Der Adlerturm - Hendrik Roth - E-Book
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Der Adlerturm E-Book

Hendrik Roth

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Beschreibung

Über wen werden die Adler wachen? Tuani kennt alle Winde, auf denen die Adler über ihrer Insel kreisen. Der eine bringt Regen, der andere Sonne, und wieder ein anderer die Menschen, die auf Suche nach Weissagungen zum Orakel der Federn und ihrem Ziehvater Girasár kommen. Doch als eines Tages eine Forscherin mit ihrem Gehilfen auf die Insel der Adler gelangt, ist es der Wind der Veränderung, der sie heranweht. Mit ihrem unbändigen Hunger nach Wissen sprengt sie die Fesseln von Tuanis eintönigem Leben und lockt das Mädchen fort von allem, was es gekannt und geliebt hat. Doch wo etwas Neues beginnt, muss etwas Altes enden – und nicht jeder ist bereit, das zu akzeptieren. Eine Geschichte über Veränderungen, Einsamkeit und Vertrauen, für Fans von Susanna Clarkes „Piranesi“, Peter S. Beagles „Das letzte Einhorn“ und den Filmen von Studio Ghibli.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Hendrik Roth
Der Adlerturm
Eine Übersicht über die potenziell aufwühlenden und triggernden Themen des Romans findet ihr auf meiner Website: hendrik-roth.de/content-notes
Die Liste mag einzelne Aspekte des Romans vorwegnehmen.
Dieser Titel ist auch Paperback erschienen.
Impressum
© 2025 Hendrik Rothc/o WirFinden.EsNaß und Hellie GbR
Kirchgasse 19, 65817 Eppstein
Lektorat: Lektorat Beryll | Ida Nadine Eisele; lektoratberyll.de
Cover- und Umschlaggestaltung: Jasmin Kreilmann; jasmin-kreilmann.de Unter Verwendung folgender Stockdaten: Freepik: © Luca Bravo, © Chuttersnap,© user8557837, © macrovector, © freepik, © rawpixel.com, © kues1
Kapitelzierden: Michael Remus Gölß
Skizze Feste: Christina Srebalus | Illustration & Kleinrequisiten; cfsrebalus.de
Satz und Layout: Adobe InDesign
ISBN: 9783819443503
Distribution im Auftrag des Autors:
tolino media GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors. Die Verwertung des Werks, einschließlich aller Teile, durch Large Language Models (LLMs) und andere Deep-Learning-Technologien ist ausdrücklich untersagt. Die Nutzung des Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behält sich der Autor explizit vor.
Dies ist eine fiktive Geschichte. Alle in diesem Roman vorkommenden Figuren und Handlungen sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind Zufall.
Für Mimi,
die mir von Junoons Suche erzählte.
Inhalt
Tuani
Tuani
Errudun
Tuani
Errudun
Girasár
Junoon
Errudun
Tuani
Tuani
Errudun
Girasár
Junoon
Errudun
Tuani
Tuani
Girasár
Junoon
Errudun
Tuani
Junoon
Errudun
Errudun
Tuani
Errudun
Tuani
Errudun
Girasár
Junoon
Errudun
Tuani
Girasár
Errudun
Tuani
Errudun
Junoon
Tuani
Errudun
Tuanisitra
Kula
Errudun
Glossar
Danksagung
Über den Autor
Tuani
Nirgendwo fühlte Tuani sich dem Fliegen so nahe wie im Wasser. Die Wellen trugen ihren Körper, machten schwerelos, was sonst an den Boden gefesselt blieb. Tuani liebte sie, liebte selbst ihre eisigen Zähne, die wie Hava Frera, der kalte Wind, nach ihr schnappten. Sie liebte, dass das Wasser ihre Träume greifbar machte. Runde um Runde kreiste sie durch den See der Fernen Ufer, ihre Arme unermüdlich wie die Schwingen eines Adlers, und sie selbst sorgenlos, mit nichts als Glück in der Brust.
Über ihr spannte sich der graue Himmel, während unter ihr die Finsternis der Tiefe lockte. Manchmal glaubte sie, in ihr auf die windgepeitschten Hügel von Tapukila herabschauen zu können, dann wieder auf die Orte ihrer Träume.
»Tuani!«
Ihr Name hallte zwischen dem See und dem Felsabbruch hin und her. Ohne im Schlagen ihrer Arme innezuhalten, warf Tuani den Kopf aus dem Wasser. An der Spitze des Abbruchs stand Girasár, helles Leinengewand und dunkle Haut vor dem weißen Stein von Toukila Kore, ihrer Heimat. Seine Augen waren zusammengekniffen und der breite Mund nicht mehr als ein dünner Strich. Eine ausgestreckte Hand winkte ihr ungeduldig zu.
Tuani wusste, dass Girasárs Augen selbst viele Dinge, die nah bei ihm waren, nicht gut sahen, und so warf sie sich mit einem Jauchzer aus dem Wasser. Ein Nicken oder Lächeln von ihr hätte er auf die Entfernung niemals erkannt. Der Gedanke, schlecht sehen zu können, jagte Tuani wie so oft einen Schauer den Rücken hinunter.
»Tuani!«
Wieder hallte Girasárs Stimme über den See, er winkte nun energischer.
Tuani schwamm widerstrebend zum Ufer, sprang über die glattgespülten Steine und schlüpfte durchs Schilf und zwischen den Felsen des Hangs zur Feste hinauf. Hava Anak, der Wind des Frühlings, griff nach ihr, als wollte er unter ihre federlosen Flügel greifen und sie bis zur Abbruchkante emporheben. Sie quietschte vor Freude, doch wie immer trug er sie nicht, sondern spielte nur mit ihr. Selbst über den Bachlauf, der vom Felsen der Hoffnung herunterstürzte, musste sie allein springen.
Sie sah Girasárs Stirnrunzeln, bevor sie die halbe Strecke zu ihm zurückgelegt hatte.
»Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst deine Kleider erst am Ufer ausziehen?« Missmut schwang auf großen Schwingen in seiner Stimme mit, während er ihr Gewand in die Höhe hielt. »Du bist kein Kind mehr! Jemand könnte dich sehen.«
»Es ist doch nur ein Körper.«
»Nur ein Kör…?! Manchmal frage ich mich, ob du mich nicht verstehen kannst oder nicht verstehen willst. Beeil dich jetzt!«
Tuani schlüpfte nass in ihr Kleid und trottete hinter ihm her, als er sich umwandte und auf die Lücke zuging, die neben dem halb eingestürzten Torhaus in der Außenmauer klaffte. Mit den Fingern fuhr sie durch ihre langen Haare, kämmte sie, forschte nach Knoten und Dingen, die dort nicht hingehörten.
»Wir haben noch Zeit, Girasár.«
»Es kommt jemand, um das Orakel zu sehen.«
»Ich weiß.« Sie lächelte versonnen bei der Erinnerung an Hava Arol, den Wind der Adler, der ihr an der Turmspitze das Gesicht gestreichelt hatte. »Ich habe das Schiff unten in Gamandru gesehen, heute bei Sonnenaufgang. Es trägt eine Fahne, die ich nicht kenne. Zwei Hörner, zwischen deren Spitzen eine Blume blüht, weiß auf grünem Grund.«
»Duburo.«
Girasár blieb abrupt stehen, sodass Tuani fast gegen ihn stieß. Ihr kam es vor, als müsste er Kraft sammeln, ehe er mit einem Ächzen über die Mauerreste stieg. Leichtfüßig folgte sie ihm. Hava Anak, der Wind des Frühlings, kitzelte ein letztes Mal die Tropfen auf ihrem Nacken, als wollte er sich verabschieden.
»War schon einmal jemand aus Duburo hier?«
»Nicht seitdem ich hier bin.«
»Also schon immer.« Sie grinste ihn an.
Girasárs Kiefer mahlten, während er den Kopf schüttelte. »Trockne dich ab und dann bereite alles vor.«
Tuani nickte und hüpfte davon. Die Schwingen in ihrem Bauch schlugen wild und kräftig. Aus Duburo war noch niemals jemand hier gewesen. Das versprach neue Geschichten!
* * *
Die Schwungfeder stand für einen Augenblick senkrecht in der Luft. Nur ein leichtes Zittern strich über den Rand ihrer Fahne, wie von einem Windhauch, der nicht da war. Doch dies war nicht das Werk von Hava Bisa, dem stummen Wind, den niemand außer Tuani zu bemerken schien. Dies war Tuul Olo, der Wind der Federn, der nur hier in dieser Halle wehte, ohne dass man ihn auf der Haut spüren konnte.
Die Feder, die die Besucherin aus Duburo mitgebracht hatte, war die eines Rakotka, eines mächtigen Adlers mit schwarzen Flügelspitzen, den Girasár Steinadler nannte. Ihr dunkles, zur einen Seite spitz zulaufendes Ende war Tuani so vertraut wie die Rillen ihrer Fingerkuppen. Noch einmal erzitterte die Feder, dann schwang sie sich empor und in den Reigen der anderen.
Wie jedes Mal traute Tuani sich kaum zu atmen, während das Orakel der Federn sprach. Rundherum kreisten die Daunen und Körper-, Schwung- und Deckfedern, so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Sie schwangen sich in die Höhe der runden Halle und sanken zu Boden, bildeten Familien und verließen sie, um allein oder zu zweit zu tanzen. Tuani hätte ihnen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang zuschauen können.
Doch das Orakel sprach nur, wenn es jemandem eine Botschaft überbrachte. Heute war dies eine Frau, großgewachsen und breit in den Schultern, jünger als Girasár, aber das waren die meisten, und älter als viele aus Gamandru unten an der Küste.
Mit offenem Mund folgte sie dem Tanz der Federn, ihre Augen glänzend wie die eines Kaninchens. Sie trug ein weites Gewand von der Farbe der Sonne und die Kappe auf ihrem Kopf war wie das Haus einer Schnecke geformt. Laut kratzte ihr Atem in Tuanis Ohren.
»Was seht Ihr?«, fragte sie heiser.
Girasár saß als Orol Kana, der Hüter des Orakels, in der Mitte der Halle der Federn, im Herzen all der Linien und Rillen im Stein. Wie eine Blüte muteten sie an, angeordnet um ein gemeinsames Zentrum. Girasárs Schultern hoben und senkten sich von seinem heftigen Atem, der doch kaum zu hören war, als schluckte er jedes Geräusch hinunter, das den Tanz der Federn stören konnte. Vielleicht war es aber auch die Maske des Orol Kana, die alles, was zu Girasár gehörte, unterdrückte.
Tuani versuchte gar nicht erst, etwas in dem Federsturm zu erkennen, sondern konzentrierte sich darauf, das alte Gefäß aus Metall zu schwenken. Kräuterrauch waberte aus seinen Schlitzen durch den Raum, doch die Schwaden wurden nicht wie die Federn von Tuul Olo, dem Wind dieser Halle, getragen. Sie senkten sich über Girasárs Beine und verwandelten die emporgerichteten Handflächen in seinem Schoß zu flachen Inseln inmitten eines grauen Meeres. Ein Wassertropfen lief unter Tuanis Gewand ihren Rücken hinunter. Ein loser Faden kitzelte ihren Nacken.
»Orol Kana?«, fragte die Besucherin.
»Das Orakel der Federn hört deine Frage, Karaminga aus Duburo. Hier ist seine Antwort.« Girasárs Stimme krächzte über die Rauchschwaden hinweg und zerstob den Federreigen. »Es sind die grauen Segel, die in den Hafen zurückkehren, klein, aber beständig, verlässlich. Blaue Segel werden zum Blau des Meeres.«
Er verstummte und die Federn taumelten zu Boden. Tuani wagte einen Atemzug, und während sie die Klappe des Gefäßes schloss und es neben der Tür der Halle abstellte, wich die Anspannung aus ihrem Körper. Das Orakel hatte gesprochen.
»Das … das war alles?« Die Besucherin schaute zwischen Girasár und den Federn hin und her. Die Daunen waren die letzten, die zum Liegen kamen.
Tuani mochte den Moment, wenn der Reigen erstarb und alles wieder zur Ruhe fand. So musste sich die Heimkehr nach einem Rundflug anfühlen, die Schwingen angelegt, die Krallen sicher um Stein oder einen Ast geschlossen. Was sie nicht mochte, waren die unvermeidlichen Fragen der Orakelbesucher, und dieser besondere Ausdruck in den Augen: Dass sie nicht verstanden, was geweissagt wurde. Oder es nicht wahrhaben wollten. Oder es fürchteten. Tuani hatte schon wütende Rufe und Tränen gesehen, Redeschwalle und das Stottern immer gleicher Worte.
Sie schlüpfte zur Tür hinaus und wartete mit rastlosen Füßen im Gang. Girasár würde der Frau anbieten, über das Gehörte zu sprechen. Er tat das jedes Mal, auch wenn er sich davor hütete, das Orakel der Federn zu deuten. Er verkündete es nur – das war seine Aufgabe. Sobald aber die notwendigen Worte gewechselt waren, würde ihre Zeit kommen.
Tuani schaute über die dunklen Linien und Muster an den Wänden, über winzige Risse, die ihre Freunde waren, über die Pflanzen in den Lücken, die ihr zuflüsterten. Es war nie gänzlich still in Toukila Kore.
Die Tür hinter Tuani schwang auf und die Frau mit ihrer merkwürdigen Kappe trat heraus. Ihre buschigen Augenbrauen waren zusammengezogen, und unablässig fuhr sie mit einem Finger über ihren Nasenrücken. Sie schaute nur auf die Gedanken in ihrem Kopf und erschrak, als Tuani auf sie zusprang und sie bei der Hand nahm.
»Ich bringe Euch hinaus.«
Die Besucherin blinzelte verwirrt, schaute auf ihre Finger, dann ließ sie sich von Tuani mitziehen.
»Habt keine Angst. Es braucht Zeit, um einen Orakelspruch zu verstehen. Das geht allen so.« Sie lächelte über die Schulter zurück und machte einen kleinen Hüpfer zwischen zwei Schritten. »Wie ist es dort, wo Ihr herkommt?«
»Was?«
»Duburo. Eure Heimat. Wie ist es dort?«
»Es … ist schön.«
»Liegt Duburo am Meer?« Die Neugierde tanzte jetzt in Tuanis Körper. »Habt Ihr hohe Berge? Oder Wälder? Gibt es Wälder? Wie grün sind sie?«
»Grün, ich … Grün eben, wie so ein Wald …«
»Oh, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie glücklich es mich machen würde, so einen Wald zu sehen! So einen großen, grünen, so wie es die Besucherin aus Renganoa beschrieben hat. Einer, der sich die Hänge von Bergen hinaufzieht, in dem man sich vor lauter Bäumen verlaufen kann, mit Schatten unter den Blättern, voller Geheimnisse und Geschichten. Das muss herrlich sein! Hier auf Tapukila gibt es keine richtigen Wälder, das habt Ihr sicher schon gesehen, nur ein paar verstreute Bäume, aber die sind alle krumm und niedergedrückt von Hava Tutura. Das ist der treue Wind, der immer weht. Das ist nichts, was ich einen Wald nenne, nein. Verehrt Ihr Eure Wälder? Tanzt Ihr im Licht des Mondes um ihre Stämme, mit Blumen im Haar, und gebt Euch dem Ruf der Natur hin?«
Sie hatten das Portal der Besuchenden am Ende des Ganges erreicht und traten hinaus auf den Ringhof, der zwischen der Feste und der Außenmauer lag. Wo seine gesprungenen Steinplatten nicht unter Moosen und Gräsern verschwunden waren, leuchteten sie weiß vom Kot der Adler. Die Besucherin starrte Tuani an wie eine Maus den Jäger, der über ihr kreiste. Ihre freie Hand griff nach Tuanis Handgelenk und entzog Tuani ihre Finger.
»Nein. Wir tanzen nicht in der Nacht durch unsere Wälder. Und dank Königin Mirva, meiner Tante, müssen wir uns auch nicht dem ›Ruf der Natur‹ hingeben.« Sie reckte das Kinn vor. »Duburo hat Al’Hezhan, den Wahnsinnigen, und seine Revolte der Wildnis hinter sich gelassen. Wir sind ein zivilisiertes Land!«
»Revolte der Wildnis?« Tuani riss die Augen auf. »Könnt Ihr mir davon erzählen und von diesem …«
Die Frau wich einen Schritt zurück, und ihr Blick wehte Tuanis Lächeln fort. Sie war froh, als die Besucherin ihn auf die weißen Mauern der Feste richtete.
»Von hier finde ich meinen Weg allein. Ich … Dank dem Orol Kana von mir.«
Die Frau berührte die Schneckenkappe auf ihrem Kopf und eilte über den Ringhof davon. Die Lücke im Nordabschnitt der Mauer, eine Rampe aus Trümmern und Erde, mit deren Hilfe alle Toukila Kore betraten, schluckte sie, dann war die Besucherin fort. Tuani sah durch ein kleineres Loch in der Mauer, wie sich ihr die vielen Personen anschlossen, die mit ihr hier hinaufgestiegen waren. Augenblicklich drangen sie auf die Frau ein und warfen Blicke zurück zur Feste, während sie dem kaum sichtbaren Pfad hinunter nach Gamandru und zur Küste folgten. Tuanis Herz schmerzte. Wie gern hätte sie für einen Moment dazugehört, nur um einmal Duburo in ihrem Kopf zu sehen! Wie gern hätte sie diese Geschichte über die Revolte der Wildnis gehört!
Enttäuscht schleuderte Tuani die einfachen Schuhe von ihren Füßen und schlurfte zurück in die Feste. Bilder von grünen Wäldern und hohen Bergen füllten ihren Kopf, doch sie waren nicht neu. Die Besucherin aus Renganoa hatte Tuani von geflügelten Pferden und riesigen Katzen unter Wasser erzählt, von Bergen voller Schnee und Meeren von Bäumen. Sie hatte ihre Hand nicht fortgezogen. Warum konnten nicht alle, die zum Orakel kamen, so sein wie sie? Sie hatte Tuani sogar angelächelt.
Die Tür zur Halle der Federn stand noch offen. Girasár hockte auf der obersten der drei Stufen, die rundherum zum Zentrum der Halle hinabführten. Über ihm ragten die steinernen Federn an der Wand bis zur Decke empor. Eine stand für das silberne Auge Wairuras, eine für das goldene und die letzte für das Hüten der Seelen in der Anderswelt. Heute schienen sie sich über Girasár zu beugen, beschützend wie der Flügel einer Mutter. Auch er schien sich schützen zu wollen. Die Arme hatte er um die Knie geschlungen, den Kopf hielt er gesenkt. Die Maske des Orol Kana lag neben ihm, das Gesicht zu den Steinplatten gedreht.
»Ist sie fort?«, krächzte er.
»Ja.«
»Gut.«
Tuani hörte wie so oft nach einem Orakelspruch das Zittern in seiner Stimme. Dies waren die einzigen Momente, in denen Girasár nicht stark und unbeugsam wirkte. Er sah dann noch älter aus, als er war, und Girasár war älter, als Tuani sich vorstellen konnte. Sie mochte es nicht, ihn so zu sehen. Heute schien es schlimmer zu sein als sonst.
Stumm stieg sie die Stufen hinunter und fegte die Federn des Orakels in der Mitte auf der runden Steinplatte zusammen, ehe sie das Räuchergefäß auf dem Ringhof leerte. Als sie die Halle wieder hergerichtet hatte, hob Girasár den Kopf.
»Gut«, murmelte er und stemmte sich in die Höhe. »Es ist Zeit.«
Tuani legte eine Hand um seine Mitte, und er stützte sich dankbar auf sie. Langsam führte sie ihn durch die gewundenen Gänge zu der Kammer, in der er seit jeher schlief. Ein winziger Raum war es, kaum groß genug für die Strohmatratze und die Truhe mit seinen Habseligkeiten. Jenseits des schmalen Fensters, das auf den Baumhof hinausging, kroch die Dunkelheit aus dem Boden über die Mauern von Toukila Kore.
»Hast gut geholfen heute«, murmelte Girasár, als er sich auf sein Lager sinken ließ. »Keine Fragen gestellt.«
Sie sagte nichts, schlüpfte für einen Moment hinaus und kehrte mit der Maske des Orol Kana und einer der Gaben zurück, die die Besucherin aus Duburo als Gegenleistung für den Orakelspruch zurückgelassen hatte: eine Flasche aus dunklem Glas, deren beißender Geruch Tuani schon durch den Korken in die Nase drang. Sie stellte sie vorsichtig neben dem Lager auf den Steinboden, doch keine Hand streckte sich aus, um sie an den Mund zu führen oder sich vor die Brust zu drücken. Die einzige Reaktion waren schnaubende Atemzüge.
»Nicht einmal das heute.«
Eine Hand Girasárs war gegen die Ecke der Truhe gedrückt, als hätte er sich im Liegen an ihr festhalten müssen. Tuani ging in die Knie, bettete die Hand vor seinen Bauch und wischte ihm eine seiner dichten, grauen Locken aus der Stirn. Die fleckige Haut darunter war zerfurcht, die Augenbrauen zusammengepresst. Sachte strich Tuani über die haarlose Stelle zwischen ihnen, bis sich seine Stirn entspannte und sein Atem gleichmäßiger wurde.
Sie ließ Girasár die Flasche und die Maske und schlich hinaus, ohne dass ihre Füße ein Geräusch verursachten. Als sie in den Innenhof mit dem gewaltigen Baum trat, blieb sie einen Moment stehen und lauschte Hava Tutura, dem treuen Wind, wie er durch die Feste strich. Mehrere Adler kehrten im schwindenden Licht des Tages in ihre Horste auf den Dächern und Mauern zurück. Einige riefen leise oder keckerten. Nur zu gern hätte Tuani jetzt über neugehörte Geschichten nachgedacht und sich fortgeträumt, doch es gab nichts Neues zu träumen. Die Revolte der Natur war nur ein Haufen leerer Worte geblieben.
»Dann musst du mich eben wieder nach Renganoa bringen, geliebter See der Fernen Ufer«, murmelte sie, streifte ihr Gewand ab und lief los. Gestern erst hatte Wairura, Adler im Himmel, mit ganzem silbrigem Auge auf sie hinabgespäht. Es war die perfekte Nacht, um sich im Mondschein in der Finsternis des Sees fortzuträumen.
Tuani
Die zarten Finger von Hava Remeni, dem wärmenden Wind, umspielten Tuanis Knöchel, als sie am nächsten Morgen die Treppe des Adlerturms hinaufeilte. Ihre bloßen Füße strauchelten nicht und zögerten auch nicht auf den glattpolierten Stufen, obwohl die Treppe sich ohne Geländer an der Innenwand des Turms hinaufschwang. Tuani warf einen Blick hinunter, vorbei an dem steinernen Dorn, der aus der Höhe herabstrebte und spitz zulief, bis er dicht über dem Boden endete. Sie jauchzte vor Freude bei dem Anblick des Grunds, der unter ihr immer kleiner wurde.
Die Nacht war klar und frisch gewesen, voll mit letzten Spuren des fliehenden Winters. Sie war lange im See der Fernen Ufer geschwommen, bis selbst ihre Arme schmerzten und prickelnde Gänsehaut sie in die Feste zurückgejagt hatte. Girasár hatte tief geschlafen, als sie ein weiteres Mal nach ihm gesehen hatte, und auch, als die ersten Strahlen von Wairuras goldenem Auge sie in ihrer eigenen Kammer wachgekitzelt hatten. Selbst die Flasche war unangetastet gewesen. Das hatte Tuani nach einem Orakelspruch noch nie erlebt.
Sie erreichte die schmale Plattform, an der die Treppe im Inneren endete. Neue Stufen schlossen sich jenseits einer ovalen Öffnung an der Außenmauer des Turms an. Tuani schlüpfte ungebremst hinaus.
»Ich grüße dich, Hava Remeni!«
Stürmisch griff der wärmende Wind in ihre Haare und zog sie in eine Umarmung aus wirbelnder Luft, Pollen und dem Geruch nach Frühlingsgras. Sie gab sich lachend hin und blieb auch dann noch stehen, als er mit säuselnder Stimme um den Turm herum verschwand.
»Oh, was ein schöner Morgen … Was für ein wunderschöner Morgen!«
War ihre Stimme zuerst nur ein Flüstern gewesen, schleuderte sie die letzten Worte aus voller Kehle über das Land zu ihren Füßen. Von hier konnte sie fast die ganze Insel betrachten. Unter ihr leuchtete Toukila Kore im Morgenlicht, heller Stein, durchbrochen nur von den dunkleren Schindeln und grünen Moosen und Flechten, die überall darum rangen, Halt zu finden. Jenseits der alten Mauern schimmerte der See der Fernen Ufer und dahinter andere Wasserflächen zwischen den niedrigen Hügeln Tapukilas.
Tuani rannte weiter das hinauf, was früher die Außentreppe des Turms gewesen sein musste. Die meisten Stufen waren erhalten geblieben, einige ragten dagegen nur noch als kurze Steinstümpfe aus der Turmwand. Tuani hüpfte über sie und grinste in die Leere unter ihren Füßen. Rund um den Turm ging es, bis sie auf der anderen Seite über das Land unterhalb der Feste bis nach Gamandru und zur Küste schauen konnte. Wolken hingen dort und tränkten das Dorf mit einem frischen Frühlingsregen. Die ersten Bewohner waren bereits auf den Beinen. Tuani sah manche mit breiten Hüten auf den Feldern und andere mit den Booten hinausfahren.
»Hallo! Guten Morgen! Guten Morgen!«
Sie winkte ihnen zu, auch wenn niemand sie hier oben sehen oder gar ihre Stimme vernehmen konnte. Die Treppe lief schließlich an einem ovalen Bogen aus, durch den Tuani auf die oberste Plattform unter dem Dach des Turms treten konnte. Vier Fenster hoch oben in den Wänden, die hier zu einem Kuppeldach zusammenliefen, ließen warmes Licht herein, während in der Mauer gegenüber des Bogens ein mehr als mannshohes Loch auf Brusthöhe klaffte. Das Tor zur Welt nannte Tuani es, und die Steine, die es einst verschlossen hatten, lagen zerborsten unten im Ringhof vor der Halle der Federn, halb verschlungen von Moos und Gras.
Als Tuani unter das hohe Dach der Turmspitze hüpfte, in dem sie sich selbst sehen konnte wie in einer Pfütze, begrüßte sie ein mehrfaches Ho-hee-o und das Rascheln gewaltiger Flügel.
»Ho-hee-o«, antwortete Tuani mit vor den Mund gelegten Händen. »Tantuku, Kalukemu. Ist es nicht einfach ein wundervoller Morgen?«
Tuani drehte eine Pirouette auf ihren Zehenspitzen, während die beiden Ekaras zu ihr herabschauten. Es mochten viele Adler in der alten Feste hausen – Girasár hatte einmal von hundert gesprochen, aber Tuani hatte es nie geschafft, so weit zu zählen. Doch die Ekaras waren die wichtigsten. Ihre Federn bildeten den Kern des Orakels. Sie wachten über Toukila Kore und die Insel. Und sie waren die, die Tuani am nächsten standen, bei denen sie sich fühlte, als würden sie ihr von der Welt erzählen. Als Kalukemu von ihrem Platz in einer der runden Fensternischen zu Tuani heruntersprang, überragte die grau-weiß gefiederte Adlerdame sie um mehrere Köpfe. Ihre Flügel waren zu lang, um sie unter dem Dach des Turms ganz ausbreiten zu können.
Eine tiefe Sehnsucht überkam Tuani, während Kalukemu ihre Flügel zusammenfaltete. Was würde sie nur dafür geben, so fliegen zu können wie die beiden Ekaras! Als kleines Mädchen war sie einmal übermütig auf Kalukemus Rücken gesprungen und hatte sich von ihr den Turm hinab tragen lassen. Es war der schönste Moment ihres Lebens gewesen, doch Girasár war beinahe erstickt vor Sorge und Wut und hatte sie schwören lassen, es nie wieder zu tun.
Die blauen Augen unverwandt auf Tuani gerichtet, kam Kalukemu mit klapperndem Schnabel näher. Dessen Spitze war fast so lang wie Tuanis Unterarm, doch die Adlerdame rieb ihn zärtlich an Tuanis Schulter, ehe sie begann, ihre Haare zu entwirren.
»Ich weiß, ich weiß, ich habe sie heute noch nicht gekämmt.«
Tuani kicherte, schob Kalukemu zur Seite und zog sich hoch in das Tor zur Welt. Hier ließ sie die Beine über den Rand baumeln und machte sich daran, ihre Haare mit ihrem Hornkamm zu bearbeiten. Obwohl Tuani sie gestern nach dem nächtlichen Schwimmen noch mit den Fingern gekämmt hatte, waren sie vollkommen verheddert.
Kalukemu keckerte hinter ihr.
»Natürlich kann der Kamm nicht mit deinem Schnabel mithalten. Aber er hat mehr Zinken und es geht schneller. Wo ist Maiteko? Schon wieder im Dorf?«
Tantuku stieß von seinem Platz im höchsten Fenster des Turms einen kurzen, schrillen Ruf aus.
»Ich weiß auch nicht, was sie da immer findet.« Sie schüttelte den Kopf. »Wo sie doch hier alles hat. Wo es so schön ist, dass es manchmal schmerzt.«
Sie seufzte und schaute hinab in den Ringhof. Zwischen den geborstenen Steinen huschte eine vorwitzige Maus umher. Ihre Schnurrhaare zuckten hierhin und dorthin.
Eine Zeitlang beobachtete Tuani sie so, wie sie es bei all den Adlern der Feste auf der Jagd gesehen hatte. Dann, als der Wunsch, sich auf angelegten Schwingen hinabzustürzen und die Maus zu erlegen, übermächtig wurde, hob sie den Blick und schaute auf Gamandru und die See hinaus.
»Gestern ist wieder eine Besucherin zum Orakel gekommen«, sagte sie in die von Hava Remeni erwärmte Leere. »Aber das wisst ihr ja, ihr habt sie auch gesehen. Sie hat mir kaum etwas erzählt von dem Land, aus dem sie kommt. Und schlimmer noch: nicht eine Geschichte. Wie soll ich mir da eine Vorstellung machen? Oder gar einen Traum spinnen? Wie soll ich so fliegen?«
Sie verstummte, während sie mit dem Kamm an einem besonders hartnäckigen Knoten in ihren Haaren rupfte.
»Ich beneide euch. Oh ja, aus ganzem Herzen beneide ich euch, euch und alle anderen.« Sie warf einen Blick über die Schulter auf Kalukemu, die mit dem Schnabel durch ihre Federn fuhr. »Ihr könnt einfach die Flügel ausbreiten und davonfliegen. Ihr könnt die Welt sehen. Nicht nur die Insel und die See und das Dorf. Wenn ihr wollt, könnt ihr dort raus, zum Festland und … weiter, was auch immer dort ist. Und was kann ich? Hier sitzen und eure Federn zusammenfegen.«
Sie hämmerte ihre Fersen gegen die Außenmauer des Turms. Einen Moment war sie versucht, den Kamm in die Tiefe zu werfen und so vielleicht die Maus zu erlegen, die sich jetzt dreist auf einem Stein sonnte. Doch ihr Kamm war das Wertvollste, was sie besaß. Frustriert zog sie ihn weiter durch ihr Haar, obwohl sie inzwischen alle Knoten beseitigt hatte.
Ho-hee-o, machte es leise hinter ihr. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie Kalukemu ihr mit dem Schnabel eine lange Deckfeder hinhielt. Tuani seufzte, steckte den Kamm ein und nahm die Gabe entgegen. Girasár würde glücklich sein, dass sie vom Turm eine neue Feder für das Orakel herunterbrachte.
»Danke. Ich habe das nicht so gemeint. Mit dem Zusammenfegen.«
Sie fuhr der Ekara über die Federn oberhalb des Kamms. Das Schlagen von Flügeln erfüllte jetzt unter ihr die Luft, als sich mehrere Adler aus den Fensternischen des Turms und der Feste emporschwangen. Eine warme Windböe strich ihr um die Nase und beschwor Schwingen, sich zu öffnen und von ihr tragen zu lassen.
»Es ist nur … Ich wünschte, es wäre auch für mich Hava Arol. Nicht nur für euch.«
Kalukemu raschelte mit den Flügeln. Dann stieß Tantuku über Tuani einen lauten Schrei aus, der von den hohen Wänden widerhallte. Rauschen folgte und Tuani schaute gerade noch rechtzeitig hinter sich, um den Ekara mit halb angelegten Flügeln aus dem Torbogen der Turmspitze schießen zu sehen.
»Kalukemu? Was ist?«
Die Ekara beantwortete den Ruf ihres Partners. Unruhe und etwas, das wie Sehnsucht schmeckte, vibrierte schmerzhaft in Tuanis Herzen. Kalukemus gefiederte Beine spannten sich, dann sprang sie mit einem Satz über Tuani hinweg und aus dem Tor zur Welt. Ihre Schwanzfedern streiften Tuanis Hinterkopf. Einen Teil des Turms fiel Kalukemu wie ein Stein in die Tiefe, ehe sich ihre Flügel zu ihrer ganzen Spannweite entfalteten, jeder von ihnen fast doppelt so lang, wie Tuani groß war. Noch einmal schrie sie, und Tuani musste sich an der Mauer festhalten, damit sie ihr nicht folgte.
»Was ist los?«
Die beiden Ekaras flogen über die Wiesen hinunter zur Küste. Nein, nicht zur Küste, sie hielten auf das Dorf zu, über dem noch die Wolken hingen.
Tuanis Finger krallten sich in das Mauerwerk, als sie sich weit aus der Öffnung lehnte, um besser sehen zu können. Etwas flog dort inmitten des Regens über Gamandru, doch es war kein Ekara, kein anderer Adler, auch keine Möwe oder sonst ein Vogel. Es sah aus wie ein länglicher Sack, wie eine Schweinsblase in einem Netz, aber größer als selbst Rasis Hütte in Gamandru. Und unten dran, an vielen Seilen, hing eine Mischung aus einem Boot und einem Haus, mit Fenstern und kleinen Windmühlenflügeln, die sich wild im Wind drehten.
Tuani klammerte sich an den Stein, während das merkwürdige Boot langsam aus der Luft zur Wiese vor dem Dorf herabschwebte. Tantuku und Kalukemu umkreisten es jetzt und riefen, ihre Laute verloren in der Entfernung. Dann setzte das Ding auf der Erde auf.
Tuani sprang zurück in den Turm und rannte los. Das war besser als jede Erzählung von einem fernen Land, besser als die Vorstellung eines grünen Waldes oder von Schnee auf den Bergen, besser selbst als die Geschichte einer Revolte der Natur. Hava Arol, der Wind der Adler, hatte eben noch geweht, aber jetzt schmeckte die Luft nach Hava Bataria, dem Wind derjenigen, die besuchten. Zwei Besucher in zwei Tagen – das hatte es nie zuvor gegeben. Sonst vergingen oft ganze Monde, bis wieder jemand nach Tapukila kam.
»Girasár«, rief sie, so laut es ihre Lungen hergaben, während ihre Füße die Treppe hinunterflogen. »Girasár! Ein Boot! Ein Boot aus der Luft! Jemand ist nach Tapukila gekommen!«
Und während sie rannte, glaubte Tuani sogar ein bisschen, Hava Ingane zu fühlen: den Wind der Veränderung.
Errudun
Das Dorf bestand aus nicht mehr als ein paar Handvoll Hütten aus Holz und Stein, die sich rund um eine schmale Bucht ans Land klammerten. In den Regenschwaden unter den tiefhängenden Wolken wirkte dieses Bemühen zum Scheitern verdammt.
Nach und nach traten nun Menschen aus den gedrungenen Bauten und schauten über die Wiese, die zwischen ihnen und der Candramása lag. Errudun sah die Blicke, die sie untereinander wechselten, die stummen Aufforderungen, jemand möge mutig sein und vortreten.
Es war wie überall, wo sie hinkamen. Dieselbe Art von Gemeinde, so klein und abgeschiedenen, dass das ganze Dorf miteinander verwandt sein musste. Dieselben offenen Münder, dieselbe Mischung aus Neugier, Misstrauen und Furcht in den Augen, wenn sie die Candramása erblickten.
Es würde Errudun nicht überraschen, wenn auch der Rest ihres Aufenthalts ähnlich verlaufen würde. Was hätte er einmal für einen Ort gegeben, an dem niemand lebte. Es würde alles leichter machen – das, was war, und das, was kam.
Das Einzige, was diesen Flecken Erde von den anderen unterschied, waren die Adler. Ein gutes Dutzend kreiste nun über der Candramása, darunter zwei gewaltige Vögel mit aufgestellten Federkämmen am Hinterkopf. Sie waren größer als alle, die Errudun jemals gesehen hatte. Ihr Kreischen peitschte über die Wiese und vibrierte in seinem Brustkorb.
Eine Bewegung ließ ihn den Blick senken. Junoon war an Deck gekommen. Ihre Schritte wankten und die Augen wirkten gebrochen von der Anstrengung des Flugs. Mit einer Hand presste sie ein Tuch auf ihren Unterarm.
»Was für faszinierende Exemplare!« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern im Wind, der den Regen am Ballon vorbei in ihre Gesichter trieb. »Diese Art habe ich noch nie gesehen. Was mag das für eine Flügelspannweite sein? Fünf Schritt? Oder mehr? Und schau dir die Leute an. Sie fürchten sie nicht. Die Vögel müssen hier heimisch sein. Ob sie uns begrüßen?«
Wenn dies eine Begrüßung sein sollte, bezweifelte Errudun, dass sie freundlich gemeint war. Noch einmal warf er einen Blick in den Himmel, auf die gewaltigen Schnäbel und die unterarmlangen Krallen. Dann schwang er sich an einem der Haltetaue über die Reling ins Gras. Nahebei ragte ein mannshoher Stein aus der Erde. Errudun band das Tau um seine Mitte und zog es straff.
Für die anderen beiden Taue fehlten Felsen oder Bäume, um sie festzubinden, und so trieb Errudun mit dem Hammer zwei der Ankerstäbe mit den eisernen Ringen in den Boden. Während er die Seile hindurchführte, fühlte er die Blicke der Adler auf sich ruhen. Sie ließen ihn gewähren. Eine Zeit lang kreisten sie noch über dem Schiff, dann schraubten sie sich wieder mit mächtigen Flügelschlägen in die Höhe.
Errudun sah ihnen hinterher, während der Regen über seinen stoppeligen Schädel lief. Die letzten Tage war der Wind zu heftig gewesen und er hatte nicht die Ruhe gefunden, die Haare abzurasieren. Kein gutes Omen.
Etwas stieß sachte gegen seinen Handrücken und glitt von dort seinen Arm hinab. Errudun streckte die Hand aus und fing eine graue Feder mit schwarzen Spitzen auf. Sie war mehr als doppelt so lang wie seine Hand und beinahe so breit. Er schaute den Adlern hinterher, die in hohen Kreisen davonsegelten. Die Feder musste sich bei ihrem Flug gelöst haben. Nachdenklich fuhr Errudun den Kamm mit einem Finger nach. Sie war schön.
»Errudun.«
Er steckte die Feder unter sein Wams und kletterte zurück an Bord. Junoon stand an der Reling, die eine Hand um das Holz gekrallt, während sie sich mit der anderen das Fernrohr ans Auge presste. Die Öffnung war auf den in der Ferne aufragenden Steinbau gerichtet. Hell schimmerte er in einer Sonne, die hier unten an der Küste nicht schien. Ein hoher Turm strebte aus dem Bau empor und überragte selbst den Felsen, an dessen Flanke das Gebäude errichtet war. Schon während ihres Anflugs hatte Junoon sich kaum beherrschen können und immer wieder durch die Sichtluken hinübergespäht. Es glich einem Wunder, dass sie nicht abgestürzt waren.
»Phänomenal erhalten«, murmelte sie. »Ein paar Löcher in der Mauer, etwas überwuchert, aber ansonsten in großartigem Zustand. Eine Ringmauer, wie es scheint, dazu ein runder Turm. Genau, wie die anderen Anlagen. Tarak Nemir. Wir haben es gefunden! Wir haben es wirklich gefunden. Was würde ich nur dafür geben, wenn es nicht so lange gedauert hätte! Gestern war schon Vollmond. Die Zeit, mein Lieber. Immer die Zeit!«
Trotz ihrer Worte lag zum ersten Mal seit Wochen ein ehrliches Lächeln auf ihren Lippen, mochte es auch noch so gehetzt und ausgezehrt wirken.
Errudun räusperte sich. »Das Dorf.«
»Was? Ach, ja. Ja, natürlich, das Dorf. Wie immer. Zuerst dafür sorgen, dass alles sicher und geordnet verläuft. Die Gegenwart und Zukunft im Blick, nicht die Vergangenheit.«
Sie drückte ihm das Fernrohr in die Hand, lächelte ihn an und humpelte zur Reling. Einen Moment sah Errudun auf das schwere Instrument, so lang wie sein Unterarm und mit Leder umwickelt, dann hoch zur steinernen Anlage. Im Vergleich zum Dorf lag sie wie ein Fremdkörper in der Landschaft, eine helle Wunde an der Spitze der Hügel.
Er legte das Fernrohr zurück in die gefütterte Schachtel, in der es immer ruhte, und verstaute sie unter Deck. Anschließend schwang er sich mit Junoons Gehstock an einem Seil über die Reling hinunter aufs Gras. So stand er bereit, als Junoon die Leiter an der Außenwand der Candramása bezwungen hatte. Ihr Atem kam rasch und sie stützte sich schwer auf ihren Stock, als Errudun ihn ihr reichte. Wortlos bot er ihr auch den Arm an.
»Unsinn«, sagte sie unwirsch, schlug die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf und streckte den Rücken durch. Obwohl sie sich bemühte, es zu verbergen, sah er den Schmerz in ihren Augen. »Wir müssen Stärke zeigen.«
Junoon machte zwei staksige Schritte und strauchelte. Bevor sie fallen konnte, war Erruduns Arm da, so wie er immer da war, und hielt sie, bis ihr Atem sich gefangen hatte.
»Langer Flug«, sagte er leise.
»Ja.« Sie seufzte und legte ihr Gewicht endlich auf seinen Arm. »Ja, und der Boden ist uneben.«
Errudun nickte, ohne eine Miene zu verziehen. Er wusste, dass es nicht am Boden lag. Junoon hatte einmal mehr ihre Grenzen überschritten. Sie würde es wieder tun, aber wie oft würde es ihr noch ohne eine Katastrophe gelingen?
»Also dann. Zusammen, mein Lieber.«
Ihr Lächeln wurde breit, eingeübt, die Augen freundlich, während sie auf ihn und den Stab gestützt auf das Dorf zuschritt.
* * *
»Bitte. Nehmt Euch noch.«
Die Frau namens Rasi deutete auf den dampfenden Kessel, der zwischen ihnen über der Feuerstelle hing.
Junoon dankte mit einem Lächeln und einem Nicken und Errudun goss ihr und sich noch eine Kelle ein. Der Eintopf aus Zwiebeln und Topinambur war einfach, aber sättigend und wärmte von innen. Auch ihre Gastgeberin füllte ihre Schale und schlürfte von der Spitze eines schlichten Holzlöffels. Rasi war ihnen als Dorfvorsteherin vorgestellt worden und wohnte in der größten Hütte der Siedlung. Sie war eine Frau in Junoons Alter, mit grauen Haaren, wettergegerbter Haut und einem Gesicht, als hätte jemand wenig Talent beim Schnitzen gehabt. Errudun mochte Menschen wie sie. Kantig, außen wie innen.
»Von wo hat Euch Euer Weg nach Gamandru geführt?«, fragte Rasi, nachdem sie sie eine Zeit lang über den Rand ihrer Schale gemustert hatte. Ihre Fingernägel waren ebenso erdverkrustet wie die der anderen, die mit ihnen um die Feuerstelle in der Hütte saßen oder sich an die Innenwände drängten. Arbeitende Menschen, dachte Errudun zufrieden, selbst die, die für das Dorf sprachen. Wer eine einfache Arbeit machte, war meist ehrlich. Man wusste, was man von solchen Leuten bekam.
»Ich komme aus Masonas«, antwortete Junoon und richtete sich im Sitzen ein Stück auf.
Errudun sah aus den Augenwinkeln, wie schwer es ihr hier fiel, wo es keine Stühle gab und sie nur auf dicken Polstern auf der Erde saßen.
»Ein Land, das weit im Norden liegt. Mein Gefährte stammt aus Gholon. Jetzt kommen wir aber aus dem Süden zu euch. Wir sind … Reisende.«
»Reisende?«
»Ja. Wir reisen umher mit der Candramása, meinem Luftschiff, und besuchen ferne Länder und Stätten.«
Ein Raunen ging durch die Anwesenden und viele steckten ihre Köpfe zusammen. Errudun versenkte Löffel und Blick wieder in der Schale mit dem Eintopf, während er lauschte. Er wusste, welches Wort diese Menschen zum Tuscheln gebracht hatte.
»Luftschiff?«
Junoon lächelte jetzt einnehmend. »Ein passender Name, nicht wahr? Es ist einem Eurer Boote gar nicht so unähnlich. Man überantwortet sich dem Wind und steuert nach bestem Wissen. Nur dass die Candramása es über dem Wasser vermag, statt auf ihm. Stürme sind aber auch in der Luft gefährlich.«
Sie lachte leicht und Rasi und einige andere fielen mit ein. Ein Hauch von Erleichterung schwappte durch die Hütte, als hätte jemand einen Stein in einen Teich plumpsen lassen. Errudun schlürfte die Schale leer.
»Verzeiht unsere Neugier. Wir sind Menschen von außerhalb gewohnt, aber nie zuvor sind sie zu uns geflogen wie ein Adler. Wie ist Euch das gelungen?«
»Mein Vater hat die Candramása gefunden. Sie ist ein Relikt der Vorzeit, so sagte er mir. Ich glaube kaum, dass heutzutage noch jemand so etwas zu bauen vermag.«
Rasi nickte, als hörte sie solche Worte jeden Mond.
Eine Frau, die sich im Griff hat, dachte Errudun. Er stellte die Schale vor sich auf den Boden.
»Als Reisende seid Ihr sicher wegen des Orakels hier«, sagte ein Mann hinter Rasi, dessen Name Errudun entfallen war.
»Orakel?« Für einen Moment entglitt Junoon ihre beherrschte Fassade. Darunter erblickte Errudun die Frau, die sie seit der Landung verbarg: verwirrt, ausgezehrt und der völligen Erschöpfung nahe.
»Natürlich. Das Orakel der Federn.«
Jetzt war es an Rasi, zu lächeln. Stolz tanzte dabei durch die vielen Fältchen, die der Seewind in ihre Mundwinkel gegraben hatte.
Junoon rang weiter um ihre Fassung, und so fragte Errudun: »Wo finden wir das Orakel der Federn?«
»In Toukila Kore.« Rasi wies mit dem Arm hinter sich auf die Wand der Hütte. Andere der Dorfbewohner nickten eifrig oder imitierten die Geste, zeigten sogar aus der Türöffnung. »Ihr habt sicher die Feste gesehen, als Ihr … gelandet seid, sagt man das so bei einem Luftschiff? Der prächtige weiße Bau mit dem Turm, der beim Felsen der Hoffnung steht.«
»Sie ist Rettung für all die, die sich unter den Weiten des Himmels verloren haben«, sagte jemand in Erruduns Rücken.
Rasi nickte. »Wer zu ihr hinaufsteigt, kommt verändert herunter.«
»Dort wohnen die Ekaras, die Herrscher der Adler«, warf eine junge Frau von der Rückwand ein.
»Gepriesen seien die unsterblichen Ekaras!«, rief ein Mann.
»Gepriesen seien die Adler!«, eine Frau.
»Gepriesen sei Wairura, über uns wachend!«
Errudun schaute ins Rund. Zu allen Seiten begegneten ihm leuchtende Augen und strahlende Münder. Mit einem Mal wirkten die Menschen hier wie ein einziges Wesen in ihrer Ergriffenheit. Eine Eintracht des Glaubens. Es war lange her, dass er so etwas erlebt hatte.
»Die Adler wachen über das Orakel«, sagte schließlich jemand. »Und Orol Kana ist es, der es verkündet.«
»Orol Kana?« Junoon hatte die Kontrolle über ihre Miene zurückerlangt und blickte mit einem Lächeln in die Runde.
»Orol Kana lebt dort in Toukila Kore. Zu ihm sprechen die Federn und er verkündet, was die Zukunft für einen bringt.« Rasi nickte ernst. »Er wird Euch empfangen, wenn Ihr zum Orakel wollt.«
* * *
Als sie die Hütte verließen und langsam durch das Dorf zurück zur Candramása gingen, stützte sich Junoon schwerer auf Erruduns Arm als noch auf dem Hinweg. Kinder und Erwachsene gleichermaßen gafften ihnen hinterher. Errudun vernahm ihr Tuscheln, ohne die Worte zu verstehen.
»Ein Orakel«, murmelte Junoon, als sie die Hütten und alle Bewohner hinter sich gelassen hatten. Wut lag hart auf ihren Brauen. »Warum muss ausgerechnet Tarak Nemir bewohnt sein?«
»Seid Ihr denn am Ziel?«, fragte Errudun.
»Ich hoffe es.« Junoon schaute hoch zu den weißen Steinbauten, als sie das Luftschiff erreichten. Unruhe schimmerte in ihren unterlaufenen Augen, und daneben sah Errudun den Glanz, der früher auch für ihn so ansteckend gewesen war und den er inzwischen zu fürchten gelernt hatte. Sie würde heute Nacht im Bett liegen, aber keinen Schlaf finden. »Wir müssen es sein.«
Mit geübter Hand half Errudun ihr, die Leiter zu erklimmen. Währenddessen schaute er selbst zur Anlage hoch. Toukila Kore hatten die Dorfbewohner sie genannt. Errudun ließ den Namen unter seinem Atem über die Zunge rollen. Er schmeckte angenehm, passend. Ganz anders als Tarak Nemir, wie Junoon die Feste nannte. Ob es einen richtigen Namen gab und einen falschen? Und was bedeutete es für ihn, wenn Junoon ihr Ziel erreichte? Gab es dann einen Weg, der ihn weiterführte?
Der Wind wehte die Gedanken fort, und behände erklomm Errudun hinter Junoon die Sprossen. Sie keuchte oben auf dem Deck, den Blick unverwandt auf den Steinbau gerichtet.
»Nicht heute«, mahnte er und fasste sie am Ellbogen. »Ruht.«
Sie nickte widerstrebend. »Morgen. Morgen statten wir diesem Orakel der Federn einen Besuch ab.«
Tuani
Das Schiff flog auf in die leuchtende Morgensonne. Tuani klopfte das Herz bis zum Hals, während sie in einer Fensternische des Turms hockte, die gerade von keinem Adler belegt wurde. Jeden Moment dachte sie, das Schiff müsste zu Boden stürzen, wie eine von scharfen Krallen gerissene Ente. Doch es stieg weiter, drehte sich in der Luft und flog dann auf sie zu.
»Sie kommen!«, rief sie blindlings über die Schulter ins Innere. »Sie kommen hierher!«
Seit dem gestrigen Morgen hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht! Sie wollte dieses Schiff betrachten und die kennenlernen, die auf ihm nach Tapukila geflogen waren. Was für Geschichten mussten sie erzählen können! Doch Girasár hatte es ihr untersagt und sie den ganzen Tag üben lassen, damit sie nicht ins Dorf hinunterrannte. »Wer zu uns kommen will, wird kommen«, hatte er gesagt, und einmal mehr ihre Geduld kritisiert. Geduld, Geschmuld, wie konnte er hier bloß stillsitzen bei einem Schiff, das flog?
»Oh, was für ein Anblick!« Ihre Füße trommelten vor Aufregung gegen die Mauer unterhalb des Fensters. »Niemals im Leben werde ich dieses Bild vergessen! Ich könnte es nicht, selbst wenn ich es wollte.«
Ihr Bauch flatterte mit schnellen Flügelschlägen, während das Schiff immer näher kam. Tuani konnte den Mann sehen, der auf ihm herumlief, an Seilen zog und seitliche Tuchbahnen bewegte. Es wirkte fast wie das Segeln auf dem Meer, als wären Himmel und die See eins, obwohl Tuani wusste, dass sie es nicht waren, denn Fliegen musste wundervoll sein und Segeln war es nicht.
Der Mann hatte einen kahlen Schädel, ein breites Gesicht, das gut zu seiner kräftigen Statur passte, und schmale, ernste Augen. Er sah aus wie ein Mann, der wundervolle Geschichten erzählen konnte, und es nicht tun würde. Die Frau, die Tuani gestern ins Dorf hatte gehen sehen, zeigte sich nicht.
»Bitte lass sie mit dabei sein«, flüsterte sie in den Wind. Heute war es unverkennbar Hava Ingane, der Wind der Veränderung. Die ganze Insel schmeckte danach.
Immer größer wurde das fliegende Schiff, bis es Toukila Kore fast erreicht hatte. Seine Windmühlenflügel blieben stehen, dann drehten sie sich in die entgegengesetzte Richtung und hielten das Schiff in der Luft wie ein rüttelnder Falke. Etwas fauchte, dann sank es zu Boden, einen Steinwurf außerhalb der Feste auf dem kurzen Stück ebener Erde, bevor das Land hinunter zur Küste abfiel. Sie sah den Mann mit Stäben von Bord klettern, sie in den Boden treiben und das Schiff mit armdicken Seilen daran festbinden. Schließlich lag es so still wie seine langweiligen Verwandten auf dem Strand. Über dem Rumpf erhob sich ein Zeltdach, geformt wie ein auf der Seite liegendes Ei und gehalten von zahllosen Tauen. Tuani konnte sich kaum sattsehen.
»Das ist der beste Tag in meinem Leben«, flüsterte sie und grinste über das ganze Gesicht.
Sie wandte den Blick erst ab, als sie eine Bewegung unter sich bemerkte. Girasár war aus dem Portal der Besuchenden getreten und schritt über den Ringhof zur Lücke in der Außenmauer. Er hatte die Maske mit den Schwingen und den aufgemalten Adleraugen vor das Gesicht gezogen und das zeremonielle Gewand übergeworfen. Die eingenähten Motive von Schwingen, Krallen und Schnäbeln schimmerten, als das Licht auf sie traf, und die Federn und Bänder der weiten Ärmel flatterten im Wind.
Mit lauten Rufen stürzten sich die Adler vom Turm und ihren Plätzen entlang der Mauern in die Tiefe. Hava Ingane wich zurück vor Hava Arol, dem Wind der Adler. Hundert Flügelpaare schlugen die Luft und hüllten Girasár ein. Aufrecht stand er auf der Rampe aus Erde in der Lücke der Mauer, inmitten eines wahren Sturms aus Schwingen, den größten aller Winde in seinem Gewand, und schaute denen entgegen, die zum Orakel kamen. Tuanis Beine schwiegen. Nie zuvor war Girasár mehr Orol Kana gewesen, der Verkünder des Orakels der Federn. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn schon einmal so gesehen zu haben.
Kreischend schossen Tantuku und Kalukemu über ihrem Kopf dahin, als jetzt die Fremden näherkamen. Der Mann schaute ernst in die Runde. Seine Haut war dunkel, dunkler als ihre und auch als die aller Menschen auf Tapukila, aber heller als die von Girasár.Ähnlich, aber anders. So, wie Sunkila und Rakotka beide braunes Gefieder hatten und sich doch unterschieden. Seine Kleidung war einfach, grau und braun, wie die der Leute aus Gamandru, aber von anderem Schnitt.
Er ging neben der Frau, half ihr aber nicht, wie er es gestern im Dorf getan hatte. Auf einen Stock gestützt kam sie auf Girasár zu. Sie war größer als er, viel größer als Tuani und doch kleiner als der Mann, mit heller Haut, die zu schimmern schien, wie es die Mauern von Toukila Kore manchmal taten. Graue, ungezähmte Haare flatterten im Wind der Adler, der auch an ihren weiten, fließenden Kleidern zerrte. Fein und bunt mussten sie einst gewesen sein, doch jetzt wirkten sie ausgewaschen und waren vielfach geflickt. Was Tuani aber am meisten fesselte, waren ihre Augen. Obwohl klein und grau wie ein wolkenverhangener Herbsttag, brannten sie von einem inneren Feuer. Ihr Blick strich über die Mauern, betrachtete sie, wie Tuani einen frisch gefangenen Fisch ansah, wenn ihr Magen knurrte. Nur langsam, wie unter großer Anstrengung, richtete er sich auf Girasár.
Tuani ließ sich an den Fingern aus der Fensternische hängen, stieß sich von der Mauer ab und sprang auf den großen Trümmerblock, der vor langer Zeit von der Turmspitze hier heruntergefallen war. Es war ein tiefer Sprung, doch sie machte ihn alle paar Tage und so landete sie sicher. Von hier hüpfte sie auf das kleinere Bruchstück und hastete dann zum Mauerdurchbruch, wo sie sich an den Stein drückte. Um nichts in der Welt wollte sie auch nur ein Wort verpassen!
»Seid gegrüßt!«, rief die Frau über den Wind und das Kreischen der Adler, und blieb außerhalb des Sturms aus Flügeln stehen. Ihre beiden Hände lagen jetzt auf dem Knauf ihres Stocks. »Seid Ihr Orol Kana?«
Girasár schnaubte und Tuani konnte seine Empörung fast schmecken. Für gewöhnlich war er es, der die ersten Worte sprach. So gebührte es seiner Position. Es war noch nie vorgekommen, dass jemand von außerhalb ihn zuerst angesprochen hatte.
»Ich bin Orol Kana.« Girasár straffte die Schultern. Die Maske verlieh seiner Stimme einen schweren, dumpfen Klang. »Ich heiße Euch willkommen in Toukila Kore, dem Heim des Orakels der Federn. Ich bin sein Wächter und Verkünder.«
Viele der Adler ließen sich nun wieder auf dem Dachfirst und entlang der Mauer nieder und der Rest stieß nicht mehr so tief herab. Tuani sah, dass der Mann ihnen nachschaute, während der Blick der Frau Tuani erfasste.
»Und wer ist Eure junge Begleiterin, Orol Kana?«
Die Orakelmaske wandte sich ihr zu. Tuani glaubte fast, die aufgemalten Augen würden sich unwirsch verengen, wie es Girasárs echte so oft taten. Dann streckte er den Arm nach ihr aus.
»Das ist Tuani. Sie ist meine Schülerin und Gehilfin.«
Tuani folgte der Aufforderung und trat hinter der Mauer hervor an Girasárs Seite. Die Frau bedachte sie mit einem offenen Lächeln. Es machte ihr Gesicht jünger und ihre Augen warm. So einen Blick zeigte Girasár nicht mehr oft.
»Tuani ist dein Name?«
»Ja. Aber in meinen Träumen, wenn ich fliege, dann bin ich Tuanisitra, die auf dem Wind gleitet und …«
»Hört nicht auf sie«, brummte Girasár und drückte kurz Tuanis Schulter. »Tuani ist es. Das Mädchen hat manchmal zu viele Gedanken im Kopf, zu viele Träume.«
»Zu viele Träume gibt es meiner Erfahrung nach nicht. Nur zu wenige.« Die Besucherin richtete den Blick wieder auf Girasár. »Mein Name ist Junoon Amarata Navorser. Dies ist mein Begleiter und Gehilfe Errudun Berou. Wir sind Reisende, Erkundende, wenn Ihr so wollt. Im Dorf wurde gesagt, dass Ihr Weissagungen trefft.«
»Nicht ich treffe sie, sondern das Orakel der Federn. Ich bin nichts als der, der die Worte verkündet.«
»Verstehe.« Die Frau nickte, während sie erneut über die Mauern schaute. Der Hunger in ihren Augen flackerte wieder auf. »Dann würde ich gern dieses Orakel der Federn in Anspruch nehmen.«
»Das wird nicht möglich sein.«
»Was?«
Harte Linien und ein wütender Zug um den Mund tauchten im Gesicht der Frau auf, wie ein Raubfisch aus der Tiefe. Als wäre sie es nicht gewohnt, dass man ihr Widerworte gab. Tuani sah rasch zwischen ihr und Girasárs bewegungsloser Maske hin und her. Wie mochte sein Gesicht darunter jetzt aussehen?
»Niemand kann eine Weissagung verlangen«, sagte er kühl. »Das Orakel ruft einen zu sich. Nur wer von einem Adler eine Feder geschenkt bekommt, kann hier ihr Orakel anrufen. Nur wer erwählt wurde, ist in diesen Mauern willkommen.«
Junoon hob die Brauen. Ihre Züge entspannten sich wieder. »Heißt das, ich muss nur irgendwo eine Feder finden, um Zutritt zu erlangen?«
»Nicht finden, Junoon Amarata Navorser. Bekommen. Die Adler selbst müssen sie Euch schenken.«
»Finden, bekommen, was macht das für einen Unterschied? Das sind doch nur Worte. Glaubt Ihr jedem, der hierherkommt und sagt, dass ein Adler ihm einer Feder geschenkt …«
»Die Adler wissen, welche Feder gegeben und welche gestohlen wurde! Und auch ich, Orol Kana, merke …«
»Ich habe eine Feder.«
Junoon wirbelte auf ihren Stock gestützt herum. Ihr Begleiter, Errudun Berou, stand steif hinter ihr, die schmalen Augen unverwandt auf Girasár gerichtet. Mit einer Hand griff er unter sein gefüttertes Wams und zog eine Feder hervor. Tuani schnappte unwillkürlich nach Luft und sie fühlte, wie sich auch Girasár neben ihr versteifte. Langsam nahm er die Gabe im Empfang.
»Das ist eine von Kalukemus«, flüsterte Tuani und berührte vorsichtig die Feder, die Girasár behutsam zwischen Daumen und Handfläche eingeklemmt hielt. »Die Schwanzfeder einer Ekara.«
»Woher hast du die?«, schnappte Junoon.
Tuani war sich nicht sicher, ob Wut oder nur Überraschung in ihrer Stimme mitschwang.
»Sie fiel in meine Hand. Gestern. Als die Adler über uns kreisten.«
»Und da hast du sie einfach eingesteckt?«
Errudun Berou nickte und sah mit ruhigen Augen zwischen Junoon und Girasár hin und her. Seine Begleiterin schüttelte den Kopf. Girasár starrte derweil immer noch auf die Feder. Tuani hielt einen Moment alle drei im Blick, dann schaute sie an dem Turm in ihrem Rücken hinauf. Kalukemu hockte in einer der ovalen Fensternischen der Kuppel. Die Federn ihrer Haube standen steil ab und ihre blauen Augen ruhten auf dem fremden Mann. Tuani holte tief Luft. Die Ekara hatte ihn erwählt, ohne jeden Zweifel.
Als sie den Blick wieder senkte, sah sie, dass auch Girasár am Turm hinaufgeschaut hatte.
»So soll es sein«, sagte er und wandte sich zum Portal um. »Das Orakel der Federn hat gesprochen. Ein Weg endet, ein neuer beginnt. Ihr sollt Eure Weissagung bekommen, Errudun Berou.«
* * *
Die dunklen Augen von Errudun Berou erfassten die Halle der Federn in einer langsamen Runde. Tuani kam es jedoch nicht vor, als würde er auf das schauen, was vor seinen Augen lag, auf die Rillen und Linien, die drei Stufen, die Federn, den Durchgang zum Turm und den durchschimmernden Stein der Wände. Es war, als schaute er auf das, was es bedeutete.
Junoon Navorsers Augen schienen dagegen alles aufzusaugen wie ein Strudel im Meer. Keine Fuge, kein Muster, keine Feder, die Tuani auf dem Boden verteilte, entging ihrem Blick. Selbst die winzigen, im Feuerlicht manchmal schwach glimmenden Linien im Stein der Stufen schien sie zu betrachten. Auf ihren Stab gestützt stand sie auf der Schwelle und schaute auf eine Weise auf Tuanis Welt, wie sie selbst es niemals vermocht hatte. Sie wünschte, sie könnte nur einen Herzschlag lang durch die Augen der älteren Frau schauen.
»Tuani!«
Girasárs scharfe Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie blickte zu Boden und sah, dass sie die Federn nicht in einem sauberen Kreis abgelegt hatte. Manche waren nach rechts aus dem Rund gefallen, andere hatten sich ins Innere des Kreises ergossen.
»Konzentrier dich«, zischte Girasár, während er über den Ring aus Federn in die Mitte der runden Steinplatte trat.
Hastig richtete Tuani die Federn richtig aus. Ihre Ohren brannten. Girasár war streng, schon immer gewesen, und sie war Tadel gewohnt. Nur selten konnte sie all seine Anforderungen erfüllen, träumte sich lieber fort in die Länder der Geschichten, die sie von außerhalb gehört hatte, oder in den Wind. Doch heute war es anders. Errudun Berou kümmerte Tuani nicht, doch vor Junoon gescholten zu werden, war anders als vor allen anderen, die bisher zum Orakel gekommen waren. Es missfiel Tuani. Ihr Blick glitt zurück zu der Frau, doch die war gänzlich im Anblick des Raums versunken. Tuani verstand nicht, was sie sah.
»Gaff nicht! Kümmere dich um das Rauchwerk.« Girasár machte eine unwirsche Handbewegung. »Errudun Berou, stellt Euch dort hin, unter die drei Aspekte Wairuras.«
Wortlos folgte der Mann der Anweisung, während Junoon ein Schnauben ausstieß. Girasárs Augen hinter der Maske schienen giftige Pfeile verschießen zu wollen, wie die Krieger aus den feuchten Wäldern einer Geschichte, die Tuani einmal gehört hatte.
Girasár hob die Hand. Zwischen Daumen und Handfläche geklemmt hielt er die Feder, die der Begleiter von Junoon mitgebracht hatte. Die anderen Finger waren gespreizt, im Bildnis der Flügelspitze eines Adlers. Tuani verstand immer noch nicht, warum Errudun Berou, dieser unscheinbare Mann ohne Haare, von den Adlern erwählt worden war und nicht Junoon. Ihr Lächeln wärmte Tuani das Herz, während Erruduns versteinerte Miene ihr nichts gab. Rasch wandte sie sich ab und entzündete die Kräuter in dem metallenen Gefäß. Mit sanftem Pusten entlockte sie den Schlitzen in der Außenwand duftende Schwaden.
»Errudun Berou, was möchtet Ihr das Orakel der Federn fragen?« Orol Kanas Worte dröhnten auf mächtigen Schwingen bis unter das Dach der Halle.
»Fragen?«
Die tiefe und zugleich sanfte Stimme passte nicht recht zum kantigen Äußeren Erruduns. Sie klang, als würde er sie selten benutzen. Tuani schaute auf und sah, wie er die Augenbrauen zusammenzog. Sie waren die einzigen Haare in seinem Gesicht.
»Das Orakel der Federn hat Euch die Gelegenheit gegeben, etwas über Eure Zukunft zu erfahren. Aber dafür muss es Eure Frage hören. Stellt sie.«
Erruduns Augen verloren ihren tiefen Blick und richteten sich auf die Feder in Girasárs Hand. Dann suchten sie Junoon, die nach wie vor im Eingang zur Kammer stand.
»Finden wir, was wir suchen?«, fragte der Mann.
Tuani glaubte, auch durch die Maske die wütende Linie zu sehen, die sich über Girasárs Brauen in die Stirn furchte. Sie erkannte es an der Art, wie seine Schultern sich hoben. Sie selbst war oft genug der Grund für ihr Erscheinen.
»So funktioniert das Orakel nicht. Es hat Euch die Chance gegeben, Errudun Berou. Euch allein, nicht Eurer Begleiterin.« Girasárs Finger ruckte zu Junoon hinüber. »Ich glaube, es ist jetzt an der Zeit, dass Ihr geht.«
Junoons Hand schloss sich fest um ihren Gehstock. »Ich möchte wirklich gern …«
»Das Orakel der Federn ist für die Person bestimmt, die von den Adlern ausgewählt wird. Nicht für andere, die zufällig am selben Ort weilen.« Girasár warf einen kurzen Blick auf Errudun Berou. »Euer Gehilfe kann Euch ja davon berichten, wenn ihm danach ist.«
Einen Moment glaubte Tuani, dass Junoon sich weigern würde. Ihre Haare schienen sich zu kräuseln, als besäße sie eine Federhaube wie die Ekaras. Dann wandte sie sich ruckartig um und verschwand im Gang. Tuani beeilte sich, auf Girasárs Wink hin die Tür zu schließen. Ob die Frau wohl vor der Halle im Gang verharrte? Tuani wünschte sich, sie könnte hindurchsehen, zumindest einen Schatten erahnen oder …
»Tuani!«
»Verzeiht, Orol Kana.«
Sie huschte zurück an ihren Platz. Als sie das Räuchergefäß an seiner langen Kette schwenkte, glitten die ersten Schwaden durch den Raum.
»Nun, Errudun Berou, habt Ihr Euch überlegt, welche Frage Ihr stellen wollt?«
Der Mann blickte immer noch zur Tür, als suchte auch er dahinter den Schatten seiner Begleiterin. Er holte tief Luft.
»Finde ich, was ich suche?«
Girasár nickte zufrieden, führte die Hand mit der Schwanzfeder von Kalukemu an die Lippen und blies sie in die Luft. Einen Moment tanzte die Feder zur Decke hinauf, dann taumelte sie abwärts. Tuani schwenkte das Räuchergefäß. Duftender Nebel umfing die Feder, wurde von ihr zerteilt und zog eine kreisende Bahn um Girasár und die zentrale Bodenplatte. Die Schwanzfeder fiel zwischen die anderen auf den Boden und blieb liegen.
Tuani fühlte Tuul Olo, den Wind der Federn, wie immer zuerst in ihren Haarspitzen. Sachte kräuselten sie sich und sandten ihr einen wohligen Schauer den Rücken hinunter. Dann strich der Wind um ihre Knöchel. Noch während Tuani unglücklich mit den Zehen wackelte, die hier in der Halle der Federn wie immer in einfachen Tuchschuhen steckten und kaum etwas fühlten, erfasste Tuul Olo die Federn am Boden. Eine Handvoll machte den Anfang, schwang sich hinauf, und die anderen folgten, in Spiralen, so wie sich auch die Adler in den Himmel schraubten. Errudun Berous Augen weiteten sich, leuchteten in seinem dunklen Gesicht wie Wairuras silbriges Auge in der Dämmerung.
Ein leichtes Klackern drang an Tuanis Ohren. Während Girasár inmitten des Wirbels niedersank, wusste Tuani, auch ohne durch die Tür sehen zu können, was sich ereignet hatte: Junoon Navorser war gegangen.
* * *
Was während des Orakelspruchs geschah, entzog sich Tuanis Gedächtnis. Sie schwenkte das Räuchergefäß, doch ihr Einsatz war schlecht. Immer wieder wurden die Schwaden von den Federn zerstoben, anstatt sich mit ihnen zu vereinen. Zu sehr musste sie an die Frau denken, die dort draußen war. Was tat sie wohl, während ihr Begleiter hier eine Wahrsagung erhielt? Was war interessanter, als bei der Tür zu warten, hinter der die Zukunft geweissagt wurde? Was sah sie, wenn sie auf Toukila Kore schaute?
Je häufiger Tuani im falschen Rhythmus schwenkte, umso unwirscher wurde Girasár. Sie konnte es an seinen Schultern erkennen und an der Art, wie er seinen Kopf zur rechten Seite neigte. Viele mochten denken, dass das Rauchwerk dazu diente, die Besucher zu beeindrucken, doch Tuani wusste, dass es Girasár dabei half, die Botschaft des Orakels zu verstehen. Damit er mehr sah als nur umherfliegende Federn.
So dauerte es länger als üblich, bis Girasár etwas lesen konnte. Was es war, bekam Tuani gar nicht mit. Als die Federn zu Boden sanken, wandte sich die Maske mit den großen Augen zu Tuani um. Sie konnte sich vorstellen, wie darunter die Barthaare in alle Richtungen gesträubt waren.
»Du darfst gehen. Ich räume die Federn selbst zusammen.«
»Aber das Rauchwerk …«
»Geh!«
Wut flackerte ihr durch die Schlitze in der Maske entgegen und so flüchtete Tuani aus der Kammer. Sie schob die Tür hinter sich zu, dann kickte sie ihre Schuhe fort.
»Es ist nicht gerecht«, murmelte sie unter ihrem Atem. Sie hatte sich bemüht, wirklich, aber ihre Gedanken waren einfach hier draußen bei Junoon gewesen. Diese Frau flog ein Schiff! Verstand Girasár nicht, was sie Tuani alles für Geschichten erzählen konnte? War ihm jede Form von Traum fremd?
Tuanis Wut wurde von einem Wind davongetragen, den sie nur in ihrem Inneren fühlen konnte und für den sie keinen Namen wusste. Ihre Augen huschten den Gang hinauf und hinunter. Die Frau war verschwunden, aber wohin?