18,99 €
Ein leuchtender Roman über die tröstende Kraft der Bücher Gaza 2014: In einer versteckten Gasse stößt der Fotojournalist Julien auf einen alten Mann, der inmitten von Büchern lebt. Nabil Al Jaber öffnet seine Buchhandlung mit Tagesanbruch, liest auf ihrer Schwelle und schenkt denen, die zu ihm kommen, ein eigens für sie ausgewähltes Buch. Als Julien den Sechsundsechzigjährigen fotografieren will, ermahnt dieser ihn, sich erst die Geschichte seines Lebens anzuhören. Ein Leben, das während der Nakba begann und für das Schicksal eines ganzen Volkes steht. Nabil erzählt von Flucht und Vertreibung, von einem dem Elend abgetrotzten Glück – und von der Literatur, die ihm Halt und Hoffnung gab. »Der Buchhändler von Gaza« gleicht einem kleinen Wunder – ein warmherziger, lebenskluger, tief berührender Roman.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.de/literatur
((bei fremdsprachigem Autor:))
Aus dem Französischen von Andreas Jandl
Die französische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel L’homme qui lisait des livres bei den Éditions Julliard, Paris.
© Éditions Julliard, Paris, 2025
© Piper Verlag GmbH, München 2026
Covergestaltung: Cornelia Niere, München
Coverillustration: Blexbolex
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
Cover & Impressum
Hinweis
Zitat
1 – Das Treffen
2 – Die Erde ist uns zu eng
3 – Die Legende der Jahrhunderte
4 – Hamlet
5 – Ist das ein Mensch?
6 – Das Buch Hiob
7 – Der Brand
8 – Das Haus der Rückkehr
9 – Ein verliebter Gefangener
10 – Der Feigenkaktus
11 – Hundert Jahre Einsamkeit
12 – Das Foto
13 – Epilog
14 – Der Tisch des Ramadan
15 – Zitierte Literatur
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Dieser Roman bezieht sich auf Realitäten, wie sie in Gaza-Stadt vor dem 7. Oktober 2023 vorherrschten. Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung ist Gaza-Stadt größtenteils zerstört, die Bevölkerung traumatisiert, vertrieben oder tot.
Nur ein vorbestimmtes Wesen besitzt die Gabe, andere zu fragen: »Was quält dich?«
Beim Eintritt ins Leben hat es diese noch nicht.
Es muss dunkle Jahre durchleben, sich im Unglück verirren, fern von allem, was es liebt, und annehmen, verflucht zu sein.
Dann, am Ende von all dem, gewinnt es die Gabe, eine solche Frage zu stellen, und sogleich gehört ihm das Leben.
Und es heilt die Leiden anderer.
Simone Weil an Joë Bousquet, Korrespondenzen, 1942[1]
Ein gewöhnlicher Tag. Gestern haben zwei Einschläge vier Jungs am Strand getötet, deren einziges Verbrechen darin bestand, dort Fußball zu spielen. Du wachst auf in dem Zimmer, das du am Vorabend bezogen hast. Das Hotel beherbergt – Tür an Tür – einen Großteil der internationalen Presse. Du hättest dir lieber ein Gästezimmer genommen. Doch deine Agentur konnte dich überzeugen, dich für etwas mehr Sicherheit zu entscheiden.
Nur wenige Viertel werden wirklich verschont. Ganze Familien verschwinden, weil sie, ohne es zu wissen oder ganz bewusst, neben einer heimlichen Zweigstelle wohnen. Die angeblich chirurgisch genauen Schläge erweisen sich oft als Kunstfehler.
Ein x-ter Waffenstillstand sollte dir ein paar Tage Ruhe verschaffen, um alltägliche Momente festzuhalten – Fotos, wie du sie machen möchtest, ohne Sensationalismus. Dein Auftraggeber bevorzugt weinende Kinder umgeben von Trümmern, verwundete Soldaten neben einem Panzer, von Raketen durchlöcherte Gebäude. Banaler Alltag taugt nicht für die Zeitung.
Du verlässt das Hotel. Es ist Morgen. Früh, oder auch spät. Wer weiß das schon. Hier laufe die Zeit anders, heißt es. Entweder sie galoppiert, oder sie zieht sich wie Klebstoff. Und plötzlich fliegt sie wieder.
Die Sonne wirft tiefe Schatten auf Boden und Wände. Schönes, helles Licht rahmt die Umrisse der Passanten. Diese Stadt, deren Bilder nur Geschenke des Himmels sein können, entdeckst du zum ersten Mal. Die Verkäufer am Straßenrand nutzen die Stille, um Kunden anzulocken. In diesem Licht explodieren die Farben. Das Rot der Tomaten, das Grün der frischen Kräuter, das Gelb der Zitronen. Die kleinen Stände borden über von Leben. Und die Menschen drängen sich vorbei, mit vollen Händen und wachem Blick. Kinder kreischen, Mütter gehen eilig weiter, alles ist Bewegung. Der Händler wirbelt, wiegt, verhandelt, verpackt. Doch etwas verrät seine Erschöpfung. Vielleicht die Beschwerlichkeit der Bewegungen. Der Mann weiß, wie flüchtig der Frieden hier ist. Also verkauft er schnell, verkauft alles. Als könnte das Morgen niemals kommen. Auf allem liegt Staub. Ein erdiges Gefühl auf der Haut, die Kehle trocken.
Du gehst durch die engen Gassen weiter unten. Das Viertel wurde nicht getroffen. Du nimmst die letzte steinerne Stufe. Generationen palästinensischer Füße haben sie ausgetreten. Hier flüsterten die Menschen dem Wind ihre Geheimnisse zu, erlebten ihr erstes Verliebtsein und erfanden die Welt neu, als wäre sie ein Hoffnungsborn. Als interessierte sich noch jemand für sie. Die Adern voller Leben. Doch es ist ein Leben unter Vorbehalt. Als könnte bei der kleinsten Erschütterung alles zusammenfallen. Schilder, auf denen Sonne und Einstürze die Namen ausgelöscht haben, Buchstaben, die mit der Zeit verschwanden. Hier wird eine Tür neu gestrichen, dort ein Schaufenster geputzt. Als könnte jede kleine Reparatur, jedes Instandhalten die Gefahr abwenden. Gaza ist eine Stadt, die sich ständig neu schreibt. Alle hier leben nach ihrer Intuition, in der Schwebe dreier Punkte … Alle fürchten den Moment, der nicht mehr ihnen gehört, den Schlusspunkt.
Haufen von Kleidern, verstreute Schuhe. Lebensnotwendige Dinge. Alles in einem geordneten Durcheinander. Der Besitzer hinter seinem hölzernen Tresen handhabt seine Ware wie ein Archivar. Jedes Objekt hat genau seinen Platz. Die armen Schlucker, die seine Kleiderhaufen durchwühlen, beachtet er nicht.
Das Hupen der alten Autos – ein langes, durchdringendes Klagen. Dazu das Rattern von Handkarren auf dem unregelmäßigen Pflaster. Darüber erheben sich die Stimmen der Händler und Passanten, heiser, erschöpft, meistens freundlich. An der nächsten Straßenecke, der Geruch von Salz und Brise.
