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Kann ein Einbruch und das dadurch angerichtete Chaos auch etwas Gutes haben? Diese Frage taucht immer wieder auf, während Hagen seinen Erinnerungen folgt, um zu verstehen, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass er sich ernsthaft den Aufzeichnungen seines Vaters gewidmet hat. Obwohl versprochen, hatte er es bisher immer mit Ausreden vermieden, weil er Angst vor den schlimmen Bildern hatte, die ihn erwarteten, wenn er die Berichte über dessen Fluchtdrama und Kriegstraumata lesen würde. Aber jetzt hatte ihm das Chaos in seiner unergründlichen Weisheit Papiere in die Hände gespielt, die mit ihrer mächtigen Präsenz augenblicklich seine Haltung änderten. Er war bereit für die Weisheit des Chaos, folgte den Spuren, fand ihn, fand sich selbst und das Band ihrer Verbundenheit, das er identifizierte als das Band, das Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet. Aber ohne den Einbruch hätte er es wohl nicht geschafft, das war ihm klar. Trotz dieser ihn irgendwie irritierenden Tatsache durchströmte ihn nun nach der Einlösung seines Versprechens ein Gefühl, das ihn optimistisch stimmte, ein Gefühl von Orientierung, ein Gefühl von Perspektive, und er war versucht, dem Einbrecher zu danken.
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Seitenzahl: 523
Veröffentlichungsjahr: 2022
Harald Hartmann
Hagen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Teil 1
Das Quaken der Enten
Begrüßungen
Orientierungen oder das Gegenteil
Hunger - Überlegungen eines Satten
Fäden im Sonnenlicht
Betrachtung des Unbetrachtbaren
Hilflose Riesen
Macht Ohnmacht Gegenmacht - Märchenstunde
Teil 2
Dokumente der Unmenschlichkeit
Fotografien
Geschriebene Worte - gedachte Worte
Teil 3
Das Stadion
Impressum neobooks
Das Ende erklärte ihm den Anfang, die Zukunft die Vergangenheit.
Hagen saß auf einer Bank am Weiher und erkannte in seinem stillen Blick zurück mehr und mehr die Einflüsse und die Zusammenhänge, die ihn zu dieser Person, die so dachte, so fühlte und so handelte, hatten werden lassen. Allmählich fügten sie sich wie Teile eines Puzzles.
Es mochte für viele den Anschein machen, als wäre sein Tun einer müßiggängerischen Kontemplation der Welt ein Hobby, etwas Unernstes, nur um sich damit in einem verachtenswerten Egoismus vor den nun einmal allen auferlegten Erfordernissen der Realität zu drücken und sich selbst dem Luxus eines aristokratischen Zeitvertreibs hinzugeben, was einem wie ihm schon gar nicht zustand und überdies auch völlig unzeitgemäß gewesen wäre. Sein Tun, das ihm als Kind und Jugendlicher noch den Ruf eines Träumers eingebracht hatte, verwandelte sich später in den Vorwurf, ein Taugenichts zu sein. Hagen wusste, dass es so nicht war. Denn wenn dieser fremde Blick auf seine Person stimmte, bedeutete es ja, dass er sein Leben nicht ernst nahm, es vertriebe, es nicht leben wollte, verantwortungslos sich selbst und anderen gegenüber wäre, etwas, das er noch nie mit seinem Tun verbunden hatte, und es auch jetzt nicht tat. Denn ein solches Verhalten wäre das genaue Gegenteil von dem gewesen, was er beabsichtigte. Es machte also nur den Anschein, wie so vieles andere, das auch nur den Anschein von etwas machte und in Wirklichkeit etwas anderes war.
Hinter dem Vorhang dieses Anscheins von Taugenichtsigkeit, den er selbst gar nicht vorgezogen hatte, sondern hinter dem er mit seiner Ungeratenheit gerne versteckt wurde, um die herrschende Vernunft vor ihm zu beschützen und sie in ihrem Ablauf nicht zu stören, blieb sein eigentliches Tun verborgen. Es war ein Suchen nach etwas, von dem er erst wissen würde, dass es das war, wonach er suchte, wenn er es gefunden hatte, ein Suchen somit der abenteuerlichen Art, bei dem er mit klopfendem und neugierigem Herzen Spuren folgte, die ins Unbekannte führten. Im Laufe der Zeit hatte er sich mit dem Vorurteil, ein Taugenichts zu sein, arrangiert, diese Rolle als seine akzeptiert, und mehr als das hatte er sie kultiviert, da er ein fürsorgliches Verständnis für ihre Notwendigkeit im Zusammenspiel der unterschiedlichen Lebensenergien entwickelt hatte. Und so kam es ihm manchmal fast sogar vor, als spürte er ein Gefühl von Verantwortlichkeit dabei, wenn er dieses Vorurteil gelten ließ und so Erwartungen erfüllte. Denn er wusste um die hygienischen Wirkungen auf die Außenwelt, wenn er diese Projektionen von Nichtsnutzigkeit auf sich zog, dieser Außenwelt ein Bild und damit einen Adressaten gab, der ihr auf diese Weise als ein Gegengewicht zu ihrer eigenen, alltäglich ausgeführten Nutzigkeit diente und so die Bezugspunkte ihres moralischen Koordinatensystems stabilisierte, im Lot hielt, und sie das Gefühl von festem Boden unter den Füßen spüren ließ. So waren sie nicht nur voneinander getrennt durch diesen vor ihm aufgespannten Schutzschirm von reflektierendem Anschein, sondern auch insgeheim miteinander verbunden in einer symbiotischen Lebensgemeinschaft zur Ausbalancierung der tollkühnen Konstruktion von Wirklichkeit.
Seiner Aufmerksamkeit, die viele oft als Abwesenheit deuteten, obwohl er das Geschehen vor seinen Augen durchaus registrierte, hatte er eine andere Ausrichtung gegeben und ihren Schwerpunkt auf ein anderes Erleben verlagert. Sein Interesse entzündete sich mehr an dem, was hinter seinen Augen geschah, dort, wo das Licht der Bilder seine Pupillen passiert hatte, und sie eingedrungen waren in einen inneren Raum, der der Hauptort seiner Subjektivität war, der eine Werkstatt war, in der er die von ihm mit seinen Sinnen aufgenommenen äußeren Eindrücke simultan übersetzte in seine eigenen Bilder, die sich in ihrer Bewegtheit zusammenfügten, eins ins andere, und nichts sonst waren als die permanente Inszenierung seiner persönlichen, zu einem Theaterstück geronnenen Realität. Er spielte darin die Hauptrolle, und es war nicht die Rolle des Taugenichts, sondern hier war er der Detektiv auf der Suche nach den Motiven für sein Tun und den Gründen für sein So-Sein, sein So-Geworden-Sein. Er suchte nach weiterführenden Hinweisen auf die Herkunft und das Wesen seiner Alleinheit im Meer der Vielen und nach Wegen zu ihrer Überwindung.
Bei allen diesen Anstrengungen begegnete er immer auch einem Umstand, der ihn irritierte, dass nämlich seine Alleinheit und Getrenntheit von anderen ihm nicht nur eine schmerzliche Erfahrung bedeutete, sondern ihm ebenso auch das genaue Gegenteil vermittelte, das erhebende Gefühl im Besitz einer absoluten, einmaligen Exklusivität zu sein, der Exklusivität seines eigenen Erlebens, das sich selbst genügte, indem es sich selbst konsumierte, vorgab, nichts zu brauchen von anderen und die stolze Alleinheit vor Einflüssen von Außerhalb in einem hellen Loblied, das die verführerische Unschuldigkeit eines himmlischen Engelschors beim Singen des Hosianna verströmte, als die größte Freiheit pries. Manchmal hatte dieser Stolz die Überhand, doch immer öfter überkamen ihn Zweifel an der Richtigkeit dieser Sichtweise, dann nämlich, wenn ihm die Süße solcher Versprechungen als zu süß erschienen, und er seinen Stolz misstrauisch verdächtigte, nur ein Bestechungsversuch zu sein, der ihn unempfänglich für seine ursprünglichen Absichten machen und ihn von seinen Unternehmungen zur Überwindung seiner Alleinheit abhalten sollte. So schaltete sich also der Detektiv des Zweifels in das Geschehen ein, um ihm seine neuesten Erkenntnisse über seine aktuelle Situation mitzuteilen. Und wann immer er eine Falle bemerkte, schmunzelte er ein fast unsichtbares, souveränes Schmunzeln, denn er war ein guter, schlauer und erfahrener Kerl, der nicht so leicht hereinzulegen war durch einen täuschenden Schein. Er war der beste Spurenleser weit und breit.
Erst durch dieses in ihm zu manchen Zeiten unwillkürlich auflebende Glücksgefühl, im Besitz dieser einmaligen Exklusivität zu sein und es durchaus auch genießen zu können, wurde Hagen das Maß und die Bedeutung seiner Alleinheit und Getrenntheit von anderen in aller Schärfe bewusst. So war es jedes Mal auch ein mit einem Kummer behaftetes Glücksgefühl, weil ihm die Möglichkeit fehlte, es teilen zu können, und er ebenso wusste, dass seine Unfähigkeit nicht nur dieses Gefühl betraf. Selbst wenn er gewillt war, sich zu öffnen, und es tun zu wollen, sah er für lange Zeit, obwohl er nicht aufhörte, danach zu forschen, keine Möglichkeit einer Übertragung seines Erlebens auf einen anderen, keine Aussicht, es jemandem als Kopie zu schicken, auf dass dieser das Seine erlebte, damit der ihn in seinem Tun und seiner Absicht verstehen konnte. Doch genau hier verlief die Spur, wenn er seinen Kummer beenden wollte. Er musste die weite Ebene finden, auf der die Kommunikation gleich und ohne Hindernisse war. Und wenn es dann geschähe, und er sie fände, wäre damit ebenso der umgekehrte Transfer möglich geworden, eine Gemeinsamkeit wäre hergestellt, und sein Kummer über die trennenden Barrieren des Nichtverstehens zwischen dem einen und dem anderen wäre augenblicklich beendet. Bis dahin musste er sich arrangieren mit der Tragik und dem Glück, seinen beiden ständigen Begleitern. Wenn seine Forschungen aber weiterhin erfolglos blieben, bedeutete es nichts weniger, als dass er, so wie jeder andere auch gefangen bliebe hinter den unüberwindlichen Mauern der Exklusivität des eigenen Erlebens. Sie machte ihn zu einem einsam seine Bahn ziehenden Planeten, der zwar das Licht der anderen Planeten und der Sterne sehen, sie aber nicht erreichen konnte, ebenso wie umgekehrt sie auch nicht ihn. Er bliebe umgeben, mehr noch umzingelt, von Unüberwindlichkeit.
„Ende der Geschichte?“ fragte die weiche Kinderstimme ungläubig.
„Ende der Geschichte!!“ antwortete die gehärtete Männerstimme barsch.
Hagen saß stumm und zweifelte. Auf das Fragezeichen, das eben vor seinen Augen aufgetaucht war, und das ihm allein schon durch seine kurvige Form ein hoffnungsvolles Zeichen zu sein schien, doch die Möglichkeit eines Weges zur Umfahrung oder Umschiffung der Unüberwindlichkeit finden zu können, antwortete die tiefe Gegenstimme, kategorisch, keinen Widerspruch dulden wollend und bewehrt mit einem bewaffneten Doppelposten, der diese Fahrt verweigerte. Hagen fühlte sich aber keineswegs entmutigt, sondern herausgefordert von der schroffen Ablehnung seiner vorsichtigen Nachfrage, die aus der Quelle einer weit entfernten Zeit, der Zeit seiner spielerischen Naivität, bis zu ihm in die Gegenwart vorgedrungen war. Diese zwei Ausrufezeichen als Symbol des klaren Endes erinnerten ihn an zwei schwere Glockenklöppel. So wie er es empfand, hatten sie die Aufgabe, mit trockenen Schlägen gegen seinen Schädel zu hämmern, um seine zweifelnden Fragen aus ihm zu vertreiben. Es war ein weiterer, aber ein ebenso untauglicher Versuch wie die anderen vorher, denn er kannte diese Ausstrahlung von Gewalt, die in einem Befehl steckte, und die bei ihm immer eine Art von Gehorsamsversagen hervorrief, wenn ihm etwas als Unmöglichkeit vorgestellt wurde. Ein reflexartig in ihm aufsteigender Widerstand gegen diesen als unabänderliche Tatsache hingestellten Ausspruch, in seiner so herrisch knappen und unsympathischen Bastamanier, empfand ihn als Zumutung und erhob vehement Einspruch. Er wollte es ihm zeigen, und es erreichen, dass es nicht so wäre, dass die Geschichte doch nicht zu Ende wäre, sein Erleben der Welt nicht für immer und alle unerreichbar und unverstehbar als ein Geheimnis hinter den Mauern seiner exklusiven Einsamkeit eingeschlossen bliebe, so wie es damit natürlich auch umgekehrt bei allen anderen geschähe, sondern dass er den Anfang eines Weges aus der Einsamkeit fände, den er wie ein verborgenes Fadenende in einem Wollknäuel nur ergreifen musste, um es heraus zu ziehen und den Beginn dieses langen Weges in den Händen zu halten, dem er blindlings und vertrauensvoll folgen konnte, vielleicht sogar sollte. Und wenn er es dann doch nicht tat, weil er plötzlich hasenfüßig geworden wäre und sich im allerletzten Augenblick vor der Realisierung der neuen, unbekannten Realität fürchtete, die sonst auf ihn zukäme, dann sollte er zumindest aber bereit sein, die Möglichkeit der Existenz eines solchen Weges anzuerkennen, ihn als einen möglichen und vielleicht doch gangbaren Weg in Betracht zu ziehen, um ihn offen zu halten für sich, für den Fall, dass er irgendwann seine Furcht überwinden sollte und ihn doch beschreiten wollte. Das würde ihm die Freiheit seines Tuns erhalten.
Zufrieden nickte Hagen bei diesen Gedanken, sich selbst und seinen Überlegungen zustimmend. Und es gab da noch etwas, das sich nicht durch angstmachende Befürchtungen, ablenken ließ und seinen widerständischen Einspruch unterstützte. Trotz der behaupteten Exklusivität seines Erlebens und, wenn er dem logischen Pfad folgte, wie er es gelernt hatte, der sich daraus ergebenden Endgültigkeit, was einer absoluten Wahrheit gleichkäme, dieser Aussage über das Ende seines Traumes von der Überwindung der Barrieren des Nichtverstehens, empfing er etwas, das er so lange, bis er ein besseres, treffenderes Wort dafür finden würde, als Signale bezeichnen wollte. Er fühlte sich, als wäre er ein einziges, großes Sinnesorgan. Nicht mit einem einzelnen Werkzeug der Wahrnehmung empfing er sie, sondern in seiner Gesamtheit als Mensch, als Körper, gebildet aus dem Zusammenschluss von Billionen Lebewesen zu einer Lebensgemeinschaft, die in genau seiner Gestalt auftrat, und diese Gesamtheit behauptete das Gegenteil. Es kam ihm dabei vor, und wieder war es die Begegnung mit einer glatten Unmöglichkeit, als wäre er nicht nur die auffangende Antenne dieser Signale sondern gleichzeitig auch ihre Quelle. Das war eine aufreizend unlogische Vorstellung, die ihm aber als ein ausgesprochen vielversprechender Ansatz bei der Suche nach seinem Weg zur Ebene der Unzertrenntheit erschien. Dieses beides in Personalunion sein zu können, Gegensätze sein zu können, sie in sich friedlich vereinen zu können, verdächtigte er, aus dem Inneren des Geheimnisses seiner Exklusivität herzurühren, welches es nicht verhindern konnte, trotz seiner als absolut erscheinenden Isolation, etwas von sich preiszugeben, etwas in einem stabilen Fließen aus ihm unablässig nach außen Dringendes von solcher Winzigkeit, dass keine Mauern, weder die der Materie noch die des Geistes, es aufzuhalten vermochte. Was er bemerkte, und wenn er es bemerken konnte, gab es diese Möglichkeit für jeden anderen auch, ohne dass er hätte sagen können wie, war von der Qualität einer Ahnung, der Erahnung unzähliger, unsichtbarer Spuren im Raum, die dieses Geheimnis, das jeder in sich trug, hinterließ, überall, an jedem Ort, den diese Myriaden von Menschen, Einzelmenschen, durch nichts anderes als ihre bloße Existenz berührten. Diese Spuren waren es, die er bei seinem Tun in der freundlichen Windstille hinter dem Vorhang des Anscheins suchte, in sich aufnahm, und die dann in dem windungsreichen Verdauungsorgan seines Kopfes in komplizierten Prozessen immer weiter aufbereitet wurden, bis sie schließlich ein Konzentrat bildeten, das sich zu einem Wort fügte. Und dem Wort, seinem Klang, seiner Melodie, seinem Rhythmus, war ein Sinn hinein geboren.
Hoffnung.
So hieß das Wort, zu dem sich die Signale aller Spuren in seiner Person verdichtet hatten und ihm, wenn schon keine bildhafte Vorstellung, so doch zumindest eine begriffliche, davon gaben, was genau er hinter dem Anschein seines unkonventionellen, unproduktiven Lebenswandels eigentlich tat. Er suchte nach Hoffnung und hatte es immer schon getan. Das war ihm in nun klar geworden. Aber bisher war es nur ein Wort geblieben noch ohne Inhalt, dessen Klang er hörte, das in diesem embryonalen Daseinszustand in seinen Kopf und möglicherweise auch in viele andere Köpfe eindrang, dessen Bedeutung er aber noch finden musste. Oder erfinden? Wartete hinter der Hoffnung die Erfüllung einer Verheißung oder, und in dieser Frage steckte schon der Samen einer Verdächtigung, war Hoffnung nichts weiter als eine Droge, um die vitalen Kräfte einzuschläfern mit schönen gauklerischen Träumereien?
Er musste zugeben, dass beides möglich war. Es konnte ebenso gut eine Irreführung sein wie eine Hinführung, ein Trugbild wie eine rettende Oase. Doch war es genau das, wonach er verlangte, und das seine Abenteurerseele mit Eifer erfüllte. Es war diese sich vor ihm auftuende Unbestimmtheit, die hinter seinem Zweifel zum Vorschein kam, die einen offenen Raum für ihn erschuf, den er bedingungslos, aber auch ohne irgendwelche selbstwichtigen Ansprüche daraus ableiten zu können, betreten und erkunden konnte, wenn er es denn wollte. Darauf kam es an. Wenn er schon etwas Präziseres zu dieser Angelegenheit sagen konnte, so war es nicht die Hoffnung auf ein Ziel, das er suchte, sondern die Hoffnung als Prinzip, dessen Existenz in diesem Augenblick als Gegenschein in seinen Augen aufleuchtete und die Hoffnungslosigkeit, die nichts anderes als die Herrschaft der unüberwindlichen Trennung bedeutete, herausforderte. Hoffnung war die Idee des Widerstands gegen Unmöglichkeit.
Wie in einem alten Historienfilm, schon in Farbe - Technicolor - nicht mehr in schwarz-weiß, sah er einen endlos langen Zug edler Ritter, die Fahnen schwenkend, grüßend und voller Tatendrang auf geschmückten Rössern an ihm vorbei galoppierten, die diese Hoffnung mit ihm teilten und ihm ihre Hilfe anboten in seinem scheinbar aussichtslosen Unterfangen. Und er winkte ihnen zu, aufrecht stehend und freudig überwältigt von so viel Unterstützung.
Diese Wahrnehmung der absoluten Exklusivität des eigenen Erlebens bei einer gleichzeitig existierenden, unerklärlichen Durchlässigkeit dieses Geheimnisses, dieses Wahrnehmen der Existenz von Möglichkeit in der Unmöglichkeit, offenbarte nämlich etwas über dessen Wesen, was es damit auch zu einem uneigenen und allgemeinen machte. Ja, es war sein Geheimnis und doch auch eines, das er mit allen teilte, weil sein Geheimnis eines war von der Art, wie es jedem zu eigen war, und das auf diese Weise unter seiner umarmenden Herrschaft der Gleichheit alle zusammenfügte als eine Gemeinschaft der Geheimnisträger ebenso, wie es sie gleichzeitig durch die Exklusivität der Privatheit wieder mit unsichtbaren Wänden voneinander trennte, indem es für alle anderen als ein Ungelüftetes unangetastet blieb. Und das sollte tatsächlich für immer gelten, wie die Stimme behauptete? Trotz des ihm so einschüchternd unfreundlich vorgetragenen Dogmas vom Ende der Geschichte und der Unüberwindbarkeit der Trennung zwischen jedem und jedem, die sich ihm in seiner Vorstellung wie ein mächtiger, himmelhoher Berg in den Weg stellte, gewann das kurvenreiche Fragezeichen weiter an Bedeutung und mischte so etwas wie einen Urzweifel, einen überlebenden Zweifel noch aus einer Zeit vor jedem Urknall, an der Glaubhaftigkeit und Gültigkeit dieser Erzählung in sein Empfinden. Das war es, was dieses Wort Hoffnung ausdrücken wollte und ihm eine aus dem milchigen Nebel hervor tretende erste Kontur gab, so wie ein Foto bei seiner Entwicklung in einer Dunkelkammer die Grenze zwischen Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit zögernd überschritt, indem es eine andere Erzählung zuließ, in der es möglich war, diese ewige Trennung doch überwinden zu können, wann auch immer und wie auch immer. Neugierig stellte er sich die Frage, wo denn der Grund für diese Hoffnung lag, gegen die Unmöglichkeit aufbegehren zu können, und er staunte über eine prompte Antwort. Denn ohne Bedenkzeit war unvermittelt ein Wort, in dem die Idee eines Gegenentwurfs zur Zertrenntheit der Welt verborgen lag, aus dem jetzt vom frischen Wind des Zweifels aufgewühlten Meer aller seiner Wörter aufgetaucht, gab Nahrung seinen suchenden Gedanken.
Spielen, so hieß dieses Wort.
Und er fragte sich, was denn das eine mit dem anderen zu tun hatte. Spielen und Hoffnung, Hoffnung und Spielen. Er spielte und konnte hoffen, er hoffte und konnte spielen. Wie konnte es gemeint sein? Vielleicht lag in der Freiheit, spielen zu können, der Grund für dieses eben an die Strände seines Bewusstseins angespülte Wort. Hatte er gerade bei seinen Gedankenfahrten einfach nur mit sich gespielt und so Hoffnung gefunden? Ganz ohne Plan, ganz ohne Absicht? Gestoßen auf ihre innige Partnerschaft nur mit Spiel? Nur?
Seine Aufmerksamkeit blieb hängen an diesem letzten Wort und richtete sich mit seiner ganzen Empfangsschärfe darauf aus. Er spürte das Gewicht dieses kleinen, so harmlos wirkenden Wortes. Es war wichtig, ja das wichtigste überhaupt, wie er nun dachte. Das Abfällige und das Unvernünftige, das in diesem „nur“ zum Ausdruck kam, wenn darüber gesprochen wurde, diese belächelte, vermeintliche Sinnlosigkeit eines solchen Tuns, auf das man noch mit verständnisvoller Nachsicht blickte, wenn es sich um Kinder handelte, aber mit unnachsichtigem Unverständnis, wenn erwachsene Menschen es taten, war nichts weiter als eine unvernünftige Abwehrhaltung, um keine vernünftigen Konsequenzen eingehen zu müssen und selbst mit dem Spielen zu beginnen. Denn Spiel und Spielen besaß eine Seele, die sich ausdrückte in ihrer Eigenschaft, unverkäuflich zu sein. Das aber war es genau, worum es eigentlich ging dabei. Es war das Unverkäufliche daran, die zufriedene Ziellosigkeit und der dadurch ungehinderte Kreislauf der Energien zwischen Innen und Außen. Doch gerade das stellte in einer Welt des Kaufens und Verkaufens einen Makel dar, was mit diesem abfälligen Ausdruck „nur“ deutlich gemacht werden sollte. Aber da gab es noch eine andere Seite. Denn dieses Mysterium des Unverkäuflichen löste auch einen unwiderstehlichen Reiz aus auf die Nur-Sager. Spekulationen über ein möglicherweise in diesem Geheimnis verborgenes, neues Geschäftsmodell verrückte ihr Denken so, dass sie begannen von einem Schatz zu reden, der sich heben und verkaufen ließ. Phantasien, die einen Goldrausch auszulösen vermochten, wurden mächtig und ruhten nicht eher, bis sie aus Spiel Ernst gemacht, das Spiel zerteilt und zertrennt und dem Unverkäuflichen einen verkäuflichen Teil abgetrotzt hatten, doch das nicht etwa zu gleichen Teilen. Es ging so weit, dass in einer vollständigen Verdrehung der Dinge um das Verkäufliche ein großartig widersinniges Theater gemacht wurde, während das Unverkäufliche mit einer unwürdigen Rolle des Statisten abgespeist und abqualifiziert wurde, die keine größere Beachtung verdienen sollte. Dieser Bedeutungsverlust konnte nur daran liegen, wenn Hagen es sich zu seinem Verständnis einmal geographisch vorzustellen versuchte, dass Spiel und Spieler, als sie auf ihrer Reise durch die Weiten des Daseins in die Sphäre der materiellen Welt gerieten und von deren Lockrufen betört, also zu Toren geworden, das Wichtigste vergaßen. Und das war das Nur, das Schönheit durch Ziellosigkeit erschuf.
Aber es kam vor, manchmal, für wenige Augenblicke und auf eine unbekannte, geheimnisvolle Weise, als schlösse sich in einem solchen Augenblick ein Kreis, dass die unverkäufliche Seele des Spiels sich auch in dieser anderen Sphäre zeigte, um an ihre Existenz zu erinnern, wenn Spieler während des verkauften Spiels vergaßen, dass sie es verkauft hatten und begannen, nur zu spielen. Dann empfanden alle sofort dieses Universum des Nur. Spieler und Zuschauer fanden für dieses Phänomen eine gemeinsame Erklärung. Es war ein Rausch, und sie nannten ihn Spielrausch, wenn sie danach über ihn sprachen, womit sie sagen wollten, dass sie in diesem Moment von undefinierbarer Dauer das Unverkäufliche und Eigentliche am Spiel erlebt hatten und der Verrücktheit entkommen waren. Denn dieser Rausch ergriff alle gleichzeitig, ließ den Goldrausch vergessen, und für diese zeitlosen Momente war alle Trennung aufgehoben, ein Vorgang, der bei ihm wie eine Umzingelung der Hoffnungslosigkeit vorkam, sie damit wirkungslos machte und ebenfalls in dem Wort Hoffnung mündete.
Er erinnerte sich, dass er sich erinnerte und in dieser Erinnerung sich wiederum erinnerte und in dieser ebenfalls und dort auch wieder, und dass es nicht aufhörte, tausendfach sich verzweigte und tief ins Vergessene vordrang, und dass er darauf aufgesprungen war und mitreiste. Es überkam ihn eine Erinnerung an die erlebten Tage von einst, als alle seine Tage ganz selbstverständlich aus einem einzigen Spielrausch bestanden hatten, nur unterbrochen von Essen und Schlafen, weil sein Spiel unverkauft gewesen war. Er war noch frei und nicht gefesselt von den kompromisslos Anerkennung und Unterwerfung unter sie fordernden, ökonomischen Gesetzen, die ihm später über den Weg liefen, um ihm mit Drohungen, die eines Mafiapaten würdig waren, Angebote zu unterbreiten, die er sich nicht traute abzulehnen, und die ihn in eine andere, eine rauschlose Welt entführten, auf den Planeten mit Namen Vernunft. Bei seiner Ankunft auf ihm hatte er keine Vorstellung davon, welche Bedeutung sich hinter dem Wort verbarg und welche Lebensbedingungen hier herrschten. Vorsichtig setzte er seine Schritte zur Erkundung. Doch wohin er sich auch wendete, bald schon leuchteten überall Warnschilder auf, wie durch seine eigene Bewegung selbst ausgelöst, auf denen er lesen konnte, dass hier der sichere Sektor der Vernunft enden und dahinter die Gefahr auf ihn lauern würden. Er stand in der Sicherheit und fühlte sich verunsichert und eingesperrt.
Danger!
You are leaving the sector of security!
Seine Welt hatte ihr Aussehen verändert, war plötzlich ein einziger Wald von Angst einflößenden Warnschildern geworden. Es schien ihm, dass die Vernunft dazu da war, die Welt eng zu machen und sie in diesem Zustand zu erhalten. Manchmal kam es vor, dass er dachte, der Name sollte nur Verwirrung stiften, wäre dem eigentlichen Namensinhaber vielleicht gestohlen worden, und hinter diesem angesehenen und hochgeachteten Namen versteckte sich nun zufrieden grinsend über seinen gelungenen Coup das genaue Gegenteil. Aber das geschah nur, wenn er unaufmerksam wurde, für einige Augenblicke aufhörte zu denken und in Tagträumereien verfiel. Sonst fügte er sich den hier herrschenden Gesetzen, auch weil er eine gewisse Neugier bei der Erforschung der Natur dieses Planeten verspürte, machte pflichtbewusst mit in dieser strengen Spiellosigkeit und vergaß dabei mit der Zeit und auch durch sie, wegen ihrer dort ins Riesenhafte gesteigerten Bedeutung, die keine anderen Götter neben sich duldete, das Vorher.
Und jetzt, mit diesem aus den Spuren aller seiner Berührungen entstandenen Wort, konnte er plötzlich wieder an dieses Vorher anschließen, und er erinnerte sich an das Gefühl eines von der Schwerkraft befreiten Zustands von müheloser Leichtigkeit. Was würde geschehen jetzt, da er die Verbindung zu seiner menschenfreundlichen Zeit wiedergefunden hatte, sich wieder angedockt hatte, er nicht länger mehr fern von ihr war, sie nicht länger mehr vergessen von ihm? Würde er singen ungehörte Melodien, würde er plappern unbekannte Worte, würde er tanzen unerlernte Bewegungen? Es war ihm, als stünde er ohne Furcht an der Abbruchkante einer tiefen Schlucht und blickte hinüber auf das gegenüber liegende Ufer, seine alte Welt, die Welt des ungestörten, unverkauften Spielens. Er fühlte sich bei diesem Anblick wie jemand, der nach langer Wanderschaft wieder zu seinem Dorf zurück gekehrt war und staunen musste, wie lange das längst Vergessene schon her war und seinem Leben nun, trotz der riesigen seitdem vergangenen Zeitspanne, neue Dimensionen verlieh. Nichts war vergessen. Es war nur der Anschein von Vergessenheit gewesen. Alles war so lebendig wie eh und je. Er begriff, dass es in einem vorherigen Leben gewesen war, als er im Rausch des Spielens lebte. Ein Verdacht von der Sanftheit einer sommerlichen Brise wehte ihn an, flüsterte etwas in sein Ohr. War es möglich, dass es noch andere vorherige Leben für ihn gegeben hatte? Mehr als nur eines? Und wenn es mehr als nur eines gab, warum dann so klein und begrenzt denken? Warum konnten es dann nicht Tausende, Millionen, Milliarden sein? Wie viele Leben hatte man, hatte jeder? Keine Ahnung, zu sagen, wäre falsch. Eine Ahnung hatte er schon, nur hatte er keine Zahl, die ihm zu Hilfe kommen konnte, um ihrer Anzahl einen Namen zu geben. Ihr allerehrwürdigster Name blieb ungesagt. Vielleicht musste er sich erst darüber klar werden, was ein Leben bedeutete, nur ein einziges, um einer Antwort auf seine Fragen einen Schritt näher zu kommen.
„Definieren Sie Leben!“ sagte der Ankläger mit unangenehm fordernder Stimme zu ihm.
Dieses unvermittelt auftauchende Bild einer Gerichtsverhandlung gegen ihn ließ ihn zusammenzucken, als er die Aufforderung hörte, auf die er keine Antwort wusste. Er fühlte sich aus seinem Gleichgewicht gebracht, denn er spürte einen Angriff auf den Glauben an seine alten, altgewordenen Legenden durch das Heranstürmen starker, junger Herausforderer. Und obwohl diese selbst auch nur und nichts anderes als Legenden im Gepäck mit sich führten, enthielten sie im Gegensatz zu jenen die aufregende und aufrührerische Kraft des Neuen. Möglicherweise verhielt es sich ja anders, als er bisher geglaubt hatte, dachte er, und er sollte bereit sein, anders zu handeln als so, wie er es sonst tat und alles Sich-Überlebt-Habende aus seinem Repertoire über Bord zu werfen. War das eine Antwort auf seine sich eben gestellte Frage? Dass es dieses eine abgegrenzte, eingezwängte Leben gar nicht gab, sondern nur eine Aneinanderreihung vieler Leben, unzähliger, so vieler, wie es Zellen im Körper gab, die ein gemeinsames aber auch ein eigenes Leben zur gleichen Zeit führten, und die es als ganzes zum Fließen brachten und so in den Fluss des Lebens verwandelten. Und seine Erinnerung war in diesem Konstrukt nicht sein Schiff, eher sein Floß, kippelig, die Urform des Schiffes, auf dem er dahintrieb und mit dem er jedes seiner vorherigen Leben besuchen konnte, wenn er es wollte, stehend am Steuerruder, lenkend und spähend.
Immer wieder warf er auf der schmalen Siedlungsstraße, in der er mit seiner Familie wohnte im milden Licht des frühen Sommerabends mit weit ausholendem Schwung den kleinen Ball über eine beachtliche Distanz dem großen, schon an der Schwelle zum Mann stehenden Jungen zu, der einige Jahre älter war als er selbst, den er bewunderte wegen seiner Autorität, die ihm allein schon wegen des Altersunterschieds zukam, dem er so gerne gefallen wollte, weil der es nicht als unter seiner Würde liegend empfand, mit einem Kind zu spielen. Er wollte ihn nicht enttäuschen, ihm ein ebenbürtiger Spielpartner sein, um sich dessen Anerkennung zu verdienen und seinen Stolz wachsen zu spüren, wenn es gelang. So bemühte er sich, kraftvoll und präzise zu werfen, um mit jedem gelungenen Wurf oder Fang das respektvolle Lächeln des Großen mit seiner ihn so klug aussehen lassenden Brille, schwarz, breitrandig und rechteckig, zu ernten, das in ihm jedes Mal ein Glücksgefühl auslöste, nach dem er nicht müde wurde zu verlangen und das ihm vorkam wie das Erleben der Überwindung von Getrenntheit durch ihre Verschmelzung im Akt des Spielens zu einem einzigen Wesen, einem zweiköpfigen, vierarmigen, vierbeinigen.
Es war genau diese klare Szene, die er sah, als er mit seinem Floß am Steg jenes einst gelebten Lebens angelegt hatte. In diesem Moment hatte er eine Verbindung zu der Vergangenheit hergestellt, als er noch ein spielendes Wesen, ein homo ludens, war, weil er sich von einem in ihm hausenden, ihn hemmenden Widerstand dagegen befreit fühlte und sogar beflügelt durch seine nun geweckte Empörung gegen die lange gehorsam ertragene Verbannung in der Spiellosigkeit des Welternstes, ein ihm nun äußerst fragwürdig erscheinender Ernst, wenn er in diesem Boden wurzelte. Endlich spürte er wieder, wie es sich anfühlte, ganz Spiel zu sein und damit grenzenlos. Ein grenzenloses Leben in einer grenzenlosen Welt. Neugierig folgte er der Spur seiner Erinnerung tiefer hinein ins Reich des Vergessenen, bis er dem Tag begegnete, an dem diese Grenzenlosigkeit geendet hatte, der Rausch des Spielens verschwunden war, als wäre er nie wirklich gewesen. Er hatte die Welt der Zahlen und der Ordnung betreten müssen, die Peitsche des Befehls kennenlernen müssen, die für eine lange Zeit und oft genug mit strenger Hand über ihm geschwungen wurde, um ihn in die passende Form zu bringen, die diese Spiellosigkeit erforderte. Wie er jetzt zugeben musste, war es eine sehr effektive Strategie gewesen. Die Erinnerung an das Vorher schien damals aus seinem Wesen gelöscht, als hätte eine gnädige Amnesie sie verschlungen, um ihm den Umzug in seine neue Realität zu erleichtern. Doch hatte das Spiel irgendwann wieder bei ihm angeklopft, wie ein globetrottender alter Freund, der plötzlich vor der Tür stand und alle vergessenen Erinnerungen in einem Moment wieder zum Leben erweckte, den man freudig überrascht umarmte, weil man sich im Augenblick seiner Rückkehr mit einem Mal schmerzlich bewusst wurde, wie sehr man ihn vermisst hatte die ganze Zeit, diesen famosen Überlebenskünstler, und ihn willkommen hieß und bei sich wohnen ließ.
Dieses Anklopfen war passiert, hatte nur passieren können in der Zeit, die danach kam, die die Zeit dieses von der herrschenden Vernunft beherrschten Vergessens in ihm ablöste, und dessen Zeitpunkt er nun mit Hilfe seiner scharfgestellten Erinnerung genau festzulegen in der Lage war. Es war der Moment, da er sich endlich befreit gefühlt hatte aus den Fangarmen des ihn tagaus tagein knetenden und modellierenden Erziehungswesens, das sich manchmal in seinen nächtlichen Träumen in ein Furcht erregendes, bizarres Ungeheuer verwandelte, das ihn hochschrecken ließ und ihm den Schlaf stahl. Und nun, selbständig auf seinen zwei Beinen umher schweifend und auf den vor ihm in einem jahrelangen Prozess ausgebreiteten Ernst des Lebens wie aus der Beobachterposition eines Hochsitzes blickend, schien es ihm, dass dieses Wesen, dem er unterworfen war, nur einen Zweck zu erfüllen hatte, einen allerdings eminent wichtigen. Es war zuständig für die Einübung einer Technik, um sich in einer auf dem Kopf stehenden Welt bewegen zu können, eine Technik, die so notwendig war wie ein Schwimmkurs, um im Wasser nicht unterzugehen. Sie bestand darin, und es mochte sich leichter anhören, als es war, denn ihre Erlernung brauchte viele Jahre, dass er Das-auf-dem-Kopf-Stehen der Welt als den richtigen Daseinszustand sowohl vor sich in seinem Inneren als auch vor allen anderen da draußen gläubig anerkannte. Ausgehend von diesem Gedanken und angesichts der Tatsache, dass die meisten diese Technik offensichtlich verinnerlicht hatten, sie mehr oder weniger gut beherrschten, sie aber in jedem Fall fleißig anwendeten und es auf diese Weise geschafft hatten, eine dichte, dornige Rosenhecke um die auf dem Kopf stehende Welt anzulegen, einerseits undurchdringlich für neugierige, skeptische Blicke, um diesen Daseinszustand nicht sichtbar werden zu lassen, andererseits aber sehr dekorativ und außerdem, aufgrund ihrer speziellen Züchtung, den Duft von Richtigkeit aus ihren verschwenderisch sprießenden bunten Blüten verströmend, schien ihm das ein durchaus akzeptables Leben sein zu können. Die größte und überzeugendste Leistung dieses alternativen Angebots lag darin, permanent ein Wohlgefühl von Normalität für das Auf-dem Kopf-Stehende zu verbreiten, ein Wohlgefühl vergleichbar mit dem Sitzen in einer mit heißem Wasser und beruhigenden Ingredienzien gefüllten Badewanne, aber auch ein Wohlgefühl, das irgendwann bei ihm in Verdacht geriet, abhängig zu machen. Denn wurde die hypnotisierende Macht der Normalität absolut, war sie stark genug, sich jegliche Fragen und Zweifel an ihrer Legitimation vom Leib halten. Es gab eine Menge Ausdrücke für diesen Umstand, die jeder kannte, jeder gebrauchte.
„So ist die Welt“ war einer. „So ist das Leben“ war ein anderer. „Was soll man machen?“ war noch einer. Und zur Bekräftigung solcher Sätze wählte man gerne ein müdes Schulterzucken oder ein deprimiertes Augenbrauen-Hochziehen, was aber nicht als Kritik missverstanden werden sollte, sondern nur das Ausmaß der allgemeinen Abhängigkeit von diesem Normalitätsempfinden zeigte zu einer Auf-dem-Kopf-stehenden Welt und meistens dazu führte, dass man noch etwas heißes Wasser in die Wanne nachlaufen ließ.
Wenn er eben noch gedacht hatte, es gäbe nur einen Grund für die Existenz dieses Erziehungswesens, so musste er sich eines Besseren besinnen. In dessen mit sirenischen Klängen garnierter Forderung einer Unterwerfung unter seine Sicht auf die Dinge lag auch die Keimzelle des Zweifels und sollte auch darin liegen, absichtlich, als ein verborgenes Ventil, um nicht selbst an seiner luftdichten Absolutheit zu ersticken. Wer zweifelte, war nicht mehr blind für die vielen Trampelpfade, die um ihn herum waren, die das ganze Land kreuz und quer durchliefen. Seine immer wieder aufkeimenden Zweifel waren es, die ihm von Zeit zu Zeit die Möglichkeit verschafften, sich diesem verlockenden Unterwerfungsangebot zu verweigern, unerzogen zu sein wie ein Kind, das nicht vernünftig sein wollte, sondern neugierig durch die Dornenhecke kriechen wollte, um zu sehen, ob die Welt denn so war, wie man ihm erzählte oder doch anders und vielleicht sogar auf dem Kopf stand. Natürlich war das in vielerlei Hinsicht kein ungefährliches Vorhaben. Es bestand zum Beispiel die Gefahr, dass er herausfand, dass die Welt wirklich auf dem Kopf stand, sie ihm aber so als schöner erschien, als wenn er sich vorstellte, sie stünde auf den Füßen, und dass man sie deshalb aus Gründen der Schönheit schon vor langer Zeit so herumgedreht hatte, und dass das ein erfreulicher Grund war, den er ohne weiteres akzeptieren konnte, was aber im gleichen Atemzug bedeutete, dass er damit die Freiheit des Zweifels aufgäbe und mit ihm die Hoffnung auf die Überwindung der Trennung des einen vom anderen. Etwas Raublütiges, erfahren im Erleben von Abenteuern, das über Unmöglichkeiten lauthals lachte, war zu hören.
Er identifizierte es als das Quaken einer ansehnlichen Entenschar in dem schläfrig daliegenden Weiher. Ihre Anwesenheit hatte er nicht erst jetzt wahrgenommen, doch waren sie bisher nur Hintergrundobjekte zur Füllung seines Bildes und zur Schaffung und Darbietung einer Szenerie zum Wohlgefallen seiner Spaziergängeraugen. Und nun plötzlich, ohne dass er wusste, wodurch hervorgerufen, vielleicht allmählich unzufrieden geworden mit ihrer Nebenrolle in seinem Bild, drängten sie sich in den Vordergrund und spielten nun eine Hauptrolle. Die Enten hatten sich zu einem einzigen quakenden Wesen unter einem gemeinsamen Willen vereint, waren zu ihm heran geschwommen wie in einem Protestzug und stellten lautstark Forderungen an ihn. Was glaubten sie wohl, das er ihnen geben könnte? Oder aber forderten sie gar nichts für sich, sondern riefen ihm vielmehr etwas zu, wie aufgeregte Kinder im Kasperletheater es taten, wenn sie dem Ahnungslosen auf der Bühne helfen wollten?
Er spürte nun die metallene Härte der Parkbank. Die ganze Zeit, während er auf ihr gesessen hatte, war davon nichts über die Schwelle seiner Aufmerksamkeit getreten, weil die Dominanz seiner aufgewühlten Gedanken ihr Durchkommen blockiert hatte. Zu sehr war er eingenommen von einem neuen, sich ihm aufgetanen Blick auf den Verlauf seines Lebens im Licht bisher unerkannter oder auch gemiedener Zusammenhänge, ausgelöst erst durch einen ihn, im wahrsten Sinn des Wortes, aufrüttelnden Vorfall, wie es ein Einbruch in seine privatesten Räume nur sein konnte. Bisher ungestellte Fragen über Personen, Ereignisse, Verbindungslinien, Verantwortlichkeiten, Einordnungen und Bewertungen hatten sich ihm vorgestellt. Ab hier hatte er Neuland betreten, das Land, das er bisher mit Hilfe unorigineller Ausreden hatte meiden können und meiden wollen, weil er sich fürchtete, uneingestanden fürchtete, vor ihm, das ihn nun aber herausforderte und neugierig machte, das Land, das die andere Hälfte des gesamten Landes ausmachte. Endlich war er so weit gekommen, wenn auch erst durch die Wucht eines kräftigen Schubsers, was aber für die eigentliche Tatsache egal war.
Und nun hatte dieser unangenehme Druckschmerz, herrührend von dieser harten Bank, doch einen Weg durch die Blockade gefunden. Er wurde sich bewusst, wo er war. Wie eine sitzende Skulptur hatte er unbeweglich den Enten auf dem Weiher bei ihrem dörflichen Treiben zugesehen. Inmitten all seiner Gedanken hatten sie eine freundliche Insel der Gedankenleere gebildet, die er als Basislager genutzt hatte, um von dort seine Expeditionen zu lenken in eine von ihm andersherum gedrehte Welt. Tatsächlich war nämlich die Entenschar während seines Sitzens sein Zentrum gewesen, das Zentrum der Leere, um das seine Gedanken wirbeln konnten, so wie das Auge eines Hurrikans, in dem Windstille herrschte, dessen Zentrum war, während drumherum alles in einen wirbelnden Tanz versetzt wurde. Und jetzt präsentierten ihm diese Enten ein anderes Bild, das ihm wie das Licht eines leuchtenden Vorbilds erschien. Denn trotz ihrer Vielzahl bildeten sie eine vom gefährlichen Virus der Trennung nicht befallene Einheit.
Lag das Geheimnis, dass sie zu einem gemeinsamen Wesen werden konnten, womöglich in ihrem choralen Quaken? Und lag darin vielleicht der entscheidende Hinweis, der seiner Hoffnung Nahrung geben konnte? Handelte es sich hier womöglich um eine Menschenfütterung durch wohlmeinende Enten? Die Enten schienen sich lustig über ihn und seine Fragen zu machen, quakten weiter, ganz lässig und entspannt, aus ihren Schnäbeln einen so selbstbewusst getröteten Gesang, dass er ihm fast lieblich erschien, und dass er unwillkürlich seinen Fuß mitwippen ließ, dem jazzigen Rhythmus folgend, den er aus ihrem Vortrag nun deutlich heraushörte. Er bedankte sich dafür bei ihnen mit einem kurzen, eingeworfenen „Quak“ und hatte das unwirkliche Gefühl, sich in trauter Gemeinschaft mit ihnen im Auge des Zeitsturms zu befinden, was seinen Rücken jedoch keineswegs daran hinderte, immer lauter nach einer Veränderung zu verlangen. Mit einem leicht unwilligen Knurren erhob er sich langsam, um sich wieder gerade zu biegen und den schmerzenden Rücken zu besänftigen.
„Wenn man es schaffte, das Matterhorn umzustürzen, dann könnte es gehen, die Trennungen zu überwinden“, hörte er sich sagen.
Amüsiert über die Lächerlichkeit dieser Idee schüttelte er nachsichtig und sanft seinen Kopf und fragte sich mit einem schief lächelnden und ungläubigen Gesichtsausdruck, wer wohl dieser Eindringling nun wieder war, und wie er wohl aussah, der ihm diese Idee einer derartig unmöglichen Tat von außen, denn seine war es gewiss nicht gewesen, in seinen Kopf gepflanzt hatte. Doch so verrückt und unvernünftig die Idee ihm auch vorkam, verglichen mit den vernünftig quakenden Enten, die, neben ihm durchs Wasser gleitend, ihm bei seinem nun wieder aufgenommenen Spaziergang noch für eine kurze Wegstrecke Gesellschaft leisteten, was in ihm unvermittelt die Frage nach dem Wesen des Gleitens aufwarf, so übte sie trotzdem oder besser gerade daher einen starken Reiz aus, einen Reiz, der allem Verrückten anhaftete, ja geradezu seine Existenz sichernde Eigenschaft war, einen Reiz, der so lebendig war wie eine Melodie, die nicht mehr aus dem Kopf ging oder ein Wort oder ein Name, gegen dessen sich hartnäckig wiederholenden Klang es keine Gegenwehr gab und keine Taubheit, und man noch nicht einmal wusste, warum.
Er spazierte weiter um den von hohen Buchen umstandenen Weiher, ein Spaziergänger nur unter all den anderen, so schien es, doch träumte er mit offenen Augen, blickte auf einen sich vor ihm erhebenden mächtigen, schneebedeckten Berg, einen, so wie ein Kind einen Berg malen würde, einen mit einer bilderbuchhaften Spitze, und unweigerlich ergab sich die Frage, wie er die Vorstellung dieser in ihm randalierenden Idee in eine Tat umsetzen konnte. Ging es allein? Das Umstürzen des Matterhorns war schließlich eine große Aufgabe, wenn er es einmal verniedlichend ausdrücken wollte. Um sich einen ersten Eindruck von der Schwierigkeit zu machen, legte er spielerisch beide Hände um diesen Berg mit seinen eiskalten Gletschern und begann zu rütteln. Sein erstes Urteil bestätigte das, was er vermutet hatte. Stabil! Natürlich! Wenn es so leicht gewesen wäre, ihn umzustürzen, hätte es ihn enttäuscht. Großes möchte große Anstrengungen herausfordern, um sich selbst seine Größe zu beweisen.
Der Traum hinter den offenen Augen löste sich auf in seinem wieder einsetzenden Blick der Normalität. Er stand da, seine Hände umfassten nicht länger die fernen Gletscher des Matterhorns, sondern steckten in aller Gewöhnlichkeit in seinen Hosentaschen. Während er begann, sich wieder zu bewegen und weiter zu schlendern, orientierte er sich, wo er war, und was um ihn herum vorging. Er befand sich immer noch in dieser weitläufigen, städtischen Parkanlage und registrierte interessiert die hier stattfindenden Bewegungen von zivilisatorischer Geordnetheit und Anerkanntheit, ausgeführt von in diesem Rahmen störungsfrei funktionierenden Eigensinnigkeiten.
„Zweihundert Jahre leben mit der Maschine“, dachte er, und das nicht nachdenklich und verbunden mit irgendeinem Gefühl, sondern mehr automatisch.
„Definieren Sie Maschine!“ sagte der Ankläger zu ihm.
In seiner antwortlosen Verlegenheit auf dieses Ansinnen schaute Hagen auf seine Armbanduhr und erkannte erleichtert, dass gerade jetzt wie aus dem Nichts ein wichtiges und sofort als vorrangig erklärtes Ereignis sich ankündigte, das kurz bevor stand und ihm aus dieser unangenehmen Lage heraus half, sich dazu äußern zu müssen. Gleich würde nämlich seine Digitaluhr 11 Uhr 11 und 11 Sekunden anzeigen. Gebannt starrte er auf das Vorwärtsschreiten der Zeit mit der einher gehenden Veränderung der Zeichen, die von der Unterschiedlichkeit hin zur Vereinigung in Gleichheit strebten. Es war ihm plötzlich ein so wichtiges Ereignis und kein Ausweichen aus Verlegenheit mehr, dass er einen Teil seiner Lebenszeit dafür aufwendete, den Countdown zu verfolgen, um den Eintritt der sechs gleichen Zeichen in sein Leben zu erleben. Mochte es auch nur ein flüchtiges Sekundenerlebnis sein und unbedeutend im Meer der Sekunden, wie es vielleicht für den oberflächlichen Beobachter den Anschein hatte, so war es für ihn eines von Raum, allen Raum, ergreifender Wirkung, das nun im Fokus seiner totalen, alles andere ausschließenden Aufmerksamkeit stand, und das, so weit er sah, drei Phasen durchlief und möglicherweise sogar mehr, die sich ihm bisher nur nicht gezeigt hatten, was aber nicht hieß, dass sie es nicht irgendwann tun würden.
Am Anfang war die sich schnell und fiebrig aufbauende Spannung, dann das erwartete und doch durch seine Plötzlichkeit unerwartet und auch ein wenig erschreckend eingetretene Plateau eines spannungsfreien, schwebenden, schwerelosen Moments, der eine Ewigkeit war, in der Zeit keine Bedeutung hatte, der von einem lautlosen Jubel durchhallt wurde angesichts der sechs gleichen, durch elektrische Impulse erzeugten Balken und dann als dritte Phase der Übergang in das milde, schläfrige Lächeln im Zustand eines zart plätschernden, freundlich murmelnden Friedens, das dieser Ewigkeit folgte, und in dem auch eine gehörige Portion Dankbarkeit lag, ihr wieder entkommen zu sein.
Wenn es dabei rein um die Form der sechs gleichen Balken nebeneinander gegangen wäre, hätte er auch sechs gleiche Striche auf ein Blatt Papier malen können und sich diese so lange ansehen können, wie es ihm beliebte. Dieser Gedanke enthielt Elemente einer Komik, die ihm behagte, und er lachte belustigt auf. Es war immer komisch, wenn man durch einen eher neckenden als gnädigen Zufall Beweise für die Unterschiedlichkeit von Leben und Tod entdeckte, Beweise, die trotz ihrer tatsächlich unverborgenen Allgegenwart meistens doch unsichtbar blieben, weil sie zu offensichtlich waren für das hochspezialisierte, auf das Erkennen komplizierter Zusammenhänge ausgerichtete Radar der Denkorgane, das sie auf diese Weise leicht unterfliegen konnten und so übersehen wurden. Hier, auf der einen Seite, die sechs gezeichneten Balken, eine feste unveränderliche Struktur bildend, endgültig damit und tot, und in diesem Symbol enthalten alle jemals auf einer Uhr gewesenen und jemals sein werdenden sechs Balken, in einem gemeinsamen, ewigen Grab, und da die Faszination durch das Erlebnis dieses sechsbalkig aufscheinenden Lebensmoments, dieses einen Anfangs und einen Endes, und zu spüren, ernsthaft beteiligt zu sein an dessen gesamter Lebensdauer mit seiner Vergänglichkeit. Es kam ihm komisch vor, dass in dieser, auf den ersten Blick, scheinbaren Unterschiedslosigkeit der sechs Balken der Unterschied zwischen Leben und Tod verborgen lag, der ihm immer so gewaltig erschien und doch auch so gering war. Und genau daran, an dem Bemerken dieser Geringfügigkeit entzündete sich die Magie dieses komischen, unwiderstehlichen Drangs, auf die Uhr starren zu wollen. Vielleicht war es diese göttliche Sinnlosigkeit, mit dem sich ihm Gott als Komiker offenbarte, die er in solchen Momenten verspürte und das darin aufflackernde Licht einer Erlösung vom herrschenden Dogma der Geradlinigkeit als einzig gültigem Lebenssinn, in die er hinein geboren war, die ihn festhielt wie ein tausendköpfiger Familienclan, der unbeirrt und beständig den Glauben an die Lehre eines auf geregelter Mechanik beruhenden Lebens verbreitete. In Wirklichkeit war er aber nicht erst seit dem Quaken der Enten, das ihn nur noch bestärkt hatte, sondern schon viel früher, zu einem Zweifler geworden, der ihn auf seinem weiteren Weg zu einem Ungläubigen der alten Legenden gemacht hatte, zu einem, der auch nicht nach einem anderen Glauben zu suchen beabsichtigte, sondern auf einen solchen Selbstauftrag verzichtete, dessen Gewicht er, nur schon bei dem Gedanken daran, auf seinen Schultern spürte wie die Last eines schweren Rucksacks, der mit seinen Riemen schmerzhaft in seine Muskeln einschnitt, den Kreislauf seines Blutes abschnürte und den breiten Fluss des Blutes in den Arterien zu einem Rinnsal werden ließ. Was er wollte, war, sich einfach nur ohne ein solches Gewicht, ohne irgendwelche einschränkenden Vorgaben auf die Vorgänge, die sich auf dem Display seiner Armbanduhr abspielten, zu konzentrieren, die sich darin aufbauende Spannung zu erleben, und zu beobachten, wie es ihm als Teilnehmer an diesem dynamischen Geschehen erging und welche Empfindungen es in ihm auslöste. Es ging alles ganz leicht, wenn er nicht auf seiner Meinung über sich selbst beharrte.
In dieser Haltung der bedingungslosen Geöffnetheit dafür, kam ihm die Vorstellung eines nicht mechanisch gesteuerten Lebens in den Sinn. Es war dies aber nur eine mit Worten sich zeigende Vorstellung, ein Begriff, der nur durch seinen Klang lebte, weil es ihm unmöglich war, sich ein Bild davon zu machen, wie die Welt in diesem Fall funktionieren würde. Er beklagte seine Unfähigkeit dazu und verdächtigte sie, die Spätfolge eines allmählichen Absterbens seiner Wurzeln zu sein, was den Verlust seiner vitalen Verbindung zu seiner Herkunft bedeutete. Er sah sich als Produkt einer schon Jahrhunderte und vielleicht sogar Jahrtausende währenden Mechanisierung der Bewegung und des Denkens, als ein hybridisch gewordenen Wesen, das auch Maschine war und mehr dazu wurde und seine Verbindung zu der Zeit davor, der Zeit des nichtmechanischen Lebens nur noch gelegentlich in schwachen Echos wahrnahm, wenn die Winde günstig standen und die Übertragung dieser Signale nicht von maschinell erzeugten Turbulenzen überlagert oder gestört wurden.
Zufrieden hob er den Blick. Der Moment war erlebt. Die Luft war so leicht.
„Wau, wau“, antwortete freundlich grüßend der Hund, schneller, als sein Herr etwas erwidern konnte, weil er befreit war von dessen Zwang, immer erst den Berg des Nachdenkens erklimmen zu müssen, bevor er etwas sagen konnte. Er, als Hund, empfand die weltbewegende Bedeutung dieser manchem sonderbar erscheinen mögenden Begrüßungslaute auch so. Sie erreichten auf direktem Weg sein Herz, ohne komplizierten Umweg über die Serpentinen eines Denkorgans. Mit seinem Doppelwau teilte er das der Welt laut und deutlich mit.
Wenn man es wissenschaftlich anpackte, fiel ihm dazu ein, würde es sicherlich gelingen, diese Reaktionszeit auf ein Tausendstel genau zu messen, die entsteht durch das Nachdenken, um damit das innere Misstrauen gegenüber dem äußeren Signal zu überprüfen, bis man handelte. Es könnte sich daraus sogar eine Theorie über die gesundheitlichen Auswirkungen unterschiedlicher Misstrauens – Reaktionszeiten (MRZ) auf die Fortpflanzungsfähigkeit entwickeln oder auf die Intelligenz oder auf beides. Es könnte sich sogar mehr noch, und hier hielt er plötzlich inne in seinem wildgewordenen Denkschwall, wurde starr und bewegungslos wie ein Faultier beim Anblick eines Feindes, weil er merkte, was gerade mit ihm geschah. Der unsichtbare Komiker war wieder da und spielte mit ihm. Das war wirklich ein sehr ermutigendes Zeichen.
„Der Satz des Pythagoras!“ sagte in diesem Augenblick der Mann, dessen Hund es schon vor ihm verstanden und ausgeplappert hatte, und damit seine Theorie von der Verzögerung des Handelns durch das Nachdenken bestätigte.
Alle drei waren stehen geblieben. Ihre Blicke trafen sich in einem imaginären, unfesten Schnittpunkt im Raum zwischen ihnen, irgendwo und unberechenbar und versetzten sie unwillkürlich in einen Zustand, wie man ihn erlebte, wenn der böige Wind auf einem Berg nicht einfach immer nur anschwoll oder abschwoll, sondern überraschend für einen Moment ganz ausblieb. Pythagoras hatte sie vereint durch diesen merkwürdigen Satz, der ja gar kein richtiger Satz war, sondern so etwas wie eine andere, komprimierte Form der Kommunikation. Wie mag es den Leuten damals vorgekommen sein, nachdem er vor ihnen zum ersten Mal seinen neu ausgedachten Satz ausgesprochen hatte? Hielten sie ihn vielleicht für verrückt? Das war gut möglich, eher sogar wahrscheinlich, aber es war gleichgültig, denn man war sofort dem magischen Klang dieses Satzes verfallen, ja, es war sein Klang, und man sang ihn seitdem ohne Unterbrechung bis heute. Es muss so gewesen sein, sonst wäre dieser Klang heute nicht noch ebenso schön wie am ersten Tag und sicher längst vergessen.
„a²+b²=c²“ riefen sie laut wie aus einem Mund einer Gruppe von Sportlern zu, die im schnellen Laufschritt dabei war, die Natur zu durcheilen, und auch der Hund versäumte es nicht, ihnen diesen Gruß in seiner eigenen Übersetzung zu entbieten. Unabgesprochen war das geschehen, ausgelöst von dem wieder einsetzenden böigen Wind, der sie spielerisch wie trockenes Herbstlaub in einen anderen Raum verweht hatte, einen, der sonst nur eineiigen Drillingen offen stand.
„Matterhorn!“ erscholl wie im Chor die prompte, schweißnasse, muskulöse Antwort der Läufer, als wären sie eineiige Viellinge .
Überrascht merkte Hagen auf. Woher konnten sie von seinen Überlegungen wissen? Hatten sie Signale wahrgenommen, die, ohne dass er es wusste, aus ihm entwichen waren auf der Suche nach fremden, außerhalb von ihm existierenden Lebensformen? Er hatte mit keinem darüber gesprochen, weil es nichts zu sprechen gab, weil er sich ja selbst nicht im Klaren war, wie er auf diese Idee mit dem Matterhorn hatte kommen können, und ob ihn vielleicht so etwas wie eine Infektion befallen hatte, die ihn aber nicht krank machte, sondern Worte und Bilder in ihm hervorrief, deren Fremdheit in Klang und Farben sich mit denen der alltäglichen Üblichkeiten mischten und so andere Horizonte entstehen ließen, doch nicht wie in einem Traum, anders, mehr wie in der wachen Hellsichtigkeit einer Fatamorgana, deren Erzählung ja von etwas hinter dem Horizont der Normalität handelte. Über so etwas konnte er doch in diesem Stadium noch mit keinem sprechen. Woher wussten sie es also? Vielleicht hatte diese Infektion eine Sensibilisierung von einigen Hundert Milliarden der in seinem, wenn man es überhaupt so personal ausdrücken konnte, Körper mitwohnenden, miteinander verwobenen Lebewesen ausgelöst, die sich äußerte, unsichtbar, in einem Herausschleudern von unmessbar geringen Energiemengen, Protuberanzen der Winzigkeit, die mit ihrem Energiewind in einem Akt gemeinsamer, gebündelter Übereinstimmung bei ihrem Auftreffen auf Äußeres, dort verblüffende Resonanzwirkungen hervorrufen konnten, wo dann dieses eine darin enthaltene und auf diesem Weg aus ihm heraus geschleuderte, noch wortlose Wort aufgenommen und in Sprache übersetzt wurde, und dann, geworden zu dem Wort Matterhorn, von dort aus deren Kehlen zurück geworfen wurde zu seinen Ohren, denen des Mannes und denen des Hundes.
Prüfend sah er dem Mann mit dem Hund in die Augen und stellte fest, dass der keineswegs überrascht war über die Antwort dieses schnellfüßigen und zielgerichtet vorbei hastenden Energiekonzentrats, sondern zufrieden lächelte wie ein Zauberkünstler nach einem gelungenen Trick. Und auch der Hund blieb unaufgeregt, als wäre er selbstverständlich über seine Gedanken auf dem laufenden.
„Ich habe gehört“, sagte der Mann mit dem Hund, „dass einer käme, der den Berg umstürzen will.“
„Es geht mehr, als man denkt“, antwortete ihm Hagen darauf und wunderte sich nicht einmal über sich dabei.
Er hörte, wie der Hund dreimal bellte und wusste nicht, ob es Zustimmung oder Widerspruch bedeutete.
„Wenn Pythagoras wüsste, was er da angerichtet hat“, sagte Hagen und horchte nach fernen Echos, herrührend von der unbekannten Rückseite des Matterhorns.
Vielleicht standen die Winde heute ja günstig, um an ihm vorbei zu kommen. Der Hund hielt schnüffelnd seine Nase in die Luft, zog an seiner Leine, wollte in eine andere Richtung. Wahrscheinlich dachte er nur ans Fressen. Im selben Moment hatten sie den Raum der eineiigen Drillinge wieder verlassen, doch geschah es nicht mit leeren Händen. Immerhin hatten sie dort die außergewöhnliche Erfahrung eines gemeinsamen Moments erlebt, den Zustand, einer gemeinsamen, bewegungslosen Subjektivität, dessen Eigenschaft die Zeitlosigkeit war, ein Zustand, der aber aus Gründen einer fast schon triebhaft in den Körpern vorherrschenden maschinellen Unrast, die in eine Verpönung der Stille und in ein Verbot des Stillstands mündete, wenig allgemeine Wertschätzung erfuhr.
Das war seine Sicht auf diesen Moment, nachdem er zurückgekehrt war in das Fluidum der alltäglichen Unruhe, in dem er fast ständig unterwegs war, selbst in der Nacht oft genug und, ohne anzuhalten, nach einem Ende hinstrebte, es zu wollen, es zu suchen und gleichzeitig, es zu fürchten, und es durch uneingestandene Selbstsabotage hinaus zu zögern. Gleichzeitig widerspruchsfrei Gas zu geben und zu bremsen, darin lag das Geheimnis dieses Fluidums. Es war nichts anderes als die Normalität, die er schon lange verdächtigte für das Auf-dem-Kopf-Stehen der Welt verantwortlich zu sein. Aus diesem Grund hatte er manchmal das Gefühl, an der Normalität zu verzweifeln und gab ihr dann schnell einen anderen Namen, in der Hoffnung seine Situation dadurch zu verbessern und nannte sie Realität. Statt Rückenschmerzen hatte er jetzt Kopfschmerzen. Und mit diesem Blick sah es nach einem gerade stattfindenden Kampf aus, bei dem die Objektivität der Maschine gerade dabei war, die Subjektivität des Körpers zu besiegen, und es fast schon geschafft hatte, die absolute Herrschaft zu übernehmen. Es gruselte ihn, aber nur gerade so viel, dass es einen Lebensreiz darstellte, den er in wohliger Panik den Rücken herunter schauern spürte. Diese darin enthaltene Lust war es, die ihm die Angst als bloßen Schein entlarvte. Sie sollte nur seine Neugier auslösen, auch um die nächste Ecke zu gucken und die nächste und die nächste auch. Denn seine Wahrnehmung, die ihm Kopfschmerzen bereitete, zeigte sich ihm als eine kurze Momentaufnahme und dieser Kampf wäre in der Aneinanderreihung aller Momentaufnahmen gar kein Kampf und auch kein Ringen, sondern ein gemeinsamer Tanz auf der großen Bühne, an dem er teilnahm als Subjekt und Objekt.
„Ich muss jetzt nach Hause“, sagte der Mann mit dem Hund sich verabschiedend. „Der Hund, Sie sehen ja, wartet schon auf sein Fressen.“
Hagen beneidete den Mann um seinen Hund in diesem Augenblick. Er hatte große Führungsqualitäten, war ohne Zweifel. Er kannte die richtige Richtung. Hatte Pythagoras eigentlich einen Hund?
Hagen dagegen war unschlüssig stehend allein zurück geblieben, wusste keine Richtung, in die er sich wenden sollte, hatte dem Mann mit dem Hund hinterher gesehen auf dessen Weg nach Hause. Er war immer beeindruckt, wenn er jemandem begegnete, der genau wusste, wohin er wollte. Dann fühlte er jedes Mal seine eigene Unschlüssigkeit auf sich lasten wie einen Makel, der ihn sichtbar machte, zu einem Beispiel machte für eine aus der Unvernunft entstandene handlungsschwache, labile Person mit einer fragwürdigen Einstellung zum Leben und seinen Anforderungen. Anders als für den Mann mit dem Hund und für den Hund selbst natürlich, der wusste, dass als nächstes der Weg zum Fressnapf dran war, gab es für ihn keine Klarheit über sein Tun über den aktuellen Zeitpunkt hinaus. Daher dieser Selbstvorwurf, der aber, wenn er ihn genauer unter die Lupe nahm, in Wirklichkeit nur eine argumentative Pflichtübung für die Konvention war, um formal eine Schuld auf sich zu laden wegen seiner tadelhaften Unschlüssigkeit und damit offiziell den Machtanspruch der Schlüssigkeit auf das Leben anzuerkennen, ebenfalls formal. Es war das übliche Lippenbekenntnis mit dem darin unausgesprochen enthaltenen Versprechen, sich zu bessern. Das war das Mindeste, was er ihr anbieten musste, wenn er ihren Machtbereich kreuzte. Doch zugleich mit dieser Geste der formalen Unterwerfung, spürte er, wie ein innerer Protest dieser Haltung heftig widersprach, ihn erwärmte wie das morgendliche Sonnenlicht die Schlange auf dem Felsblock damals am Ufer der Ardèche, die sich davon aufgeweckt, zu regen begann, und wie er gegen die gleichgültige Reglosigkeit aufstand, und wie er sich lustvoll gegen die Anmaßung wehrte, die ihm diese Schlüssigkeit und schienenhafte Zielgerichtetheit des Mannes mit dem Hund als das richtige und das erstrebenswerte Vorbild präsentieren wollte.
Er hörte ein kurzes Auflachen. Es war sein Lachen über diesen lächerlichen Anspruch an an sich. Und außerdem war sein Fall wegen seiner ungeheuren Dimension nicht mit dem anderen zu vergleichen. Die Idee, das Matterhorn umzustürzen, war etwas ganz anderes als ein gemütlicher Trott ins warme Heim und damit ein guter Grund, unschlüssig zu sein. Unschlüssigkeit hielt ihm alle Richtungen offen und befreite ihn von der Routine, die im Beschreiten der befestigten Wege lag und ihn immer nur zu einem Ziel hätte führen wollen, vor die Trümmer eines physisch umgestürzten Bergs. Wenn er sich darauf einließ, ständen ab sofort lauter Fragen zur Diskussion, um die es nicht ging. Eine solche Vorstellung, wenn er es je schaffte, sie in die allgemeine Wahrnehmung zu rücken, würde sicher in aller Ernsthaftigkeit und bedenkenschwer in der Öffentlichkeit diskutiert, würde natürlich unter dem Gesichtspunkt der Schwachsinnigkeit tiefsinnig erörtert, aber auch unter dem der Ästhetik oder ganz einfach dem der realistisch mathematisch zu beziffernden Kosten, die von ernsthaften, untadeligen Experten betriebswirtschaftlich korrekt berechnet und schließlich als zu hoch bezeichnet würden, sowohl im Verhältnis zu den damit geschaffenen Arbeitsplätzen, die zweifellos auch aus diesem Umsturz entstehen würden, als auch im Verhältnis zu der daraus resultierenden Zeitersparnis zwischen Abylon und Babylon, wenn der Berg nicht mehr im Weg stand. Angenehm wohltuend empfand er dagegen die freundliche Sanftheit, die in seiner Unschlüssigkeit lag. Befreit von jedem ihn sonst so oft ungehalten drängenden, vorwärts treibenden Willen hin auf ein Ziel, das seine Paradieshaftigkeit aber stets und zuverlässig in dem Augenblick zu verlieren pflegte, wenn es erreicht war und ihn nur mit dem Hologramms des Anscheins narrte, ließ er es zu, sich von ihr verführen zu lassen. Sie verschlang ihn mit Haut und Haaren. Es war leicht für beide. Sie waren Verbündete auf einer Reise zu unbekannten Gestaden.
Er hatte den Parkweg verlassen, war überrascht über sich selbst eingebogen auf einen kaum zu sehenden, fast völlig zugewucherten, heimlichen Trampelpfad, eine Bezeichnung, die ihm aber, kaum gedacht, falsch vorkam. Es war weit weniger, weil es keine Hinweise auf nieder- oder platt Getrampeltes gab, sondern eher ein durch weg gebogene oder zur Seite geschobene Pflanzen fast unsichtbarer Kanal der Geöffnetheit, eher eine Fluchtspur. Auf ihr hatte er bald die Kuppe eines kleinen Hügels erreicht, bewachsen mit Büschen und Bäumen und den in dieser Jahreszeit schon hoch aufgeschossenen Brennnesseln. Überrascht blickte er umher, um sich zu orientieren, verschnaufte ein wenig. Obwohl er sich im Stadtwald gut auszukennen glaubte, kannte er zu seinem Erstaunen dieses Stück Land nicht. Noch nie hatte er diese Spur bemerkt, was aber auch daran liegen konnte, dass sie sich ihm bisher noch nicht hatte zeigen wollen. Kein Mensch war zu sehen. Er war allein. Er war ein von Menschen befreiter Mensch. Ab hier führte ein dünner, kaum erkennbarer Pfad in leichten Schwüngen den Hügel auf der anderen Seite wieder hinunter. Doch folgte er ihm nicht. Er fühlte sich, als wäre er an dieser Stelle und in diesem Moment auch ein von Pfaden befreiter Mensch.
Mit schützend vor sein Gesicht gehaltenen Händen bewegte er sich ziellos durch die Unwegsamkeit des Geländes hier oben. An einem morschen, mit Moos bewachsenen Baumstumpf auf einer winzigen, von allerlei Gebüsch umrahmten Lichtung blieb er stehen. Seine Hand prüfte dessen Festigkeit. Er gab nur ein wohliges, leises Knarzen von sich, als erhielte er gerade eine baumspezifische Nackenmassage. Es gab keine Bedenken. Er setzte sich auf ihn wie auf einen Schemel. Im selben Moment spürte er, wie als Dank für diese Behandlung, das Wohlgefühl einer ungeheuer tiefen Entspannung oder vielleicht eher Entlastung, die sich in ihm ausbreitete bis zum Kopf und bis zu den Füßen, die ihn entführte in einen bewegungslosen Zustand, der sich ihm als Scheintodheit vorstellte. Hagen erstaunte ob dieser Begegnung, denn bis jetzt hatte er nicht gewusst, was Scheintodheit eigentlich war oder sein sollte oder bedeutete, hatte noch keine Erfahrungen mit ihr gemacht.
Nach einer Weile, die er als kurz empfand, sogar sehr kurz, begann das eben noch durch ihn, den Eindringling, verstummte Vogelgezwitscher um ihn herum wieder zu erwachen. Das Misstrauen gegen ihn war erloschen, seine Ungefährlichkeit erkannt, und das gestörte Leben nahm ganz unaufgeregt seinen unterbrochenen Verlauf wieder auf und, wie es ihm schien, nicht trotz ihm, sondern mit ihm. Er wunderte sich über die Schnelligkeit, mit der sich diese kleine Welt auf die veränderte Situation eingestellt und ihn in ihren Kreis aufgenommen hatte. Er war nun ein dazu Gehörender, akzeptiert von denen, die an diesem Platz und seiner Umgebung schon vor ihm da waren, als ein neu hinzu gekommener Mitbewohner. Mäuse raschelten an seinen Füßen vorbei auf ihren Wegen durch das lichte Gestrüpp, Kaninchen hoppelten unängstlich in der Nähe, Käfer krabbelten, Insekten ließen sich auf ihm nieder, Schmetterlinge klappten, auf ihrem Flug kurz auf einer Blüte innehaltend, ihre Flügel wie zu einem Gruß auf und zu. Es war ihm, als wäre er, plötzlich angekommen in seinen idealistischsten Träumen, ein ganz selbstverständlich anerkanntes Mitglied einer vorurteilslosen Dorfgemeinschaft, durch nichts anderes dazu qualifiziert als durch seine Anwesenheit. Er fühlte sich unbekämpft.
