Der Mann, der Balzacs Romane schrieb - Jürg Beeler - E-Book

Der Mann, der Balzacs Romane schrieb E-Book

Jürg Beeler

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Beschreibung

Mit dem öffentlichen Rauchverbot verliert Jan Panowski sein Stammlokal, den Schwarzen Engel. Wenige Wochen später erfährt er vom Tod seines Zwillingsbruders, mit dem er keinen Kontakt mehr hatte. Jan Panowski beschließt, nicht zum Begräbnis nach Paris zu fahren, ohnehin verkehrt er lieber mit den Größen der Weltliteratur, allen voran mit Balzac. Doch der Verstorbene lässt ihm keine Ruhe. Weiterhin wird er mit seinem erfolgreichen und aus den Medien bekannten Bruder verwechselt. Der Roman erzählt von der Rivalität eineiiger Zwillinge. Der Tod des einen weckt im anderen nicht nur Erinnerungen an Paris und die Liebe zu einer Ballettänzerin, sondern auch an eine Schuld, die sein Leben überschattet.

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jürg Beeler

Der Mann, der Balzacs Romane schrieb

Roman

DÖRLEMANN

Der Autor dankt der Pro Helvetia und der C. Kupper-Stiftung Zürich für die Unterstützung dieses Romans. Der Verlag dankt dem Kanton Zürich sowie dem Migros-Kulturprozent für die Druckkostenbeiträge. eBook-Ausgabe 2014 Alle Rechte vorbehalten © 2014 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Umschlagbild: © Ian Sanderson/Photographer’s Choice RF/Getty Images Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-908778-37-0www.doerlemann.com

Für Marion

Doch beginnen wir von vorne. Beginnen wir mit der Tragödie. Beginnen wir mit dem Tag, an dem Millionen von Aschenbechern arbeitslos wurden.

Es war ein kalter Tag, natürlich war es ein kalter Tag, wie hätte es auch anders sein können, die Tage sind immer kalt, sobald man etwas Wärme sucht.

Ich betrat die Mitte der Welt, betrat den Ort, der für mich die Mitte der Welt war, die Flügeltür schloß sich hinter mir, die Flügeltür, die jedem, der sie öffnet, Flügel verleiht.

Auch in der Mitte der Welt standen keine Aschenbecher auf den Tischen, auch im Schwarzen Engel, meinem Stammcafé, waren sie verschwunden, als hätten sie nie existiert.

Und wenn das nur ein Anfang ist, wenn das immer so weitergeht, wenn über Nacht die Weingläser verschwinden, die Weingläser, die Bücher oder die Bäume, als wären sie vom Erdboden verschluckt worden, wenn das immer so weitergeht und niemand sich fragt, was das für eine Welt ist, in der Aschenbecher, Zahnstocher oder Frauen über Nacht einfach verschwinden?

Vom Verschwinden der Welt

Jakub Panowski, meinen Großvater, habe ich nie ohne Zigarette gesehen. Nur weil ich rauche, habe ich schon einen Herzinfarkt überlebt, sagte er, lachte und steckte die Zigarette in seine Zahnlücke.

Ich frage mich nur, was ich da geheiratet habe, sagte Großmutter und blickte auf ihren Mann, und was ihren Mann betraf, nahm sie kein Blatt vor den Mund, auch nicht an Großvaters Geburtstag.

Wollt ihr wissen, was dieser Mensch in der ersten Nacht tat? Kaum war er fertig, setzte sich dieses Wunder von Mann im Bett auf, kehrte mir den Rücken zu und steckte sich eine Zigarette an!

Ich war noch zu klein, um zu begreifen, womit Großvater fertig war, aber daß er ein Wunder von Mann war, fand auch ich und begriff erst recht nicht, warum alle lachten, als wäre es sehr komisch, ein Wunder von einem Mann zu sein.

In jener Nacht, als Jakub Panowski sich im Bett aufsetzte und seiner Frau den Rücken zukehrte, wurde mein Vater gezeugt, und Jakub Panowski bezweifelte immer wieder, ob mein Vater wirklich der Sohn war, den er gewollt hatte, und diesen Zweifel kann ich, der Enkel, nur zu gut nachempfinden.

Jakub Panowski kam nicht weit im Leben, nirgends litt man ihn lange. Die Menschen sind unberechenbar, aber die Natur hat nichts gegen mich, sagte er und nahm, weil Großmutter ihn drängte, eine Arbeit bei der Stadtgärtnerei an, die auch für saubere Brunnen zu sorgen hatte. Nur einmal soll es vorgekommen sein, daß der berühmteste Brunnen der Stadt, der Jungfrauenbrunnen, bereits im Sommer wieder Algen ansetzte und einige Brunnenplatten ihre moosgrüne Farbe behielten, ausgerechnet in jenem Jahr, als Jakub Panowski Stadtgärtner war.

Nicht einmal beim Einkaufen ist er eine Hilfe, beklagte sich Großmutter, denn Jakub Panowski war langsam, Jakub Panowski blieb gerne stehen, wenn er etwas sah, und zu sehen gab es viel.

Jakub Panowski blieb stehen, klopfte eine Zigarette aus dem Päckchen, nach dem ersten Zug blickte er auf den Platz oder auf die Hauswand gegenüber, als wäre er ganz allein an einer Küste. Er sah nicht die Menschen und Autos vor sich, er sah in die Ferne, sah das Meer und den Horizont, denn eine Straße und selbst ein großer Platz waren viel zu klein für das, was Jakub Panowski dachte, und er dachte viel, so viel wie Jakub Panowski hatte noch nie ein Mensch gedacht.

Wie er nach der Schiebermütze griff, sie leicht verrückte, das war ganz Jakub Panowski, und wie er in die Brusttasche griff, die Zigarette aus dem Päckchen klopfte, wie er sie ansteckte und in die Ferne blickte, das machte ihm keiner nach, man sah gut, wie weit weg er in Gedanken war.

Ich habe mich in Lemberg zurückgelassen, sagte er oft, und so mußte Jakub Panowski in dem kleinen Land, in das er ausgewandert war, ohne den Jakub Panowski auskommen, den er in Lemberg zurückgelassen hatte.

Ein halbes Jahrhundert später betrat ich den Schwarzen Engel, betrat die Mitte der Welt, aber auch in der Mitte der Welt standen keine Aschenbecher auf den Tischen, auch im Schwarzen Engel waren sie verschwunden, als hätten sie nie existiert. Und weil ich Jan Panowski bin und nicht über Nacht plötzlich ein anderer sein kann, steckte ich mir auch an jenem Tag, dem Tag Null meiner eigenen Zeitrechnung, eine Zigarette an und hoffte auf ein Wunder.

Die Kellnerin kam auf mich zu, wie sie noch nie auf mich zugekommen war, ein etwas verlegener, flehender Engel, der nicht glauben wollte, daß sein Schützling gerade eine Todsünde beging.

Wenig später stand ich draußen, weil drinnen nicht mehr geraucht werden durfte, stand vor dem verlorenen Paradies und fror, und als mir ein heftiger Wind durch Haar und Kleider fuhr, als mir ein heftiger Wind die Zigarette zur Hälfte weggeraucht hatte, drehte ich mich um, ging auf die Flügeltür aus Eichenholz zu, ein geduldiger, ein nachsichtiger Eingang, der bisher noch nie etwas an mir auszusetzen gehabt hatte.

Der Stummel in meiner Hand glühte noch, ich stand im Eingang, reglos, als wäre in mir eine Federmechanik abgelaufen. Gäste drehten sich nach mir um, aufgeschreckt vom Luftstrom, und auch ich erwachte, zog die Glut in meine Lungen und sah empörte Gesichter, die unter anderen Umständen sofort meine Schuldgefühle geweckt hätten. Jemand wurde laut, und dann – können Sie sich das vorstellen, erzählte ich Monsieur Balzac: ich weiche nicht von der Stelle und lasse eine ungesunde Kälte ein, ich erteile denen da drinnen eine Lektion, wie die Welt da draußen aussieht, und dann werfe ich, ein friedliches Menschenexemplar, die Zigarette in hohem Bogen zwischen Tische und Stühle, drehe mich um und gehe.

Antoni Saski nahm den Frisiermantel vom Haken, hielt ihn kurz in die Höhe, prüfte ihn und sah, daß seine Welt noch in Ordnung war.

Sie waren nie mehr im Schwarzen Engel, wunderte er sich.

Seit siebzehn Tagen, seit dem Tag Null meiner eigenen Zeitrechnung, saß ich nicht mehr im Schwarzen Engel, nicht mehr im hohen Raum mit den Kugellampen, die wie stille Planeten über den Köpfen der Gäste schweben, im Schwarzen Engel hatte ich meinen Tisch, an dem nun ein anderer sitzt, womöglich ein fanatischer Nichtraucher.

Versöhnen Sie sich wieder mit dem Schwarzen Engel, riet mir Saski, drückte den Gummibalg des Wasserzerstäubers und hüllte mich in einen Sprühregen, über der Kasse donnerten die Niagara-Fälle in die Tiefe und warfen gewaltige Gischtwolken auf, und vielleicht war es dieses Poster, das Saski dazu verführte, den Wasserzerstäuber mit solcher Hingabe zu drücken.

Auch Saskis Großvater kam aus Lemberg. Wir redeten oft über unsere Großväter, Saski und ich, und womöglich halte ich nur so verzweifelt daran fest, daß ich Jan Panowski bin, weil meine Vorfahren aus einem Ort stammen, der seine nationale Zugehörigkeit immer wieder wechselte, als dürfte er keine Ruhe finden, als wäre sein Los die ewige Wanderschaft. Konnte es nur einem wie mir passieren, daß von einem Tag auf den andern die Aschenbecher im Schwarzen Engel verschwanden, hatte eine höhere Macht dieses Spektakel bloß für mich inszeniert?

In einer Haarspraywolke verließ ich den Salon, nach ein paar Schritten blieb ich stehen, trocknete mit dem Taschentuch die Ohren, die noch feucht waren, die Kälte lag mir im Nacken.

Die Haustür knallte hinter mir zu, die Stille hallte in mir nach, eine Stille, die mich auch in der Wohnung erwartete, eine Stille, die meine geworden war, die manchmal so sehr mit mir verschmolz, daß ich unruhig wurde. Rasch wechselte ich den Pullover, stieg in wärmere Schuhe und war schon wieder unter der Tür, als das Telefon klingelte.

Ich weiß nicht, ob es dieselbe Anruferin war wie wenige Stunden später, ob es Raymonde war, erklärte ich Monsieur Balzac. Aber auch wenn ich in die Wohnung zurückgeeilt wäre, auch wenn es Raymonde gewesen wäre, ich hätte genau gleich reagiert wie wenige Stunden später, genauso heftig und unversöhnlich.

Niemand hatte über Nacht die Hausnummern vertauscht, ich kam am Roten Hermann, an der Eule, am Café Krohn, kam am Hecht, am Klatschmohn und an der Standpauke vorbei, auf dem Siebenherrenplatz photographierten Touristen den Jungfrauenbrunnen. Vom Siebenherrenplatz war es nicht mehr weit bis zur Leiser, einem stillen Fluß, der sich kaum je über die Ufer wagte, nirgends schäumte und toste er, selbst bei trübem Wetter sah man ihm auf den Grund. Ein Wässerchen mit gutem Leumund, hatte Jakub Panowski gerne gescherzt.

Was ist ein Leumund, fragte ich Großvater, als ich noch klein war. Ein Leumund? Du willst wissen, was ein Leumund ist? Wenn du einmal groß bist, wächst dir eine Art Heiligenschein, und diesen Heiligenschein nennt man Leumund.

Und so kam ich, fast ein halbes Jahrhundert später, mit einer Art Heiligenschein am Café Jenseits, der Villa Kuba, dem Edelcafé Lanz, kam an der Schnellen Katrin, dem Van Gogh und dem einst jugendbewegten Lenz vorbei, und vor dem Jenseits, dem Kuba, der Katrin, vor dem Göchli und dem Lenz standen verlorene Raucher und zogen hastig an ihrer Zigarette. Wie Vertriebene, wie Gehetzte und Heimatlose sahen sie aus, wie wir in zehn oder zwanzig Jahren alle aussehen werden, weil es für uns keine Tische, keine Stühle und keine Engel mehr geben wird, weder schwarze noch weiße.

Wenig später saß ich im Tandem, einem Eßlokal mit Nikotinhälfte, und überlegte, wer wohl versucht hatte, mich anzurufen. Von den alten Freunden und Bekannten waren mir nur noch wenige geblieben, seit fünf Jahren, seit dem Brand der Stadtbibliothek, der mich die Stelle gekostet hatte, zogen sich die Menschen mehr und mehr von mir zurück.

An der Wand über dem Tresen klebten zwei Flachbildschirme, der Raum war nicht so hoch wie im Schwarzen Engel, bei weitem nicht hoch genug, damit sich die Gedanken in ihrer ganzen Kraft entfalten konnten, ich brach bald wieder auf.

Die Haustür knallte hinter mir zu, die Stille hallte in mir nach, und in dieser Stille seilte sich eine Spinne von der Flurdecke ab. Wir unterhielten uns gerade auf Augenhöhe, als das Telefon klingelte.

Raymonde war am anderen Ende. Raymonde, die Frau meines Bruders.

Zuerst hatte ich weder den Namen verstanden noch die Stimme erkannt. Ich redete mit einer Frau, die mir mitteilte, David sei gestorben, und mir ging nicht gleich auf, daß es sich bei diesem David um meinen Bruder handeln mußte und die Frau folglich Raymonde war, zu fremd klang ihre Stimme.

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