Der Androgyn - Joséphin Péladan - E-Book

Der Androgyn E-Book

Joséphin Péladan

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Beschreibung

Seine eigene Jugend lässt Péladan hier aufleuchten. Samas, ein engelhafter Knabe, hat das Glück, in einer Familie aufgewachsen zu sein, die volles Verständnis für seine Eigenart entgegenbrachte und ein Fundament an dichterischer und künstlerischer Tradition mit auf den Weg gab. Außergewöhnlich bewusst erlebt Samas hier den androgynen Zustand seiner Jungfräulichkeit. Die belebende Wirkung dieser Anziehungskraft auf seine Mitschüler genießt er und beschließt, aus seiner Enthaltsamkeit möglichst lange Kraft zu schöpfen. Vorerst, denn dann gibt es da noch Stella ... Sie erscheint am Fenster des Nachbarhauses und wird zum ebenbürtigen weiblichen Gegenüber. Ihr gelingt es, Samas für ein zartes, rein ästhetisches, aber sich vorsichtig steigerndes Stelldichein von Fenster zu Fenster zu erwärmen. Dabei lauern unvermeidliche Wandlungsprozesse, die nach und nach tiefer ins Leben verwickeln. INHALT: Meinem Vater und meinem Meister Vorspiel - Hymne an den Androgyn Erstes Buch - Der Jüngling I Das Bild nach dem Text II Liebeserklärung III CElohil Ghuibor IV Besondere Freundschaften V Ansteckung des Gymnasiums VI Der Zauber des Androgyns VII Gottesfriede VIII Die gotische Kapelle IX Allgemeine Beichte X Die beiden Begriffe XI Die beiden Gefühle XII Das Heft der Entschlüsse XIII Befürchtung XIV Über die Beichte XV Die Sünden eines Androgyns XVI Das heilige Abendmahl Zweites Buch - Die Schule von Avignon I Rückkehr zur Wirklichkeit II Von der bekannten Kunst III Die Herrlichkeit des Körpers IV Das Stelldichein in der Kapelle V Androgynismen VI Bruder Platon VII Eine Theateraufführung VIII Die Tempelritter IX Ein Duell in der Schule X Hochamt XI Die Architektur der Jesuiten Drittes Buch - Die Jungfrau I Das Externat II Stella III Femina super bestiam IV Die Schultern des jungen Mädchens V Das Rätsel der Sphinx VI "Vaterland" ist nur ein Vorwand VII Ein unvergesslicher Rat VIII Die Plastik der Brüste IX Die Augen des Samas X Die Sünde Agurs XI Ihre Füße sind schön XII Venus Anadyomene XIII Erotische Askese XIV An Stella XV An Samas XVI "Antares Soldat!" Viertes Buch - Das Meer der Bretagne I Das Inselmeer von Brehat II Nachträgliche Liebe III Die Unheilsarmee IV Die Kupplerin V Yvette VI Vom freien Willen VII Anrufung VIII Der Liebeswille IX Geschlechtlichkeit X Die Behexung XI Der Tod des Androgyns Nachspiel Marsch der Leidenschaft

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die deutsche Originalausgabe erschien 1923 unter dem Titel

Der Androgyn. Sie ist hier hinsichtlich Typografie und uneinheitlicher Schreibweisen

moderat korrigiert und der neuen Rechtschreibung angepasst worden.

Abbildung Titelseite: Porträtmalerei von Marcellin Desboutin: Sâr Mérodack

Joséphin Péladan, Öl auf Leinwand, 1891 (Musée des Beaux-arts d’Angers).

Abbildungen am Einband: Unbekannter Maler der Niederländischen Schule:

Ausschnitt aus der Allegorie der Tugend, Öl auf Holz, ca. 1540, Privatbesitz.

Die Personifikation der Seelenstärke oder Keuschheit reitet auf einem Einhorn,

traditionelles Symbol für Letztere. In dramatischer Begegnung überwältigt

die Keuschheit symbolisch einen geflügelten Amor. Die Szene spielt an auf

die Macht der Vernunft über körperliche Versuchungen.

Salomon Trismosin: Ausschnitt aus der Figur der Digestion (Verdauung) im

alchemistischen Prozess, symbolisch der Sonne als Herrscher des Tierkreiszeichens

Löwe zugeordnet: „Gebt unseren lebendigen Drachen dem wildesten

Löwen zum Verschlingen.“ In: Alchemistisches Manuskript Splendor solis, 16. Jh.

Band 4 der Péladan-Reihe herausgegeben von Dr. Wolfram Frietsch

INHALT

Meinem Vater und meinem Meister

Vorspiel – Hymne an den Androgyn..

Erstes Buch – Der Jüngling

Das Bild nach dem Text

Liebeserklärung

Œlohil Ghuibor

Besondere Freundschaften

Ansteckung des Gymnasiums

Der Zauber des Androgyns

Gottesfriede

Die gotische Kapelle

Allgemeine Beichte

Die beiden Begriffe

Die beiden Gefühle

Das Heft der Entschlüsse

Befürchtung

Über die Beichte

Die Sünden eines Androgyns..

Das heilige Abendmahl

Zweites Buch – Die Schule von Avignon

Rückkehr zur Wirklichkeit

Von der bekannten Kunst

Die Herrlichkeit des Körpers

Das Stelldichein in der Kapelle

Androgynismen

Bruder Platon

Eine Theateraufführung

Die Tempelritter

Ein Duell in der Schule

Hochamt

Die Architektur der Jesuiten

Drittes Buch – Die Jungfrau

Das Externat

Stella

Femina super bestiam

Die Schultern des jungen Mädchens

Das Rätsel der Sphinx

„Vaterland“ ist nur ein Vorwand

Ein unvergesslicher Rat

Die Plastik der Brüste

Die Augen des Samas

Die Sünde Agurs

Ihre Füße sind schön

Venus Anadyomene

Erotische Askese..

An Stella

An Samas..

„Antares Soldat!“

Viertes Buch – Das Meer der Bretagne

Das Inselmeer von Brehat

Nachträgliche Liebe

Die Unheilsarmee

Die Kupplerin

Yvette

Vom freien Willen

Anrufung

Der Liebeswille

Geschlechtlichkeit

Die Behexung

Der Tod des Androgyns

Nachspiel – Marsch der Leidenschaft

Meinem Vater und

meinem Meister

DEM RITTER ADRIEN PÉLADAN

Geboren in Vigan, 8. September 1815

Gestorben in Nimes, 7. März 1890

MEIN VATER!

,,Wir werden nicht für ihn beten, wir werden für uns zu ihm beten“, das ist das Gefühl aller, die dich kannten: Heiligkeit umschwebt dein Andenken.

Als dein echter Sohn berausche ich mich in meinem Schmerze, dass ich einen solchen Vater gehabt habe, der, wie die Frömmsten glauben, weder Messen noch Gebete braucht. Doch fühle ich deinen Namen auf mir lasten, mich verwirren, mich, der das von deinen Werken bleibt, das den größten Widerhall gefunden, aber am schlimmsten verkannt wurde.

Die Heiligkeit, die du erreicht hast, genügt meiner gebieterischen Trauer nicht; die Gerechtigkeit, die dem Menschen geworden ist, kann mir nicht die Ungerechtigkeit verschleiern, mit der man dein ganzes Leben lang den Dichter, den Theologen, den Apostel überhäuft hat. Filius leonis paruit pardus, habe ich anderswo gesagt, als Richter des Bösen, das dir geschehen ist, und diese lateinische Drohung werde ich erfüllen.

Es ist Zeit, die Banausen aus dem Tempel zu jagen und einen Kreuzzug gegen das Hässliche zu führen; es ist Zeit, zum Katholizismus der Renaissance zurückzukehren, der glaubte, dass ein Meisterwerk ein Beweis für Gott ist und die größte Sünde im Fehlen der Flügel liegt.

Wenn ich dich heraufbeschwöre, o mein Vater, wie du, nur lateinisch sprechend, nach Rom gingst, mit einem Kruzifix, einer Bibel und Lamartines Gedichten, so sehe ich, dass dieser Titel des Ritters, den dir der Papst gab, für dich einen überraschenden Sinn annimmt.

Das bist du gewesen: dichtender Ritter! Deine „Katholischen Ergüsse“, deine „Provinzgerichte“, deine „Winde und Stürme“ würden für einen Ruf genügen, wenn die Katholiken eine andere Poesie duldeten als die alberner Lieder.

Was hast du für Seelenkräfte im Zeitungsdienst verschwendet, vom „Stern des Mittags“ von 1848 bis zum „Strafgericht“ und „Höchstem Recht“ seit dem Kriege von 1870!

Wie ein Chouan hast du mit der Feder gekämpft, besser als einer aus dem großen Kriege; du trugst das heilige Kreuz als Kokarde und deine Losung war „Gott und der König“.

Gott hat sich dessen erinnert! Aber der König, dieser Graf Chambord, den ich aus Achtung vor dir auf dieser Seite noch schonen werde, und der ungebildete Adel sind undankbar, wissen ihre Meister, die Intelligenzen, nicht zu schätzen. Welche Niedrigkeiten, o mein Vater, hast du mit dem Strom eines wunderbaren Ideals belebt!

Paris verschloss sich deiner Stimme, die sich niemals bis zu dem schlechten Ton der Zeit herablassen konnte: du warst nicht einmal entmutigt. Ohne zu zögern, beschenktest du Lyon, die zweite Stadt Frankreichs, oder vielmehr die letzte, mit einer Zeitschrift der „Geistigen Dezentralisation“ und mit der ersten „Religiösen Woche“ Frankreichs.

Lyon erinnert sich dessen nicht; Lyon ist Chambords wert.

O welch furchtbare Hölle für eine große Seele ist die Partei der Katholiken, dieses Gesindel von Feigen und Schelmen! Zitiert man je deine „Geschichte Jesu Christi nach der Wissenschaft“ oder deine „Geschichte der heiligen Jungfrau“, diese Monumente? Nein, ebenso wenig wie die „Vergleichende Anatomie“ meines Bruders, des Dr. Peladan, dieses gelehrte Meisterwerk.

Warst du endlich müde, da man dich stets verhinderte, das Gute zu tun, das du wolltest? Nein, du gründetest diese „Annalen des Übernatürlichen“, die fünfzehn Jahre lang alle Kundgebungen der Ekstase und des Weissagens vereinigt haben und die der Papst mit lobenden Briefen geehrt hat.

Doch der Franziskaner, der an dein Sterbebett gesandt wurde, wusste nicht, zu welchem Patriarchen er sprach, als er auf eine banale Ermahnung sich diese erhabene Antwort zuzog, in die der Stolz des Glaubens so schön ausbrach:

„Ich bin immer mit meinem Gott,

und mein Gott ist immer mit mir.“

Um dir auf deinem letzten Wege zu folgen, wollte ich mich auf einen Mönch stützen, und der Mönch antwortete, dass er zu dieser Stunde anderswo predige. Ich möchte wissen, was fünfhundert Fromme bedeuten, wenn Josephin Peladan den Leichenzug des Ritters Adrien Peladan führt!

Da die Menschen von heute nicht wissen, was sie tun, habe ich, mein Vater, den Titel Sar wieder angenommen, aus unserem alten Blute der Magier, um einen weltlichen Orden kämpfender Geister, eine Liga von Künstlern zu leiten.

Meine Pflicht als Freund der Kirche im Lichte meiner eigenen Neigung wählend, habe ich eine geistige Alchemie geschaffen, eine Kunst, aus jeder Seele das Teilchen Gold zu lösen, das sie enthält.

Wie du die Frömmigkeit wieder erneuert hast, mein Vater, so habe ich die Magie wiederhergestellt; ich habe den Forschungen der Saint-Yves, der Papus beigewohnt, mit ihnen diese heiligen Reliquien studierend; ich suche dort das verborgene Zeichen ihres Ursprungs, das Siegel ihrer vatikanischen Bestimmung: ich bin – und du hast es gebilligt – der apostolische Gesandte am Hofe der Magie, auf dass am nahen Tage der Enthüllung die Kirche durch meine Stimme im Besitz jener heiligen Gefäße bleibt, die sie vergessen und verloren hat.

Deine Nachfolge, o mein Vater, im Sinne meiner eigenen Berufung, wird mein Streben sein; erwirke mir vom Ewigen die salomonische Gabe, die Gabe des Scharfsinns, damit ich wenigstens dein würdiger Sohn in der Domäne des Geistes bin.

So gut gewarnt durch die Betrachtungen, zu denen dein Tod mich trieb; gezwungen, rein zu bleiben, um wachen zu können: bringe ich in mein gewagtes Streben einen Mut, der die Schwächen aufhebt, und eine Kunst, die oft den Sieg erringt.

Meine ganze Kraft, das ist mein Glaube, und du hast ihn gebildet; mein Werk hat nur Wert durch seine eherne Religiosität, und du hast mich geformt: ich bin also aus deiner Seele wie aus deinem Leib geschaffen. Ich bin dein Widerschein, mehr glänzend als rein: alles, was gut und schön ist in meinem Werke, sei dir zugeschrieben, das wird nur Gerechtigkeit sein.

Das Meer der Bretagne, August 1890.

Josephin Peladan

VORSPIEL

HYMNE AN DEN ANDROGYN

I

Jüngling mit den feinen Knochen, mit dem mageren Fleisch, Mischung von Kraft, die kommen wird, und von Anmut, die flieht. O unentschiedener Augenblick des Körpers wie der Seele, zarte Nuance, unmerkbarer Intervall der plastischen Musik, höchstes Geschlecht, dritte Form! Lob sei dir!

Jungfrau mit den dünnen Armen, mit den kleinen Brüsten, Illusion von Kraft, die spielt, in der Grazie verborgen; unbestimmte Stunde des Körpers und verwirrter Punkt der Seele; zögernde Farbe, enharmonischer Akkord, Held und Nymphe, Gipfel der Form, die einzig Fassliche in der Welt der Geister! Lob sei dir!

II

Junger Mann mit den langen Haaren und fast begehrenswert, den das Verlangen noch nicht berührt hat; Bartloser, der von den nahen Gelegenheiten noch nichts weiß, vielleicht bleibst du stolz, vielleicht besudelst du dich; Schüler, der die Stimmen der Schlaflosigkeit hört, schlechter Bursche oder Gelehrter, künftiger Ritter der Malteser oder der Dirnen! Lob sei dir!

Junges Mädchen mit den kurzen Haaren und fast jünglingshaft, deren Herz noch nicht gesprochen hat; Knospe, die sich vor dem sinnlichen Aufblühen verschließt; vielleicht wirst du sündigen, vielleicht bleibst du tugendhaft; schöne Maid, die das Leben im Gesang des Windes buchstabiert; Landstreicherin oder Edelfräulein, die sich bald Maria oder Venus weihen wird! Lob sei dir!

III

Reiner Jüngling, unvergleichlicher Zauber, einzige vollkommene Anmut, köstlicher Unbekannter, verschwiegenes Gedicht; auf dem Jungfernpergament des Herzens schrieb sich noch kein Name ein; auf dem Jungfernpergament des Körpers keine rosige Spur; Fleisch, das nicht schwach geworden; Geist, der noch schwebt; Alabaster, von dem sich nichts verliert! Lob sei dir!

Reine Jungfrau, kaiserlicher Diamant unter allen Gemmen der Weiblichkeit; Schmuck, der beim Vergleich den himmlischen Kronen nicht nachsteht; deine kostbaren Glieder wissen von keiner Umarmung und deine Nerven, empfindsame Saiten, haben keinen misstönenden Finger erduldet; Geige, in der die Harmonie noch schläft, Klavier des Schweigens! Lob sei dir!

IV

Mann, der bezaubert und morgen schaffen wird; Siegfried, der sich nicht kennt; Cherubin, der erwacht; Page von heute, Ritter von morgen; Student, der erstaunt und am Rande der Jugend tändelt; erster Flaum auf den Lippen und erste Verwirrung im Herzen; hübscher Stammler, der einen nackten Hals entblößt, weiß wie ein Frauenarm! Lob sei dir!

Frau, die empfindet und morgen lieben wird; das ist Desdemona, die sich nicht kennt, und Julia vor dem Ball; Versuch zum Nachdenken, das im Traume endet; Pandora und Neugierige, die den Mond bittet, das Begehren zu erleuchten, das im Schatten ihres Herzens kauert; harmlose Bradamante, die unter ihren langen Zöpfen einschläft und Endymion gleicht mit dem blühenden und stolzen Körper! Lob sei dir!

V

Reines Geschlecht, das in den Liebkosungen stirbt; heiliges Geschlecht, das allein zum Himmel steigt; schönes Geschlecht, das die Genossin leugnet; edles Geschlecht, das dem Fleische trotzt; unwirkliches Geschlecht, das einige erleben wie einst Adam in Eden; Geschlecht, unmöglich in der irdischen Entzückung! Lob sei dir, das nicht da ist!

Sanftes Geschlecht, dessen Anblick den Einsamen tröstet; ruhiges Geschlecht, das die suchenden Nerven einschläfert; zartes Geschlecht, das reines Vergnügen ausströmt; liebkosendes Geschlecht, das uns die Seele küsst; berauschendes Geschlecht, das uns nach oben führt; barmherziges Geschlecht, das uns unsere Träume gibt; Geschlecht der Jungfrau von Orleans, Geschlecht des Wunders! Lob sei dir!

VI

Du nanntest dich einst Adonis oder Tammuz; vor Mozart warst du Alkibiades; ideale Chrysalide, aus der die Engel hervorgehen, aus der die Menschen in die niedrige Männlichkeit der Larven fallen; o Form, so vollkommen, dass Gott sie geweiht hat als das Gewand des ewigen Festes! Lob sei dir!

Du nanntest dich Diotima für Platon; Sappho, Hypathia, Roswitha bezeichnen dich, Vielnamige, deren Ruhm das vollständige Prisma sterblicher, aber immer wiederkehrender Nuancen bildet; o Grazie, so heiter, dass Dante, in drei Flügen, zu den Wolken hat steigen können; o Dame der Schönheit, der Weisheit und des Ruhms, Walküre der christlichen Walhalla, o Beatrice! Lob sei dir!

VII

Unberührbarer Eros, Eros Urania, für die groben Menschen der moralischen Epochen bist du nur eine infame Sünde; man nennt dich Sodom, himmlischer Verächter jeder Wollust. Es ist das Bedürfnis heuchlerischer Jahrhunderte, die Schönheit, dieses lebendige Licht, der Finsternis anzuklagen, die in den gemeinen Herzen enthalten ist. Bewahre deine unnatürliche Maske, die dich vor dem Gemeinen schützt! Lob sei dir!

Anteros, der du die banalen Zärtlichkeiten heilst, mächtiger Alchemist der unvollkommenen Begierde, Athanor des großen Werkes in der Welt der Seelen: dein Schicksal will die vergänglichen Irrtümer, die fruchtbaren Irrtümer, aus deren Netz du aufsteigst zum erhabenen Werden, unter dem neugierigen Erstaunen der Unwissenden! Lob sei dir!

VIII

Engel des Signorelli, Johannes des Leonardo, Strafer von Eden und Schuldiger von Ereck, Bote des Geheimnisses und Mittel des Wunders, himmlischer Gesandter, du bist der höchste Punkt, auf dem unser körperliches Auge den Geist erfassen kann; du bist die Sichtbarkeit, in dem das göttliche Gesetz sich für das Gebet kundgibt! Lob sei dir!

Wahre Engel des wahren Himmels, brennende Seraphs und denkende Cherubs, die am Throne Jehovas stehen! Rittertum und gottgemäßes Wesen! Prinz der Siebenzahl, der bald befiehlt, bald gehorcht. O ursprüngliches Geschlecht, endgültiges Geschlecht, unabhängig von der Liebe, unabhängig von der Form, Geschlecht, welches das Geschlecht leugnet, Geschlecht der Ewigkeit! Lob sei dir, Androgyn!

ERSTES BUCH

DER JÜNGLING

Ich liebe alles vom Kloster: Das meerblaue Gewölbe, das mit goldenen Sternen besät ist; den Weihrauch der Kapelle, der mich berauscht und in meinen Augen Engel ums Tabernakel formt. Ich liebe die Stimmen der Orgel, ich liebe meine eigene Stimme: das seltsame Mönchlein vergisst sich im stillen Gebet, große Augenblicke lang, auf den Fliesen des Chors. Aber ich verehre noch mehr den wirklichen Himmel, den großen Himmel, der sich verändert: zuerst ist er purpurn, dann glänzend weiß, schließlich rot und violett. Ich liebe die Wolken, die lebendigen Wolken, die so seltsame Formen haben, die aus der Ferne kommen und Gott weiß wohin ziehen. Ich verehre auch die Symphonie des Tagesanbruchs, die lieblichen Klänge der Morgendämmerung; den unsagbaren Ton des Abends, der auf den schlafenden Wald herabsinkt …

Péladan, Der Prinz von Byzanz, Erster Akt.

Das Bild nach dem Text

Liebeserklärung

Œlohil Ghuibor

Besondere Freundschaften

Ansteckung des Gymnasiums

Der Zauber des Androgyns

Gottesfriede

Die gotische Kapelle

Allgemeine Beichte

Die beiden Begriffe

Die beiden Gefühle

Das Heft der Entschlüsse

Befürchtung

Über die Beichte

Die Sünden eines Androgyns

Das heilige Abendmahl

I DAS BILD NACH DEm TEXT

Der Jesuit warf den Band, den er soeben konfisziert hatte, auf den Tisch. „Wieder ein Roman … Dieser Agur!“

Nachsichtig gegen den Schüler, schätzte der Ausruf diese Kunstform gering. Er öffnete sein Brevier und las, einen Augenblick schwankend.

Unter dem Stoß von Schulheften und Klassikern hob sich der gelbe Umschlag grell ab, die Neugier reizend. Sein Gebetbuch hinlegend, blätterte der Lehrer in dem Werk, mit flüchtigem und verächtlichem Auge; plötzlich betrachtete er interessiert den Titel „Außerhalb des Geschlechts“; dann setzte er sich und fuhr langsamer fort, die Blätter umzuwenden.

Dieses heftige Hochziehen der Augenbrauen und dieses Gaffen des Mundes, wie sich das Erstaunen bei den Naiven ausdrückt, zogen zuerst über das Gesicht des Priesters: er bewunderte nicht, aber er erstaunte wie über die genaue Schilderung einer Tatsache, die er nur wenig begriff, da Zeilen im schlaffen Dunst verschwammen.

Pater Reugny kannte über die Geschlechter und die Liebe nur das oberflächliche Wissen eines Lehrers der moralischen Theologie, das heißt ein System der Handlungen, ohne den Grund der Leidenschaft zu begreifen, vielmehr stets die Wollust und die Anziehung verwechselnd.

Deshalb erschien ihm das Werk Nergals falsch, während es ihn bezauberte: das Verneinen der Liebesakte, das er für unmöglich hielt, erschien ihm wie ein Vergleich des Gefühls, bei dem die Natur, sich wieder aufsaugend, die Verachtung mindert.

Die vom kleinen zum großen Seminar übergehen, und vom Baccalaureat1 zur Priesterweihe, ohne die geschlechtlichen Prüfungen durchzumachen, bewahren, selbst wenn das Fleisch abgestorben ist, ein gefühlvolles Wesen, das man Nächstenliebe nennt und das sich durch eine unschuldige und sanfte Parteilichkeit, durch eine liebevolle Sorgfalt für einen jungen Mann, Schüler oder ein Beichtkind äußert.

Der Reverend lehnte sich zum Fenster hinaus, das sich auf den jetzt verlassenen Hof der mittleren Klassen öffnete, als die Stimme des Schulinspektors ertönte:

„Hier ist dein Hof, mein Kind, dort wirst du spielen, dort wirst du mich erwarten: ich werde wiederkommen, dich zu holen, um dich deinen Lehrern vorzustellen.“

Der neue Schüler antwortete nicht; in weicher Haltung hatte er sich auf einen der Wagen gesetzt, die in der letzten Pause vergessen waren; und den Ellenbogen auf dem Knie, die Hand an der Wange, rührte er sich nicht mehr, halb die Augen in Träumerei schließend.

Das Kind schien ein Mädchen von dreizehn Jahren zu sein: schöne Haare von einem dunklen Gold kräuselten sich auf seinen Hals, der durch einen zurückgeschlagenen Matrosenkragen entblößt war; seine sehr kleinen Hände mit den spitzen Fingern und feinen Nägeln, seine mit grauer Seide und leichten Lackschuhen bekleideten Füße machten seinen blauen Tuchanzug weiblich, der aus einer kurzen, über dem Hemd offenen Jacke und aus bauschigen Hosen bestand. Aber das Gesicht löschte nicht die Festigkeit der Züge, trotzdem es wie eine Zitrone gefärbt war, das schöne helle Gelb, den goldigen Teint der Sonnenmenschen zeigend. Die etwas hohe Stirn wurde durch die Linie der fast dünnen Nase betont; die belebten und schmalen Lippen lächelten ernst und das Kinn rundete sich zu Ausdauer. Alle diese Zeichen der Entschlossenheit und des Geistigen hingen von dem Spiel der schweren Augenlider ab, deren Wimpern auf die volle und runde Wange eines Engels der Fresken Schatten warfen.

Es wäre der hübscheste Page gewesen, ohne den Charakter frühreifen Geistes; es wäre das wahrscheinlichste der Wunder gewesen ohne diesen Reiz weiblicher Sinnlichkeit.

Man fühlte, dass dieser wunderbare Schüler sich sehr gut kannte; die äußerste Sorgfalt, von der seine Hände zeugten, und die heitere Koketterie seiner Haltungen beunruhigten wie eine blendende Anomalie.

Als der Inspektor zurückkehrte, erhob er sich.

„Mein Kind, sagte der Jesuit zu ihm, ihn väterlich bei der Schulter nehmend, dein Vater hat unserer Mutter, der heiligen Kirche, gute und aufrichtige Dienste geleistet: deshalb wirst du besonders gut behandelt werden. Mache dich durch dein Betragen dieser Rücksicht, die ich dir jetzt schon verspreche, würdig … und … hüte dich vor besonderen Freundschaften … die sind unheilvoll in einem Alter, in dem das Urteil unvollkommen ist … Ich verstehe unter besonderen Freundschaften diese übertriebene Neigung eines Schülers für einen anderen, die Zeit kostet und keinen Gewinn bringt … Da du den Andern nicht gleichst, wirst du Erstaunen erregen, und manche werden dich beim Spaziergang, auf den Höfen in Anspruch nehmen: sei lieber unabhängig und wissbegierig. Das Schulleben ist die beschränkte Geselligkeit: man muss sich an nichts und niemand binden, um für alles, was in jedem schön und gut erscheint, empfänglich zu bleiben. Ich spreche nicht oft über diese Sache, mein Kind, das kannst du dir denken. Hoffentlich hast du mich verstanden? Jedenfalls hast du mir zugehört.“

Mit einer etwas girrenden Stimme, mit einer fast gar nicht rauen, verwirrenden Stimme erwiderte das Kind:

„Ich werde Ihnen gehorchen, mein Vater, wenn ich verstanden habe.“

Bei diesem Vorbehalt machte der Jesuit eine unmerkbare Bewegung; er schwieg jedoch und öffnete die Tür der vierten Klasse.

Etwa zwanzig Schüler schrieben die Übersetzung nieder, die ein Pater mit abgezehrtem und hartem Gesicht von der Höhe eines Katheders diktierte.

Auf der Wand zu jeder Seite des Katheders, die Klasse in zwei Lager teilend, trugen blaue Wappenschilder in goldenen Buchstaben die Namen „Punier“ und „Römer“, um den Wetteifer anzufachen. Augenblicklich schmückte eine Krone aus Goldpapier die rechte Seite oder die Karthager.

„Römer, nehmt dieses Mal eure Revanche“, sagte der Lehrer, sein Diktat unterbrechend, um die Linke anzuspornen, gerade als der Inspektor mit dem Neuling eintrat.

Ich stelle Ihnen, mein Pater, einen neuen Schüler vor: Samas. Den besten Willen hat er versprochen; und ihr, meine Kinder, werdet dem neuen Mitschüler den herzlichsten Empfang bereiten.

Dann ging der Inspektor wieder.

Vom Katheder herabsteigend, führte der Lehrer Samas zur letzten Bank, bei der sich ein Fenster auf den Garten öffnete.

„Römer, hier bringe ich euch einen Helfer.“

Und zu Samas sagte er:

„Für heute brauchst du dich nur mit der Klasse vertraut zu machen.“

Er begann wieder zu diktieren.

Aber der Schüler, der die Satzglieder wiederholte, stammelte; mehrere baten, dass sie noch ein Mal gesagt würden; die Unaufmerksamkeit wurde derartig, dass der Lehrer mit Arrest und Nachsitzen drohte.

Unter diesem Sprühen der Neugier empfand Samas ein unsagbares Unbehagen. Doch verstieß keiner gegen den Geist der Güte und Fürsorge, der in allen Pensionaten der Jesuiten wacht. Nicht nur das Fuchsprellen ist dort unbekannt, sondern jedes Necken; selbst der verletzende Scherz wird von den Patres nicht geduldet. Während die Klassen des Gymnasiums Horden von kleinen Wilden, Bösewichtern, Schwindlern und Flegeln sind, enthalten die Höfe der Jesuiten nichts Rohes oder Hässliches.

Während der Freistunden und der Spaziergänge enthüllt sich die Seele eines Schülers. Das Gymnasium gibt dem ertrinkenden Hunde mit Steinwürfen den Rest; pfeift den Orientalen aus, der in großartiger Haltung vorübergeht; zerstört und beschmutzt unter dem gleichgültigen Auge eines Lehrers, der sich gegen sein Schicksal empört. Die religiöse Schule wird von Psychologen geleitet, die ihren Beruf lieben, deren ganze Tätigkeit sich auf die Überwachung richtet; die gezwungen sind, sich dafür zu interessieren, weil sie sonst mit Interesselosigkeit in ihrem unveränderlichen Leben bestraft würden.

Als die Uhr das Ende des Unterrichts läutete, kniete man zum Gebet nieder; beim Zeichen des Kreuzes erschien der Inspektor und winkte Samas; er führte ihn zum Aufseher der mittleren Klassen, der den Hof überschritt.

„Vater Curlet, hier ist ein neues Schaf zu hüten.“

Der Angeredete, stämmig, mit lebhaftem Auge, großer Nase, kurzen Händen, bereitete Samas einen schönen Empfang, väterlich und lächelnd.

Die Abteilung hatte eben ihre Bücher im Klassenzimmer niedergelegt und schlängelte sich zu zweien heran, auf den Schlag der Glocke wartend, um die Reihen zu durchbrechen.

Vorher musste die Abteilung der Großen den Hof durchschreiten, um zum Turnen zu gehen.

Samas sah das Augenblinzeln nicht, das Inspektor und Aufseher austauschten; aber er errötete, als er die Blicke der „Philosophen“ und „Humanisten“ fühlte; er errötete wie eine Frau, die sich durch Blicke zu sehr begehrt, zu sehr entkleidet fühlt. Zuerst wich er zurück, hinter Pater Curlet Schutz suchend; dann folgte sofort ein zweiter Eindruck, von Stolz: er fühlte sich als Herr, er, der Knabe, von all diesen Jünglingen, deren Bart schon keimte.

Die Großen waren vorbeigegangen; die Glocke läutete, dass die Reihen sich auflösen konnten; die Mittleren eilten neugierig auf Samas zu; er, blind und taub, träumte eine seltsame Erregung.

Welche ihm selbst verborgene Kraft schloss er ein? Warum hätte er ohne Furcht mit den Großen verkehrt und fürchtete die Mittleren?

Er hatte zu wenig gelebt, um sich zu erklären, dass die entwickelte Empfindung der Älteren ihn bewunderte, während die Jüngeren in ihm nur einen Knaben sahen, der einem Mädchen glich.

Mit kluger Fürsorge wies der Aufseher die lästigen Ausfrager zurück, schickte die Zudringlichen spielen, so Samas seine ersten Schulstunden erleichternd, die in den Gymnasien so grausam sind.

Als die Freistunde zu Ende war und die Schüler in die Klasse zurückkehrten, wusste Pater Curlet nicht, wohin er den Neuling setzen sollte; dann ließ er einen Platz der ersten Bank freimachen, gefesselt von diesem Kinde, das einem Prinzen zwischen Untergebenen glich.

Samas holte ein niedliches Besteck hervor und feilte sich die Nägel, zur großen Entrüstung der Mitschüler.

Der Aufseher nahm die Abschrift eines Quartaners und brachte sie dem Neuling, mit einem Wörterbuch, einer Feder und einem Heft. Alsbald beugte sich Samas auf sein Pult und gab ein schönes Beispiel des Fleißes.

Als das Ende der Stunde läutete und die Hefte abgenommen wurden, hatte Samas vor sich phantastische Skizzen von Engeln, die auf ihren Pulten eingeschlafen waren, und, sorgfältiger ausgeführt, sein eigenes Porträt mit einem Heiligenschein.

Der Pater Curlet war so erstaunt, dass er nichts sagte, und die Schüler ordneten sich, um in die Kapelle zu gehen.

Langsam durch die langen Korridore schreitend, reihte sich in zwei Zügen die ganze Schule auf. Plötzlich aus einer Tür auftauchend, steckte ein großer Schüler Samas ein gefaltetes Papier zu.

Wie kam es, dass der Knabe, ohne einen Wink erhalten zu haben, das Briefchen ergriff, als sei er an diese geheimen Mitteilungen gewöhnt, und zwar so eilig ergriff, dass der Aufseher es nicht sah? Ein geheimer Instinkt weihte ihn ein, ihn mit dem heftigen Wunsche erfüllend, diesen anonymen Brief mit dem geheimnisvollen Inhalt sofort zu lesen.

Ein einsamer Großer, einer von denen, die ihm beim Vorbeigehen einen Gruß zärtlichen Verlangens gesandt hatten, war sicher der Briefschreiber: und welch andere Ausdrücke konnte er enthalten als lobende, opfernde, verehrende.

Beim ersten Liebesbrief hat das junge Mädchen keinen anderen Eindruck als Samas, der sein feines Hemd öffnete und das Papier der Liebe verbarg, wie eine Frau es zwischen ihre Brüste gesteckt hätte.

Von dieser köstlichen Neuigkeit gefesselt, sah er nicht den Lehrer der „Humanisten“, der seine Bewegung entdeckt hatte.

In Gedanken trat Samas in die zierliche Kapelle mit ihrer Pseudogotik ein, den Bewegungen der niederknienden Abteilung folgend; da er kein Kirchenbuch hatte, in das er den Brief legen konnte, berechnete er, dass er den Brief erst morgen werde lesen können, als sein umherirrender Blick dem starr beobachtenden des Paters Reugny begegnete.

Mit den Augen prüften sie sich wie Duellanten, das Kind fühlte sich erraten, aber es erriet den Priester, so sehr, dass, auf dem Wege zum Speisesaal, die Neugier des Jesuiten der Ungeduld des Schülers zuvorkam.

Dieser verließ die Reihe und machte zwei Schritte auf den Lehrer zu, der stehen geblieben war.

„Du musst mir diesen Brief übergeben, mein Kind, den du nicht lesen darfst.“

„Mein Vater, ich werde ihn nur dann herausgeben, wenn ich ihn gelesen habe …“

„Darauf steht strenger Arrest, dafür kannst du nach Hause geschickt werden.“

Samas zuckte die Achseln.

„Ich bin der Bruder eines Deserteurs, der Enkel eines Chouans2, der Vetter eines Schmugglers.“

„Was bedeutet das?“

„Wenn Sie mir strengen Arrest geben, würde mein Messer Ihnen in die Brust fahren; wenn Sie mich nach Hause schicken, würden Sie die Dienste meines Vaters Œlohil Ghuibor vergessen.“

„Bläst der Teufel dir diese Worte ein?“

„Der Teufel, mein Vater, ist neugierig wie Sie und eigensinnig wie ich.“

„Glaubst du, dass ich deine junge Seele vergiften lasse.“

Samas überlegte.

„Ihre Würde will nicht, dass ich diesen Brief behalte; meine Würde will, dass ich ihn lese. Erlauben Sie es mir: ich werde ihn nachher geben.“

„Samas, ich befehle dir.“

„Samas bedeutet Sonne, Jesuit Josua“, verspottete ihn das Kind.3

Etwas Zorn erschien auf dem Gesicht des Lehrers, nicht durch die frühreifen Erwiderungen entzündet, denn er kannte die seltsame Atmosphäre von Frömmigkeit und Empörung, aus der das Kind kam; sondern von der mächtigen Herausforderung dieses jungen Blickes, der seiner siegreichen Ausstrahlung so sicher war.

„Ich werde dir dies Papier nehmen, Samas.“

Samas lächelte und führte seine Zunge über seine ruhigen Lippen, um deren Glanz wieder zu beleben.

Da ergriff der Jesuit nervös das weiße und geäderte Handgelenk des Schülers und hielt es fest, ohne dass er es zu drücken wagte.

Mit lauter Stimme, die bis in den Speisesaal tönte, mit einer schneidenden Stimme rief Samas:

„Sie liebkosen mich; das ist unkeusch.“

Diese Ironie nahm der Jesuit als so berechtigt in sein Herz auf, dass er bestürzt stammelte . . .

In diesem Augenblick erhob sich jemand neben ihm, der aus dem Speisesaal gesprungen war.

„Agur!“, rief der Lehrer.

„Du bist es?“, fragte Samas.

Der Jüngling keuchte, sowohl von seinem Sprung wie von seiner Bestürzung: vollblütig, nervös, von lebhafter Gesichtsfarbe, mit seinen siebzehn Jahren sehr männlich, unterstrich er allein durch seine Gegenwart die Weiblichkeit des Samas.

Eine unsagbare Verlegenheit hüllte die Gruppe der drei Personen ein: jeder hatte das gesunde Urteil seines Charakters überschritten; jeder war bloßgestellt und erschrak über die unerwartete Wendung, welche diese Szene genommen hatte.

Das Kind begriff, dass sein Ausruf Agur aus aller Vorsicht gerissen; der Jesuit beunruhigte sich über diesen Ausbruch von Leidenschaft, den er hervorgerufen hatte; Agur wieder, die Lage erfassend, machte eine drohende Bewegung gegen den Lehrer.

Samas, allein hellsichtig, beruhigte Agur, indem er den Finger auf die Lippen legte; mit einer anderen Biegung seiner schönen Hand befahl er ihm, in den Speisesaal zurückzukehren.

Nachdem Agur ihm gehorcht hatte, wandte Samas den Blick wieder zum Jesuiten:

„Lesen wir zusammen! Wollen Sie, mein Vater? Falls mir eine Gefahr droht, begegnen Sie ihr sogleich durch geeignete Ermahnungen.“

Ehe der Priester eingewilligt hatte, näherte er sich einem Armleuchter des Korridors und las mit halblauter Stimme dem schweigenden und aufmerksamen Lehrer den Brief vor.

1 Der erste akademische Grad in Frankreich, von baca, lat. Beere, und laurus, lat. Lorbeer. Vgl. den Baccalaureus in Goethes Faust II, 2.

2 Balzac, Die Chouans oder Die Bretagne im Jahre 1799; deutsch bei Reclam. (Chouan bedeutet Uhu.)

3 Josua 10, 12: „Da sprach Josua: Sonne, stehe stille zu Gibeon …“

II Liebeserklärung

Ich würde gern für dich sterben.

AGUR, HUMANIST

Du wirst mich an meinen verehrenden Blicken erkennen.

Der enttäuschte Samas, der stumme Jesuit standen vor dem entfalteten Blatt, auf dem diese einzige Zeile sich ausbreitete. Unerfahren, sagte der Ephebe:

„Er hat seine Pflicht meinetwegen nicht versäumt: eine Zeile …“ Der Jesuit lächelte, zufrieden, das Wunderkind bei einem falschen Eindruck ertappt zu haben; aber dieses Lächeln erleuchtete die Unwissenheit des Neulings.

„Ich irre mich, rief er; Agur hat ein ganzes Heft verpfuscht, bevor er sich zu diesen sechs Worten entschlossen hat.“

„Gib mir diesen Brief eines Narren, wie du mir versprochen.“

Samas sagte nein mit dem Kopfe, aber dieses Mal ohne anzugreifen, ganz träumerisch, und seine Stimme wurde vor Erregung leise.