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Trajan hat erfahren, dass er ein Barbar von jenseits des Meeres ist. Und er soll einen Krieg in den Barbarenreichen beenden. Vorher hat er aber seiner Begleiterin versprochen, sie an die Universität nach Königsstadt zu bringen und einen Verräter zu finden. Und dieses Versprechen will er um jeden Preis einhalten. Als wäre das nicht genug, hat er immer wieder Visionen von seinem versteckten Begleiter, dem roten Nebel. Und diese zeigen eine andere Geschichte als in den Menschenreichen erzählt wird. Mit diesen beiden Begleitern bricht er zu einem großen Abenteuer auf und ist dabei in die größte Verschwörung gegen die Menschenreiche verwickelt, welche schon Jahrtausende zurückgeht. Das ist der 2.Band zur Fantasyromanreihe "Die Saga ohne Wiederkehr".
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Seitenzahl: 481
Veröffentlichungsjahr: 2026
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1. Königsstadt
2. Die Universität der Zauberer
3. Unterricht
4. Erkenntnisse
5. Der Vertrag der Übergabe
6. Verbündeter
7. Der Fürst von Sakran
8. Die Nacht der Meister
9. Der König von Daran
10. Der verborgene Flügel
11. Das Ork-Viertel
12. Die Ork-Meister
13. Der Graf von Königsstadt
14. Die Armee des Schlächters
15. Irrsinn
16. Familienbesuch
17. Kriegszauberer
18. Abschied
19. Das Verlorene Viertel
20. Epilog
21. Anhang
In der Nacht hat sich Reif auf der Straße gebildet und unser Atem verwandelt sich in weiße Dampfwolken. Den ganzen Tag jagen wir über die Straße, nur kurz durch eine schweigsame Mittagspause unterbrochen. Die Straße ist dieses Mal gut gefüllt mit Händlern und ihren Wagen sowie einigen Kutschen. Ab und zu sind auch Soldaten auf ihren Pferden zu sehen und die Straße macht einen gepflegten Eindruck. Dennoch ist auch hier die erste Wechselstation verlassen worden, so dass wir erst nach zehn Stunden eine besetzte Wechselstation erreichen.
Dort wechseln wir die Pferde, denn Sonja besteht auf einen Weiterritt. Wie bereits vor Posodon reite ich durch und nehme abwechselnd Sonja und Sarena zum Ausruhen mit auf mein Pferd. Auch können wir aufgrund der Dunkelheit nur langsam reiten, so dass bereits der Morgen dämmert, als wir die nächste besetzte Wechselstation erreichen.
Erschöpft nehmen wir noch eine schnelle Mahlzeit zu uns und begeben uns dann zu Bett. Am Abend drängt Sonja auf einen schnellen Aufbruch und wieder reiten wir zwei Etappen hintereinander. Eine weitere Nacht und einen weiteren Gewaltritt später nähern wir uns endlich der Königsstadt.
Es ist gerade Morgendämmerung, als wir die Stadt erblicken. Sie schmiegt sich in ein riesiges Tal zu beiden Seiten des Flusses Rem. Die Stadt erscheint mir unglaublich groß und es fehlt jegliche Befestigungsmauer. In der Mitte befindet sich eine Insel mit einer enormen Burganlage mit unzähligen Türmen. In deren Zentrum scheint eine große Plattform in den Himmel zu ragen, getragen von einem schmalen Turm, der dazu eigentlich, rein optisch, nicht in der Lage sein dürfte. Über den Fluss spannen sich unzählige Brücken, während auf die Insel jeweils nur eine pro Flussseite geht.
Sonja und Sarena sind zu erschöpft, um dies alles wahrzunehmen, und so trotten wir weiter auf die Vororte der Stadt zu. Zum Glück befindet sich die Wechselstation am Stadtrand. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, schlingen Sarena und Sonja das Essen hinunter und begeben sich in die Schlafkammer. Auch ich geselle mich dazu. Mit Sonja in den Armen wache ich den ganzen Tag.
Es ist später Nachmittag, als Sonja wach wird.
»Guten Morgen, du hast wieder nicht geschlafen?«, begrüßt sie mich, wobei es eher eine Feststellung als eine Frage ist.
»Auch einen guten Morgen. Oder besser einen schönen Nachmittag«, erwidere ich, die Feststellung ignorierend. Auch Sarena wird nun wach, geweckt durch unsere Stimmen.
»Guten Morgen, ihr zwei.«
»Guten Morgen, Sarena«, erwidern wir beide zeitgleich.
»Da wir nun alle wach sind, sollten wir uns in die Stadt begeben. Aber vorher wollen wir etwas essen«, fährt Sonja fort.
Durch Hunger zur Eile getrieben begeben wir uns in den Gastraum, wo wir, abgesehen vom Wirt, alleine sind. Sofort stellt der uns etwas Brot und einen Eintopf unbekannten Inhalts auf den Tisch. Die Damen beginnen augenblicklich zu essen, dieses Mal aber gesitteter als am Morgen. Währenddessen habe ich Zeit, unsere kleine Gruppe zu betrachten.
Sonja sieht in meinen Augen wie immer wunderschön aus. Ihre roten Haare fallen zerzaust durch den wilden Ritt und den Schlaf auf ihre Schultern herab. Ihr Gesicht hat wieder Farbe bekommen, und sie trägt noch immer ihre Lederrüstung, die mittlerweile schon etwas derangiert aussieht.
Sarena hat durch die Reise etwas schärfere Züge bekommen, was sie aber eher attraktiver macht. Überdies sind ihre Augen schärfer und strahlender geworden.
Mich selbst kann ich nicht sehen, aber ich weiß mittlerweile, wie ich aussehe. Ein großer, breit gebauter Mann mit scharfen braunen Augen und einem Drei-Tage-Bart. Eingehüllt in einen schwarzen Mantel mit schwarzer Hose. Zum Glück ist mein Gesicht ziemlich gebräunt, sonst würde ich aussehen wie der Tod.
»Was hast du nun vor?«, fragt Sarena in Richtung Sonja, was mich aus meinen Gedanken reißt.
»Wir werden uns zur Universität begeben, wo ich versuche den Kanzler zu warnen. Auch werde ich ihn bitten, euch dort als Studenten aufzunehmen, damit ihr das Gelände betreten dürft. Denn nur Zauberer oder Studenten dürfen die Universität betreten. Deshalb müsst ihr davor warten, während ich mit dem Kanzler rede«, antwortet diese.
»Und wirst du ihnen auch mitteilen, dass ich ein Barbar bin?«, hake ich nach.
»Nein, darüber wollen wir lieber schweigen.«
Um die Universität zu erreichen, müssen wir die halbe Stadt durchqueren. Deshalb ist es schon später Abend, als wir endlich die Brücke zur Universität erreichen. Auf dem ganzen Weg durch die Stadt sind uns kaum Menschen begegnet, da starker Regen fällt. Und die wenigen sind uns vorsichtig ausgewichen, vor allem, nachdem sie mich erblickt hatten.
Am Ende der Brücke über den Fluss Rem ragen die Universitätstore in die Höhe und geben einen Blick auf eine große, hell erleuchtete Eingangshalle frei. Wachen oder Ähnliches sind nicht zu erkennen, der ganze Bereich ist wie ausgestorben. Obwohl die Tore trotz des Regens geöffnet sind, kann man erkennen, dass die Tropfen an einer unsichtbaren Wand abprallen und keine Feuchtigkeit in die Halle gelangt.
»Wartet hier. Ihr könnt erst eintreten, wenn es ein Meister erlaubt«, Sonja verabschiedet sich und drückt mir noch einen Kuss auf, bevor sie aus dem Regen in die trockene Halle verschwindet. Also bleiben Sarena und ich im Regen zurück, denn es gibt keinerlei Unterstellmöglichkeit auf der Brücke, die zu den Toren führt.
»Welche Art von Beziehung führt ihr eigentlich?«, fragt mich Sarena und überrumpelt mich damit.
»Wie meinst du das?«, erwidere ich.
»Zuerst habt ihr überzeugend das Ehepaar gespielt. Dann habt ihr gestritten und nun seid ihr in einer Art Verliebtheitsphase. Also seid ihr nun zusammen oder gar verlobt?«
»Das weiß ich auch nicht«, erwidere ich ernst.
»Dann solltet ihr mal darüber reden. Und zwar unter vier Augen, wenn ich nicht dabei bin. Denn du musst nicht jede Nacht über uns zwei wachen.«
Die Worte von Sarena geben mir zu denken, denn sie hat recht. Aber wir waren immer unter Zeitdruck hierher geeilt und hatten kaum Zeit zu reden. Aber dies ist nur eine Ausrede und nun kann sie nicht mehr gelten. Deshalb nehme ich mir vor, so bald wie möglich mit Sonja darüber zu reden.
Aber zuerst müssen wir aus dem Regen heraus, da sowohl Sarena als auch ich durchnässt sind. Vorsichtig nähere ich mich der Eingangshalle und wie schon bei den Schutzschildern der Zwerge kann ich ohne Widerstand durch sie hindurch. Sarena folgt mir, bleibt aber vor der Sperre stehen und blickt mich verwundert an.
»Komm herein, hier ist es trockener. Wir können auch hier warten«, fordere ich sie auf, bevor mir einfällt, dass ich ihre Hand berühren muss, damit auch sie die Barriere durchschreiten kann. Bevor ich aber wieder hinauseilen kann, ist Sarena auch schon durch die Barriere und gesellt sich neben mich.
»Wie hast du das gemacht?«, fragt sie mich verwundert.
»Was meinst du? Du hast die Barriere doch alleine überwunden.«
»Nein. Beim ersten Mal konnte ich nicht hindurch. Erst als du mich aufgefordert hast, war sie verschwunden. Also wie hast du das gemacht?«
»Keine Ahnung. Aber das sollten wir für uns behalten«, sage ich.
Die nächsten Minuten stehen wir in der Eingangshalle und schweigen uns an, während wir in der Wärme trocknen.
In der Ferne höre ich Sonjas Stimme, wie sie mit einem Unbekannten heftig diskutiert und sich dabei nähert.
»… aber es ist wahr. Und die beiden sollten an der Universität aufgenommen werden für das, was sie geleistet haben.«
Die unbekannte Stimme: »Ich kann nicht glauben, dass einer der Großmeister ein Verräter sein soll. Und die Geschichte, dass jemand einfach Zauberbarrieren durchqueren kann, als wären sie nicht da, ist lächerlich. Du solltest froh sein, dass du überhaupt noch hier studieren darfst bei deinen magischen Leistungen.«
»Aber darum geht es doch gar nicht. Es geht darum, dass eine riesige Ork-Armee in den Grünen Landen steht und vor uns durch Magie versteckt wird.«
»Schweig, ich werde jetzt deine Begleiter in eine Gaststätte schicken und über deine Zukunft reden wir morgen weiter.«
»Aber …«, höre ich noch mal Sonja einwerfen, aber ihr Gegenüber fällt ihr bereits ins Wort. »Nein, kein Aber. Ich habe entschieden.«
In der Halle tauchen Sonja und der Unbekannte auf. Ein großer, hagerer Mann mit einem strahlend weißen Mantel, der von einer grauen Kordel umfasst wird. Dazu passen der weiße Bart und die lange weiße Mähne, aus der zwei klare, blaue Augen hervorstrahlen. Als er Sarena und mich erblickt, bleibt er überrascht stehen.
»Wie kommt ihr hier herein?«, fährt er uns überrascht an.
Da er Sonja vorhin so herablassend behandelt hat, antworte ich mit bewusst spöttischem Ton.
»Auch einen wunderschönen guten Abend, der Herr. Die liebreizende Dame neben mir ist Lady Sarena von Rhod und mich dürfen Sie Sir Trajan nennen. Und hereingekommen sind wir durch die Tore hinter uns, da, wie Sie erkennen können, diese offenstehen und auch sonst niemand uns am Eintritt hindern wollte. Und solltet Ihr weiterhin ein Gespräch mit mir führen wollen, so passt bitte Euren Ton an eine höfliche Umgangsform an.«
Die Augen des Unbekannten verengen sich und mit drohendem Ton wiederholt er seine Frage: »Wie seid ihr hier hereingekommen? Und dieses Mal eine vernünftige Antwort oder ich werde sie mir holen.«
Nun blicke ich mein Gegenüber auch scharf an und mit ruhiger und entspannter Stimme: »Solltet ihr mich mit Magie angreifen, werde ich euch nur bewusstlos schlagen. Solltet ihr aber Lady Sonja oder Lady Sarena von Rhod angreifen, mit oder ohne Magie, werde ich euch töten.«
Diese Antwort und vor allem der ruhige Tonfall scheinen mein Gegenüber aus dem Konzept gebracht zu haben. Aber nach einem kurzen Moment fängt er sich wieder, und ich merke, wie er unmerklich die Position seiner Hände verändert. Also will er es augenscheinlich wirklich wissen und einen von uns angreifen.
»Haltet ein!«, hallt es durch die Halle und ein weiterer Zauberer mit weißem Mantel, aber schwarzer Kordel nähert sich. Der ist nicht mehr so strahlend weiß wie der des ersten Zauberers, auch der Träger ist kleiner und runder. Das dickliche Gesicht ist rot vom eiligen Schritt des Besitzers, einige Schweißperlen bilden sich auf der Stirn. Darunter befindet sich ein Paar kleiner dunkler Augen, und trotz seiner Figur und der unsauberen Robe strahlen die Augen Autorität und Macht aus.
Der erste Zauberer stellt sofort alle Bewegungen mit den Händen ein und mit säuerlichem Gesicht wendet er sich dem Neuankömmling zu. Bevor der aber das Gesicht erkennen kann, verändert es sich und aus dem säuerlichen Gesicht wird ein fröhliches Gesicht mit einem freundlichen, aber eindeutig falschen Lächeln.
»Seid gegrüßt. Ich bin Jarum der Weise, Leiter dieser Universität. Das ist Lokis der Große, mein Vertreter. Und euch Lady Sonja kenne ich bereits. Aber wer sind eure Begleiter?«
»Das ist Lady Sarena von Rhod und das ist Trajan, beide wollen hier studieren. Auch haben wir wichtige Nachrichten für euch«,
Bevor Lokis etwas einwerfen kann, sagt Jarum: »Dann lasst uns in mein Büro gehen und darüber reden. Oder wollt ihr euch vorher trockene Sachen anziehen?«
»Nein, es ist dringend, was wir mitzuteilen haben.«
»Nun gut, dann folgt mir. Und Lokis, wärt ihr so freundlich und sagt in der Küche Bescheid, sie mögen etwas Warmes zu trinken bringen und auch ein paar Handtücher. Danke.«
Ohne etwas zu erwidern, verschwindet Lokis und auch wenn sein Gesicht noch immer lächelt, so sind seine Augen mit Mordlust erfüllt.
Währenddessen führt uns Jarum durch die Eingangshalle auf die große Treppe zu. Danach folgt eine verwirrende Anzahl von Gängen und Abzweigungen, bevor wir in seinem Büro landen.
Das wirkt eher leer, in der Mitte befinden sich nur ein großer Schreibtisch und ein großer Lehnstuhl. Der Tisch selbst ist lediglich mit ein paar sorgfältig sortierten Papieren bedeckt. Keine persönlichen Gegenstände oder Ähnliches. Auch an den Wänden befinden sich nur ein paar Regale voll mit Büchern. Die sehen aus, als wären sie nur wegen der schönen Buchrücken hineingestellt worden, aber nicht, um sie zu lesen.
Jarum nimmt auf dem Lehnstuhl Platz und wie durch Magie erscheinen vor dem Tisch drei Stühle. Wohl ein Trick, um die Besucher zu beeindrucken. Was aber bei mir nicht wirkt und auch Sonja scheint dieser Trick nicht zu überraschen. Nur Sarena schaut erstaunt, und dies scheint Jarum zu genügen, denn er beginnt freudig zu lächeln: »Was habt Ihr so Wichtiges mitzuteilen, Sonja?«
»Ihr werdet mir wahrscheinlich nicht glauben, aber die Orks haben eine riesige Armee in den Grünen Landen gesammelt. Und das über Jahre hinweg. Trajan hier hat sie auch gesehen.«
Zum ersten Mal blickt mich Jarum interessiert an und wendet sich an mich: »Ihr habt sie auch gesehen? Wie das?«
»Ich war deren Gefangener«, erwidere ich kurz und bündig.
»Das ist interessant. Und wie kommt Ihr dann hierher?«
Also beginne ich die Geschichte von dem Zeitpunkt der Begegnung mit Sonja bis zum heutigen Tag zu erzählen. Wobei ich unter anderem meine Herkunft als Barbar, die Erlebnisse mit dem Metallgolem und den magischen Schilden, die Begegnung mit dem Fürsten von Posodon und der Rolle von Sarena als Spionin weglasse. Auch erwähne ich nicht meine Beziehung zu Sonja. Dennoch dauert die Geschichte einige Zeit, und auch als die Bediensteten die Getränke und Handtücher bringen, erzähle ich weiter. »… und jetzt stehen wir hier.«
Während der ganzen Geschichte hat mich Jarum nicht unterbrochen und auch jetzt scheint er erst über alles genau nachzudenken, bevor er etwas äußert.
Ich nutze die Zeit und genieße etwas von dem Getränk, was wie warmes, aber süßes Bier schmeckt. Sonja und Sarena wagen es nicht, Jarum beim Nachdenken zu stören, und blicken ihn erwartungsvoll an.
Nach einigen Minuten beginnt Jarum zu reden: »Ich habe sorgfältig darüber nachgedacht und kann nicht glauben, dass wir nicht mitbekommen hätten, wenn sich eine Armee der Orks in den Grünen Landen gesammelt hätte. Auch glaube ich nicht an einen Verräter in unseren Reihen. Dennoch will ich Eure Warnung ernst nehmen und deshalb werde ich mich mit dem König von Daran und Nordwehr treffen und ihnen vorschlagen, im Frühjahr eine neue Expedition in die Grünen Lande zu senden.«
»Aber, Meister Jarum. Ihr habt bereits eine Expedition dorthin gesendet«, unterbricht ihn Sonja. »Und ich bin die Einzige, die zurückgekehrt ist. Wieso sollte ich euch belügen und wo wären die anderen Teilnehmer der Expedition, wenn es dort keine Orks gegeben hätte.«
Jarum wirft einen tadelnden Blick zu Sonja und ergreift wieder das Wort. »Deshalb werde ich eine weitere Expedition empfehlen. Solange ich nicht weiß, was dort los ist, werde ich weder dich, aber auch keinen meiner Kollegen einer Untat beschuldigen.«
Sonja will bereits wieder unterbrechen, aber Jarum erhebt mahnend die Hand. »Dieses Thema ist für mich nun einstweilen erledigt. Auch untersage ich dir, mit anderen darüber zu sprechen. Deine Freunde bitte ich darum. Du, Sonja, darfst weiterhin an der Schule studieren. Denn auch wenn deine Fortschritte noch gering sind, so hast du großes Potenzial. Deine Freunde aber müssen die Universität verlassen. Denn auch wenn ich nicht weiß, wie sie eintreten konnten, so sind sie keine Anwärter. Und die Aufnahmeprüfungen für dieses Jahr sind bereits vorbei.«
»Aber …«, versucht Sonja einzuwerfen.
Dabei wird sie aber sofort von Jarum unterbrochen.
»Kein Aber. Die Entscheidung ist gefallen.«
Auf Sonjas Gesicht zeigen sich Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, auch Sarena blickt betrübt drein.
Gerade als ich Sonja mitteilen will, dass Sarena und ich uns eine Bleibe in der Nähe der Schule suchen werden und sie damit trösten will, höre ich die Stimme des roten Nebels in meinen Kopf: »Verlange das Ritual von Harakal.«
Ohne zu wissen, was der damit meint, wende ich mich an Jarum: »Ich verlange das Ritual von Harakal.«
Jarum blickt mich etwas überrascht an und erwidert. »Woher wisst Ihr davon? Dies darf nur Studenten mitgeteilt werden! Hat es euch etwa Sonja verraten?«
»Nein. Und es ist auch nicht wichtig. Ich will es machen.«
»Nun gut. Auch wenn es nicht funktionieren wird, so habt ihr ein Anrecht darauf. Bitte folgt mir.«
Ohne uns weiter zu beachten, begibt sich Jarum zur Tür und verschwindet in den Gang.
Wieder folgen wir ihm durch unzählige Gänge, die den Eindruck machen, immer größer aber auch immer älter zu werden. Irgendwann ergreift Sonja meine Hand und drückt sie, so dass ich sie ansehe. Mit fragendem Blick sieht sie mich an und ich kann nur mit einem Schulterzucken antworten.
Mit einem Mal betreten wir einen riesigen Raum, in dem unzählige Tische im Kreis stehen und in der Mitte sich eine milchig weiße Kugel befindet. Der Raum ist leer und wird nur spärlich durch die überall verteilten Kerzenständer erleuchtet.
Jarum hält direkt auf die Kugel zu und baut sich neben ihr auf.
»Trajan, Ihr seid angetreten, um Eure magische Richtung zu erkennen. Jeder hat ein Anrecht, diese zu erfahren. Und auch wenn man normalerweise erst die Grundlagen der Magie vor diesem Ritual lernt, so habt Ihr auch ohne Vorkenntnisse das Recht darauf. Legt nun Eure Hand darauf und die Kugel wird uns Euer Talent zeigen. Wenn die Kugel so bleibt, habt Ihr kein Talent und müsst sofort gehen. Wird sie weiß, seid Ihr für die Magie geeignet, wird sie schwarz, seid Ihr für die Zauberei talentiert. In diesem Fall muss das Führungsgremium dieser Schule über eure Aufnahme entscheiden. Nun lasst uns beginnen.«
Da es offensichtlich ist, dass mich Jarum genau beobachtet, trete ich vor und lege meine Hand auf die Kugel. Zuerst geschieht nichts, aber dann merke ich, wie durch meinen Arm der rote Nebel pulsiert. Kaum hat der meine Hand erreicht, färbt sich die Kugel dunkelrot.
Jarum beginnt zu keuchen und wird kreidebleich. Auch Sonja blickt mich überrascht an. Nur Sarena und ich bleiben gelassen, vor allem deshalb, weil wir keine Ahnung haben, was Rot bedeutet.
»Wie? Was? Wer? Das ist nicht möglich«, beginnt Jarum und muss abbrechen, während er so schaut, als würde die Welt untergehen.
Um nicht mein Unwissen preiszugeben, frage ich nicht nach der Bedeutung dieser Färbung.
Das übernimmt zum Glück Sonja: »Meister Jarum. Was hat die Rotfärbung zu bedeuten, ich habe noch nie von etwas derartigen gehört?«
Jarum hat sich wieder so weit gefangen, so dass er antworten kann: »Das will ich mit Trajan persönlich besprechen.«
»Das können wir gleich hier machen. Denn ich habe keine Geheimnisse vor Sonja und Sarena«, erwidere ich.
Mit ernster Miene blickt mich Jarum an: »Aber ich hoffe, ihr drei könnt dies für euch behalten. Denn Ihr, Trajan, seid ein Barbar.«
Da keiner von uns drei überrascht ist, beruhigt sich auch Jarum wieder.
»Ihr wisst es. Aber Ihr habt doch erzählt, Ihr würdet Euch an nichts erinnern, bevor Ihr von den Orks gefangen wurdet?«
Um nicht alles zu verraten, antworte ich ausweichend: »Das stimmt. Aber wir sind unterwegs auf jemanden gestoßen, der mich als Barbar erkannt hat«,
»Und wer, das werdet Ihr nicht sagen? «, hakt Jarum nach, obwohl er die Antwort bereits kennt.
Ich schüttele nur den Kopf.
»Das gibt Euren Worten mehr Gewicht, denn die Barbaren gelten als aufrichtig und ehrlich. Deshalb werde ich Euch allen drei die Aufnahme in dieser Universität erlauben und Euch die Möglichkeit für Nachforschungen bezüglich eines Verräters geben. Du, Sonja, bist ab sofort ein oberster Adept. Deine magischen Fähigkeiten, Sarena, müssen wir noch prüfen, um dich einordnen zu können. Ihr beide werdet auf jeden Fall aber ein Zimmer teilen und dürft Euch im Gebäude bewegen.«
Als Jarum endet, stellt Sonja die Frage, die ich gerade stellen wollte: »Und was ist mit Trajan.«
Jarum blickt mich etwas überrascht an. »Augenscheinlich hat dir dieser jemand nicht alles erzählt. Ich dachte, du wüsstest Bescheid, da du ja diese Prüfung verlangt hast. Da du ein Barbar bist und wir mit ihnen einen Vertrag haben, darfst du dich an der Universität frei bewegen. Du darfst alle Vorlesungen und Kurse besuchen, die du willst und hast uneingeschränkten Zugang zu allen Bibliotheken. Auch darf dir hier keiner Befehle geben, noch darf dich jemand aus seinem Kurs verweisen, egal ob du den Stoff kannst oder nicht. Du musst auch keine Prüfungen mitschreiben oder Übungen absolvieren. Du bist hier niemandem Rechenschaft schuldig.«
Etwas überrascht erwidere ich: »Aber ich dachte, wir sollen es für uns behalten, dass ich ein Barbar bin?«
»Das stimmt. Denn viele der Zauberer mögen die Barbaren nicht und sehen sich nicht genötigt, einen uralten Vertrag einzuhalten. Deshalb würde ich dich gerne wie bereits Sonja als oberster Adept einordnen. Aber ohne, dass ich dich als diesen ansehe.«
»Dann machen wir dies so. Aber jetzt wäre es schön, wenn wir etwas zu essen bekommen würden und uns auf die Zimmer zurückziehen könnten.«
Zum ersten Mal an diesen Abend huscht ein ehrliches Lächeln über das Gesicht von Jarum. »Folgt mir«, fordert er uns auf und wieder beginnt die Hatz durch die verwirrenden Gänge der Universität.
Innerhalb einiger Minuten erreichen wir das Zimmer von Sonja und Sarena und nach einer kurzen Verabschiedung verschwinden sie darin. Jarum führt mich in ein Zimmer ein Stockwerk höher und verabschiedet sich dann auch. Also betrete ich das Zimmer, das zum ersten Mal eine richtige Unterkunft nur für mich alleine darstellt. Die Zwangsunterbringung in der Zelle der Ork-Arena zähle ich nicht als Unterkunft.
Das Zimmer ist relativ groß, da es für zwei Personen gedacht ist. An der linken Wand befindet sich ein Etagenbett, das eher für kleinere Personen ausgelegt zu sein scheint. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen ein Schrank sowie ein kleiner Tisch mit einem Eimer Wasser, augenscheinlich die Waschstelle. Direkt gegenüber der Tür ist ein kleines Fenster und darunter ein großer Schreibtisch, ausreichend für zwei Personen.
Da ich nur die Klamotten am Leib habe, benötige ich keine Zeit zum Auspacken. Gerade als ich das Zimmer verlassen will, klopft es zaghaft an der Tür.
»Herein«, rufe ich. Eine ältere kleine Frau betritt den Raum. Sie ist beladen mit diversen Krügen und einem Korb voll Essen, so dass sie kaum zu erkennen ist. Sofort nehme ich ihr einige Sachen ab und stelle sie auf den Schreibtisch.
»Großmeister Jarum schickt Euch diese Speisen, mein Herr«, sagt die Frau mit unsicherem Tonfall.
»Vielen Dank, meine Dame«, erwidere ich freundlich.
Augenscheinlich ist sie von der Freundlichkeit überrascht, denn sie blickt noch fester auf den Boden und verschwindet eiligst.
Ich schlinge einige Bissen hinunter und leere einen der Krüge, der einen etwas sauren Wein enthält. Dann mache ich den zweiten Versuch und verlasse das Zimmer in Richtung von Sonja und Sarena. Den Weg finde ich sehr schnell und nach kurzer Zeit stehe ich vor ihrer Tür und klopfe laut.
»Komm rein, Trajan«, höre ich durch die Tür von Sonja und Sarena gleichzeitig. Also trete ich schwungvoll ein und erblicke die beiden, wie sie lachend vor dem Schreibtisch stehen.
»Darf man fragen, warum ihr so fröhlich seid?«
Da Sonja scheitert, ganze Worte zu artikulieren, übernimmt Sarena die Antwort. »Wir haben nur gleichzeitig gesagt, dass du es sein musst, der gerade angeklopft hat«,
Kaum hat sie den Satz beendet, beginnt sie wieder laut zu lachen.
Also bleibt mir nichts anderes übrig, als da zu stehen und zu warten. Wobei mir klar ist, dass das Lachen nicht von der Lustigkeit der Sache herrührt, sondern weil von beiden die Anspannung der Reise abgefallen ist und sie sich zum ersten Mal seit wir uns kennen in Sicherheit fühlen.
Auch ich spüre eine gewisse Erleichterung, aber auch eine Anspannung, da ich mich nun in einem Bereich befinde, wo ich mich nicht auskenne. Wo die Feinde und auch die Gefahren nicht so klar sind wie in der Arena.
Endlich beruhigen sich die Damen und nehmen Platz. Sarena wählt den Stuhl neben dem Schreibtisch. Ihr Zimmer ist ebenso eingerichtet wie meines. Wahrscheinlich sind alle Studentenzimmer in dieser Universität so ausgestattet.
Sonja lässt sich auf dem unteren Bett nieder und deutet mir an, neben ihr Platz zu nehmen. Gerne komme ich dem nach, auch wenn ich hierfür keine Aufforderung gebraucht hätte.
Sofort schmiegt sich Sonja an mich und ich lege meinen Arm um sie. Die nächsten Stunden verbringen wir mit Erzählen, unterdessen essen wir ab und zu etwas. Wobei davon Sonja nur wenig abbekommt, denn meistens muss sie unsere Fragen zur Universität beantworten.
Es ist bereits nach Mittennacht, als ich mich mit einem Kuss verabschiede, natürlich nur von Sonja. Sarena drücke ich nur zum Abschied. Dann begebe ich mich in mein Zimmer zurück und schlafe entspannt ein. Denn zum ersten Mal habe ich das Gefühl, die beiden nicht bewachen zu müssen.
Ich befinde mich in einem riesigen Büro und blicke aus einem Fenster. Obwohl ich das Gebäude nicht erkenne, weiß ich, dass es die Universität der Zauberer ist. Vor mir erstreckt sich eine große Wiese und darauf trainieren einige Menschen. Es muss Mittag sein, denn die Sonne brennt herab und durch das Glas dringt die Wärme herein. Die Menschen auf der Wiese müssen Zauberer sein, denn trotz der Hitze trainieren sie in ihren Umhängen. Wobei sich diese Kleidungsstücke von den heutigen unterscheiden. Sie sind enger geschnitten und besser für den Nahkampf geeignet. Generell sehen die Zauberer eher aus wie Krieger und sie trainieren auch den Nahkampf ohne Zauberei oder Magie. Bevor ich mir weitere Gedanken machen kann, höre ich eine Stimme hinter mir.
»Es sind schon wieder mehr geworden.«
Mein Körper dreht sich um und ich erblicke meinen Gesprächspartner. Ein großer Krieger mit einem Körper, der gestählt ist durch viel Training und körperliche Anstrengung. Dennoch trägt er eine dunkelrote Robe, eine Farbe, die normalerweise nur ein Kriegszauberer trägt. Sein Gesicht ist im Schatten der Kapuze versteckt, aber seine Stimme klingt hart und voller Wut.
»Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung«, höre ich mich antworten.
»Aber wenn sie falsch ist. Und sie zwingen anderen diese falsche Meinung auf. Du musst eingreifen und es unterbinden.«
»Das werde ich nicht. Denn es ist eine Universität für jede Art der magischen Kunst. Und ich will keinen Krieg über die richtige Richtung verursachen.«
Mit wütender und zugleich enttäuschter Stimme antwortet mein Gegenüber: »Der Krieg ist bereits da. Du willst nur nicht die Schlacht schlagen.«
Bevor ich etwas erwidern kann, verlässt er den Raum. Und in meinen Inneren spüre ich eine tiefe Traurigkeit. Nicht darüber, was mein Gesprächspartner gesagt hat. Sondern dass er es gesagt hat. Auch wenn ich nicht weiß, wer es ist.
Mein Körper dreht sich wieder und blickt aus dem Fenster. Auf der Wiese haben sich weitere Zauberer versammelt und beginnen lautstark mit den dort Anwesenden zu diskutieren. Die Neuankömmlinge sind stark in der Überzahl und beginnen, kleine Zauber gegen die Trainierenden zu wirken, um diese zu stören.
Die Neuankömmlinge sind körperlich in einer schlechten Verfassung, sie haben meist Übergewicht oder sind sehr mager. Eigentlich sehen sie aus wie die heutigen Zauberer. Ausgenommen Sonja natürlich.
Mit den Gedanken an Sonja wache ich auf und schüttele den Traum von mir ab. Es muss noch früh am Morgen sein, denn draußen ist es noch dunkel. Da ich aber nicht mehr müde bin, stehe ich auf. Nachdem ich meine alten Klamotten wieder angezogen habe, begebe ich mich in Richtung von Sonjas und Sarenas Zimmer. Vorsichtig drücke ich die Klinke nach unten, aber die Tür ist von innen verschlossen. Da ich die beiden nicht wecken will, begebe ich mich zur Küche.
Ohne groß darüber nachzudenken, woher ich mich auskenne, finde ich nach einigen Minuten und unzähligen Treppen nach unten in den Speisesaal. Der scheint für mehrere tausend Menschen ausgelegt zu sein, wobei nur ein kleiner Bereich regelmäßig genutzt wird. Der andere Bereich ist zwar auch sauber, aber es fehlen die Nutzungserscheinungen. Die Kerzen sind alle neu und nur zur Dekoration, auch sind die Tische und Bänke alle perfekt ausgerichtet.
Der Zugang zur Küche befindet sich im benutzten Bereich, so dass ich auf die Durchquerung des enormen Saals verzichten kann.
In der Küche herrscht noch wenig Betrieb, nur eine Köchin ist anwesend. Die scheint etwas älter zu sein, ihre Haare sind bereits ergraut. Aber ihre Augen sind noch voller Energie und auch ihr rundes Gesicht lächelt mich fröhlich an.
Freundlich begrüßt sie mich: »Guten Morgen, du musst neu sein. Denn sonst würdest du wissen, dass das Hilfspersonal nur die Dienergänge benutzen darf.«
Sofort wird mir klar, dass sie mich aufgrund meiner kaputten Klamotten für einen Hilfsarbeiter halten muss. Bevor ich aber etwas antworten kann, fährt sie fort: »Keine Angst. Ich werde nichts sagen. Mein Name ist Millie. Warte hier, ich bringe dir kurz etwas zu essen. So früh am Morgen ist noch keiner der Zauberer wach.«
Ich bringe gerade noch ein ›Danke‹ hervor, da ist sie schon in den hinteren Teil der Küche verschwunden. Es vergeht keine Minute und sie kommt beladen mit einem Krug, einen halben Brotlaib und einem Wurststück wieder.
»Hier, nimm! Und nun verschwinde lieber, bevor dich ein Zauberer entdeckt.«
Noch mal bringe ich ein ›Danke‹ hervor, bevor sie mich in Richtung einer kleinen Tür schiebt. Und dass, obwohl ich zwei Köpfe größer bin und normalerweise die Leute von meiner Statur beeindruckt sind. Aber Millies Statur ist zum Schieben besser geeignet, denn trotz ihrer kleinen, und runden Figur hat sie unglaubliche Muskeln in den Armen und Kraft im Oberkörper.
Also finde ich mich in einem dunklen und engen Gang in den Gemäuern der Universität wieder. Während ich genüsslich das Frühstück verzehre und den Schlauch mit frischem Wasser leere, bewege ich mich automatisch in den Garten der Universitätsanlagen.
Es ist die Wiese aus meinem Traum. Sie sieht genauso aus und auch die Gebäude um sie herum scheinen zu passen. Also drehe ich mich um und ein Blick offenbart ein großes Fenster genau dort, von wo ich in meinen Traum herabgeblickt habe. Aber das Fenster ist dunkel, genauso wie alle anderen. Und das, obwohl im Osten nun bereits der Aufgang der Sonne zu erkennen ist und somit der Morgen anbricht. Letztlich bin ich aber froh über die Einsamkeit und begebe mich auf die Wiese, die nun in einem Halbschatten liegt.
Da ich leider kein Schwert mehr besitze, trainiere ich Kampftechniken für den waffenlosen Kampf. Dabei übe ich einen Ablauf von Techniken gegen fiktive Gegner und versuche auch, ihre imaginären Angriffe abzuwehren. Dabei geht es nicht darum, die auch später anzuwenden, denn um dies zu trainieren, braucht man einen richtigen Gegner. Aber es hilft, die Muskeln zu lockern und auch den Kopf frei zu bekommen.
So kann ich in Ruhe über die letzten Tage nachdenken, während die Zeit verfliegt und mein Körper langsam zu schwitzen beginnt.
Dabei wird mir klar, dass Sarena wirklich recht hat und ich mit Sonja einmal alleine reden muss. Denn auch wenn ich sie liebe, so muss ich meine Herkunft bei den Barbaren erforschen.
Auch erkenne ich, dass ich schon einmal hier gewesen sein muss. Denn nicht nur der Traum ist eindeutig eine Erinnerung an etwas, was hier einst war. Auch dass ich mich so gut auskenne, ist ein eindeutiges Zeichen.
Während ich so vor mich hin sinniere, bemerke ich nur unbewusst, dass sich einige Menschen nähern. Erst als sich ein größeres Exemplar bewusst in den Weg stellt, unterbreche ich meine Übungen und meine Gedanken kehren ins Hier und Jetzt zurück.
Derjenige, der mich unterbrochen hat, ist ein Adept mit grauer Robe. Aber die schwarze Kordel deutet darauf hin, dass er kurz vor dem Erreichen der ersten Zaubererrobe steht. Und auch wenn er der Größte seiner Gruppe ist, so überrage ich ihn um einen halben Kopf. Vom Gewicht her dürfte er dasselbe haben wie ich, aber während sich meine Masse auf die Muskeln verteilt, ist sein Gewicht überwiegend um seinen Bauch angelagert.
»Da hat sich wohl jemand verlaufen«, sagt er in Richtung seines Gefolges, das aus Adepten zu bestehen scheint. Die meisten von ihnen sind im Rang unter ihm und haben noch eine graue Kordel umgebunden. Nur zwei haben wie er die schwarze erreicht. Aber allen ist gemeinsam, dass sie körperliche Betätigung meiden. Einige sind genauso fleischig wie ihr Anführer, andere wiederum so mager, dass man sie als Anschauungsmaterial für das menschliche Skelett nehmen könnte. Nur einer mit einer schwarzen Kordel macht einen etwas fitteren Eindruck.
Wie auf Kommando beginnt nun sein Gefolge, hämisch zu lachen. Wobei es sich eher kläglich anhört und im Vergleich zu einem Ork-Lachen nur peinlich ist. Da ich hier an der Universität keinen Ärger will, drehe ich mich um und entferne mich von der Gruppe. Als mir der Abstand ausreichend erscheint, beginne ich mit den Übungen von vorne.
Aber das scheint meinem neuen Freund nicht zu genügen, denn er nähert sich wieder meiner Position und platziert sich in meinem Bewegungsmuster. Seine Gruppe folgt ihm wie ein treues Hündchen.
»Der Ausgang aus dieser Universität ist in der anderen Richtung.«
Da diese Worte direkt an mich gerichtet waren, fühle ich mich nun doch gezwungen, darauf zu reagieren.
»Ich will hier nur in Ruhe trainieren. Wenn du den Platz hier haben willst, dann gehe ich woanders hin. Aber höre auf, mir nachzulaufen«, erwidere ich im höflichsten Tonfall, den ich noch hinbekomme.
»Oh, er kann reden«, erwidert mein neuer Freund in Richtung seiner Herde.
Leider lässt er es nicht darauf beruhen und spricht nun mich wieder an: »Ich will den ganzen Platz hier haben. Und du verschwinde hier, dass hier ist nur für Studenten.«
Noch immer in höflichen Tonfall erwidere ich: »Ich bin hier Student. Und du kannst deinen Bereich haben, aber das ganze Feld brauchst du sicher nicht.«
Sofort beginnt er, künstlich zu lachen und nach einigem Zögern fällt seine Gruppe auch mit ein.
Mittlerweile haben sich auch andere Studenten um das Trainingsfeld eingefunden, die zwar interessiert zusehen, aber immer noch genügend Abstand halten, um nicht involviert zu werden.
Nachdem er sein künstliches Lachen beendet hat, erweist er mir leider die Ehre weiterer Worte.
»Es ist offensichtlich, dass du kein Student bist. Und selbst wenn du einer wärst, hast du zu verschwinden, wenn ich das Feld will. Also verschwinde jetzt, bevor ich dich rauswerfe.«
Augenscheinlich kann ich dem Ärger nicht ausweichen, da mein Gegenüber unbedingt den Streit will. Folglich brauche ich mich nicht mehr zurückhalten. Deshalb fehlt nun in meinen Tonfall jede Freundlichkeit: »Du hast mich bereits zwei Mal unterbrochen, damit ich deiner Dummheit zuhören muss. Und um die noch zu untermauern, hast du mir gedroht. Ich gebe dir die Chance, einfach zu verschwinden. Sag von mir aus, dass ich es nicht wert bin, dann stehst du nicht als der Idiot vor deinem Gefolge da, der du in Wirklichkeit bist. Aber verschwinde.«
Das Gesicht meines Gegenübers variiert zwischen Zornesröte und Weiß, weil jemand – zu seiner Überraschung wohl – so mit ihm spricht. Seine Gefolgsleute versuchen, in eine andere Richtung zu blicken und den Eindruck zu erwecken, sie haben gerade nichts gehört.
Es dauert einige Augenblicke, bis mein Gegenüber sich gefangen hat, aber als er antwortet, hat sich sein Gesicht für Zornesröte entschieden.
»Was glaubst du eigentlich, wen du vor dir hast. Ich bin der beste Adept an dieser Schule. Entschuldige dich sofort oder du musst die Konsequenzen ertragen.«
»Ich glaube eher, du bist der beste Depp an dieser Schule. Und welche Konsequenzen müsste ich denn ertragen. Schlimmer als dir beim Reden zuzuhören kann es nicht sein. Oder muss ich deinem Gefolge beitreten und dir den ganzen Tag folgen?«
Wieder beginnt das Farbenspiel in seinem Gesicht, aber dieses Mal muss er sich nicht erst für die Antwort fangen.
»Ich werde dir Respekt lehren, du Wurm.«
Gerade will ich zu einer Antwort ansetzen, da merke ich, dass er heimlich Magie heraufbeschwört. Sofort schnellt mein rechter Arm nach vorne und ergreift seine Gurgel.
»Wenn du nicht sofort aufhörst, Magie zu beschwören, dann drücke ich zu«, zische ich ihm zu.
Augenblicklich stellt er die Beschwörung ein und das Gefühl ist verschwunden. Also lasse ich ihn los und sofort macht er einen Schritt zurück.
Wieder spüre ich, wie er von Neuem Magie heraufbeschwört, und will ihn gerade wieder ergreifen – da hallt eine Stimme über den Platz.
»Was ist hier los?«
Es ist Lokis, der mit wehendem Umhang auf uns zu eilt. Auch sein Gesicht ist mit Zornesröte bedeckt.
Sofort verändert sich das Aussehen meines neuen Freundes, er gleicht einem geprügelten Hund, der sein Herrchen erblickt.
»Er hat mich ohne Grund angegriffen«, sagt er.
Um uns nicht umzurennen, bleibt Lokis stehen, wobei er einen kleinen Sicherheitsabstand zu mir einhält. Also ist er zumindest diesbezüglich schlauer als sein Hund.
»Hast du ihn angegriffen?«, fragt er mich mit beißendem Tonfall.
»Ich habe mich nur verteidigt«, erwidere ich ruhig.
Sofort mischt sich mein neuer Freund wieder ein: »Das stimmt nicht. Ich habe nur mit ihm geredet. Und dann hat er mich plötzlich angegriffen. Alle hier können es bezeugen.«
Lokis scheint sichtlich erfreut über diese Aussage zu sein.
»Nun Trajan. Ich weiß nicht, wie du gestern den Kanzler überzeugen konntest, dass du hierbleiben darfst. Aber dieser Angriff reicht aus, um dich von der Universität zu werfen.«
Also darum ging es. Lokis und sein Hund haben dieses Spiel hier inszeniert, um mich loszuwerden. Und da ich die Spielregeln hier nicht kenne, werde ich wohl verlieren.
Dennoch mache ich noch einen Versuch.
»Er hat heimlich Magie beschworen.«
Lokis beginnt künstlich zu lachen und sein Hund mit Gefolge fallen ein.
»Wenn du den Oberadept Garhajal von Oretim vorwerfen willst, er würde heimlich Magie einsetzen, so kann ich nur lachen. Wenn du aber behaupten willst, du kannst erspüren, wenn einer Magie beschwört, dann ist es nur anmaßend. Denn selbst ich würde mich nie wagen zu behaupten, dass ich es könnte.«
Augenscheinlich funktioniert es nicht, wenn ich nach ihren Regeln spiele. Also ignoriere ich die Regeln und beginne mein Spiel, das ich bei den Orks gelernt habe.
»Nur weil ihr etwas nicht könnt, sind andere dennoch dazu fähig. Auch will ich von Garhajal hören, dass er keine Magie gegen mich beschworen hat. Denn sollte er wirklich diese Lüge äußern, so würde er mich als Lügner darstellen. Und dann verlange ich einen Zweikampf mit ihm.«
Lokis und auch Garhajal scheinen überrascht, und wie erwartet antwortet Garhajal, um in seinem Übereifer Lokis zu gefallen. »Ich schöre feierlich, keine Magie gegen diesen Trajan hier beschworen zu haben. Da er etwas anderes behauptet, ist er ein Lügner.«
Lokis, der etwas schlauer ist als Garhajal, wird etwas blass wegen der Dummheit seines Hundes, aber er versucht, den angerichteten Schaden zu beheben.
»Da dies nun geklärt ist, verlässt du, Trajan, die Universität. Und einen Zweikampf wird es nicht geben, das ist hier untersagt.«
Nun ist es an mir zu lächeln, bevor ich erwidere: »Ich verlasse nicht die Universität. Und nach den Gesetzen meines Volkes hat er mich zutiefst beleidigt. Ich fordere den Zweikampf. Er kann hier stattfinden und Garhajal behält wenigstens seine Würde. Oder ich warte vor der Universität auf ihn, bis er sie verlässt. Dann hat er nicht einmal mehr seine Würde und jeder weiß, dass er ein Feigling ist.«
Gerade will Lokis mich sicher darauf hinweisen, dass die Gesetze meines Volkes, das ich mit keinem Wort benannt habe, nicht gelten. Aber zu meinem Glück kommen mir die Dummheit und die Arroganz von Garhajal zugute.
Denn bevor Lokis mir jede Chance auf einen Sieg in diesem unfairen Spiel aus Lügen nehmen kann, erwidert Garhajal: »Ich lasse mich nicht von einem Bauern als Feigling beschimpfen. Lass uns gleich hier kämpfen«, antwortet er so laut, dass ihn jeder hören kann.
In Lokis’ Gesicht ist die Verärgerung über diese Dummheit deutlich zu sehen, aber er kann jetzt auch nicht mehr zurück.
»Dann werde ich als Dekan ein Magiefeld für den Zweikampf vorbereiten und ihn auch überwachen. Da die Herausforderung durch Trajan ausgesprochen wurde, gelten auch dessen Regeln. Bitte teile diese uns nun mit.«
Deshalb also wollte Lokis den Zweikampf verhindern. Denn ich könnte den Einsatz von Magie verbieten und nur einen körperlichen Zweikampf erlauben. Aber erstens würde er wahrscheinlich trotzdem Magie einsetzen und Lokis dabei Wegschauen. Und zweitens will ich einen Zweikampf fair gewinnen.
Deshalb antworte ich: »Es ist alles erlaubt. Waffen, Magie, Zauberei oder was einem sonst noch einfällt. Es ist aber verboten, Hilfe von anderen anzunehmen. Jeder kämpft für sich. Versteckte Waffen oder Fernwaffen sind erlaubt, aber alles muss sich zum Kampfbeginn in der Arena am Körper des Kämpfers befinden. Gewonnen hat derjenige, der den Gegner tötet. Auch kann der Gegner aufgeben oder ein von ihm gewählter Adjutant kann dies in Vertretung machen, falls der Gegner nicht mehr bei Bewusstsein ist oder sich verständlich machen kann. Da aber jedem klar sein muss, dass er sein Leben einsetzt, wenn er so eine Herausforderung annimmt, liegt es im Ermessen des Gegners, ob er eine Aufgabe akzeptiert oder den Gegner dennoch tötet. Ansonsten gilt die Regel: Keiner der Gegner darf während des Kampfes die Arena verlassen. Sollte dies ohne sein Zutun geschehen, muss er unverzüglich wieder in die Arena zurück. Sollte er dies mit Absicht machen, so ist er durch die umstehenden Zuschauer zu töten. Noch Fragen?«
Die Freude in Garhajals Gesicht, als ich die Nutzung von Magie und Zauberei erlaubte, ist bei Erklärung der Siegesbedingungen der Angst gewichen. Denn sicher hat er sich einen Zweikampf gewünscht, in dem er mich demütigen kann. Aber einen Zweikampf auf Leben und Tod sicher nicht. Auch Lokis ist etwas verunsichert, aber bei Weitem nicht so erschrocken wie Garhajal. Andererseits ist es auch nicht sein Leben, das sich in Gefahr befindet.
Deshalb ist seine Stimme auch ganz ruhig, als er antwortet. »Die Regeln dürften klar sein. Nun ist es an Garhajal, ob er die Herausforderung noch immer annehmen will. Es wäre aber auch keine Schande, wenn er auf diesen sinnlosen und blutigen Kampf als gebildeter Mensch verzichten würde.«
Garhajal ist zwar gebildet, aber dennoch dumm und eitel. Deshalb ignoriert er Lokis’ Hilfe, um sich einigermaßen unbeschadet aus der Affäre zu ziehen, und antwortet mit lauter Stimme: »Ich nehme die Herausforderung dieses Bauern an. Der Kampf möge stattfinden, sobald das Magiefeld vorbereitet ist.«
Nach diesen Worten stolziert er mit seinem Gefolge über den Trainingsplatz in Richtung Süden, wo augenscheinlich der Kampf stattfinden soll. Auch Lokis und die anderen Zuschauer bewegen sich dorthin und so folge ich ihnen.
Das Kampffeld ist ein leicht erhobener, ebener Bereich auf der Trainingswiese und misst ungefähr zwanzig mal zehn Meter, bevor es am Rand um einen halben Meter abfällt. Lokis steht am südlichen Ende und vollführt einen Zauber, der wohl dieses Magiefeld erzeugen soll. Garhajal und sein Gefolge haben es sich am nördlichen Ende gemütlich gemacht und warten darauf, dass Lokis fertig wird.
Also warte ich am südlichen Ende neben Lokis, was diesen aber überhaupt nicht von seiner Beschwörung abhält.
Die Menschenmenge um das Kampffeld wird währenddessen immer größer und ich habe das Gefühl, dass Lokis die Beschwörung in die Länge zieht.
Die Minuten verstreichen und langsam wird offensichtlich, dass Lokis wirklich auf etwas wartet. Bevor auch die übrigen Zuschauer dies bemerken, eilt endlich die erhoffte Rettung für Lokis über den Platz. Es ist Kanzler Jarum, gefolgt von Sonja und Sarena. Auf Lokis’ Gesicht macht sich Erleichterung breit, nachdem es in den letzten Minuten immer angespannter wurde.
Auch die Zuschauer und Garhajal haben den Kanzler entdeckt und Totenstille herrscht auf der Wiese.
»Was ist hier los?«, fragt Jarum laut alle Anwesenden, wobei sein Blick auf Lokis ruht.
»Garhajal hat Trajan zum Kampf herausgefordert und der hat ihn angenommen. Die Regeln hat Trajan festgelegt und dabei auch Magie zugelassen. Deshalb habe ich ein Magiefeld vorbereitet. Und auch wenn solche Kämpfe nicht erwünscht sind, so sind sie auch nicht verboten. Nur ihr Kanzler könnt dies«, erwidert Lokis.
Also darauf hatte er es abgesehen. Er hofft, dass Jarum den Kampf verbietet. Da aber der weiß, dass ich ein Barbar bin, wird er dies sicher nicht machen. Und wie erwartet antwortet Jarum: »Beide sind mit dem Kampf einverstanden. Die Regeln wurden von ihnen akzeptiert. Also ist der Kampf zulässig.«
Auf Lokis’ Gesicht ist die Überraschung deutlich zu sehen, aber nach wenigen Augenblicken hat er sein Gesicht wieder unter Kontrolle.
»Das Magiefeld ist fertig. Die beiden Kontrahenten mögen ihre Adjutanten bestimmen und dann das Feld betreten. Wenn ich einen Donnerhall ertönen lasse, beginnt der Kampf nach den vereinbarten Regeln.«
Von der gegenüberliegen Seite ist Garhajal zu hören, wie er erwidert. »Mein Adjutant ist Grojul.« Und mit diesen Worten betritt er den Ring.
Sonja und Sarena blicken mich etwas überrascht an, da aber alle auf meine Antwort warten und lauschen, kann ich leider nicht mit ihnen reden.
»Meine Adjutantin ist Sonja.«
Nun betrete auch ich das Magiefeld.
Das Innere ist in ein blaues Licht getaucht, bedingt durch die blaue magische Kuppel, die das Sonnenlicht filtert. Garhajal steht etwa fünfzehn Meter von mir entfernt und wartet auf das Startsignal. Dieses Mal beschwört er nicht heimlich Magie – das traut er sich dann wohl doch nicht vor dem Kanzler. Er wartet also damit bis zum Startsignal, womit ich auch gerechnet habe.
Um ihn noch mehr in Sicherheit zu wiegen, nehme ich eine lockere Stellung ein und warte auch auf das Startsignal.
Der Donnerschlag ist noch nicht verhalt, da sprinte ich mit voller Kraft und lauten Geschrei auf Garhajal zu. Der hat zwar schon mit seinen magischen Beschwörungen begonnen, wird aber durch meinen Ansturm und dem Geschrei sichtlich nervös. Nach nicht einmal drei Sekunden habe ich die Distanz überwunden und Garhajal hat seine Beschwörung noch nicht abgeschlossen. Mit voller Wucht prallt mein ausgestreckter Arm gegen seinen Hals und stößt ihn nach hinten. Da ich aber nicht mit der Faust, sondern mit einer Griffbewegung seinen Hals ergriffen habe, wird sein Kehlkopf nicht zerschmettert. Dennoch reicht es aus, um ihm die Luft zu rauben, und mit der Wucht reiße ich ihn mit nur einer Hand am Hals haltend nach oben.
»Wenn du auch nur den Versuch eines Angriffs machst, drücke ich zu und zerschmettere deinen Kehlkopf«, zische ich ihm zu.
Die panische Angst in seinen Augen reicht aus, um zu wissen, dass er mich verstanden hat.
Hat die Menge nach dem Donnerschlag vor Begeisterung gebrüllt, so ist diese wieder mucksmäuschenstill. Als erster kann sich Grojul von seiner Schockstarre lösen und schreit laut.
»Garhajal gibt auf, Garhajal gibt auf.«
Etwas lauter, damit es die Umstehenden hören können, sage ich zu Garhajal. »Du kennst die Regeln. Ich muss die Aufgabe deines Adjutanten akzeptieren. Dies lehne ich aber ab.«
Die Panik in Garhajals Augen wird größer und es breitet sich der Geruch von frischem Urin zwischen seinen Beinen aus. Bevor es endgültig unhygienisch wird, fahre ich fort.
»Aber deine persönliche Aufgabe würde ich akzeptieren. Nicke einfach mit dem Kopf und es ist vorbei.«
Trotz der Schmerzen durch meinen Griff schafft es Garhajal zu nicken und ich lasse ihn fallen.
Die Menge beginnt zu jubeln und meinen Namen zu skandieren, während sich Garhajals Gefolge um seinen gestürzten Anführer kümmert.
So schnell wie möglich verlasse ich den Wettkampfplatz in Richtung meines Zimmers und ignoriere dabei die jubelnde Menge.
Nach einer gefühlten Ewigkeit setze ich mich auf das Bett und blicke zum Fenster, wobei die Erschöpfung nicht vom Kampf oder einer anderen körperlichen Anstrengung herführt, sondern von der ganzen Situation und der Vielzahl der dort anwesenden Menschen.
An der Tür ist ein zaghaftes Klopfen zu hören. Vorsichtig steckt Sonja ihren Kopf herein.
»Darf ich eintreten?«, fragt sie vorsichtig.
Nun muss ich schmunzeln, bevor ich antworten kann. »Du darfst immer eintreten, du musst nie fragen.«
Sonja tritt betont leise ein und nimmt neben mir Platz.
»Was ist los? Wegen des Kampfes brauchst du dir keine Sorgen machen. Garhajal und Lokis können dir nichts machen. Und Jarum auch nicht.«
»Um die mache ich mir keine Sorgen. Da bin ich mehr beunruhigt, wenn du so vorsichtig anklopfst und so leise umherschleichst. Das bin ich nicht gewohnt.«
Kaum habe ich diese Worte ausgesprochen, schon schlägt ihre Faust auf meiner Schulter ein und sie beginnt zu protestieren.
»Da will man einmal freundlich sein. Und das ist der Dank dafür.«
»Dieses Verhalten beruhigt mich wieder, denn das bin ich gewohnt.«
»Das ist gut. Denn etwas anderes wirst du auch nicht mehr erleben.«
»Dann bin ich glücklich«, erwidere ich und lege meine Arme um sie.
»Jetzt brauchst du dich auch nicht mehr einschmeicheln«, erwidert Sonja, dennoch schmiegt sie sich an mich und ich sehe aus den Augenwinkeln ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Das beruhigt mich wirklich, denn damit ist das sorgenvolle Gesicht vom Beginn der kleinen Neckerei verschwunden.
Einige Minuten bleiben wir so umschlungen sitzen und Sonja stellt nicht noch mal die Frage von vorhin. Aber ich weiß, dass sie sich über eine Antwort freuen würde und sie sich weiterhin Sorgen macht, bis sie die bekommt.
»Ich mache mir wegen Jarum, Lokis oder Garhajal keine Sorgen. Garhajal ist ein Angeber, aber auch ein Feigling. Der legt sich nur mit Schwächeren an. Jarum macht mir nichts, da ich ein Barbar bin. Und Lokis will mir, glaube ich, auch nichts Böses. Er hat sogar versucht den Kampf zu verhindern, obwohl er glauben musste, dass ich verlieren würde. Nein, was mir Sorgen macht war die Menge. Denn die war ohne jegliche Moral und hat erst Garhajal zugejubelt und dann mir. Das ist wie bei den Orks gewesen, die haben auch immer zuerst ihren Favoriten zugejubelt. Und dann haben sie gejubelt, wenn ich ihn getötet habe. Letztlich wollte sie nur jemanden für ihr Vergnügen leiden sehen. Und solche Menschen beunruhigen mich.«
Als ich schweige und nicht mehr weiter fortfahre, hakt Sonja nach.
»Aber das ist sicher nicht alles? Deswegen bist du nicht hierher verschwunden, oder?«
Mit einem Lächeln erwidere ich überrascht: »Du kannst mich wirklich durchschauen. Was mich wirklich gestört hat, war, dass ich dich nicht in die Arme nehmen konnte oder zeigen konnte, dass wir zusammen sind. Auch weiß ich nicht, ob ich dich meine Freundin nennen darf. Denn eines weiß ich, nämlich dass ich dich liebe.«
Nun blickt mich Sonja etwas verlegen an und schweigt. Während ich auf die Antwort warte, schießen mir allerlei Gedanken durch den Kopf. Teilt sie mir mit, dass es nur eine kleine Tändelei im Angesicht der Gefahr war. Und dass jetzt Schluss ist. Die Augenblicke des Schweigens sind schlimmer als die Zeit während des Kampfes gegen den Metallgolem, eigentlich während jedes Kampfes.
Endlich beginnt Sonja mit der Antwort. »Sarena hat wohl auch mit dir gesprochen.«
Wortlos nicke ich.
»Sie hat recht. Es war gemein von mir, dich so zu verwirren. Natürlich darfst du mich als deine Freundin sehen und auch ich liebe dich. Und zwar so sehr wie noch keinen Menschen.«
Voller überschwänglicher Freude drücke ich sie an mich und küsse sie lange und heftig.
Als sie sich endlich befreien kann, fährt Sonja fort.
»Warum ich nicht wollte, dass es alle Welt erfährt, ist politischer Natur. Da ich eine hohe Stellung beim Militär innehabe und als Ziehtochter des Königs von Daran gelte, wird gewünscht, dass ich eine politische Beziehung mit einem anderen Prinzen anstrebe. Kein Thronfolger, aber dennoch jemand mit adeliger Abstammung. Deshalb bin ich auch mit in die Grünen Lande mitgereist, um dieser Entscheidung zu entfliehen.«
Obwohl nun Sonja schweigt, merke ich, dass sie noch mehr sagen will, und nur die Worte sucht. Also warte ich darauf und erwidere nichts.
Die Augenblicke verstreichen und durch das Fenster fällt das Licht in mein Zimmer auf die gegenüberliegende Wand. Die ist kahl, nur ein leeres Regal ist dort aufgestellt. Trotz der Situation muss ich daran denken, dass hier jeder persönliche Gegenstand fehlt. Unter anderem deshalb, weil ich abgesehen von meinen Kleidern am Leib nichts besitze. Bevor ich diese unwichtigen Gedanken weiterverfolge, unterbricht Sonja sie.
»Leider ist diese Entscheidung nur aufgehoben. Es gibt mehrere Kandidaten, aber eigentlich sollte es Saschar, dritter Sohn von Ursal, Herrscher des Königreichs Nordwehr, werden. Aber er ist ein Feigling und ein Sadist. Ich hätte ihn nie geheiratet. Und nun habe ich mich in dich verliebt und damit ist die Entscheidung getroffen. Ich will mit dir zusammen sein, egal, was mein Ziehvater oder meine Ziehmutter wollen. Und sollte es ein Problem werden, so gehen wir gemeinsam in das Barbarenreich, bevor wir den Verräter hier gefunden haben.«
Auch wenn Sonja den letzten Teil mehr zu sich als zu mir gesagt hat, bin ich überglücklich. Wieder liegen wir uns in den Armen und küssen uns leidenschaftlich.
Wäre nicht ein lautes Klopfen an der Tür zu hören gewesen, wahrscheinlich wären wir bis zum Abend auf meinem Bett sitzen geblieben. So aber sind höchsten ein paar Minuten vergangen.
»Sarena, komm rein«, rufe ich, da ich intuitiv weiß, dass es nur sie sein kann.
Und wirklich ist es Sarena, die eintritt. »Also habt ihr endlich miteinander gesprochen«, sagt sie. »Aber nun müssen wir aufbrechen, die Seminare beginnen gleich.«
Überrascht erwidert Sonja: »Es ist doch noch früh am Morgen. Und die Seminare beginnen zu Halbmittagzeit.«
»Es ist schon fast Halbmittagszeit. Ihr seid schon vor über einer Stunde vom Übungsplatz hierher verschwunden.«
»Was, wir sind seit über einer Stunde hier!« Also ist für Sonja die Zeit auch so schnell verflogen wie für mich.
Sonja springt nun eilig auf und mit einem spielerischen Kuss und an meinen Händen ziehend motiviert sie mich, ihr nachzueifern.
Während wir durch die Gänge zu den Seminarräumen gehen – wobei Sonja die Führung übernommen hat – lässt sie meine Hand nicht los, so dass allen, an denen wir vorbeikommen unsere Beziehung offensichtlich wird. Und augenscheinlich ist Sonja als Ziehtochter des Königs von Daran so bekannt, dass es Getuschel hervorruft.
An einer der vielen Kreuzungen verabschiedet sich Sarena von uns, denn ihr Seminarraum befindet sich in einen anderen Flügel des Gebäudes, wohin sie nach Sonjas kurzer Wegbeschreibung aufbricht. Zum Abschied lächelt sie uns noch mal freudig an, augenscheinlich froh, dass wir uns ausgesprochen haben. Dann ist sie schon um die nächste Ecke verschwunden.
Der Weg zu unserem Seminarraum scheint wie ausgestorben, so dass Sonja und ich uns unterhalten können, ohne einen Lauschangriff fürchten zu müssen. Zumindest keinen unmagischen. Aber ob auch ein magischer Lauschangriff bei mir funktioniert, halte ich aufgrund meiner Magie-Resistenz für unwahrscheinlich.
Deshalb will ich nun mit Sonja über unseren eigentlichen Aufenthaltszweck reden, nachdem meine Sorgen unsererseits verschwunden sind.
»Wie wollen wir nun weiterhin bezüglich des Verräters vorgehen?«, frage ich deshalb Sonja.
»Das Problem ist, dass uns Jarum nicht helfen will. Er hat zwar gezwungenermaßen deine Aufnahme an dieser Universität geduldet, aber nicht die Namen der Meister genannt, die beim Überwachungszauber der Grünen Lande mitwirken. Auch könnte ein anderer mächtiger Meister heimlich Einfluss darauf nehmen. Also müssen wir uns informieren, wer die Möglichkeit und die Macht der Einflussnahme hat. Und aus dieser Gruppe den Verdächtigen herausfinden.«
»Und wie gehen wir dabei am besten vor?«
»Wir haben nun bis Halbabendszeit Seminare. Dabei können wir schon einmal unsere Professoren beobachten. Danach würde ich gerne wieder mit dir trainieren. Und am Abend sollten wir uns über den Überwachungszauber in der Bibliothek informieren. Und auch, warum Jarum sich verpflichtet fühlt, einem Barbaren alles zu erlauben. Dazu müsste etwas in der Geschichte der Universität zu finden sein.«
Gerade als ich etwas erwidern will, erreichen wir einen Bereich, wo sich mehrere Adepten vor einer Tür aufhalten. Wir sind an unserem Ziel angekommen. Garhajal, nun wieder mit trockener Hose, verschwindet mit seinen Kumpanen im Zimmer. Die anderen blicken mich freudig an und wollen gerade auf mich zugehen, wahrscheinlich um mich zu beglückwünschen. Und das, obwohl sie am Anfang gegen mich gejubelt haben. Aber als sie erkennen, dass Sonja meine Hand hält und somit meine Freundin ist, versuchen sie möglichst unauffällig in Richtung des Zimmers zu verschwinden.
»Warum stört es sie so, dass wir ein Paar sind?«, raune ich Sonja zu.
»Weil sie Angst haben vor Saschar, meinen Soll-Verlobten. Wie ich bereits sagte, ist er ein Sadist.«
»Aber warum haben sie hier an der Universität vor ihm Angst?«,
»Weil er hier an der Universität Schüler ist. Und sein Vater viel Einfluss hat. Einige der Professoren machen alles für Saschar, um sich bei seinem Vater einzuschleimen. Aber mir können die gestohlen bleiben. Bevor ich auch nur eine Minute mit diesem Widerling zusammen sein muss und nicht mit dir.«
»Bitte alle eintreten. Wir beginnen mit dem Unterricht«, hallt es aus dem Raum und nun müssen auch Sonja und ich eintreten.
Die Professorin ist eine Frau, die die Blütezeit ihres Lebens bereits überschritten hat und wohl eher eine misslaunige Person ist. Tiefe Falten haben sich in ihr Gesicht eingegraben, auch ihr Blick scheint alles und jeden zu missbilligen. Dennoch schafft sie es, noch unzufriedener dreinzuschauen, als sie Sonja und mich als Paar erkennt. Aber auf einen Kommentar verzichtet sie und fordert nur noch mal alle auf, Platz zu nehmen.
In dem Raum ist etwa Platz für vierzig Leute, wobei die Tische in einem U angeordnet sind. Die Fensterplätze sind alle belegt, auch die vorderen Plätze scheinen heiß begehrt zu sein. Zum Glück sind nur etwa zwanzig Adepten anwesend, so dass wir einen Platz hinten an der Ecke finden. Garhajal und seine Kumpanen sitzen direkt gegenüber von uns an der Fensterseite, aber keiner von ihnen würdigt uns eines Blickes. Also richte ich auch meine Aufmerksamkeit auf die Professorin.
Die nächsten Stunden sind durch Langeweile geprägt. Das Seminar lautet zwar Kampfmagie, aber mit Kampf hat dies nichts zu tun. Höchstens mit dem Kampf mit der Müdigkeit. Denn nach anfänglich interessanter Erklärung des Faches durch Professorin Ludmina von Gars ist es zu einem Lernfach herabgewürdigt worden. Kampfmagie beschäftigt sich angeblich mit der Anwendung von Magie für passive Angriffe. Da Magie nur bei lebendiger Materie in einem Körper wirkt, kann man die nicht aktiv auf einen anderen Körper schleudern. Aber laut Professorin Ludmina kann man in seinem Körper eine Art Falle erzeugen, was bedeutet: Wenn man mit einem Zauber angegriffen wird, ergibt sich durch die Magie eine Gegenreaktion. Die wirft dann den Angriffszauber auf den Gegner zurück, manchmal sogar in einer leichten Abänderung. Der Vorteil daran ist, dass man die Magie schon vorbereiten kann, bevor es der Gegner merkt. Und so schlägt sein Zauber sofort und ohne verräterische Handbewegungen auf ihn zurück.
Leider mache ich den Fehler und versuche, mich für die Thematik zu interessieren. Also stelle ich die Frage, ob ich
