14,99 €
»Warum ich nun schon drei Jahre lang hier oben ausharre, in der Kälte, fragte sie. Ich konnte es ihr nicht sagen. Vielleicht hatte ich einfach auf sie gewartet.« Drei Jahre lebte der Erzähler in der Norddeutschen Tiefebene, einer der seltsamsten Gegenden der Welt. Nun will er wieder zurück in den Süden, ans Meer. Kurz vor der Abreise verliebt er sich in eine Frau, die mit einem Papagei lebt. Fliegen kann er nicht, denn er ist auf einem Auge blind, dafür laut für zwei. Der Erzähler schreibt seit Jahrzehnten über Orte der Stille, jetzt soll ausgerechnet er mit einem solchen Krachmacher konkurrieren. Ein Albtraum. Er denkt sich Wege aus, den Schreihals aus dem Weg zu räumen, und ahnt nicht, daß dieser ihn längst durchschaut hat und seine eigenen Maßnahmen ergreift. Ein Roman darüber, wie ein Papagei das Leben eines Schriftstellers auf den Kopf stellt und sein Verhältnis zu den Menschen grundlegend verändert. Und ganz nebenbei und federleicht erzählt er eine Geschichte von Eifersucht, der Liebe zu Büchern, zu Cafés und zur Musik.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2024
Jürg Beeler
Der blinde Königund sein Narr
Roman
DÖRLEMANN
Alle Rechte vorbehalten © 2024 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Lara Flues unter Verwendung einer Illustration von GlobalP/iStock Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-891-4www.doerlemann.ch
Poicephalus senegalus
Seine Zuneigung ist so ausschließlich wie seine Ablehnung. Er ergreift Partei, er bringt Ehen auseinander, seine Fähigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren, ist größer als beim Menschen.
Wen er als Freund wählt, entkommt ihm nicht mehr. In Sekundenschnelle trifft er seine Wahl, ohne sich je zu täuschen. Die Unfehlbarkeit, mit der er einen ihm gänzlich fremden Menschen einzuschätzen vermag, ist noch unerforscht und macht jeden Psychologen neidisch.
Ciencia Hoy, Buenos Aires 1999
Es war Sommer, es war Juni, ein heller Tag verführte mich. Ein Tag, an dem ich, ohne es zu wissen, die bemerkenswerten Fähigkeiten eines Papageis besaß.
Ich betrat ein Antiquariat, die Frau neben der Kasse blickte von einem Buch auf. Ich entschied mich in Sekundenschnelle.
Noch am selben Abend saßen wir in einer Weinbar, sie trank Bier.
Ich trank kein Bier. Das war ein Fehler, wenn man im Norden lebte. Ein unverzeihlicher Fehler.
Warum ich nun schon drei Jahre lang hier oben ausharre, in der Kälte, fragte sie. Ich konnte es ihr nicht sagen. Vielleicht hatte ich einfach auf sie gewartet.
Ich mochte Regenschirme nicht, und doch war ich ausgerechnet in eine Stadt gezogen, in der es fast immer regnet. Ein Leben unter einem Regenschirm ist nicht einfach. Seit drei Jahren bin ich damit beschäftigt, meine Gedanken zu trocknen, damit sie nicht zusammenpappen, erklärte ich Mara.
Vielleicht war es wirklich so. Ich hatte drei Jahre lang auf sie gewartet, ohne es zu wissen.
Wir waren die letzten Gäste. Vielleicht waren wir überhaupt die letzten Gäste auf dieser Erde.
In jedem Land, in jeder Stadt, in der ich lebte, suchte ich Orte der Einkehr. Seit über dreißig Jahren schrieb ich über die Stille.
Die Stille im Norden war eine andere als die Stille im Süden. Der Nordländer bewohnte die Stille nicht. Sie suchte ihn heim, sie verfolgte ihn.
Psst, sagte Mara, als wir ihre Wohnung betraten. Der Kleine schläft.
Wie heißt er?
Friedolin.
Von einem Kind hatte sie mir nichts erzählt.
Das Kind war ein Papagei. Das stellte ich allerdings erst am nächsten Morgen fest. Ein Papagei, der nicht flog, weil er auf einem Auge blind war.
Ich kannte die bunten, großen Aras aus Abbildungen und Filmen. Dass es eine so kleine Papageienart gab, hatte ich nicht gewußt. Mit seinem grünen Gefieder, dem grauen Kopf und dem gelben Brustlatz war Maras Vogel nur sittichgroß.
Ist er nicht schön? Oh doch, durchaus, ein schönes Kerlchen, nur hätte ich lieber gehabt, er wäre nicht hier, bei Mara, sondern in einem Zoo oder besser noch in seiner Heimat, in der freien Wildbahn.
Der offene Käfig stand auf einem Tisch neben dem Fenster. Der Papagei saß davor, blickte zu mir hoch, flatterte aufgeregt mit den Flügeln und krächzte, bittend, wie mir schien, flehend fast, als müsste ich ihn aus seiner Gefangenschaft befreien.
Er will zu dir, er mag dich, behauptete Mara.
Kaum war ich zu Hause, klappte ich den Laptop auf und schaute nach, wie alt Papageien werden.
Sie wurden alt. Sie wurden uralt. Churchills Papagei soll über hundert Jahre alt geworden sein.
Sie wurden nicht nur alt, sie waren auch laut. Maras kleiner Schreihals, ein Senegalpapagei, poicephalus senegalus, gehörte angeblich zu den großen Krachmachern seiner Zunft, wie ich entnervten Berichten von Papageienhaltern entnehmen konnte. Mit einem friedlichen Zeitgenossen hatte ich es auf jeden Fall nicht zu tun. Ich klappte den Laptop mit der Gewissheit zu, in einen Albtraum geraten zu sein.
Mit Schreibzeug und Regenschirm verließ ich die Wohnung. Kein Sommergewitter ging über der Stadt nieder, wie ich es aus dem Süden kannte, kein selbstbewusster Trommelregen, der die Luft reinigte und glitzernde Pfützen und einen blanken Himmel zurückließ, als wären nie Wolken aufgezogen.
In Bremen färbten sich auch im Sommer die Tage oft grau und sogen sich wie Fließpapier mit Feuchtigkeit voll. Ich ging durch eine Nieselhaube, einen feuchten Schleier, die kaum spürbaren Tropfen schienen nicht zu fallen, sondern in der Luft zu schweben. Ein trüber Vorhang, den man nicht zur Seite schieben konnte, ein allgegenwärtiger hanseatischer Sprühnebel, der besonders hinterhältig war, weil er sich so diskret gab.
Mara.
Mir wurde leicht, wenn ich an sie dachte, eine unsichtbare Hand zog alle grauen Vorhänge in mir zur Seite. Nie hätte ich in ihr eine Buchantiquarin vermutet, sie hatte so gar nichts Verregnetes an sich.
Vor wenigen Wochen erst war sie aus Hamburg hierher gezogen, nach Bremen, hatte mit einem Kollegen das Antiquariat eröffnet und die ersten Tage mit dem Papagei im Laden übernachtet, nun teilte sie die Wohnung mit einer anderen Frau.
Wie alt war ihr Papagei? Zwanzig, fünfundzwanzig Jahre, vielleicht auch mehr, Mara hatte es mir nicht genau sagen können.
Mara. Erst jetzt, auf dem Weg zum Theatro, fiel mir auf, dass in Maras Name ein Papagei steckte: Ara. Mara.
Ein Papagei mit M.
Ich setzte mich auf der Terrasse unter die Markise, eine mächtige Linde bewachte den Platz, die Kellnerin schwebte mit einem Espresso und einem Glas Wasser auf mich zu. Sie kannte meine Gewohnheiten, das Theatro war einer meiner vier oder fünf Brutplätze in der Stadt. Doch von den zehn bis zwanzig Tassen Espresso, die ich in früheren Jahren täglich getrunken hatte, war ich inzwischen weit entfernt.
Sämtliche meiner Romane und Gedichte waren in Cafés entstanden. In Cafés, Bistros oder Bars, je nach Land, in dem ich mich gerade aufhielt. Ich brauchte Stimmen um mich. In Zimmern oder Wohnungen fühlte ich mich eingesperrt.
Mara.
Es war ein Tag, an dem ich von lauter Engeln umgeben war. Ein seltener Tag im Leben eines Mannes. Dieser Tag, der Tag der Engel, hatte vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden begonnen, als ich das Antiquariat betrat, als Mara von einem alten, ledergebundenen Folianten aufblickte, die Lesebrille weglegte und lächelte, als hätte auch sie auf mich gewartet. Eine Frau aus einer anderen Epoche, eine Frau, die eine große Ruhe ausstrahlte. Offenbar war ich ein Mann mit einem Gespür für Unzeitgemäßes, einem Gespür, wie man es nur in Kaffeehäusern entwickeln konnte, wie es nur Nomaden besaßen, die in verschiedenen Ländern in verschiedenen Kaffeehäusern ihren vorübergehenden Wohnsitz aufschlugen.
Meine Nähe zu den Engeln, zu allem Schwebenden, Geflügelten konnte bei mir länger andauern, ich war ein leichtgläubiger Mensch, die aufgeklärte kritische Vernunft hatte es schwer mit mir, folglich hatte es auch die Norddeutsche Tiefebene nicht einfach mit mir, dem Nüchternheit und Pragmatismus so gänzlich abgingen.
Abends holte ich Mara im Antiquariat ab. Ich hatte zu Hause ein Essen vorbereitet, aber Mara wollte zuerst zu ihrem Vogel.
Rede mit ihm, erzähl ihm was!
Ich wusste nicht, was ich einem Papagei erzählen sollte, seine Gegenwart beflügelte meine dichterischen Fähigkeiten nicht. Wenigstens konnte er nicht fliegen und Überraschungsangriffe aus der Luft starten. Ein trüber Schleier durchzog das kranke Auge, der schmale, gelbe Ring fehlte, der beim gesunden Auge die Pupille umschloß.
Mara bückte sich, der Papagei rieb den hakenförmigen, kräftigen Schnabel an ihrer Nase, reckte sich so hoch empor, wie er nur konnte, schnäbelte an Maras Nasenrücken, ihrer Nasenwurzel herum, nur wenig fehlte, und er hätte Maras Augen getroffen. Zu meinem Entsetzen ließ Mara diesen zudringlichen, hemmungslosen Kerl gewähren, der nun an ihren Brauen zupfte, ihren Wimpern, den Kopf an ihrer Wange rieb und gurrende, wohlige Laute ausstieß, unterbrochen von hohen, aufgeregten Lustschreien. Ich starrte auf diesen Schnabel, ohne den Blick abwenden zu können, hypnotisiert von meiner Angst, mit diesem kräftigen, zweifellos messerscharfen Instrument könnte das Biest seiner Herrin einen Nasenflügel abzwacken oder die Augen ausstechen. Es war schwer zu sagen, wer von den beiden wen anstachelte, die beiden waren offensichtlich ineinander verliebt.
Wir frühstückten in einem nahen Café. Mara schwieg, über ihrem Kopf braute sich eine Wolke zusammen, eine kleine, schwarze Wolke, und diese Wolke war ich, der Mann, der ihren Kleinen nicht liebte, der ihn am liebsten aus ihrem Leben gestrichen hätte.
Ich hatte Mara erzählt, dass ich wegen einer Frau in Bremen hängen geblieben war. Einer Frau, die mir vorgeworfen hatte, ich würde nichts für meine Karriere tun. Ein Schriftsteller, der noch von Hand schrieb, ein Schriftsteller ohne Homepage, ohne Facebook oder Twitter, das ging nicht.
Doch ich hatte Mara nicht erzählt, dass ich gerade dabei war, meine Zelte wieder abzubrechen und in den Süden zu ziehen. Nach Apulien, nach Lecce, wo ich eine Zeit lang gelebt hatte. Es zog mich ans Meer, in den mediterranen Raum, der Norden war nichts für mich.
Drei Jahre harrte ich nun schon in dieser feuchtkalten Gegend aus, immer noch versuchte ich, sie zu verstehen.
Das Land war flach, der Himmel groß. Es gab keine Hügel, die den Blick auffingen, keine Erhebung, die einen Aufstieg ermöglichte, keinen Aussichtspunkt, von dem aus man einen Überblick über die Landschaft gewinnen könnte. Man blieb unten, nie erreichte man luftigere Regionen, solchen Elevationen hätte man auch misstraut. Höchstens an einem verlassenen Gehöft, einer Baumgruppe, an einem Wasserlauf oder einer Kuhherde blieb das Auge hängen.
Das Leben war oben, unten war es still. Oben wurde gekräht, gezilpt und gesungen, die Vögel liebten diesen großen Himmel. Die Wolken hatten andere Gesichter als in dem kleinen, gebirgigen Land, aus dem ich kam, sie zogen in anderen Formationen und in anderer Gestalt vorüber, sie zogen vor allem schneller durch diesen luftigen Ozean, als wären sie auf der Flucht.
Man radelte im flachen Land. Man züchtete Schweine, schlachtete Hühner und pflanzte Kohl. Der Grünkohl enthielt ein Wachstumshormon, das anderen Pflanzen fehlte. Die Menschen in der Region schossen in die Höhe und in die Breite. Die Norddeutsche Tiefebene züchtete einen Menschenschlag, der groß war, die Männer überragten mich, oft auch die Frauen. Einer wie ich war hier nicht vorgesehen.
Ich liebte die Geräusche von Kaffeemaschinen, das Klacken des Siebhalters, wenn er am Brühkopf einrastete, das Abklopfen des Kaffeesatzes. Diese vertraute Kaffeehausmusik hob die Zeit auf, ließ mich die Widerwärtigkeiten des Alltags vergessen, ich tauchte ab, tauchte in eine Stille hinein, in den unendlichen Raum hinter den Worten. Das Zischen des Aufschäumers wirbelte die Worte in meinem Schädel durcheinander, reinigte sie und fügte sie zu ganz neuen, unerhörten Sätzen.
Ich blieb. Ich machte die Kündigung meiner Wohnung wieder rückgängig. Der Vogel, das war mir klar, würde mir den Platz an Maras Seite nicht überlassen. Warum sollte er auch? Lange vor mir hatte er sich in Maras Leben eingnistet, ich war der Eindringling. Wie konnte ich ihn zum Verschwinden bringen? Ich würde dem Schicksal ein wenig nachhelfen müssen. Ein Fenster offen lassen oder eine Tür, so verirrte sich vielleicht eine hungrige Katze in die Wohnung. Es konnte doch nicht sein, dass eine Frau, die so klug war, diesen gefiederten Schreihals mir vorzog.
Ich lade dich zum Abendessen ein, wenn du magst, schlug ich Mara vor. Sie lehnte ab. Sie wollte den Vogel nicht schon wieder im Stich lassen. Wir verbrachten also schon wieder einen Abend zu dritt.
Mara fütterte ihren Liebling, redete und schmuste mit ihm, abends erzählte sie ihm, wie der Tag verlaufen war, richtete ihm Grüße von Freunden und Bekannten aus. Seine Fähigkeit, genau zu zeigen, was er wollte, seine Ausdauer, mit der er auf seinen Wünschen beharrte, war verblüffend. Er wusste genau, wie er bei Mara Mutterinstinkte auslösen konnte.
Dieser Krachmacher beanspruchte Zuwendung wie ein Kleinkind, er fraß die Zeit, die Mara und mir zugestanden hätte. Noch nie hatte mich bisher ein anderer Mann eifersüchtig gemacht, doch dieser Winzling brachte es fertig, meinen Gefühlshaushalt nachhaltig zu verändern.
Wollten Mara und ich länger als einen Tag weg, mussten wir jemanden finden, der nach ihm schaute. Mara erklärte ihm, wo wir hingingen, was wir in Hamburg oder Fischerhude machten, wann wir zurückkehrten, sie nannte die Uhrzeit, 17.30 Uhr, als könnte er alles verstehen.
Dieser Vogel lebte im bedauerlichen Irrtum, ein vollwertiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein. Waren wir zu dritt, redete er mit. Die Lautstärke, mit der er seine Meinung vertrat, gab ihm das Gefühl, immer Recht zu haben. Betraten wir das Zimmer, Friedolins Zimmer, wie Mara es nannte, saß er meist schon vor dem Käfig und erwartete uns.
Mit einer Frau, die nicht las, konnte ich nichts anfangen.
Frauen, die lasen, waren anders. Sie alterten anders. Ihre Haut war eine andere.
Mit einem Mann, der sich in eine Frau verliebte, die nicht las, war etwas nicht in Ordnung.
In Maras Schlafzimmer liebte ich den mir so vertrauten Staubgeruch. Überall türmten sich Bücher, nur durch schmale Hohlwege konnte man sich durch den Raum bewegen. War ich zu unvorsichtig, löste ich eine Lawine aus und verschwand in einer Staubwolke. Gemeinsam in einer Staubwolke verschwinden, war das nicht die höchste Erfüllung der Liebe?
Auch Mara kannte die Stille. Die Stille der Bücherschluchten, die Stille der erzählerischen Canyons.
Die Stille kommt und geht. Manchmal findet sie uns. Manchmal stellt sie sich an lauten Orten ein, mitten im Trubel. Es ist schwer, über sie zu schreiben, sie hat keinen festen Wohnsitz.
Unfreiwillig eignete ich mir gewisse ornithologische Kenntnisse an. Der älteste bekannte Ara lebte in England, er starb mit hundertvier Jahren. Papageien waren nicht nur die einzigen Vögel, die so alt wurden wie Menschen, sie waren auch die einzigen Vögel, die rülpsen konnten. Sie waren gesellig und lebten in Schwärmen.
Nur über die Lebenserwartung des poicephalus senegalus, das in meinem Fall Maßgebliche, fand ich keine verlässlichen Angaben. Zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt wurde er nach dem einen Bericht, dreißig bis vierzig nach einem anderen. Ein Vogelhändler aus Vechta wollte von einem über fünfzig Jahre alten Senegalpapagei gehört haben.
Mit seiner schrillen, durchdringenden Stimme verständigte sich der poicephalus senegalus in den weitläufigen Steppen Afrikas mit seinen Artgenossen über große Entfernungen. Seinen Gewohnheiten wurde er auch in der Gefangenschaft nicht untreu. Kein Wunder, dass er mit uns kommunizierte, als wären wir ein paar Häuser entfernt.
Sollte ich mit diesem Ruhestörer noch zwanzig oder dreißig Jahre mein Leben teilen? Ein Hund, eine Katze, meinetwegen. Ich hatte keine Kinder, auch Mara nicht, für das schreiende Leben waren wir beide nicht gemacht. Von sich aus, erklärte sie, hätte sie sich nie ein Haustier zugelegt, weder einen Hund noch eine Katze, schon gar keinen Vogel. Der Papagei hatte ihrem Ex-Freund gehört und war schließlich an ihr hängen geblieben.
Es war Maras Vogel, nicht meiner. Niemand zwang mich, mit diesem Schreihals unter einem Dach zu wohnen. Trotzdem beschäftigte mich dieser Käfigbewohner mehr, als mir lieb war. Ohne dass ich es wollte, schob er sich zunehmend zwischen Mara und mich.
Hinter ihrem Rücken rief ich Tierheime an und fragte nach einem Platz für einen Senegalpapagei. In einem Heim hätte er ein besseres Leben, zwar immer noch in Gefangenschaft, aber unter Artgenossen, redete ich mir ein.
Er mag dich, sagte Mara. Und wenn man sich ein wenig um ihn kümmert, wird er auch ruhig.
Mir wäre lieber gewesen, er hätte mich nicht gemocht. Kaum hörte er mich, kaum war ich in der Nähe, flatterte er aufgeregt mit den Flügeln, bettelte um meine Liebe, krähte und flehte. Hätte ich mich zu ihm hinuntergebückt, wäre er sofort auf meine Schulter gestiegen.
Ahnte er, dass sich zwischen uns ein stummer Kampf abspielte, dass ich sein Feind war, kämpfte er darum so verzweifelt um meine Liebe, weil er fürchtete, ich könnte ihm Mara wegnehmen?
Er liebte es, wenn sie mit der Nasenspitze seine Kopffedern streichelte, doch mit den Händen anfassen ließ er sich nicht. Die Hände, erklärte Mara, bringe er nicht mit ihr in Verbindung, die Hände seien für ihn unabhängige, feindliche Wesen. Manchmal jedoch schien er seine Furcht zu verlieren, und Mara konnte ihm mit dem Zeigefinger vorsichtig über den Kopf fahren. Dann horchte er, lauerte und schien sich nicht ganz schlüssig zu sein, was mit ihm geschah, bis schließlich das Misstrauen überwog, und er nach dem Finger zu schnappen begann.
Alle fanden ihn süß. Nur ich nicht.
Meine Wohnung war klein, aber ruhig. Ich konnte eine Kaffeetasse anheben, ohne dass mich plötzlich ein schriller Papageienschrei zusammenfahren ließ. Ich verbrachte den Abend gerne zu Hause. Lieber mit mir allein als mit einem Papagei.
Du beklagst dich, dass der Norden nicht so gesellig ist, aber du bist es, der sich zurückzieht, beschwerte sich Mara.
Sie und ihre Mitbewohnerin hatten Freunde eingeladen, ich konnte mir genau vorstellen, wie der Abend verlief. Der Papagei würde das Gespräch dominieren, obwohl er kein einziges Wort verstand. Die Dümmsten rissen die Klappe immer am weitesten auf, so war es, so war es immer gewesen, so würde es immer sein.
Mit seinem bunten Gefieder und dem großen Kopf nahm er Besucher für sich ein. Er war clownesk, er war drollig. Mit so viel Buntheit und charmanter Clownerie konnte ich nicht aufwarten.
Seine Art, sich auf dem Tisch fortzubewegen, löste Heiterkeit aus. Seine großen Krallen behinderten ihn. Er hob sie nicht wirklich an, sondern schob sie auf der Tischplatte vor, als wäre er in viel zu große Schuhe gestiegen, seine Schwanzfedern schwangen mit jedem Schritt entenhaft nach links und nach rechts aus. In verblüffendem Tempo konnte er sich auf diese Weise fortbewegen, dabei reckte er seinen großen Kopf so weit vor, dass es aussah, als würde ihn jemand am Schnabel ziehen, mit den Beinen kam er kaum nach.
Mara zog mich auf die helle Seite des Lebens, neben ihr fühlte ich mich leicht. Als wäre ich in einem Zuhause angekommen, nach dem ich mich schon immer gesehnt hatte.
Sie liebte mich. Doch sie liebte auch den Vogel. Sie liebte diesen Vogel wie eine Mutter ihr Kind. Für diesen Krachmacher fand sie zärtlichere Worte als für mich.
