Der Biber -  - E-Book

Der Biber E-Book

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Beschreibung

Der Biber. Ein Streifzug durch die Literatur In diesem Buch entdecken Sie nicht nur den Biber, sondern auch spannende Geschichten von Autoren, die teilweise zu Unrecht vergessen worden sind. Das Buch erscheint im Maxi-Format

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Die Ansiedler in Kanada, Frederick Marryat

Rudyard Kipling

Die Kreuzritter. Erstes Buch, Henryk Sienkiewicz

Das Märchen vom Murmeltier, Clemens Brentano

Der Klosterjäger, Ludwig Ganghofer

Sajo und ihre Biber, Wäscha-kwonnesin

Fabeln, Johann Heinrich Pestalozzi

Der tote Mann, Friedrich von Gagern

Zelte in der Wildnis. Julius Lips

Der Sang von Hiawatha, Henry Wadsworth Longfellow

Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 6: Insektenfresser und Nagetiere, Alfred Brehm

Brehm's Thierleben: Die Säugethiere 1, Alfred Brehm

Der Waldläufer – Für die reifere Jugend bearbeitet, Gabriel Ferry

Nachwort: Der Biber – ein kunstvoller Baumeister

Die Ansiedler in Kanada, Frederick Marryat

Die zweite Winterhälfte verging recht langsam. Zwar kamen Malachi und John, von der Erdbeere begleitet, beinahe jeden Sonntag und blieben manchmal gar bis zum Dienstag; aber in der übrigen Zeit war die Langeweile groß.

Doch Februar und März vergingen. Mitte April wurde der See vom Eise frei; das Auftauen begann und vollzog sich so rasch, daß das Flüßchen ein reißender Strom wurde und ein großer Teil des Prärielandes unter Wasser stand. Wenige Tage genügten indessen, das Bild zu verändern. Der Schnee, der monatelang den Erdboden bedeckt hatte, war ganz verschwunden; die Vögel, die während des Winters verstummt oder fortgezogen waren, erschienen wieder und zwitscherten um das Haus. Das wohltuende Grün der Prärie zeigte sich von neuem dem Blick, und die Natur begann wieder zu lächeln. Nach weiteren zehn Tagen hatten die Bäume ihre Blätter entfaltet, und nach einigen Stürmen wurde das Wetter warm und der Himmel heiter.

Wie groß war das Entzücken aller über diesen Wechsel! Jetzt, wo die Kühe auf die Weide hinausgetrieben waren, gingen Emma und Mary wie zuvor zum Melken und brauchten eine Begegnung mit Wölfen nicht mehr zu fürchten. Der Kahn wurde zum See gebracht, und Percival und John fuhren wieder aus, um Fische zu fangen. Alfred, Henry und Martin waren sehr beschäftigt, das gelichtete Land für die Aussaat vorzubereiten. Mr. Campbell arbeitete den ganzen Tag im Garten. Das Hühnervolk gackerte und scharrte und lieferte bald einen großen Vorrat an Eiern. Da die Jagdzeit vorüber war, kamen Malachi und die Erdbeere sehr häufig zum Besuch.

»O Mary«, rief Emma aus, als sie eines Tages auf der Brücke standen und auf den großen blauen See blickten, »ist es nicht entzückend, dies zu sehen, nachdem man so viele langweilige Monate eingesperrt war?«

»Ja, Emma, das ist es wirklich, ich fühle mich wie ein anderer Mensch.«

»Ich finde es ganz eigentümlich, daß Hauptmann Sinclair uns noch nicht besucht hat. Du nicht auch, Mary?«

»Ich habe ihn schon seit einiger Zeit erwartet«, entgegnete Mary, »doch ist anzunehmen, daß sein Dienst ihm den Besuch nicht gestattet.«

»Sicherlich könnte er bei dem jetzigen schönen Wetter Urlaub bekommen, während im Winter wohl Grund vorhanden war, daß er nicht kam. Hoffentlich ist er nicht krank.«

»Das will ich auch von ganzem Herzen wünschen«, erwiderte Mary, »aber komm, Schwester, wir dürfen nicht verweilen. Horch, wie die Kälber nach uns blöken, damit sie ihr Frühstück bekommen. Sehr bald werden wir noch mehr Kälber haben, ja, und sehr viel Milch, und dann werden wir viel buttern müssen. Aber ich liebe die Arbeit, wenn das Wetter so schön ist.«

Nach dem Frühstück sprach Emma zu Alfred ihr Befremden darüber aus, daß Hauptmann Sinclair noch nicht erschienen sei und äußerte ihre Besorgnis, er könne vielleicht krank sein. Alfred versprach auf ihre Bitte, am Nachmittag zum Fort hinüberzugehen, um zu hören, wie sich die Sache verhielte.

John, der Malachis Rat nicht vergessen hatte, brachte täglich einen Korb mit schönen Forellen aus dem Flüßchen; die Versorgung mit Fischen und Eiern kam sehr gelegen, da alles Rindfleisch verzehrt war, und man sich anderenfalls auf Pökelschweinefleisch hätte beschränken müssen. Alfred ging, wie er Emma versprochen hatte, von Martin begleitet, nach der Festung, von wo er am nächsten Morgen mit allerlei Neuigkeiten zurückkehrte. Sinclair war, wie Emma vermutet hatte, nicht imstande, herüberzukommen, denn er hatte einen bösen Fall getan, wobei er sich das Knie verletzt hatte, so daß er einige Zeit liegen mußte. Er war jedoch sonst guter Dinge, und der Regimentsarzt hatte verheißen, er werde in vierzehn Tagen wiederhergestellt sein. Sinclair ließ der Familie seinen Gruß melden, und auch der Kommandant sandte Mr. Campbell eine Empfehlung und ließ ihm sagen, er beabsichtige innerhalb acht bis vierzehn Tagen ein Boot nach Montreal abgehen zu lassen. Falls Mr. Campbell Einkäufe zu machen habe oder jemand bei dieser Gelegenheit zur Stadt mitschicken wolle, so möge er dies tun; das Boot könne die gewünschten Sachen mit zurückbringen. Eine weitere Verbindung mit Quebec hätten sie im Fort noch nicht gehabt, doch erwarteten sie jeden Tag einen Boten mit Briefen und Zeitungen aus England; ferner hoffe er, bald in eigener Person seine Aufwartung machen zu können.

Dies waren die von Alfred überbrachten Nachrichten. Emma tat in Marys Abwesenheit viele Fragen in bezug auf Hauptmann Sinclair; Alfred lachte über ihre außerordentliche Neugierde. Hierauf wurde der Vorschlag des Kommandanten in betreff der Fahrt nach Montreal erörtert. Der alte Malachi hatte viele Pakete mit Pelzen zu verkaufen. Martin besaß deren fünf, Alfred drei und Henry zwei. Bei ihren Jagdausflügen hatte nämlich immer derjenige Anspruch auf die Haut, der das Tier tötete. Malachis Pakete waren jedoch von höherem Werte, da er Biber- und andere kostbare Häute besaß, während Martin und die übrigen hauptsächlich Hirschhäute hatten. Es entstand die Frage, wer damit nach Montreal geschickt werden sollte. Malachi spürte keine Neigung dazu; Martin konnte nicht gut entbehrt werden und würde vor allem auf irgendeine Art in der Stadt in die Klemme geraten, während Henry und Alfred nichts von dem Wert der Häute verstanden; anderenfalls hätte Mr. Campbell am liebsten einen der beiden letzteren geschickt, da er Mehl, Schweinefleisch und verschiedene andere Dinge besorgt haben wollte. Die Schwierigkeit wurde indessen durch den alten Malachi bald beseitigt; er sagte, er habe seine Felle bereits abgeschätzt, und mit den anderen könnte das ebenfalls vor der Verpackung geschehen. Sollten sie sich dann für einen gleichen oder ähnlichen Verkaufspreis nicht veräußern lassen, so sollten sie lieber zurückgebracht werden. Mr. Campbell war mit dieser Anordnung zufrieden, und es wurde bestimmt, daß Henry die Reise mache. Mr. Campbell fertigte ein Verzeichnis der von ihm gewünschten Gegenstände an, zu welchem Mrs. Campbell ihre Liste hinzufügte, und man setzte alles für den Zeitpunkt in Bereitschaft, wo die Meldung von der Abfahrt des Bootes eintreffen würde. Martin schien durchaus nicht böse darüber zu sein, daß man ihn nicht für die Reise gewählt hatte. Seit Malachi Bone mitgeteilt hatte, daß die Erdbeere nicht seine Frau sei, war Martin beständig an ihrer Seite. Sie fing an, einige Worte englisch zu sprechen, und war bei jedermann sehr beliebt.

Sobald Mr. Campbell gewahrte, daß Malachi Bone die Gesellschaft nicht mehr mied, hielt er es für seine Pflicht, ihm anzubieten, ob er sein Land nicht zurückzunehmen wünsche; doch wollte Malachi dies nicht annehmen. Er sagte, er brauche kein Land; doch könnte er seine Hütte vielleicht etwas mehr in ihrer Nähe aufschlagen; gegenwärtig bliebe wohl am besten alles beim alten. Hierauf berührte Mr. Campbell den Gegenstand nicht von neuem. Malachi handelte bald nach seiner Bemerkung, denn wenige Tage darauf erschien er mit der Erdbeere und John. Alle drei waren mit Haushaltungsgegenständen beladen, und binnen kurzem hatten sie am westlichen Ende von Mr. Campbells Prärie einen neuen Wigwam aufgebaut, der vom Hause aus sichtbar war. Dies erfüllte Mrs. Campbell mit großer Befriedigung, da John doch nun immer in ihrer Nähe blieb. Er schlief auch wirklich nicht mehr in der Jägerwohnung, sondern in dem Zimmer bei seinen Brüdern. Den größten Teil des Tages brachte er im Wigwam oder in der Gesellschaft des alten Jägers zu. Durch diese neue Einrichtung verschmolzen nach und nach beide Familien in eine, und kein Tag verging, wo die Erdbeere nicht ins Haus kam, um sich nützlich zu machen. Sie half bei allem, wovon sie etwas verstand, und lernte schnell, was sie noch nicht kannte.

Einige Abende nach der Nachricht vom Fort stellte Mrs. Campbell an Malachi einige Fragen in bezug auf die Gewohnheiten des Bibers, da sie bereits viel von der Klugheit dieser Tiere gehört hatte.

»Ja, Madam«, sagte Malachi, »es sind höchst verständige Tiere, und ich kann wohl sagen, daß ich nie müde ward, sie zu betrachten. Bisweilen habe ich im Sommer sogar vergessen, weshalb ich hinausgekommen war, wenn ich sie bei ihren Arbeiten überraschte.«

»So ist's mir auch gegangen«, sagte Martin. »Ich lag einmal unter einem Busch am Ufer des Flusses, da sah ich, wie sich eine ganze Versammlung von Bibern einfand; auf ihre Art redeten sie so ernsthaft miteinander, daß ich wirklich glauben muß, sie haben so gut eine Sprache wie wir. Die alten Biber sind's immer, die da reden, und die jungen hören zu.«

»Das ist wahr«, versetzte Malachi, »ich sah sie auch einmal eine Versammlung abhalten, worauf sie sich alle trennten, um an die Arbeit zu gehen; denn sie waren dabei, einen Strom aufzudämmen und ihre Wohnungen zu bauen.«

»Aber was taten sie denn, Malachi?«

Rudyard Kipling

Nur-so-Geschichten

Es war einmal vor langerlanger Zeit ein Neu-Steinzeitmann. Er war kein Jütländer oder Angelsachse, oder sogar Drawide, was er gut hätte sein können, Meistgeliebte, aber frag' nicht warum. Er war ein Primitiver, und er lebte kuschelig in einer Höhle, und er trug sehr wenig Kleidung, und er konnte nicht lesen und nicht schreiben und wollte das auch gar nicht, und außer, wenn er hungrig war, war er ganz glücklich. Sein Name war Tegumai Bopsulai, und das bedeutet: ›Mann-der-seinen-Fuß-nicht-eilig-vorwärts-setzt‹; aber wir, o Meistgeliebte, werden ihn einfach Tegumai nennen. Und seine Frau hieß Teshumai Tewindrow, und das bedeutet: ›Dame-die-sehr-viele-Fragen-stellt‹; aber wir, o Meistgeliebte, werden sie einfach Teshumai nennen. Und der Name seiner kleinen Tochter war Taffimai Metallumai, und das bedeutet: ›Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhauen-gehört‹; aber ich werde sie Taffi nennen. Und sie war Tegumai Bopsulais Meistgeliebte und ihrer Mami Bestgeliebte, und sie bekam nicht halb so viel Haue, wie ihr gut getan hätte; und alle drei waren sie sehr glücklich. So bald Taffi umherlaufen konnte, ging sie mit ihrem Pappi Tegumai überall hin, und manchmal kamen sie nicht bevor sie sehr hungrig waren zur Höhle zurück, und dann sagte Teshumai Tewindrow: »Wo in aller Welt seid ihr zwei gewesen und habt euch so entsetzlich dreckig gemacht? Wirklich, mein Tegumai, du bist nicht besser als meine Taffi.«

Nun paß auf und hör zu!

Eines Tages ging Tegumai Bopsulai durch den Biber-Sumpf zum Wagai-Fluß, um Karpfen zum Abendbrot zu speeren, und Taffi ging mit. Tegumais Speer war aus Holz, mit Haifischzähnen an der Spitze, und bevor er auch nur einen Fisch erwischt hatte, hatte er ihn sauber abgebrochen, als er ihn zu fest auf den Grund des Flusses stach. Sie waren meilenweit von zu Hause weg (natürlich hatten sie sich in einer kleinen Tasche etwas zu Essen mitgenommen), und Tegumai hatte nicht daran gedacht, ein paar Ersatzspeere mitzunehmen.

»Das ist ja eine schöne Bescherung!« sagte Tegumai. »Ich werde den halben Tag brauchen, um das zu reparieren.«

»Du hast doch noch den schwarzen Speer zu Hause,« sagte Taffi. »Laß mich zur Höhle zurück laufen und Mami bitten, dass sie ihn mir gibt!«

»Das ist zu weit für deine kleinen dicken Beine,« sagte Tegumai. »Außerdem könntest du in den Biber-Sumpf fallen und ertrinken. Wir müssen einfach das Beste draus machen.« Er setzte sich hin und nahm seinen kleinen ledernen Werkzeugbeutel heraus, der voller Rentiersehnen und Lederstreifen und Klumpen von Bienenwachs und Harz war, und fing an, den Speer zu reparieren.

Taffi setzte sich auch hin, ließ die Zehen ins Wasser hängen und stützte das Kinn in die Hand und dachte sehr stark nach. Dann sagte sie – »ich meine, Pappi, dass es ein ekelhafter Mist ist, dass du und ich nicht schreiben können, nicht wahr? Wenn wir es könnten, könnten wir eine Botschaft schicken und einen neuen Speer bestellen.«

»Taffi,« sagte Tegumai, »wie oft habe ich dir gesagt, dass du vernünftig sprechen sollst? ›Ekelhafter Mist‹ ist kein schöner Ausdruck, aber, wo du es gerade erwähnst, es könnte Vorteile haben, wenn wir nach Hause schreiben könnten.«

In dem Moment kam ein fremder Mann den Fluß entlang, aber der gehörte zu einem weit entfernten Stamm, den Tewaras, und er verstand nicht ein einziges Wort von Tegumais Sprache. Er stand am Ufer und lächelte Taffi an, weil er auch eine kleine Tochter zu Hause hatte. Tegumai zog einen Streifen Hirschsehen aus seinem Werkzeugbeutel und fing an, den Speer zu reparieren.

»Komm her,« sagte Taffi. »Weißt du, wo Mami wohnt?« Und der fremde Mann sagte »Um!«, weil er, wie du weißt, ein Tewara war.

»Dumm!« sagte Taffi. Und stampfte mit dem Fuß auf, weil sie einen Schwarm sehr großer Karpfen den Fluß hinaufziehen sah, gerade jetzt, wo ihr Pappi seinen Speer nicht benutzen konnte.

»Belästige keine Erwachsenen,« sagte Tegumai, so mit seiner Speerreparatur beschäftigt, dass er sich nicht einmal umdrehte.

»Tu ich doch gar nicht,« sagte Taffi. »Ich will nur, dass er tut, was ich will, und er versteht nichts.«

»Dann belästige mich nicht,« sagte Tegumai, und fuhr mit seinem Ziehen und Zerren an den Hirschsehnen fort, den Mund voller loser Enden. Der fremde Mann – ein echter Tewara war das – setzte sich ins Gras, und Taffi zeigte ihm, was ihr Pappi machte. Der fremde Mann dachte: ›Dieses ist ein sehr wundervolles Kind. Sie stampft mit dem Fuß vor mir auf und schneidet Gesichter. Sie muß die Tochter des edlen Häuptlings sein, der so bedeutend ist, dass er mich nicht einmal bemerkt.‹ Also lächelte er noch höflicher als zuvor.

»Also,« sagte Taffi, »ich möchte gerne, dass du zu meiner Mami gehst, weil deine Beine länger sind als meine, und weil du nicht in den Biber-Sumpf fallen wirst, und um Pappis anderen Speer bittest – den mit dem schwarzen Handgriff, der über unserer Feuerstelle hängt.«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) dachte, »Dieses ist ein sehr, sehr wundervolles Kind. Sie schwenkt die Arme und schreit mich an, aber ich verstehe nicht ein Wort, das sie sagt.

Aber wenn ich nicht tue, was sie will, fürchte ich sehr, dass dieser stolze Häuptling, Mann-der-Besuchern-den-Rücken-kehrt, wütend wird.« Er stand auf, drehte ein großes Stück Rinde von einer Birke ab und gab das Taffi. Er tat das, Meistgeliebte, um zu zeigen, dass sein Herz so weiß war wie die Birkenrinde, und dass er nichts Böses im Schilde führte; aber Taffi verstand es nicht ganz richtig.

»Oh!« sagte sie. »Jetzt verstehe ich! Du willst Mamis Adresse haben? Natürlich kann ich nicht schreiben, aber ich kann Bilder malen, wenn ich etwas Spitzes zum Kratzen finde. Bitte leih mir den Haifischzahn von deiner Halskette.«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) sagte nichts, also streckte Taffi ihre kleine Hand aus und zog an der schönen Perlen-, Samen- und Haifischzahnkette, die er um den Hals trug.

Der fremde Mann (der ein Tewara war) dachte, ›Dieses ist ein sehr, sehr, sehr wundervolles Kind. Der Haifischzahn an meinem Hals ist ein magischer Haifischzahn, und man hat mir immer gesagt, dass jeder, der ihn ohne meine Erlaubnis berührt, unverzüglich anschwellen und zerplatzen würde, aber dieses Kind schwillt nicht an und zerplatzt nicht, und der bedeutende Häuptling, Mann-der-sich-nur-um-seine-Arbeit-kümmert, der mich immer noch nicht bemerkt hat, scheint keine Angst zu haben, dass sie anschwillt oder zerplatzt. Ich werde besser noch höflicher sein.‹

Also gab er Taffi seinen Haifischzahn, und sie legte sich flach auf den Bauch, die Beine in der Luft, wie manche Leute, wenn sie auf dem Wohnzimmerfußboden Bilder malen wollen, und sie sagte: »Jetzt werde ich dir ein paar schöne Bilder malen! Du kannst mir über die Schulter sehen, aber du darfst nicht wackeln. Zuerst male ich Pappi beim Fischen. Es sieht ihm nicht sehr ähnlich; aber Mami wird ihn erkennen, weil ich seinen Speer ganz zerbrochen gemalt habe. Gut, jetzt male ich den anderen Speer, den er braucht, den Speer mit dem schwarzen Griff. Es sieht aus, als ob er in Pappis Rücken steckte, aber das kommt nur, weil der Haifischzahn abgerutscht und dieses Rindenstück nicht groß genug ist. Das ist der Speer, den du holen sollst; also male ich jetzt noch ein Bild von mir, wie ich es dir erkläre. Meine Haare stehen nicht so hoch, wie ich es gemalt habe, aber so kann ich es besser malen. Jetzt male ich dich. Ich weiß, dass du in Wirklichkeit sehr nett bist, aber ich kann dich auf dem Bild nicht nett malen, also darfst du nicht beleidigt sein. Bist du beleidigt?«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) lächelte. Er dachte: »Es muß irgendwo eine große Schlacht geplant sein, und dieses außergewöhnliche Kind, die meinen magischen Zahn nimmt, aber weder anschwillt noch zerplatzt, befiehlt mir, alle großen Stammeshäuptlinge zusammenzurufen, damit sie ihm helfen. Er ist ein großer Häuptling, sonst hätte er mich bemerkt.«

»Schau,« sagte Taffi und zeichnete sehr angestrengt und kratzig, »jetzt habe ich dich gemalt, mit dem Speer, den Pappi haben möchte, in der Hand, um dich zu erinnern, dass du ihn hierher bringen mußt. Jetzt zeige ich dir, wie du Mamis Wohnung findest. Du gehst da lang, bis du zu zwei Bäumen kommst (das da sind Bäume) und dann gehst du über einen Hügel (das ist ein Hügel) und dann kommst du zu einem Bibersumpf voller Biber. Ich habe nicht die ganzen Biber reingemalt, weil ich keine Biber malen kann, aber ich habe ihre Köpfe gemalt, und mehr wirst du sowieso nicht von ihnen sehen, wenn du durch den Sumpf gehst. Paß auf, dass du nicht reinfällst! Dann ist unsere Höhle direkt hinter dem Bibersumpf. Sie ist nicht wirklich so hoch wie die Hügel, aber ich kann nicht so klein malen. Da draußen ist meine Mami. Sie ist schön. Sie ist die allerschönste Mami auf der Welt, aber sie wird nicht beleidigt sein, wenn sie sieht, dass ich sie so einfach gemalt habe. Sie wird sich freuen, weil ich malen kann. Also, falls du es vergißt, habe ich den Speer, den Pappi haben möchte, außen vor unsere Höhle gemalt. Eigentlich ist er drinnen, aber wenn du meiner Mami das Bild zeigst, wird sie ihn dir geben. Ich habe sie mit Händen hoch gemalt, weil ich weiß, sie freut sich, wenn sie dich sieht. Ist das nicht ein schönes Bild? Und verstehst du auch alles, oder soll ich es noch mal erklären?«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) schaute das Bild an und nickte sehr kräftig. Er dachte bei sich: ›Wenn ich den Stamm dieses großen Häuptlings nicht herbeihole, um ihm zu helfen, wird er von seinen Feinden erschlagen werden, die von allen Seiten mit Speeren auf ihn zu kommen. Jetzt verstehe ich, warum der große Häuptling so getan hat, als bemerke er mich nicht! Er befürchtete, dass seine Feinde sich in den Büschen verstecken und ihn sehen könnten. Darum wendete er mir den Rücken zu und ließ dieses weise und wundervolle Kind das Bild malen, das mir seine Schwierigkeiten zeigt. Ich will los und bei seinem Stamm Hilfe für ihn holen.‹ Er fragte Taffi nicht einmal nach dem Weg, sondern raste wie der Wind los durch die Büsche, mit der Birkenrinde in der Hand, und Taffi, höchst zufrieden, setzte sich hin.

Und hier ist das Bild, das Taffi ihm malte!

»Was hast du gemacht, Taffi?« sagte Tegumai. Er hatte den Speer repariert und schwenkte ihn vorsichtig hin und her.

»Ich habe ein bißchen was urganisiert, lieber Pappi,« sagte Taffi. »Wenn du mich nichts fragst, wirst du es gleich schon merken, und dann wirst du überrascht sein. Du weißt nicht, wie du überrascht sein wirst, Pappi! Versprich, dass du überrascht sein wirst.«

»Sehr gut,« sagte Tegumai und fing wieder an zu fischen.

Der fremde Mann – wußtest du, dass er ein Tewara war? – eilte mit dem Bild davon und rannte einige Meilen, bis er fast zufällig Teshumai Tewindrow am Eingang ihrer Höhle antraf, wie sie sich mit einigen anderen Neusteinzeitdamen unterhielt, die sie zu einer primitiven Mahlzeit eingeladen hatte. Taffi ähnelte Teshumai sehr, besonders in der oberen Gesichtshälfte und um die Augen herum, also lächelte der fremde Mann – immer ein reiner Tewara – höflich und überreichte Teshumai die Birkenrinde. Er war schnell gerannt, so dass er schnaufte, und seine Beine waren von Dornensträuchern zerkratzt, aber er versuchte trotzdem, höflich zu sein.

Sobald Teshumai das Bild sah, schrie sie wie sonstwas und stürzte sich auf den fremden Mann. Die anderen Neusteinzeitdamen schlugen ihn sofort nieder und setzten sich in einer Sechserreihe auf ihn, während Teshumai ihn an den Haaren zog.

»Es ist so offensichtlich wie die Nase im Gesicht dieses fremden Mannes,« sagte sie. »Er hat meinen Tegumai mit Speeren aufgespießt und meine arme Taffi so erschreckt, dass ihre Haare aufrecht stehen; und, damit nicht zufrieden, bringt er mir ein gräßliches Bild davon. Seht!« Sie zeigte das Bild allen Neusteinzeitdamen, die geduldig auf dem fremden Mann saßen. »Hier ist mein Tegumai mit gebrochenem Arm; hier ist ein Speer, der in seinem Rücken steckt; hier ist ein Mann mit wurfbereitem Speer; hier ist noch ein Mann, der einen Speer aus einer Höhle wirft, und hier ist eine ganze Bande« (das waren in Wirklichkeit Taffis Biber, aber sie sahen ziemlich wie Leute aus) die hinter Tegumai herankommen. Ist das nicht entsetzlich!«

»Höchst entsetzlich!« sagten die Neusteinzeitdamen, und sie schmierten dem fremden Mann Schlamm in die Haare (wovon er sehr überrascht war), und sie schlugen die Widerhallenden Stammestrommeln und riefen alle Häuptlinge von Tegumais Stamm zusammen, mit allen Hetmännern und Dolmännern, mit Negussen, Woons und Mullahs der Organisation, überdies die Kriegsherren, Schamanen, Jujumänner, Bonzen und alle, die dann beschlossen, dass sie der fremde Mann, bevor sie ihm den Kopf abhackten, sofort zum Fluß führen und ihnen zeigen sollte, wo er die arme Taffi versteckt hatte.

Inzwischen war der arme fremde Mann (obwohl er ein Tewara war) richtig verärgert. Sie hatten ihm ziemlich dicken Schlamm in die Haare geschmiert; sie hatten ihn auf knorrigen Kieseln rauf und runter gerollt; sie hatten in einer langen Reihe zu sechst auf ihm gesessen; sie hatten ihn herumgebufft und geknufft, bis er kaum noch atmen konnte; und obwohl er ihre Sprache nicht verstand, war er ziemlich sicher, dass die Namen, die die Neusteinzeitdamen ihm gegeben hatten, nicht damenhaft waren. Trotzdem sagte er nichts, bis der ganze Stamm von Tegumai versammelt war, und dann führte er sie zurück zum Ufer des Wagaiflusses, und da fanden sie Taffi, die Blumenkränze flocht, und Tegumai, der mit seinem reparierten Speer sorgfältig kleine Karpfen aufspießte.

»Toll, du warst aber schnell!« sagte Taffi. »Aber warum hast du so viele Leute mitgebracht? Lieber Pappi, da ist meine Überraschung. Bist du überrascht, Pappi?«

»Sehr,« sagte Tegumai; »aber damit ist das Fischen für heute erledigt. Auweh, der ganze liebe, freundliche, nette, saubere Stamm ist da, Taffi.«

Und so war es auch. Allen voran marschierte Teshumai Tewindrow mit den Neusteinzeitdamen, die den fremden Mann gut festhielten, dessen Haare voller Schlamm waren (obwohl er ein Tewara war). Hinter ihnen kamen der Oberhäuptling, der Vize-Häuptling, die Hilfs- und Assistenz-Häuptlinge (alle bis an die Schneidezähne bewaffnet), die Hetmänner und und Centurionen, Zugführer mit ihren Zügen, und Dolmänner mit ihren Divisionen; Woons, Negusse und Mullahs standen weiter hinten (aber auch bis an die Zähne bewaffnet). Hinter ihn der Stamm in hierarchischer Ordnung, angefangen bei Besitzern von vier Höhlen (eine für jede Jahreszeit) einer privaten Rentier-Rennstrecke und zwei Lachstreppen, über feudale Zinsbauern mit vorstehenden Zähnen und einem Anteil an einem halben Bärenfell im Winter, sieben Meter vom Feuer, bis hin zu adskribierten Leibeigenen, deren Erbteil aus der Anwartschaft auf einen ausgelutschten Markknochen bestand. (Sind das nicht schöne Wörter, Meistgeliebte?) Alle waren sie da, sprangen umher und lärmten, und sie verschreckten alle Fische im Umkreis von zwanzig Meilen, und Tegumai dankte ihnen in flüssiger neusteinzeitlicher Rede.

Dann rannte Teshumai Tewindrow hin und küsste und herzte Taffi sehr ausgiebig; aber der Oberhäuptling des Stammes von Tegumai ergriff Tegumai an den Federn in seinem Haarknoten und schüttelte ihn heftig.

»Erklären! Erklären! Erklären!« schrie Tegumais ganzer Stamm.

»Um’s Himmels willen!« sagte Tegumai. »Laß meinen Haarknoten los. Kann ein Mensch nicht mal seinen Karpfenspeer zerbrechen, ohne dass die ganze Landbevölkerung herbeigelaufen kommt? Ihr seid ein sehr distanzloses Volk.«

»Ich glaube nicht, dass ihr Pappis Speer mit dem schwarzen Griff überhaupt mitgebracht habt,« sagte Taffi. »Und was macht ihr da mit meinem netten fremden Mann?«

Sie bufften ihn zu zweit und zu dritt und zu zehnt, bis er die Augen verdrehte. Er konnte nur nach Luft schnappen und auf Taffi zeigen.

»Wo sind die bösen Leute, die dich mit dem Speer verletzt haben, Liebling?« sagte Teshumai Tewindrow.

»Solche Leute gab’s keine,« sagte Tegumai. »Mein einziger Besucher heute morgen war der arme Kerl, den ihr eben zu erwürgen versucht. Bist du nicht ganz gesund, oder bist du krank, o Stamm von Tegumai?«

»Er hat ein entsetzliches Bild gebracht,« sagte der Oberhäuptling, – »ein Bild, auf dem du voller Speere warst.«

»Äh-hm – v’leicht sollte ich erklären, dass ich ihm das Bild gegeben habe,« sagte Taffi, aber sie fühlte sich nicht ganz wohl dabei.

»Du!« sagte der ganze Stamm von Tegumai. »Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhauen-gehört! Du?«

»Taffi-liebes, ich fürchte, wir stecken ein bißchen in Schwierigkeiten,« sagte ihr Pappi und legte seinen Arm um sie, also machte es ihr nichts.

»Erklären! Erklären! Erklären!« sagte der Oberhäuptling des Stammes von Tegumai und hüpfte auf einem Fuß.

»Ich wollte, dass der fremde Mann Pappis Speer holen sollte, also habe ich ihn gemalt,« sagte Taffi. »Es waren gar nicht so viele Speere. Es war nur ein Speer. Ich habe ihn nur dreimal gemalt, um sicherzugehen. Ich konnte nichts dran ändern, dass es aussah, als ob er in Pappis Kopf steckte – es war nicht genug Platz auf der Birkenrinde; und das, was Mami böse Leute genannt hat, sind meine Biber. Ich habe sie gemalt, um ihm den Weg durch den Sumpf zu zeigen; und ich habe Mami am Höhleneingang gemalt, wie sie ihn freundlich anguckt, weil er ein netter fremder Mann ist, und ich glaube, ihr seid einfach die dümmsten Leute der Welt,« sagte Taffi. »Er ist ein sehr netter Mensch. Warum habt ihr ihm Schlamm in die Haare geschmiert? Wascht ihn!«

Lange Zeit sagte niemand etwas, bis der Oberhäuptling lachte; dann lachte der fremde Mann (der ein Tewara war); dann lachte Tegumai, bis er platt auf das Ufer fiel; dann lachte der ganze Stamm immer mehr und schlimmer und lauter. Die einzigen, die nicht lachten, waren Teshumai Tewindrow und ihre Neusteinzeitdamen. Sie waren alle immer höflich zu ihren Ehemännern und sagten sehr oft ‚Idiot’.

Dann rief und sagte und sang der Oberhäuptling des Stammes von Tegumai: »O Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhauen-gehört, du hast eine große Erfindung gemacht!«

»Das wollte ich nicht; ich wollte nur Pappis Speer mit dem schwarzen Griff,« sagte Taffi.

»Mach dir nichts draus. Es ist eine große Erfindung, und eines Tages werden die Menschen es ›Schreiben‹ nennen. Im Moment sind es nur Bilder, und, wie wir heute gesehen haben, werden Bilder nicht immer richtig verstanden. Aber es wird eine Zeit kommen, o Kind von Tegumai, da wir Buchstaben machen – alle sechsundzwanzig – und genauso gut lesen wie schreiben werden, und dann werden wir immer genau das sagen, was wir meinen, ohne jeden Fehler. Laßt die Neusteinzeitdamen den Schlamm aus dem Haar des Fremden waschen.«

»Das wird mich freuen,« sagte Taffi, »weil ihr schließlich, obwohl ihr jeden einzelnen anderen Speer aus dem Stamm von Tegumai mitbrachtet, Pappis Speer mit dem schwarzen Griff vergessen habt.«

Dann rief und sagte und sang der Oberhäuptling: »Liebe Taffi, das nächste Mal, wenn du einen Bilderbrief schreibst, schickst du besser einen Mann damit los, der unsere Sprache spricht, um zu erklären, was er bedeutet. Mit persönlich ist es egal, weil ich ein Oberhäuptling bin, aber es ist schlecht für den Rest des Stammes von Tegumai, und, wie du siehst, überrascht es den Fremden.«

Dann nahmen sie den fremden Mann (einen echten Tewara aus Tewar) in den Stamm von Tegumai auf, weil er ein feiner Mensch war und kein Theater machte wegen des Schlamms, den die Neusteinzeitdamen ihm ins Haar geschmiert hatten. Aber von jenem Tag bis heute (und das ist meiner Meinung nach alles Taffis Schuld), haben nur sehr wenige kleine Mädchen gerne Schreiben und Lesen gelernt. Die meisten ziehen es vor, Bilder zu malen und mit ihren Pappis zu spielen – genau wie Taffi.

Es blieb nur noch ein grüner Pfad Vom alten Weg durchs Merrowtal – Ein Stundenmarsch bis Guildford Stadt Dem Flusse Wey gehört das Tal.

Hier regten alte Briten sich, Sobald das Pferdeglöckchen klang Neugierig auf Waren, wunderlich Aus dunkelem Phönikerland.

Und irgendwo hier saß man nett Mit Fremden im Gespräch und so – Man tauschte Perlen gegen Jett Und Zinn und hübsche Torcs und so.

Doch lang, sehr lang vor jener Zeit (Als Bisons wanderten vorbei) Da lebte Taffi hier im Tal Mit ihrem Pappi Tegumai.

Dann gab es Biber dort am Bach Auf ihrem Sumpf steht Bramley heut' Aus Shere kam Mancher, schaute nach Wo Taffi war, ist Shamley heut'.

Der Wey, von ihr Wagai genannt, War seinerzeit sechsmal so groß; Und nobel war der ganze Stamm, Von Tegumai, ganz grandios!

Hier ist die Geschichte von Taffimai Metallumai, wie sie vor langer Zeit von den Alten Völkern auf einen alten Stoßzahn geschnitzt wurde. Wenn du meine Geschichte liest oder dir vorlesen läßt, kannst du sehen, wie alles auf dem Stoßzahn beschrieben ist. Der Stoßzahn gehörte zu einer alten Stammestrompete, die dem Stamm von Tegumai gehörte. Die Bilder wurden mit einem Nagel oder so etwas hineingeritzt, und dann wurden die Ritze mit schwarzem Wachs ausgefüllt, aber die Trennlinien und die fünf kleinen Kreise am unteren Ende wurden mit rotem Wachs ausgefüllt. Als er noch neu war, hatte er eine Art Netz aus Perlen und Muschelschalen und Edelsteinen an einem Ende; aber das ist entzwei und verlorengegangen – alles außer dem kleinen bißchen, das du siehst. Die Buchstaben rund um den Stoßzahn waren Magie – Runenmagie – und wenn du sie lesen kannst, wirst du etwas ziemlich Neues herausfinden. Der Stoßzahn ist aus Elfenbein – sehr gelb und zerkratzt. Er ist zwei Fuß lang und zwei Fuß im Umfang und wiegt elf Pfund und neun Unzen.

Die Kreuzritter. Erstes Buch, Henryk Sienkiewicz

Der alte Edelmann täuschte sich nicht, als er behauptete, Zbyszko und Jagienka seien gern zusammen. Doch nicht nur das, eines sehnte sich sogar nach dem andern. Unter dem Vorwande, den kranken Macko zu besuchen, stellte sich Jagienka, entweder mit dem Vater oder allein, immer häufiger in Bogdaniec ein, während Zbyszko zu jeder Zeit, selbstverständlich aus Dankbarkeit, Zgorzelic heimsuchte. Mit jedem kommenden Tag entwickelte sich daher zwischen ihnen ein traulicherer Verkehr, eine innigere Freundschaft. Der junge, wunderbar schöne Zbyszko flößte aber auch dem Mägdlein große Bewunderung ein, und wenn sie ihn mit einem Cztan aus Rogow oder mit einem Wilk aus Brzozowa verglich, ihn, der sich nicht nur schon im Kriege hervorgethan, an ritterlichen Spielen teilgenommen hatte, sondern auch in den königlichen Gemächern sich zu bewegen wußte, da dünkte ihr, er sei der wahre höfische Ritter, er stehe keinem Königssohne nach. Zbyszko seinerseits wurde stets aufs neue durch die herrliche, kraftstrotzende Erscheinung Jagienkas in Staunen versetzt. Wohl dachte er in Treuen an Danusia, jedesmal aber, wenn er unverhofft, sei es im Walde, sei es im Hause, mit jener zusammentraf, sagte er sich unwillkürlich: »Hei, sie ist wie eine junge Hindin.« Hielt er sie aber gar in den Armen, um sie auf das Pferd zu heben, so ergriff ihn eine plötzliche Unruhe, ein Rieseln lief ihm durch alle Glieder, um dann einer Mattigkeit Platz zu machen, die ihn wie der Schlaf lähmte.

Die von Natur sehr stolze Jagienka, die stets nur dazu bereit war, zu spotten und zu lachen und mit jedem anzubinden, ward dem schönen Jüngling gegenüber immer demütiger, ja, sie las ihm alle seine Wünsche an den Augen ab. Wie dankbar erkannte er aber auch dies an! Das Zusammensein mit ihr ward ihm immer mehr zum Bedürfnis.

Wohlgemut schickten sie sich zur Biberjagd an. Sie bewaffneten sich mit der Armbrust, setzten sich zu Pferd und ritten über Moczydoly, welches die zukünftige Mitgift Jagienkas bilden sollte, bis an den Waldessaum, wo sie die Pferde einem Knechte übergaben, um von hier aus zu Fuße weiter zu gehen; war es doch ein Ding der Unmöglichkeit, durch das Dickicht oder über die Sümpfe zu reiten. Unterwegs wies Jagienka auf einen dichten Wald, der sich hinter einer großen, mit Sumpfgewächsen bedeckten Wiese hinzog, und sagte: »Dieser Wald gehört Cztan aus Rogow.«

»Dem, der Dich gern zum Weibe nehmen möchte?«

Sie fing an zu lachen.

»Er würde mich schon nehmen, wenn ich mich nehmen ließe.«

»Du wirst Dich schon vor ihm schützen können, da Dir Wilk beisteht. Wie ich gehört habe, sollen sie ja wie Hunde fortwährend die Zähne gegen einander fletschen. Ich möchte nur wissen, weshalb sie sich noch nicht auf Leben und Tod gefordert haben.«

»Weil das Väterchen, als es in den Krieg zog, also zu ihnen sprach: ›Wenn Ihr Euch schlagen werdet, dann kommt mir keiner von Euch mehr unter die Augen.‹ Was sollten sie daher machen? Und dann! Was schnauben beide vor Wut, wenn sie in Zgorzelic zusammentreffen, später aber trinken sie in der Schenke gemeinsam so lange, bis sie unter den Tisch fallen.«

»Das sind einfältige Burschen!«

»Warum denn?«

»Nun, wenn Zych nicht zu Hause war, hätte doch der eine oder der andere in Zgorzelic einfallen und Dich mit Gewalt entführen können.«

Jagienkas blaue Augen funkelten mit einem Male. »Glaubst Du denn, daß ich mir dies gefallen ließe? Als ob es in Zgorzelic keine Knechte gäbe, als ob ich den Speer und die Armbrust nicht zu führen wüßte! Sie sollen es nur einmal probieren, die beiden! Schön würde ich einen jeden nach Hause jagen, um dann noch selbst Nogow, oder Brzozowa anzugreifen. Das Väterchen wußte, daß es ruhig in den Krieg ziehen konnte.«

Bei diesen Worten blickte sie so wild um sich her und schüttelte so drohend die Armbrust, daß Zbyszko lachend erklärte: »Ei, ei. Du solltest ein Ritter und nicht ein Mädchen sein!«