Der Ausflug - Harald Hartmann - E-Book

Der Ausflug E-Book

Harald Hartmann

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Beschreibung

Ein Mann unterbricht eines Morgens beim Blick durch das Fenster auf die Straße die alltägliche Routine seines Lebens. Es kommt ihm plötzlich ein ungeheurer Verdacht. Alle Resultate, gleich welcher Art, sind falsch und das nicht einfach aus Versehen aufgrund eines Rechenfehlers, sondern weil das Rechnen selbst der Fehler ist. Mit einem Mal fühlt er sich wie ein lediglich auf festgelegte Funktionen beschränkter Automat, dem der mächtige Gott des Rechnens gut berechnete Befehle implantiert hat. Erfüllt von dem existenziellen Wunsch, diesen Verdacht zu überprüfen, handelt er sofort. Er beendet sein angelerntes Vertrauen in die Welt der Resultate und legt seine Sklavenkleider ab, indem er sich entkleidet, die Innenseite der Kleidung nach außen wendet und sie so wieder anzieht. Eine phantastische Reise beginnt. Begegnungen, Begebenheiten und Metamorphosen, die bis jetzt für ihn unvorstellbar waren, ereignen sich auf seiner Suche nach dem sagenumwobenen Phänomen, das Freiheit genannt wird. Es ist der Augenblick, da er den Schutz der Normalität verliert, da er heraus tritt aus der Festgelegtheit und sich auf das Zufällige einlässt. Er ist nun dauernd in Gefahr in seiner Andersartigkeit erkannt zu werden und fühlt sich verfolgt als ein flüchtiger Ausbrecher aus dem System der vorgegebenen Richtungsspuren. Doch er ist nicht schutzlos. Ohne Sklavenkleider verfügt er über neue Eigenschaften wie Unsichtbarkeit, Nicht-Festgelegtheit auf eine Form oder eine Richtung, Unabhängigkeit von Zeit, Frieren-Können in der Sonne. In seiner neuen Identität ist er der Eisberg, der in der Sonne friert. Sein Ausflug wird zu einer ziemlich aufregenden Expedition ins Unvorhersehbare. Denn es ereignen sich fortwährend ungewöhnliche Begegnungen mit Personen, die ihn zu kennen scheinen, ihn ein Stück begleiten und dann wieder ihrer eigenen Wege gehen, in diesem neu betretenen Raum, der unberührt ist von jeder Erfahrung. Er erkennt, dass es hier keine Routinen sondern nur Einmaligkeiten gibt, dass hintter jeder Gewissheit das Ungewisse lauert und hinter jeder Bedeutung die Bedeutungslosigkeit. Freiheit erscheint ihm als ein flüssiges Element, und er akzeptiert sie in ihrem unfesten Wesen. Sie zeigt ihm dafür ihre Vielgestaltigkeit, und er versteht ihre Botschaft. Er weiß nun, dass es keine Sicherheit gibt, dass Unsicherheit ein wesentlicher und nicht wegnehmbarer Teil der Freiheit ist, ohne den sie nicht existieren könnte, und dass er nie seine Wachsamkeit vernachlässigen darf, wenn er frei sein will, und es auch bleiben will. So wird er selbst zu einem permanent changierenden Wesen ähnlich dem, wonach er sucht. Die Agenten der Realität, seine Verfolger, die ihm seine Freiheit wieder nehmen wollen, sind ihm, ohne sich klar zu erkennen zu geben, immer dicht auf den Fersen. Doch aufmerksam entkommt er allen Fallen und Hinterhälten und kann seinen Ausflug fortsetzen. Am Ende kehrt er zurück in seine Wohnung und sieht wie zu Beginn seiner Reise aus dem Fenster auf seine Umgebung. Die Welt ist noch dieselbe, nur der Horizont ist ein anderer. Er zeigt ihm, dass es keine Antworten gibt. Die Fragen sind die Basis des Lebens.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Harald Hartmann

Der Ausflug

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Aufbruch

Der Eisberg, der in der Sonne friert

Falschfahrer

Gescheiterte Befreiung

Verabschiedung

Zoo

Einsame Freundschaften

Die Turmuhr

Im Turm

Die dicke Frau

Die Rettung des Mondes

Pfade finden

Der Drache

Grenzüberschreitungen

Pi

Die Tochter

Vagabund

Ehrung

Der weiße Mann

Abtrennung

Der Baum, aus dem ein Stein wächst

Heimferne

Grundlosigkeit

Auszeit

Die große Welt

Spießrutenlauf

Heimatgefühl

Pissoir

Weltenretter

Folie 95

Die Hilfe

Die Fahrkarte

Busfahrt

Narrenstreich

Im Museum

Die kalte Sonne

Ohne Seite

Exquisite Süßigkeit

Impressum neobooks

Aufbruch

Fünf Mal in der Woche klingelt mein Wecker. Er klingelt früh. Jedes Mal erschrecke ich mich. Und gleichzeitig, wirklich gleichzeitig, verlässt ein Wort meinen Mund, ohne dass ich die geringste Chance hätte, es zu verhindern. Möglicherweise gibt es von allen existierenden Wörtern in meinem Kopf keins, das in exakterer Symmetrie meine Gefühlswelt dieses Augenblicks widerspiegeln kann. Es ist ein kleines, schwaches und versteckt hinter einem gequälten, kaum hörbaren Stöhnen hervor blutendes Wort, mit dem ich resigniert gegen meine Unfreiheit rebelliere und ein müdes Scheiße murmele, so schlampig artikuliert allerdings, dass es einem Zuhörenden schwer fallen würde, dieses Wort als das zu identifizieren, das ich nur auf diese ohnmächtige Art zuzulassen mir angewöhnt habe, sodass mir damit der Vorwurf einer Rebellion von keinem bewiesen werden kann. Keine Spur von Aggressivität ist im Klang dieses Wortes zu dieser Tageszeit und in dieser Situation zu finden. Mein System wäre zum Transport solcher Gefühle auch noch gar nicht in der Lage. Zu diesem Zeitpunkt bedeutet das Wort nichts weiter als die erschreckte und erschreckende Einsicht in die Tatsache, dass ich noch lebe, aber keinen eigenen Willen von erwähnenswerter Handlungskraft habe.

Dieser kurze Moment der Wahrheit ist mir nicht gerade ein willkommener Gast und auch nur deshalb zu ertragen, weil er so flüchtig ist. Er stellt lediglich eine unliebsame Begleiterscheinung dar in diesem Prozess, der das Ziel verfolgt, mich gewaltsam zurück zu treiben aus der Weite meiner Träume in den Käfig der Realität. Somit könnte ich die Wahrheit auch eine Schwachstelle im System nennen, die noch von der Evolution beseitigt werden muss, um die lästige Störung des alltäglichen Glücks durch sie in einer schöneren Zukunft dereinst zu vermeiden.

Ich vermute, dass dieser ärgerliche und unangenehme Moment durch eine blitzschnelle chemische Reaktion hervorgerufen wird, ausgelöst durch dieses Klingeln, das ja in Wirklichkeit gar kein Klingeln mehr ist. Nur das Wort blieb erhalten. Das, was man immer noch Klingeln nennt, hat sich irgendwann gewandelt in ein scharfes, körperlichen Schmerz erzeugendes Piepen, das ich nicht ausstehen kann.

Mit Musik habe ich natürlich auch schon versucht, die Chemie zu überlisten und die natürliche Reaktion in seichtem Wohlgefallen aufzulösen, so wie viele. Aber das konnte ich noch weniger aushalten. Ich empfinde es als einen Missbrauch von Musik, mich ihrer in dieser Absicht zu bedienen. Dass sie mich aus meinen Träumen reißen soll, ist doch eine Perversion. Eine derartige Anwendung sollte ganz allgemein zu einem Straftatbestand erklärt werden. Ich möchte, dass Musik mich zum Träumen bringt. Wenn ein stimmgewaltiger Feldwebel mich aus dem Bett schrie, könnte ich das viel leichter akzeptieren, weil dieser Ton besser zu dem passte, was dann folgt, als wenn die Muse mich küsste, und ich mich ihr nicht hingeben könnte. Musik morgens ist somit auch keine Lösung. Wir würden uns gegenseitig hassen. Ich habe praktisch keine Wahl.

Also es piept, ich erschrecke, dadurch wird ein Neutron aus meinem stabilen Zustand, genannt „Süßer Traum“, heraus geschossen und verbindet sich mit dem frei umher fliegenden Schrecken des Weckerpiepens zu einem neuen stabilen Zustand, genannt „Morgendepression.“

Ich höre nun, während ich es sage, dieses kleine, zweisilbige Wort, und sogleich überfällt mich ein abgrundtiefes Mitleid mit ihm, weil es mir so unschuldig und hilflos erscheint. Es kommt aus meinem Mund heraus wie ein aus der Seligkeit des Ungeborenseins von einer brutalen Plötzlichkeit heraus geworfenes Wesen, das sich duckt unter den unerbittlichen Schlägen dieser Domina und hofft, mit einer Geste der Unterwürfigkeit entkommen zu können. Eine erbärmliche Scheiße ist das.

Nun bleibt mir nichts anderes mehr übrig. Ich tue ich mir Zwang an. Immer tue ich das an dieser Stelle. Ich vergewaltige mich. Bei sich selbst ist das offenbar erlaubt, wahrscheinlich eher noch erwünscht. Gegen meinen Willen, diesen armseligen Alibi-Willen, dem, wie zur höhnischen Erhöhung seiner Qual, seine Machtlosigkeit auf diese Art schmerzlich vorgeführt wird, stehe ich auf. Ich habe verloren. Immer verliere ich. Jeder neue Tag beginnt mit einer Niederlage. Der Gegner, gegen den ich verliere, ist sichtbar und unsichtbar, wenn ich ihn packen will. Er spielt mit mir. Ich bin die Maus, und er ist die Katze. Ich kann ihn gar nicht packen.

Ich finde mich wieder stehend auf den Beinen. Es ist immer dasselbe. Ich fange an, meine Klamotten zu suchen. Das Programm läuft ab, bis ich alles gefunden habe. Ich ziehe mich an. Socken, Unterhose, Hose, T-Shirt, Pullover. Ich bin ein einziger Automatismus. Ich gehe zum Kühlschrank. Ich setze mich an den Küchentisch. Ich esse einen Joghurt, den ich mit Honig vermische. Ich esse eine Banane, einen Apfel, eine Orange. Dabei sehe ich aus dem Fenster. Pünktlich führt die Nachbarschaft ihre Hunde Gassi. Immer dieselben Wege. Linke Straßenseite, rechte Straßenseite. Die Leute und Tiere bewegen sich fein säuberlich getrennt auf ihren fest einprogrammierten Seiten zu ihren fest einprogrammierten Zeiten. Die einen gehen schnell, die anderen langsam. Die Schüler trödeln. Die Welt ist in Ordnung. Man kennt sich, man grüßt sich, man will sich nicht kennen, man will sich nicht grüßen.

Die Arbeiter des Betriebs von gegenüber treffen allmählich ein. Sie parken ihre Autos am Straßenrand, als ob sie einer geheimen Regieanweisung folgten. Jeder scheint auf einen Parkplatz festgelegt zu sein als erste Wahl. Jeder sucht an der Stelle nach seinem Platz, an dem er schon immer, gestern und vorgestern und vorvorgestern, seinen Duft hinterlassen hat. Obwohl es eine freie Straße ist, auf der jeder Beliebige parken kann, werden Ansprüche erhoben auf Unbesitzbares. Tief im Inneren eines jeden tobt ein titanischer Kampf um richtig und falsch, Recht und Gerechtigkeit. Immer. Und gerade morgens in der Frühe, wenn die ersten Niederlagen schon erlitten sind, tobt er besonders schlimm.

Ich spüre die Wellen des Unmuts, des Ärgers, manchmal sogar der Wut, die von unten zu mir herauf schwappen und mich fast bis zu den Knien umspülen, der ich am Küchentisch sitze und meine Morgendepression absolviere, wenn ein Fremdling den beanspruchten Parkplatz bereits besetzt hat, so wie heute. Der gesamte bequeme, von Denken und Fühlen befreite Automatismus dieses Betriebsangehörigen ist dann augenblicklich von einer akuten Störung betroffen. Mit dem Interesse des Unbeteiligten verfolge ich das Geschehen aus der sicheren Distanz meines Olymps.

Anpassungsleistungen mit stark erhöhtem Energieaufwand setzen nun dort unten ein. Es dauert eine kleine Schreckenszeit, bis der gerade eingetroffener Parkplatzsucher, aufgescheucht aus seiner Erwartung der ewigen Normalität, sich beruhigt hat und merkbar unzufrieden und enttäuscht für dieses Mal einen falschen Parkplatz akzeptiert. Wahrscheinlich war es nicht seine erste Niederlage heute morgen, und ich war ihr Zeuge. Die Welt ist nicht in Ordnung.

Natürlich haben auch seine schon vorher eingetroffenen Kollegen sein unfreiwilliges, erzwungenes Manöver mitverfolgt. Doch Mitgefühl und Trost ist nicht von ihnen zu erwarten. Ich beobachte es vom Küchenfenster aus, während ich vor mich hin kaue. Vor dem Eingang des Bürogebäudes stehen die Kollegen in ihrer Firmenkluft im Kreis und reden. In der linken Hand der Kaffeebecher, in der rechten die Zigarette. Schadenfroh grinsend nehmen sie ihn auf in ihren Kreis, den Loser, den schon um diese Tageszeit schwer Gebeutelten. Alle wissen Bescheid. Ihr Trost, den sie ihm spenden, ist allenfalls spöttisch. Und einer feixt sogar ganz offen und gefühllos, angelockt wie eine Hyäne von dem Geruch frischen Blutes. Der so Geärgerte bewahrt jedoch seine Beherrschung und tut so, als merke er nichts davon, dass die Kollegen fröhlich ihre Finger in die noch offene Wunde drücken, droht ihnen aber im Geheimen mit Rache, diese süße Medizin der Verlierer, die helfen soll, den Schmerz zu betäuben. Bald sehe ich ihn mit einem Kaffeebecher in der linken Hand und mit einer Zigarette in der rechten. Die Welt ist wieder in Ordnung gezwungen. Natürlich wäre es noch besser, wenn er auch den richtigen Parkplatz hätte. So aber werden die Wellen dieses morgendlichen Bebens die Konzentration auf seinen Arbeitsablauf sicher bis weit in den späten Vormittag hinein beeinträchtigen.

Ich verstehe ihn. Ich spüle mein benutztes Geschirr und stelle es auf das Abtropfblech neben dem Becken. Ich stelle es auf in immer derselben Anordnung. Meine Welt ist in Ordnung. Ich spüre das Aufbegehren meiner Müdigkeit gegen diese Meinung, und wieder sage ich Scheiße. Wie immer an dieser Stelle. Es fällt mir auf heute morgen. Es fällt mir unangenehm auf. Warum fällt es mir überhaupt auf? Ich will gar nicht, dass es mir auffällt. Ich will meine Ruhe. Vielleicht hat mich eine Krankheit befallen, und ein Virus, der meine Schaltkreise zerstören will, greift mich an. Wenn er über mich siegt, bleibt mir nichts anderes übrig, als selber zu schalten und auf Handsteuerung umzustellen. Es wäre eine Premiere, der Ausgang ungewiss. Ich bekomme Angst. Ich befürchte, dass es keinen Schutz mehr für mich gibt, wenn alle Kreise zerstört sind. Jeder wird es mir ansehen. Ich werde ein Geächteter sein. Jeder hat dann das Recht, mich zu töten. Ich werde vogelfrei sein. Ich muss etwas dagegen unternehmen. Ich muss meine Immunkräfte stärken. Ich muss meine Kreise geschlossen halten. Ich muss sie abwehren, diese Angreifer, diese gleichsam Außerirdischen aus den unendlichen Weiten meines Körpers. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Aufgeregt suche ich nach meinen Waffen. Doch muss ich schließlich zugeben, dass ich keine habe. Ich muss sie erst noch selbst herstellen.

Der letzte Bissen ist geschluckt, mein Magen zufriedengestellt. Ich gehe zum Briefkasten und hole die Morgenzeitung. Ich begebe mich zur Toilette. Ich lese. Es sind dieselben Schlagzeilen und Berichte wie gestern, vorgestern und vorvorgestern. Das hört sich beruhigend an. Trotzdem geht es mir nicht besser angesichts meiner Befürchtungen. Ich denke über diesen Sachverhalt nach. Egal, was ich denke, egal wie klug ich rechne, immer komme ich auf dasselbe Resultat. Ich weiß, dass es falsch ist. Nein, das stimmt nicht. Ich muss mich korrigieren. Es ist etwas anderes als wissen, etwas, das dem Wissen erst seine Basis gibt. Es ist der Boden unter dem Meeresboden, der mich zweifeln lässt. Es ist ein diffuser, unkonkreter Zweifel. Es ist der Urzweifel, der Zwillingsbruder meines lange schon verschollenen Urvertrauens, der sich meldet. Mein Misstrauen wächst. Es sagt mir, ich soll nicht glauben, was ich glauben soll. Ich glaube nicht, dass das Resultat richtig ist.

„Das Resultat ist richtig, das Resultat ist richtig, das Resultat ist richtig“ hämmert sogleich die Antwort auf diese Unbotmäßigkeit wie ein Ohrwurm in meinem Kopf dagegen an.

Immer derselbe Satz. Ich sehe auf die Uhr. Ich muss los. Ich gehe nicht. Augenblicklich stellt der Ohrwurm seine Arbeit ein.

Ein Siegesgeheul wie nach einer gewonnenen Schlacht erfüllt die Küche. Ich tanze dazu einen wilden Tanz. Auch die Nachbarn scheinen davon begeistert zu sein. Ich höre, dass auch sie tanzen und laut dazu singen. Doch vielleicht irre ich mich auch, und sie versuchen nur, ihre Kreise geschlossen zu halten und die Angriffe ihrer Außerirdischen abzuwehren.

Ich beende meine Aktion und ziehe mich wieder aus. Komplett. Ich werfe alles auf einen Haufen und sehe, dass es Sklavenkleider sind. Langsam und neugierig betrachte ich diese vor mir aus dem Boden gewachsene Skulptur aus Kleidung wie das Dokument einer soeben untergegangenen Kultur. Es überrascht mich, wie ich jenseits aller rührseligen Emotionen dies als Tatsache zur Kenntnis nehmen kann, als hätte ich mich ihrer zusammen mit den Kleidern entledigt. Ich weiß, dass ich nie wieder Sklavenkleider tragen kann. Und ich weiß, dass ich es auch nicht brauche. Es ist nämlich ganz leicht, es nicht zu tun. Ich wundere mich darüber, dass ich es nicht schon früher bemerkt habe. Ich drehe einfach alle Kleidungsstücke auf links und ziehe sie wieder an. Jetzt sind es keine Sklavenkleider mehr.

Der Eisberg, der in der Sonne friert

Ich sehe in den Spiegel, bevor ich die Wohnung verlasse. Ich bin neu. Diese Aussage blickt mich an, und ich weiß, dass es nicht nur an den neuen Kleidern liegt. Es ist noch etwas anderes. Doch, obwohl es so etwas Offensichtliches sein muss, dass ich darum weiß, kann ich nicht sagen, was genau es ist. Ich sehe es und sehe es doch nicht. Wie ist es möglich, dass sich zwei Unvereinbarkeiten, Sehvermögen und Blindheit, vereint haben, zu einer gemeinsamen Aktion finden und in mir wirken? Aufgeregt suche ich nach Erklärungen. Vergeblich. Um mich zu beruhigen, fange ich an, ganz heftig zu rechnen. Wenn ich ehrlich bin, rechne ich fast unaufhörlich, so wie man es mir beigebracht hat zu tun, damit ich die Welt verstehe. Ich stelle fest, dass ich Erinnerungen an etwas anderes als Rechnen gar nicht habe. Vielleicht wurde alles andere schon lange aus der Schrift meiner Gene und sogar der meiner Vorfahren entfernt. Das Rechnen duldet keinen anderen Gott neben sich. Ich rechne die Einnahmen, die Ausgaben, die Erwartungen. Plus, Minus, Durchschnitt, Prozent, Mal, Geteilt, Kurven und Winkel. Als schöne und vernünftige Sache will solches Tun mich schmeichelnd umgarnen und wie eine sanft lächelnde Schlange mit großen, verführerischen Augen mich in einer ewigen Hypnose versinken lassen. Und jetzt stelle ich fest, dass das Resultat falsch ist. Etwas stimmt hier ganz und gar nicht. Unauffällig blicke ich mich um. Rechnen wird mir langsam verdächtig. Es stolziert einher, als sei es die einzige Möglichkeit der Existenz, und wenn man genau hinsieht, ist das Resultat falsch. Und ich soll glauben, es gäbe keine Alternative zu ihm. Wenn es so wäre, bliebe mir nur ein Weg. Ich müsste mich arrangieren mit dem falschen Resultat. Ich müsste meine Sklavenkleider wieder anziehen, eine Vorstellung, die ich niemals akzeptieren werde. Niemals! Eine wilde Entschlossenheit schleudert dieses Wort aus meinem Mund, und ich reibe mir die Augen, ungläubig, wie gerade erwacht und meiner Verzauberung entronnen.

„Das Rechnen ist kein unverlassbarer Raum“, rede ich weiter zu mir selbst, „ich werde es ihm zeigen. Ich will mich nicht weiter von ihm täuschen lassen.“

Fast bin ich erschrocken über meine entschlossene Kampfansage. Doch stürze ich mich in den sich vor mir auftuenden Abgrund, muig, wie ich mir später im Rückblick bescheingen muss. Von einem zum anderen Augenblick höre ich auf zu rechnen.

Ich verlasse die Wohnung über die Feuerleiter. Es ist ein gefährlicher Weg. Ich darf ihn nur im Notfall benutzen. Sonst ist er verboten. Aber hier handelt es sich eindeutig um einen Notfall, weil das Resultat falsch ist. Ich habe ein gutes Gewissen. Ich tue das Richtige.

Unten angekommen stehe ich im Garten. Er ist sehr gepflegt. Ein Rentner kümmert sich darum. Er ist schon bei der Arbeit. Er schenkt mir keine Beachtung. Ich glaube, er hat mich gar nicht gesehen. Sofort muss ich an meinen Blick in den Spiegel denken und weiß nun, was ich nicht sah. Die Unsichtbarkeit war es. Es ist nämlich so, dass ich unsichtbar bin, wenn ich nicht rechne. Im Alltag kennt man mich als einen Meister des Smalltalks. Aber jetzt habe ich keine Lust auf ein Gespräch und bin froh, darauf verzichten zu können, diese Kunst anwenden zu müssen. Ich bin froh, dass ich unsichtbar bin.

Normalerweise würde ich nun den schmalen Gartenweg benutzen, um den Garten zur Straße hin zu verlassen. Aber ich finde mich wieder, wie ich quer über die Beete und Rabatten meinen Weg nehme, ohne die geringste Rücksicht auf diese Zeichen der Ordnung zu nehmen. Ich staune. Etwas hat sich verändert bei mir in dem Moment, als ich unsichtbar wurde. Ich spüre, dass die Regeln der Sichtbaren keine Macht mehr über mich haben. Ich muss sie nicht mehr respektieren, weil sie mir nicht mehr drohen können. Im Schutz meiner Unsichtbarkeit trampele ich feige und gefühllos durch ihre Tabus. Macht ist stärker als das heiligste Heilige. Macht in seiner reinen Form ist ein von Gewissen befreites Energiekonzentrat, eine Droge mit schwindelerregendem Suchtpotential. Seine Auswirkungen sind sofort sichtbar. Mein mir so sorgsam anerzogenes Gewissen stellt sich heraus als ein flach wurzelndes Gewächs, ein Schönwetterwesen, das schneller umfallen kann, als ich es mir jemals habe vorstellen können. Nur weil ich unangreifbar bin, komme ich auf die Idee, Gemeinheiten begehen zu können, niedertrampeln und demütigen zu dürfen und das mit einer Lust, die aus der Rache zu kommen scheint, einer in mir vergraben gewesenen Rache, einem krummen Wesen, das sich nun hervor traut. Doch woraus ist es entstanden, dieses Gefühl, das in mir wohnt, und dessen Existenz zuzugeben, ich mich nie getraut habe? Ich schließe die Augen, um besser sehen zu können. Schemenhaft auftauchende Erinnerungen an frühe, längst verloren oder gar überwunden geglaubte Kindheitsgefühle werfen einen fahlen Schein über den Horizont meines Vergessenen, ähnlich wie das Streulicht der Mitternachtssonne etwas südlich des Polarkreises ein schwaches, orangenes Leuchten aussendet, zur Erinnerung, nur zur Erinnerung, dass da noch etwas ist, was ich kenne und was mich kennt. Ich spüre die Gefahr. Sie eilt mir zu Hilfe. Sie warnt mich, dass ich mich nicht von Macht missbrauchen lassen darf. Von keiner. Ich verspreche es.

Ich erreiche den Zaun und klettere hinüber. Dabei reiße ich mir an einem scharf hervor tretenden Draht die Hose auf genau am Hintern. Vor Schreck fange ich an zu rechnen und bin sofort wieder sichtbar. Doch ich zögere, meinem ersten Impuls zu folgen und den Berechnungen wieder vorbehaltlos zu vertrauen. Ich bleibe argwöhnisch wegen des falschen Resultats.

Guten Tag“, höre ich da eine dünne Stimme.

„Guten Tag, Frau Mayer. Wissen Sie eigentlich, dass Sie auf der falschen Seite gehen?“, sage ich.

Sie weiß es nicht. Sie ist schon alt. Alternativen gibt es natürlich genug. Sie tut so, als wisse sie nichts davon. Ich denke, sie rechnet falsch. Doch vielleicht tut sie es sogar absichtlich. Ich blicke ihr nach. Sie geht weiter auf der falschen Seite und macht nicht die geringsten Anstalten, die Seite zu wechseln. Vielleicht will sie mir damit etwas sagen, irgendeinen Hinweis geben auf etwas Wichtiges. Keiner geht einfach so auf der falschen Seite. Ich bin beunruhigt wegen dieser Beobachtung, und spüre gleichzeitig eine Welle der Beruhigung, die als Kompensation dafür durch den Riss in meiner Hose ungehindert den Weg in meinen Körper findet und ihn wieder in die Balance bringt. Es ist ein eindringender Strom von Kühle mit dem genau entgegen gesetzten Emotionserguss. Doch bleibt das Empfinden dieser gespaltenen Gefühlslage bestehen, die nicht gerade beiträgt zur Beendigung dieses seit eben in mir schwelenden Misstrauens. Ich entschließe mich, nicht den mich drängenden Berechnungen zu folgen, die vorlaut nach Handlungen schreien, sondern zunächst einmal nichts zu tun und zu sehen, was passiert. Ich öffne mich für Passivität und spüre sogleich, dass ich gut gewählt habe.

Tatsächlich klart es nun auf, und ich kann mich orientieren. Wie ich mit einem Blick feststelle, bin ich gerade unterwegs zum Bäcker. Ich bin überrascht, weil ich nicht wusste, dass ich das vorhatte. Wer lenkt meine Schritte? Hätte ich als mein eigener Eigentümer nicht als erster erfahren müssen, wohin ich gehe, weil ich es selbst so entschieden habe? Dieser Meinung bin ich jedenfalls. Erst jetzt, wo der ganze Vorgang schon läuft, bemerke ich, was ich tue und habe ein Gefühl von Gegangen-Werden. Wie kann ich mir selbst noch trauen? Ich wäre möglicherweise aus freien Stücken und ganz von selbst zum Bäcker gegangen, wenn mir diese Absicht früher eingefallen wäre. Ich fühle mich verwirrt. Der freie Wille wird mir langsam zu kompliziert. Dabei ist er ein freundlicher Bursche, der eigentlich nur spielen will. Denn ich weiß doch überhaupt nicht, was ich getan hätte, wenn mir meine Absicht früher eingefallen wäre. Vielleicht hätte ich sie ja nicht weiter beachtet und mich etwas anderem zugewandt. Hinterher sieht alles immer so klar aus, weil man mehr weiß als vorher. Aber darum geht es ja nicht. Es geht um die Zeit davor. Diese ungewohnte Ehrlichkeit zu mir selbst irritiert mich.

Ich kaufe immer zwei Brötchen beim Bäcker, ein Roggenbrötchen und ein mit Körnern gespicktes. Der Verkäufer fragt mich schon gar nicht mehr. So gute Freunde sind wir. Er sieht mich und hält mir die Brötchen schon eingepackt hin in einer dieser so knusprig raschelnden Papiertüten, dass man glatt Inhalt und Verpackung verwechseln könnte. Er zeigt mir sein übliches freundliches Lächeln. Ich mag ihn. Ich lächele zurück und sage:

„Heute hätte ich gerne zwei normale Brötchen und ein Croissant.“

Ich sehe in sein Gesicht und überlege für einen Augenblick, ob ich mir Sorgen um ihn machen muss. Vielleicht bin ich zu weit gegangen. Meine Worte haben ihn völlig unvorbereitet getroffen. Sein Lächeln ist erloschen. Er sucht nach Worten, findet aber so schnell keine. Es scheint mir, als wanke er bedrohlich. Er hält sich kurz an der Kasse fest, findet sein Gleichgewicht wieder, aber hat offensichtlich Probleme mit seinem explosionsartig gestiegenen Blutdruck. Ich kann da leider auch nichts machen. Das mit den zwei normalen Brötchen und dem Croissant ist nicht meine Idee gewesen. Ich lächele weiter freundlich. Er versucht, es mir gleich zu tun. Er ist ein wahrer ein Held, weil er auch noch gleichzeitig eine bei meiner Bestellung ganz fremde Addition auszuführen hat.

„1,95 Euro“, höre ich eine schwache Stimme sagen.

Dieses Resultat stimmt.

„Ich zahle morgen“, sage ich und gehe eiliger davon als sonst.

Es ist mir, als hätte ich soeben einen Freund verloren. Irgendwie schäme ich mich. Ich habe das Gefühl, als sei das Vertrauen zwischen uns auf immer zerstört. Vielleicht klingt es merkwürdig, aber mir ergeht es in diesem Augenblick nicht anders mit mir selbst. Der Boden unter meinen Füßen beginnt, einen mehr flüssigen Aggregatzustand anzunehmen. Weil ich nicht weiß, was los ist, beschließe ich, heimlich mein Tun zu beobachten, um Fakten über mich zu sammeln. Doch sofort verwerfe ich diesen Plan, weil das unehrlich mir selbst gegenüber wäre. Ich sollte keine Heimlichkeiten vor mir haben. Außerdem bezweifle ich, ob bei dieser Methode überhaupt wirkliche Fakten zu Tage treten können, oder ob ich im Sinne unehrlicher Heimlichkeit bestimme, was Fakten sind und was keine sind? Auch Fakten werden flüssig, wenn man sie erhitzt.

Ich stehe auf der Straße mit der Brötchentüte in der Hand. Sie hat sich meiner bemächtigt. Was soll ich nun damit? Es war eindeutig nicht meine Idee, Brötchen zu kaufen. Jetzt stehe ich da mit ihnen, und sie klammern sich an meine Hand. Ich spüre ihr Ziehen und Zerren, ihr Drängen, sie zu behandeln, wie man Brötchen zu behandeln hat. Ansprüche, überall Ansprüche, wo man auch hinsieht. Und wer Ansprüche hat, fängt Streit an. Nur wer Ansprüche hat. Ich muss sie unbedingt loswerden. Ich denke an meine aufgerissene Hose und freue mich über den Riss. Er stellt keine Forderungen an mich.

An der Bushaltestelle besteige ich den wartenden Bus. Er ist fast leer. Ich stelle die Brötchentüte auf einen Sitz, verabschiede mich von ihr und steige schnell wieder aus. Bin ich jetzt frei? Ich frage mich, ob das Gefühl für Freiheit genau so relativ ist wie das Gefühl für heiß oder kalt. Der Bus fährt ab. Ich sehe ihm nach. Ich bin allein und friere in der Sonne. Es ist ein ausgesprochen angenehmes Gefühl. Bis jetzt war mir unbekannt, dass Frieren angenehm sein kann. Tatsächlich schützt es meine Alleinheit. Ich bin wie ein unschmelzbarer Eisberg am Äquator, der in der Sonne friert.

An der Fußgängerampel überquere ich bei Rot die Kreuzung. Fast erwischt mich ein Auto. Es hatte Glück. Mit einem Eisberg ist nicht zu spaßen. Der Autofahrer schimpft. Ich sage nichts. Ich habe plötzlich große Sehnsucht nach den Brötchen, jetzt, wo sie weg sind. Immer wieder treibt die Ungleichzeitigkeit ihre Scherze mit mir. Ich spüre, dass ich zu schmelzen beginne.

„Du sollst nicht schmelzen“, höre ich eine Stimme.

Ich drehe mich zur Seite, von woher ich die Stimme vermute und blicke in einen Blumengarten. Kein Mensch ist zu sehen. Nur ein Schmetterling, der sich auf einer Blume niedergelassen hat. Ich habe das Gefühl, als beobachte er mich interessiert. Auch ich beobachte mich interessiert. Ich schmelze nicht mehr. Ich sehe, dass ich ein Eisberg bin. Wieder und immer noch.

Falschfahrer

Die Erleichterung über meine wiedergefundene Stabilität, währt aber nur kurz. Bevor ich mich darüber freuen kann, ändert sich meine Wahrnehmung abrupt. Ich finde mich wieder inmitten atemloser Geschäftigkeit als ein von allen Seiten bedrängter, umlagerter, hin und her gestoßener Eisberg. Alles um mich herum geht, alles fährt. Ich suche den Himmel ab nach einem Fixstern, der mich retten könnte. Es ist laut. Eine unablässig sprudelnde Quelle von Lärm aller Art erzählt mir, was ich höre, sei das Meeresrauschen. Von der großen Plakatwand am Straßenrand überfällt mich der Blick einer Frau, eisern und von glatter, professioneller Freundlichkeit. Ich bleibe distanziert und argwöhnisch, verdächtige sie eines Medusenblicks, dem ich mich nicht unterwerfen will. Sie gibt nicht auf. Obwohl es nur ein Foto ist, höre ich sie doch sprechen. Sie sagt in unermüdlicher Wiederholung mit schmeichelnder, unerbittlich gleichbleibender Kreidestimme immer dieselben drei Worte:

„ Aufhören ist verboten. Aufhören ist verboten. Aufhören ist verboten.“

Ihre penetrante, neutrale Freundlichkeit macht mich aggressiv. Ich stehe da als Eisberg und kann es nicht vermeiden, die Worte zu hören, sie in mich eindringen zu lassen. Ich kann meine Kreise nicht geschlossen halten. Ich spüre, wie diese unterschiedslose Wiederholung ihrer Worte sich meiner bemächtigt, mich allmählich aufweicht und glättet, bis zu dem Punkt, da ich ihr zu erliegen drohe. Noch eine Sekunde, und ich will mich nur noch einreihen und mitmachen, mitschwimmen in diesem Strom, in dieser festgelegten Unaufhörlichkeit, leben in einem von mir selbst angetriebenen Laufrad und einstimmen in den Chor, der dieses Tun als Tat einer unabweisbaren Vernunft verkündet, sogar der besten von allen, und der nicht müde wird, dieses Land der Alternativlosigkeit zu preisen, das keine anderen Wege mehr irgendwohin kennt und auch nicht kennen muss, weil hier das Ende des Weges ist.

Ich schmelze wieder. Kein Schmetterling ist zu sehen, der mich retten könnte. Ich muss es selbst tun. Ich greife zum letzten Mittel und beende mein überkochendes Denken. Und mein Blick wendet sich leicht, wie gelöst oder erlöst? von einer festgezogenen Schraube, ab von diesem zu mir sprechenden Plakat, und ich beginne, in der Sonne zu frieren. Wieder. Es funktioniert. Ich entkomme. Keiner scheint davon Notiz zu nehmen. Als Eisberg habe ich eine gute Tarnung. Ist Tarnung die Grundvoraussetzung für Freiheit?

Lange stehe ich an der großen Straßenkreuzung und beobachte den Verkehr. Ich verstehe gar nicht, warum ich es vorhin nicht gemerkt habe. Es gibt keine Lücke in diesem Strom, in die ich mich hätte einreihen können. Alle Kreise sind geschlossen.

Mein Blick fällt auf ein riesiges Verkehrsschild in der Mitte der Kreuzung, als ich mich ihr nähere. Dicke, schwarze Pfeile auf ihm zeigen unmissverständlich geradeaus. Es ist mir noch nie aufgefallen. Ist es etwa neu? Ich muss zugeben, dass ich es nicht weiß. Doch als ich die Worte über den Richtungspfeilen lese, wird mir klar, dass ich ein Falschfahrer bin. Unübersehbar und in Großbuchstaben steht da: SKLAVEN

Langsam senke ich den Kopf und sehe an mir herunter. Ich trage keine Sklavenkleider. Das ist es. Alle haben es längst gesehen. Jetzt erst spüre ich das Misstrauen in ihren verstohlenen Blicken. Ich spüre einen aus der Sehnsucht, dieser weggeschlossenen und gefesselten, gespeisten Neid. Obwohl niemand zu mir spricht, verstehe ich das lauthals mir entgegen geschleuderte Unausgesprochene. Sie behaupten, meine Kleider seien Affenkleider und außerdem zerrissen, eine unakzeptierbare Kombination. Und dabei können sie ihre Enttäuschung über sich selbst und ihre Sklavenkleider nicht hinter ihrer schicken Uniformität verbergen. Wenn sie nur ein wenig neugierig wären, dann könnte ich ihnen den Riss in meiner Hose leicht erklären. Doch ich erkenne nicht das flüchtigste Anzeichen einer beginnenden Neugier.

Wenn ich mich jetzt friedlich zu verhalten versuchte und einfach nur Platz nähme auf einer Bank am Rande des Marktes, um zu zeigen, dass ich niemanden provozieren möchte mit meinen Kleidern, so könnte mir das eventuell als Provokation ausgelegt und missgedeutet werden. Es ist besser, ich verschwinde von hier und gehe durch eines von diesen Wurmlöchern. Sie sind überall zu finden. Doch noch niemals habe ich mich getraut, sie zu benutzen. Immer hat man mich davor gewarnt. Heute gehe ich.