Der Blinde und der Taube - Ghassan Kanafani - E-Book

Der Blinde und der Taube E-Book

Ghassan Kanafani

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Beschreibung

Der blinde Aamir arbeitet als Brotverkäufer. Auch ohne zu sehen, weiß er genau, wie das Brot beschaffen ist, und kennt die Stimmen der Kundschaft wie auch diejenige von Hamdan, dem jungen Bäckergehilfen, zu dem er ein beinahe väterliches Verhältnis pflegt. Als bekannt wird, dass in einer Baumkrone beim nahe gelegenen Grab des heiligen Abdalati dessen Gesicht erschienen ist und bereits einige Bitten um Wunder Gehör gefunden haben, beschließt Aamir trotz großer Bedenken, Abdalati zu besuchen – in Erinnerung an seine verstorbene Mutter, die ihn als Kind auf ihre Pilgerreisen mitgenommen hatte, um für sein Augenlicht zu beten. Auf seinem Weg zur heiligen Stätte begegnet er Abu Kais, einem gehörlosen Mann, der zufällig aus demselben Heimatort stammt. Die beiden werden Freunde und finden gemeinsam schnell heraus, dass das Gesicht im Baum nur ein großer Pilz ist. Aber ihre Begegnung versetzt sie in eine neue Gewissheit über ihr Dasein und bereichert ihren Alltag mit unerwarteten Erkenntnissen. Ghassan Kanafanis letzter Roman ist inhaltlich und formal von erstaunlicher Schönheit, gerade auch wegen seiner Tragikomik. Eine Geschichte über unverhoffte Freundschaft, über die Bedeutung von Glück und die magische Wirkung von Wundern aller Art.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 85

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ghassan Kanafani

Der Blinde und der Taube

Roman

Aus dem Arabischen von Joël László

Lenos Verlag

Impressum

Der Autor

Ghassan Kanafani wurde 1936 in Akka geboren. 1948 wurde seine Familie durch die Besetzung der Israelis vertrieben. Als Flüchtling lebte Kanafani zunächst im Libanon, später während längerer Zeit in Damaskus, wo er seine Schulbildung abschloss und einige Zeit als Lehrer arbeitete. 1956 ging er als Sport- und Zeichenlehrer nach Kuwait. 1960 zog er nach Beirut, wo er in der Folgezeit bei mehreren Zeitungen arbeitete und schließlich Sprecher von George Habaschs Volksfront für die Befreiung Palästinas war. 1972 wurde er in Beirut durch eine Bombe getötet, die an seinem Wagen angebracht war.

Der Übersetzer

Joël László, geboren 1982 in Zürich. Studium der Nahostwissenschaften und der Geschichte. Längere Aufenthalte in Kairo sowie wissenschaftliche Publikationen zu neuerer türkischer und ägyptischer Geschichte. Neben seiner Tätigkeit an der Universitätsbibliothek Basel arbeitet er als Autor und Übersetzer. Für den Lenos Verlag übertrug er Werke von Ibtisam Azem und Asmaa al-Atawna ins Deutsche. Seine Theaterstücke und Hörspiele wurden mehrfach ausgezeichnet. Er lebt in Basel.

Der Übersetzer dankt der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für die Unterstützung.

Titel der arabischen Originalausgabe:

al-A’mâ wa al-Atrasch

Copyright © by Anni Kanafani,

The Ghassan Kanafani Cultural Foundation, Beirut

E-Book-Ausgabe 2026

Copyright © der deutschen Übersetzung 2026 by Lenos Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Coverfoto: Andrew V Marcus / Shutterstock

eISBN 978 3 03925 730 0

www.lenos.ch

Der Blinde und der Taube

Dereinst wird man sagen, dass das, was passiert ist, unmöglich passieren konnte. Während heute alle, die nichts davon verstehen, behaupten, dass es ein Abenteuer gewesen sei, sage ich: Es war eine Geburt. Kleine Wahrheiten sind in ihrem Anfang nichts anderes als große Träume. Es ist eine Frage der Zeit, mehr nicht. Geschichten haben eine Art zu beginnen und eine Art zu enden. Das Wunder ist wie ein seltsamer Fötus, im Schoße der Verzweiflung wächst es heran, bis es unerwartet zur Welt kommt und Teil der Dinge wird, die ohne das Wunder mit einem Mal unvollständig erscheinen.

Vom Grab des Abdalati und von seinem Baum hörte ich reden, solange ich zurückdenken kann. Interessiert hatte es mich nie. Als ich noch ahnungslos überallhin getragen werden konnte, pilgerte meine Mutter mit mir zu den Heiligengräbern, von denen in jedem Viertel und an jeder Dorfstraße eins zu finden war. Dort wurden meine Augen mit Ölen und Gebeten behandelt, um diesen Berg des Schweigens und des Trotzes irgendwie aufzubrechen, doch nichts geschah. Als wäre die Blindheit etwas, was mir von Anfang an und bis zum bitteren Ende vorherbestimmt sei.

Unzählige Jahre sind vergangen seit jenen Tagen, da Mutter mich auf ihre Schultern setzte und loslief, als tauchte sie in ein endloses Meer. Den zurückgelegten Weg konnte ich an ihrer Stirn abschätzen, wenn meine kleine Hand abglitt in einer Sintflut verzweifelten Schweißes. Stets kehrten wir heim von den Gräbern der Heiligen, wie wir hingegangen waren. Mit ihren verweinten und flehenden Augen leuchtete Mutter uns den Weg, am Schweiß auf ihrer Stirn ermaß ich den Umfang unserer Reise …

Schließlich gab ich auf. Ich sage dir, Hamdan, dass ich aufgegeben habe. Und wäre ich der Stamm eines Olivenbaums, ich wäre es dennoch müde, mir ständig alle Kräuter dieser Erde auf die Lider zu pressen und die Hände Tausender frommer Männer und Scharlatane sie betatschen zu lassen, ohne dass sich das Geringste ändert an der ewigen Finsternis, die mir vor Augen steht wie das Tor zu einer bösen, endlosen Nacht. Und eines Tages entdeckte ich die Absurdität, so wie ihr Sehenden die Sonne aufgehen seht. Du kennst sie, diese wundersamen Momente, die ein ganzes Leben wert sind. Um genau so einen unbezwingbaren Moment handelte es sich. An eine Umkehr war nicht mehr zu denken. Seither sitze ich da, so wie du mich jetzt dasitzen siehst. Meine Stimme feilscht mit der Finsternis, derweil ich vergesse. Du, Hamdan, bist noch immer nicht erwachsen. Das Schicksal denkst du dir als Zufall, der sich allein durch einen nächsten Zufall verändern lässt. Nach all dem, was wir erlebt haben, schlägst du mir allen Ernstes vor, dass ich zum Grab des Abdalati pilgere? Wo die Lahmen aufstehen und loslaufen? Wo die Stummen sprechen und die Unfruchtbaren gebären? Soll ich mich in diesem Leben tatsächlich noch einmal auf diese Schaukel schwingen? Willst du, dass ich mich wieder solch leichtsinniger, schrecklicher Hoffnung aussetze?

Das Grab des Heiligen mit seinem Baum! Heute erzählst du mir, sein erhabenes Haupt sei gesichtet worden, wie es zwischen zwei Ästen stumm dem Himmel zugewandt betete. Wie eine Frucht, sagst du, scheine er dort zu wachsen und zu den Menschen zu sprechen. Dieselbe Geschichte habe ich schon einmal gehört, damals bin ich hingegangen. Nein, nicht schon wieder, Hamdan, nicht schon wieder. Zwei so große Lügen kann ein Leben nicht verkraften.

Bestimmt lächelte Hamdan. Seit jeher war das etwas, was ich auf eine seltsame Weise spürte. Wusste er, dass ich hingehen würde? Ermaß er tatsächlich die Tiefe jenes gewaltigen Spiels, das wir Hoffnung mit gestutzten Flügeln nennen? Ich hörte, wie seine Schritte sich Richtung Ofen entfernten, um Brot nachzulegen. Was auch immer er sich ausgerechnet haben mochte, ich wusste, dass die kleinen Wahrheiten zu Beginn nichts anderes sind als große Träume und dass Geschichten eine Art haben zu beginnen und eine Art zu enden. Das Schicksal, das hinter unserem Rücken arbeitet, hatte dafür gesorgt, dass es mich an diesen Ort verschlägt. Von Zeit zu Zeit fragte ich mich, was ein Blinder denn anderes tun konnte, als Brot zu verkaufen. Ein Brotlaib ist das Einzige, was wir mit unseren Fingern vollständig sehen, genauso, wie man ihn mit den Augen erfasst. Geht es um einen Brotlaib, kannst du dich nicht irren, nicht einmal wenn du – aus welchem Grund auch immer – ohne Augenlicht zur Welt gekommen bist. Seit zwanzig Jahren sitze ich auf diesem Stuhl und verkaufe Brot, und ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Fehler gemacht zu haben. Meine Finger schmecken den Laib, sie wiegen und prüfen ihn auf seine Frische und Qualität hin, geradeso als wären sie Auge und Waage in einem. Zweifellos findet jedes Leben seinen je eigenen Weg auf dieser Welt. Wäre es anders, hätte ich nicht diesen Ort gefunden, wo ich mich eingrabe wie eine Pflanze in ihre Vase, um Tag für Tag weiterzuwachsen, umgeben von warmen Brotlaiben und Menschenstimmen.

Dessen ungeachtet, ist es denn möglich, dass etwas einfach so für alle Zeit verschwindet? Findet sich in diesem ganzen unermesslichen Universum kein Mensch, lebend oder tot, und kein Umstand, der in der Lage ist, diesen beiden Augen ihre Sehkraft zurückzugeben – einfach weil das eine ohne das andere nicht denkbar ist?

Dumpfer Lärm erfüllte mich. Hamdan klatschte die Brote auf die Kacheln des Ofens. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich hingehen werde, geradeso wie die Erde weiß, dass auf ihr das Gras wächst.

Dass es kein Entrinnen gab, gerade das hasste ich zutiefst. Vielleicht fasste ich deshalb den Entschluss, in der Nacht hinzugehen. Für mich machte es alles in allem keinen Unterschied, dennoch oblag es den Heiligen, stets zu wachen und niemals zu ruhn.

Stunden vergingen, während in mir drin das Verlangen loderte. Ich beschloss, beim Ofen zu schlafen, und ließ die Zeit verstreichen, bis es vollkommen still geworden war. Dann erhob ich mich.

Nichts deutete auf etwas Ungewöhnliches hin. Es war ein Tag, wie ich sie seit einer endlosen Reihe von Jahren nur zu gut kenne. Dann wiederum scheinen große Wahrheiten nicht zwangsläufig Umstände zu machen. Eben reichte ich einem Mann eine Tasche mit Lebensmitteln und sprach: »Es ist ein Elend. Ich wünschte, ich könnte Ihnen …«

Da passierte es. Auf unerklärliche Weise stand die Welt kopf. Junge, dachte ich, seit zwanzig Jahren sagst du diesen Satz mehr als tausend Mal am Tag. Jetzt überkommt dich ein unabweisbares Gefühl von Scham …

Ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten, der Ton jedoch wurde durch die schreckliche Mauer blockiert, die meine Ohren verschloss, so dass ihre Worte für mich bar jeder Bedeutung waren. Hatte ich mich daran gewöhnt? Zweifellos. Die Brücke des Klangs war mir vollständig weggebrochen, doch der Mensch lernt dazu. Wie die Toten sich an den Tod gewöhnen, gewöhnt der Taube sich an die Taubheit. Manchmal sage ich: Der Mensch gewöhnt sich ans Leben, der Taube an die Stille. Freilich, ganz so einfach ist es nicht.

Eines Tages musst du in Ruhe darüber nachdenken. Immer wieder rede ich mir ein, dass mir in den letzten zwanzig Jahren die Gelegenheit gefehlt habe, in Ruhe darüber nachzudenken. Was habe ich nur für ein elendes Leben geführt.

Kommt uns einer unserer fünf Sinne abhanden, geht er nicht vollständig verloren. Wie soll ich dieses merkwürdige Gefühl beschreiben? Die Taubheit ist eine Art Schlummer der Töne. Der Gehörsinn selbst verbleibt im Körper, es ist, als wäre das Tosen der Welt in uns eingeschlossen wie ein beständiger Hilferuf. Genau das ist es, worüber ich schon mein ganzes Leben lang in Ruhe nachdenken möchte.

Was mir bleibt, ist das Hinweggleiten über reglose Dinge. Still und eintönig spulen sich die Stunden eines Lebens ab, und niemand weiß, wie es verläuft oder wohin es führt. Seit zwanzig Jahren sitze ich hier und verteile Lebensmittel an eine endlose Schlange von Geflüchteten. Seit zwanzig Jahren ziehen vor meinen Augen Männer, Frauen und Kinder vorüber wie Geisterwesen. Lautlos drängeln sie. Prallen sie gegen die Lebensmittelbehälter, entsteht keinerlei Geräusch, es ist, als schwämme die Welt vor meinen Augen in einem Aquarium dahin.

Nach und nach dämmerte mir, dass meine Präsenz an dieser Stelle kein Zufall war. Diese endlose Reihe Elender, zweifellos verfluchten sie mich aus ihren je eigenen Gründen, bin ich für sie doch nichts anderes als die Hand des Hilfswerks, das ihnen Mehl, Butter und Bohnen reicht. Was, wenn es an Mehl mangelt? Wenn die Butter verdorben ist? Oder vor lauter Hülsen kaum Bohnen im Sack sind? Ich für meinen Teil hörte nichts davon. Meine Hände verteilten die Lebensmittelrationen. Ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten. Hören jedoch konnte ich nichts.