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In diesem Buch erwarten Sie Kurzgeschichten, Lieder und Gedichte, die ich in einer Phase meines Lebens schrieb, die von innerem Umbruch und der Sehnsucht nach ungezügelter Entfaltung geprägt war. Somit legen die Werke Zeugnis bezüglich der sehnsuchtsvoll umherstreifenden sprühenden Fantasie eines aufgewühlten Geistes ab. Im Spannungsfeld der inneren Widersprüche und des stetigen Wandels ist alles möglich und nichts, wie es scheint. So werden Sie während der Lektüre der teils sehr persönlichen Texte merkwürdige Situationen erleben und skurrilen Charakteren begegnen - und vermutlich auch sich selbst.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ich bin, wie ich werde.
Des Lebens Wille
Der Krieg ist in der Stadt
Erholung
Buße
Wenn ich König von Hollywood wäre
Tränen sickern schwarz aus meinen Augen
Wir, die Stufen
Damals
Die unfreie Entscheidung
Propheten
Seife
Zufriedenheit liegt in der Luft
Du musst mir deine Seele überlassen
Die Ewigkeit im Moment
Im Technikmuseum
Die gierigen Mäuler in den Nischen unserer Zeit
Tanz in kalter Nacht
Liebe Triebe
Sag mir wann und sag mir wo
Der Weg nach Moklodonien
Schaum
Die vielen Tropfen
Lenas Großmutter
Auf meiner Träume Wiesen
Bis seine Sonne wieder scheint
Sie
Bewegung
Der Batman des Lötzendorfer Bierzeltfaschings
Die Maske
Berta, die kotzende Kuh
Desejo da Comunidade
Im Leihhaus der Träume
Fernsehblind
Stille
Eldorado
Zorwok mal wieder
Der furchteinflößende Anblick, der sich Rainer gerade bot, trieb ihm kalte Schauer über den Körper. Es fühlte sich an, als dehne sich das feuchte, modrige Grauen, das er empfand, soeben über seine Hautoberfläche aus. Den kalten Schweiß, der aus seinen Drüsen rann, spürte er zuerst an den Händen und auf dem Rücken. Da das Fenster hier in der Küche gekippt war, drangen Geräusche der Nacht in den Raum.
Mit entsetzt aufgerissenen Augen fixierte Rainer die Person, die vor ihm stand. Es war seine Frau, die mit blutüberströmtem Gesicht und einem Fleischermesser in der Hand an der Küchenzeile stand. Bisher hatte sie, auch auf seine Ansprache hin, ihren Kopf nicht in seine Richtung gewandt. Stattdessen schien sie sich auf die Pfanne, die sich vor ihr auf der Herdplatte befand, zu konzentrieren. Was genau in dieser brutzelte, hatte Rainer noch nicht erkannt.
Woher der süßliche Geruch rührte, der ihm in die Nase stieg, wurde ihm erst auf schmerzliche Weise bewusst, als seine Frau ihre blutige, verstümmelte linke Hand auf das Schneidebrett legte. Sogleich setzte sie das Fleischermesser an einen der beiden noch verbliebenen Finger und trennte diesen ruckartig und unerbittlich von der Hand. Während ihr Blut aus der Wunde spritzte, schien die Frau nur gedämpfte Schmerzen zu empfinden – sie agierte wie in Trance. „Nein, hör auf!“, schrie Rainer. Doch statt sie von ihrer grausamen Tätigkeit abzubringen, stand er nur wie vor Entsetzen gelähmt neben ihr. Mittlerweile war er gewohnt, auf die schreckliche Dynamik solcher Situationen kaum Einfluss nehmen zu können. Stattdessen wandte ihm seine Frau, nun zum ersten Mal, seit er in die Küche gekommen war, ihr blutverschmiertes Gesicht zu. Sie blickte ihm direkt in die Augen und sagte: „Das Essen ist fertig.“
Rainer taumelte zurück. Schnellstmöglich entfleuchte er dem Blick seiner Gattin in den Flur. Zügig, aber bemüht, nicht zu rennen, steuerte er auf das Nachtbereitschaftszimmer seiner Wohngruppe zu. Dort würde er auf seine Anfrage von einem Wohngruppenmitarbeiter eine Bedarfsmedikation erhalten.
Nach Einnahme der Medikamente ebbte Rainers psychotischer Zustand allmählich ab und machte einer lindernden Ermattung Platz.
Auf seinem Bett liegend, musste er dennoch wieder an den Unfall denken, der zum Tod seiner Frau und seines Sohnes führte. Die Schuld, die er daran trug, quälte ihn noch immer entsetzlich. Denn er war es, der den Wagen damals lenkte.
Obwohl er selbst sehr müde gewesen war, ließ er es sich nicht nehmen, nach einer Feierlichkeit den weiten Nachhauseweg als Fahrer komplett selbständig zu bewältigen. Die wiederholten Angebote seiner Frau, ihn abzulösen, schlug er immer wieder aus. Als sich seine Augen dann doch irgendwann schlossen, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Das Auto schoss eine Böschung hinab, bevor es jäh durch einen Baum gebremst wurde. Da der Aufprall an der Beifahrerseite erfolgte, erwischte es seine Frau am schwersten. Sie starb noch an der Unfallstelle.
Der hinter ihr sitzende Sohn wurde im Schlaf überrascht. Er erlitt schwere Kopfverletzungen, denen er später im Krankenhaus erlag. Rainer hatte hingegen nur oberflächliche Schnittwunden und Prellungen davongetragen. Seine schlimmste Verletzung war die Schuld. Weit über das Abklingen seiner körperlichen Blessuren hinaus quälte sie ihn noch immer. Durch ihre mächtige Präsenz war wohl irgendetwas in ihm aus den Fugen geraten, denn circa drei Wochen nach dem Unfall hatte Rainer zum ersten Mal in seinem Leben eine Halluzination erlebt.
Inzwischen hatte Rainer, der nun in einem psychiatrischen Wohnheim wohnte, viel Erfahrung mit seinen Halluzinationen. Während seiner grauenerregenden Visionen sah er stets die beim Unfall Getöteten, einzeln oder gemeinsam auftretend. Wenn er seine Schuld schon nicht tilgen konnte, wollte er sein Gewissen zumindest wieder etwas ins Lot bringen, indem er anderen Menschen Glück bereitete. Unter den gegebenen Umständen würde ihm hierzu allerdings nicht mehr allzu viel Zeit bleiben. Sein geschundener Körper bot schon jetzt genügend Grund zur Sorge. Wenn Rainer noch sein früheres Vermögen zur Verfügung gestanden hätte, hätte er längst in eine medizinische Generalüberholung investiert. Schließlich lebte er zu einer Zeit, in der der modernen Medizin enorme Möglichkeiten zur Verfügung standen. Gegenwärtig war es machbar, das Leben eines Menschen auf bis zu circa 230 Jahre zu verlängern. Wenn man die weiteren, in einer solchen Zeitspanne mit Sicherheit folgenden medizinischen Fortschritte einkalkulierte, konnte man sogar noch auf ein deutlich längeres Leben hoffen. Schon jetzt war es relativ unproblematisch möglich, verschlissene Organe rechtzeitig gegen gentechnisch erzeugten Ersatz auszutauschen.
Darüber hinaus standen zahlungskräftigen Menschen noch viele weitere lebensverlängernde Maßnahmen wie beispielsweise gezielte und äußerst effektive Zellerneuerungskuren zur Verfügung. Die Wissenschaft schwang sich zum Herrn über die Biotechnologie auf.
Defekte und Fehlfunktionen wurden frühzeitig erkannt und die betreffenden menschlichen Bauteile erneuert oder wirkungsvoll wiederhergestellt.
Wie es aussah, würde Rainer allerdings kaum von den Segnungen der modernsten Medizin profitieren. Schließlich war eine medizinische Versorgung nach neusten Standards sehr kostspielig. Teilweise wurde sogar behauptet, die Preise hierfür würden aus politischen Gründen künstlich hochgehalten, da es noch keine tragfähigen Konzepte gab, dem ansonsten stark ansteigenden Bevölkerungswachstum sozialverträglich zu begegnen. Früher hätte sich Rainer alle nun so wünschenswerten medizinischen Eingriffe leisten können. Damals hatte er als Unternehmer den Kampf um Geld und sozialen Aufstieg, der unter der Aussicht auf ein deutlich verlängertes Leben noch stärker entbrannte, erfolgreich bestritten. Mit seiner Entmündigung und der Einweisung in die Psychiatrie wurde sein Vermögen jedoch einem zum gesetzlichen Betreuer bestellten Familienangehörigen anvertraut. Infolge dessen Raffgier ging fast Rainers kompletter Besitz durch riskante Geschäfte und Spekulationen verloren. Vom Übeltäter, der sich anschließend ins Ausland absetzte, erhielt der Geschädigte bislang nur einen Brief, in dem der reuige, inzwischen natürlich abbestellte Betreuer, um Verzeihung bat.
Mit Verlust seines Vermögens war Rainers Chance, einige hundert Jahre, ja vielleicht sogar noch länger zu leben, höchstwahrscheinlich unwiederbringlich vertan. So würde er es wohl nicht mehr erleben, wenn die Medizin vielleicht einmal in der Lage wäre, alle Komponenten des menschlichen Körpers entweder sukzessive auszutauschen oder schrittweise einer immer wieder von Neuem möglichen Zellerneuerung zu unterziehen. Als Bewohner eines psychiatrischen Wohnheims stand Rainer ziemlich fremdbestimmt am Rand der Gesellschaft, wo er aufgrund seines gesundheitlich angeschlagenen Körpers in nicht allzu ferner Zukunft wenig beachtet den Tod finden würde.
Es sei denn, es gelänge ihm, schlagartig an einen großen Geldbetrag zu kommen. Zu diesem Zweck ein Verbrechen zu begehen, schloss er jedoch aus. Schließlich waren im Bereich der Kriminalistik zuletzt ähnlich große Fortschritte erzielt worden wie in der Medizin. Seine einzige, wenn auch verschwindend geringe Chance, schnell an viel Geld zu kommen, war es, einen Medienerfolg zu landen. Rainer befand sich also in der misslichen Lage, auf einen Glücksfall hoffen zu müssen. Für solch einen Treffer war er bereit, seine komplette Freizeit zu opfern. Schließlich würde ihm nicht mehr sehr viel Zeit für eine medizinische Runderneuerung bleiben. Neben den beiden Dokumentationen, die er seit seiner psychiatrischen Einweisung gedreht hatte, arbeitete er gerade an einem Musikalbum, das er ebenfalls in Eigenregie produzierte. Die Vermarktung seiner Werke lief per Internet über spezielle Firmen, die auf Provisionsbasis risikolos entsprechende Dienste anboten. Um auf sich und sein Werk aufmerksam zu machen, hatte Rainer zahlreiche Ausschnitte aus seinen Dokumentationen ins Netz gestellt. Außerdem berichtete er in einem Videoblog aus seinem Leben. Hierbei setzte er auf schonungslose Offenheit und Authentizität. Auch über seine Vergangenheit und sein Bestreben, möglichst schnell viel Geld zu verdienen, berichtete er offen und ehrlich. Er ging sogar so weit, ein Spendenkonto einzurichten, auf das ihm wohlgesonnene Mitmenschen zu seinen Gunsten Geld überweisen konnten. Seine verzweifelte Lage hatte ihn dazu gebracht, Menschen darum zu bitten, ihn zur Erlangung eines Privilegs zu unterstützen, das den meisten von ihnen selbst verwehrt bliebe. Für Versteckspiele hatte er keine Zeit mehr. Er wollte – wie viele seiner betuchten Mitmenschen – auch einige hundert Jahre leben. Die hinzugewonnene Zeit wäre bezüglich seines Bestrebens, sein aus dem Ruder gelaufenes Leben wieder in positivere Bahnen zu lenken, ein Verbündeter. Schon im Zuge der letzten Monate hatte er deutlich seltener psychotische Zustände erlitten als zuvor.
Es tat ihm gut, auf ein Ziel zuzuarbeiten. Wenngleich es ihm in seiner Position und in seinem Zustand anfangs nicht leicht fiel, wieder die Initiative zu übernehmen, spürte er nun die Kraft, die aus seinem Lebenswillen und seinem Bestreben, Positives zu bewirken, erwuchs. Gutes schuf er schon jetzt, indem er psychisch kranken Menschen durch seine Dokumentationen eine öffentliche Stimme verlieh und hierdurch auf viele ihrer nachvollziehbaren Anliegen hinwies. Seine mitfühlenden Werke erzeugten Verständnis für die Protagonisten. Nicht zuletzt hoffte Rainer, im Zuge der Debatte über soziale Gerechtigkeit, die momentan in den Medien tobte, eine dringend nötige und längst überfällige Diskussion über die speziellen, letztlich von der Gesellschaft auferlegten Lebensumstände psychisch Kranker loszutreten.
Um weiter Aufsehen zu erregen, hatte Rainer eine Satire über die Zweiklassenmedizin geschrieben. Zusammen mit einem anderen Bewohner wollte er diese unerlaubterweise auf dem Flachdach seines Wohnheims zur Aufführung bringen. Im Gegensatz zu den Mitarbeitern der Einrichtung hatte er sogar die regionale Presse sowie einige Bewohner hinsichtlich der geplanten Veranstaltung informiert. Die eingeweihten Mitbewohner hatten die Aufgabe, erst kurz vor Beginn der Aufführung möglichst viele Zuschauer zusammenzutrommeln.
Auch wenn Rainer überzeugt war, dass einer solchen, von Bewohnern eines psychiatrischen Wohnheims durchgeführten Aktion schnell vom betreuenden Personal auf ungebührende Weise ein Krankheitswert beigemessen würde, war er von selbiger absolut überzeugt. Schließlich würde es seine Wirkung bei den Zuschauern nicht verfehlen, wenn sie als psychisch Kranke wie Rockstars auf einem Dach stünden und vor einer Zuschauerschar in scharfsinniger Weise gesellschaftliche Missstände anprangerten, während das Personal der Einrichtung versuchte, sie vom Dach zu holten. Der Wirkung wegen hoffte Rainer sogar, sie würden schon kurz vor dem regulären Ende ihres Auftritts zwangsmäßig und zum Unmut der Zuschauer vom Dach geholt. Ein solches Video würde sich im Internet sehr gut machen. Vielleicht würde darüber hinaus ja sogar noch ein Artikel in der Zeitung erscheinen.
Dass die Presse keinen Artikel über ihre Aktion bringen würde, war Rainer klar, als er am Tag der Aufführung vom Dach des Wohnheims herab ausschließlich in ihm bekannte Gesichter blickte, von denen mit Sicherheit keines einem Zeitungsreporter gehörte. Wahrscheinlich war die Aktion von Mitarbeitern der Zeitung vorurteilsvollerweise nicht ernst genommen worden, da sie von psychisch Kranken ausging. „Doch sei´s drum“, dachte sich Rainer, er würde ihnen in ein paar Tagen per E-Mail einen Link zum Video der Aktion schicken.
Als Rainer gerade einige einleitende Worte sprach, erschrak er. Unter den Zuschauern standen auf einmal seine Frau und sein Sohn. Die beiden Verstorbenen standen ganz still da und blickten einfach zu ihm herauf.
Rainer spürte sofort, dass diese Vision einen völlig anderen Charakter hatte als seine bisherigen. Die beiden ließen untypischerweise diesmal ihn agieren. Erwarteten sie irgendetwas Bestimmtes von ihm? Um Aufschluss zu gewinnen, bewegte sich Rainer an den äußersten Rand des Flachdachs. Er wollte unbedingt die Mienen der beiden erkennen.
Fatalerweise rutschte er dabei aus und stürzte in die Tiefe.
Nachdem er hart mit dem Kopf auf dem Pflaster aufschlug, trübte sich sein Bewusstsein. Seine letzten Gedanken verdeutlichten ihm, dass er noch an Ort und Stelle sterben würde. Nun hätte ihm auch eine medizinische Runderneuerung nicht mehr helfen können.
Vor der Tür von Peter Schmidt da stand ein Vertreter.
Krieg war dessen Name, sein Vorname Peter.
Schmidt, der nichts ahnte, der ließ ihn herein.
So trat der Krieg in seine Stube ein.
Gestatten, man nennt mich den grauenvollen Krieg.
Mit blutigen Händen verheiße ich euch den Sieg.
