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Ist der Motor vielleicht ein Lebewesen? Eine neue, unerforschte Art? Immerhin vermehrt er sich überall, in allen Dimensionen, außerdem pausenlos und ungebremst mit immer schnellerem Tempo. Strebt er vielleicht sogar danach, die Welt zu beherrschen? Was will der Motor? Hat er also einen Willen? Sind wir Feinde oder Freunde? Und was wäre, wenn es den Motor nicht gäbe? Wenn der Motor als ein Prinzip gar nicht existierte? Ist Motorlosigkeit überhaupt erfahrbar? Viele Fragen? Ja! Aber verzagen? Nein! Denn der tapfere Motorendetektiv trifft in einem magischen Etablissement einen nicht weniger tapferen Prinzen, der Antworten darauf im Gepäck hat, die eines Prinzen würdig sind. Sie sind nämlich mit allen Märchen gewaschen. Garantiert!
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Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2025
Harald Hartmann
Prinz Motor
Der erfolgreiche Versuch des Märchenerzählers, sich seine Welt mit Märchen zu erklären.
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Inhaltsverzeichnis
Titel
ES WAR EINMAL
DER KOBERER
DAS ETABLISSEMENT
DAS UNENDE
Impressum neobooks
Es war einmal,
dass mir eines Tages etwas auffiel. Es war einmal an einem überaus milden, sonnigen Frühlingstag, die Wiesen waren voller Gänseblümchen, und während ich noch frohgemut und scheinbar von allen Gedanken befreit an der ganzen Schönheit vorbei spazierte, fiel mir plötzlich etwas auf an mir, nämlich, dass ich zählte. Ich zählte nicht laut und vernehmlich, sondern leise und lange sogar unbemerkt von mir selbst, weil es irgendwie beiläufig geschah. Ich wusste ja, bis es mir auffiel, nicht einmal, dass ich zählte und so natürlich auch nicht, was ich überhaupt zählte.
Dann kam der Augenblick, ganz unerwartet, wie es solche Augenblicke an sich haben, da ich es wusste. Es waren Motoren, die ich zählte. Ich zählte jeden Motor, dem ich begegnete, und wenige waren es nicht. Schon bald wurde ich so, ganz nebenbei und auch noch ganz unbeabsichtigt, zu einem Spezialisten für sehr große Zahlen, etwas, das fortan meinen Lebensweg bestimmen sollte und ebenso unbeabsichtigt einfach passierte.
Bevor es mir auffiel, hatte ich den Motor wegen der Selbstverständlichkeit seiner Allgegenwart meistens nur am Rande oder gar nicht wahrgenommen und einfach vorausgesetzt, dass er da war für mich, wenn ich ihn brauchte. Nun aber, da er durch das Zählen in den Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit gerückt war, hielt ich sogar Ausschau nach ihm und wollte sogar wissen, wie viele es denn waren, die mir Tag um Tag so gehorsam dienten. Ich verspürte zu meiner freudigen Überraschung die aufflammende Lust einer mir bis dahin fremden Motorenneugierde, die meine Sinne ergriff und nicht mehr losließ. So wurde ich zu dem, der ich nun bin, zu einem umher streifenden und spähenden Motorendetektiv. Das Ergebnis meiner bisherigen Zählerei war jedenfalls, und es wurde mit zunehmender Zählerei immer deutlicher, dass es viel mehr waren, als ich je vorher gedacht hatte. Und jeder, dem ich davon erzählte, und der danach selbst anfing zu zählen, musste bald zugeben, dass ich recht hatte.
Mit Hilfe meines hochentwickelten Additionsvermögens hatte ich schließlich Summen erreicht, die mir bewusst machten, dass das Auftreten des Motors dank seiner außerordentlich hohen Vermehrungsgeschwindigkeit ein weltumspannendes und massenhaftes Phänomen war. Im Gegensatz zur dunklen Masse des Universums, die unsichtbar war, aber da sein musste, war das mit dem Motor eine ganz klare Sache für meinen inzwischen gut trainierten Detektivblick. Der Motor war da und gleichzeitig sichtbar, was für mich von großem Vorteil war, um mehr über dieses erstaunliche Phänomen seiner Allgegenwart herauszubekommen. Deshalb entschloss ich mich auch sofort, nachdem ich ihn in dieser Eigenschaft wahrgenommen hatte, zu einem detektivischen Streifzug durch seine Welt.
„Sehen Sie! Staunen Sie!“ hörte ich da mitten im schönsten Streifzug meiner detektivischen Ermittlungsarbeit die an mich gerichtete Aufforderung eines Koberers, der mit solch einfachen Worten meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte und so in nur einem Augenblick meine unaufhörliche Zählerei zu unterbrechen vermochte.
Es lag an der Art, diese etwas großmäulige, komödiantische Art, die mir gefiel, und mit der er es schaffte, mich neugierig zu machen. Ich verband diese spielerische Art der Kontaktaufnahme schon immer mit angenehmen Erlebnissen, und das Staunen war sicherlich nicht das schlechteste von ihnen. Es war für mich eine Kunst und überdies eine sehr alte, die seine Zunft sicher schon seit tausenden von Jahren betrieb und mit immer neuen Märchen erfolgreich am Leben zu halten verstand. Und so blieb ich denn auch wie magisch angezogen auf seine Anrede hin gleich stehen. Natürlich wusste ich, dass ein Koberer zuallererst ein Koberer war. Er war ein Verkäufer. Seine Kunst war die des Lockens. Seine Kunst war die Kunst der Jonglage mit Traumbildern und Gefühlen, mit Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Aber genau darin lag ja seine magnetische Anziehungskraft auf mich. Mit Illusionen kam er bei mir also an genau den Richtigen. Es gab eigentlich keine Illusionen, auf die ich mich nicht mit argloser Begeisterung einließ.
Somit war ich für diesen Künstler in jeder Hinsicht nicht nur eine ganz leichte Beute, die er schon zehn Meter gegen den Wind riechen konnte, sondern mehr noch als das eine besondere Art von Beute, nämlich eine, die es sogar darauf abgesehen hatte, von einem wie ihm gefangen zu werden und damit eigentlich gar keine richtige Beute war. Das war meine Situation und auch seine. Ich stand da und war neugierig auf das Märchen, das dieser Märchenerzähler mir nun erzählen würde, neugierig aber nicht nur auf die Worte, sondern auch darauf, wie schön er es mir vortragen würde.
Obwohl seine Anrede natürlich der allergewöhnlichste Standardsatz eines Koberers war, den er sicher mehr als hundert Mal in der Nacht ausrief, weckte er von einem auf den anderen Moment den Verdacht in mir, dass vielleicht hinter dem Allergewöhnlichsten doch etwas Außergewöhnliches auf mich warten könnte, so etwas, wie vielleicht ein echter Rembrandt, den ich in dem Gerümpel eines Dachbodens fände. Es war seine Stimme, und es war das Spiel seiner Augen, die mich fesselten und mir das Gefühl gaben, ich wäre der einzige Zuschauer in einem Theater, und das Stück wäre nur für mich.
Ich warf ihm also erwartungsvoll einen fragendem Blick zu. Da ließ er vor meinen Augen, wahrscheinlich mit Hilfe von Zauberei, wie aus dem Nichts in der Luft eine Kurve erscheinen. Eingefangen war sie in einem mathematischen Koordinatensystem, aber nicht wie auf einer Schultafel mit weißer Kreide gezeichnet, sondern leuchtend, heller leuchtend als jeder Kometenschweif. Es war die Lebenskurve des Motors, wie an der Seite geschrieben stand. Sie war zwar heller aber auch kürzer als ein Kometenschweif. Denn sie begann erst, als am Horizont die Morgenröte der Gegenwart aufging. Vorher war nichts. Keine Kurve.
Ab da allerdings gab es sie, und sie verlief zuerst langsam steigend, dann aber, wie es schien, immer schneller mit einer Geschwindigkeit, die noch zunahm, je steiler sie wurde. Das bedeutete ja nichts anderes, als dass die Zahl der Motoren laufend und unaufhaltsam immer weiter zugenommen hatte, und es weiter tat, sich verdoppelte und wieder verdoppelte, und ich es kaum glauben konnte. Aber dann glaubte ich es doch, als sie auch mich hier in meiner Gegenwart erreichte und durch mich, den gebannt Staunenden, widerstandslos hindurchfuhr, was aber so schnell ging, dass ich nicht einmal die kleinste Schrecksekunde dabei erlebte, und ihr nur noch weiter staunend hinterher blicken konnte, empor in diese Höhen, in die sie sich streckte und so steil wie der steilste Berg, dorthin, wo die Zukunft lag. Doch so schnell ich ihr auch hinterher blickte, es war nicht schnell genug, und ich sah wie immer nur Nebel in dieser Richtung.
Wozu ich einzig etwas sagen konnte, war der atemberaubende Verlauf der Kurve, der mich phantasieren ließ, wie sie wohl in der Zukunft verlaufen würde. Ich hatte auch schon gleich die tollkühne Idee des durchtrainierten Motorendetektivs, wie ich das vielleicht herausfinden könnte. Kurzentschlossen nahm ich einen tüchtigen Anlauf weit aus der Vergangenheit, weil da genug Platz vorhanden war, um dann mit diesem Schwung einen mächtigen Sprung zu tun und auf diese Art den Nebel vor der Zukunft von dieser Seite zu überfliegen, und so während meines Überflugs einen freien Blick von oben auf die Zukunft zu erhaschen. Es war ein ungewöhnlicher Plan, aber trotzdem oder gerade deswegen ein guter, mit dem ich wohl auch die Zukunft überraschte, die damit anscheinend nicht gerechnet hatte.
Denn tatsächlich konnte ich bei meinem artistischen Überflug kurz etwas ganz sicher erkennen. Es war der Verlauf der Kurve dort. Das zeigte mir deutlich und gar nicht nebulös, dass die Tendenz der Motorenpopulation, nicht nur steigend, sondern sogar exponentiell steigend war. Und dass es wirklich so war, wie ich gerade sagte, konnte ich als ehemaliger Gymnasiast ohne weiteres behaupten. Aber vielleicht war selbst das sogar noch eine maßlose Untertreibung, weil mir die richtigen Worte fehlten, um die außergewöhnliche Steilheit dieser Kurve beschreiben zu können, die jenseits aller Mathematik lag.
Dann war der kurze Überflug auch schon vorüber und ich landete wieder vor dem Koberer. Ich hatte getan, wozu er mir geraten hatte. Ich hatte gesehen, und ich hatte gestaunt, ausgiebig sogar. Jetzt sah ich ihm fragend in die Augen. Der Koberer lächelte mich breit an, verziert mit einem knappen Achselzucken, wie es einst ein berühmter Komiker mit Hut auch gerne getan hatte. Er wusste, dass er mich am Haken hatte, und ich wusste, dass ich angebissen hatte. Zwei Wissende standen sich gegenüber.
„Na, habe ich dem Herrn zu viel versprochen?“ fragte mich der Koberer, der genau wusste, wie wenig Worte er brauchte, um den am Haken hängenden langsam und gekonnt an Land zu ziehen, wo das Glück schon auf ihn wartete.
„Nein! Nein! Nein! Nein!“, sagte ich und bewegte meinen Kopf dabei eifrig und mit hochgezogenen Augenbrauen hin und her.
„Ich liebe ehrliche Antworten, mein Herr“, lobte er mich.
Der alte Schmeichler hatte es wirklich drauf, mich einzufangen. Erwartungsvoll sah ich ihn wieder an, wie er da in seiner fast zirkushaften Aufmachung gestikulierend vor mir stand. Für einen misstrauischen Augenblick ging mir da aber unvermittelt die Frage durch den Kopf, woher der Koberer überhaupt wusste, dass ich Motoren zählte?
„Es ist mein Beruf“, sagte da der Koberer zu mir, ohne dass ich ihm diese Frage gestellt hätte.
„Aha!“, sagte ich nur, ließ meine Augen langsam von links nach rechts wandern, ohne dabei allerdings den Kopf zu bewegen.
Aber alles schien in Ordnung zu sein. Nichts Verdächtiges zu sehen. Ganz im Gegenteil musste ich mich sogar selbst beglückwünschen. Offensichtlich war es mir dieses Mal vergönnt, am Haken eines wahren Meisters seiner Zunft hängengeblieben zu sein, was ich natürlich dem Haken eines mittelmäßigen Koberers zehnmal vorzog. Und dieser Meister hier wusste offensichtlich ganz genau, womit er mich neugierig machen und anlocken konnte. Er hatte es mir wohl gleich an meiner Nasenspitze angesehen, dass ich ununterbrochen Motoren zählte.
Und im selben Moment, als ich merkte, dass er es gemerkt hatte, dass ich es gemerkt hatte, dass er ein großer Meister war, kam ich zu dem Schluss, dass ich eigentlich mit der ganzen Zählerei jetzt und für immer sofort aufhören könnte.
Ich verstand diesen Entschluss weniger als meinen eigenen, sondern als einen sanften Schubs des Koberers, der mir wohl sagen wollte, dass ich das Land des Motors auf andere Art bereisen sollte, nicht nur rasend auf dem Gefährt der unendlichen Zahlen über die Bahnen von Länge und die Berge von Höhe. Denn mit der reinen Quantität kam ich offensichtlich nicht mehr weiter ab einer Anzahl von Motoren, die größer war, als selbst ich als ausgewiesener Spezialist für sehr große Zahlen begreifen konnte. Jenseits davon existierte ein ganz anderes Fluidum, und genau dorthin wollte er meine Gedanken lenken.
Quantität war dort völlig unerheblich, spielte keine Rolle mehr. Ab hier ging es um Qualität. Es ging nämlich um die Seele des Motors. Während ich es noch dachte und als eine neue Erkenntnis feierte, gesellte sich gleich noch eine zweite Erkenntnis hinzu. Es ging damit genau so nämlich und ganz entschieden auch um mich und um meine Seele, wie unvernünftig ich vielleicht auch argumentieren mochte, um das zu leugnen.
Es war der Koberer, der hier vor mir stand, er hatte mich auf diese Spur geführt. Das war diese von mir lange unbemerkt gebliebene Geschichte, die hinter meiner Zählerei steckte. Hätte ich sie in allen Einzelheiten in einem Buch aufgeschrieben, wäre ich inzwischen mindestens auf Seite 123 angekommen, so viele Motoren hatte ich schon entdeckt und aufgezählt und aufgeschrieben, was ich von ihnen wusste, und was ich von ihnen wollte, und und was sie mit mir machten, und ein Ende war nicht zu sehen. Im Gegenteil. Ich würde mehr Papier brauchen, um alles aufzuschreiben.
Es dämmerte mir, dass die Geschichte hier heute Nacht erst richtig Fahrt aufnehmen und noch viel spannender werden würde. Seite 124 würde ganz anders sein als alle Seiten davor. Ich spürte es. Ich spürte, wie mich die Ausläufer der Gravitationswellen dieser neuen Spannung aus der Zukunft der noch unaufgeschlagenen Seite 124 erreichten. Wenn jetzt nämlich auch noch unsere zwei Seelen hinzukamen und ins Geschehen eingriffen, würde das Ganze auf einen dramatischen Höhepunkt zutreiben. Aufgeregt spürte ich den Atem des Abenteuers in meinem Nacken und meine Erschrockenheit darüber, dass es so plötzlich da war und ebenso meine Unerschrockenheit, es trotzdem erleben zu wollen, weil ich ja von Natur aus ein Abenteurer war und deshalb auch gar nicht anders konnte.
Natürlich gingen mir gleich die verrücktesten Vorstellungen durch den Kopf, was mich alles erwarten könnte, wenn ich die nächste Seite aufschlüge. 124. Wild und wirr und scheinbar regellos würden die Motoren dort die Abenteuer jagen, wie die herum tollenden Eichhörnchen im Garten, wenn sie hinter einander her waren. Wenn es denn tatsächlich so wäre auf meinem Planeten 124, dann ließe ich sie gewähren und sich austoben, so lange sie wollten.
Aber natürlich könnte alles auch ganz anders sein, als diesen Abenteuer jagenden Motoren zu begegnen, so anders, wie ich es mir jetzt noch gar nicht vorstellen konnte. Und das bedeutete ja nur, dass alles, wirklich alles, vielleicht sein konnte. Damit war eins auf jeden Fall sicher. Was mich dort erwartete, war so ungewiss wie das Wetter am Annapurna. Trotzdem und gerade deshalb brauchte ich unbedingt eine grobe Orientierung, bevor ich mich trauen würde, Seite 124 aufzuschlagen. Ich brauchte Ratschläge, wie ich mich dort durchschlagen konnte, wo, wie es hieß, immer alles ganz anders kam, als ich es mir jetzt auch nur im entferntesten herbei phantasieren konnte mit meiner hoffnungslos untermotorisierten Vorstellungskraft. Ich probierte es trotzdem mit ihr, weil es meine einzige war, die ich hatte, meine Begleiterin seit jeher, und ich vertraute ihr.
So sagte mir denn die Einzige, dass ich, wenn ich etwas über die Zukunft in Erfahrung bringen möchte, mich ihr am besten über die Vergangenheit nähern sollte, so wie ich es ja schon mit meinem Sprung über den Nebel versucht hatte. Nur sie konnte meine Basis sein und auch wieder mein neuer Anlauf, um Schwung zu holen. Wenn ich wusste, wie einst alles begonnen hatte, dann hatte ich in dem scheinbaren Durcheinander, das mich auf Seite 124 gerüchteweise ja erwarten sollte, einen Faden gefunden. Oder ich hätte auch sagen können, dann hätte ich mich auf das freie Spiel der Illusionen eingelassen und so als als unentwegter Phantast einen ebensolchen Boden unter meinen Füßen gefunden, um darauf zu wandeln. Das hörte sich für mich gleich an, wie ein sehr vernünftiger Plan. Schon der zweite heute.
„Ich gratuliere“, sagte der Koberer.
„Zu was?“ fragte ich.
„Zu den zwei vernünftigen Plänen an nur einem Tag!“ lobte er mich.
„Danke“, sagte ich nur und fragte mich insgeheim, woher er von meinen zwei vernünftigen Plänen wusste, kaum, dass ich sie mir erst selbst erzählt hatte.
Reglos stand ich vor dem Koberer, sah in die Augen des alten Schelms, um ihn zu ergründen. Da machte er eine weit ausschwingende Armbewegung und verkündete:
„Ich hätte da auch noch einen sehr vernünftigen Plan. Zusammen wären es dann sogar drei. Sehen Sie! Staunen Sie!“
Kaum hatte ich gesehen, staunte ich auch schon. Denn er zauberte mir eine Tür vor die Augen, öffnete sie, ohne dass es quietschte, und ich konnte sehen, dass hinter ihr die Vergangenheit begann, die gesamte übrigens. Er forderte mich auf, ruhig einmal einen Blick hineinzuwerfen, ganz unverbindlich natürlich, sozusagen als ein Appetithappen auf etwas Sensationelles, das ich bei ihm noch zu erwarten hätte.
Aber ebenso natürlich wusste er auch, dass ich sein Angebot nicht ablehnen würde. Neugierig ging ich also durch die Tür und lief kreuz und quer durch die Vergangenheit, warf meinen Blick hierhin und dahin. Schnell merkte ich, dass sie eigentlich aus vielen Vergangenheiten bestand, einem dichten Wurzelwerk von Vergangenheiten. Da musste ich schon ganz gehörig meine Augen offen halten, um mich in diesem Gewirr nicht zu verirren und meine Nüstern am besten weit aufgebläht in den Wind halten, um die Fährte zur Vergangenheit des Motors zu erschnüffeln und die Verfolgung aufzunehmen.
Eine Weile blickte ich mich hier um, fand aber lange nichts, was einem Motor ähnlich sah in dieser ganzen, sich vor mir ausbreitenden Vergangenheit und fragte mich, wo er sich denn nun versteckte. Vielleicht lag es ja auch an mir, dass ich ihn nicht entdeckte, und ich forschte nur nicht genau genug. Deshalb machte ich nun ernst und suchte mit meinem schärfsten Adlerblick, spähte lauernd auf diesen magischen Ort in der Vergangenheit, an dem er das Licht der Welt erblickt hatte. Und plötzlich, kam es, wie es kommen musste, und er war da. Ganz in meiner Nähe, in meiner kosmischen Nachbarschaft sozusagen, wurde es hell, sehr hell, so ungefähr, wie ich mir einen Urknall in einem Kinofilm vorstellte.
Das war der Motor, das konnte nur er sein, da tauchte er auf, und ich kannte jetzt fast schon sein Geburtsdatum. In einem Kinofilm wäre er sicher gleich der hellste Stern am Himmel gewesen, der Topstar, begleitet von donnernder Orchestermusik, die mich die Wucht dieses Aufbruchs zu neuen Ufern hätte spüren lassen. Mit ihm begänne eine neue Wirklichkeit und ein neues Schönheitsideal, und er verspräche mir das schönste Happyend aller Zeiten.
Und tatsächlich war es ja auch so, und es war wahr. Es war nicht zu leugnen, dass es wirklich wahr war, und ich in ein wahres Märchen geraten war. Ich wunderte mich deshalb auch nicht besonders, dass ich gerade in einem Kinofilm mitspielte. Er handelte von einem ehemals motorlosen Menschen, der, praktisch ohne Vorwarnung, von heute auf morgen, so, als hätte ein armer Mensch im Lotto gewonnen und wäre plötzlich reich, zu einem Motorenkönig geworden war und nun ganz unvorbereitet, praktisch ohne Führerschein, über wahrhaft übermenschliche und unermesslich scheinende Kräfte verfügte, was natürlich die unglaublichsten Verwicklungen erzeugte, so wie ich es im Drehbuch gelesen hatte.
Die Rolle mit den Verwicklungen war mir wie auf den Leib geschneidert, dazu noch ein berühmter Regisseur und ein ebenso berühmter Kameramann, da habe ich natürlich sofort zugesagt. Als ich hier ankam, ging es auch gleich los. Aber erst einmal lagen wir uns natürlich ausgiebig in den Armen und klopften uns kräftig wie die Bären auf die vorher schon schmerzenden Schultern und sagten etwas Nettes zueinander. Dann ging es aber auch wirklich gleich los. Alles war vorbereitet, alle warteten schon an ihren Plätzen. Alle waren erfahrene Illusionisten, so wie es sein musste beim Film. Ich fühlte mich gut. Ich war bereit.
Aufnahme, Klappe, erste Szene:
Ich saß in einem Automobil, lenkte es mit 120 auf der langen, schnurgerade Straße über das weite Land. Ich war schneller als das schnellste Pferd, ohne dass ich dabei auch nur im geringsten außer Atem geriet. Es war einfach fantastisch, so schnell zu sein, und es war ebenso und trotzdem und gleichzeitig auch ganz normal für mich. Und genau diesen Geist einer fantastischen Normalität musste ich hier darstellen und damit durch die Gegenwart sausen. Es war eine sehr anspruchsvolle Rolle, eine anspruchsvollere, als es ein Kinobesucher vielleicht später vermuten würde. Laut Drehbuch sollte ich mir nun, auf ein Zeichen des Regisseurs ein Märchen erzählen, das ich zur gleichen Zeit sprach, wie ich es mir ausdachte, während ich sonst bewegungslos sitzend mit dem Auto weiter in der Nachmittagssonne auf der geraden, leeren Asphaltbahn Richtung Horizont rasen sollte.
„Viele Tausend Jahre“, so begann ich, wie es mir in den Sinn kam, als ich sein Zeichen bekam, „die weitaus längste Zeit ihres Daseins lebten die Menschen glücklich und zufrieden in paradiesischer Seligkeit ohne den Motor. Sie dachten nicht einmal an ihn, weil die Unmöglichkeit das verhinderte und sie vor ihm beschützte. Und so schön wäre es auch geblieben, wenn es nicht noch schöner gekommen wäre und die Menschen nicht angefangen hätten zu träumen. Auf den Schwingen ihrer Träume überflogen sie leicht und elegant alle Grenzen, die die Unmöglichkeit aufgestellt hatte. Denn gegen das Träumen war sie machtlos. Ihre Mauern reichten nicht hoch genug.“
„Weiter!“ stand auf dem Schild, das der Regisseur mit der einen Hand hochhielt, während er mit der anderen eine kreisende Bewegung machte, als wollte er damit ein magisches Hamsterrad antreiben.
Aber das war gar nicht nötig, denn einmal in Schwung, wie ich war, machte ich weiter und sogar mehr noch als das. Angetrieben durch seine aufmunternden Gesten, ließ ich nun meine Hemmungen, wenn ich denn überhaupt welche gehabt hatte, einen guten Mann sein und mich hinreißen zu allerlei ergötzlichen Phantastereien. Jetzt hatte der berühmte Regisseur mich da, wo er mich haben wollte. Genau die hatte er von mir hören wollen, während ich sonst unbewegt bleiben und mit 120 Sachen auf der langen, geraden Straße weiter dahinrasen sollte. Und so raste ich und phantasierte ich. Der berühmte Regisseur war davon so angetan, dass er seine Baseballkappe vom Kopf riss und mir damit zuwinkte, nur so weiterzumachen. Ich, an seiner Stelle, hätte es genauso gemacht.
„Und so war plötzlich alles möglich, weil es den Traum gab“, phantasierte ich weiter drauflos, was die Phantasie hergab. "Eines Tages geschah es sogar, dass jemand in der Steinzeit einmal von einem Ding geträumt hatte, für das er kein Wort hatte, das aber in ferner Zukunft Motor genannt werden würde. Und als er dann aus diesem Traum aufwachte, stand er ratlos vor seinem rätselhaften Bild. Er konnte es nicht einmal einem anderen erzählen, weil er keine Worte fand für das, was ihm begegnet war. Es lag aber nicht an ihm, dass er sie nicht fand, denn es gab sie nicht. Sie waren noch ungeboren. Was er aber nicht wusste, war, dass ich damals, als ich noch in der Steinzeit lebte, genau denselben Traum geträumt und dasselbe Ding erblickt hatte wie er und auch in derselben Nacht. Aber weil ich auch keine Worte dafür hatte, konnte ich ihm am nächsten Morgen nichts davon erzählen. Denn hier stand ich vor einer der vielen überall herumstehenden Unmöglichkeiten, und davor hatte ich als Steinzeitmensch allergrößten Respekt. Deshalb schwieg ich und ließ die Unmöglichkeit Unmöglichkeit sein. Vorläufig zumindest.
Außerdem und abgesehen davon gab es in der Steinzeit auch sowieso genug für mich zu tun mit der steinharten Gegenwart, statt mich um etwas zu kümmern, was sowohl unerklärlich als auch unsagbar und, um die Sache auf die Spitze zu treiben, nicht einmal da war. Denn es war mir damals irgendwann etwas Entscheidendes gelungen. Und das war so spannend wie noch nichts vorher. Ich hatte gelernt, Feuer zu machen.“
Ich hörte, während ich diesen letzten Satz mit getragener Stimme in das Innere meines Automobils entließ, Fanfarenklänge, eingespielt von der aufmerksamen Regie über die Lautsprecherboxen meines schnellen Gefährts, um der Bedeutung dieses Ereignisses eine musikalische Würde zu verleihen. Ich aber lenkte einfach nur, scheinbar ungerührt, weiter geradeaus wie im Drehbuch vorgesehen, und plötzlich wurde mir klar, was ich da erzählt hatte, dass nämlich diese heute für mich banale Handlung, Feuer machen zu machen, damals für mich den Aufbruch in ein anderes Leben bedeutet hatte.
„So wurde ich zum mächtigsten Lebewesen der Erde. Tatatata!“ hörte ich meine wunderbare Opernstimme schmettern, und das Auto erbebte durchgerüttelt von den donnernd dazu geschlagenen Pauken in einem heiligem Schauer, und ich war nun ehrlich gerührt, aber natürlich, ohne mich dabei zu rühren, wie es meine von mir Rolle verlangte.
Langsam verebbten die Fanfarenklänge. Der Regisseur zeigte mit dem Daumen nach oben. Auch ich war zufrieden mit meinem Märchen und sauste weiter durch die Kulisse. Jemand hielt eine Tafel mit einer neuen Drehbuchanweisung hoch. Ich las:
Zünde dir eine Zigarette an und rauche schweigend und sinnierend.
Das war ganz nach meinem Geschmack. Das konnte ich so gut wie kaum ein anderer. Ich folgte sogleich der Anweisung, griff nach der hinter meinem rechten Ohr eingeklemmten Zigarette und steckte sie zwischen meine Lippen. Dabei sinnierte ich frei vor mich hin, dass Feuermachen etwas so Großes, Existenzielles und auch Mystisches war, dass meine Urahnen über tausende von Jahren damit beschäftigt waren, es kennenzulernen in seinen Eigenschaften und Möglichkeiten und Geheimnissen. Genau das alles dachte ich in diesem Moment, aber komprimiert zu einem einzigen Gedankengefühl, bevor ich mit einem simplen Daumendruck, die Zündung meines Feuerzeugs auslöste, eine Flamme aufleben ließ und meine Zigarette anzündete, wie ich sollte. Fast musste ich lachen, wie leicht, lächerlich leicht, es für mich ging, Feuer zu machen, ein Kinderspiel und keine Kunst mehr. Doch es gab ja eine neue Feuerkunst jetzt. In ihr ging es darum, das unsichtbare Feuer, das es auch noch gab, wie ich herausgefunden hatte, zu beherrschen und die nächste Stufe auf dem Weg ins Paradies zu erklimmen.
Was ich dabei im einzelnen alles sinnierte, übertrug ich in den Rauch meiner Zigarette und ließ ihn dann geheimnisvoll und voll beladen mit den reifen Blüten meines Sinnierungswerks durch das Innere des Automobils wabern und wie in Zeitlupe um meinen Kopf herum kreisen wie einen Hula- Hoop- Reifen um meine Hüften, nur viel langsamer. So hatte der Regisseur es sich wohl auch gedacht. Ich raste derweil die ganze Zeit bewegungslos sitzend weiter mit 120 dem vor mir fliehenden Horizont hinterher und sinnierte ununterbrochen, rauchend und schweigend, über die Vergangenheit, und wie es dort wohl zugegangen war.
Damals, bei meinen Vorfahren in ihrer motorlosen Welt, war es natürlich erst einmal um das sichtbare Feuer gegangen. Sie hatten sicher genug damit zu tun, dass sie auf einmal so stark und mächtig waren, nur weil sie Feuermacher waren. Sie probierten alles mögliche aus, was man damit machen konnte. Kulturen entstanden daraus und vergingen wieder, neue entstanden, vergingen und wieder. Immer und immer weiter so. Doch wie verschieden sie auch waren, in einem waren sie sich gleich. Alle bauten ihre Macht auf das Feuer, und wie gut sie es beherrschen konnten. Ja, ja, ja, so könnte es wohl gewesen sein, sinnierte ich versonnen.
Aber wenn das nun ein unveränderbarer Kreislauf wäre, und es nun tatsächlich ewig so weiter ginge, wäre die Geschichte ja hier wohl zu Ende. Alles wäre gut wie in den alten Märchen, in denen Prinz und Prinzessin am Ende zueinander fanden und wenn sie nicht gestorben waren, noch heute lebten.
Aber zum Glück war es ja so nicht gekommen, sinnierte ich tüchtig weiter und spielte meine vorgegebene Rolle, wie ich sollte. Denn die Geschichte ging ja anders weiter, nämlich dass der Kreislauf doch nicht unveränderbar war, sondern sich veränderte und moderner wurde. So ging die Geschichte.
Als ich an dieser Stelle meiner Sinnierungen angelangt war, spielte die Regie leise, einen bekannten französischen Chanson ein, der vom blauen Meer handelte und mein Herz sogleich erwärmte, was sehr passend war, wie ich fand. Ich schickte dazu noch gekonnt einige Rauchringe aus meinem Mund durch die neblige Luft meines Wagens Richtung Windschutzscheibe und sah, dass das von ihnen eingerahmte Gesicht des Regisseurs einen zufriedenen Eindruck machte. Weitermachen, weitermachen, weitermachen.
Da ich mich nun ganz in meinem Element fühlte, sinnierte an jetzt mit mindestens120, aber ohne dabei meinen stoischen Gesichtsausdruck zu verlieren, was meiner Rolle die besondere Ausstrahlung verlieh. Es war die Rolle meines Lebens, für die ich so berühmt war. Wahrscheinlich hatte der Regisseur mich auch deshalb für diesen Film ausgesucht. Schnelles, unsichtbares Sinnieren. Nichts zeigen und doch alles sehen lassen, konnte eben keiner so gut wie ich.
Die Kamera lief weiter, und ich steigerte mich in einen preisverdächtigen Sinnierrausch. Was hatte sich denn an dem scheinbar so unveränderlichen Kreislauf eigentlich verändert? Wurde vielleicht irgendwann das Holz zum Verbrennen knapp? Vielleicht! Ganz genau könnte ich es aber erst sagen, wenn ich da war, im Irgendwann. Deshalb zögerte ich keine Sekunde und begab mich, während ich äußerlich natürlich unbewegt, wie es meine Rolle erforderte, weiter über den Asphalt sauste, persönlich an diese entscheidende Stelle im Irgendwann, um das heraus zu finden.
Schon bald darauf kam ich dort an, weil das Irgendwann ganz in meiner Nähe lag. und sah auch gleich, was los war. Meine Vermutung war falsch gewesen. Holz gab es genug. Aber es hatte sich eine Sensation dort ereignet. Ich hatte nämlich einen riesigen Schatz entdeckt, ach was sag ich, viele, viele Schätze waren es. Aber sie waren nicht auf der Erde, sondern unter der Erde und lagerten überall in gewaltigen Schatzhöhlen. Und was machte dieses unterirdische Zeug so wertvoll? Die Antwort war, dass ich es verbrennen konnte so wie Holz, nur anders, besser und viel mehr gleichzeitig, weil ich nämlich mit einer schlauen Idee die Welt neu erfunden hatte. Ich konnte jetzt überall auf meinen Befehl hin Feuer brennen lassen, ganz nach meinem Gutdünken, von ganz klein bis ganz groß. Es war bestimmt die beste Idee, die ich seit vielen tausend Jahren gehabt hatte. Selbst zum Zähneputzen musste ich jetzt nicht mehr selbst die Bürste bewegen, das machte eines von diesen unsichtbaren, schmerzlosen Feuern in meiner Hand.
Hätte ich jetzt nicht stoisch meine Rolle in diesem Roadmovie weiterspielen müssen für die surrende Kamera und den berühmten Regisseur mit seiner Baseballkappe vor meiner Nase, dann hätte ich am liebsten auf dem Tisch getanzt vor Freude, weil ich entdeckt hatte, was da im Irgendwann passiert war.
Und das Zweitbeste an der ganzen Sache war, wenn es sich nicht am Ende sogar als das Beste herausstellen sollte, dass die Kräfte dieser unterirdischen Schätze viel stärker waren als die Kräfte von Holz, wenn ich sie auf eine märchenhafte Art in einem Ding verbrannte, das mir mal in einem rätselhaften, steinzeitlichen Traum erschienen war. Wenn ich das tat, erlebte ich ein einziges Wunder.
Es war die gespeicherte Lebensenergie längst gestorbener Lebewesen, die in dunklen Kavernen ihre Ruhestätten seit hunderten von Millionen Jahren gefunden hatten. Das Revolutionäre dieses Moments im Irgendwann war, dass ich dort den richtigen Zauberspruch erfunden hatte, wie ich diese Energie zum Leben erwecken konnte. Es war einer der kürzesten Zaubersprüche überhaupt, den je ein Zauberer benutzt hatte, aber der stärkste jemals ausgesprochene. Er hatte nur sieben Buchstaben, doch die hatten es in sich.
T E C
H N I K
Entscheidend bei diesem Zauberspruch war, dass ich die Buchstaben langsam und einzeln aussprach, sodass sie sich ganz leicht und wie von selbst fügten zu einem Rhythmus, um dann aber immer schneller und schneller zu werden. Mein Sinnierrausch war auf seinem vorläufigen Höhepunkt. Ununterbrochen murmelte ich innerlich den Zauberspruch vor mich hin, und er funktionierte. In diesen sieben Buchstaben war der gesamte Bauplan für den Motor enthalten. Damit konnte ich den ominösen Motor bauen, und ich tat es natürlich, was sonst und erlebte so Wunder auf Wunder auf Wunder. Fortan war ich nicht mehr angewiesen auf meine schnell erschöpften eigenen Körperkräfte oder die von Ochsen, die ich dazu überreden musste, mir zu helfen. Jetzt baute ich einfach künstliche Riesen, und die erledigten alles besser, schneller, lauter, öfter, perfekter und was mir sonst noch alles einfallen sollte natürlich auch.
Aber riesige Riesen waren ja nur der Anfang, sinnierte ich weiter, wo ich nun einmal in Fahrt war. Der Bauplan, der funktionierte nämlich genauso gut auch für winzige Riesen. Und so waren Zwergriesen bald sehr modern, und auf wundersame Weise übertrafen ihre Kräfte die der riesigen Riesen bei weitem. Dabei lag der ganze Trick von TE E CE HA EN I KA eigentlich nur darin, dass ich das, was ich verbrannte viel klüger verbrannte als das Holz früher. Mit diesem einst unsagbaren Ding, das jetzt aber den Namen Motor trug, konnte ich meine Urahnen ganz nach meinen Vorstellungen verbrennen, mal schneller, mal langsamer, mal heißer, mal kühler, mal mehr, mal weniger, aber immer kontrolliert. Und genau das war es.
Ich hatte die Kontrolle.
Ich war ab jetzt MO, der Feuerdompteur. Es war jedenfalls und, ohne auch nur im Geringsten übertreiben zu wollen, ein riesiger Riesenerfolg überall, wo ich als die große Attraktion auftrat, und das war wirklich überall, und dass es auch noch an allen Orten gleichzeitig geschah, machte meine Auftritte als MO, der Feuerdompteur, außerdem und nicht zuletzt zu einem Vorgang von ungeheurer Magie.
Ich sah, dass der Kameramann immer weiter filmte, wo ich schon fast glaubte, die Szene wäre im Kasten. Doch so lange er filmte war sie natürlich noch nicht im Kasten, und so spielte auch ich immer weiter. Wahrscheinlich war er wohl dieser Magie meines preisverdächtigen Sinnierrausches erlegen, die ihn in einen wahren Filmrausch trieb. Intuitiv musste er gewusst haben, dass es ihm nur so gelingen konnte, das Unsichtbare hinter meiner stoischen Unbewegtheit auf der Leinwand sichtbar zu machen. Und das würde bestimmt, davon war ich überzeugt, einer der ganz großen Momente des Kinos werden!
Die Träume des Kameramanns waren natürlich unergründlich. Ich blieb daher unbeirrt in meinem Sinnierrausch und unterbrach die Szene nicht, sondern saß bis ich weitere Regieanweisungen bekam in meinem gepolsterten Sitz und sauste, wie verlangt, mit dem Auto, diesem Wunder der Bewegung, ausdruckslos durch das weite Land, bequem, entspannt und luxuriöser als je ein König in seiner Kutsche.
Wieder nahm ich einen Zug aus der Zigarette, blies den Rauch aus und sah unbewegt dabei zu, wie der Qualm majestätisch um meinen Kopf herum waberte. Immer noch war mein Blick nach vorn gerichtet auf den Verlauf dieser langen, an die Landschaft angeschmiegten Asphaltbahn. Doch war ich auch immer noch, neben allem, was ich sonst spielte in diesem Film, der Motorendetektiv und folgte einfach nur der Spur des Motors. Der Kameramann filmte, und ich trat plötzlich aus purem Übermut aufs Gaspedal. Da beschleunigte sich meine Phantasie mühelos bis weit in die Sphäre der Unmöglichkeit, und ich dachte mir einen neuen Namen aus für den Motor, sogar einen Titel, um ihn damit zu würdigen für seine treuen Dienste. In der hitzigen Leidenschaft meines unsichtbaren Sinnierrausches gab ich ihm den Ehrentitel, der selbst eines Dschingis Khan würdig gewesen wäre:
Ermöglicher des Unmöglichen.
Und sofort wie zur Bestätigung, dass ich recht hatte, ihn mit diesem Beinamen zu ehren, gab er mir eine Probe seiner Macht über die Unmöglichkeit. Bis jetzt hätte ich es nämlich für unmöglich gehalten, dass ein Motor sich geschmeichelt fühlen konnte, aber nun platzte er ja beinahe vor Stolz und zeigte es mir so freundlich, wie er es konnte.
Jedenfalls ließ er mich auf seine unnachahmliche, motorische Art wissen, dass er zum Dank für meine ihm erwiesene Ehre, mich ab jetzt befreien würde von der Mühsal des dauernden Drucks auf das Gaspedal mit meinem schon so müde gewordenen rechten Fuß. Das wusste ich wirklich zu schätzen.
„Ich übernehme jetzt“, sagte der Motor und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter, und wir sausten tausendmal so schnell durch die Unmöglichkeit wie vorher, ohne dass ich auch nur den kleinen Finger krümmen musste oder den dicken Zeh auf dem Gaspedal.
„Aye, aye, Käpt´n!“ sagte ich und salutierte.
Er hatte also übernommen, machte es möglich mit diesem speziellen, unsichtbaren Feuer, das er dazu einsetzte, und mein Fuß war endlich frei. Immer hatte ich Unmöglichkeiten für unmöglich gehalten, und jetzt sah ich, dass es gar nicht stimmte, nichts als Wichtigtuerei war. Es war immer nur eine Frage der Zeit, bis die Unmöglichkeit ihre gefährlichste Waffe verlor, ihre beiden starken Vorderbuchstaben nämlich, weil sie alt geworden waren und ausfielen. Ab da begann ein neues Leben als Möglichkeit für sie. In meiner Eigenschaft als scharfsinnig ermittelnder Motorendetektiv notierte ich diesen Umstand gleich in mein Notizbuch, und zwar versehen mit zwei Ausrufezeichen, was sich aber hinterher sogar als ein Ausrufezeichen zu wenig erwies.
Denn ich fühlte mich so wohl und beschützt mit ihm an meiner Seite, weil er so groß und stark war. Ich konnte ihn einfach machen lassen und mich ganz dem Sinnieren hingeben. Ich vertraute ihm fast mehr, als ich mir selbst vertraute und überlegte, dass es wohl diese Eigenschaft des Motors gewesen war, die ihn zu meinem besten Freund gemacht hatte, und nicht etwa den Hund, wie ich bisher immer gedacht hatte. Denn der Motor starb nie und versprach mir, einen Anteil von seiner Unsterblichkeit auf mich übertragen zu können.
Damit hatte er natürlich leichtes Spiel bei mir gehabt. Ich glaubte ihm, weil ich es wollte, denn auch ein wenig Unsterblichkeit war ja Unsterblichkeit, und eine winzige Hoffnung darauf reichte mir schon zu meinem Glück. Er zog bei mir ein, und sofort konnte ich mir einfach nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu sein. Er war ein Teil von mir geworden, und damit war die Überwindung der Unmöglichkeit auch ein Teil von mir geworden.
Ich sinnierte also immer noch darüber, wie genau und wann genau das wohl passiert sein musste, den Ort und die Zeit und die Umstände dieses revolutionären Ereignisses, denn das alles war mir noch nicht richtig klar. Ehrlich gesagt, wusste ich ja eigentlich nichts. Und jenseits des Wissens regierte der Zufall in der ganzen Schönheit seiner geheimnisvollen Unverständlichkeit. Das wusste ich immerhin.
Den Blick in Autofahrermanier stur nach vorne gerichtet, sinnierte ich sausend und rauchend über eben diesen Anfang unserer Beziehung, wollte wissen, wann unsere erste Begegnung war, und wie es gekommen war, dass wir uns Hals über Kopf ineinander verliebt hatten. Ja, es gab diesen einen Moment, und er war nicht schwer zu entdecken, der Moment, als ich merkte, dass ich durch ihn Macht über Unmöglichkeiten bekommen konnte mit der Aussicht auf noch mehr Macht über noch mehr Unmöglichkeiten.
Ungerührt sauste ich weiter geradeaus über die endlos lang scheinende Straße, wie ich es sollte, während meine Phantasie Schlangenlinien fuhr, ganz so wie ich es wollte, damit ich das spielen konnte, was ich sollte. Ich fing an, mir einen Spaß daraus zu machen, mir die unmöglichsten Dinge auszudenken, um sie dann zu meinem Vergnügen sofort möglich zu machen. Aber das war natürlich schon die Folge und nicht der Anfang unserer Liebe, und ich musste noch einmal einen Schritt zurück gehen, um diesen Punkt zu finden, den ich eben schon in Verdacht gehabt hatte, der Auslöser meines Märchens zu sein.
Ich sah, wie der Regisseur mir zunickte und Zeichen gab. Weitermachen, genau so. Die Szene lief einfach immer weiter. Es müssen diese starken Momente meines Spiels mit der Unbewegtheit gewesen sein, die er unbedingt in den Kasten kriegen wollte. Ich sollte auf meine unergründliche Art, die Wildheit meiner unsichtbaren Phantasien spüren lassen, die ich hinter meinem undurchsichtigen Gesichtsausdruck verbarg, wobei ich aber weiter reglos dahinsausen und aussehen sollte, als gäbe es für mich nichts anderes, als nur dieses von Gedanken befreite Dahinsausen. Dafür war ich genau der Richtige, und der Regisseur wusste es. Denn er wollte so auf seine unnachahmliche Art, für die er weltberühmt war, die Unsichtbarkeit meiner Gedanken sichtbar machen, indem er sie aus meiner unbewegten Ausdruckslosigkeit entführen ließ von diesem genialen Kameramann, der sie mit seiner Kunst zu zeigen verstand, ohne dass sie zu sehen waren und trotzdem jeder Bescheid wusste.
Ich fühlte mich durch seine aufmunternden Zeichen, die er mir sandte, darin bestätigt, dass wir ein gutes Team waren und ich meine Rolle in seinem Sinne spielte. Dieses sich daraus in meinem ganzen Körper verbreitende Glücksgefühl führte dazu, dass ich, während ich natürlich in perfekter Ausdruckslosigkeit weiter dahinsauste, sinnierend so weit abschweifte, dass ich plötzlich und unbeabsichtigt in einen wahrhaftigen Krimi geriet, und das auch noch ganz schuldlos, wie es mir vorkam.
„Erzählen Sie doch einfach mal die ganze Geschichte“, sagte der Kommissar, der vor mir in diesem Verhörraum saß und mich aus einem unerfindlichen Grund mit mitleidiger Milde anlächelte, statt mich, den Verdächtigen, wie es sich für einen Kriminalbeamten gehört hätte, streng anzublicken.
„Alles?“ fragte ich.
„Alles!“ nickte er.
„Wo soll ich anfangen?“ fragte ich nach.
„Am besten von ganz vorn“, sagte er.
„Nochmal?“ fragte ich.
„Nochmal!“ nickte er, als hätte er sehr viel Zeit.
