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Ein sinnlicher Roman über Sehnsucht, Freundschaft und Täuschung Als Halbwüchsiger ist Teodor durch die rumänischen Dörfer gereist und hat sich von den abergläubischen Bauern Geschichten erzählen lassen. Nun kehrt er als erfolgreicher Mann aus dem Westen zurück, um herauszufinden, ob er in seiner Heimat glücklicher geworden wäre. Und auch, um seine Jugendliebe wiederzufinden. Am Ende aller Straßen trifft er auf den blinden Masseur. Teodor ist fasziniert von dem Ort, wo Patienten Werke der Weltliteratur auf Band sprechen. Doch nicht alle sind so gastfreundlich wie die schöne Elena, bei der er sich eingemietet hat. Schon bald gerät er in ein Netz aus Hinterlist, Korruption und Gewalt. Florescu lässt eine Welt entstehen, die ebenso unbarmherzig wie poetisch, ebenso schön wie verzweifelt ist. »Catalin Dorian Florescu ist ein wunderbarer Geschichtenerfinder.« Peter Pisa, Kurier »Ein ebenso liebevolles wie sarkastisches Porträt des neuen alten Rumänien.« Martin Sander, Deutschlandfunk Kultur
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Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2024
Bevor er mit seinen Eltern in den Westen ging, liebte es Teodor, durch die rumänischen Dörfer zu reisen und sich von den abergläubischen Landbewohnern wundersame Geschichten erzählen zu lassen. Nach Jahren der Sehnsucht kehrt er in seine Heimat zurück und hat viele Fragen im Gepäck: Hätte er ein glücklicheres Leben, wenn er geblieben wäre? Wird er seine Jugendliebe wiedersehen? In einem abgelegenen Kurort trifft er auf einen faszinierenden Menschen, einen Masseur, der trotz seiner Blindheit dreißigtausend Bücher besitzt. Teodor ist beeindruckt, denn der Masseur bittet seine Patienten darum, ihm Werke der Weltliteratur vorzulesen und auf Band zu sprechen. Zwischen Teodor und dem blinden Masseur entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, und auch die schöne Elena, bei der er sich eingemietet hat, verführt ihn zum Bleiben. Mehr und mehr wird er Teil des kleinen Ortes, gerät jedoch zunehmend in ein Netz aus Hinterlist und Täuschung.
Von Catalin Dorian Florescu ist bei dtv außerdem lieferbar:
Zaira
Jacob beschließt zu lieben
Wunderzeit
Der Mann, der das Glück bringt
Catalin Dorian Florescu
Der blinde Masseur
Roman
»So immens ist der Überdruss,
so beherrschend das Entsetzen darüber, am Leben zu sein,
dass ich nicht begreife, dass es etwas geben könnte,
was als Beruhigungsmittel, als Gegengift,
als Balsam oder Vergessen dafür in Betracht käme.
Und doch welche Sehnsucht nach der Zukunft (…)«
Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe
All jenen gewidmet, die trotz allem weiter suchen.
Es gab noch ein Körnchen Schönheit. So lange ich das glaubte, war ich sicher.
Ich hatte die Grenze vor zehn Minuten überschritten. Der Pope saß neben mir und roch nach Knoblauch. Der Geruch wanderte von seinem Magen hinauf in den Rachen, dann in den Mund. Er hüllte uns darin ein, mich, seine Frau, den Jungen, den Waldarbeiter und sich selbst, wenn er so weitermachte, würde ich ohnmächtig werden und gegen einen Baum fahren. An Bäumen mangelte es diesen Straßen nicht, an Kreuzen ebenso wenig.
Es waren Landbäume, die nach allen Richtungen wuchsen, nur die Landkirchen wuchsen in den Himmel. Sie hatten Rückgrat. Unter den Bäumen standen Kreuze. Jedes Kreuz hatte seine Familie. Sie versammelte sich rundum und flüsterte: »Der Ärmste, hier ist es passiert.« Dann erzählte man sich das Leben des Ärmsten. Das waren die Bäume mit Geschichten. Alle paar Kilometer war das Land mit Toten gespickt, bis die erste Hilfe zu spät kam, lagen sie da und warteten. Vielleicht war das nicht der schlechteste Ausgang, wenn man aus dem Leben wollte. Man lag im Schatten, ein leichter Wind zog vorüber und auch der Teufel, der nachschaute, ob er einen mitnehmen konnte.
Der Pope war für eine letzte Ölung gerufen worden und hatte gleich seine ganze Familie mitgenommen. Es war wie ein Ausflug für Gott. »Der Mann ist an seinem bösen Herzen gestorben. Er hat niemandem etwas gegönnt«, meinte der Pope, nachdem wir eine Weile gefahren waren. In seinem Gebet aber hatte er nur das schwache Herz zugelassen, später gab es reichlich Knoblauch, den er nun in meinem Auto loswurde. So hatte auch ich etwas von der Ölung.
Ich beschleunigte und sah uns unter einem Baum liegen, das Auto zertrümmert, über uns schwebte Knoblauchgeruch und vermischte sich mit den Gerüchen des Feldes. Dieses Land lag unter einer dichten Geruchsglocke. Die Menschen wappneten sich täglich gegen den Teufel. Der hätte längst auswandern können, aber er harrte aus. Er ließ sich Zeit. Die Zeit spielte ihm in die Hände.
Die Schuhe des Popen glänzten, ihm aber war das nicht genug, er zog sie aus, spuckte darauf und polierte sie mit dem Ärmel. Im Bart blieb etwas Spucke hängen, die er sich mit der Hand wegwischte. Jetzt hatte er bespuckte Hände. Die Schuhe waren ihm wichtig, denn sie mussten ihn noch durch viele Ölungen und zu vielen gedeckten Tischen tragen.
Der Weizen schoss hoch, er war grün und zuoberst flaumig. Die Mohnblumen schienen in der Luft zu hängen wie winzige Explosionen in Rot. Das Land war eben wie eine Handfläche, in keiner Richtung sah man etwas, das den Blicken widerstand. Es war Mai, aber die Geschäfte, die mich hierher führten, waren keine Maigeschäfte, bei denen das Herz vor Liebe höher schlug.
In meiner Jugend hatte ich gesehen, wie die Bauern Mohnsamen in den Sarg legten, damit der Tote sie abzählte und sich vom Abschied ablenkte. Aus den Mohnsamen erfuhr man das Schicksal des Neugeborenen und die Anzahl der Münder, die man in diesem Leben füttern würde. Die Bauern glaubten an so etwas, dagegen konnten auch die Kommunisten nichts ausrichten.
Ich hatte nach der Grenze die Augen geschlossen und beschleunigt. Ich wollte bis zehn zählen, aber bei sechs gingen sie immer auf, als ob eine fremde Hand sie öffnete. Dann hupte ein Auto und die Bremsen quietschten.
»Mit Selbstmördern fahre ich nirgends hin!«, rief der Pope, als ich knapp vor seinen Fußspitzen anhielt.
»Dann bleib eben da«, sagte seine Frau, das schlafende Kind in den Armen. »Die Zeiten sind vorbei, als ein Pope gleich mitgenommen wurde«, ergänzte sie.
»Wir haben den Zug verpasst, aber deshalb will ich noch lange nicht sterben«, meinte der Pope.
»Herr Pfarrer, kommen Sie. Man muss nicht lange leben, denn es ist teuer«, rief der Waldarbeiter, der schnell ins Auto stieg.
»Keiner stirbt, bevor seine Stunde geschlagen hat«, murmelte die Frau.
»Vor Jahren ist mir eine Tanne auf den Kopf gefallen«, fuhr der Waldarbeiter fort, nachdem der Pope eingestiegen war. »Tac, gleich hier fiel sie, die hinterhältige. Eine Woche lag ich im Koma, aber tot bin ich nicht.«
Er kratzte sich unwillkürlich am Kopf, als er sich erinnerte. Seine Augen waren milchig blau, sein Gesicht war zerfurcht, wie ein Planet, bei dem man sich fragte, ob dort jemals Wasser geflossen war. Er fällte die Bäume, ließ sie von seinem Pferd aus dem Wald ziehen, schnitt alle Äste bis auf die obersten ab, die den Saft aus dem Baum aufsogen und ihn trockenlegten. Eines Tages hatte sich ein Baum gerächt und sich dorthin fallen lassen, wo der Mann stand. Er war sich sicher, dass es Baumrache gewesen war, andere meinten, es sei der Schnaps gewesen. Wie bläulich schimmernder Schnaps waren auch seine Augen.
Auf Rumäniens Straßen wollten alle mitgenommen werden: Polizisten nach dem Dienst, Studenten nach dem Wochenende, Arbeiter nach der Schicht, Bauern nach getaner Arbeit, Mädchen, die ausgingen, und Mädchen mit anderen Zielen. Wenn sie einstiegen, stiegen auch ihre Ausdünstungen mit ein, die schweren, geprüften Körper der Bauern und die parfümierten, geprüften Körper der jungen Frauen. Sie streckten alle die Hand aus, aber nicht den Daumen. Sie winkten einem zu, wie um zu sagen: »Komm her, mit dir will ich fahren.« Sie ließen sich nicht mitnehmen, sie gaben sich mit einem ab.
Der Straße entlang wurden an kleinen Kiosken Reise- und Krankenversicherungen verkauft, an jene, die das Land verließen. Im Grunde genommen machte ich bis vor kurzem dasselbe, nur in einem eleganten Büro in der Schweiz. Ich verkaufte Sicherheitsschleusen, die sich weder der Pope noch sonst einer in diesem Land leisten konnte.
»Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade versuchen, sich umzubringen?«, fragte der Pope und beäugte mich vorsichtig.
»Ich verkaufe Sicherheit.«
»Wie kann man Sicherheit verkaufen?«
»Das kann man schon.«
»Und man kann davon leben?«
»Sehr gut sogar. Wenn nur die Konkurrenz nicht wäre.«
»Gibt es viel Konkurrenz?«
»Genug, aber meine Firma hat sich spezialisiert, so dass wir immer genug Aufträge haben.«
»Wie viel bringt so was ein?«
Seine Frau war mit offenem Mund eingeschlafen, sie röchelte ein bisschen. Der Waldarbeiter kratzte sich weiterhin und kaute seine Gedanken. Ich flüsterte es dem Popen zu. Er erschrak, als er die Zahl hörte. »Monatlich? Für Sie allein?«, fragte er ungläubig. »Das ist eine beeindruckende Zahl, aber wie kann man etwas verkaufen, wofür nur der Allmächtige zuständig ist? Vergeudet man da nicht seine Zeit?«
Wir schwiegen eine Weile, und das war gut so. Ich hoffte, dass der Pope mich in Ruhe lassen würde, denn es hatte keinen Sinn, ihm etwas erklären zu wollen. Wie konnte ich ihm sagen, dass der Grund, aus dem ich hier war, weit zurücklag, zwanzig Jahre zurück, und dass er sich jedes Mal, wenn ich ihn festhalten wollte, verflüchtigte? Diese Unruhe, die unmerklich gewachsen war, so wie Brotteig wächst und aufgeht, war auch aufgegangen und hatte mich hierher getrieben.
Neben dem Getreide wuchsen Kornblumen, kleine bläuliche Fata Morganas. Alles zitterte und wollte sich auflösen. Ein Pferd hatte die Vorderbeine mit einem Strick zusammengebunden, wenn es sich bewegte, hüpfte es. So viel Kraft, und so schnell gebändigt. Neben ihm stand sein Fohlen, es hätte entkommen können, aber es wusste nichts davon. Sie steckten beide die Mäuler ins Gras, rissen Büschel heraus, und der Schweif, der Rücken, der Hals und der Kopf bildeten eine perfekt gebogene Linie im Raum.
Als Junge hatte ich es geliebt, den Bauern Geschichten aus der Nase zu ziehen. So hatte ich erfahren, dass das Pferd der Patron des Sommers war und dass es der Sonne half, emporzusteigen. Aber Gott hatte es auch erschaffen, damit der Mensch seine Gedanken schneller umsetzte, erzählte man. Im Märchen wiederum suchte sich der Held das schwächste Pferd aus der Herde der Hexe heraus und fütterte es mit Feuer. Wenn der Held umkam, starb auch sein Pferd vor Schmerz.
Ich merkte, dass der Pope seit einiger Zeit auf mich einredete, ohne dass ich hingehört hatte. Er wollte wissen, was ich von Gott hielt. Ohne auf meine Antwort zu warten, fuhr er fort: »Der Mensch hat sich an die Stelle Gottes gesetzt, dabei sind wir nur seine Würmchen.«
»Wohnt Gott auch in deinem Bart?«, fragte der Junge seinen Vater verschlafen.
Der Pope drehte sich um und kniff ihn in die Wange.
»Er wohnt auch dort, klar doch.«
Dann zwinkerte er mir zu.
»Kinderseele«, murmelte er.
Im Dorf des Popen wollten alle aussteigen, der Waldarbeiter hatte es nicht weit bis zu seinen Bäumen, am nächsten Tag würden sie wieder nach allen Seiten fallen. Der Pope empfahl mir, mit dem Unsinn aufzuhören, zu heiraten und eine Frau glücklich zu machen. Während sie sich entfernten, gab ich wieder Gas, hielt dann aber noch einmal an, stieg aus und lief hinter ihnen her. Ich fasste den Popen an der Schulter, er drehte sich um und lächelte freundlich.
»Woher wissen Sie über Gott so gut Bescheid?«, fragte ich ihn.
»Aber das ist doch klar.«
»Nichts ist klar. Ich habe vor der Grenze gesehen, dass nichts klar ist, glauben Sie mir.«
»Wenn Sie wahnsinnig sind, bleiben Sie lieber zu Hause«, meinte er und schüttelte mich ab. »Der Teufel prüft ihn«, sagte er zu den anderen.
»Seien Sie bloß still!«, rief ich ihm zu. »Sie können gar nicht genug Knoblauch essen, um den Teufel fern zu halten.«
Noch wenige Kilometer vor der Grenze hatte ich gezweifelt, dass es dieses Land überhaupt gab. Es war zu lange nur Einbildung und Erinnerung gewesen, und die Überlandstraße, die gleich nach Szeged, der letzten großen ungarischen Stadt, anfing, zog sich unendlich hin. Wir fuhren in einer Autokolonne, immer wieder aufgehalten von Lastwagen, Traktoren und alten Ladas. Der eine fluchte und wurde ungehalten, der andere beschleunigte, überholte und scherte knapp vor mir wieder ein. Es war eine Herzinfarkt-Partie, und ich machte mit, nicht weil jemand ungeduldig am Ende der Reise auf mich wartete, sondern weil ich mich daran gewöhnt hatte zu riskieren. Die Felder waren ordentlich bestellt, nach der Grenze hingegen war man nachlässiger. Man ließ der Natur zu viele Freiheiten, so dass sie alles überwucherte, was sich ihr in den Weg stellte.
Ich war seit einer Stunde so gefahren und immer noch war kein Land in Sicht. Mein Land. Dann plötzlich stand die Kolonne still, man stieg aus, spitzte die Ohren und erfuhr, dass es einen Unfall gegeben hatte. Und weil es Tote gab, würde man lange warten müssen. Einige zogen die Hemden aus und legten sich ins Gras, ein Paar stellte Plastikstühle am Straßenrand auf und packte Essen aus, andere taten das im Auto auf dem Schoß. Manche gingen los, um den Schaden selbst zu begutachten.
»Wir hätten früher abfahren sollen. Dann hätten wir jetzt nicht einen Unfall mit Toten vor uns«, schimpfte eine Frau im Auto hinter dem meinen.
»Ein Unfall mit Toten kann zu jeder Tageszeit passieren«, erwiderte ihr Mann genervt. »Da kannst du abfahren, wann du willst, du riskierst immer einen Unfall mit Toten.« Er fluchte.
»Vom Fluchen werden die nicht wieder lebendig«, giftete die Frau.
»Aber mir läuft nicht die Galle über.«
Sie waren waschechte Rumänen, waschechter ging es nicht, obwohl ich sie wegen des Nummernschildes für Italiener gehalten hatte. Sie hatten Stiernacken und waren gut genährt, man sah gleich, dass die Frau dem italienischen Essen nicht traute und ihren Mann mit fettreichem rumänischen Essen stopfte. Er stieg aus, kam zu mir, der ich inzwischen am Auto lehnte, und fragte auf Rumänisch: »Was meinen Sie, wie lange das dauern wird?«
Ich zuckte die Achseln.
»Wir wollen vor der Dämmerung zu Hause sein. Es ist doch so gefährlich nachts bei den schlechten Straßen.«
Wieder zuckte ich die Achseln.
»Kommen Sie aus Deutschland?« Er machte einen Schritt zurück und schaute sich mein Nummernschild an. »Ach, die Schweiz. Die Schweiz ist gut. Ein prima Land. Lassen Sie sich die Schweiz nicht nehmen.«
Um ihn los zu sein, ging auch ich auf die Kolonnenspitze zu, die man nur undeutlich sah. Ich wusste nicht, wo ich am Abend sein wollte, und niemand wartete auf mich, deshalb war ich nicht in Eile. Ich hätte Tage lang dort bleiben können, hätte das Auto auf einen Feldweg abseits aller Blicke fahren können und niemand hätte mich vermisst. Ein Bauer hätte zögernd nachgeschaut, aber mich in Ruhe gelassen. Dann wiederum fühlte ich, dass ich auf keinen Fall stillstehen durfte, denn eine magnetische Anziehung ging von etwas aus, das sich noch vor uns, hinter Wäldern und Dörfern, versteckte. Es würde sich öffnen, mich hineinlassen, mit Geräuschen und Farben umhüllen und mit Stimmen, wie ich sie zuletzt mit neunzehn Jahren gehört hatte. So sehr sich der Kopf dagegenstellte, dass es dort vorne anders sein würde als hier im ungarischen Niemandsfeld oder als in jenem Land, das ich vor Tagen verlassen hatte, der Schweiz, so wenig konnte er etwas gegen dieses Gefühl ausrichten.
Ich ging am ersten Wagen vorbei. Der Tod ließ sich bisher nur erahnen, aus dem Geflüster der Menschen. Im Auto schliefen Kinder, das große an den Arm der Mutter gelehnt, das kleine auf ihrem Schoß. Der Vater schaute seine Familie im Spiegel an und tippte mit dem Zeigefinger aufs Steuerrad. Die Mutter schaute unbeteiligt hinaus, ein Blick, der durch alles drang, was sich ihm entgegenstellte.
Im nächsten Wagen waren die Kinder aufgewacht, hatten die Türen aufgerissen und waren ins Feld gelaufen. Sie waren vergnügt, der Tod weiter vorne kümmerte sie nicht. In ihrer Welt war er noch nicht vorgesehen. Ihre Mutter stieg aus, drohte auf Italienisch, aber sie lachte dabei und ihr Lachen lud die Kinder zu noch mehr Kreischen ein, bis sie keuchend auf den Boden fielen. Das war für sie normal, laut und vergnügt zu sein, obwohl einige Meter entfernt Menschen gestorben waren, vielleicht an einer Unruhe, die sie zu schnell vorangetrieben hatte.
Die Mutter knöpfte ihre Hose zu, streifte die Haare nach hinten und ging hinter ihnen her. Sie schickte das ältere zurück zum Auto und klopfte von den Kleidern des jüngeren den Staub ab. Sie beugte sich tief zum Mädchen hinunter und hörte ihr zu, dann lachte sie auf, schaute umher, als ob sie etwas suchte und nicht fand. Sie zog die Hose der Kleinen hinunter, diese hockte sich hin, die Frau hob sie hoch und hielt sie so lange in der Luft, wie es nötig war. Das Mädchen hatte Vertrauen zur Mutter und diese in ihre eigene Kraft. Das Mädchen gab sich dem wohligen Gefühl hin, als ob sie bei ihrer Mutter am verborgensten Ort der Welt sei. Die Frau setzte sie ab, kramte in ihren Taschen, befahl dem Mädchen zu warten und kehrte zur Straße zurück. Sie kam auf mich zu und fragte mich nach Papier, aber die Frau mit den schlafenden Kindern war auch ausgestiegen und gab ihr, was sie wünschte. Den Jungen hielt sie in den Armen. Während die Italienerin für ihr Mädchen sorgte, schauten wir von der Straße aus zu.
»Mütter haben immer solche Sachen dabei«, sagte die Frau neben mir auf Rumänisch. »Fahren Sie auch nach Hause?«
»Woher wissen hier alle, dass ich Rumäne bin? Sieht man mir das an?«
»Ihrem Anzug sieht man es nicht an, aber Ihrem Gesicht. Ja, Sie haben etwas Typisches.« Sie machte einen Schritt zurück, um mich besser betrachten zu können. »Hier und hier und hier«, fügte sie hinzu und zeigte auf verschiedene Stellen meines Gesichts.
»Wirklich?«, fragte ich erstaunt. »Das kann nicht sein. Es gibt nichts Typisches.«
»Ich habe doch richtig geraten.«
»Sie hatten Glück. Außerdem ist es gar nicht schwierig, hier richtig zu raten. Wer Richtung Osten fährt, ist Rumäne oder hat mit Rumänien zu tun.«
»Wer Richtung Osten fährt und so aussieht wie Sie. Mal abgesehen vom Anzug«, kicherte sie vergnügt.
»Und Sie? Was tun Sie im Ausland?«
»Mein Mann ist Gärtner, und ich bin Zimmermädchen in Italien. Wir machen jede Arbeit, wir schämen uns nicht. Noch muss man sich für ehrliche Arbeit nicht schämen.«
»Wieso sollten Sie sich dafür schämen?«, fragte ich.
»Ich war in Rumänien Lehrerin. Mein Mann war Ingenieur.«
»Na und?«
»Sagen Sie das meinen Eltern. Und was tun Sie?«
»Das ist eine lange Geschichte. Ich lebe schon seit langem im Ausland.«
»So wie Sie aussehen, haben Sie Geschäfte im Land.«
»So wie ich aussehe, habe ich gar nichts. Ich fahre jetzt zum ersten Mal zurück.«
Die Italienerin kam vom Feld zurück, rieb sich die Schuhsohlen am Asphalt ab und schickte die Kleine ins Auto. Dann fragte sie, ob wir auch unterwegs zur Grenze seien, und wir nickten. Sie fahre zur Hochzeit ihres Bruders, der eine Rumänin heirate, eine feine Frau, die ganze Verwandtschaft sei unterwegs, die meisten weit hinter ihnen, nur das Brautpaar irgendwo weiter vorne. Wahrscheinlich steckten auch sie im Stau. Ihr Bruder habe lange gesucht, in der Ukraine, in Ungarn und Rumänien und habe dann doch eine Braut gefunden, eine treue, sanfte Person, sie habe ihre Schwägerin von Anfang an gemocht. In zwei Tagen würde die Hochzeit in der Dorfkirche stattfinden, der Pfarrer sei gemietet, der Festsaal und die Köche ebenfalls. Der Pfarrer sei am teuersten gewesen. »Mein Segen ist ein guter Leim«, habe er gesagt. »Wen ich traue, der lässt sich nicht so bald scheiden.« Die Brautleute hätten ihre Hochzeitskleider in Italien gekauft, das Kleid der Schwägerin müsse sie nur ein wenig anpassen, das mache sie gleich morgen, sie sei selbst Schneiderin. Der Anzug des Bruders passte wie angegossen. Sie hätten ihre Kleider in ihrem Auto dabei, den Rest hätte man auf die übrigen Wagen verteilt. Ihre Schwägerin wollte ein weißes teures Kleid haben, das war wichtig, um im Dorf zu zeigen, dass es sich lohnte, weit weg zu ziehen.
Die Italienerin machte eine Pause und fragte, ob wir denn auch Rumänen seien. Die rumänische Mutter bejahte. Ich zögerte, bevor ich Nein sagte. Die Rumänin schaute mich überrascht an, aber ich wollte nichts erklären. Ich wollte nicht sagen, dass jede Antwort besser war als gar keine.
Ich ließ die Frauen allein, und als ich am Mann der Italienerin vorbeiging, wollte er, dass ich ihm sagte, was vorne los sei, wenn ich zurückkäme. Aus vielen Autos kamen Stimmen, deutsche, ungarische, italienische, rumänische, ruhige und geduldige, schläfrige, aufgeregte. Man gähnte, spielte Karten, packte Essen aus oder wieder ein, einer klopfte ein Ei am Knie auf, schälte und salzte es und steckte es sich ganz in den Mund. In einem anderen Wagen tat sich gar nichts, ein Paar saß wie erstarrt da, als ob es gewettet hätte, sich nicht eher zu bewegen, als es absolut nötig war. Und weil keiner die Wette verlieren wollte, würden sie womöglich dort bleiben, lange nachdem sich der Stau aufgelöst, nachdem das Brautpaar geheiratet hatte, gelebt hatte und gestorben war, nachdem sich die Straße in Staub verwandelt hatte. Der einzige, der besser ausharren konnte als sie, war der Bauer, der mit dem Traktor weiter seine Runden drehte, vom Tod ungerührt. Ihm bedeutete das alles nichts. Staus hatte er gesehen, Unfälle mit Toten hatte er gesehen, doch die Erde wartete nicht auf den Menschen. Die Erde wartete vielleicht auf den Regen und die Wärme, aber nicht auf den Menschen. Der Mensch musste zur Erde.
Halb Europa hatte sich hier versammelt, hatte die Straße verstopft, scherte sich nicht um dieses Fleckchen, das ihm banal vorkam, und drängte nach vorne. Der Bauer hob kein einziges Mal den Kopf von seinem Acker, um zu uns herüberzuschauen. Die Karawane würde weiterziehen, er aber würde abseits von diesem Gewimmel, dieser ganzen Unruhe bleiben.
Zuvorderst sperrten zwei Streifenwagen die Fahrbahn ab. Die Menschen stellten sich auf die Zehenspitzen und schauten nach dem Tod, aber es gab nichts zu sehen, weil die Leichen hinter den Streifenwagen gebracht worden waren. Die Uniformen der Polizisten waren rot befleckt, sie warteten auf etwas, das nicht kam, sie reckten die Hälse und spähten in die Ferne.
»Die Sanitätswagen kommen nicht durch«, erklärte ein Ungar einer Gruppe von Österreichern. Einer von ihnen, ein hagerer, großer Mann, der von seiner Größe einen Buckel gekriegt hatte, drehte sich zu mir und musterte mich genau.
»Haben Sie auch Geschäfte drüben?«, fragte er. »Ich habe einen wichtigen Termin. Wenn ich nicht beim Nachtessen dort bin, platzt die ganze Sache.«
»Und all die anderen?«, fragte ich zurück.
»Alle sind wegen Geschäften unterwegs, und ein bisschen auch wegen des Vergnügens.« Er zwinkerte mir zu, drückte mir den Ellbogen in den Magen und kicherte vielsagend. Er versprach sich offenbar ein ganz gesundes Vergnügen.
Es tat sich lange nichts, die Polizisten standen herum, die Schaulustigen aus halb Europa ebenfalls, die Kinder spielten ahnungslos. Wessen Nerven nachgaben, der fluchte laut, wer schläfrig wurde, dem fielen die Augen zu und der Kopf prallte gegen die Fensterscheibe. Es war friedlich, fast langweilig, nur noch etwas Starkes konnte uns aus der Schläfrigkeit reißen. Zwei Wagen standen ein wenig abseits ineinander verkeilt, die Wucht des Aufpralls hatte sie viele Meter weit geschoben. Der eine war ein mickriger Lada mit ungarischem Nummernschild und mit einem Verfallsdatum, das schon weit zurück lag. Der andere war ein Lancia. Der ungarische Wagen war schlimm zugerichtet, nicht einmal ein Akkordeon hätte man daraus machen können, und doch war der Ungar am Leben geblieben. Er saß irgendwo im Feld, leicht verletzt und benommen.
»Die Leichen konnte ich nicht sehen, man hat sie schnell weggetragen«, meinte der Österreicher. »Man wusste gleich, dass nichts mehr zu machen war, obwohl der Wagen gar nicht schlimm eingedrückt worden ist. Sie sind an uns vorbeigefahren. Ich habe noch zu meinem Kollegen gesagt: ›So schnell, wie die fahren, haben sie es eilig zu sterben.‹«
Dann geschah endlich etwas. Die Polizisten berieten kurz, einer zeigte auf das offene Feld, wo der Bauer in seinem Traktor die Erde bestellte, der andere ging an den Straßenrand und wollte diesen auf sich aufmerksam machen. Er pfiff, rief laut und einige, die verstanden hatten, worum es ging, taten dasselbe. Aber der Bauer merkte nichts und so zog der Polizist seine Hosen hoch und ging quer durch das Feld. Er ging eine Weile hinter dem Traktor her, bis der Bauer ihn sah. Die beiden redeten, und der Polizist zeigte mehrfach auf uns.
»Was ist los?«, fragte der Österreicher den Ungarn.
»Man will die Leichen mit dem Traktor zu den Sanitätswagen bringen«, antwortete dieser.
Der Bauer fuhr zuerst zu seinem Hof, und das war gleich das nächste Haus, er machte einen Anhänger am Traktor fest und fuhr los. Dabei verfolgten ihn Dutzende von Augenpaaren. Als er an der Unfallstelle ankam, blieb er stehen, die Polizisten gingen hinters Auto, krempelten die Ärmel hoch und bückten sich. Wir wussten, was folgen würde, und drängten nach vorne, manche brachten ihre Kinder weg. Auch ich konnte mich dem Wunsch nicht entziehen hinzuschauen. In den Armen der Polizisten sahen die Leichen schwerelos aus, fast wie Kinder in den Armen ihrer Mütter. Es waren zwei junge Leute, beide noch vor kurzem unscheinbar und doch lebendig, jetzt aber so abwesend. Sie hatten nichts an sich, was sie auszeichnete, aber jetzt, durch ihren Tod, standen sie im Mittelpunkt. Das war ihr großer Auftritt.
Sie hatten Wunden und Brüche am ganzen Körper, nur die Gesichter waren unversehrt. Man hätte meinen können, dass sie schliefen und nicht mehr aufwachen wollten, aus Protest. Es war still, als die Leichen vorbeigetragen wurden, manche zogen die Mützen ab, andere bekreuzigten sich und murmelten ein Gebet. Man legte sie auf den Anhänger, und ein Polizist brachte etwas, das ich erst beim zweiten Hinschauen erkannte. Es waren saubere, elegante Kleidungsstücke, die er auf den Anhänger warf, gleich neben das tote Paar. Dann gab er allen das Zeichen, dass sie in die Autos einsteigen sollten.
Ich warf einen letzten Blick auf den Anhänger, ein Stück Stoff wehte über den Rand, etwas, das seinen Preis gehabt hatte und für einen besonderen Anlass genäht worden war. Es war ein Teil eines weißen Rockes, und wenn ich mich nicht täuschte, war es ein Brautkleid. Ich ging näher heran, stellte mich auf die Zehenspitzen und schaute in den Anhänger hinein. Dort sah ich, was ich befürchtet hatte: Hochzeitskleidung. Im Brautkleid hatten sich Gras und Erde verfangen, die dunkle Hose des Männeranzugs war leicht eingerissen, aber sonst hätten jene Kleider ein anderes junges Paar immer noch gut geschmückt. Die beiden hatten es nicht eilig gehabt zu sterben, sondern zu heiraten.
Einer der Polizisten schickte mich weg, der Traktor fuhr langsam los und hinter ihm folgten die ersten Autos. Wir sollten alle durchs Feld fahren, an die zwei Kilometer, und dann wieder auf die Straße einbiegen. Der Bauer kannte Wege, die niemand außer ihm sah, wir vertrauten uns ihm an, Lastwagen, Reisebusse, deutsche Mercedesse und ungarische Ladas. Ich ging zuerst, dann lief ich und fürchtete mich, von den Italienern aufgehalten und ausgefragt zu werden. Sie würden es früh genug erfahren, in einigen hundert Metern würde alles, woran sie bislang geglaubt hatten, in Frage gestellt werden. Ein großes Maul würde sich öffnen und sie verschlingen. In einigen Minuten würde ihr altes Leben enden und ein neues beginnen.
Ich machte einen Bogen durchs Feld, den Kopf tief zwischen die Schultern gedrückt, als der Italiener mir irgendetwas zurief, stellte ich mich taub. Denn da ließ sich kaum etwas sagen und schon gar nichts erklären.
Der Mann mit dem Stiernacken steckte den Kopf durchs Fenster und schnauzte mich an: »Da sind Sie ja endlich. Ich dachte schon, wir müssten Ihr Auto in den Graben stoßen, damit wir weiterkommen. Und tun Sie nicht so, als ob Sie kein Rumänisch verstehen würden. Sie sind einer von uns, auch wenn Sie einen feinen Anzug tragen. Sie haben auch Dreck gefressen.«
Anstatt in meinen Wagen einzusteigen, ging ich auf den Mann zu, klammerte mich an seinen Fensterrand und schrie ihn an: »Seien Sie still! Da sind zwei gestorben vor uns. Zwei sind gestorben, fertig, Schluss!« Er merkte, wie ich zitterte und rot anlief, dann schwieg er erschrocken. Als ich mich entfernte, hörte ich seine Frau sagen: »Der Mann ist ein Wrack. Der muss aufpassen, sonst kommt er als Nächster dran.«
Während wir auf die Unfallstelle zufuhren, achtete ich auf die Italiener. Sie schienen etwas zu erkennen, denn sie fuhren langsamer. Ich stellte mir vor, wie das war, wenn dieser große dunkle Verdacht auftauchte. Wenn er dann plötzlich da war und man glaubte, in einen Abgrund zu stürzen. Sie fuhren langsamer, sie hatten die Nummernschilder entdeckt, die Frau stieg aus, ging auf das Auto ihres Bruders zu, aber sie sank nach wenigen Schritten auf die Knie. Der Mann griff sich an den Kopf, ungläubig und benommen.
Wir alle waren froh, nicht an ihrer Stelle zu sein, und spürten, wie nah wir dort dem Ende waren. Wir folgten dem Traktor, immer noch flatterte ein Stück des Brautkleides über den Anhängerrand. Wir fuhren an Häusern und Gärten vorbei, die Bauern schauten sich unsere Karawane an, und wenn sie entdeckten, was auf dem Anhänger lag, bekreuzigten sie sich. Die Tiere hoben faul die Köpfe, während sie weiter kauten. Nach zwei Kilometern über holpriges Ackerland fuhren wir wieder auf die Hauptstraße. Während die Leichen in den Sanitätswagen gebracht wurden, gaben wir Gas, um Abstand zwischen uns und jenen Anhänger zu bringen. Dann kam die Grenze, das Land öffnete sich, ich fuhr hinein und nahm kurz danach den Popen und die anderen mit.
Nachdem ich den Popen abgesetzt hatte, fuhr ich auf einer Straße, die sich durch Felder schlängelte, die unendlich schienen. Ich erinnerte mich, wie ich eines Tages im Frühling in einem Dorf Kinder gesehen hatte, die ausschwärmten, um die Erde zu schlagen. Ich fragte den Bauern danach, dem ich eine Flasche Schnaps gegeben hatte, damit er mir vom Aberglauben erzählte. Er sagte: »Die Kinder schlagen die Erde. Kaum ist der Mai da, holen sie die Knüppel, gehen aufs Feld und schlagen zu.« So öffnete man die Erde, und die Hitze entwich aus ihrem Bauch. Die Kinder gingen dann nach Hause, die Väter erwachten nach sieben Wochen Rausch und vierundvierzig Gläsern Landwein, die sie auf die Ernte getrunken hatten. Ihre Frauen hatten sie ins Bett getragen, damit sich der Wein besser verteilte. Wenn man ihre Augenlider öffnete, schwammen die Pupillen in Flüssigem. Wenn sie dann aufwachten, fragten sie den Sohn: »Wo warst du?« »Die Erde schlagen.« »Gut so. Jeder tut, was er kann. Du schlägst, ich saufe.« Dann holten sie den Ochsen und den Pflug aus der Scheune und warfen die erste Scholle um. Gesoffen wurde auch später im Jahr, aber in kleineren Mengen. Im Herbst wurde die Erde bis zur nächsten Saison geschlossen.
Was mir die Bauern erzählten, war aufregend, und ich vergaß oft, mein Aufnahmegerät einzuschalten. Ich hatte überall meine Erzähler, sie erwarteten mich immer mit trockener Kehle. Wenn sie mich am Dorfeingang sahen oder an der Busstation oder am Bahnhof abholten, fragten sie: »Bist du über Land oder über Wasser gekommen?« Das hieß so viel wie trocken oder flüssig. Wenn ich die Flasche auspackte, kriegten sie wässrige Augen. Das war vor nun zwanzig Jahren.
In der Dämmerung zeichneten sich im Scheinwerferlicht die dunklen Baumkronen ab wie Flecken am Himmel. Die Bäume standen in Reih und Glied und grenzten die Überlandstraßen ab, bis zum Horizont kam dann nichts mehr. Bald würden sie ihre Wurzeln in die Äste nehmen und in zwei Kolonnen auf mich zu traben. So wie ich, machten sich auch die Maulbeerbäume, Pappeln, Nussbäume und die Weiden bereit für die Nacht. Ich beschleunigte.
Um diese Zeit brachten sie meiner Mutter immer das Essen. Meiner Mutter, die gerne zurückgekehrt wäre und es nie geschafft hatte, denn die Worte nahmen ihren Lauf, aber die Füße folgten nicht. Im Altersheim sorgte man sich um sie und verwaltete den Verfall. Man sagte zu ihr: »Frau Moldovan, es ist Zeit für die Übungen«, oder: »Frau Moldovan, das Essen ist fertig.« Ich wollte sie bei meinem letzten Besuch füttern, aber sie meinte: »Sei nicht albern«, und ging zum Fenster. »Als du klein warst, hast du eine Münze geschluckt. Ich dachte, ich würde dich verlieren«, sagte sie nach einer Weile. »Kleinkinder, die Münzen schlucken, werden reich«, erwiderte ich. »Du und deine Bauerngeschichten«, meinte sie.
Ich stand bei ihr, das war einige Tage vor meiner Abreise, draußen war ein leuchtender Frühling, und ich nahm ihre Hand in meine Hände und wärmte sie. Ich hatte eine alte Mutter, so alt, wie ich es nie für möglich gehalten hatte, dass sie werden würde. Ich hatte nicht rechtzeitig gefragt, was sie noch erledigen wollte, bevor wir dort sein würden, wo wir nun Hände hielten.
Nachdem sie gegessen hatte, saßen wir lange zusammen und ich sah sie im Augenwinkel, eingefallen. Nachdem Vater gestorben war, war die Wohnung leer geblieben, am Abend nach der Arbeit und nach der Pensionierung den ganzen Tag lang. Mutter reiste in Gruppen, um die Welt zu sehen, aber sie blieb nie dort, wo sie hinfuhr. Ich hätte ihr gewünscht, dass sie weit weg ginge und nur ein Zettel zurückbliebe: Ich bin hingegangen, wo der Pfeffer wächst. Alle reden davon, aber irgendjemand muss das auch sehen. Warte nicht, er wächst langsam.
Eine Matrosenmutter. Abenteurermutter. Puffmutter.
Eine, die mit einem Jüngeren durchbrannte und durch Nepal wanderte.
Eine Bonnie-und-Clyde-Mutter. Eine Doktor-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Mutter. Wieso war Doktor Jekyll immer ein Mann? Der Wahnsinn ließ sich gut auf beide Geschlechter verteilen.
Eine Mutter, die sich aus dem Leben holte, was zu holen war. Sie hatte es vorgezogen zu bleiben, als die Beine sie noch trugen. Sie redete oft vom Zurückgehen, aber sie fügte sich ins Bleiben. Doch es ist unklar, was mutiger ist: auszuharren oder der Unruhe nachzugeben. Ein einziges Mal waren wir den Worten gefolgt, aber in umgekehrter Richtung, als wir zuerst nach Jugoslawien und dann nach Österreich flohen.
Mutter hatte rissige Falten und die Dunkelheit verstärkte sie noch. Sie war weit entfernt von jener Frau mit makelloser Haut und geradem Rücken, die ich von den Fotos kannte. Ich küsste ihre Wange und drückte ihre zerwühlten Haare. Sie nahm ihrerseits meine Hand zwischen ihre Hände und fragte: »Hast du nichts zu erzählen?« Ich erzählte viel, aber nicht, dass ich im Gegensatz zu ihr zurückgehen würde.
Inzwischen war es auf den rumänischen Straßen dunkel geworden, und die Bäume waren schwarz wie Katzen in der Nacht. Am Horizont war noch ein Spalt zu sehen, durch den der Teufel in die Welt kam. Ein unbeleuchtetes Fuhrwerk fuhr im Tempo seines müden Pferdes, man sah nur Umrisse, und ich steckte den Kopf durch das Fenster, um nachzuprüfen, ob es auch wirklich da war. Ich konnte nicht mehr bremsen, riss das Steuerrad herum, geriet auf die andere Fahrbahn und das Auto blieb einige Zentimeter vor einem Baum stehen. Im Scheinwerferlicht sah ich die Risse in der Rinde. Ein Stück weiter, und ich hätte die Baumringe zählen können.
Der Wagen bog sich unter dem Heuberg. Oben drauf saß der Bauer mit den seinen. Er rief: »Hui, Hui« und »Brr, Brr.« Das Pferd blieb stehen und warf den Kopf unwillig zurück, der Bauer drückte den Hut ins Gesicht.
»Leben Sie?«, rief er.
»Wenn der verletzt ist, brauchen wir eine Stunde bis zum nächsten Arzt. Oder kannst du so ein Auto fahren?«, fragte die Frau.
»Nee«, sagte der Mann, als ob er zu den Pferden sprechen würde. Hui, Brr, Nee, das reichte nicht für ein anständiges Gespräch. Das reichte nur fürs Feld und fürs magere Reden beim Abendbrot. Damit kam man nicht nach Amerika oder Deutschland, man blieb im Heu stecken und verpasste jeden Tag sein Leben, indem man es lebte.
»Was machen wir mit ihm?«
»Sei still, Frau, sonst höre ich nicht, ob er antwortet. Leben Sie noch?«
»Was ist es für eine Automarke?«, fragte der Sohn.
»Marke ausländisch, genügt doch.«
Am Horizont, am Ende aller Felder, schloss sich langsam der Spalt. Wenn der Teufel seine Chance nicht genutzt hatte, würde er bis zum nächsten Abend warten müssen. Ich stieg aus, ihr Hund lief bellend auf mich zu, kehrte aber auf halbem Weg um. Er konnte sich nicht entscheiden zwischen Mut und Feigheit und verschwand unter dem Karren.
Autos fuhren jetzt nur noch selten vorbei, die Reicheren saßen an gedeckten Tischen und würden bald übersättigt keuchen. Sie würden aufstoßen, was zu viel im Magen lag, ganz wie der Pope. Lammkeulen, Leberstücke, Schweineschnitzel, gebratenes, gegrilltes, gegartes Fleisch, Innereien, paniertes Hirn, dazu Beilagen, Wein, Schnaps. Die Frauen würden rufen: »Langsamer mit dem Alkohol!«, aber sie würden nachfüllen. Kurz vorm Platzen würden sie aufhören, dafür hatten sie einen guten Instinkt, wie Tiere vor nahenden Katastrophen. Die Ärmeren hingegen kehrten später vom Feld oder aus der Fabrik zurück. Aber auch bei ihnen würde es Schnaps geben.
»Keine Angst, ich lebe noch«, sagte ich.
»Wenn Sie sterben wollen, dann tun Sie es anderswo. Das ist schlechte Werbung für uns«, sagte die Frau.
»Was ist es für eine Automarke?«, fragte der Sohn.
»Es ist ein Audi«, erwiderte ich.
»Ein gutes Auto, so ein Audi. Man hat keine Probleme damit.«
»Außer man sucht sie«, sagte die Frau, und sie lachten.
Als ich wieder einstieg und das Auto zurück auf die Straße fuhr, merkte ich, dass dort jemand stand. Eine Frau mit ihrer Tochter, knapp über zwanzig, sie waren die ganze Zeit da gewesen, im Niemandsland zwischen den Dörfern.
»Nehmen Sie uns mit?«, fragte die Mutter. »Nur bis ins nächste Dorf.«
»Steigen Sie ein.«
»Und Sie fahren nicht wie vorhin?«
»Versprochen.«
Die Tochter setzte sich neben mich, die Mutter drängte sie dazu. Sie war forsch, sie wusste, dass sie das Leben an sich reißen musste. Sie fragte viel über meine Herkunft, über die Schweiz, hinten horchte die Mutter. Im Rückspiegel sah ich ihren Kopf und wie sie sanft nickte, als ob die Tochter eine Prüfung ablegte und sie mit dem Ergebnis ganz zufrieden wäre. Sie hatten den Vater im Krankenhaus besucht und waren noch bei Tag aufgebrochen, aber die Nacht hatte sie eingeholt.
»In ein paar Wochen ist er tot«, meinte die Tochter. »Er kann nicht einmal mehr gekochte Kartoffeln essen.«
»Was soll dann aus uns werden?«, fragte die Mutter. Sie klatschte in die Hände und schaute hinauf, als ob von dort eine Antwort zu erwarten wäre. Dann senkten sich ihre Augen auf mich, eine klare Linie von oben nach unten. Unter den Röcken Gottes hervor direkt in meinen Nacken.
»Meine Tochter taugt für mehr, aber momentan ist sie Textilarbeiterin. Ich habe ihr geraten: ›Schau doch, dass du mindestens Haarschneiderin wirst, eines Tages wäscht du bestimmt den richtigen Kopf und machst eine gute Partie.‹ Aber welcher gute Mann verirrt sich schon in einer Textilfabrik?«
»Es gibt die Italiener«, widersprach die Tochter. »Ihnen gehört die Fabrik.«
»Und die werden ausgerechnet dich anschauen?«
»Die haben sich auch hässlichere angeschaut«, kicherte sie.
Sie hatte den Körper einer Frau, aber das Lachen eines Mädchens. Ich wusste, dass ich diese Mädchenfrau haben konnte, wenn ich wollte. Sie hätte keine Hemmungen gehabt, mir ins Feld zu folgen, einem Mann, dessen Gesicht sie nur undeutlich gesehen hatte. Ich könnte der Teufel sein, aber der Teufel in einem Audi war sicher nicht so schlecht.
»Wieso haben Sie denn keine Freundin?«, fragte die Mutter.
Es schien, dass ich, ohne es zu merken, verneint hatte, eine Freundin zu haben. Ich stellte das Radio lauter, und die Mutter war ärgerlich, weil ich ihr die Möglichkeit nahm, für die Tochter zu werben. Sie nahm den Kampf mit dem Radio auf und redete lauter. Ich drehte noch weiter auf, sie schrie jetzt und redete sich heiser. Sie rief mir zu, dass die Tochter heiratsfähig sei, sie hätten vor kurzem Töpfe an den Baum im Garten gehängt. Kaum seien die Töpfe im Baum, würden auch die Männer vor dem Tor stehen, habe sie geglaubt. Früher sei das zuverlässig gewesen, in den Dörfern seien Dutzende von Bäumen topfbehangen gewesen. Aber hier im Westen des Landes sei es nicht dasselbe wie im Norden, hier sei nur ein mickriger Italiener gekommen. Er sei vor ihrem Haus stehen geblieben, das habe sie gefreut und die Tochter sei ins Haus gegangen, um sich zu schminken. Viel sei nicht nötig, meinte die Mutter, ihre Tochter habe Formen, als ob Gott persönlich sie geknetet hätte. Die Mutter ließ sich in den Sitz zurückfallen, erschöpft. Aber sie gab nicht auf, sie sammelte nur Kräfte, dann legte sie wieder los im Kampf mit dem Radio um die akustische Überlegenheit.
Sie habe das Tor geöffnet und einen alten, hässlichen Mann vor sich gesehen. Sie hätte ihm gerne einen Topf an den Kopf geknallt, denn ihre Tochter sei nicht billig, man könne nicht einfach die Hand ausstrecken und sie haben, aber sie bat ihn herein. Ein junger Italiener oder überhaupt ein junger Mann von drüben, es müsse nicht gleich Italien sein. Ob ich verstünde, fragte sie. Ich verstand.
Die Frau war unverwüstlich, das Radio würde noch vor ihr kaputtgehen. Ihr Ehemann lag im Sterben an einem Krebs, der seinen Körper auffraß und ihn bald in die Erde führen würde, und sie lobte die Formen ihrer Tochter vor einem Mann, dessen Rücken sie besser kannte als sein Gesicht.
»Und Ihr Mann?«, fragte ich, um sie abzulenken.
»Der wird sterben, aber dieses Mädchen muss leben.«
Womit wir wieder beim alten Thema wären, dachte ich.
Die Mutter erzählte weiter. Als die Tochter geschminkt und nach dem Parfüm Femme Fatale duftend herauskam, brachte sie kein Wort heraus, obwohl sie gerade für solche Situationen Italienisch gelernt hatte.
»Manche meiner Freundinnen haben Deutsch gelernt, andere Englisch. Man weiß nie, was man brauchen wird«, sagte die Tochter.
»Um mit Ihnen zu sprechen, braucht man aber keine Fremdsprache. Sie sind einer von uns. Sie haben ein bisschen Akzent, aber das zählt nicht. Wollen Sie meine Tochter nicht mitnehmen? Aber für lang, nicht für kurz«, setzte die Mutter zu ihrem Schlussangriff an.
Die Mutter hatte es eiliger als die Tochter. Sie hatte den Boden für diesen Satz bereitet, und kein Radio der Welt konnte sie davon abhalten, ihn auszusprechen. Sie schwieg, damit sich die Wirkung besser entfaltete.
»Aber Sie kennen mich doch gar nicht«, antwortete ich.
»Doch. Die Stimme eines Menschen kommt direkt von Gott.«
»Wie die Formen Ihrer Tochter.«
Sie schwieg.
»Ich könnte sie doch in Stücke reißen«, fuhr ich fort.
»Keiner, der so etwas tun will, sagt es auch.«
Dagegen war nichts mehr einzuwenden. Als sie aussteigen sollten, drückte sie die Tochter in den Sitz und sagte: »Fahren Sie noch ein bisschen mit ihr herum, damit sie sich kennen lernen. Ich warte so lange hier.« Ich wollte mich widersetzen, aber ich sah die Augen der Tochter und hörte ihr Murmeln: »Fahren Sie bitte weiter.« Ihre Mutter war ihr peinlich, vielleicht hatte ich mich in ihr geirrt, vielleicht auch nicht. Wenn ich nicht aufpasste, war ich im Handumdrehen verheiratet. Das wäre eine Lösung, und ich könnte ein Geschäft eingehen, das gar keines war, da mich von den Menschen in diesem Land nur ein bisschen Akzent unterschied. Nun gut, und die Schweiz. Ich würde sie mitnehmen, ihr beibringen, sich in meiner Welt zu bewegen, sie ankleiden und mich freuen, dass sie über so viel Auswahl staunte. Und weil man hier nicht nur die Armut der Töchter, sondern auch die der Eltern heiratete, würden wir jährlich zurückkehren mit Geschenken für alle.
Wir fuhren eine Weile ganz ohne Ziel.
»Ich entschuldige mich für meine Mutter«, sagte sie. »Sie weiß oft nicht, was sie sagt.«
»Oder sie weiß es zu gut«, erwiderte ich.
»Fahr bitte hier ins Feld«, sagte sie plötzlich.
Nach einigen hundert Metern hielt ich an und schaltete das Licht aus. Alles war beängstigend leer.
»Ich gefalle dir nicht.«
»Weißt du, ich bin nicht deshalb hierher gekommen.«
»Weshalb dann?«
»Um einen verlorenen roten Faden wieder aufzunehmen.«
Das Auto stand im Feld in einer großartigen Nacht, wie es sie nur hier geben konnte. Ich saß neben einer Frau, deren Gesicht ich nicht kannte und die meines nicht kannte, mit einem Mond vor uns, der ins Auto schien, aber nicht hell genug war, dass ich sie mehr als nur erahnen konnte. In der Ferne bellten die Hunde träge, links vom Feldweg stand der Mais noch unreif, rechts war Kartoffelacker. Weiter vorne hatte der Bauer Gras gemäht und es zum Trocknen liegen lassen.
Ich machte die Scheinwerfer wieder an, und als ich ausstieg, hörten die Grillen auf zu zirpen, aber nur für Sekunden. Ich verließ den Weg, ging umher, nahm Erde in die Hand und zerdrückte sie. Sie war feucht und kühl, lehmartig, bestimmt hatte es vor kurzem geregnet. Gott sei zufrieden, wenn sich der Mann eine Frau nehme, sagten die Bauern, denn Lehm müsse zu Lehm ziehen. Der Teufel seinerseits lache, wenn jemand Töpferware klaue. »Lehm stiehlt Lehm«, rufe er dem Dieb hinterher. Die Lichter des Dorfes, in dem die Mutter auf ihre Tochter wartete, flackerten weit weg, in den Pappeln saß der Wind und schüttelte sie leicht. Es war so ruhig, dass das Rascheln bis zu mir drang. Ich hörte sie nicht auf mich zukommen, die Erde war zu weich dafür, aber sie stand plötzlich hinter mir. Sie setzte alles auf eine Karte, umfasste mich von hinten und rieb sich an mir, während ihre Hände an meinem Körper hinauf und hinunter wanderten. Die Hände einer Frau ohne Gesicht. So wie das Mädchen bei mir zu Hause ein anderes Leben suchen würde, wenn ich es ihr ermöglichte, so suchte ich es in ihrer Welt. Aber was wäre aus mir geworden, wenn ich hier geblieben wäre? Was für eine Sorte Mensch?
»Nein, ich möchte nicht«, sagte ich.
»Wieso nicht?«
»Du bist zu jung. Nein, es ist nicht das. Unter anderen Umständen schon.«
»Dann hast du doch eine Frau.«
»Ich habe keine Frau, aber ich bin auch wegen einer Frau hier.«
»Ich gefalle dir doch nicht. Du redest Unsinn. Du willst mich los sein.«
Im Scheinwerferlicht blinzelten uns aus dem Maisfeld heraus Katzenaugen an. Mehrere helle Punkte, so dass einem das Blut in den Adern gefror.
»Wusstest du, dass die Katze ihren Herrn hasst?«, fragte ich. »Sie wünscht ihm den Tod, damit sie das Haus alleine besitzt. Wenn im Haus einer stirbt, vertreibt man die Katze, damit sie die Nase des Toten nicht frisst. Und wenn sie unter einem Sarg hindurchgeht, dann wird der Tote zum strigoi. Zum Untoten.«
»Du machst mir Angst. Vielleicht war es keine gute Idee, mit dir hierher zu kommen.«
»Bevor ich aus diesem Land weggegangen bin, bin ich tagelang durch die Dörfer gezogen und habe mir solche Geschichten angehört. Ich habe sie auf Tonbändern gesammelt«, sagte ich.
»Wann war das?«
»Das ist sehr lange her. Eine halbe Ewigkeit. Ich war etwas jünger als du jetzt. Ich bin jeden Samstagmorgen in den Zug gestiegen und in ein Dorf gefahren. Manchmal auch weit weg, so dass ich dann dort übernachtete. Ich bin aus dem Bahnhof gegangen und habe einen Bauern gesucht, der gut erzählen konnte. Man findet sie oft in der Kneipe, aber es ist keine Regel. Mit der Zeit warteten sie schon auf mich, wenn der Zug ankam.«
»Du willst mich mit deiner Geschichte nur ablenken, weil ich dir nicht gefalle.«
»Kannst du nicht einfach zuhören?«
»Fahr mich zurück. Meine Mutter macht sich bestimmt schon Sorgen.«
Die Mutter hatte sich keinen Zentimeter bewegt, sie stand unter einer schwachen Straßenlaterne, und ihr breites, fleischiges Gesicht steckte im Kopftuch.
»Ich habe eine Freundin in der Stadt, sie ist älter und hübscher«, sagte die junge Frau. »Ruf sie an, wenn du willst, vielleicht gefällt sie dir.« Sie schrieb Name und Telefonnummer auf. Florina hieß die Freundin.
»Wieso tust du das?«
»Wir helfen uns, wo wir können.«
Männervermitteln galt hier als gegenseitige Hilfe. Es war ein Freundschaftsdienst. Man war empört, wenn die Freundin niemanden vorbeischickte. Ich wurde von der einen zur nächsten gereicht. Stafettenlauf. Überall warteten Mütter mit Töchtern und Ehefrauen mit Männern, die vom Flüssigen impotent waren oder auf Baustellen in Italien oder bei der Erdbeerernte in Spanien arbeiteten. Überall gab es Kioskverkäuferinnen, Fabrikarbeiterinnen, Lehrerinnen, Bäuerinnen, Ärztinnen, Hausfrauen, die warteten. Sie warteten beim Gehen, beim Essen, beim Arbeiten. Wenn sie aufs Feld gingen, die Sense auf der Schulter, warteten sie. Wenn sie Teig kneteten, den Mann auf sich erduldeten, anschwollen und gebaren, wenn sie die engsten und kürzesten Kleider anzogen, wenn sie Brüste und Po nach außen drückten, um ihre Chancen zu mehren, wenn sie sich billig parfümierten und genauso billig anmachen ließen, wenn sie über die gewaltsamen, einfältigen, hinter den Röcken anderer Frauen hereilenden Männern fluchten, warteten sie immer noch. Wenn ihre Kräfte nachließen, der Mann mit den Füßen voran aus dem Haus gebracht wurde, wenn sie die Tiere verkauften, weil sie es alleine nicht mehr schafften, wenn die Kinder immer seltener kamen und sie sich zum Sterben hinlegten, dann hatten sie zu Ende gewartet.
Und auf welche Art und Weise wartete heute Valeria, das Mädchen, das hinter dem Horizont blieb, als meine Eltern und ich flüchteten? Die erste Möglichkeit meines Lebens, die keine wurde. Knapp verpasst. Abgebrochen, als wir den Weg durch die jugoslawischen Wälder suchten. Das Mädchen, das das kleine Leben eines Jungen in das großartige Leben eines Mannes verwandeln sollte. Ob sie noch in der Stadt lebte?
Im Vier-Sterne-Hotel Elite saßen die Österreicher und warteten auf ihre Frauen. Sie nannten sie ihre Frauen, obwohl ihre wirklichen Frauen weit weg waren, in Wien. Ihre Frauen wurden ihnen hier von ihrem Mann beschafft, der ungeduldig unter ihnen saß, weil die Frauen nicht kamen. Der große Österreicher erkannte mich und winkte mich zu ihnen, aber ich lehnte ab. Er rief mir zu: »Gerade noch rechtzeitig geschafft.« Ich verstand nicht, wofür er es gerade rechtzeitig geschafft hatte, fürs Geschäft oder fürs Vergnügen, aber ich nickte ihm freundlich zu. Als die Frauen endlich kamen, ging ein langes Aaaaa durch die Gruppe. So leicht hatte es ihnen noch keiner gemacht, denn sie mussten nicht einmal aufstehen. Sie verschlangen die Frauen mit den Blicken, sie hatten ein gutes Menü erwischt.
Ich aß Bauernsuppe, dann Krautwickel mit Speckstreifen und ging aufs Zimmer. Ich hatte hier für wenig Geld die Annehmlichkeiten des Westens. Vier-Sterne-Annehmlichkeiten. Badekappe, Nähzeug, Hausmantel und Pantoffeln, Heizung für die Handtücher, Ohrenstäbchen und Satellitenfernsehen. Ich schrieb ein bisschen, legte mich ins perfekt gefederte Doppelbett und breitete wohlig die Arme aus. Im Fernsehen lief das Ende der Abendshow Überraschungen.
In der Nacht träumte ich, dass ich aus allen Wolken auf die Erde fiel und keinen Menschen traf. Ich klopfte den Staub vom Anzug und machte mich auf die Suche, die Stadt war leer, obwohl ich wusste, dass viele Menschen hätten da sein müssen. Ich ging durch Parks und über Straßen, schaute in Läden und Häusern nach. Auf den Tischen stand Essen bereit, in manchen Zimmern war das Licht eingeschaltet. Wenn man die Stadt aufgegeben hatte, dann nicht, wie man sie bei Krieg aufgibt, Hals über Kopf. Alles war ordentlich, der Müll war weggebracht worden, die Autos waren sauber geparkt. Ich ging ziellos umher, bis ich plötzlich vor Mutter saß, ich auf einem Stuhl und sie auf der Bettkante, in ihrem weißen, hellen Altersheimzimmer. Sie strich über meine Haare, dann legte sie die Hand an mein Gesicht und presste ihre Handfläche an meine Wange. »Dein Blick ist matt«, sagte sie. »Eigentlich würdest du ausgezeichnet hierher passen.« Sie brach in ein Lachen aus, das ich so von ihr nicht kannte.
Ich sah auf die Füße meiner Mutter, die alt und verbraucht waren. Man sah noch die Druckstellen von den vielen Schuhen, die sie durchs Leben begleitet hatten. Eine Schwester kam herein, trat ans Bett und trocknete Mutters Schweiß mit einem Handtuch ab. Mutters Haare waren in einem Zopf gebunden, die Schwester öffnete sie, sie fielen Mutter ins Gesicht, die Schwester glättete sie. Ich wollte mich von ihrer Hand lösen, aber ich konnte nicht, sie klebte an meiner Wange, so als sei diese mit Mutters Hand zusammengenäht. »Teodor, es ist Zeit zum Schlafen«, hörte ich die Schwester sagen. Die Schwester bringt da etwas durcheinander, dachte ich. Ich wollte vom Stuhl aufspringen, doch je mehr ich zog, desto mehr schmerzte die Wange. Ich drückte mich weg von der Mutter, stemmte mich gegen sie, die Haut begann sich abzulösen, blieb an der Handfläche kleben. Mutter sagte: »Schau, was du gemacht hast«, und die Schwester lachte.
Ich erwachte mit dem Gefühl zu ersticken. Ich schnappte nach Luft, riss die Augen auf, schweißgebadet. Alles war ruhig, aber ich schaltete das Licht an, um zu mir zu kommen. Ich zog den Hausmantel und Schuhe an und ging hinunter. Der Zuhälter schlief in einem Sessel, zur Hälfte auf die Seite gekippt. Das nannte man Schlafen im Dienst. Der Nachtportier schaute ihm in den Mund.
»Seit einer Stunde hoffe ich, dass ihm die Fliege in den Mund fliegt«, sagte er.
Wir schauten gemeinsam zu, aber die Fliege kümmerte das wenig.
»Sind die Österreicher noch nicht fertig?«, fragte ich.
»Wünschen Sie auch eine? Es geht schnell. Sie sind sogar froh darum.«
»Wecken Sie bitte niemanden meinetwegen.«
»Es macht ihr gar nichts aus. Sie duscht und kommt hierher. In zwanzig Minuten ist sie da.«
»Kennen Sie eine Florina?«
»Sie können sie nennen, wie Sie wollen.«
Ich ging vors Hotel, der Park gegenüber lag dunkel vor mir. Ich überquerte die Straße, einige Taxis fuhren vorbei, sonst regte sich nichts. Es war der Park, in dem ich als Junge spazieren gegangen war und manchmal auch auf Valeria gewartet hatte. Im Hausmantel ging ich die Alleen auf und ab und versuchte mich zu erinnern, auf welcher Bank ich schon gesessen hatte. Dort, dort und dort auch, und wenn ich mich nicht täuschte, hatte ich etwas weiter hinten, hinter Bäumen versteckt, Valeria geküsst.
Durch dieselben Alleen war ich auch geeilt, wenn ich den Zug zu den Dörfern erwischen wollte, wo man mich mit großem Durst oder auch nur mit der Geduld des Bauern erwartete, immer bereit für neue Erzählungen. Ich hatte bis zur Flucht so viel Zeit bei ihnen verbracht, dass ich mich schon für einen von ihnen hielt, ohne es eigentlich zu sein. Ich stahl ihre Geschichten, steckte sie in meine Tasche und fuhr wieder weg. Aber hätte man mich damals gefragt, was ich sein wollte, so hätte ich geantwortet: »Ein Bauer mit tausend Geschichten im Sack.« Und ich sorgte Woche für Woche dafür, dass sich der Sack füllte, sogar dann noch, als ich Valeria kennen gelernt hatte.
Aber dann kam die Flucht.
Als Vater und ich die Rucksäcke kauften, schaute uns die Verkäuferin unentschlossen an.
»Sie wollen alle drei Rucksäcke in der gleichen Farbe?«, fragte sie.
»Wir sind doch eine Familie«, fand ich.
»Vielleicht wollen Sie wenigstens einen in einer anderen Farbe.«
»Die Farbe ist uns gleich«, sagte ich gereizt. »Solide müssen sie sein.« Ich erschrak, als ich mich sprechen hörte, und schaute umher, überzeugt, dass ich mich verraten hatte.
»Müssen sie wasserfest sein?«, fragte die Frau weiter.
»Wasserfest wäre nicht schlecht«, sagte Vater.
Wir steckten die Rucksäcke vorsichtig in unsere Tragetasche, wie Verliebte einen Liebesbrief sorgfältig zusammenfalten und so verstauen, dass sie ihn immer wieder hervorholen können. Um sich zu vergewissern, dass es ihn wirklich gibt. Vater nahm einen der drei wieder heraus, öffnete ihn und sagte extra laut: »Damit können wir bestimmt Jahre lang wandern.« Er hatte vorgesorgt, falls jemand unsere Absichten erahnen sollte. Ich
