Der blinde Lehrer - Alessandro D'Avenia - E-Book

Der blinde Lehrer E-Book

Alessandro D'Avenia

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Beschreibung

Ein Lehrer verliert sein Augenlicht, aber nicht den Glauben an die Zukunft – Die italienische Antwort auf »Der Club der toten Dichter«

Was wäre, wenn das Aussprechen eines Namens ihn zugleich mit Leben füllen würde? Dies ist die Schule, von der Omer Romeo träumt. Fünfundvierzig Jahre alt, wird er als Vertretungslehrer für Naturwissenschaften in eine Klasse in Rom berufen, die vor den Abiturprüfungen steht und in der die hoffnungslosen Fälle der Schule vereint sind. Eine Herausforderung für Omer, der erblindet ist und nicht weiß, ob er zukünftig weiter als Lehrer gebraucht wird. Da er nicht in der Lage ist, die Gesichter der Schüler*innen zu sehen, erfindet er eine neue Art des morgendlichen Aufrufens und lässt die Jugendlichen ihre Geschichten erzählen. Langsam öffnen sie sich ihm: das Mädchen, das eine unaussprechliche Wunde verbirgt, der Rapper, der in einem Kinderheim lebt, der Streber, der nur hinter einem Bildschirm mit anderen in Kontakt tritt, die verlassene Tochter oder der aufstrebender Boxer, der davon träumt, wie Rocky zu sein ... Dem blinden Lehrer gelingt schließlich, die Kinder seiner Klasse von einer bloßen Ansammlung isolierter Stimmen in einen harmonischen Chor zu verwandeln.

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Was wäre, wenn das Aussprechen eines Namens ihn zugleich mit Leben füllen würde? Dies ist die Schule, von der Omer Romeo träumt. Fünfundvierzig Jahre alt, wird er als Vertretungslehrer für Naturwissenschaften in eine Klasse in Rom berufen, die vor den Abiturprüfungen steht und in der die hoffnungslosen Fälle der Schule vereint sind. Eine Herausforderung für Omer, der erblindet ist und nicht weiß, ob er zukünftig weiter als Lehrer gebraucht wird. Da er nicht in der Lage ist, die Gesichter der Schüler*innen zu sehen, erfindet er eine neue Art des morgendlichen Aufrufens und lässt die Jugendlichen ihre Geschichten erzählen. Langsam öffnen sie sich ihm: das Mädchen, das eine unaussprechliche Wunde verbirgt, der Rapper, der in einem Kinderheim lebt, der Streber, der nur hinter einem Bildschirm mit anderen in Kontakt tritt, die verlassene Tochter oder der aufstrebende Boxer, der davon träumt, wie Rocky zu sein … Dem blinden Lehrer gelingt schließlich, die Kinder seiner Klasse von einer bloßen Ansammlung isolierter Stimmen in einen harmonischen Chor zu verwandeln.

Alessandro D’Avenia, geboren 1977, stammt aus Palermo. Eine Zeit lang unterrichtete er am Gymnasium Italienisch und Latein, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Sein erster Roman Weiß wie Milch, rot wie Blut stand in Italien jahrelang auf der Bestsellerliste und wurde in zwanzig Länder verkauft. Mittlerweile hat er mehrere von Presse und Leser*innen hochgelobte Romane veröffentlicht und zählt zu den erfolgreichsten italienischen Autoren.

Alessandro D’Avenia

Der blinde Lehrer

Roman

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Die italienische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel

»L’Appello« bei Mondadori, Mailand

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Dieses Buch wurde übersetzt dank einer Übersetzungsförderung des italienischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten und internationale Kooperation.

Questo libro è stato tradotto grazie ad un contributo alla traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Copyright © der Originalausgabe 2020 by Mondadori Libri S.p.A., Milano

© der deutschsprachigen Ausgabe 2024 btb Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: semper smile, München Covermotiv ©Shutterstock.com (Veerapon Dookgathoom, Konoplytska, Chansom Pantip)

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

sl · Herstellung: bb

ISBN 978-3-641-28729-0V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/penguinbuecher

Für Giulio und Beatrice

Für alle Schüler, die mir in diesen Jahren

die Augen für Facetten der Welt geöffnet haben,

die ich nicht zu sehen vermochte

Für alle Kinder

und alle Jungen und Mädchen

ohne Namen

Sage, mit welchem Namen benennen dich Vater und Mutter, Und die Bürger der Stadt, und welche rings dich umwohnen?Denn ganz namenlos bleibt doch unter den Sterblichen niemand,Vornehm oder gering, wer einmal von Menschen gezeugt ward; Sondern man nennet jeden, sobald ihn die Mutter geboren.

HOMER, Odyssee, 8. Gesang

Sie erkannte, dass sie hier war, um sich in der fast unfassbaren Schönheit und Herrlichkeit der Erde zurechtzufinden und um allen Dingen einen Namen zu geben. Wenn dies jedoch ihre Kraft überstieg, so wollte sie, aus Liebe zum Leben, Nachkommen gebären, die an ihre Stelle treten würden.

B. PASTERNAK, Doktor Schiwago

Insofern enthält in der heutigen Naturwissenschaft jeder physikalische Sachverhalt objektive und subjektive Züge. Die objektive Welt der Naturwissenschaft des vorigen Jahrhunderts war, wie wir jetzt wissen, ein idealer Grenzbegriff, aber nicht die Wirklichkeit. Es wird zwar bei jeder Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit auch in Zukunft notwendig sein, die objektive und die subjektive Seite zu unterscheiden, einen Schnitt zwischen beiden Seiten zu machen. Aber die Lage des Schnittes kann von der Betrachtungsweise abhängen, sie kann bis zu einem gewissen Grad willkürlich gewählt werden.

W. HEISENBERG,Der Teil und das Ganze

Die Buchstaben des eigenen Namens haben eine furchtbare Magie, als sei die Welt aus ihnen zusammengesetzt.

E. CANETTI, Die Provinz des Menschen

Prolog

Das Leben reicht vom Augenblick deiner Namensgebung bis zu dem Moment, in dem dieser Name nur noch ein Kratzer auf einem Grabstein ist. In beiden Fällen hast du keinen Anteil daran, diese Buchstaben sind alles, was du hast, um ans Licht der Welt zu kommen und nach Möglichkeit dort zu bleiben. Vielleicht sagten die alten Römer deshalb, im Namen liege das Schicksal: Wenn man dich aufruft, musst du antworten, ob du willst oder nicht. In meinem Fall bedeutet das: Ich heiße Omero, auf Griechisch »der, der nicht sieht«, und bin vor fünf Jahren blind geworden. Omero Romeo, um genau zu sein, fünfundvierzig Jahre alt, mit den Erbanlagen eines Hochschullehrers für Astrophysik, der klassische Musik und seine Frau vergöttert, sich mit dem Geheimnis des Lebens auskennt und nun in das der Altersdemenz gestürzt ist, und einer Lehrerin für Griechisch und Latein, die eine Schwäche für Homer (sie hat meinen Namen ausgesucht, mein Vater hatte ein schlichteres Alberto vorgeschlagen, als Hommage an Einstein) und Knobeleien hat (mein Vorname ist zugleich das Anagramm meines Nachnamens). Ich habe versucht, dieses gepfefferte väterlich-mütterliche Erbgut so gut wie möglich zu mischen, das Ergebnis ist noch offen. Ich besitze einen Hochschulabschluss in Chemie, einen festen Glauben ins Periodensystem der Elemente und ins Mysterium, eine Leidenschaft für den Kosmos und für Gott, lasse mich jeden Tag von meiner Frau bezaubern und von unseren beiden Kindern lebendig halten, bin ein imaginärer Freund Einsteins und der neue Lehrer für Naturwissenschaften in einer Klasse, die meine Vorgängerin wegen jähen Ablebens am 2. September abgeben musste. Auf der Treppe ihres Hauses hat die Schwerkraft sie infolge einer durch ihren einzigen verbliebenen Seelentröster, eine zugelaufene Katze, auf ihr Fußgelenk ausgeübten Reibung gewaltsam abberufen; Ironie des Schicksals oder des Todes und Beweis für das, was ich stets vermutet habe: Abgesehen davon, dass sie sechzehn Stunden am Tag schlafen, sind Katzen gewissenlose Tiere. Die einzige Katze, die ich je geliebt habe, ist die in Schrödingers Paradoxon, tot und lebendig zugleich. Und so bin ich plötzlich zum Dirigenten eines Orchesters geworden, das Chaos und Wahrscheinlichkeit mit planvoller Ironie zusammengewürfelt haben.

Wenn es aber stimmt, dass alle glücklichen Klassen einander ähnlich sind, dann stimmt umso mehr, dass jede unglückliche Klasse auf ihre Weise unglücklich ist. Die dreizehnte Klasse, die ich ausgerechnet in dem Jahr geerbt habe, in dem ich beschlossen hatte, nach meiner völligen Erblindung wieder als Lehrer zu arbeiten, singt ein polyphones Unglück aus unverwechselbaren Einzelstimmen. Es ist ein Leidenschoral, in dem jeder Schmerz sich mit einem anderen verbindet, ihn im Gleichklang vertieft oder kontrapunktisch und unerwartet harmonisch hervorhebt. Für sich genommen mag eine einzelne Instrumentenstimme aus der Partitur einer Symphonie schief klingen, doch für das musikalische Miteinander ist sie unerlässlich. Von den Unbilden der Schule und vor allem des Lebens buchstäblich dezimiert – sie sind nur noch zu zehnt –, hat man sie nicht auf andere Klassen verteilt, um die übrigen Schüler nicht mit ihrer Pest anzustecken: Lieber hält man sie in Isolation und wartet ab, bis das Unglück sich selbst zerstört. Nun, nachdem ich mich nach fünf Jahren wieder als Lehrer zur Verfügung gestellt habe, um herauszufinden, ob ich noch am Leben bin, sind diese Schüler ausgerechnet mir zugefallen. Einstein hat gesagt, Gott würfelt nicht, aber der blinde Vertretungslehrer erscheint mir dennoch ein echt mieser Wurf: Ein seelisch und körperlich Wackeliger soll körperlichen und seelischen Wackelkandidaten zeigen, wo’s langgeht. Das ist entweder eine Komödie oder eine Tragödie, ein Mittelding gibt es nicht. Oder es ist die erste Folge von Lost.

Jedenfalls ist mein Leben, seit ich erblindet bin, episch geworden wie das eines antiken Helden: ein Vollzeitjob ohne Pausen. Ich muss ständig da sein, immer präsent. Ich kann mich nicht verstecken, kann mich nur ausliefern und Risiken eingehen. Ich habe keinen Schutzschild, und das Leben bläst mir mit voller Wucht ins Gesicht: Ein schöner Tag ist nicht mehr in Licht getaucht, sondern ist Wind auf der Haut, in den Ohren und in der Nase, und der Wind erzählt, trägt Staub, Geräusche und Gerüche heran, all das, was er auf seiner Reise aufgesammelt hat. Dinge und Menschen existieren nicht, sie ereignen sich. Das bestätigt die Physik des zwanzigsten Jahrhunderts: Die Wirklichkeit ist ein Gespinst aus sich ereignenden Geschichten, und zu leben heißt zuhören zu lernen, weil sich Dinge und Menschen nur offenbaren, wenn man ihnen Zeit lässt, von sich zu erzählen; die Zeit, die es braucht, um sich zu enthüllen, ohne sich zu schämen. Wo bist du? Das war die erste Frage, die Gott Adam stellte, nachdem dieser von der Frucht gegessen hatte, die ihn übermenschlich machen sollte. Doch er, der nicht zum Gott geworden war, hatte sich als beschämend sterblich erwiesen: Ich war nackt, darum versteckte ich mich. Den Großteil unserer Zeit und Energie vergeuden wir damit, uns zu verstecken, obwohl wir eigentlich ans Licht kommen wollen. Wir sind gemacht, um geboren zu werden, und nicht, um zu sterben. Und ein wohlgesprochener Name ist eine Geburt, er bringt jeden Winkel der Seele und des Körpers ans Licht, auch wenn wir das, wofür wir geliebt werden wollen, zu verbergen suchen. Darin liegt die Macht des Eigennamens: Er vermag das unermüdliche Rad der Zeit anzuhalten und eine Geschichte, in der nichts mehr überrascht, von Neuem beginnen zu lassen. Das ist das Wunder eines Rufs beim eigenen Namen, eines richtigen Appells.

September

»Ich wusste nicht, dass Sie blind sind. Sind Sie sicher, dass Sie die Jahresvertretung annehmen wollen?«

Das fragte mich der Schulleiter am ersten Tag des neuen Schuljahres, als ich ihm gegenüber Platz nahm und meine Sonnenbrille absetzte. Die entgeisterte Betroffenheit auf seinem Gesicht konnte ich mir nur vorstellen.

Zwar ist es noch zu früh für eine verlässliche Massewahrnehmung, aber seine ist auf jeden Fall dicht, eingehüllt in den von Schimmel und Bleichmittel gesättigten Muff des Zimmers, während er selbst nach Rasierwasser und Mottenkugeln riecht. Seine Stimme ist trocken, ohne Nachklang, er würgt die Endvokale ab, als wäre er aus Gewohnheit kurz angebunden. Ich spüre, welchen Raum die Gegenstände in seinem Zimmer einnehmen, ihre Gerüche und ihre Beschaffenheit, ihre Angst und mitunter ihren Hunger. Gegenstände senden genau die Menge Leben aus, die ihre Besitzer auf sie übertragen, und verraten, ob der Mensch noch am Leben ist.

»Es sind dunkle Zeiten für uns Lehrer …«

Stille. Er hat den Witz nicht verstanden, wie es oft geschieht, wenn ich visuelle Metaphern gebrauche, um meinen Zustand, der mir noch immer Angst macht, zu entdramatisieren.

»Ich würde nicht wieder anfangen zu unterrichten, wenn ich mir nicht sicher wäre«, füge ich an.

»Wieder anfangen?«

»Ich hatte aufgehört …«

»Ah … nun, für einen Neustart sind Sie an eine recht glücklose Klasse geraten.«

»Glücklos bin ich auch. Auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an.«

»Die Klasse bestand nur noch aus neun Schülern, dann ist ein Mädchen dazugekommen, das das Jahr wiederholt. Uns war es lieber, sie nicht auseinanderzureißen und auf andere Klassen zu verteilen.«

»Richtig so! Isolation: wie bei einem Virus.«

»Wie bei einer Problemgruppe. Es ist ein Wunder, dass sie es bis zur Hochschulreife geschafft haben.«

»Reif sein ist alles, sagte der König!«

»Wer?«

»Lear, Shakespeare: ›Dulden muss der Mensch / sein Scheiden aus der Welt / wie seine Ankunft: / Reif sein ist alles!‹

Ripeness is all. Das pflegte meine Englischlehrerin an der Oberschule gern zu sagen, und sie erklärte uns, ripeness könne sowohl ›Reife‹ als auch ›bereit sein‹ bedeuten.«

»Aber wie wollen Sie es schaffen zu unterrichten?«

»Sehkraft wird überschätzt.«

»Ich kann Ihnen nicht folgen.«

»Seit den alten Griechen galt uns das Sehen stets als der nobelste Sinn.«

»Ist er das denn nicht?«

»Was denken Sie?«

»Nun, unsere Wahrnehmung beginnt stets mit den Augen.«

»Nachdem wir den Mutterleib verlassen haben. Aber während der neun Monate im Dunkeln hatten wir andere Prioritäten.«

»Die da wären?«

»Der Geruchssinn, das Gehör und vor allem der Tastsinn. Er ist am wichtigsten. Als wir noch nicht sehen konnten, waren wir mit allem in Berührung. Das Schicksal des Menschen liegt in seinen Händen.«

»Natürlich ist es an uns, zu entscheiden, was wir aus unserem Leben machen, aber was hat das mit den Händen zu tun?«

»Nehmen Sie mich wörtlich: Das Schicksal liegt in unseren Händen, in diesen Händen. Unsere Hände formen die Welt, in der wir leben möchten. Mit dem Gebrauch der Hände gestalten wir das Leben: Als unsere Hände anfingen, Häuser und Gräber zu bauen, trafen wir die Entscheidung, aus der Welt entweder ein Haus oder einen Friedhof zu machen.«

»Wie auch immer, auf der Liste der zu kontaktierenden Lehrer waren Sie jedenfalls der Letzte. Nehmen Sie die Vertretungsstelle an?«

»Sonst hätte ich wohl nicht auf der verdammten Liste gestanden.«

»Vielleicht haben Sie es sich inzwischen anders überlegt. Sie wissen ja, wie das ist: Sobald die Befristeten erfahren, welche Situation sie erwartet, machen sie häufig einen Rückzieher.«

»Ich nicht, unter zwei Bedingungen …«

»Neueinsteiger können nicht allzu viele Ansprüche stellen, aber in Ihrem Fall …«

»Ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl, aber ich bin kein Kind. Mir wäre lediglich daran gelegen, dass ich die ersten Unterrichtsstunden bekomme, und ich bräuchte jemanden, der mich in die Klasse begleitet.«

»Ich werde sehen, was sich tun lässt. Am Stundenplan einer Schule zu rühren, ist, als würde man auf eine Giftschlange treten. Aber wie machen Sie es mit mündlichen Tests und Leistungsprüfungen?«

»Man muss nur zuhören.«

»Ich meine die schriftlichen Prüfungen.«

»So wie sonst auch: Ich stelle die Fragen, und sie schreiben die Antworten.«

»Und wie korrigieren Sie die Arbeiten? Wie stellen Sie fest, ob sie abschreiben? Oder ob sie bei den mündlichen Tests ablesen?«

»Nur wirklich Verzweifelte klauen einem Blinden das Kleingeld, und dann sollte man sie nicht daran hindern. Ich werde mir die Antworten von ihnen vorlesen lassen. Keine Sorge. Es wird keine Probleme geben.«

»Das hoffe ich, in dieser Klasse hatten wir davon schon genug. Im letzten Jahr ist eine junge Vertretungslehrerin nach einem Monat in Tränen zu mir gekommen und hat gesagt, sie hätte den falschen Beruf ergriffen. Das Einzige, was zählt, ist, diese Klasse zum Abitur zu bringen.«

»Ein sehr gutes Ziel, finden Sie nicht?«

»Das sagte ich ja gerade.«

»Ums Altwerden kümmert sich die Natur, ums Reifwerden müssen wir uns selbst kümmern. Ach, und darf ich Sie um noch etwas bitten?«

»Was denn noch?«

»Darf ich Ihr Gesicht berühren?«

»Wie bitte?«

»Ich würde mir gern ein genaueres Bild von Ihnen machen. Sie sind mein neuer Vorgesetzter, es ist mir wichtig, dass ich Sie kennenlerne.«

»Wir haben uns bereits kennengelernt …«

»Ich verstehe Ihr Unbehagen, aber ich sehe mit den Fingern.«

»Muss das sein?«

»Ja.«

Nach wenigen Sekunden nehme ich eine Bewegung seines Körpers wahr, befangen beugt er sich zu mir herüber. Weil der Schreibtisch zwischen uns ist, stehe ich auf, strecke behutsam die Hände aus und ertaste seine Schultern. Dann lasse ich sie über seinen breiten Hals hinaufwandern und lege sie ganz leicht auf sein Gesicht. Ich spüre die Anspannung der Kiefermuskeln, die schlaffe Haut der sorgfältig rasierten Wangen. Seine Ohren sind klein, mit angewachsenen Ohrläppchen. Die Nase ist weich, ein dichter Schnurrbart rahmt die zusammengepressten Lippen. Die Augenhöhlen sind tief, die gerunzelte Stirn grenzenlos. Er ist glatzköpfig, und auf der linken Schädelseite ist eine Unebenheit, eine Art Beule. Gesichter sind Landkarten, sie zeigen die Geografie der Seele, es sind Orte, die nach einem Namen und einer Geschichte verlangen. Schmerz, Mühsal, Ängste, Böses, Gutes, Ohrfeigen, Zärtlichkeiten, Regen, Wind, Tränen, Schlaf, Glück: Tag für Tag, Geste für Geste wird unsere Physiognomie davon geprägt. Der Blick hat es eilig, sofort ein Fazit zu ziehen, und kann Unvollkommenheiten und Details nicht genau erfassen. Ich aber analysiere sämtliche Einzelheiten wie ein Geograf und versuche erst hinterher, sie zusammenzusetzen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Tastsinn ehrlicher ist als das Sehen, er ist frei von den Vorurteilen unseres Blicks. Es klingt paradox, aber das, was wir vor Augen haben, sehen wir nicht, denn statt wirklich zu sehen, wollen wir lediglich bestätigt haben, was wir bereits zu wissen glauben, und uns damit die Blindheit für das bewahren, was wir lieber nicht sehen wollen.

Schweiß tritt auf seine Haut, und meine Finger halten inne, ruhen reglos auf seinen Wangen wie die einer Mutter bei ihrem Kind: Ein Gesicht entblößt sich erst, wenn man es lang genug berührt. Nichts erschreckt uns mehr, als vom Unbekannten berührt zu werden.

Es klopft an der Tür, und der Schulleiter zieht sich hastig zurück. »Herein!«, ruft er.

»Ich bringe Ihnen Kaffee.«

»Danke«, erwidert er knapp und zugeknöpft.

Ich spüre die Bewegung eines nicht sehr wendigen Körpers, bei der sich der Geruch von frisch gemachtem Kaffee und ein Herrenparfum mit maritimen Aromen in der Kopfnote und Geranie und Zitrone in der Basisnote mischen. Seit meiner Erblindung bin ich auch zu einer unfehlbaren Supernase geworden.

»Darf ich Ihnen Signor Romeo vorstellen, den Neuen für Naturwissenschaften.«

Ich strecke die Hand ungefähr dorthin, wo ich die Frau vermute. Sie weiß nicht, dass ich blind bin, denn ich habe meine Sonnenbrille wieder aufgesetzt.

»Guten Tag, Professore, ich bin Patrizia, Hefe und Salz dieser Schule. Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ohne mich bleibt hier alles fade und flach. Meinen Kaffee kennt man auf sämtlichen Etagen, er vertreibt den hartnäckigsten Schlaf und wappnet für die schweren Schlachten gegen Langeweile und Ignoranz; wann immer Sie einen wollen, sollen Sie ihn bekommen.« Sie drückt mir die Hand. Ihre ist weich, trotz der bei immer gleichen Handbewegungen typischen Hornhaut an manchen Stellen.

»Freut mich, Romeo. Der Neue.«

»Werden Sie meine Lieblinge übernehmen? Die arme Lehrerin … was für eine Tragödie.«

»Ihre Lieblinge?«

»Ja, diese Kinder sind ein so unglücklich zusammengewürfelter Haufen, dass man sie einfach gernhaben muss. Ich habe sie adoptiert. Anfangs braucht es ein bisschen Geduld, aber wenn man sie zu nehmen weiß …«

»Könnten Sie mir erklären, welches der … Oder vielleicht könnten Sie mich morgens in die Klasse bringen.« Ich nehme die Sonnenbrille ab, um die Situation klarzustellen.

»Oh mein Gott! Ich meine, entschuldigen Sie, Professor Romero.«

»Romeo. Wie der von Julia oder wie die Katze der Aristocats, das können Sie sich aussuchen.«

»Ich wusste nicht …«

»Keine Sorge, es ist nicht ansteckend. Würden Sie so gütig sein, mich zu führen?«

»Aber natürlich! Mir entgeht nichts! Ich werde Ihre Spionin sein. Aber trotzdem, was für ein Jammer, Sie sind ein so hübscher Junge …«

»Signor Romeo ist fünfundvierzig Jahre alt, die ›Jungen‹ sitzen in der Klasse. Danke für den Kaffee, Patrizia, aber jetzt müssen wir das Gespräch beenden«, setzt der Schulleiter der Idylle ein brüskes Ende.

»Könnte ich auch einen Kaffee bekommen, ich habe heute Morgen noch keinen gehabt?«, frage ich, ehe Patrizia geht.

»Aber natürlich! Mit oder ohne Zucker?«

»Ohne, sonst ist es kein Kaffee.«

»Professore Romero, Sie gefallen mir.«

»Romeo. O-me-ro Ro-me-o«, skandiert der Schulleiter.

»Und was hab ich gesagt?«, raunzt Patrizia.

Ich nehme ihre leichten Schritte wahr, die das Zimmer verlassen. Die Tür schließt sich.

»Verzeihen Sie, sie ist etwas überschwänglich.«

»Sie gefällt mir.« Vertraulich beuge ich mich zu ihm hinüber. »Wenn man abends zu viel trinkt und auf dem Bauch schläft, werden die Augenhöhlen tiefer.«

»Wie bitte?«

»Es geht mich nichts an, aber Ihre sind sehr ausgeprägt … War nur ein Tipp. Als Naturwissenschaftler will ich Phänomene immer einordnen, das ist eine schlechte Angewohnheit von mir.«

»Ich habe keine leichten Nächte, aber Sie haben recht: Es geht Sie nichts an. Und nun wünsche ich Ihnen einen guten Tag.«

Er beendet das Gespräch abrupt, wie wir es mitunter tun, wenn wir an unsere Schmerzgrenze stoßen, und obwohl wir diesen Schmerz gern loswerden und von ihm erzählen würden, lassen wir ihn allenfalls in unseren Gesten und unserer Stimme aufblitzen, ehe die Scham ihn hemmt, als wäre er eine Schuld und nicht das Leben, das sich endlich entschlossen hat zu gesunden.

»Dann überlasse ich Sie ihrer Arbeit.«

»Meinem Chaos!«

»Ich liebe das Chaos! Neben der Relativität und den Quanten ist es die drittwichtigste Entdeckung der Physik des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Folgen der Relativität und der Quanten nehmen wir nicht wahr, aber dafür versinken wir im Chaos: Es ist der Stoff, aus dem der Alltag gemacht ist, das Flechtwerk unseres Lebens. Das Chaos hat uns vom Kontrollwahn befreit und uns – in diesem Fall kann ich das sagen – die Augen für die Realität geöffnet: kein Determinismus, keine Verkettungen von Ursache und Wirkung. Das Leben des Kosmos ist ein unvorhersehbares, aber keinesfalls absurdes Spiel, wie alle wirklich lustigen Spiele. Das Chaos hat die Freiheit gerettet, und die Freiheit ist das Einzige, was das Leben erneuert. Ein Spiel mit klaren Regeln und unendlicher Freiheit für die Spieler. Viel Spaß also mit Ihrem Chaos, man weiß nie, was man darin findet.«

»Einen Haufen Nervensägen, Jammerer und Sauertöpfe. Sie machen es sich einfach, Romeo. Theorie ist die eine Sache, das Leben eine andere.«

»Ich nehme es, wie es kommt, weder theoretisch noch praktisch.«

»Auch ich glaubte einmal an das, was ich studiert habe.«

»Nämlich?«

»Philosophie.«

»Und was hat Sie Ihren Glauben verlieren lassen?«

»Die nackte Realität. Ich begleite Sie ein Stück, ich habe noch eine Menge zu tun. Der erste Schultag ist eine Schlacht, die man unmöglich gewinnen kann. Man kann froh sein, wenn man mit heiler Haut nach Hause kommt.«

Er nimmt meinen Arm, bleibt jedoch auf Abstand, ohne Körperkontakt, als könnte seine Seele die Gelegenheit ergreifen und ihre Grenzen überschreiten, um sich ein wenig mit meiner zu mischen. Am Ende eines langen Flures bleibt er vor einem kleinen Zimmer stehen, dessen Wände das Geräusch und den Geruch einer brodelnden Espressokanne zurückwerfen. Signora Patrizias zwitschernde Stimme empfängt uns: »Hören Sie dieses Konzert, Professore? Was für ein Duft! Das ist Vollkommenheit, von wegen Kaffeeautomat. Seit achtunddreißig Jahren mache ich diese Arbeit, davon können Sie die Sonntage abziehen und das Ganze mit durchschnittlich fünf Espressokannen am Tag multiplizieren. Diese Espressokanne hat mehr Herzen getröstet als die Madonna von Lourdes, und die Tässchen haben mehr Tränen gesehen als ein Bahnhof. Das ist der Kaffee, den die Engel im Himmel trinken.«

»Bestimmt schmeckt er genau wie der, den meine Mutter immer machte.«

»Machte?«

»Vielleicht macht sie auch im Himmel damit weiter.«

Der Schulleiter wendet sich zum Gehen, doch einen Moment lang halte ich seine Hand fest und drücke sie.

»Die Sehkraft wird überschätzt: Irgendwann nehmen die Augen das, was sie immer sehen, nicht mehr wahr: Je mehr sie sehen, desto weniger schauen sie hin.«

Ich stelle mir sein verdattertes Gesicht vor. Oder nein, ich kann es sehen.

»Ich möchte Sie daran erinnern, dass Sie übermorgen mit dem Unterricht beginnen. Ich hoffe, ich kann Sie auf die erste Stunde verlegen.«

»Ich werde da sein.«

»Das hoffe ich.«

Er geht davon, und in der Ecke des kleinen Zimmers, dessen Gerüche vom Aroma des frisch gekochten Kaffees und von dem überlagert sind, was seine jahrelange Zubereitung auf den Oberflächen hinterlassen hat, nehme ich eine Bewegung wahr. Es klingt, als hätte sich jemand hinter etwas verschanzt.

»Er ist weg …«

»Um ein Haar, Tante Patri. Hätte der mich hier am ersten Tag beim Kaffeetrinken erwischt, wäre ich geflogen.« Es ist eine schnodderige Jungenstimme.

»Jetzt geh zurück in deine Klasse, wir haben hier zu tun.«

»Ein Glück, dass es dich gibt, Tante Patri. Was hast du denn mit den ganzen Büchern vor?«

»Lesen, Dummkopf.«

»Was’n Scheiß!«

»Spar dir die Kraftausdrücke, die sind hier drin verboten. Ab mit dir!«

Ich höre den Jungen verschwinden, aber vorher sagt er noch: »Ich liebe dich, Tante Patri. Eines Tages werde ich dich heiraten.«

»Das ist mein Liebling. Er heißt Oscar. Er ist ohne Vater aufgewachsen und macht einen auf dicken Max, aber eigentlich ist er aus Glas: ganz zerbrechlich und durchsichtig … Und er wird Ihr Schüler sein!«

»Tante Patri?«

»Ja, hier drin bin ich für alle die Tante.«

Sie hält mir das Tässchen hin, das ich wie einen kleinen, kostbaren Schatz entgegennehme: Es gibt Menschen, die die Welt durch die verlässliche Wiederholung freundlicher Gesten am Laufen halten. Und so lerne ich den Kaffee von Signora Patrizia kennen: Er ist eine solche Freude für Gaumen und Nase, dass ich ihr fast über die Wange streicheln möchte.

»Was lesen Sie, Signora Patrizia?«

»Romane. Hin und wieder kommt ein Junge oder ein Mädchen auf einen Kaffee vorbei, und währenddessen lese ich ihnen vor.«

»Und was lesen Sie zurzeit?«

»Ich habe gerade mit Doktor Schiwago begonnen und bin in dieser für russische Romane typischen Anfangsphase, in der man ständig zurückblättern muss, um die Namen der Figuren nachzuschlagen und festzustellen, dass man es mit einer der fünfzehn Versionen desselben Namens zu tun hat, je nachdem, welcher Verwandte gerade spricht. Einen russischen Roman erkennt man sofort.«

»Woran?«

»Am Personenregister. Es ist unverzichtbar, weil man sich auf Seite zehn nicht mehr erinnert, wer derjenige war, dem man auf Seite vier begegnet ist. Außerdem verändert sich der Charakter der Figur je nach Beziehungsstatus und Situation ständig, genau wie ihre fünfzehn Namen.«

»Das klingt für mich wie die perfekte Zusammenfassung. Und sie erinnert an die Quantenphysik. Ich habe Doktor Schiwago nie gelesen, ein echter Ziegelstein, aber Sie haben mir Lust darauf gemacht.«

»Aus Ziegelsteinen baut man wunderschöne Häuser! Wenn Sie wollen, Professore, lese ich Ihnen daraus vor, wenn Sie hier sind. Und Sie könnten mir diese Quanten erklären, von denen ich keine Ahnung habe.«

»Vielleicht ist Doktor Schiwago ein Quantenroman.«

»Das weiß ich nicht. Jedenfalls taucht auf jeder Seite ein anderer Name für dieselbe Person auf.«

»Genau wie bei den Quanten. Licht und Materie sind wie zwei Seiten derselben Medaille, mal sieht man die eine, mal die andere.«

»Wenn Sie es sagen … Wie ich sehe, sind Sie vor den Altar getreten!«

»Woran haben Sie erkannt, dass ich an Gott glaube?«

»Nein, nein, ich meine den Ehering.«

Zweifellos gehört Patrizia zu den Frauen, die einen schärferen Blick haben als Wissenschaftler: Sie verstehen es, die Dinge und ihre Geheimnisse zu hinterfragen, um universelle Gesetzmäßigkeiten über die Kunst des Lebens sowie endlose Plaudereien daraus abzuleiten.

»Ja, ich bin mit Maddalena verheiratet und habe zwei wunderbare Kinder: Pietro ist neun, und Penelope ist drei.«

»Sind Sie schon immer blind gewesen?«

»Nein, ich bin es nach einer Krankheit geworden, die mein Sehvermögen vor zehn Jahren rapide verschlechterte. Seit fünf Jahren sehe ich nichts mehr.«

»Und es ist nicht heilbar?«

»Doch, es gibt gute Chancen. Ich nehme an einem Versuchsprogramm teil. Zwei Eingriffe zur Wiederherstellung des Sehnervs hatte ich bereits, und die Resultate waren positiv. Jetzt warte ich auf die entscheidende Operation, die mir das Sehvermögen wiedergeben soll.«

»Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten …«

»Das sind Sie überhaupt nicht.«

»Und warum weinen Sie dann?«

»Ah, Verzeihung. Leider ist das eine Begleiterscheinung meiner Krankheit: Der Tränenfluss lässt sich nicht mehr kontrollieren. Ich weine häufig, deshalb trage ich die dunkle Brille.«

»Steht Ihnen aber gut, sie gibt Ihnen diesen geheimnisvollen Touch …«

»… des Blinden!«

»Nein, des Mannes, von dem man nicht weiß, wohin er gerade sieht.«

»Zu sehen, ohne gesehen zu werden, habe ich immer als eine Art Macht empfunden. Heute kann ich nur noch gesehen werden. Ich bin dem Leben praktisch schutzlos ausgeliefert.«

»Dann hoffen wir mal, dass diese Behandlung Erfolg hat. Ein hübscher Junge wie Sie! Eine Schande.«

»Wissen Sie, was eine Schande ist, Patrizia?«

»Was denn?«

»Dass ich noch nie Penelopes Augenfarbe gesehen habe. Deshalb will ich gesund werden.«

Patrizia scheint es die Sprache verschlagen zu haben. Ich helfe ihr aus der unerwarteten und unbehaglichen Vertraulichkeit, die durch das Geständnis eines Schmerzes entstanden ist.

»Und was ist nun das Geheimnis, um diese Klasse zu erobern?«

»Man muss sie mehr mögen, als sie sich selbst zu mögen imstande sind«, beeilt sich Patrizia zu antworten.

»Also das, was wir alle nötig haben.«

»Professore, warum haben Sie beschlossen, wieder zu arbeiten?«

»Ich brauche das Geld.«

»Dass es nur darum geht, nehme ich Ihnen nicht ab.«

»Einstein arbeitete als Vertretungslehrer an Oberschulen und revolutionierte währenddessen das Konzept von Raum und Zeit. Vielleicht entdecke ich ja etwas Großartiges … Oder finde einfach nur das Vertrauen in mich selbst wieder. Als ich vollkommen erblindet bin, habe ich beschlossen, mit dem Unterrichten aufzuhören.«

»Und dann?«

»Und dann ist die Geschichte so lang wie ein russischer Roman. Um es kurz zu machen: Ich kann auf das Unterrichten nicht verzichten. Aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe.«

»Auch Beethoven hat noch großartige Werke komponiert, als er schon taub war.«

»Sie kennen Beethoven?«

»Ihren snobistischen, chauvinistischen Streberton können Sie sich sparen, Professore. Sie haben wohl noch immer nicht begriffen, mit wem Sie es zu tun haben. Wenn Sie ein bisschen plaudern und dabei gute Musik hören wollen, tun wir auch das.«

»Mein Vater liebt klassische Musik. Von ihm habe ich gelernt, sie zu hören. Er mag vor allem Chopin, Liszt, Schubert und Rachmaninow.«

Patrizia wieselt durch das Zimmer. Ich nehme wahr, wie sie etwas aus einem Schrank zieht. Dann das unverwechselbare Geräusch einer Nadel auf Vinyl. Und schon erfüllen die Noten der ersten von Chopins vierundzwanzig Etüden das Zimmer, das ich nun dank der Musik, die sich mit unterschiedlichem Klang auf die Gegenstände legt, vollständig zu erfassen vermag. Ich denke an die Abende, die ich zusammen mit Papa Musik hörte. Und noch ehe ich mich dafür schämen kann, weine ich vor Signora Patrizia wie ein Kind.

Ein paar Sekunden lang ruht eine Hand auf meiner Wange.

»Noch einen Kaffee?«

Seit ich vollkommen erblindet bin, leide ich an Panikattacken, die mit Herzrasen und Schwindel einhergehen und sich nur auf zwei Arten bändigen lassen: 1. Indem ich einen kleinen Gegenstand zwischen die Finger nehme und all meine Aufmerksamkeit auf meine Fingerkuppen lenke. 2. Indem ich unmögliche Ranglisten erstelle: die zehn schönsten Lieder, die zehn langweiligsten Bücher, die zehn giftigsten Schlangen, die zehn schönsten Liebesszenen … Nach und nach beruhigt sich mein Herzschlag, der Atem geht wieder regelmäßig, und die Welt lässt mich nicht mehr schwindeln.

In neuen und unvorhergesehenen Situationen versuche ich, die Überraschungen auf ein Minimum zu reduzieren, und heute Morgen, am ersten Unterrichtstag in meiner neuen Klasse, war ich, von banger Unruhe gepackt, bereits um 4:00 Uhr wach. Also sitze ich schon seit einer halben Stunde am Pult meines neuen Klassenzimmers und gehe noch einmal die Liste der zehn Roboter meiner Kindheit durch, in der Rangfolge ihrer Fähigkeiten: Daitarn, Steel Jeeg, Mazinger Z, Daltanious, Goldorak … Derweil kann ich mir den Raum akustisch erschließen, um die Dinge und Personen später genau lokalisieren zu können, ohne die Orientierung zu verlieren.

Während der Stadtlärm auf den Straßen versucht, sich Gehör zu verschaffen, ist auf den Fluren noch kein Geräusch zu hören. Vergeblich mühen sich die Verkehrsstaus, das von Erzählungen gesättigte Stimmengewirr der Schüler zu übertönen, die sich mit den Geschichten eines ganzen Sommers begegnen, ehe die Langeweile sie verschluckt. Farbgeruch hängt schwer im Raum: Die Klassenzimmer frisch zu streichen, ist ein glückverheißendes Ritual, als begänne mit dem Übertünchen der respektlosen Spuren des Vorjahres ein neues Leben. Uns Menschen ist Enttäuschung nun einmal lieber als Langeweile. Nachdem sie mir ihren Wunderkaffee verabreicht hatte, hat Patrizia mich untergehakt und begleitet, und ihre schlichte, duftende Wärme gab mir Sicherheit. Jetzt sitze ich schweigend da und warte auf das erste Klingeln dieses Schuljahres. Die Aula ist noch leer: Mit dem anfänglichen Zwielaut au ist das Wort die Lautmalerei des Schmerzes der hier eingeschlossenen Leben, ein Jaulen. Dabei ist Aula eigentlich die perfekte akustische Beschreibung eines leeren, luftigen, weiten Raumes, in dem man Atem holen kann, um einen Klang zu erzeugen. Ich habe eine Schwäche für Etymologie, denn Worte brauchen Wurzeln, um stark und üppig zu wachsen. Die alten Griechen nannten die Flöte aulos, und die Aula ist der Resonanzkörper, in dem das Leben die Geschichten junger Menschen zum Klingen bringt, die wir selbst niemals ausgewählt hätten. Darum liebe ich das leere, auf Seelen und Körper wartende Klassenzimmer. Hier »praktizieren« wir Lehrer die Gebote unseres Credos: das Aufrufen der Namen zur Überprüfung der Anwesenheit.

Vorsichtshalber halte ich einen dieser zehnflächigen Würfel zwischen den Fingern, wie ich sie als Kind sammelte, als ich ganz verrückt nach Rollenspielen war. Mit den Fingerkuppen fahre ich an seinen Kanten entlang und versuche, der Panik der ersten Stunde mit neuen Schülern zuvorzukommen. Während das Klassenzimmer sich füllt und ich mich hinter der Dunkelheit meiner Sonnenbrille verstecke, denke ich an 2006QV89. Das ist kein unschlagbares alphanumerisches Passwort, sondern der Name eines dreißig Meter großen Asteroiden, der um die Erde kreist. Wenn er uns träfe, wäre das eine waschechte Apokalypse. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1 zu 10 000, was ungefähr so ist, als hätte ich einen Würfel mit 10 000 Seiten, und die Katastrophe käme beim ersten Wurf heraus. Um das Chaos dieses Neubeginns zu bändigen, stelle ich mir vor, mein erster Wurf wäre ein Treffer und nur wir in diesem Klassenraum blieben am Leben: Das einzige Vermächtnis, das wir hinterlassen könnten, wären unsere Namen. Von diesem Moment an liegt die ganze Welt in einem Namensappell. Und es ist an mir, die Namen der gewesenen, seienden und kommenden Welt einen nach dem anderen aufzurufen, wie Elemente eines neuen Periodensystems des menschlichen Abenteuers.

Die Schulglocke lässt Roboterlisten, Asteroiden und apokalyptische Szenarien verpuffen. Das erste Klingeln meines Schuljahres ruft die nach der Sommerpause umso existenziellere Entropie zur Ordnung. Ich sitze über dem Klassenbuch, trage meine Sonnenbrille, halte einen Würfel in der Hand, der mich daran erinnert, dass es zu jeder seiner Flächen ein Gesicht in dieser Klasse gibt, und das Leben erscheint mir wie ein schwindelerregendes Glücksspiel. Während ich höre, wie sich die Schüler ihre Plätze suchen und Bänke und Stühle zurechtrücken, halte ich den Kopf gesenkt und stelle mir ihre Befangenheit und Neugier angesichts meiner scheinbar gewissenhaften Inspektion des Klassenbuches vor. Niemand hat mich gegrüßt: Wenn ein Lehrer stirbt, kommt der nächste. Für die Schüler sind wir Lehrer Rollen statt Personen, ein zu verbüßendes Schicksal. Bestimmt fragen sie sich, ob ihnen der Wechsel etwas bringen wird, ob ich garstiger bin als meine Vorgängerin, was mit ihrem Abitur ist, ob ich verheiratet oder ein Loser oder stinknormal bin. Die geflüsterten Kommentare hallen von den Wänden wider und helfen mir zu erfassen, wie sich die Schüler im Klassenraum verteilen. Ihre Gerüche mischen sich mit denen von Desinfektionsmittel und Farbe, und nach und nach gewinnt ein Gemisch aus Parfum, Schweiß, Erwartung, Verführung, Verlassenheit und Bitterkeit die Oberhand, sämtliche Gerüche dieser wie Septembertrauben gärenden Körper. Ich streiche mit den Fingerspitzen über das geöffnete Klassenbuch, bis ich in der linken Spalte die handgeschriebenen Namen spüre, als könnte ich sie fühlend auswendig lernen. Als der lange zweite Klingelton verhallt, senkt sich abwartende Stille über die Klasse, was in der Schule eine große Seltenheit ist. Jetzt nehme ich ihren Atem noch stärker wahr, die Reibung ihrer Körper, die aus heimlichem Schmerz, dem Leben jäh entrissenen Freuden, zäher Langeweile und gut versteckten, salzigen Tränen besteht, aus Fleisch, Muskeln, Haaren und so vielen Zähnen. Alle unsichtbaren Bestandteile von Materie und Energie sind hier versammelt, aus denen, vom Sandkorn bis zur Supernova, der ganze Kosmos besteht. Jedes Detail scheint plötzlich übergroß zu werden, ähnlich wie kurz vor dem Einschlafen, damals, als ich noch sehen konnte, wenn das Gehirn bereits im Halbschlaf ist und die Augen noch wach, und ich fürchte eine Panikattacke. Ich muss etwas tun. Ich spüre, wie die Schüler fragende Blicke tauschen, und nehme die mehr oder weniger ratlosen oder ironischen Gesten wahr, mit denen sie ihre Ängste zu kaschieren pflegen. Ich lasse den Würfel über das Pult rollen, berühre die obere Fläche: 7. Eine Zahl, die für Fülle steht. Ich räuspere mich und hebe den Kopf.

»Ich heiße Omero Romeo und bin euer neuer Lehrer für Naturwissenschaften.«

Kaum habe ich meinen Satz beendet, nehme ich die Sonnenbrille ab und zeige meine milchigen, verlorenen Augen.

»Und ich bin blind.« Eine Präsentation, die Täuschungen und Maskeraden unmöglich macht. Ich bin sofort aus der Deckung gekommen. Es ist gut, der Sache von vornherein Rechnung zu tragen.

Wie immer, wenn die nackte Wahrheit auf den Tisch kommt, lähmt eine ausgedehnte Stille die Luft und die bis dahin unruhigen Körper.

»Ich war nicht immer blind.« Meine Stimme ist klar, und die Worte kommen mir mit unerwarteter Präzision über die Lippen, denn so verlangt es die Wissenschaft, wenn man Definitionen gibt und einem dabei die Luft wegzubleiben droht.

»Ich bin aufgrund eines genetischen Schalters erblindet, der sich kurz nach meinem fünfunddreißigsten Geburtstag umgelegt hat und mir mit fortschreitender, unaufhaltsamer Verdunkelung das Augenlicht nahm. Fünf Jahre später konnte ich nichts mehr sehen. Seitdem sind weitere fünf Jahre vergangen, und jetzt sehe ich durch Geräusche, Berührungen und Gerüche. In den ersten fünf Jahren, als ich hell und dunkel noch unterscheiden konnte, hatte der Tastsinn die Oberhand: Wie ein Schiffbrüchiger musste ich mich an Dinge klammern, um nicht zu ertrinken. Als in den folgenden fünf Jahren auch das letzte Fünkchen Licht verschwand, traten Gehör und Geruchssinn auf den Plan. Heute habe ich ein Supergehör, eine Supernase, einen Supertastsinn. Superkräfte, allerdings ohne den Anspruch, die Welt retten zu wollen. Ich habe schon Schwierigkeiten, nicht unter einem Auto zu landen oder beim Pinkeln die Kloschüssel zu treffen. Ich bin Lehrer geworden, weil die beiden Faktoren, die das Schicksal eines Menschen bestimmen, seine DNA und seine Umwelt, mir keine Wahl ließen: Mein Vater war Hochschullehrer für Astrophysik und meine Mutter Lehrerin für Griechisch und Latein. Eltern schenken einem das Leben, Lehrereltern erklären es einem, und so glaubt man, man könne es nur leben, wenn man sich selbst und anderen die Dinge erklärt. Dass ich mich für Chemie entschieden habe, ist meinem Lehrer in der Oberstufe zu verdanken. Ein Mann, der zu jeder Jahreszeit eine Weste unter dem Jackett trug, das er sich immer zu einem bestimmten Zeitpunkt während des Unterrichts auszog, aufs Pult legte und der sich, sobald die Dinge vertrackt und interessant wurden, die Hemdsärmel hochkrempelte, als müsste er mit der Wirklichkeit handgreiflich werden. Stets begann er mit seinen wunderbaren Warums, ohne je ein Buch aufzuschlagen, und nahm erst Platz, wenn die Stunde fast vorüber war, gerade so, als wollte er es den gefundenen Antworten erlauben, sich in einer endgültigen und unbestreitbaren Formel zu setzen: in einer Gesetzmäßigkeit. Alles, was ich in meinem Fachgebiet weiß oder noch nicht weiß, beginnt mit dieser Frage, die die Menschheit auf unterschiedlichsten Wegen zur Erkenntnis geführt hat, ob in der Dichtung, der Chemie oder sämtlichen anderen Wissensbereichen: Warum? Für meinen Weste tragenden Lehrer war Erklären und Hinterfragen ein und dasselbe, und wenn es darum ging, ein Phänomen zu erforschen, war der einzige Unterschied der zwischen Gemeinschafts- und Einzelarbeit. Seine Fragen ergaben sich aus der uns umgebenden Realität: von den Jahreszeiten bis zur Fußballberichterstattung. Er goss heißes Wasser aus der Thermoskanne in ein Glas, zog einen Teebeutel aus seiner Westentasche, in der auch die Taschenuhr steckte, und tauchte ihn ins Wasser, das sich allmählich goldbraun färbte. Warum verfärbt sich das Wasser? Oder er nahm einen Tennisball aus der Balldose eines Klassenkameraden, der nach der Schule zum Training ging, warf ihn in die Luft und beobachtete seine Bewegung. Warum springt der Ball bei jedem Aufprall weniger hoch? Wir Schüler sollten aufgrund unserer bereits vorhandenen Kenntnisse antworten, uns vom Unbekannten zum Bekannten vortasten, bis wir eine Gesetzmäßigkeit ableiten konnten. Durch Beobachtung und Experimente ließ er uns die gesamte Geschichte der Wissenschaft durchlaufen. Die Vielfalt der Phänomene sollte zur Wahrheit der ihnen zugrunde liegenden Formel führen, denn die Wahrheit besitzt eine Ordnung, und es ist an uns, sie herauszufinden. Für ihn barg das Wie der Dinge keine Geheimnisse, man musste lediglich den Verstand benutzen, um die Vielfalt wieder zur Einheit zu führen. Wer ein bisschen Ordnung ins Chaos bringt, pflegte er zu sagen, rettet die Welt.«

Ich spüre, wie sich ein Körper im Klassenraum rührt und eine Schwingung verursacht, die bei den anderen Schülern Verunsicherung auslöst, ob sie meinen Worten oder seinen Gesten folgen sollen. Die Fähigkeit eines Blinden, den physischen Druck der Dinge zu spüren heißt Echoortung. Sie trifft einen mitten ins Gesicht, weshalb manche sie »Gesichtssehen« nennen. Meine Echoortung verrät mir, dass einer der Schüler gerade mit den Armen rudert, vielleicht, um sich über mich lustig zu machen. Und sie trifft mich mitten ins Gesicht, weshalb ich sie nicht ignorieren kann.

»Ich höre.« Ich wende mich der Bewegung zu und unterbreche meine Rede. Die Klasse erstarrt. Niemand antwortet, Beklommenheit erfüllt die Stille.

»Wie gesagt: Ich habe das Gehör eines Superhelden.« Ich spüre, wie die Körper sich wieder entspannen und mir zuwenden.

»Die Klugheit und Verlässlichkeit, die den Dingen innewohnt, zwingt uns, ebenso klug und verlässlich zu sein. Nur darum geht es bei der Suche nach der Wahrheit. Und nichts macht glücklicher, als sie zu finden, das gilt für die Wissenschaft ebenso wie für das Leben. Die Wahrheit ist der Eros der Klugheit, ihre Lust, pflegte uns besagter Lehrer gern zu sagen. Ich war sechzehn, als ich beschloss, so leben zu wollen: Ich wollte auf die Warums, die vom täglichen Leben, vom Chaos der Phänomene, von der herrschenden Ordnung der Dinge aufgeworfen wurden, Antworten finden. Ich wollte ein bisschen Ordnung in dieses Chaos bringen, nicht, um die Welt, sondern um mich selbst zu retten. Ich entschied mich für die Naturwissenschaft, weil ich ein linkischer, ängstlicher Teenager war. ›Warum bildet der Staub unter euren Sofas Flocken? Warum wird der Stuhl unter eurem Hintern warm?‹, fragte unser Lehrer. Und ich dachte bei mir: Warum habe ich noch keine Freundin? Und hoffte, die Wissenschaft könnte mir Antwort geben.«

Hier und da ist ein Kichern zu hören, weil das soeben Gesagte wie gemacht ist für die schlichte Derbheit der Teenager, die glauben, alles über Sex zu wissen und alles gesehen zu haben, in Wirklichkeit aber von seinem Geheimnis keine Ahnung haben.

»Warum bleibt die Kreide an der Tafel haften? Warum kommen Tränen aus den Augen? Die Lektionen des Lebens beginnen nicht mit der Festlegung eines Gesetzes oder einer Regel, sondern immer mit einer Tatsache oder einem Ereignis, mit dem Chaos, das unsere Neugier bannt oder uns zur Verteidigung zwingt.«

»Warum sind Sie blind geworden?«, fragt mich wie aus heiterem Himmel eine Mädchenstimme, die aus der rechten Ecke des Klassenraums kommt, von der Fensterseite. Es gibt immer einen »Fensterschüler«, der sich zu Recht nicht damit abfinden kann, fünf oder sechs Stunden eingepfercht in einem Quader zu hocken, und sich einen Platz am schmalen Grat der Fantasie sucht, die weder drinnen noch draußen ganz zu Hause ist.

»Ich habe es vorhin erklärt, eine Krankheit …«

»Das meine ich nicht. Warum ausgerechnet Sie?«

Die Klasse zuckt zusammen, die Stühle scharren, als alle sich zu der Stimme umdrehen.

Ich schweige.

»Das ist auch ein Warum«, schiebt das Mädchen nach.

»Das stimmt, aber es gibt ›Warums‹, die einem ›Wie‹ entsprechen: Das sind die Fragen der Wissenschaft. Um von der Wirkung auf die Ursache zu schließen, beschreiben wir das Wie, auch wenn wir es als Warum formulieren. Und es gibt Warums, die nicht gleichbedeutend mit dem Wie sind und nichts mit der Kausalkette, sondern mit dem Geheimnis zu tun haben. Auf diese Warums versuchen wir zu antworten, um den Geschehnissen, die wir nicht mit wissenschaftlicher Sicherheit lösen können, einen Sinn zu geben. Ich kann erklären, wie ich blind geworden bin, aber auf das Warum habe ich tatsächlich keine Antwort. Es ist passiert.«

Tränen rinnen mir aus den Augen, und ich wische sie mit dem Handrücken fort.

Stumm und reglos sitzen die Schüler da.

»Ihr werdet mich häufig weinen sehen: Eine Folge meiner Krankheit ist ein unkontrollierter Tränenfluss. Aber das muss euch nicht irritieren. Jeder hat mit seiner eigenen Reifeprüfung zu kämpfen: Ich hoffe, durch eine Operation, auf die ich seit Langem warte, mein Sehvermögen wiederzuerlangen. Sie ist Teil eines neuen Versuchsprogramms gegen dieses Leiden, für das es noch keine Heilungsmethode gibt.«

»Warum gibt es den Schmerz?«, fragt dasselbe Mädchen in einem Ton, der eher verzweifelt als herzlos klingt, weil sie die Frage nicht mir, sondern sich selbst stellt. Die Gegenwart eines Menschen liegt für mich im Klang seiner Stimme, und es ist unglaublich, wie sehr die Stimme das Unsichtbare zu zeigen vermag. Ein Gesicht kann sich angewöhnen zu lügen und seine Mimik verstellen, eine Stimme nicht. Und Teenager sind wie Bluthunde: Kaum nehmen sie die Fährte der Wahrheit auf, lassen sie nicht mehr locker und beißen so lange zu, bis sie wenigstens ein Stückchen davon ergattern.

»Um ihn zu erzählen. Schmerz hat die Fähigkeit, alle unnötigen Fragen von uns abfallen zu lassen und uns zum Wesentlichen zu bringen, wie ein Katalysator zieht er die unsichtbaren Bestandteile des Lebens an. Wir bilden uns ein, wir könnten vom Schmerz eine Formel ableiten, als wäre er ein beschreibbarer Zustand. Aber Schmerz ist ein Prozess, man kann nur seine Geschichte erzählen, die noch im Werden ist: Sie betrifft nicht die Vergangenheit, also einen beschreibbaren Zustand, sondern die Zukunft. Schmerz ist gemacht, um erzählt zu werden. Andernfalls versteinert er uns: Wir bringen unsere Zeit damit zu, den Schmerz in der Vergangenheit einzusperren, und suchen mit wissenschaftlicher Akribie nach seinen Ursachen, doch das kann uns nicht heilen. Wir können nur genesen, wenn wir im Schmerz bleiben und abwarten, wohin er uns trägt, eben weil wir die Kontrolle über die Dinge verloren haben. Was hätte ich gesehen, wenn ich nicht erblindet wäre? Das, was alle sehen. Stattdessen sehe ich etwas anderes. Meine Mutter erzählte mir gern von der homerischen Frage, das war für sie der spannendste Krimi überhaupt: Niemand weiß, ob es Homer wirklich gegeben hat, aber es heißt, er sei blind gewesen, weil nur ein Blinder die Dinge auf diese Weise hätte erzählen können.«

»Verstehe ich nicht. Wäre das Gegenteil nicht viel logischer?«, unterbricht mich eine weitere unruhige Stimme. Die Stunde hat bereits den unaufhaltsamen und unvorhersehbaren Lauf einer Erkundung genommen. Unterrichtsstunden sind keine U-Bahnfahrten mit festgelegter Streckenführung, sondern Bergwanderungen, auf denen man nach Belieben Rast machen kann, um zu verschnaufen, den Ausblick zu genießen, eine Pflanze zu begutachten, einen Vogel zu beobachten.

»Ehrlich gesagt: nein. Und zwar aus dem gerade genannten Grund. Die Blindheit erlaubte es ihm, das innerste Geheimnis der menschlichen Leben zu erspüren, von denen er erzählte. Aber diese Dinge müsst ihr eure Italienischlehrerin fragen.«

Ich spüre Enttäuschung, wie so oft, wenn der Lehrplan das ersten Fünkchen Erkenntnis erstickt, die den Sinn des Lebens berührt. Der ist im Lehrplan nicht vorgesehen.

»Ab der nächsten Stunde fangen wir an, uns mit den Warums zu beschäftigen. Bringt einen Stift und ein Heft mit: Chemie, Physik, Biologie und Astronomie sind nicht nur dazu da, eine Prüfung zu bestehen, sondern haben mit dem täglichen Leben zu tun. Und bringt eure Namen mit.«

»Wie meinen Sie das?«

»Da ich euch nicht sehen kann, hängt euer Leben an euren Namen wie die Position der Elemente an ihrer Ordnungszahl im Periodensystem. Deshalb werden wir die Anwesenheitskontrolle so durchführen, wie ich es euch jetzt erkläre.«

Das leichte Scharren von Stühlen und Bänken verrät die abwartende Haltung der Schüler, ihre leicht nach vorn geneigten Oberkörper beschreiben die Zielbahn ihrer Erwartung.

»Jeder von euch wird aufstehen und laut und deutlich seinen Namen sagen, damit ich ihn mit der Stimme und eurem Platz im Klassenzimmer verknüpfen kann. Deshalb bitte ich euch, in meinen Stunden auch immer dieselben Plätze einzunehmen, bis ich gelernt habe, euch an der Stimme zu erkennen. Ihr Klang, ihre Position und Entfernung verraten mir, wer und wo ihr seid. Nachdem ihr euren Namen gesagt habt, werdet ihr mir seine besonderen Eigenschaften nennen, als würdet ihr ein Mineral beschreiben: seine physikalische Beschaffenheit, seine kristalline Struktur, sein Vorkommen, seine Eigenschaften …«

»Jedes Mal?«, fragt eine Mädchenstimme bang.

»In jeder meiner Stunden. Genau wie bei komplexen Phänomenen, denen man nach und nach auf den Grund geht, wird das, was ihr zu erzählen habt, jedes Mal anders sein und immer verborgenere Bereiche eures Namens betreffen. Jeden Tag werden wir der wissenschaftlichen Forschung etwas Neues hinzufügen.«

»Echt jetzt? Was soll an einem Namen denn schon dran sein …«, ertönt eine spöttische Jungenstimme aus den hinteren Reihen.

»Es geht darum, einen Namen zu retten. Deshalb unterrichte ich, und ich will nicht damit aufhören, auch wenn ich blind geworden bin. Das hat nichts Rührseliges, es ist reine Wissenschaft: Ein Phänomen existiert erst, wenn man es identifiziert und ihm einen Namen gibt. Ihr seid Phänomene, und meine Aufgabe ist es, ihre exakten Namen festzustellen. Damit ist die Anwesenheitsüberprüfung die vollkommene Formel zur Rettung der Welt. Ihr könnt entscheiden, ob ihr einzigartige Phänomene oder Schießbudenfiguren sein wollt: ununterscheidbar und nur dazu da, die Leute zum Lachen zu bringen. Diktaturen trachten danach, Unterschiede zu eliminieren, sie stecken die Menschen in Uniformen und lassen die Namen verschwinden.«

»Kann man auch gar nichts sagen?«, meldet sich der Junge wieder und klingt diesmal ernster.

»Auch das Schweigen ist eine Art, auf den Namensappell zu reagieren. Dann wissen wir, dass dieser Name an diesem Tag die Stille vorzieht, ähnlich der Leerstelle in einem Gedicht, in der ein Name aufscheint. Aber das ist noch nicht alles.«

Es herrscht wachsames Schweigen.

»Wenn ihr fertig erzählt habt, kommt ihr jeweils nach vorn, und ich werde meine Hände auf euer Gesicht legen. Da ich euch nicht in die Augen sehen kann, bin ich gezwungen, euch zu berühren.«

»Sie fassen mich nicht an«, protestiert eine andere Stimme, eine weibliche.

»Ich fasse niemanden an. Ich setze die Beobachtung auf experimentelle Weise fort. Konturen, Beschaffenheit, Unvollkommenheiten, Lidschlag … Im Gesicht lässt sich die ganze Geschichte eines Menschen ablesen, ich kann euch nicht nur durch eure Worte kennenlernen, ich muss ihnen nachgehen.«

»Bei mir werden Sie sich mit den Worten begnügen müssen.«

»Wie heißt du?«

»Elena.«

»Morgen beginnen wir den Appell mit dir. An welcher Stelle der Namensliste stehst du?«

»Keine Ahnung, ich bin neu in der Klasse.«

»Lies vor.« Ich schiebe ihr das Klassenbuch hin.

Sie tritt näher und liest: »Nummer sieben.«

Es gibt keinen Zufall, ich würde gern noch ein paar Gedanken zu dieser Fügung loswerden, aber die Schulglocke verkündet, dass es an diesem Tag bereits genug Fragen zu bewältigen gilt.

»Wer hilft mir beim Hinausgehen?«

»Ich«, antwortet eine kräftige Stimme, an der ich den Jungen wiedererkenne, der sich am ersten Schultag bei Signora Patrizia versteckt hat. Ich lasse mich zum Ausgang führen, seine Hand ist groß und stark, auch wenn sie mich mit ungelenker Zurückhaltung kaum berührt. Meine Verletzlichkeit lässt Menschen behutsam werden, und dieser Junge zeigt eine Einfühlsamkeit, wie sie sich zuweilen selbst nach fünf Jahren des Zusammenseins nicht einstellt. Beziehungen sind wie Puzzlespiele, nur wenn sich die Teile ineinanderfügen, entstehen echte Verbindungen.

»Hier entlang, Professore.«

»Das brauchst du mir nicht zu sagen, ich weiß sowieso nicht, wo ›hier entlang‹ ist. Du musst mich unterhaken und führen.«

Sein Griff wird entschlossener, er lotst mich um das Pult herum zur Tür.

»Ab hier übernehme ich, Oscar.« Das ist Patrizia, die mich wie verabredet vor der Tür erwartet.

»Zu Befehl, Tante Patri.«

Die anderen um uns herum lachen.

Ich bedanke mich bei dem Jungen und begebe mich in Patrizias Hände.

»Möchten Sie einen Kaffee, Professore?«

»Noch einen?«

»Von meinem kann man nie genug bekommen …«

Untergehakt erreichen wir ihr nach Lavendel und Kaffee duftendes Refugium.

»Wie ist es gelaufen?«

»Sehr gut.«

»Haben Sie gesehen, was für Schätze sie sind …«

»Ich habe gar nichts gesehen, Patrizia.«

»Entschuldigen Sie, Professore, ich kann’s mir einfach nicht merken.«

»Das sehe ich.«

Sie schweigt verdattert, dann begreift sie, dass ich einen meiner blöden Witze gerissen habe, bei denen man zunächst nicht weiß, wie man reagieren soll. Doch die Leute gewöhnen sich ziemlich schnell daran. Wir fangen an zu lachen.

Der Morgen ruft alle ans Licht, und die Stadt mischt die Leben ihrer Bewohner zu einem Spiel mit meist unbekannten Regeln. Aus diesem Grund hat sich das wegen seiner Quantenkatze allseits bekannte Physikgenie Erwin Schrödinger eines schönen Tages gefragt: »Was ist das Leben?« Und obwohl er kein Biologe war, ahnte er bereits zehn Jahre vor der Entdeckung der DNA, was es mit ihrer Struktur auf sich hat: unendliche Kombinationsmöglichkeiten einer festgefügten Sequenz von Atomen auf winzigstem Raum. Das Leben als verschlüsselte Botschaft. Ist ein Eigenname nicht genau das? Eine einzigartige, aus dem grenzenlosen Alphabet des Lebens ausgewählte Abfolge von Buchstaben, um etwas in der Geschichte nie Dagewesenes und Einzigartiges zu benennen. Doch ebenso wie die DNA nicht genügt, um zu einem Schicksal zu werden, muss dieser Name von jemandem ausgesprochen werden. Auch das Genom ist nur einmalig durch das Epigenom, nämlich die Art, auf die uns das Leben täglich berührt und bis in die tiefsten Schichten verändert. Auf unseren Namen antworten wir: ANWESEND!, wie ein Lichtschalter lässt er unser gesamtes Schicksal aufleuchten. Wir sind ein einmaliges physisches und metaphysisches Phänomen, das jedes Mal verschwindet, sobald wir einfach »ich« sagen, weil nur der magische Klang der Buchstaben unseres Namens die Mischung aus Freude und Schmerz, Liebe und Lieblosigkeit, Angst und Abenteuer, aus der wir bestehen, zur Wirkung zu bringen vermag. Man kann nicht aus Gewohnheit auf seinen Namen reagieren, weil nicht Gewohnheit, sondern Ruhelosigkeit uns am Leben hält. Für mich glichen Worte immer chemischen Verbindungen und Reaktionen, mein etymologischer Tick tat das Übrige. Fügt man dem lateinischen Verb pellere mit der Bedeutung »stoßen« die Präposition ad- hinzu, erhält man das Kompositum AD-PELLERE, »hinausstoßen«, und genau das tut eine Frau, wenn sie ein Kind gebiert. APPELL bedeutet:

jemanden aufrufen, um sicherzugehen, dass er anwesend istAnrufung, Hilferuf

In beiden Fällen ist eine Stimme präsent, die die Bedingungen für die Möglichkeit menschlichen Leben festlegt: Was müssen wir tun, um dort zu bleiben, nachdem wir das Licht der Welt erblickt haben? Wir alle kämpfen tagein, tagaus dafür, dass unser Name richtig ausgesprochen wird. Wir suchen ihn überall, am Arbeitsplatz, in einer Beziehung, in einer Nachricht, in einem Kleidungsstück, in einer Bestleistung, in einer Leidenschaft, in einer Perversion, in Gewalt, im Ehrgeiz, in Abhängigkeit und Zerstörung, in Herrschaft und Genuss, in einem Grab und in der Wahl von etwas oder jemandem, zu dem wir gehören. Denn das heißt es, einen Namen zu tragen: etwas oder jemanden zu haben, der ihn sicher verwahrt. Der Name lässt uns weniger sterblich sein, denn das ist der eigentliche Überlebenskampf, mehr noch als der unserer Spezies. Allzu häufig verkümmern unsere Eigennamen zu Gattungsnamen: Teller, Bett, Tisch … Wenn aber ein Eigenname zum Gattungsnamen wird, hört er auf zu leben: Ist nicht die Dichtung dazu da, den Gattungsnamen die Würde des Eigennamens zurückzugeben? Deshalb sind die besten Dichter und Wissenschaftler jene, die Zärtlichkeit und Strenge miteinander vereinen. Einen Eigennamen zu geben und jemanden ans Licht zu bringen, ist ein und dasselbe. Seit ich blind bin, habe ich begriffen, dass Licht sich nicht nur in den Dingen spiegelt, sondern von ihnen ausgeht, sobald man sie beim Namen nennt. Der Tag, an dem die Ärzte mir sagten, dass ich binnen weniger Jahre vollständig erblinden würde, war der Tag meines Appells: Das Leben rief mich beim Namen und fragte, ob ich anwesend sei, ob ich es überhaupt je gewesen war oder ob ich mir mit all den Masken, die ich im Laufe der Jahre getragen hatte, nur eingeredet hatte, es zu sein.

Um unterrichten zu können, muss ich mich auf die Präsenz meiner Schüler konzentrieren und nicht auf meine Erwartungen, ich muss zulassen, dass sie ans Licht kommen, statt sie erleuchten zu wollen. Zumindest muss ich es versuchen. Ebenso wie ich lernen musste, meinen Sohn heranwachsen zu sehen, indem ich sein Gesicht berührte, seinen Worten und seinem Schweigen lauschte. Trotzdem möchte ich ihn wiedersehen. Und meine Tochter, die ich noch nie gesehen habe? Es gelingt mir nicht, mich mit meinem Tastsinn und ihrer Stimme abzufinden, nicht zuletzt, weil ich es ihr zu verdanken habe, dass ich noch hier bin, um diese Geschichte zu erzählen.

Während ich solchen Gedanken nachhänge, ertönt die Schulglocke. Für einen Sehenden sind manche Geräusche nur Teil der Umgebung und werden vom Gehirn automatisch in den Hintergrund geschoben, für einen Blinden aber springen sie in den Vordergrund und verdrängen alles andere. Die Schulglocke ist eines davon. Es ist Zeit, zu beginnen.

»Wir werden uns nicht an die alphabetische, sondern an die räumliche Reihenfolge halten, so kann ich eure Stimme eurem Platz zuordnen. Wir fangen am Fenster an und bewegen uns dann Richtung Tür.«

Hektisches Getuschel ist zu hören: eine Mischung aus Aufgedrehtheit, Angst, Übermut. Beim Namensappell treffen sämtliche haltlosen Gefühle der Jugend aufeinander.

»Später werden wir uns dann von den Notwendigkeiten des Lebens oder von der Willkür meines zehnflächigen Würfels leiten lassen. Auch wenn wir schon heute mit einer Ausnahme beginnen, genau wie die Natur in Momenten der Evolution: Elena?«

ELENA

Anwesend. Mein Körper ist anwesend, vielleicht nicht einmal der. Wie kann man bei etwas anwesend sein, das sich »verpflichtend« nennt? Wie kann man aus Pflicht anwesend sein? Aber ich will nicht gleich losmeckern, sonst bin ich schon in der ersten Schulwoche für alle die frustrierte Zicke. Ich heiße Elena, und daran ist mein Vater schuld, der einen Sagenfimmel hat, seine Mutter hat ihm die Mythen immer erzählt, als er klein war. Ich weiß nicht, warum man Kindern Sagen erzählt, sie strotzen vor Blut und Gewalt, und dann regt ihr euch über unseren Geschmack auf, als ob Götter, die ihre Kinder aufessen oder sich in Tiergestalt mit wehrlosen Frauen paaren, besser wären, nur weil sie antik sind … Aber auf dem naturwissenschaftlichen Gymnasium können uns diese Dinge schnuppe sein, für uns gibt es nur Wurzeln und Integrale: Wahrheiten ohne Abweichungen. Doch ich weiche ab.