst, was natürlich nicht sein konnte. Es war irgendein Spiel, und sie war nur viel zu benebelt, um es gleich zu durchschauen. Sobald ihr Kater abgeklungen war, würde das alles schon irgendwie Sinn ergeben, da war sie sicher.

„Nett hier“, bemerkte Nick und deutete mit dem Kopf zum Wohnzimmer.

Hannah warf einen Blick auf das Sofa mit dem Blumenbezug, dem gemauerten weißen Kamin und dem hellen Couchtisch aus Pinienholz. Welchen Eindruck mochte ihre Wohnung auf ihn machen? Alles sah ordentlich aus, und durch die hellen Farben wirkte es eindeutig feminin. Wahrscheinlich spürte er, dass noch kein Mann hier übernachtet hatte. Der Gedanke daran war ihr peinlich, auch wenn sie nicht genau wusste, warum. Es ging ihn nichts an, wenn sie es vorzog, nicht mit jedem ins Bett zu hüpfen!

Nick ging durch die Haustür. Sie griff sich den letzten Koffer und folgte ihm. Nachdem sie sorgfältig alle Lampen ausgeschaltet und die Tür verschlossen hatte, stieg sie die zwei Stufen nach unten und trug den Koffer zu seinem Mercedes, der am Bordstein parkte.

Dankbar nahm sie zur Kenntnis, dass das Verdeck des Cabrios hochgefahren war, denn zu viel frische Luft hätte sie nicht ertragen. Allein schon der Gedanke daran verstärkte ihre Kopfschmerzen. Nüchtern betrachtet wusste sie natürlich, dass der Wagen mit illegal beschafften Mitteln finanziert sein musste. Vielleicht war er sogar gestohlen, obwohl Nick wahrscheinlich zu klug dazu war. Sein Wert überstieg alles, was sie jemals würde aufbringen können, und er war fantastisch. Sie musste die elegante Form einfach bewundern, auch wenn sie wusste, auf welche Weise Nick zu dem Fahrzeug gekommen war.

Sie erinnerte sich undeutlich daran, dass es im Wagen nach feinem Leder roch und die Sitze auf luxuriöse Weise gemütlich waren und gleichzeitig Halt boten. Die neunstündige Fahrt würde ihr vorkommen wie vier Stunden.

Hannah stellte den Koffer neben dem offenen Kofferraum auf den Bürgersteig. Nick verschob seinen Kleidersack, um auch für das letzte Gepäckstück noch Platz zu schaffen. Hannah sah ihm zu und vergewisserte sich, dass alles gut verstaut war. Dann ging sie zur Beifahrertür, die jedoch verschlossen war.

„Sie sehen blass aus“, bemerkte Nick, während er ihr öffnete.

„Na, so was! Danke.“ Ihre Kopfschmerzen waren mittlerweile so schlimm, dass sich das Pochen schon eher anhörte wie Trommeln, die im selben Rhythmus wie ihr Herz schlugen.

„Das war der zweite Tequila. Wenn Sie den nicht getrunken hätten, hätten Sie jetzt kein Problem.“

Sie wollte ihn anschreien, dass er an allem schuld sei. Wenn er sie nicht aufgefordert hätte, den Drink zu bestellen … Aber das ging nicht. Er hatte sie zu gar nichts aufgefordert. Sie war nervös gewesen und hatte es ganz allein fertiggebracht, so eine Dummheit zu begehen. Trotzdem wäre sie jetzt gern so richtig wütend auf Nick.

Als sie auf den Sitz rutschte, ging er neben ihr in die Knie und sorgte dafür, dass sie bequem saß und der Sicherheitsgurt korrekt eingestellt war. Zwanzig Sekunden lang ertrug sie seine Aufmerksamkeit, dann schlug sie seine Hände weg. „Ich bin doch nicht behindert. Das kann ich auch allein.“

Er war ihr so nah, dass der maskuline Duft seines Aftershaves ihr in die Nase stieg und sie seine sauber geglättete Kinnlinie erkennen konnte. Insgeheim verfluchte sie ihn, weil er so gut aussah, und sich selbst, weil sie ohne besonderen Grund gemein war.

„Ich weiß, dass Sie keine Invalide sind“, erwiderte er ruhig. „Aber Sie fühlen sich nicht wohl, und ich versuche, es Ihnen bequem zu machen. Es wird eine lange Fahrt.“

Hannah war stolz auf ihre Selbstbeherrschung. Sie war Polizistin und wusste, wie man sich in einer kritischen Situation verhielt. Unglücklicherweise schienen ihre hart erarbeiteten Fähigkeiten sie gerade im Stich zu lassen. Sie öffnete den Mund, aber ihr fiel nichts ein, was sie sagen könnte, also presste sie die Lippen aufeinander, während Röte ihre Wangen bedeckte.

„Tut mir leid. Heute Morgen bin ich nicht ganz ich selbst.“

„Wer sind Sie dann?“

Er starrte sie an, als hätte er sie noch nie gesehen. Instinktiv rieb sie sich die Wangen, um einen Schmierfleck zu entfernen, falls einer da war, dann prüfte sie, ob sich vielleicht ein paar Strähnen aus ihrem Zopf gelöst hatten. Aber alles war an seinem Platz.

„Was ist los?“, fragte sie ihn.

„Nichts. Ich habe nur nachgedacht.“

Woran er gedacht hatte, verriet er nicht. Stattdessen küsste er sie. Gleich hier und jetzt. Sie auf dem Beifahrersitz in seinem Auto und er neben ihr in der Hocke. Vor den Augen aller Nachbarn, die vielleicht zu Hause waren und zuschauten. Vor Gott und der ganzen Welt.

Während der ersten drei Sekunden war sie starr vor Schreck. Sie konnte nicht denken, konnte sich nicht bewegen. Alles, was sie tun konnte, war, flatternd die Augen zu schließen und seine Energie und seinen Duft aufzunehmen.

Seine Lippen fühlten sich warm und fest an, weich und trotzdem stark. Er versuchte es nicht mit allzu vielen Bewegungen oder gar damit, den Kuss zu vertiefen. Auch berührten sie sich nirgendwo sonst. Jedenfalls nicht am Anfang.

Dann fühlte sie seine Finger auf ihrem Handrücken, ein süßes, zärtliches Streicheln, das ein Feuer in ihr entfachte. Und sie spürte keinen pochenden Kopfschmerz mehr, nahm auch den Rest der Welt nicht mehr wahr.

Als er sie wieder freigab und leicht den Kopf anhob, hätte sie fast protestiert. Sie wollte sich aufregen, wollte den Sicherheitsgurt lösen, aus dem Wagen steigen und ihn solange ohrfeigen, bis sein Kopf wackelte wie bei einem Wackeldackel. Sie nahm sich eine Menge vor, während sie darauf wartete, dass er sie noch einmal küsste oder – schlimmer noch – sich über sie lustig machte.

Was er dann schließlich tat, war sogar noch verheerender. Nick legte seine freie Hand an ihre Wange und murmelte: „Schöne Hannah.“ Als würde sie ihm wirklich etwas bedeuten. Als wäre das alles kein Scherz.

Er beugte sich vor, und in gespannter Erwartung hielt sie die Luft an. Wieder bedeckte er ihren Mund mit seinem, und diesmal bewegte er ihn. Vor und zurück, langsam und süß. Als hätten sie alle Zeit der Welt. Als würden seine Beine – wovon sie überzeugt war – sich nicht verkrampfen. Als wäre sie ein sehr zarter und kostbarer Mensch in seinem Leben.

Vielleicht war es die unerwartete Zärtlichkeit oder ihr Kater oder auch eine sonderbare Konstellation zwischen dem Mond und dem Planeten Pluto. Es gab keine Erklärung für ihre Reaktion oder die Tatsache, dass sie sich auf den Kuss einließ und den Mund leicht öffnete.

Anstatt nun aber den Kuss zu vertiefen, legte Nick ihr die Hände auf die Schultern und drückte sie. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich klein und zerbrechlich, zierlich und feminin.

Dann überwältigte sie das Verlangen, und das Einzige, woran sie noch denken konnte, war, dass sie ihn ewig weiterküssen wollte. In diesem Augenblick wäre sie glücklich gestorben.

Als Nick sich schließlich aufrichtete, starrte Hannah ihn benommen an. In ihrem Kopf formten sich Fragen, angefangen mit: Warum hat er mich geküsst? bis hin zu: Hat er es genauso genossen wie ich?

Keine davon sprach sie laut aus. Stattdessen schluckte sie schwer und bemühte sich, etwas Wut aufzubringen. Sollte ihr das nicht gelingen, würde es auch ein wenig rechtschaffene Empörung tun. Sollte Nick nämlich anfangen, sie aufzuziehen, brauchte sie etwas, um sich zu schützen. Gerade jetzt fühlte sie sich sehr angreifbar.

Er wollte die Beifahrertür schließen, hielt dann aber in der Bewegung inne und beugte sich wieder zu ihr vor.

„Zehn Dollar“, sagte er.

„Wie bitte?“

Ein Zwinkern. „Der Kuss. Er war zehn Dollar wert.“

„Verstehe ich nicht.“ Er wollte Geld dafür, dass er sie küsste?