Der Augustputsch 1991 -  - E-Book

Der Augustputsch 1991 E-Book

0,0

Beschreibung

1991 stand die Sowjetunion am Rand des politischen Kollapses. Das Baltikum hatte sich abgespalten und andere Republiken wollten nachziehen. Staatspräsident Gorbatschow agierte hilflos gegen die zerstörerischen Kräfte. Wie könnte das weitere Auseinanderdriften der Unionsrepubliken verhindert werden? Der 19. August 1991 begann in Moskau mit einer Lüge: Ein »Staatskomitee für den Ausnahmezustand in der UdSSR«, hinter dem sich führende Funktionäre aus der KPdSU, der Armee, dem Innenministerium und dem KGB verbargen, verkündete im Rundfunk, der Staatspräsident müsse die Amtsgeschäfte »krankheitsbedingt« ruhen lassen. Die Wahrheit: Michail Gorbatschow befand sich in Foros auf der Krim, wo er in der Staatsdatscha bewacht und festgehalten wurde. Panzer rollten in die sowjetische Hauptstadt ein. Es war der Auftakt zu einem Staatsstreich, der die Welt drei Tage lang den Atem anhalten ließ. Im vorliegenden Buch kommen die wichtigsten »Verschwörer« jener Tage zu Wort, unter ihnen der Verteidigungsminister, der KGB-Chef sowie der Vizepräsident der UdSSR. Sie erklären ihre Ziele und Motive und warum sie trotz aller Entschlossenheit, die Union zu retten, vor dem Einsatz von militärischer Gewalt zurückscheuten. Über sie ist bisher nur aus westlicher Sicht berichtet worden, nun erzählen die Putschisten aus erster Hand, was sie in diesen Augusttagen bewegte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dmitrij Jasow u. a.

Der Augustputsch 1991

Das Staatskomitee zur Rettung der Sowjetunion

Acht Akteure erinnern sich

Aus dem Russischen übersetzt von Gudrun Büchler

edition berolina

ISBN 978-3-95841-039-8

1. Auflage

Alexanderstraße 1

10178 Berlin

Tel. 01805/30 99 99

FAX 01805/35 35 42

(0,14 €/Min., Mobil max. 0,42 €/Min.)

© 2016 by BEBUG mbH / edition berolina, Berlin

© 2013 by Algoritm, Moskau

Umschlaggestaltung: buchgut, Berlin

Umschlagabbildung: © dpa - Bildarchiv

Druck und Bindung: CPI Moravia Books

www.buchredaktion.de

Appell des Staatskomitees­­ für den Ausnahmezustand in der UdSSR an das sowjetische Volk

Landsleute! Bürger der Sowjetunion!

In dieser für die Geschicke unseres Vaterlandes und unserer Völker schwierigen und kritischen Stunde wenden wir uns an Euch! Über unserer großen Heimat schwebt eine tödliche Gefahr! Die auf Initiative von M. S. Gorbatschow eingeleitete Reformpolitik, die als ein Mittel zur Sicherung der dynamischen Entwicklung des Landes und der Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens angelegt war, ist aus verschiedenen Gründen in eine Sackgasse geraten. Anfänglicher En­thusiasmus und Hoffnungen schlugen um in Misstrauen, Apathie und Verzweiflung. Die Machtorgane haben auf allen Ebenen das Vertrauen des Volkes verloren. Politikastertum hat im öffentlichen Leben die Sorge um das Schicksal des Vaterlandes und der Bürger ersetzt. Alle staatlichen Institutionen werden nur noch bösartig verhöhnt. Das Land ist im Grunde unkontrollierbar geworden.

Die gewährten Freiheiten missbrauchend und die Keime der Demokratie niedertretend, machten sich extremistische Kräfte auf den Weg, die Sowjetunion zu vernichten, den Staat zu zerstören und die Macht um jeden Preis an sich zu reißen. Die Ergebnisse des landesweiten Referendums über die Einheit des Vaterlandes wurden mit Füßen getreten. Die zynische Spekulation mit nationalen Gefühlen ist lediglich ein Deckmantel für die Umsetzung von machtpolitischen Ambitionen einiger. Weder die heutigen Sorgen ihrer Völker noch deren Zukunft beunruhigen diese politischen Abenteurer. In einer Atmosphäre des moralisch-politischen Terrors verbergen sie sich hinter dem Schutzschild öffentlichen Vertrauens und vergessen dabei, dass sich die Bindungen, die sie verurteilen und zerreißen, auf der Grundlage einer weitaus breiteren Unterstützung durch das Volk etabliert und zudem im Verlauf der Geschichte eine jahrhundertelange Bewährung erfahren haben. Heute sollen jene, die faktisch den Sturz der verfassungsmäßigen Ordnung forcieren, vor den Müttern und Vätern den Tod vieler Hunderter Opfer der zwischennationalen Konflikte verantworten. Auf ihrem Gewissen lastet das grausame Schicksal von mehr als einer halben Million Flüchtlingen. Ihretwegen haben Dutzende Millionen Sowjetbürger ihre Ruhe und Lebensfreude verloren; noch gestern haben sie in einer einträchtigen Familie gelebt, und heute sind sie Ausgestoßene im eigenen Haus.

Über die Gesellschaftsordnung soll das Volk entscheiden, aber es wird versucht, ihm dieses Recht zu nehmen.

Anstatt sich um die Sicherheit und das Wohlergehen eines jeden Staatsbürgers und der gesamten Gesellschaft zu sorgen, nutzen oftmals Menschen, die an die Macht gelangten, diese volksfern als Mittel der prinzipienlosen Selbstbestätigung. Redeschwalle, jede Menge Erklärungen und Versprechungen unterstreichen lediglich die Dürftigkeit und die Schäbigkeit ihres praktischen Handelns. Die Inflation der Macht zerstört schlimmer als jede andere Inflation unseren Staat und unsere Gesellschaft. Jeder Bürger spürt die wachsende Ungewissheit des kommenden Tages sowie die tiefgreifende Beunruhigung über die Zukunft seiner Kinder.

Die Machtkrise hat sich katastrophal auf die Wirtschaft ausgewirkt. Der chaotische, spontane Übergang zur Marktwirtschaft bewirkte eine Explosion von Egoismen auf regionaler, institutioneller, persönlicher und Gruppenebene. Der Krieg um die Gesetze und die Unterstützung zentrifugaler Strömungen führten zur Zerstörung des einheitlichen Volkswirtschaftsmechanismus, der in Jahrzehnten aufgebaut worden war. Resultat dessen ist ein rapider Verfall des Lebensstandards der überwiegenden Mehrheit der Sowjetbürger, Schwarzhandel und Schattenwirtschaft breiten sich aus. Es ist schon längst an der Zeit, den Menschen die Wahrheit zu sagen: Wenn nicht sofort und entschlossen Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft getroffen werden, dann sind in kürzester Frist eine Hungersnot und eine Spirale der Verarmung unausweichlich, von denen es nur ein Schritt zum massenhaften Ausbruch spontanen Unmuts mit verheerenden Folgen ist. Nur verantwortungslose Menschen können auf Hilfe aus dem Ausland vertrauen. Keine Almosen werden unsere Probleme lösen – die Rettung liegt in unseren eigenen Händen. Es ist an der Zeit, das Ansehen eines jeden Menschen und jeder Organisation am direkten Beitrag zur Wiederherstellung und Entwicklung der Volkswirtschaft zu messen.

Seit Jahren hören wir von allen Seiten Beschwörungen zum Schutz der Interessen der Persönlichkeit, zur Wahrung ihrer Rechte und ihrer sozialen Unversehrtheit. Tatsächlich aber wird der Mensch erniedrigt, in seinen wirklichen Rechten und Möglichkeiten beeinträchtigt und zur Verzweiflung gebracht. Vor unseren Augen verlieren alle demokratischen Institutionen, die durch des Volkes Willensäußerung geschaffen worden sind, an Bedeutung und Effizienz. Das ist ein Ergebnis zielgerichteter Handlungen derer, die grob das Grundgesetz der UdSSR missachten, faktisch einen verfassungswidrigen Umsturz vollziehen und nach einer exzessiven persönlichen Diktatur streben. Präfekturen, Bürgermeistereien und andere gesetzwidrige Strukturen lösen zunehmend eigenmächtig die vom Volk gewählten Sowjets ab.

Angetastet werden die Rechte der Werktätigen. Die Rechte auf Arbeit, Bildung, Gesundheitsschutz, Wohnraum und Erholung sind in Frage gestellt.

Immer mehr gerät auch die elementare persönliche Sicherheit der Menschen in Gefahr. Die Kriminalität wächst schnell, organisiert und politisiert sich. Das Land sinkt tief in den Abgrund von Gewalt und Gesetzlosigkeit. Nie zuvor in der Geschichte des Landes erreichte die Propaganda von Sex und Gewalt eine solche Dimension, dass die Gesundheit und das Leben künftiger Generationen bedroht sind. Millionen Menschen fordern Maßnahmen gegen die Krake der Kriminalität und der ungeheuerlichen Sittenlosigkeit.

Die zunehmende Destabilisierung der politischen und wirtschaftlichen Lage in der Sowjetunion untergräbt unsere Positionen in der Welt. Mancherorts sind revanchistische Töne zu hören, die eine Revision unserer Grenzen fordern. Man vernimmt sogar Stimmen, die sich für die Aufgliederung der Sowjetunion aussprechen und die Möglichkeit, einige Einrichtungen und Regionen des Landes unter internationale Aufsicht zu stellen, in Betracht ziehen. So ist die bittere Realität. Gestern noch fühlte sich ein Sowjetbürger im Ausland als ein würdevoller Bürger eines einflussreichen und geachteten Staates. Heute wird er oftmals als ein Ausländer zweiter Klasse angesehen und geringschätzig und mitleidvoll behandelt.

Stolz und Ehre des Sowjetbürgers sollen vollständig wiederhergestellt werden.

Das Staatskomitee für den Ausnahmezustand in der UdSSR erkennt die Tiefe der Krise, die unser Land befallen hat, übernimmt die Verantwortung für das Schicksal der Heimat und ist fest entschlossen, die entschiedensten Maßnahmen für die schnellstmögliche Überwindung der Krise in Staat und Gesellschaft zu ergreifen.

Wir versprechen, den Entwurf des neuen Unionsvertrages ausführlich mit allen Völkern zu erörtern. Jeder wird das Recht und die Möglichkeit haben, diesen äußerst wichtigen Akt in Ruhe zu überdenken und sich zu positionieren, denn von der Gestaltung der künftigen Union wird das Schicksal zahlreicher Völker unserer großen Heimat abhängen.

Wir beabsichtigen, unverzüglich Gesetz und Ordnung wiederherzustellen, das Blutvergießen zu beenden, der Welt des Verbrechens einen gnadenlosen Krieg zu erklären und schändliche Erscheinungen auszumerzen, die unsere Gesellschaft diskreditieren und die Sowjetbürger entwürdigen. Wir werden die Straßen unserer Städte von kriminellen Elementen reinigen und der Willkür bei Plünderungen von Volkseigentum ein Ende setzen.

Wir treten für wahrhaft demokratische Prozesse und für eine konsequente Reformpolitik ein, die zur Erneuerung unserer Heimat und zu wirtschaftlicher und sozialer Blüte führt. Das wird es ihr ermöglichen, einen würdigen Platz in der Weltgemeinschaft der Nationen einzunehmen.

Die Entwicklung des Landes darf nicht auf einer Senkung des Lebensstandards der Bevölkerung basieren. In einer modernen Gesellschaft ist die ständige Steigerung des Wohlstands aller Bürger das Maß der Dinge.

Ohne in der Sorge um die Stärkung und den Schutz der Persönlichkeitsrechte nachzulassen, legen wir das Augenmerk auf den Schutz der Interessen breitester Bevölkerungsschichten, und zwar jener, die am meisten unter Inflation, Desorganisation der Produktion, Korruption und Kriminalität zu leiden hatten. Wir werden einen vielfältigen Charakter der Volkswirtschaft entwickeln und dabei auch das private Unternehmertum unterstützen, indem wir die erforderlichen Möglichkeiten zur Entwicklung der Produktion und des Dienstleistungssektors bieten.

Unsere primäre Aufgabe wird die Lösung des Lebensmittel- und Wohnraumproblems. Alle verfügbaren Kräfte werden zur Befriedigung ebendieser vordringlichen Bedürfnisse der Bevölkerung mobilisiert.

Wir rufen Arbeiter, Bauern, die werktätige Intelligenz, alle sowjetischen Menschen auf, innerhalb kürzester Frist Arbeitsdisziplin und Ordnung wiederherzustellen, das Produktionsniveau zu erhöhen und danach entschlossen voranzuschreiten. Davon hängen unser Leben und die Zukunft unserer Kinder und Enkel sowie das Schicksal des Vaterlandes ab.

Wir sind ein friedliebendes Land und werden strikt alle übernommenen Verpflichtungen einhalten. Wir hegen keinerlei Ansprüche gegen irgendwen. Wir wollen mit allen in Frieden und Freundschaft leben. Aber wir erklären uns auch fest entschlossen, dass niemals und niemandem gegenüber eine Verletzung unserer Souveränität, Unabhängigkeit und territorialen Inte­grität toleriert werden wird. Alle Versuche, mit unserem Land in einer Sprache des Diktats zu sprechen, von wem auch immer diese ausgehen mögen, werden entschlossen zurückgewiesen.

Unser multinationales Volk lebte jahrhundertelang voller Stolz auf seine Heimat. Wir haben uns nicht unserer patriotischen Gefühle geschämt und halten es für natürlich und gesetzeskonform heutige und folgende Generationen von Bürgern unseres großen Landes in diesem Geist zu erziehen.

Tatenlosigkeit in dieser für das Schicksal des Vaterlandes kritischen Stunde würde bedeuten, eine schwere Verantwortung für tragische und tatsächlich unabsehbare Folgen zu übernehmen. Jeder, dem unsere Heimat teuer ist, wer in Ruhe und Zuversicht leben und arbeiten will, wer die Fortsetzung der blutigen zwischennationalen Konflikte nicht akzeptieren kann, wer sein Vaterland in Zukunft unabhängig und blühend sehen will, muss die einzig richtige Wahl treffen. Wir fordern alle echten Patrioten, Menschen guten Willens auf, der heutigen wirren Zeit ein Ende zu setzen.

Wir rufen alle Bürger der Sowjetunion auf, ihre Pflicht gegenüber der Heimat zu erkennen und das Staatskomitee für den Ausnahmezustand in der UdSSR bestmöglich bei dem Bemühen um einen Ausweg aus der Krise zu unterstützen.

Konstruktive Vorschläge von gesellschaftspolitischen Organisationen, Arbeitskollektiven und Bürgern werden dankbar als Äußerung ihrer patriotischen Bereitschaft anerkannt, sich aktiv an der Wiederherstellung der jahrhundertealten Freundschaft in der einträchtigen Familie der Brudervölker und am Wiederaufbau des Vaterlandes zu beteiligen.

Gennadij Janajew

Gennadij Iwanowitsch Janajew (* 26. August 1937; † 24. September 2010), Fachmann für Landwirtschaft, wurde in Perewos, Gebiet Gorki, geboren. Er trat 1962 der KPdSU bei und begann seine Parteilaufbahn als Komsomolfunktionär in der Oblast Gorki, wo er die Funktion des Zweiten (1963–1966) und später des Ersten Sekretärs des Gebietskomitees des Komsomol (WLKSM) innehatte. 1968 wurde er zum Vorsitzenden des Komitees der Jugendorganisationen der UdSSR ernannt. Ab 1980 war er Stellvertretender Vorsitzender des Präsidiums der Vereinigung sowjetischer Gesellschaften für Freundschaft und kulturelle Beziehungen zu anderen Ländern.

Im Verlauf der »Perestroika« bekleidete Janajew einen bedeutenderen Posten, den des Sekretärs des Allunionszentralrats der Gewerkschaften (WZSPS) für internationale Aufgaben (1986–1989), anschließend übernahm er das Amt des Stellvertretenden Vorsitzenden des All­unionszentralrats der Gewerkschaften (1989–1990). Von April bis Juni 1990 leitete er den WZSPS als Vorsitzender. Auf dem XXVIII. Parteitag der KPdSU wurde er zum Mitglied des Zentralkomitees (ZK) gewählt (1990–1991); dieses wiederum bestätigte Janajew als Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK für Internationale Beziehungen (14. Juli 1990). Am 27. Dezember 1990 verhalf ihm Präsident M. S. Gorbatschow zum Posten des Vizepräsidenten der UdSSR. Zeitnah nach der Wahl (durch den Kongress der Volksdelegierten der UdSSR) beendete Janajew die Arbeit im Politbüro und im Sekretariat des ZK (31. Januar 1991).

Am 19. August 1991 proklamierten er und sieben andere hohe sowjetische Führungskräfte die Bildung des Staatskomitees für den Ausnahmezustand und verkündeten die Machtübernahme im Land durch das Komitee. Es wurde bekanntgegeben, dass Präsident Gorbatschow aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage wäre, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Janajew übernahm die Vollmachten des Präsidenten der UdSSR. Die schlecht geplante Machtergreifung scheiterte am dritten Tag. Janajew wurde am 22. August 1991festgenommen und wegen Landesverrats angeklagt. Die Gerichtsverhandlung über Janajew und elf andere politische Funktionäre zog sich bis zum Mai 1993 hin. Im Februar 1994 nahm die Staatsduma der Russischen Föderation den Gesetzesentwurf über eine Amnestie an, somit wurde die Strafverfolgung beendet.

Gennadij Iwanowitsch, in Ihren Monologen, Antworten auf Fragen unzähliger Interviews, in handschriftlich verfassten Notizen erwähnen Sie sehr oft Gorbatschow. Das könnte bei schlecht informierten Menschen den Eindruck erwecken, auf Ihnen laste eine tiefe persönliche Kränkung, eine echte innere Feindseligkeit gegen ihn.

Das Wort »Kränkung« passt hier augenscheinlich nicht. Was die persönliche Feindseligkeit betrifft, habe ich, wie jeder normale Mensch, auf so etwas ein volles Recht. Haben Sie etwa schon viele Menschen getroffen, die absolut frei von einem solchen Gefühl sind? Kaum. Ja, ich empfinde Abneigung gegenüber Gorbatschow und versuche nicht, es zu verbergen. Aber dies ist, wie ich denke, nicht hinderlich für die richtige Erörterung, Bewertung all dessen, was in unserem Land in den achtziger bis neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts passiert ist. Die Schuld Gorbatschows am Zusammenbruch der UdSSR ist unstrittig, und keinerlei persönliche Abneigung kann das Verständnis für diese einfache Wahrheit mindern.

Gorbatschow war der erste und letzte Präsident der UdSSR. Sie waren der erste und letzte Vizepräsident der UdSSR. Es wäre eine logische Vermutung, dass auch Sie in bekanntem Maße schuld am Zerfall des Staates sind.

Es wäre auch logisch anzunehmen, dass wir alle, auch ich, auch Sie und andere ehemalige Sowjetbürger, die den Zerfall nicht verhindern konnten oder wollten, schuldig sind, aber … In Wahrheit ist doch aber die Schuld, die Verantwortung für eine hausgemachte globale Katastrophe immer personifiziert. Anders würden wir zum Beispiel wenig an Hitler erinnern, sondern würden über die »schlimmen Deutschen« reden, die unzähliges Leid über die Menschheit gebracht haben. Das wäre nicht richtig, denn sogar unter den Offizieren der Hitlerarmee fanden sich welche, die eine Liquidierung des Führers anstrebten. Und unsere Zeitgenossen stehen bekanntlich eher positiv zu ihnen … Sie haben sicher den bemerkenswerten amerikanischen Film, ein Gleichnis, Einer flog über das Kuckucksnest gesehen. Dort versuchte der Hauptdarsteller in einer psychiatrischen Anstalt ein schweres Waschbecken aus dem Fußboden herauszureißen. Selbstverständlich gelang ihm das nicht, aber er wandte sich mit einem Gefühl der erfüllten Pflicht an seine Leidensgenossen und sagte: »Ich habe es wenigstens versucht.«

Ihnen könnte entgegnet werden: Sie sind zu lange »zum Waschbecken« gegangen. Warum haben Sie nicht eher versucht, es loszureißen?

Zum Ende der achtziger, zu Beginn der neunziger Jahre war ich schon über fünfzig. Und in diesem Alter sind die Chancen gering, sich augenblicklich in einen Che Guevara zu verwandeln. Wie hat Churchill gesagt: »Wer in der Jugend kein Radikaler war, der hat kein Herz, wer im Alter kein Konservativer ist, der hat keinen Verstand.« Unter »reifem Konservatismus« verstehen wir nicht nur eine politische Richtung, sondern den uns eigenen Konformismus (wenn man so will, eine gewisse Analogie zum Selbsterhaltungstrieb), ein Abwenden von radikalen Handlungen und der Wunsch nach Bewältigung der dringendsten Probleme nicht auf revolutionärem Weg, sondern durch ausgewogene, klar durchdachte Entscheidungen. Ja, manchmal ist ein solcher »Konservatismus« äußerst kontraproduktiv für den Staat und die Gesellschaft, aber dagegen kann man nichts machen. So ist nun einmal die Welt, wie man so sagt … Noch dazu sind wir mehrheitlich geneigt, unsere eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu überschätzen. Mir erschien es in der Nähe von Gorbatschow zum Beispiel so, als ob ich auf die eine oder andere Weise Einfluss auf seine Politik nehmen und damit dem Land nützlich sein könnte. Das gelang nicht, die Illusionen sind verflogen. Jetzt stehe ich nicht in ihren Diensten und kann unvoreingenommen viele Dinge neu bewerten.

Gennadij Iwanowitsch, erzählen Sie bitte kurz über Ihre »prägnantesten« Eindrücke im Gefängnis. Und berichten Sie auch kurz über den zweiten Bestandteil eines bekannten Sprichworts – über Ihren »Bettelstab«. Im Vergleich zur überwiegenden Mehrheit der früheren sowjetischen Elite sind Sie doch, man kann es so sagen, arm. Kein Auto, keine Villa, keine anderen Lifestyle-Attribute eines »abgesicherten Lebens« …

Ich beginne mit der Antwort auf den zweiten Teil der Frage und sage eine banale Sache: Das Glück liegt nicht beim Geld. Tatsächlich verfüge ich über keines der erwähnten Dinge, keine Bankkonten, keine Scheckhefte, keine Firmenaktien. Meine Ehefrau und ich verfügen über eine gewöhnliche »sowjetische« Wohnung und eine einfache Datsche auf 600 Quadratmetern in einer kooperativen Gartengenossenschaft. Das genügt mir vollkommen. Wir hatten es auch schon schlechter. Zum Beispiel als ich aus dem Gefängnis kam, konnte ich »aus verständlichen Gründen« nirgendwo Arbeit finden. Und dann schließlich bot mir Walerij Aleksandrowitsch Kwartalnow (bereits verstorben), Rektor der Internationalen Tourismusakademie, im Jahr 2002 die Stelle eines Dozenten an der von ihm gegründeten Hochschule an. Seitdem arbeite ich dort und bin diesem wunderbaren Menschen bis an mein Lebensende dankbar dafür.

Zum Gefängnis. Ja, man kann dort existieren. Es hat mich weder gebrochen noch demoralisiert. Die, wie Sie es ausgedrückt haben, »prägnantesten«, die unvergesslichsten Eindrücke verbinde ich mit der Haft und den ersten Tagen der Gefangenschaft. Am 22. August um sechs Uhr morgens erschien der Generalstaatsanwalt der RSFSR Stepankow in Begleitung von zwei operativen Einsatzkräften in meinem Kremlarbeitszimmer. Sie brachten mich in die Staatsanwaltschaft der Republik (obwohl die der Union noch existierte), und man übergab mich in die Hände der Ermittlergruppe. Es folgte ein langes Verhör – bis zum späten Abend. Die Ermittler erwiesen sich als umgängliche Menschen, liefen während des Verhörs hinaus, kehrten mit einem Körbchen Brot zurück und gaben mir zu essen. Um neun Uhr abends wurde ich wieder weggebracht – wohin und warum sagte man mir nicht. Bei der Ankunft erfuhr ich es: in die Kaschinskijer Untersuchungshaft­anstalt im Gebiet Twer. Ich teilte meine Zelle mit einem Schutzgelderpresser, scheinbar kein schlechter Junge.

Am 26. August nachts brachte man mich zur »Ma­trosskaja tischina« (»Matrosenruhe«). Dort befanden sich bereits die anderen Gekatschepisten [Mitglieder des Staatskomitees für den Ausnahmezustand, Anm. ­d. Ü.]. Man wies mir gemeinsam mit einem »Informanten« eine Zelle zu, der sich als »Vergewaltiger« ausgab – ein altes, erprobtes Verfahren bezüglich derjenigen, von denen man »Geständnisse« brauchte. Danach brachte man noch einen weiteren Inhaftierten in die Zelle, der jedoch nicht lange blieb. Dafür brachte man Jura, der gegen ein Bestechungsgeld in Höhe von dreitausend Rubel Feuer gelegt hatte … Zu Beginn zogen mich die Verhältnisse etwas herunter: das grelle Licht der am Tag und in der Nacht eingeschalteten Lampen, der harte Gefängnisalltag und anderes. Aber ich konnte mich etwas daran gewöhnen …

In Ihren früheren Gesprächen mit Journalisten haben Sie nicht nur einmal Zweifel darüber geäußert, dass sich B. K. Pugo erschossen hat. Was hat Sie veranlasst, am Wahrheitsgehalt der offiziellen Version zu zweifeln?

Vor der Verhaftung, als allen bereits klar war, dass »unser Lied gesungen war«, habe ich in einem ruhigen (um nicht zu sagen »fröhlichen«) Telefongespräch mit Boris Karlowitsch so gewitzelt – etwa neun Uhr am Abend des 21. August. Ich fragte ihn vom Kreml aus: »Hast du die Tasche schon gepackt? Glaub mir, schon morgen kommen deine Kollegen und ›bitten‹ uns, ihnen zu folgen.« Und er, der sich in seiner Wohnung befand, antwortete: »Ja, Walitschka sucht schon immer die Sachen zusammen. Ich habe es nur nicht geschafft, Cracker zu trocknen – zu schnell ist doch alles zu Ende gegangen.« Die am nächsten Morgen in den elektronischen Medien verbreitete Nachricht darüber, dass sich Boris und Walentina Pugo erschossen haben, traf mich wie ein Schlag auf den Kopf. Und natürlich haben mich auch die Umstände der Verhaftung verwundert. Dass ranghohe Funktionäre des KGB [Komitees für Staatssicherheit, Anm. d. Ü.], MWD [Innenministeriums, Anm. d. Ü.] und der Staatsanwaltschaft zur Verhaftung eines Innenministers der UdSSR erscheinen, ist eher normal. Doch was hatte bei dieser »Aufführung« eine Privatperson namens Jawlinskij zu suchen?

Nun, wer Schuld am Zerfall der UdSSR hat, haben wir im Allgemeinen erörtert. Und trotzdem werden Ihre Argumente die Anhänger von Jelzin und Gorbatschow kaum überzeugen. Sie werden trotzdem zu der übereinstimmenden Annahme kommen und eindringlich wiederholen: »Und was wäre, wenn das GKTschP die Unterzeichnung des Unionsvertrags nicht sabotiert hätte, dann wäre es gelungen, die UdSSR, wenn auch vielleicht in einer anderen Ausgestaltung und in einer anderen Qualität, zu erhalten.«

Wir haben wahrscheinlich die Unterzeichnung dieses berüchtigten Vertrags irgendwie verhindert. Aber nur am 20. August 1991. Obwohl, und da wiederhole ich mich, selbst die Unterzeichnung schon ein Kreuz auf den Unionsstaat gesetzt hätte. Nehmen wir einmal für einen Moment an, dass der Unionsvertrag im Großen und Ganzen positiv für die Völker unseres Landes gewesen wäre. Wer hat denn eine Unterzeichnung im September und Oktober verhindert? Ja, und warum nicht Ende August? Wir, »die Putschisten«, befanden uns in den Gefängniszellen, da war doch die beste Zeit für die Unterzeichner, den Sieg der Demokratie zu bejubeln und nach den fröhlichen Siegesfeiern zur Formierung der Union Souveräner Staaten überzugehen. Aber niemand hatte daran Interesse. Alle Führungen der Republiken erwarteten die letzten Tage der UdSSR. Sie verstanden bestens, dass die Seifenblase der SSG (Union Souveräner Staaten) nicht einen Tag übersteht. Jelzins Berater Burbulis hat bekannt, dass sie (das heißt Jelzin und die anderen Machthaber der Unionsrepubliken) bereits zu Beginn des Jahres 1991 genau das geplant hatten, was in der Folge die Benennung »SNG« [Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, GUS; Содружество НезависимыхГосударств, СНГ, Anm. d. Ü.] erhielt. Aber das ist aus der Sicht des Staatsaufbaues weder das eine noch das andere, das ist einfach gar nichts …

Der von Ihnen erwähnte Produktionsstillstand gleich dreier Tabakfabriken, zwei davon befanden sich in Moskau (und befinden sich bis heute dort), sowie einige »Maßnahmen« im Rahmen der berüchtigten Antialkoholkampagne und viele andere selbst verursachte Missgeschicke dieser Zeit sahen selbst in den Augen politisch unbewanderter Bürger nicht nach Stümperei oder Misswirtschaft aus. Sie alle hielten Boshaftigkeit für die einzig mögliche Ursache dieser Schurkereien. Und natürlich ist die Frage zulässig: Wer stand hinter all diesen wirtschaftlichen Sabotageakten in der UdSSR? Gorbatschow? Irgendeine unbekannte geheimnisvolle Kraft? Es ist doch so, und da sind wir doch sicher gleicher Meinung, dass diese Staatsverbrechen mit den schärfsten Sanktionen des damaligen Strafgesetzes zu ahnden waren. Hätten sie nicht nur lange Haftstrafen bewirkt, sondern auch das Höchstmaß für die Verbrecher? Weshalb gingen sie das Risiko ein? Wer gab ihnen die Garantie einer Unantastbarkeit?

Im Detail können wohl nur diejenigen die Situation aufklären, die in diese breitangelegte verbrecherische Vorgehensweise involviert waren. Und diese Täter werden verständlicherweise nicht von sich aus gestehen. Klar ist eines: Gorbatschow hatte alle notwendige Macht, um eine derartige Sabotage im Land zu beenden. Er hat es nicht getan. Konnte er nicht, oder wollte er nicht? Wenn er nicht konnte, warum? Wenn er nicht wollte, welchen Grund gab es dafür? Es ist verständlich, dass der gigantische Mechanismus der Zerstörung von Wirtschaft, Staatswesen, des Rechts, des sozialen Lebens gemanagt war. Aber woher er gesteuert worden war – vom Kreml oder von irgendeinem »Bilderberger Klub« aus –, das ist wohl von der Sache her egal …

W. A. Krjutschkow hat Ihnen etwas erzählt, was bisher der russischen Öffentlichkeit so nicht bekannt war?

Entschuldigen Sie bitte – wie man so sagt: kein Kommentar.

Warum?

Das Gesetz verbietet es, solche Fragen öffentlich zu beantworten, und ich bin, unbeachtet allem, ein gesetzestreuer Mensch. Das erstens. Und zweitens verstehe ich bestens, dass längst nicht alle früheren und heutigen Vertreter der Staatsführung die Geheimhaltung bestimmter Informationen beachten; ich meinerseits kann mir so etwas nicht erlauben. Ja, manchmal möchte man schon an die Mitbürger einige für sie interessante Nachrichten weitergeben, aber, o weh, das ist nicht jedem in unserem »demokratischen« Staat gestattet. Mich reizt, ehrlich gesagt, die Aussicht auf lange »herzliche« Gespräche mit Staatsanwälten und Ermittlern überhaupt nicht. Das Alter gibt es nicht mehr her, ja, und die Gesundheit macht auch nicht mehr so mit …

Das Verhältnis zwischen Gorbatschow und Jelzin betreffend, gibt es eine weitverbreitete Version. Sie meint, dass ihre Feindschaft gut inszeniert war. Na ja, es gibt immerhin die Möglichkeit, dass sie nicht gut miteinander konnten, aber sie sind vollkommen synchron vorgegangen, nach einem böswillig gearteten Plan. Können Sie solcherart Gedankenspiel widerlegen?

Aber sie haben auch einen einheitlichen Plan gehabt und »gemeinsame Sache« gemacht. Dass Gorbatschow und Jelzin geschickt und meisterhaft die Rolle als unüberwindbare Feinde nur spielten, glaube ich jedoch nicht und empfehle auch niemandem, so etwas zu glauben. Ihre tatsächliche gegenseitige Abneigung war all denen bestens bekannt, die sie auch nur ein wenig kannten. Zur Bestätigung dieser Annahme kann ich ein Beispiel aus der eigenen »Biographie« anführen. Einmal führten wir unter Gorbatschow die Beratung des Sicherheitsrats durch. Die Sitzung sollte circa vierzig Minuten dauern (der Generalsekretär wollte zu irgendeinem Treffen) und war eher eine Formsache, das heißt, man hätte ohne weiteres auf sie verzichten können. Na ja, und vor dieser Pflichtveranstaltung habe ich W. A. Krjutschkow eine witzige Wette folgendermaßen vorgeschlagen: Wetten wir, dass es mir gelingt, diese Sitzung zu schmeißen. Wladimir Aleksandrowitsch setzte eine Flasche Kognak darauf, dass ich es nicht schaffe. Gleich zu Beginn der Beratung wandte ich mich an Gorbatschow mit den Worten: »Michail Sergejewitsch, bevor wir zur Tagesordnung übergehen, möchte ich gern eine Frage loswerden: Bis zu welchem Punkt werden wir Jelzins Unverschämtheiten tolerieren? Gibt es denn tatsächlich keine Möglichkeit, ihn zu zügeln?« Und da legte Gorbatschow los. Er redete die gesamten vierzig Minuten über Jelzin, wer er ist, und verspätete sich dabei fast zu seinem geplanten Treffen. Krjutschkow schuldet mir seitdem den Kognak … Das macht aber nichts. Wir treffen uns »dort« – und rechnen dann ab.

Gennadij Iwanowitsch, Ihren Erinnerungen zufolge, sprach Sie Gorbatschow immer mit »Du« an, während Sie ihn mit »Sie« ansprachen. Worauf war das zurückzuführen – auf den Altersunterschied, auf die traditionellen Hierarchien im Kreml, oder gibt es da noch etwas anderes?

Wahrscheinlich auf die Bildung und die Umgangsformen von Gorbatschow selbst. Aber auch vor Gorbatschow wiesen die Generalsekretäre ein ähnliches Verhalten auf. Die Autorität des führenden Kopfes der UdSSR war gewaltig, wer auch immer diese Person war. So dass auch die Traditionen, aller Wahrscheinlichkeit nach, hierbei eine Rolle spielten.

Gorbatschow bekundete doch Ihnen gegenüber ein Gefühl der Kameradschaft. Sollte man dazu Berührungspunkte in Ihrer beider Biographien finden können? Zum Beispiel in Verbindung mit der Landwirtschaft – die Jugend, die Arbeit im Komsomol …?

Die Ursache liegt eher woanders. Gorbatschow hat mich möglicherweise sehr gebraucht. Erstens: als überzeugten Verfechter der Perestroika und der kommunistischen Idee (wollen wir doch nicht vergessen, dass Gorbatschow ja trotzdem der Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU war), weiterhin des Sozialismus und der Sowjetmacht. Zweitens: als erfahrenen Parlamentarier. Denn Parlamentarismus erschöpft sich ja im weitesten Sinne des Wortes nicht nur in Auftritten auf Delegiertenkongressen und in der Verabschiedung von Gesetzen. Die parlamentarische Praxis, die Verfahrensweisen dabei, eignete ich mir während meiner Führungstätigkeiten im Komitee der Jugendorganisationen der UdSSR, im Verband der so­wjetischen Freundschaftsgesellschaften, der Internationalen Arbeitsorganisation und im Allunionsrat der sowjetischen Gewerkschaften an. Alle diese Funktionen brachten es mit sich, auf den größten Tribünen, auch auf internationalen, aufzutreten, und ich habe diese Verpflichtungen niemals gescheut. Häufig nahm ich an allen möglichen Kongressen, Treffen, Konferenzen teil. Ich war persönlich bekannt mit vielen Vertretern europäischer Staaten der damaligen Zeit (zum Beispiel mit dem Finnen E. Aho, mit dem Schweden C. Bildt, mit dem Deutschen G. Schröder).

Somit ist es nicht verwunderlich, dass mir in meiner Eigenschaft als Abgeordneter des Ersten Allunionskongresses meine bisher erworbenen Erfahrungen einen Vorsprung gegenüber denen einbrachte, die mit der parlamentarischen Tätigkeit schlecht vertraut waren. Viele dieser Neulinge kannten weder die Vorgehensweisen noch die Besonderheiten der parlamentarischen Etikette. Sie »kompensierten« das mit meist erfolglosen Attacken am Mikrofon, mit Gedränge um sie herum, mit unüberlegtem Aufschreien vom Platz aus. Sie klatschten Beifall und jubelten, wenn es vollkommen fehl am Platz war. Diesen gesamten »Unfug« hätte man als unbedeutend abtun können, wenn es nicht um Fragen von erstrangiger staatlicher Bedeutung gegangen wäre. Gorbatschow war Vorsitzführender des Kongresses und verlor beständig die Kontrolle über dessen Verlauf, und ich habe ihm mehr als einmal geholfen. Das war eigentlich in der Regel so. Wenn ich ein Resümee ziehen soll: Es war genau dieser Fakt, der die Schlüsselrolle für mein späteres politisches Schicksal spielte.

Wenn es Ihnen möglich ist, erzählen Sie doch etwas darüber, was der gewöhnliche Bürger über Gorbatschow nicht weiß. Warum, zum Beispiel, hat der frühere Präsident einer bedeutenden Großmacht im Fernsehen Reklame für Pizza gemacht? Mangelte es ihm an materiellen Gütern, war es wegen der eigenen Gier oder aus irgendeiner anderen Ursache heraus?

Die Hauptursache war bloße Habgier, irgendwie eine Geldgier. Als beste Bestätigung dieser Worte kann eine skandalöse, abstoßende Geschichte berichtet werden, die sich zu Jahresbeginn 1991 in Südkorea zugetragen hat. Dort erhielt Gorbatschow faktisch Schmiergelder von dem damaligen südkoreanischen Präsidenten Roh Tae-woo (in der Folgezeit wurde der wegen Korruption angeklagt und zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt) – einen Bankenscheck über 100.000 Dollar. Roh Tae-woo steckte den Scheck dem Präsidenten der UdSSR vor den Augen vieler Delegierter und Journalisten in die Jackentasche. In jedem beliebigen, wie man so sagt, normalen Land (auch in ebendiesem Südkorea) würden Staatsoberhäupter für dieses Vergehen zuerst einmal in den Ruhestand und dann an »etwas weiter entlegene Orte« geschickt. Aber wir sind schon seit über zwei Jahrzehnten kein normales Land. Deshalb werden auch die »Enthüllungen« des Hauptzerstörers der Sowjetunion in riesigen Auflagen gedruckt, mit Hilfe derer er natürlich alle Anschuldigungen an seine Adresse negiert. Gleichzeitig macht er Reklame für Pizza und düst in den Westen – um seine wertlosen Vorlesungen für sagenhafte Honorare zu halten.

Welchen Einfluss auf Sie persönlich und Ihre Mitstreiter des GKTschP hatte der am 23. Juli 1991 veröffentlichte Aufruf »Wort an das Volk«?

Das war ein sehr deutlicher, ehrlicher, durchdachter Aufruf. Er wurde mit Dankbarkeit und einer gewissen Hoffnung auf eine bessere Zukunft vom patriotisch orientierten Teil unserer Gesellschaft aufgenommen. Wir, die zukünftigen Mitglieder des GKTschP, unterschieden uns darin nicht von den anderen Patrioten der Sowjet­union. Im Wesentlichen schrieb wahrscheinlich Aleksandr Andrejewitsch Prochanow dieses herausragende Manifest. Leider blieben nicht alle, die ihre Unterschrift unter das »Wort« setzten, ihm bis zum Ende treu …

Haben Sie zu einem der Unterzeichner des Aufrufs »Wort an das Volk« und zu Ihren Kameraden des ­GKTschP noch Kontakt?

Am häufigsten hatten wir Kontakt mit Oleg Semjonowitsch Schenin, mit Aleksandr Tisjakow und mit Oleg Dmitrijewitsch Baklanow. Oleg Semjonowitsch ist Ende Mai 2009 von der Welt gegangen. Im neuen Jahrtausend sind W. A. Krjutschkow, W. I. Warennikow, W. S. Pawlow, W. I. Boldin gestorben …

Gennadij Iwanowitsch, wissen Sie, wer von den Journalisten oder Literaten den »Appell an das sowjetische Volk« geschrieben oder zumindest die redaktionelle Bearbeitung vorgenommen hat?

Soweit mir bekannt ist (der Aufruf des GKTschP wurde bereits vorbereitet, bevor ich dessen Mitglied wurde), ist der Hauptautor des Aufrufs »Wort an das Volk« und des »Appells an das sowjetische Volk« ein und dieselbe Person, der hervorragende sowjetische Schriftsteller und Publizist A. A. Prochanow. Aber das ist nicht verwunderlich. Erstaunlich ist etwas anderes: Bei der Erarbeitung weiterer Dokumente, Pläne, Operationen des GKTschP wirkte der damalige Kommandeur der Luftlandetruppen (WDW) Gratschew in hohem Maße mit. Er war wie ein Harlekin und diente in jenen Augusttagen mehreren »Herren«. Erst »half« er aktiv Jasow, und dann, am 20. August, lief er offen zu Jelzin über. Ich benutze dieses Wort »offen«, weil allen Anzeichen gemäß Gratschew bereits vor der Bildung des GKTschP Jelzin mit Informationen versorgte … Was wundert es da noch, dass unser Neubeginn gescheitert ist?

Während Ihrer Zeit in der obersten Staatsführung hatten Sie doch sicher den bestmöglichsten Zugang zu geheimen Informationen. Wenn es möglich ist, so berichten Sie doch bitte in allgemeinen Zügen darüber, welcher Art Geheimnisse das waren.

Viele Geheimnisse befanden sich in genauso einer »besonderen Mappe«, wie sie auch der Ihnen sicher bekannte L. Mletschin während seiner Fernsehauftritte benutzt. Ich will Ihr Augenmerknicht auf die Tätigkeit dieses Journalisten lenken, sondern einen besonderen Fakt anbringen. Nach dem August 1991, als Jelzins »Demokraten« ihren Sieg über den Unionsstaat feierten, wurden viele Geheimarchive der Sowjetzeit lautstark etwas zugänglich gemacht. Zugang hatten Forscher mit verschiedenster politischer und moralisch-ethischer Orientierung. Daraus schöpfte auch der von mir sehr verehrte Historiker Jurij Zhukow Themen für seine Bücher. Sie beruhen auf wahren Begebenheiten. In diesen Archiven gingen auch viele Ganoven zur Sache. Später verstanden die Jelzin-Anhänger dann, wie gefährlich die Vergangenheit des Landes auch für sie werden kann. Sofort stellten sie megatonnenweise offizielle Papiere unter Geheimhaltung.

Haben Sie sich jemals Gedanken über das »eigenartige« Phänomen der Vizepräsidentschaft in unserer jüngsten Geschichte gemacht? Seine »Eigenart« liegt doch im Folgenden: Zwei Vizepräsidenten, Sie und Ruzkoj, übernahmen im August 1991 und von September bis Oktober 1993 befristet präsidiale Vollmachten, und beide Male mündete dies in historische Ereignisse im »Weißen Haus«. Entgegen dem bekannten Aphorismus glich beim ersten Mal der Vorfall eher einer Farce (wenn auch mit tragischen Elementen), und beim zweiten Mal artete er mit der ominösen Erschießung der Verteidiger des »Weißen Hauses« in eine echte Tragödie aus. Nach diesem Blutbad war der Vizepräsidentschaft bei uns kein langes Leben vergönnt …

Ich habe natürlich über diesen merkwürdigen Zufall nachgedacht. Ja, tatsächlich waren wir, Ruzkoj und ich, die einzigen Vizepräsidenten in der Geschichte des Landes. Im August 1991 gab es jedoch, wie man so sagt, nach verschiedenen Seiten Barrikaden. Ja, was kann man dazu sagen … Solche Zufälle sind in der Regel in irgendwelchen objektiven oder subjektiven Ursachen begründet. Ich hatte verstanden, dass Gorbatschow das Land ins Verderben stürzte. Ruzkoj hatte wahrscheinlich 1993 begriffen, dass Jelzin sich in dieser Hinsicht nicht von Gorbatschow unterschied. Hatten hier irgendwelche persönliche Faktoren wie Ruhmsucht, Machtstreben und so weiter ihre Hand im Spiel? In meinem Fall eindeutig nicht. Für Ruzkoj werde ich nicht sprechen, das kann nur er selbst beantworten.

In Verbindung mit diesen Ereignissen sind auch andere Sachverhalte sehr bedeutsam. Zum Beispiel dieser: Viele derer, die im August 1991 dem Grunde nach als »Verteidiger des Weißen Hauses« fungierten, »entledigten« sich der Anführungszeichen zu Beginn des Oktober 1993 (leider oder tragischerweise). Manch einer um den Preis des eigenen Lebens, einer schweren Verwundung oder einer moralisch-psychologischen Störung. Aber es ist gleich, ob sich unsere Mitbürger der einen oder der anderen Opposition anschlossen. In beiden Fällen handelte es sich um glühende Romantiker, heldenhafte Idealisten, ehrlich interessierte Menschen. Doch auch dort gab es nicht wenige Halunken-Provokateure …

Gennadij Iwanowitsch, kennen Sie die wahre Ursache der Ermordung S. M. Kirows? Oder zumindest die Version, an die sich die führenden Politiker der UdSSR hielten? Gab es diese berüchtigte »Dreiecksbeziehung«: Nikolajew – Draule (die Ehefrau Nikolajews) – Kirow?

Es ist davon auszugehen, dass Nikolajew ein Psychopath war, und außerdem hielt er sich für grundlos benachteiligt durch die Partei und die Leningrader Führung. Ob es dort eine Dreiecksbeziehung gab? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass viele Zeugen der Ermordung Kirows »aus dem Weg geräumt« worden waren, und man kann dafür kaum Stalin in irgendeiner Weise verantwortlich machen. Wahrscheinlich verwischten Trotzkisten die Spuren, denn in dieser Zeit war ihr Einfluss in der politischen Führung Leningrads und in den Organen des NKWD sehr groß. Insbesondere im Ergebnis ihrer Duldung (oder sogar ihrer Mittäterschaft) wurde dieser Terrorakt vollzogen. Und schlussendlich war der Tod Kirows ein überaus bemerkenswertes tragisches Phänomen. In der Weltgeschichte gab es auch danach politische Morde, die in vielen Zügen ziemlich ähnlich waren. Ich denke da zum Beispiel an die Ermordung des Präsidenten der USA, Kennedy.

Sie lesen sehr viel. Sie haben da bestimmt auch die Bücher von J. I. Muchin gelesen. Sie werden regelmäßig vom Verlag »Algoritm« herausgegeben. Für wie wahrheitsgemäß halten Sie die Annahme, dass man Stalin im März 1953 »fürsorglich« beim Sterben »nachhalf«?

Ich halte das für überaus wahrheitsgemäß. Für Zweifel gibt es keine Gründe. Die Untersuchungen der Umstände zum Tod Stalins, der überhaupt nicht sterbenskrank war, lassen nur eine Schlussfolgerung zu: Das Staatsoberhaupt der Sowjetunion hat man im Minimum »beim Sterben nicht gestört«. Stand Chruschtschow für diese Nichteinmischung? Ziemlich wahrscheinlich. Ließ er sich von persönlichen Diskriminierungen leiten? Durchaus möglich. Dabei ist zu beachten, dass der Sohn Chruschtschows für schwerste Kriegsverbrechen mit stillschweigendem Einverständnis Stalins erschossen wurde. Die vollständige Darstellung seines Todes mittels Dokumenten kann nicht mehr erbracht werden. Chruschtschow vernichtete alle Unterlagen zielgerichtet nach dem Tod des Generalissimus.

Gelang es Ihnen oder Ihnen bekannten Journalisten (mit Ihrer Erlaubnis), irgendwelche besonderen Archive zu durchforsten und einiges herauszubekommen, was der »breiten Öffentlichkeit« bis heute nicht bekannt ist?

Ich antworte nur kurz: Es gelang. Einzelheiten werde ich dazu nicht berichten – zur Ursache habe ich mich bereits an früherer Stelle geäußert …

Sie haben in Ihrem Artikel speziell einen Fakt einer wichtigen Stalinschen Initiative hervorgehoben. Der bezog sich auf das Heranführen kluger, motivierter junger Menschen an Leitungstätigkeiten. Heute wird diese Vorgehensweise oft als »Rotation der Eliten«, »soziale Mobilität«, »sozialer Lift« betitelt. Wie kam dieser »Lift« nach Stalins Tod zur Wirkung?

Er funktionierte auf verschiedene Art und praktisch kontinuierlich. Es ist für niemanden ein Geheimnis, dass sich dieser »Lift« während der »stalinistischen Diktatur« sehr schnell bewegte, und der Platz darin reichte für viele Jugendliche mit Perspektiven. Danach verlangsamte sich seine Bewegung etwas, und es wurde »enger« im Aufzug. Trotzdem bewegten sich sogar zu Zeiten der »Stagnation«, die dann nahtlos in den »Perestroika«-Zeitraum übergingen, tatkräftige oder, wie man heute sagen würde, »unternehmungslustige« junge Menschen erfolgreich die Dienstaufstiegsleiter hinauf. Sie benötigten dazu keine Beziehungen verwandtschaftlicher oder anderer Art in den entsprechenden Kreisen. Natürlich hat unsere »Rubel-Himmelfahrts-Schicht« immer existiert. Wenn man sich jedoch die Biographien der heutigen »Oligarchen« ansieht, ist leicht festzustellen, dass längst nicht alle ihren besonderen Status dank an der Macht befindlicher Mamas oder Papas beziehungsweise Omas oder Opas erreicht haben. Eine andere Frage ist: Wie nutzt die heutige »Elite« der gesamten russischen Gesellschaft? Die Antwort liegt auf der Hand: Wie die Zeit ist, so ist auch die Elite mit ihren Bedürfnissen, Ambitionen moralisch-sittlicher »Ausrichtung«. Wie hat Ne­krassow gesagt: »Es gab schon schlechtere Zeiten, aber keine derart erbärmlichen.« Diese Formel kann man richtigerweise auch auf die heutige Zeit und auf ihre einfluss­reichsten Personen anwenden.

Gennadij Iwanowitsch, weshalb haben Sie den Piwowarow-Film über die Kämpfe um Rzhew hervorgehoben?

Es wäre verwerflich, ihn nicht zu benennen. Ich habe mit meinen Bekannten und Freunden über dieses Fernseh-Machwerk (und die Verfälschung) diskutiert. Eine wissentlich abwertende Darstellung des sowjetischen Siegervolks wurde da gezeigt. Alle waren einerseits sehr verwundert darüber, dass im 65. Jahr des Sieges ein solcher Unfug im russischen Fernsehen erschien. Andererseits waren sie empört über diese unauffällige, hochtechnisierte Verunglimpfung der Zusammenhänge unter Verwendung von Halbwahrheiten, schlauen Verzerrungen, pseudowissenschaftlich abgehandelten Interpretationen. Die »Zielstellung« der Auftraggeber und Autoren des angeblichen Dokumentarfilms war jedem vernünftigen Menschen klar. Die Filmmacher reflektierten die derzeitige Situation im Land und versuchten zum wiederholten Mal, unseren Landsleuten einzureden: »Seid nicht stolz auf die Siege eurer Väter, Großväter, Urgroßväter über das Hitlerregime. Die sowjetischen Regimentsführer waren unfähig und unglaublich grausam; für sie zählte ein Menschenleben nichts. Und die Soldaten und Offiziere waren eine gesichtslose und willenlose Masse, die nur dazu diente, ein menschliches Übergewicht über die Hitlerarmee zu schaffen.«

Was nun insgesamt haben uns diese »Telehistoriker« »gezeigt und bewiesen«? Dass die Siege über die Faschisten bisweilen um den Preis gewaltiger menschlicher Verluste errungen wurden? Dass die sowjetischen Heeresführer strategische und taktische Fehler zuließen? Davon haben wir alle zumindest gehört – oder manche auch viel gelesen, zum Beispiel in den Erinnerungen