Gynandria - Joséphin Péladan - E-Book

Gynandria E-Book

Joséphin Péladan

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Beschreibung

Gynandria, ein sprechender Name, vereinigt in sich die beiden altgriechischen Worte für Frau und Mann. Die Botanik kennt gynandrische Blüten, wo die männlichen Staubblätter mit dem weiblichen Stempel fest verwachsen sind. Für Péladan wird der Name zum Programm: Er schickt den jungen Mann Tammuz (chald. "Gott der Liebe") auf eine Art Mission. Im Milieu der Pariser Frauenliebe wird er die weibliche Lust und insbesondere die lesbische Liebe ergründen. Ausgestattet mit einer eher androgynen Natur gelingt es Tammuz, das Vertrauen innerhalb der einzelnen Frauengruppen zu gewinnen. Doch nach und nach begegnen ihm neue Facetten der weiblichen Gefühlstiefe, die das Denken und die Empathie des Forschers an Grenzen führen. Die sprachliche Sicherheit und Schönheit des Ausdrucks zeigt sich in diesem jüngeren Meisterroman Péladans omnipräsent. Gynandria weist den Dichter auch 120 Jahre später noch als mutigen Grenzüberschreiter und "Reformator der Liebe" aus. Die "Rolle der Frau" in Péladans Werk mag der Moderne gegenüber sperrig anmuten dort, wo das "Weibliche" romanhaft sakralisiert wirkt. Zugegeben schildert Gynandria - bei aller Wertschätzung - von einem männlichen Blickwinkel aus, der offen und vorurteilsbeladen zugleich bleiben muss.

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Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die deutsche Originalausgabe erschien 1925 unter dem Titel

Gynandria. Sie ist hier hinsichtlich Typografie und uneinheitlicher Schreibweisen

moderat korrigiert und der neuen Rechtschreibung angepasst.

Abbildung Titelseite: Alexandre Séan: Joséphin Péladan, Öl auf Leinwand, ca. 1892

(Museum of Fine Arts of Lyon). Quelle: Wikimedia Commons

Image © Lyon MBA - Photo Alain Basset.

Abbildungen am Einband: Carlos Schwabe: Entwurf für das Plakat Salon de la

Rose+Croix, 1892, Mischtechnik 177 x 81 cm, (Museu Nacional de Belas Artes, Rio de

Janeiro) Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Salon_de_la_Rose%2BCroix.jpg

Salomon Trismosin: Ausschnitt aus der Figur des Pfauenschwanzes, der im

alchemistischen Prozess nach der Schwärze (Nigredo) und vor der Albedo als ein

Zwischenspiel vieler Farben auftritt; symbolisch der Venus zugeordnet.

In: Alchemistisches Manuskript Splendor solis, 16. Jh.

Band 5 der Péladan-Reihe herausgegeben von Dr. Wolfram Frietsch

INHALT

Vorwort des Herausgebers

Erstes Buch – Die Orchideen

I Rückkehr aus dem Bois

II Lady Bedforest

III Die Nachtwache der Psychologen

IV Frau Architekt

V Entzifferung der Seelen

VI Von fünf bis sieben

VII Durchreisende Frauen

VIII Ein Fest

IX Magnetisieren

Zweites Buch – Royal Maupin

I Die Fechterinnen

II Der Chevalier

III Das improvisierte Duell

IV Stella

V Journalismus

VI Die Lehre des Kostüms

VII Der Ringkampf

VIII Eine widerlegte Theorie

IX Mit halber Maske

Drittes Buch – Pentapolis

I Lesbisches Souper

II Das Bad

III Nachforschung

IV Neue Ehre durch die Künste

V Lesbischer Kuppler

VI Die Galeerensklavin

VII Inquisition

VIII Psychopathie

IX Bekenntnisse

Viertes Buch – Das Schloss von Leukadia

I Schrift oder Kopf

II Geschwister

III Heirat

IV Sündenbock

V Nach Leukadia

VI Victoria viri

VII Der Hof von Teutat

VIII Abtei Thelem

IX Der höchste Zauber

Fünftes Buch – Die fliegende Gräfin

I An Bord der „Sappho“

II Der Androgyn

III Der Alchemist der Seele

IV Erwachen der Weiblichkeit

V Der Sieg des Androgyns

VI Sich beugender Wille

VII Die Totenbucht

VIII Todesfurcht

IX Abschied von der „Sappho“

Sechstes Buch – Die Erlösung

I Stella

II Erotisches Trio

III Der Verlassene

IV Ekel

V Eine Aufführung

VI Der Seelenarzt

VII Lesbos auf Kythera

VIII Nach dem Siege

IX Rose

VORWORT

Heute liegt völlig zu Recht der Fokus auf Gleichberechtigung und Gleichbehandlung der Geschlechter. Das bekräftigt die Abgrenzung von jener Vergangenheit, als die Ungleichheit merkwürdige Züge trug, vor allem was die Sexualität anbelangt. Um würdigen zu können, was sich heute als mehr oder weniger selbstverständlich erweist, kann ein Blick zurück lohnend sein. Romane bieten sich dabei in ihrer Ambivalenz kongenial an, da sie zur Feinjustierung der eigenen Sicht anregen. Der Lesende sieht sich einer doppelten Aufgabe gegenübergestellt: Zum einen lassen sich Péladans Werke in einem Spannungsbogen lesen, der seinesgleichen sucht; zum anderen sind sie Zeugnis einer Zeit, die wir – so hat es den Anschein – hinter uns gelassen haben.

Der Roman Gynandria widmet sich einem Lieblingssujet Péladans: der weiblichen Gefühlstiefe, die er empathisch auslotet. Hier bleibt er auf die weibliche Sexualität fokussiert, indem er seinem Protagonisten Tammuz (chald. „Gott der Liebe“) die Ergründung lesbischer Liebe aufträgt. Er schickt ihn auf eine Erkundungsodyssee durch ein anderes Paris, dass später auch Marcel Proust in seinem epochalen Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit beispielsweise im Band Sodom und Gomorrha ausbreitet.

Ausgestattet mit einer eher androgynen Natur, gelingt es Tammuz beinahe wie von selbst das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, die der Pariser „Lesbos-Szene“ angehören. Bereitwillig reagieren sie auf seine aufrichtige Einfühlsamkeit und akzeptieren sein Interesse an der Erforschung ihres Lebens innerhalb der Pariser Gesellschaft. Dennoch beginnt er sein Studium nicht absichtslos, sondern ist voll der „Zuversicht, dass künftig alle diese Frauen, über die ich mich in zärtlicher Forschung gebeugt habe, gerettet sein werden“ (254). Damit ist grob die Haltung skizziert, die damals vorherrschte und deren Zeugnis dieser Roman darstellt.

Tammuz als der, der „die Liebe liebt“, tritt zu einer Mission im Dienst der erhabenen Liebe an, denn sie ist „der Gedanke, der die Seelen und die Welten bewegt“ (265). Er durchwandert „Lesbos“, wie die Frauen aller Pariser Gruppen ihre selbst gewählte Zugehörigkeit überschreiben. Er nimmt sich die Zeit, in jeder Gemeinschaft so lange zu verweilen, bis er die Intention ihrer Verbindung verstanden hat. Gilt es insgesamt doch, dem Phänomen der lesbischen weiblichen Sexualität gerecht zu werden. Eine Frau möchte, wenn sie liebt, den Mann für sich in Anspruch nehmen. Tammuz hingegen musste „der mögliche Geliebte aller Frauen einer Gruppe und doch diesseits der Liebe bleiben“ (201), ein nicht geringer Anspruch an die Kraft seiner Persönlichkeit, aber auch eine Quelle von Zauber und „dem Stolze eine erfrischende Weide“. An anderer Stelle heißt es: „Er erscheint, man empfängt ihn, denn er will nichts, er fürchtet nichts, er lügt nicht und verschweigt seine Nichtachtung. Die Gynandre nimmt sich aus Eitelkeit vor ihm zusammen und verbirgt ihre Schrecken, indem sie ihre dekorative und sentimentale Seite zeigt. Geduldig betrachtet, hört und folgt er …“ (140).

Seine Intention kommt in folgenden Zeilen klarer zum Ausdruck: „Er war das Männliche, dem man nicht ausweicht, der Mann, stärker als Lesbos, der genehme Gesandte des ewigen Eros, der lebende Beweis gegen die weibliche Sodomie. Durch die offenbare und eingestandene Tatsache, dass er der Liebhaber der Lesbierin werden könnte, die er wählen würde, hatte er das Ungeheuer besiegt. Aber sein rein geistiger Sieg rächte das Ideal und die Normen, ohne die Verirrung zu tilgen, ohne die verlorenen Seelen zu retten“ (199).

Tammuz sieht sich nicht nur als Mann, sondern mehr als Wandler, Verwandler und Alchemist, der die Welt umgestalten kann: „Ich bin ein Alchimist, der die Quintessenz der Seele statt der des Körpers sucht. Wie die Alchimisten auf dem Wege nach dem Stein der Weisen die ganze Chemie entdeckt haben, so entdecke ich seelische Gesetze, indem ich meine Erfahrungen über das lebende Wesen verfolge. Sie sind ein Athanor, das heißt, ein Gefäß, in dem das Rätsel ruht: ich heize Sie mit verschiedenen Feuern, ich behandle Sie mit gewissen Reagentien“ (212).

Heute, mehr als 120 Jahre von Péladans Gynandria entfernt, sind uns nicht wenige Begriffe fremd geworden bzw. wurden in ihrem Gebrauch samt Bedeutung überlebt als da sind: „Weib“, „weibliche Sodomie“, das „Ungeheuer, das es zu besiegen“ gilt, die „Verirrung, die es zu vertilgen“ gilt, die „verlorenen Seelen, die es zu retten“ gibt … Hier bedarf es des offenen Auges, das sowohl das Heute als auch das Gestern im Blick hat, um zu erfahren, wie die Welt sich veränderte.

Die Wahl der Bezeichnung „Gynandria“ begründet Tammuz so: „Ja, der Androgyn ist der reine und noch weibliche Jüngling; die Gynandre wird die Frau sein, die auf die Männlichkeit Anspruch macht …“. Auf die Bemerkung seines Freundes, des berühmten und gelehrten Romanciers Nergal, dass von diesen beiden Ausdrücken der erste einen guten und der zweite einen bösen Sinn habe, antwortet Tammuz: „Der eine stammt aus der Bibel und bezeichnet den ursprünglichen Zustand des menschlichen Wesens: die griechisch-katholische Überlieferung hat ihn geweiht. Den andern entnehme ich der Botanik, und ich taufe damit nicht die Perverse, sondern jede Neigung der Frau, den Mann zu spielen: sowohl eine Mademoiselle de Maupin wie einen Blaustrumpf.“

Gegen Ende seiner Recherchen verfolgt Tammuz „die Wahrheit über zwei Typen, die auffallender sind als die berührten: die fliegende Gräfin und ihr nur von Frauen bemanntes Schiff, die Prinzessin Simzerla Roussalkys, das sagenhafte Wesen, auf das alle anonymen Verirrungen gehäuft werden. Er hat sich geschworen, eines Tages die Yacht ‚Sappho‘ zu besteigen, wie seine Augen in den schwarzen Blick der Frau zu tauchen, die er getroffen, als sie aus dem Bois zurückkehrte: jede seltsame Nachricht, die er mit ernstem Mitleid grüßt, scheint ihm eine Annäherung an diese beiden Frauen zu sein, die Segor ‚die Säulen des Herakles in der weiblichen Erotik‘ nennt“ (141f).

Zum Abschied wird Tammuz – der Alchemist – seinen Dichterfreund bitten, die gemachten Erfahrungen zu nutzen und sie der Öffentlichkeit und der Nachwelt zu offenbaren. „Sagen Sie vor allem, dass die Dummheit und die Untreue der Gatten, die Rohheit der Liebhaber, die Geilheit der lüsternen Greise die wahren Ursachen sind, dass eine Frau fällt und sich nicht wieder erhebt; zeigen Sie den Herzog, den General, die ehrenwertesten Leute in ihrer Rolle als eifrige Kuppler der weiblichen Sodomie … Versäumen Sie nicht, zu betonen, dass eine Sippschaft von Journalisten dieses Laster zynisch ausbeutet und so diesem Wahn eine künstliche aber proselytische Existenz schafft. Dumas Fils hat, ein Verbrecher, ohne es zu wissen, der ausgehaltenen Mätresse ein soziales Dasein gegeben: zerstören Sie die Redensart von Lesbos, bevor sie sich im Gehirn der Pariser festgesetzt hat …“ (264).

Gynandria, 1891 erschienen, zählt zu den jüngeren Meisterromanen. Er fällt also in eine Zeit, die den jungen Dichter noch nicht als jenen „Reformator der Liebe“ ausweist, als den man ihn später ehrt. Der zeitlich vor Gynandria entstandene Roman Einweihung des Weibes (1886) sucht die geschlechtliche Liebe gar noch wie etwas Tierisches zu überwinden, sie sozusagen dem „traurigen Gesetz des Körpers“ abzuringen. In späteren Werken wird Péladan der sinnlichen Liebe gegenüber mehr Vertrautheit entgegenbringen, wenn auch mit dem Ziel, sie zu vergeistigen. In Una cum uno lässt er etwa 20 Jahre später die Heldin des Romans verkünden: „… es gibt nur eine Rechtfertigung für die Lust: das ist die Liebe“. Für Péladan bedeutet die Liebe Gottesdienst. Seine Erotik bleibt immer höchst moralisch: Er wirbt für die Heiligkeit der Ehe. Jeder junge Mann sollte die Ehrfurcht vor dem Göttlichen im Weibe erlernen, eine Tradition, wie sie die nach der „reinen Minne“ strebenden Fedeli d’amore kannten. Jede Frau sollte sich ihrer Würde bewusst werden, sich geadelt fühlen.

Péladan feiert die Sprache. Sicherheit und Schönheit des Ausdrucks beugen sich keiner auch noch so traurigen Realität. Gerade vor dieser scheut der Dichter nie zurück, vielmehr ruft sie ihn auf den Plan. Seine Sympathie gehört der Leidenschaft und dem Irrtum der Jugend. Die daraus entstehende Traurigkeit will durchlitten werden, für Péladan die Basis, sie zu überwinden zu können.

Folgender Wortwechsel mag zum Abschluss dienen, nicht nur Verständnis, sondern auch Empathie für Einstellungen aufzubringen, die es zu kennen erfordert, obwohl deren Anwendung überholt ist:

„Tammuz liebt Tammuz?“

„Nein, Tammuz liebt die Liebe und nicht irgendeine Verliebte.“

ERSTES BUCH

DIE ORCHIDEEN

Vorm Magus steht, herrlich und unbegrenzt, die übermenschliche Welt, wo die reine Idee blüht. Er denkt: das ist seine Handlung. Weib, du kannst nur träumen, und dein Traum endigt immer in der Liebe.

Péladan, Semiramis

Rückkehr aus dem Bois

Lady Bedforest

Die Nachtwache der Psychologen

Frau Architekt

Entzifferung der Seelen

Von Fünf bis Sieben

Durchreisende Frauen

Ein Fest

Magnetisieren

I RÜCKKEHR AUS DEM BOIS

Im Frack, fieberhaft und begeistert, wendet er sich nach rechts und links, in der offenen Droschke, unter den Wagen, die aus dem Portal der Saints Pères auf den Platz du Carrousel herauskommen.

Dieser kindliche Eifer, sich die Augen mit den Schönheiten des Pariser Frühlings zu füllen, belustigt die Verdecke der Omnibusse.

„Halten Sie“, sagt er zum Kutscher, der lächelt.

Er hebt sich etwas in die Höhe, wendet sich nach dem Louvre und grüßt diese Kathedrale des Schönen, wie man sich bekreuzigen würde.

„Er wird Ihren Kratzfuß nicht erwidern, er hat seine Pfeife zerbrochen1, dieser Gambetta!“, schrie ein Straßenjunge.

Der junge Mann fährt aus seiner Ekstase auf, und sein Blick springt von dem pfeifenden Bummler auf das hässliche Denkmal für den populären Komödianten.

„Der Schwindel, lebendig und schmutzig, zum Götzen erhoben und den Verkehr sperrend, das ist das erste Wort von Paris! Weiter, Kutscher … nein!“

Was grüßt er noch?

In der Mitte des Hofes, mit den vom Rollen der Wagen tönenden Fliesen, bemerkt er einen wunderbaren Hintergrund, wie ihn kein Theater je verwirklicht hat.

Unter dem mittleren Bogen des Tempels, jenseits der Tuilerien zeigt sich der Obelisk und die unmerkbare Senkung der Champs Elysées; der Triumphbogen, die feenhafte Pforte eines Dorados des Traumes, blitzt auf, eine Atmosphäre des Ruhmes, ein Stäuben rosigen Feuers, in dem die untergehende Sonne ihre feinen und bleichen Goldgespinste erschöpft.

Diese Vertikale, der strenge Zeuge des alten Ägypten; dieser Name der Gefilde von Eleusis, der das göttliche Griechenland beschwört; dieser Bogen, der würdig ist, einen römischen Triumph hindurchziehen zu lassen: entrollen den ganzen Reigen der großen Epochen im Geiste des Reisenden.

„Kutscher, ins Bois“.

Die Droschke rollt auf der Rivolistraße dahin und fährt an der Terrasse der Feuillants entlang, wo Henri de Marsay dem „Mädchen mit den Goldaugen“ begegnete.

In den Arkaden, wo Schaufenster mit Bildern von Künstlerinnen und englische Hotels abwechseln, wogt eine Menge von Menschen, lebhaft und schlendernd.

Der junge Mann gedenkt der Ermordung der Paquita durch Mariquita2, dieses abscheulichen Abenteuers, des schlimmsten in der Menschlichen Komödie, nach der Leidenschaft in der Wüste. Er beklagt, dass der größte Romancier die menschliche Natur verleumdet hat: die Sodomie der Frauen konnte nur ein Laster sein, niemals eine Leidenschaft.

Der Kutscher, von einem Reisenden belustigt, der die Aussichtspunkte liebt, fährt an der Terrasse der Orangerie entlang und hält vor dem Obelisken.

Die untergehende Sonne erschöpft ihre feinen und bleichen Goldgespinste in einem Stäuben von rosigem Feuer, und der Phallus aus Granit wird zum Spott, wird besiegt angesichts dieser Kteïs3, der feenhaften Pforte zu einem Dorado des Traumes, wo eine Atmosphäre des Ruhmes blitzt. Paris ist nicht mehr Babylon; Paris ist Ninive.

„Die Menge herrscht und die Frau emanzipiert sich“, murmelte er.

Dieser symbolische Eindruck wird dem Geiste des Ankommenden bleiben.

Die Droschke steigt die Avenue hinauf und schließt sich dem Zuge an, in dem Omnibusse und Landauer sich mischen. Halb geschlossen, heften sich die Augen des Unbekannten auf die Lichtbucht, ohne einen Blick auf die blühenden Frauen im Frühlingskleide zu werfen, die in ihren mit Seide ausgeschlagenen Wagen vorbeifahren.

Seine Lippen, die seine Zunge für Augenblicke befeuchtet, falten sich und lächeln der schmeichelnden und warmen Brise zu: er streckt den Mund vor, um Paris zu küssen.

Paris, das lebende, Paris, das bebende, zerstäubt heute Abend so feine Düfte, dass Traum unter den Augenlidern seiner Frauen aufblüht; als ob Genien die Wohlgerüche des neuen Frühlings ausleerten.

Dieser Verführung der ihn umgebenden Luft überlässt er sich, genießend und gedankenlos, das Auge durch die einander genäherten Wimpern immer auf die ungeheuere Bucht geöffnet, aus der das rosige Gold festlich strömt.

Plötzlich taucht in dem Strahlen, seine Betrachtung versperrend, ein Einspänner auf, von einer Frau gelenkt.

Groß, bleich und traurig, zügelt diese Frau ihr Pferd mit sicherer Hand: ihre Haare sind kurz, ein Filz bedeckt sie; ihre Büste wird unter einer dunklen Bluse aus Wolle androgynisch.

Man fühlt, dass sie leidend und verschlossen ist, zerrissen und stolz. Die Straffheit ihrer Haltung macht sie auffallend und unvergesslich.

Ein Gedränge von Fuhrwerken hält den Einspänner und die Droschke auf und fügt sie für die Zeit eines Ave zusammen: der Blick des jungen Mannes stößt auf den der Sportdame.

Das Gesicht unbeweglich, sieht sie aus wie ein slawischer Cäsar; ihr schwarzes und stolzes Auge bleibt fest auf den Kömmling gerichtet. Sie verschließt ihre Seele, er sucht sie zu durchdringen; er wagt es, sie panzert sich; und dieser Kampf dauert weniger als eine Minute. Ein Strahl von Sympathie springt instinktiv aus dem Manne hervor und färbt die zu bleiche Wange der Frau mit einem leichten Rosa: ihr besänftigtes Auge hellt sich plötzlich auf.

Nur dies, dies beim Vorüberfahren, und sie rollen dahin in entgegengesetzter Richtung.

Welchen Eindruck trägt sie davon, während er nicht mehr in dem Kteïs-Bogen, der jetzt nahe ist, das Stäuben rosigen Feuers sieht; aber jenseits davon, hinter den grünen Linien des Bois, wie der Morgen einer Bestürmung, dieses geheimnisvolle Gesicht, dieser Kopf des slawischen Cäsaren, mit dem starren und doch sanften Auge, vom Nimbus des Verhängnisses umgeben.

1 Er ist gestorben.

2 Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen.

3 Kteïs, griech. Kamm-Muschel, dann der weibliche Schoß. Diese Kamm-Muschel zeigt Botticellis „Geburt der Venus“.

II LADY BEDFOREST

"Herr …?“, fragte der Diener in Wadenstrümpfen, die Tür öffnend. „Tammuz!“, erwiderte der junge Mann. Der Diener nahm ihm den Überzieher ab und verschwand, auf den offenen Salon zeigend:

„Lady bittet den Herrn, auf sie zu warten.“

Geräumig und durch Nebenzimmer, deren Türen entfernt sind, noch vergrößert, bildet diese Stätte des Empfanges eine Flucht von Boudoirs. Statuen und Treibhausgewächse beschäftigen zuerst das Auge, das bald durch Diwanecken eingeladen wird. An einem Ende der Flügel, mit Brokat bedeckt; am andern kaum geraffte Vorhänge über dem fliehenden Halbschatten.

Durch eine Glastür sieht Tammuz den Triumphbogen wieder: davon angezogen, lehnt er sich über den Balkon.

Es schlägt siebeneinhalb in einer alten Wanduhr. Ein schönes Schweigen herrscht in dem eleganten Viertel. Paris speist oder rüstet sich; Paris entschließt sich für seinen Abend und seine Nacht. Ein warmer Staub zittert in der lauen Luft und der Bogen verdunkelt sich, während sich in der Ferne der Himmel violett färbt: das natürliche Licht scheidet, das künstliche kommt.

Durch die vor ihm ausgebreitete Seele von Ninive verführt, träumt Tammuz, ohne sich um die ersten Gasflammen zu kümmern, die den Purpur der Abenddämmerung mit Gelb betupfen. Er hat Lady Bedforest und die Wirklichkeit vergessen: er träumt, dieser schlanke und elegante junge Mann mit der zitronenfarbigen und matten Haut, mit den rötlichen Haaren, schön von Gestalt und ohne Eitelkeit gekleidet. Seine Haltung lässt an eine weibliche Anmut denken, und doch verwerfen seine gerade und schlanke Nase, sein sanfter aber milder Blick den Gedanken an Verweichlichung.

Ist er fünfundzwanzig oder dreißig Jahre alt? Nicht eine Falte zeigt auf seinem Gesicht die Zeit oder den erlebten Kummer. Er begeisterte sich so, dass sein Kutscher lächelte; er gab sich der starken Ausströmung des wollüstigen Paris hin; gestand sofort und offen eine augenblickliche Zärtlichkeit für eine Passantin. Wer ist er? Ein schwacher Nachtfalter, bestimmt, sich an den Kerzen des Festes zu verbrennen? Nein, seine Hände mit den langen Fingern sind sehr eigenwillig, seine hohe Stirn denkt und prüft. Ein Kämpfer des Lebens, ein Abenteurer des Schicksals? Auch nicht: seine stahlblauen Augen bleiben sanft, obschon klar, und sein Lächeln zeigt das Gesicht eines, der sich nicht anführen lässt.

Was ihn trifft, was sich in ihm spiegelt, das ist die Neuheit von dem, was er sieht, von dem, was er lebt: eine völlige Harmlosigkeit des Eindrucks.

Beim leichten Rauschen eines Gewandes dreht er sich um: eine Frau in einem Kleide aus schwarzen Spitzen, die auf der Brust und an den Armen durchsichtig sind, wird von der Glastür gerahmt.

„Mylady, ich habe Ihre Einladung im Grand Hotel gefunden, als ich ankam; und ich würde Ihnen danken, wenn es nicht Lady Bedforest wäre, die in meiner Person Lady Sommerset verpflichtet.“

„Ich bin Lady Kenmore und warte wie Sie auf Katharina: sie kleidet sich um.“

Sie traten wieder in den Salon.

„Sie erregen meine Neugier, Herr; ich war hier, als Sie eintraten und geradeaus auf den Balkon drangen, ohne mich zu sehen, ich habe Ihre poetische Träumerei nicht gestört; aber jetzt sind Sie aus der Region der Sterne herabgestiegen, und ich wäre begierig, Ihre Beichte zu hören.“

„Weiter nichts als meine Beichte! Können Sie hebräisch? Nein! Sie könnten ebensogut den biblischen Text öffnen, wie die Seele des Tammuz zu lesen versuchen.“

„Ja, Lady Sommerset4 hat berichtet, dass Sie die Seltsamkeit in Person sind: die kennt Sie gut!“

„Wenn sie mich nicht kennen würde, wäre ich hier?“

Die Engländerin stieß diesen Kehllaut aus, der ihrer Rasse dazu dient, zu gleicher Zeit alles und nichts auszudrücken.

In weißem Kleide mit langer Schleppe, Schultern und Arme entblößt, erschien Lady Bedforest und reichte ihre Hand zum Kuss.

Tammuz betrachtete sie mit Bewunderung: trotz der Üppigkeit strahlte die Haut bei dieser Slawin, die aus Indien zurückkehrte.

„Lord Bedforest ist in London …“5

„Ich bin nur Ihnen vorgestellt“, bemerkte Tammuz.

„Aber, um Sie nicht auf die Gesellschaft zweier Frauen zu beschränken, habe ich Nergal gebeten, der gegen zehn Uhr einem langweiligen Essen entwischen wird.“

„Es wird mir Freude machen, ihm meine Bewunderung auszusprechen.“

Lady Kenmore vorangehen lassend, nahm Lady Bedforest den Arm des Tammuz und flüsterte leise:

„Ihr gegenüber hat es nie etwas zwischen Lady Sommerset und mir gegeben.“

Tammuz senkte den Kopf.

„Sie wüssten nichts? Ich bin also ein Schaf!“

„Aber ich weiß noch immer nichts, protestierte er aufrichtig.“

Die Mahlzeit, mit herbem Champagner belebt, zeichnete sich durch seltsame Mischungen aus: chauds-froids und salés-sucrés.

Tammuz erregte Anstoß, als er Wasser verlangte.

„Von diesem Augenblick an misstraue ich Ihnen“, sagte Kenmore.

„Ist es nicht zu spät?“, fragte Bedforest mit einem Lachen.

In peinliche Untersuchung genommen, gelangte Tammuz bis zum Nachtisch, indem er den Fragen auswich.

„Woher kommen Sie? Was wollen Sie in Paris?“

„Das ist mein Geheimnis.“

„Um so schlimmer also für die vornehmen und ehrbaren Damen …“

„Kennen Sie eine Frau, die selbst ihren Wagen lenkt, sicher Russin ist und doch einem Antoniuskopfe gleicht, wie ein Jüngling gekleidet, traurig und stolz dreinschauend?“

„Das kann nur die Prinzessin Simzerla Roussalkys sein!“

„Sie ist schön und traurig. Kommt ihre Traurigkeit von einem allgemein bekannten Unglück?“

„O ja, das ist bekannt!“

„Erzählen Sie es mir!“

„Jeder weiß, dass die Prinzessin Simzerla eine Leidenschaft für Frauen hat, und dass sie diese Leidenschaft bis zu einem Punkte treibt …“

„Ist das Ihr Gefühl oder die Ansicht von Paris?“

„Die Ansicht von Paris …“

„Paris ist also unwissend! Erstens ist die Leidenschaft von Frauen für Frauen eine Erfindung der Journalisten …“

Die beiden Ladies sahen sich ironisch an.

„Zweitens ist die Prinzessin Roussalkys nach ihren Zügen ein unkörperliches Wesen, neben dem Sie, Myladies, Temperamente von Messalinen sind.“

„Das Paradoxon belustigt; bei dieser Hyperbel empfindet man Mitleid.“

Ruhig zählte Tammuz auf:

„Die geschlossene Nüster, die dünne Lippe, der fast fehlende Kiefer, das lange Oval, die vortretende Stirn, der dunkle und starre Blick, der hohe und etwas starke Busen, die geraden Lenden: bezeichnen für die ganze menschliche Gattung die Unfähigkeit zur Ausschweifung.“

„Aber ganz Paris würde lachen, wenn es Sie hörte.“

„Als Vertreter der ganzen Vergangenheit ließe ich ganz Paris lachen. Die Prinzessin Simzerla Roussalkys empfindet keine Begierde, hat keine Wollust genossen: das ist eine Frau ohne Sinnlichkeit.“

„Sie haben sich verliebt und sind davon blind geworden …“

„Ich glaube an die Güte ihres Herzens, das beständig ist, wie es die Melancholischen sind.“

Die beiden Frauen lachten.

„Sie haben leider Ihren Schwank mit einer … Dummheit angefangen … verzeihen Sie das Wort! Sie haben die Liebe zwischen Frauen geleugnet.“

Lady Bedforest erhob sich, mit dem Auge auf die Dienstboten deutend:

„Im Salon können wir darüber sprechen.“

Als die beiden Frauen es sich auf dem Diwan bequem gemacht hatten, eine brennende Zigarette zwischen den Lippen, begann Tammuz wieder:

„Ich habe die Liebe zwischen Frauen geleugnet, kraft des Grundsatzes, dass die Geschichte in ihren Prozessberichten alle Möglichkeiten der Leidenschaft enthält. Wenn ich aber finde, dass die Knabenschändung in allen Ländern des Orients geblüht hat, entdecke ich nirgends eine Urkunde über die weibliche Sodomie …“

„Oh, welches scheußliche Wort! Sie sind grob und unerträglich …“

„Und Sappho?

„Die von Eresos hat nur Phaon geliebt!6 Das andere, die lesbische Legende, ist aus demselben Element gemacht wie die Nonne von Diderot: die Internierung sehr sinnlicher Geschöpfe erzeugt Verirrungen. Aber, wie die meisten Schüler nur deshalb Sodomiten werden, weil sie die normale Wollust nicht ausüben können, so geben sich die Pensionärinnen, welche die Pubertät erregt, untereinander jene Küsse, die Cherubin den Bäumen gibt. Das ist nur der unterdrückte Trieb, der vom rechten Wege abweicht: eine Sünde, keine Leidenschaft.“

Man meldete Nergal.

Der Romancier küsste den Damen die Hand. Man stellte ihm Tammuz vor.

„Wir sind Landsleute: Ihr Name bedeutet Adonis, meiner Ares, Mars.“

„Ja, von der gleichen Rasse, aber nicht von der gleichen Höhe! Sie sind ein Genie und haben geschaffen; ich bin nur empfangend, aber Ihr eifriger Bewunderer …“

„Und mein nächster Freund, nicht wahr?“

„Ein Wort, köstlich zu hören!“

„Und auszusprechen!“

„Katharina, die beiden loben einander wie Trissotin und Vadius7.“

„Das ist die Frau, rief Nergal; sie versteht den Blitz nur, wenn er unterhalb des Herzens einschlägt.“

„Das Herz der Frau ist so mit ihren Sinnen verbunden, dass sie nichts empfindet, wenn nicht ihre Nerven mitsprechen.“

„Sind die unverschämt: sie gratulieren einander und verachten uns …“

Und Lady Bedforest:

„Nergal, der Ihnen schon teure Tammuz sagte uns, als Sie eintraten …“

„Katharina“, unterbrach sie Lady Kenmore, „auf diesem Gebiet werden die beiden schrecklich.“

Sehr schnell piepsten sie diese englische Sprache, die auf den Lippen gebildeter Mistresses einem Vogelgezwitscher gleicht.

„Lieben Sie die Musik, Herr Tammuz?“, fragte Lady Bedforest.

„Ja, gewiss, die echte.“

„Die man schon erlebt hat, nicht wahr, die Musik der Erinnerungen?“

Sie stellte vor Lady Kenmore, die sich an den Flügel gesetzt hatte, ein offenes Album auf und sang:

Bleicher Bruder meines bleichen Herzens, von sanftem, wechselndem Reize, segne mit deinen weißen Strahlen meine zarte und träge Liebe, wie dein silbernes Lächeln unter den verliebten Wolken.

Beim ersten Akkord zitterte Tammuz wie ein Medium, das in den magnetischen Schlaf eintritt, und schloss die Augen, um ein Bild zu beschwören.

Überschütte uns mit Freuden, Mond, und mit schmachtendem Kosen. Ich will sanft und süß lieben, nur das Streifen des Herzens wie der Lippen fühlen.8

Die Düfte und die Melodien beschwören das vergangene Gefühl mit einer an Wunder grenzenden Macht der Illusion.

Tammuz sieht sich wieder an der normannischen Küste, wie er Lady Sommerset so seltsam liebt, so seltsam von ihr geliebt wird; diese Romanze an den Mond hörte er oft, während er in den Sommernächten über den ruhigen Ozean ruderte; er trällerte sogar oft dieses Leitmotiv der verdorbenen und reizenden Engländerin, die ihm den Kontrapunkt der Wollust und die erotische Technik der Entartung enthüllt hatte.

Es war eine schöne Zeit für seine Sinne, dieser Monat der Normandie, den er in träumerischer Wollust, in entnervender Liebe verlebt hatte: die erste Prüfung durch einen sehr kultivierten Körper, aus der er mehr als siegreich hervorging, belehrt und widerstandsfähig, gestählt und nicht verweichlicht.

Die Mondfrau, die er in Bordighera getroffen hatte, die aber in diesem sonnigen Winkel des Südens nicht lieben wollte, am Ufer der orientalischen Fluten des Mittelmeers, die ihn nach dem Norden und dem Nebel entführte, als habe sie diesen Antäus besiegen wollen, indem sie ihn der warmen Kybele entriss – die Mondfrau hatte diesen Willen aus reinem Gold nicht bleichen können. Der Gedanke des Tammuz, ähnlich dem Schwert, das Jason nicht fortlegte, wenn Medea ihn umarmte, schärfte sich, statt in den Wollüsten stumpf zu werden: er verließ sie mit einer Melancholie, die kaum schmerzte. Er beschwört sie jetzt mit einer lächelnden Melancholie, die mitten im Vermissen ein Danke sagt.

Lady Sommerset war nur eine Station auf dem Marsche der Leidenschaft! Eine andere Erinnerung ist lebhafter, ist geheimnisvoll: als er eines Abends über das nächtliche Meer nach der unbekannten Geliebten ruft, antwortet die Stimme des Schattens9.

Während er träumt, singen die beiden Damen zusammen:

Geh zu den Töchtern des Südens, wähle die braune Alltäglichkeit, Dein Herz lebt von der Sonne! – Ich will die Wollust des Mondes.

Die seltsame Melodie von Cadenet10 isoliert jeden der Zuhörer. Die Ladies öffnen jetzt die „Tamara“ von Balakirew. Während Bedforest mühsam die schwierige Partitur entziffert, umschlingt Kenmore mit ihrem Arm die Taille ihrer Freundin und haucht auf die flaumigen Haare ihres Halses.

Nergal macht Tammuz ein Zeichen: der erhebt sich leise und folgt dem Romancier hinter eine Statue von Pradier, die von Palmen umgeben ist.

Von dort schauen die beiden jungen Leute; Tammuz freut sich über die hübsche Gruppe, in der Kenmore die Seiten wendet, schmeichelnd, fast kosend; Nergal lächelt das eigensinnige Lächeln eines Mannes, der etwas Verborgenes sieht.

Die beiden Frauen scheinen allein zu sein, so mit Balakirew beschäftigt, dass sie die Anwesenheit der Beobachter vergessen. Nehmen sie vor der Einbildungskraft eine Pose ein, sicher des hübschen Gemäldes, das sie darstellen? Sollten sie wünschen, dass man sie allein lässt?

Küsst Kenmore nicht im Fluge den nackten Arm ihrer Freundin? Nergals Lächeln schärft sich und Tammuz findet bereits, dass die Haltung des Paares das Benehmen von Verlobten oder Verliebten annimmt.

In dem weiten Salon, den auf einander folgende Boudoirs noch vergrößern, atmet eine friedliche Wollust.

Ohne ein Geräusch zu machen, bringt ein Diener das Tablett mit dem traditionellen Whisky.

Lady Bedforest schließt die russische Partitur.

„Verzeihen Sie, meine Herren, wir haben uns vergessen.“

Verborgener Spott klingt in diesen Worten an das Ohr von Tammuz: sein Blick geht von der einen zur andern, so deutlich fragend, dass Kenmore mit einer bejahenden Bewegung die Augenlider senkt.

Derartig war die Wirkung dieses Ja der Augen auf die von den Augen gestellte Frage, dass Tammuz ungestüm zu Nergal sagte:

„Haben Sie Ihre Nacht der Wollust oder der Ruhe bestimmt, oder können Sie Ihre Nacht mir widmen?“

„Ich kann sie Ihnen widmen.“

Eine seltsame Situation: die Frauen scheinen zwei Männer von hohem Interesse gering zu schätzen, von denen der eine überraschend und neu ist, während diese Männer selbst zusammen zu sprechen wünschen, um einander zu fragen und zu antworten, statt ihr Gespräch mit bezaubernden Frauen zu verlängern.

„Wir haben uns nur erblickt, sagte Lady Bedforest zu Tammuz; ich hoffe, wir werden uns sehen, besonders wenn ich Ihnen einen Dienst erweisen und Lady Sommerset gefällig sein kann.“

Nach dem Handkuss gingen die beiden Männer.

4 Péladan, Irrende Seele.

5 Péladan, Einweihung des Weibes.

6 Bestätigt von Grillparzer in seinem Drama.

7 Moliére, Die gelehrten Frauen: Trissotin. „Kein andrer feilt die Verse so wie Ihr.“ Vadius. „Die Grazien selbst und Venus stehn Euch bei.“

8 Péladan, Irrende Seele. (Dort sind diese reimlosen Verse als Prosa gedruckt.)

9 Péladan, Irrende Seele.

10 Péladan, Das höchste Laster.

III DIE NACHTWACHE DER PSYCHOLOGEN

Als die beiden Männer sich auf den großen Diwan gesetzt hatten, dem einzigen Möbelstück zwischen den ganz von Büchern leuchtenden Wänden, stützte sich Nergal auf einen Stoß Kissen.

„Jetzt, junger und schöner Fremdling, werden Sie Ihrem Wirte sagen, von welcher Küste Sie kommen, welche Absicht Sie in unsere Stadt führt?“

„Ich bin Kalender, Sohn des Königs“, begann Tammuz.

„Das ist die symbolische Formel für alle, die über ihrem Schicksal stehen.“

„Ich bin mehr Kalender als jeder andere: ich habe nur ein Jahr, um das Leben zu lernen, um die Seele zu studieren; ich lebe in Bordighera, der Stadt der Palmen.“

„Der Gesundheit wegen?“

„Aus Armut! Ich habe zwölfhundert Franken Rente.“

„Und Sie kommen nach Paris, um Ihr Heil zu versuchen?“

„Nein! Vor einem Monat wollte sich eine Miss ertränken: ich habe sie gerettet. Ihr Vater kam zu mir.“

„ ‚Ich schulde Ihnen das Leben meiner Tochter‘. ‚Wie hoch schätzen Sie das Leben Ihrer Tochter?‘, fragte ich neugierig. Der Engländer betrachtete mich. Ich war in ungebleichte Leinwand gekleidet und trug Schuhe aus Esparto-Gras. Er sah sich die mit Kalk geweißten Wände an; dann zog er aus seiner Brieftasche acht Scheine zu je tausend Franken, den einen nach dem andern, bei jedem mich mit einem Blick befragend. Ich dachte ihm seine Banknoten ins Gesicht zu werfen. Da kam mir der Gedanke, was dieses Geld für meine Ausbildung bedeuten würde, und trug den Sieg davon. So stellte ich diese Quittung aus: ‚Ich bestätige hiermit, achttausend Franken erhalten zu haben, als Sold dafür, dass ich Miss Sheffiels das Leben rettete.‘ Nach der poetischen Auffassung würde diese Handlung mich verkleinern, und auf der Pariser Bühne wäre ich nicht mehr der junge sympathische Liebhaber: aber zuweilen muss man wählen zwischen der äußeren Ehre und einem inneren Plan. Die Dankbarkeit des Engländers bedeutete nichts für mich: sein Gold habe ich in den Schmelztiegel geworfen, in dem ich meine Persönlichkeit ausarbeite.“

„Wie finden Sie sich mit einem begrenzten Schicksal ab?“

„Ich kann mich nicht beugen, und um in das lebendige Leben einzutreten, muss man sich bücken. Übrigens weiß ich nicht, was die Zivilisation ihren Zuschauern gibt: deshalb habe ich für ein Jahr auf das Pariser Theater der Leidenschaft abonniert. Durch meinen klösterlichen Verkehr mit den großen Toten erleuchtet, gehe ich aus dieser Gesellschaft aufgeklärt hervor: das Geheimnis des Moses, der Gedanke des Pythagoras und des Platon, die Seele des Aischylos und des Dante haben zu mir gesprochen. Das Buch hat mir seine Geheimnisse gegeben; ich will das Leben befragen; und das Leben nennt sich mit seinem wahren Namen: Liebe.“

„Nachdem Sie das Feld des Gedankens durchlaufen haben, wollen Sie lieben?“

„Ja, ich will mein Herz an schönen Herzen versuchen, ich will höherstehenden Seelen Süßigkeit und Traum geben.“

„Sie wünschen nicht die Leidenschaft, scheint es, nach den unklaren Ausdrücken Ihrer Sprechweise.“

„Ich wünsche … Es gibt zwei Auffassungen der verliebten Hoffnung: die Fee, die Schwester. Die eine tritt in unser Leben wie Lohengrin, wenn Elsa in höchster Not ist; sie liebt, und besonders rettet sie, nicht von der Vereinsamung, von allem. Sind wir arm, bringt sie Gold; sind wir ehrgeizig, erhebt uns ihre Hand, indem sie uns berührt; sind wir verfolgt, gibt sie den Sieg … Die andere, leidend wie wir und kämpfend, stützt sich mehr, als sie unterstützt; als Gefährtin des Schmerzes, gibt sie unserem klagenden Herzen ein Echo und nimmt das Abendmahl in derselben Gestalt von Bitterkeit: das ist unsere Doppelgängerin, ebenso ohnmächtig wie wir selbst … Ich erwarte nicht, einer Fee zu begegnen, und da ich arm bin, genügt die Liebe nicht, mir Glück zu geben. Wenn ich sehr geliebt wäre, würde ich noch jeden Morgen mein Häuschen in Bordighera ausfegen.“

Und er zeigte seine weibliche Hand.

„Das moderne junge Mädchen, ohne Schwung und Poesie, wählt ihren Gatten, wie eine Dirne ihren Liebhaber, wenn sie nicht liebt, nach der Versorgung, die er verspricht. An eine ideale Ehe, das heißt, an eine so lebendige und seltsame Verbindung, wie der Roman sie erfindet, denkt die Jungfrau von heute niemals … Der Schwester werde ich begegnen, das ist mein Schicksal: der Frau, die mich bewegt, weil ich ihren Trost enthalte; der Frau, die mich anzieht, weil meine Natur auf sie wirkt; der Frau, die mich erwartet und die mich erkennt, weil ich sanft zu ihr sein werde, entsagungsvoll sanft … Und bin ich nicht gleich bei meiner Ankunft einer Schwester begegnet? Ich war in Notre Dame niedergekniet, ich hatte den Louvre gegrüßt: dann ist mir die Prinzessin Simzerla erschienen! Ihr bleiches und verschlossenes Gesicht hat sich rosig gefärbt und sich meinem milden Blick geöffnet: sie hat begriffen, dass ich sie schätze, sie, die Verleumdete; dass ich sie beklage, sie, die Leidende; kurz, dass ich sie liebe.“

„Sie lieben die Prinzessin Simzerla, und Sie kennen ihren Ruf?“

„Wer hat ihn gemacht, diesen Ruf? Unsere beiden Engländerinnen haben mir die Legende wiedererzählt, die Schande auf sie wirft: ich glaube an diese Legende nicht.“

„Und Sie wollen ihr Liebhaber werden?“

„Nein, ich liebe sie, weil sie hochherzig und leidend ist; aber ich begehre sie nicht.“

Nergal warf seine Zigarette fort.

„Sie verändern den Sinn der Worte, indem Sie sie gebrauchen: lieben bedeutet für Sie eine Art parteiischer und lebhafter Barmherzigkeit …“

„Lieben liegt für mich noch in der Zukunft; die Liebe begreifen noch im Halbschatten, in dem ich nur die Tryphallie11 sehe: ich zögere nicht im Wollen, aber ich kenne nicht das Ziel meines Willens.“

„Seltsam, dass diese Frau, welche die wahre Leidenschaft am stärksten verneint, Sie verführt, zumal Sie nur flüchtig sie gesehen haben! Welch geheimem Hange gehorchen Sie, indem Sie zuerst die Frau wählen, die nur Frauen liebt?“

„Herr Nergal, ich glaube nicht an die Liebe einer Frau für die andere.“