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Theo, geplagt von Schuldgefühlen, liebt Lili noch immer und will sie unbedingt zurückgewinnen. Eine Chance eröffnet sich ihm auch, da Lili als heißbegehrte Singledame bei der neuen Show "Dating Stars" teilnimmt. Theo bewirbt sich prompt als Kandidat und wird angenommen. Er muss sich nicht nur gegenüber seinen dreißig Mitbewerbern behaupten, sondern Lilis Herz täglich aufs Neue erobern. Eine Achterbahn der Gefühle stellt seine Welt auf den Kopf.
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Seitenzahl: 897
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Zu meiner Person:
Ich bin 1983 in Neunkirchen geboren. Zu meinen größten Hobbys zählen der Sport, die Natur und das Schreiben. Ich absolvierte die Ausbildung zum Hotel-und Tourismuskaufmann und jobbte in der Gastronomie und Hotellerie. Danach studierte ich Geografie, Wirtschaft und Sport an der Uni Wien. Seit 2012 unterrichte ich diese Fächer.
Zu meinen Veröffentlichungen:
Der Roman „Dating Stars – Der Liebe voraus“ (2025) stellt Gefühle, Sehnsüchte und Hoffnungen in der fortdauernden Strebsamkeit nach Liebe, Glück und Zufriedenheit in den Fokus.
Die Kurzgeschichte „Wald der Verdammten“ (2023) im Sammelband „Geisterstunde“ appelliert in gruseliger Manier an Computerspielsüchtige.
Der Roman „Der Himmel über den Menschen“ (2021) befasst sich mit den gegenwärtigen und zukünftigen Szenarien unserer Gesellschaft im Umgang mit unserer Umwelt und Technologie.
Prolog
06.02.
09.02.
16.02.
15.01. - fast zwei Jahre später
16.01-19.01.
22.01. - 29.01.
31.01.-03.02.
12.02.
16.02. - 22.02.
27.06.
03.07.
04.07.
11.07.
17.07.
18.07.
19.07.
20.07.
21.07.
22.07.
23.07.
24.07.
25.07.
26.07.
27.07.
28.07.
29.07.
30.07.
31.07.
01.08.
03.08.
04.08.
05.08.
06.08.
07.08.
Ich stehe im Vorzimmer und betrachte ein Bild von uns. Es hängt hier als das erste einer langen Reihe von Schnappschüssen, die wir von Beginn unseres Zusammenseins an gemacht haben. Eingerahmt in schmale, helle Holzteile zeigt es uns händchenhaltend nach einem Dinner am Strand sitzend. Ihr Körper ist an den meinen geschmiegt. Als wäre es erst gestern gewesen, spüre ich ihre sanfte Körperwärme, den Hauch ihres Atems, der meinen Hals streift, sehe ihre aufregenden, leuchtenden Augen und höre ihr herzergreifendes Lachen, das mich vor Liebe zu ihr gefangen hält.
Ein leises Rauschen, das durch die verschlossene Badezimmertür zu mir durchdringt, lässt mich aus meinen schönen Erinnerungen in die Gegenwart zurückkommen. Sieben Jahre ist das jetzt her, da konnte ich noch unbeschwert und einfach nur verliebt sein. Nach diesem Urlaub war im Laufe der Zeit eines schnell klar: Sie wollte unsere Partnerschaft nicht vertiefen, nicht zusammenziehen. Heiraten und Familiengründung haben ihr noch mehr Angst gemacht. Deswegen habe ich etwa ein Jahr später den Entschluss gefasst, unsere Beziehung zu beenden. Nach fünf Jahren haben wir uns jedoch wiedergefunden. Sie ist dieses Mal sofort zu mir gezogen, was mich überglücklich gemacht hat. Nun will ich mir mit Lili ein gemeinsames Leben aufbauen. Sie ist die Liebe meines Lebens, wenn es so etwas gibt. Aber dennoch funktioniert es nicht immer so, wie ich es mir vorgestellt habe.
Ich starre das Bild erneut an. Ja, das sind wir oder besser gesagt, so waren wir. Wir waren ein Paar, verliebt - glücklich möchte ich meinen. Heute sind wir - ja, ich weiß es eigentlich nicht mehr genau, was wir sind.
Wieder unterbricht gedämpfter Lärm aus dem Bad meine Gedanken. Das Wasser rauscht aus dem Hahn, etwas fällt hinunter und klackert, als es auf den Fliesen aufkommt. Ziemlich sicher einer ihrer vielen Lippenstifte.
Mein Herz zieht sich zusammen, denn ein Gedanke drängt sich aus meinem Inneren an die Oberfläche und übermannt mich: Wie oft hat sie sich wohl für IHN hübsch gemacht, so wie gerade für mich? Wie viele Stunden hat sie in unserem Badezimmer vor dem Spiegel verbracht, Rouge aufgelegt, ihre grünen Augen mit Lidschatten betont, ihr langes blondes Haar gebürstet und hochgesteckt, nur um IHM zu gefallen?
Wut breitet sich in mir aus. Ich balle die Hände zu Fäusten und da bemerke ich, dass ich den Briefumschlag mit SEINEN Liebesbekundungen noch immer nicht weggeräumt habe. Ich war gerade dabei gewesen, ihn wieder dort zu verstecken, wo ich ihn vor einigen Tagen schon verstaut hatte - denn ich wollte nicht, dass sie weiß, dass ich ihn abgefangen und gelesen habe, als meine Aufmerksamkeit im Vorbeigehen auf unser Bild gelenkt wurde. Ich habe den Text schon so oft gelesen und kann es immer noch nicht glauben.
Erneut ziehe ich das Papier aus dem Umschlag und versuche zu verstehen:
Hey Belle, meine schönste und talentierteste Göttin auf Erden! Dein Toni hat etwas für dich!! Nur das Beste für mein Mädchen – du kennst mich ja: Du hältst hier in deinen Händen – ich habe keine Kosten und Mühen gescheut – eine Karte für den Wiener Opernball - mit allem, was dazugehört, versteht sich! Wir werden nicht nur einen atemberaubenden Abend erleben, nein: Wir machen dort weiter, wo wir aufgehört haben – und zwar mit allem! Mit dem Tanzen, den Turnieren und uns! Unsere Zukunft wird besser sein als alles bisher Erlebte.
Wir waren immer die Stars auf dem Tanzparkett, so wird es auch auf dem Ball sein. Ich versteh‘ ja deine Bedenken, wieder mit dem Tanzen anzufangen – aber Baby: Du hast Rhythmus im Blut! Dich haben alle bewundert und beneidet, du hast sie begeistert, Jung und Alt waren von dir angetan. Erinnere dich, wie großartig es war. Ach, Belle! Vergeude nicht dein Talent – das lass ich nicht zu: Diesmal holen wir alles aus uns heraus. Ich verspreche dir und du kannst dir sicher sein: Ich verscheuche all deinen Zweifel, ich kremple dein Leben um und ICH mache dich zum STAR! Baby, das wird großartig - du wirst schon sehen. Vergiss niemals, was dir Toni zu sagen hat: Es ist nie zu spät, sich seine Träume zu erfüllen.
Also, mein Schatz! Nimm die Karte, zieh ein hübsches Kleid an und trag deine roten High Heels (du weißt schon, die, auf die ich so stehe), lass den Alltag mal einen Abend hinter dir und triff mich im Ballsaal. Du musst mich nicht suchen, du wirst mich sehen – eine Überraschung!
Dein Toni PS. Ich bin dein – für immer! PPS. Vergiss das Weichei! Der Typ taugt nichts! Du gehörst zu mir!
Toni…Lilis Ex! Sie hat Briefkontakt mit Toni, ihrem Exfreund! Ich kann es immer noch nicht glauben, nach allem, was sie mir von ihm erzählt hat. Meine Enttäuschung und meine Wut sind schier unendlich. Er nennt sie Belle, Baby, Schatz! Mir ist zum Brechen. Für mich ist klar, dass ich nicht so weitermachen kann und werde. Ich muss wissen, woran ich bei ihr bin, wie sie für mich fühlt, ob sie überhaupt noch etwas für mich fühlt und wie sie zu IHM, erneut ballen sich meine Hände zu Fäusten und zerknüllen das Papier mit seinen Worten darauf, steht. Liebt sie ihn wieder oder gar noch immer? War unsere Liebe ein Ausweg, um ihn zu vergessen? Bin ich bloß ein Lückenfüller für sie? Oder ist es doch alles nur ein Missverständnis?
Ich werde sie auf die Probe stellen. Am Ende des heutigen Abends werde ich Klarheit über uns haben und vor allem mehr über ihre Gefühle zu mir wissen. Nun muss der Brief aber wieder zurück an seinen geheimen Platz. Ich werde doch nicht meinem ersten Impuls nachgeben und ihn ihr zeigen, damit sie mir unverblümt eine Lüge nach der anderen auftischen kann. Ich habe mir etwas überlegt, bei dem ich sie authentisch beobachten kann. An ihren Reaktionen und aus ihrem Gesicht möchte ich lesen können, wie es wirklich um uns steht. Zu lange trage ich diese Last schon mit mir herum.
Seit drei Wochen geht es mir schlecht. Es sind bereits mehrere Briefe von einer Tanzschule, die Lili und ich nicht besuchen, persönlich an sie adressiert gekommen. Anfangs habe ich mir nichts dabei gedacht, da ich sie für Werbefolder gehalten habe. Als die Briefe jedoch in regelmäßigen Abständen eingetroffen sind und im letzten Kuvert eine Eintrittskarte durch das Papier hindurch geschimmert hat, ist mir das Ganze eigenartig vorgekommen. Ich habe mich vor den Laptop gesetzt und im Internet nach der besagten Tanzschule gesucht. Nach einigen Klicks bin ich fündig geworden. Als ich den Namen gelesen habe, der das Banner der Homepage ziert, habe ich zu schlucken gehabt: Toni Marhonis Tanzparadies. Beim Anblick des Fotos ist mir dann so richtig schlecht geworden. Nicht nur, dass er eine Tanzschule führt, noch dazu sieht er ausgesprochen attraktiv aus. Kurzerhand habe ich dann im Flur unserer Wohnung das an Lili adressierte Kuvert von der Postablage genommen und geöffnet. Die Balleinladung für den Wiener Opernball ist nicht zu übersehen gewesen und Tonis schleimige Umwerbungen haben mir sauer aufgestoßen. Eine Verwechslung schließe ich aus, da regelmäßig Briefe eingetroffen sind. Ich habe nach weiteren Beweisen in unserer Wohnung zu suchen begonnen, bin aber erfolglos geblieben. Lili hat entweder ein grandioses Versteck für die Briefe oder sie hat sie gleich nach Einsicht wieder entsorgt. An ihre Zugangsdaten beim Smartphone gelange ich nicht. Ungewöhnliches, wie dass sie mit ihm telefonieren oder texten würde, hätte ich nicht bemerkt. Dennoch beschleicht mich aber das erdrückende Gefühl, dass sie viele Geheimnisse vor mir hat. Und das stinkt mir gewaltig!
Tagelang zermürbe ich mir schon den Kopf, was ich tun soll. Mir ist schnell klar geworden: So kann ich nicht weitermachen. Also habe ich eine Entscheidung getroffen.
Ich hoffe, dass Lili nur mich allein liebt und Toni einfach ein typischer Macho ist, der sich in den Vordergrund drängen muss. Aber die Ungewissheit quält mich. Wirre Fragen plagen mich. Hat sie mit Toni abgeschlossen? Offensichtlich noch nicht. Oder ist es vielleicht umgekehrt? Hängt er noch an ihr?
Ich habe mich entschieden, die beiliegende Einladung zum Ball zu nutzen und eine zweite Karte zu kaufen. Auch ein Tisch ist auf meinen Namen für uns reserviert. Heute Abend ist es so weit. Diese Ungewissheit wird nun ein Ende haben.
Fertig angezogen betrachte ich mich im Spiegel neben der Eingangstür. Alles ist neu gekauft: mein blau-schwarz-gestreifter Smoking mit meiner leuchtend roten Krawatte und meine auf Hochglanz polierten Tanzschuhe. Mein Kleidungsstil ist zwar gewagt, aber für den heutigen Anlass möchte ich das so haben.
Eine Kleinigkeit wäre aber zu bemängeln. Meine Krawatte wölbt sich oberhalb des Brustbeines auffallend nach vorne. Sie glatt zu streichen, ist nicht sinnvoll, denn ich habe darunter eine rote Rose versteckt.
Mein Spiegelbild blickt mir wohlwollend entgegen. Für den heutigen Abend habe ich mich ordentlich herausgeputzt. Die Haare sind gestylt, die knallrote Krawatte sitzt eng gebunden am weißen Hemdkragen, der schwarze Gürtel wirkt wie angegossen und die neuen Schuhe runden mein Outfit ab. Noch ein Griff in beide Hosentaschen. Ja, ich habe alles, was ich brauche. Ich setze mich auf die Truhe, die kürzlich von mir, passend zum Garderobenensemble, erstanden worden ist, um beim Schuhwechsel unverzichtbar zu werden.
Ich nehme wahr, wie die Geräusche aus dem Badezimmer nächst zu mir verebben und sich ihre Schritte der Tür nähern. Sie ist fertig. Bereit für mich und die nächsten Stunden und auch ich möchte mich nun endlich der Wahrheit stellen. Schwungvoll öffnet sie die Tür, nimmt eine tänzerische Pose ein und ruft strahlend: »Tadaaa!«
Mir verschlägt es die Sprache und mein Zorn ist augenscheinlich wie weggeblasen. Bin ich tatsächlich so leicht zu manipulieren - von einer schönen Frau in einem atemberaubenden Abendkleid? Ich mustere sie einen kurzen Moment. Mein Herz schlägt wie verrückt. Ich fühle mich, als ob alles, was geschehen ist, Einbildung gewesen ist. Meine Gefühle zu ihr sind mir bewusst. Ich liebe sie und ein Teil von mir vergöttert sie trotz allem. Ein Leben ohne sie ist nicht vorstellbar, ist sie doch meine große Liebe.
Ich eile auf sie zu, rieche ihr zartes Parfum und küsse sie auf den Mund. Sie zieht mich an sich heran und flüstert mir ins Ohr: »Ich bin dein – für immer!« Ich schlucke und meine Körper spannt sich an. Ich bin wieder ganz im Hier und Jetzt. Mein Verstand arbeitet, meine Gefühle haben Pause. Wow! Habe ich richtig gehört? Das sind doch jene Worte, die Toni zuallerletzt in seinem Brief an sie geschrieben hat!
Mein Magen zieht sich zusammen, aber ich lasse mir nichts anmerken. Ich habe einen Plan und werde sie auf die Probe stellen. Ich mime die Rolle des unwissenden Freundes.
Möge ich der Wahrheit näher kommen - Showtime!
Sie sieht mich mit ihrem strahlenden Lächeln an und wartet darauf, dass ich etwas zu ihr sage. Ihr Anblick fesselt mich. Ihre großen Augen werden durch ihr grünes Kleid betont. Ihr brünettes Haar hat sie zum Teil geflochten, einzelne Strähnen seitlich herausgezupft. Der blassrosa Schimmer ihrer Wangen unterstreicht ihr jugendliches Aussehen. Am meisten ins Staunen versetzen mich aber ihre ausdrucksvollen und fragenden Blicke, die von starken Gefühlen und Zuneigung zu mir sprechen. Ich erwidere diese mit liebevollem Lächeln.
Ich überlege mir ganz genau, was ich sage. »Du hast dich sehr hübsch gemacht.«
»Alles für dich, mein Herz. Nimmst du mich so mit?«, fragt sie keck.
»Aber natürlich! Ich kann mich gar nicht an dir satt sehen«, erwidere ich schmeichelnd.
»Dann ist ja alles gut«, schnauft sie erleichtert durch. »Aber wie elegant hast du dich denn herausgeputzt? Aber hallo! Rote Krawatte? Neue Schuhe?«
»Ich muss dir noch ein Detail an meinem Outfit zeigen.«
»Welches denn?« Sie mustert mich von oben bis unten.
Ich erhebe mich von der Truhe und bitte sie zu mir. Ganz nahe vor ihr stehend, ergreife ich die hinter meiner Krawatte versteckte rote Rose, reiche sie ihr und sage: »Mein Liebes, wir sind morgen seit zwei Jahren wieder ein Paar. Du bist die Liebe meines Lebens und ich will mit dir für immer zusammen sein.«
Mit Freudentränen in ihren Augen nimmt sie die Rose an, umarmt und schmiegt sich an mich. »Du hast an unseren Jahrestag gedacht? Das ist so lieb von dir! Ich danke dir, mein liebes Herz. Sie wird mich den ganzen Abend begleiten.« Sie küsst mich. Die für mich schönsten drei Wörter fließen anschließend aus ihrem Mund. »Ich liebe dich.«
»Und ich liebe dich«, erwidere ich. Wie oft wir uns das heute schon gesagt haben. In den letzten Tagen hat es keinen Streit zwischen uns gegeben. Ich bin sehr konzentriert gewesen, um nichts falsch zu machen. Gerade am heutigen Abend soll Lili meine Liebe zu ihr sehr deutlich spüren. Ich will, dass sie bei mir bleibt und diesem Toni eine Abfuhr erteilt. Der heutige Tag ist also sehr gut gelaufen. Dieser hat damit begonnen, dass ich Lili Frühstück zum Bett gebracht habe, wir uns geliebt haben und ich sie zum Shoppen chauffiert habe. Gerade eben habe ich ihr meine Liebe versichert und ihr eine Rose überreicht. Dies wäre bereits ein wunderbarer Abschluss für einen schönen Abend gewesen, obwohl dieser erst begonnen hat.
Wir fahren los.
Sie will wissen, wie wir heute den Tag ausklingen lassen werden und platzt förmlich vor Neugierde. »Sagst du mir endlich, wohin es geht?«, bettelt sie zum wiederholten Male.
»Hm, lass dich überraschen.« Ich werde hoffentlich stark bleiben können und nichts verraten.
»Wie lange fahren wir noch?«, probiert sie es auf diesem Wege, Informationen aus mir herauszulocken.
»Bald sind wir da.«
»Ich habe eine Vermutung, bin mir aber unsicher.« Jetzt hat sie den Spieß umgedreht.
»Was denkst du denn, wohin es geht?«
Sie überlegt kurz, macht dann aber einen Rückzieher und schüttelt den Kopf: »Ich werde mich doch gedulden und mich überraschen lassen.«
Ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe, als ich sie von der Seite ansehe. Welche Vermutung hat sie nur? Ich schalte das Radio ein, um die Stille, die sich im Auto breitmacht, etwas zu überbrücken. Die Nachrichten unterbrechen die Musik und berichten über Staus, bedingt durch den Wiener Opernball. Ich presse die Zähne aufeinander, lasse mir nichts anmerken und schaue kurz zu Lili hinüber. Sie lächelt zart. Schwelgt sie etwa in Erinnerungen? Der Eröffnungswalzer mit Toni vor zwei Jahren ist für Lili ein einmaliges Erlebnis gewesen. Das habe ich von ihren Erzählungen herausgehört. Ich hoffe, wir treffen nicht so bald auf ihren Ex. Ich will einen großartigen Abend mit ihr verbringen. Je mehr Schönes wir miteinander erleben, desto besser ist es für unsere Beziehung. Außerdem habe ich auch noch ein weiteres Ass im Ärmel. Über eine App habe ich Tanzfiguren einstudiert, die wir im Kurs nicht geübt haben. So werde ich ihr bei unserem Walzer eine große Freude bereiten. Wenn sie merkt, dass sie mit mir auch ihre Leidenschaft leben kann, wird sie Toni und seine Tanzkünste endgültig vergessen.
Je länger die Fahrt andauert, desto mehr gerate ich erneut ins Grübeln. Einerseits plagt mich das schlechte Gewissen. Ich bin ohne ihr Wissen Tonis Balleinladung gefolgt und habe Lilis Eintrittskarte aus einem Brief an sie entwendet. Andererseits mache ich mir nun Tonis Ballkarte zunutze, um für mich Gewissheit zu bekommen, woran ich bei Lili bin. Ich würde jederzeit um Lili kämpfen, aber ich brauche die Bestätigung, dass sie keinerlei Interesse mehr an Toni hat. Ich täusche ihr auch keine falschen Gefühle vor. Ich will sie nach wie vor, aber für mich allein.
Lili verfolgt auf dem Navi die blau hervorgehobene Strecke, die sich Stück für Stück auf dem Display aufbaut. Noch schweigt sie, aber eigentlich sollte sie unser Ziel schon kennen, denn wir sind gleich da.
»Jetzt weiß ich es!«, sagt sie sehr überzeugt, als ich auf die Ringstraße einbiege.
»Ach ja?«, forsche ich weiter. Sie wird plötzlich ernst.
»Aber Schatz, das ist doch sehr kostspielig. Das wäre ja nicht nötig gewesen!« Höre ich da einen Hauch von Unsicherheit aus ihrer Stimme? »Warum gerade der Opernball? Hast du nicht immer gesagt, du hältst nichts von solchen Events?«, will sie wissen.
»Schönes Ereignis, schöne Frau, schöner Abend«, erkläre ich kurz und hoffe, dass sie sich mit meiner Antwort zufriedengibt. »Freust du dich etwa nicht?«
»Ich war mir sicher, dass wir tanzen gehen. Dass du mich aber zum Opernball bringst, das hätte ich mir nicht gedacht«, erwidert sie für meinen Geschmack etwas zu emotionslos.
Ich merke, dass sie grübelt. Das wollte ich nicht. Vielleicht war meine Aktion unnötig und Toni ist für sie doch nicht mehr aktuell? Meine Beweggründe jetzt zu erklären, ist keine Option, also belasse ich es dabei, dass ich ihr mit einem schönen Event eine Freude machen wollte. Ich überlege, wie ich die angespannte Stimmung in Leichtigkeit verwandeln kann und sage: »Du hast das Beste verdient und ich möchte dir alles bieten können, was du dir wünscht. Auf diesem Ball gemeinsam zu tanzen, ist doch eine wunderbare Erinnerung an unseren zweiten Jahrestag!«
»Das ist sehr lieb von dir, mein Schatz! Ich fühle mich von dir immer auf Händen getragen, egal, was wir unternehmen.« Sie legt eine Hand auf mein Knie und lächelt mich an. Trotz ihrer Worte wirkt sie noch immer angespannt. Dann sieht sie erneut aus dem Beifahrerfenster hinaus.
Während ich mit dem Auto hinunter in die Tiefgarage fahre, fällt mir etwas ein, um Lili aufzuheitern. Nachdem ich einen Parkplatz gefunden habe, werde ich ihr gentlemanlike den Hof machen, ihr die Wagentür öffnen und sie untergehakt zur Oper geleiten. Das ist eine spontane Idee, denke ich, und sie wird sich bestimmt darüber freuen. So sehr strebe ich danach, ihr erneut ein bezauberndes Lächeln zu entlocken. Es macht mich glücklich, jedes Mal. Mein Vorhaben setze ich jetzt in die Tat um.
»Darf ich bitten, meine Dame?«
Sie hat sich wieder gefangen und spielt mit: »Sie dürfen, mein Herr. Reichen Sie mir noch den Mantel? Es ist etwas kalt.«
»Wie Sie wünschen!«, antworte ich. Ich hole unsere Mäntel vom Rücksitz. Lili schlüpft, meine Hilfe dankend annehmend, hinein. Auch die Rose bleibt nicht allein im Auto, sie nimmt sie mit.
Die lange Wartezeit ist vorüber. Wir betreten über einen roten Teppich, mit Palmen und Fackeln links und rechts gesäumt, das Foyer. Unsere Mäntel haben wir bei der Garderobe abgegeben. Wir lassen uns auch fotografieren. Es ist ein hübsches Bild geworden, stellen wir fest, als wir es uns kurz auf dem Display des Fotoapparates ansehen dürfen. Meinen rechten Arm habe ich um Lilis Taille gelegt. Wir lachen in die Kamera.
»Wahrhaftig, ein perfektes Paar!«, meint der Fotograf, als er uns seine Visitenkarte überreicht, falls wir das Foto erwerben möchten. Lili steckt sie in ihre Handtasche.
Lili ist nun voller Freude. Ich merke, wie sie das Flair und Ambiente des Balls in ihren Bann gezogen und ihre Stimmung gehoben haben. Sie drängt in Richtung Tanzsaal, doch dorthin zu gelangen, ist bei dem Aufgebot an Ballgästen nicht so einfach.
Lili will unbedingt tanzen. Ich habe mich deswegen sehr gut vorbereitet. Sie wird ihren Augen nicht trauen können. Dass ich geübt habe, erwähne ich selbstverständlich noch nicht. Das ist eine Überraschung.
Tanzen ist nicht nur eine Leidenschaft von ihr. Nein, Lili war eine professionelle Tänzerin. Ich jedoch habe es erst erlernen müssen. Ich habe zwar Talent, sagt sie, doch das allein reicht mir nicht. Der Anspruch, besser zu werden, hat mich in den letzten Monaten unaufhörlich vorangetrieben. Unseren wöchentlichen Tanzkurs genieße ich deswegen sehr. Ich lerne viel Neues dazu und bewege mich immer geschmeidiger im Takt der Musik. Zusätzlich zu den Onlinetanzfiguren habe ich sogar, ohne Lilis Wissen, Einzelstunden gebucht.
Als wir weitergehen, hole ich mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Wegen des Tanzens allein bin ich nicht hier. Mittlerweile sind meine Blicke geschärft. „Du musst mich nicht suchen, du wirst mich sehen“ – so stand es ja in seinem Brief. Also: Wo ist dieser Toni? Ist er bereits hier? Mein Blick schweift umher. Ich glaube nicht, denn wir sind sehr zeitig dran. Sein Gesicht habe ich mir sehr gut eingeprägt. Lili wird auf die Probe gestellt, sie weiß es nur noch nicht. Ich werde ihre vorige Beziehungsgeschichte heute Abend auf keinen Fall ins Leben rufen. Das muss ich auch gar nicht, das wird von selbst geschehen. Ich werde erfahren, ob sie mich liebt und mit mir ein Leben führen möchte. Sollte sie Toni immer noch lieben, muss ich sie gehen lassen. Das ist die bittere Wahrheit. Es geht nicht anders. Ich schaffe es nicht länger. Wir würden noch mehr streiten und ich würde Lili dann so oder so verlieren. Meine Aufgabe zur Stunde ist klar. Egal, was passiert, ich muss Lili meine große Liebe zu ihr und die Vorzüge einer Beziehung mit mir klarmachen.
Dem roten Teppich folgt die prunkvolle Feststiege. Entlang der Treppe erkennen wir kunstvolle Verzierungen in Goldtönen und Statuen aus der römischen Antike. Viele bunte Blumen schmücken, wie die verschiedenfarbigen Rosen entlang des Stiegenaufgangs, die Statuen. Ich selbst werfe nicht einen so genauen Blick darauf, wie die Veranstalter das Opernhaus dekoriert haben. Ich bemerke es erst, da Lili staunend darauf aufmerksam macht. Weiter oben, wo sich die Stiegen zu den Bühnenlogen entzweien, erblicken wir einen großen Wandteppich. Zu sehen ist ein Halbmond, der mit seinem Mondschein die Stadttore und den dahinterliegenden Palast erahnen lässt. Auch Nomaden, die mit ihren Kamelen zurück von ihrer Reise in die angrenzende Stadt pilgern, bemerke ich. Wir gehen nach oben links die Stiegen hinauf und können die vordersten Logenplätze erkennen. Dort habe ich für uns keine Reservierung vorgenommen. Das ist kaum erschwinglich. Dennoch werfen wir einen Blick zu den meist noch leeren Plätzen, bevor es wieder hinunter zum Hauptsaal geht, dort haben wir einen Tisch für uns.
Wir betreten den schönsten Ballsaal der Welt. Die große Tanzfläche liegt vor uns und ganz am anderen Ende befindet sich die Bühne mit dem Orchester. Noch sind nicht viele Gäste am Tanzparkett, es füllt sich aber. An unserem Tisch angekommen, nutzen wir eine kurze Verschnaufpause und setzen uns. Die Rose hat vorerst auch ihren Platz in einer modischen, blauen Vase gefunden.
Die Mitte des Tanzsaals ist abgesperrt und bleibt menschenleer. Dahinter tummeln sich jedoch immer mehr eifrige Paare, um einen guten Platz für die Eröffnungsshows zu bekommen. Somit machen auch wir uns auf, um vorne einen Stehplatz zu ergattern.
Gleich nach dem traditionellen Eröffnungstanz wollen wir tanzen, weil fortlaufend mehr Tanzpaare hinzukommen werden und es enger auf der Tanzfläche werden wird. Zuvor gibt es die Showeinlagen und Tänze, die wir uns von dieser guten Position aus ansehen können. Wir haben sogar einen Platz ganz vorne erwischt.
Abermals heißt es warten. Die Zeremonien beginnen erst, wenn traditionell der Bundespräsident seine Loge betritt. Der Ablauf ist bekannt, der Jahr für Jahr immer gleich ist.
»Weißt du, was sie heute darbieten?«, unterbricht Lili unser Staunen.
»Ja, das weiß ich. Es wird nach der Bundes- und Europahymne orientalische Musik mit Tänzen geboten. Den Soundtrack von Phantasialand – Tausend und eine Nacht, um ganz genau zu sein. Es wird uns bestimmt gefallen.«
»Davon habe ich noch nie gehört.«
»Ich finde die Klänge großartig. Ich habe sie mir zuhause angehört.«
»Wirklich? Das heißt dann was bei dir! Ich bin auf die Tänze gespannt.
Da bin ich sicher neidisch.«
»Du wärst am liebsten dabei, ich weiß.«
»Mit welchem Programm geht das dann weiter, bevor der Donauwalzer abschließt?«
»Es wird etwas Akrobatisches dargeboten. Bis zum Donauwalzer spielen sie auch noch etwas von Johann Strauß. Heuer ist es etwas ganz Spezielles.« Lilis Augen strahlen. Anscheinend sind ihre Bedenken von der Fahrt wie weggeblasen.
»Du hast mir große Freude bereitet!« Gleich darauf packt sie mich und der innigste und längste Kuss des heutigen Tages geht über meine Lippen.
»Und du hast mir gerade das schönste Geschenk des Tages gemacht.« Erneut holt sie mit ihren Armen aus, um mich an sich zu drücken und um ihre Lippen noch länger an meine zu pressen.
Wir horchen auf, denn Töne erklingen. Das Orchester eröffnet mit der Bundeshymne. Unsere Blicke wenden sich den Musikerinnen und Musikern zu. Alle Gäste erheben sich von ihren Plätzen. Lili steht vor mir, dicht an mich geschmiegt, meine Hände berühren ihre Taille.
Um das lange Stehen erträglicher zu machen, schwingen wir mit der Orchestermusik mit. Viele Ballgäste begleiten die Hymne mit Gesang. Das passt gut dazu, stelle ich fest. Wir beide singen aber nicht mit. Wir beobachten die Geschehnisse und lauschen. Der große Sänger war ich nie und dieser werde ich wohl nie werden. Lili hat ebenso kein Interesse, beim Gesang mitzuwirken. Die Hymne ist so schnell auch wieder vorüber.
Gleich im Anschluss folgt die Europahymne. Wir genießen einen sehr schönen Moment. Ganz vertraut halten wir einander fest. Ein Kuss entkommt mir auf ihren Hals. Sie ist sehr angetan davon und es folgen von mir weitere. Kurz schweift mein Blick erneut umher. Von Toni fehlt weiterhin jede Spur. Wahrscheinlich hat er, nachdem von Lili keine Antwort auf die Einladung gekommen ist, sein Vorhaben abgeblasen. Ich lächle süffisant.
Gespannt erwarte ich nun Teil drei des Eröffnungsprogramms. Das für mich wunderbarste Musikevent des heutigen Ballabends beginnt. Der Soundtrack von Phantasialand – Tausend und eine Nacht erfüllt das Opernhaus. Lili bemerkt meine Begeisterung. Sie streicht mit ihren Händen über meine. Ich erwidere ihre Berührungen und halte sie mit meinen beiden Armen ganz fest an mich gedrückt.
Vier Tanzpaare begleiten das Stück. Sie sind ganz besonders gekleidet. Die Damen sind in Rot und die Herren ganz in Weiß angezogen. Sie tanzen in Perfektion und geben ihr Bestes. Ob Lili das könnte? Ich glaube schon. Sie würde jetzt am liebsten auch auf der Tanzfläche sein. Zum Glück ist das aber nicht der Fall. Ich wäre bestimmt sehr eifersüchtig. Im Rhythmus schwingt sie nun stärker mit. Ich fühle, dass sie sehr angetan von diesem Stil ist und die Choreografie gedanklich mittanzt. Da sind echte Profis am Werk. Ich bin begeistert und die Musik fesselt mich. Zusammen mit den liebreizenden Klängen des Orchesters wächst in mir die Abenteuerlust. Spätestens jetzt bin auch ich in Tanzstimmung. Lili hat ständig das Bedürfnis zu tanzen, sobald sich ihr eine Gelegenheit auftut. Mit tobendem Applaus geht die Vorstellung zu Ende. Lili verweilt berührt. Sie ist sehr überwältigt von der spektakulären Tanzeinlage. Ich klatsche mit der Menge mit.
Nach dem Beifall erwartet das Publikum die nächste Showeinlage. Es wird dunkel. Ein Scheinwerfer zeigt zu den Toren des Ballsaals. Ein athletischer, muskulöser Akrobat betritt die Tanzfläche. Seine Gestalt lässt mich erschaudern. Kann das wahr sein? Ich schaue ihn prüfend an. Leider stelle ich fest: DAS ist Toni.
Die Scheinwerfer von der Decke des Ballsaals folgen seinen Bewegungen. Er trägt ein schwarzes Kostüm mit glitzernden Sternen aufgenäht. Einen im Halbmond leuchtenden Reifen rollt er neben sich her. Seine Bekleidung und Ausstattung verdeutlichen das heutige Ballmotto.
Tonis Darbietung beginnt mit dem lauten Gong einer Bronzescheibe. Er bewegt sich in Richtung Mitte des Ballsaals, rollt seinen Reifen mit einer Hand langsam vor sich her und steigt einmal rechts, dann wieder links über ihn. Dort angekommen, geht es prompt mit bemerkenswerten Kunststücken los. Er turnt und tanzt mit seinem Accessoire. Eine spannungsgeladene Musik verstärkt instrumental seine Künste. Ich muss zugeben: So etwas habe ich noch nie gesehen. Es ist beeindruckend. Toni ist talentiert, attraktiv, er hat außerdem die perfekte Körpergröße, dunkles Haar und er dürfte ein paar Jahre jünger sein als ich. Ich bin acht Jahre älter als Lili. Ich fühle mich gerade alt.
Meine gute Laune schwindet. Ich verspüre sogar Eifersucht. So eine Situation habe ich nicht kommen sehen. Ich hätte nicht mit dieser Nummer gerechnet. Seinen Namen hätte ich beim Durchsehen des Programms nicht bemerkt. Oder habe ich nicht genau gelesen? Ich dachte, dieser Kerl käme als Gast und nicht als der Star der Tanzfläche. Ich blicke zu Lili, die nun neben mir steht und regungslos auf den turnenden Toni starrt. Mir scheint, sie hat sogar Tränen in den Augen? Oje, was haben denn nun Tränen zu bedeuten? Bedauern, weil sie nicht mehr mit ihm zusammen ist? Oder Traurigkeit, weil sie vermutet, dass ich von ihrem Kontakt, und dass er hier sein würde, gewusst habe? Oder Entsetzen, weil ihr klar ist, dass sie ihn liebt und sie mich verlassen muss? Ein letzter, aufsehenerregender Sprung zwischen Reifen und Künstler beendet die Choreografie. Es folgt abermals tobender Applaus. Toni bedankt sich mit einem spektakulären Rückwärtssalto. Wie er gekommen ist, so geht er auch.
Diesmal mache ich beim Beifall nicht mit. Lili bemerkt meine Zurückhaltung, klatscht aber. Als sie mich ansieht, weiß sie, dass ich Toni vermutlich erkannt habe und mir die Tränen in ihren Augen nicht entgangen sind. Sie wirkt erstaunt und fassungslos zugleich.
Die nächste Darbietung hat begonnen. Es wird erneut ein musikalisches Ensemble von Johann Strauß gespielt. Mir ist die weitere Show zur Nebensache geworden. Mein allergrößter Schatz, mein Allerliebstes, geht mir nur mehr durch den Kopf. Was sich nur in ihren Gedanken abgespielt hat oder noch immer abspielt, frage ich mich. Da sie vorhin applaudiert hat, habe ich ihre Hände nicht mehr in den meinen. Ich stehe nur mehr neben ihr, ohne sie festzuhalten.
Ich bin irgendwie erstarrt, auch zittrig und unruhig. Lili sucht als Erste das Gespräch: »Alles okay mit dir?«
Diese Worte helfen mir nicht, um mich zu beruhigen. Was soll ich darauf antworten? Sie hat auch nicht mehr, wie sonst üblich, mich mit „mein Herz“ angesprochen. Ich überlege. Mir fällt so schnell nichts Passendes ein. »Ja, es ist alles in Ordnung«, ist meine simple Antwort.
Sie hakt nach: »Ist wirklich alles okay? Du wirkst sehr angespannt.« Sie spielt bewusst nicht auf die vorige Situation an. Das kann ich verstehen. Ich bin überfordert, ich möchte heute keinen Streit zwischen uns und sie wahrscheinlich auch nicht. Aber das Schweigen in dieser Angelegenheit wird uns nicht weiterbringen. Allerdings ist der Zeitpunkt nicht der richtige.
»Doch, alles gut«, sage ich trocken und ernst. Zwischen uns wird es still. Keiner sagt mehr etwas.
Die letzte Vorstellung naht. Viele Paare betreten den Ballsaal, um den Donauwalzer zu tanzen. Traditionell sind die Herren in Schwarz und die Damen in Weiß gekleidet. Die Paare stellen sich gegenüber auf und warten mit ihren Tänzen auf das Orchester, bis es anfängt zu spielen. Ich schweife mit meinen Blicken durch den Saal. Alle wirken fröhlich und zufrieden. Alle - außer uns beiden.
Die Musik beginnt. Viel Beachtung schenke ich der Darbietung nicht. Ich bin zu sehr mit mir und meinen Gefühlen beschäftigt und meine Gedanken engen mich ein. Wie schnell sich eine Stimmungslage ändern kann, stelle ich fest. Vom Höhenflug des Glückempfindens und bester Laune in ein emotionales Loch.
Lili wartet darauf, dass ich etwas tue und diese unbehagliche Situation auflöse, also breche ich das Schweigen und frage geradeheraus: »Lili, möchtest du mir etwas sagen?«
»Bitte bleib ruhig!«, entgegnet sie schnell, ihre Hände beschwichtigend auf meine Brust legend. »Der Akrobat mit dem Reifen war Toni, mein Ex.« Ihr Blick ist flehentlich. Sie hofft, dass ich darüber hinwegsehe, dass ihr Ex auch da ist. Was soll ich jetzt nur antworten? Ich denke nach. Sie sagt sogar die Wahrheit! »Theo, du bist betroffen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wir werden trotzdem einen großartigen Abend miteinander verbringen und ihm bestimmt nicht mehr begegnen.«
»Und die Tränen in deinen Augen?«
»Hatten nichts mit ihm zu tun.«
Der letzte Programmpunkt ist voll im Gange und unsere im Keim beginnende Diskussion wird erstickt. Also belasse ich es vorerst dabei. Wir fassen einander wieder an den Händen. Meine Betroffenheit ist aber noch da. So kann ich das keinesfalls stehen lassen und werde später, wenn wir zuhause sind, die Karten auf den Tisch legen. Ich hätte mir ein Aufeinandertreffen mit Toni gewünscht, damit er sieht, wie wir glücklich miteinander den Abend verbringen und sie sich zu mir bekennen kann. Mit einem Auftritt von ihm habe ich nicht gerechnet, das hat meinen Plan etwas durchkreuzt.
Ich drehe meinen Kopf zu ihrem, sehe sie an und streichle über ihre Hände. Sie erwidert meine Berührungen und wir halten aneinander fest.
Lili sieht zu den hinteren Tanzpaaren. Auch ihr liegt die Situation schwer im Magen. Ich versuche, mich auf die Tänze zu konzentrieren. Nach dem Donauwalzer wollten wir, Lili und ich, unseren Walzer tanzen. Ich beherrsche ihn doch schon so gut. Darauf hat sie sich die ganze Zeit so gefreut. Ich möchte keinesfalls den Abend ruinieren. Hier zu streiten, würde sie vielleicht noch zu ihm hintreiben. Ich versuche, mich zusammenzunehmen. Ich habe ein Ziel. Sobald der Donauwalzer vorbei ist, schnappe ich Lili und ich fliege mit ihr tänzerisch durch den Saal. Sehr entschlossen und frohen Mutes werde ich an diese Sache herangehen. Ich glaube, so rette ich unser Date. Genau das werde ich in die Tat umsetzen. Ja, ich glaube, das gelingt mir. Ich bin froh und ich spüre in mir Erleichterung. Das wird uns helfen, davon bin ich überzeugt.
Ich betrachte die großartigen Tänzerinnen und Tänzer, wie sie ihre Kreise im Dreivierteltakt drehen. Nun tanzt ein Pärchen nah bei uns vorbei. Großer Gott! Ich schrecke zurück! Ich sehe diesen Kerl schon wieder auf der Tanzfläche. Toni tritt abermals ins Rampenlicht. Er tanzt auch noch den Eröffnungswalzer. Jetzt wird mir klar, warum er Lili die Ballkarte zukommen hat lassen. Er wollte sie beeindrucken. Das hat er jetzt wohl auch geschafft. Dieser Toni hat alles richtig, ich hingegen alles falsch gemacht, um Lili zu beeindrucken.
Ich schaue Lili an. Es gibt keinen Zweifel. Von so vielen Tanzpaaren blickt sie ausgerechnet zu ihm. Ich bin betroffen! Ich bin verzweifelt! Ein kalter Schauer rinnt mir den Rücken hinunter. Es scheint fast so, als würden Gefühle zu ihm wieder aufflammen, als dass sie ihn loslassen wird. Wie soll sie jetzt mit ihm abschließen können? Das wird nicht mehr möglich sein. Was habe ich nur getan? Ihre Mimik ist so sehnsüchtig. Ist sogar noch Liebe im Spiel? Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Eine noch unbehaglichere Situation tritt gerade ein. Ich hätte nicht mit ihr hierher gehen sollen. Das kann alles nicht wahr sein!
Ich überlege. Was hat sie mir einmal erzählt? Ich denke nach. Ich glaube, er hat ihr den Laufpass gegeben. Hm, aber warum hat er das getan? Ich weiß es nicht mehr. Das ärgert mich.
Ich beobachte dieses Tanzpaar ebenso. Wütend stelle ich fest, dass Toni versucht, Blickkontakt mit Lili herzustellen. Bei jeder Gelegenheit sieht er zu ihr hin. Ich würde Lili am liebsten packen und mit ihr den Ballsaal verlassen. Ich frage mich, ob ich das augenblicklich tun sollte. Ich bin jetzt nicht mehr in der Lage, mit ihr zu tanzen.
Was soll ich tun? Ich bin gestresst, ich bin überfordert. Ich fasse keinen klaren Gedanken. Das für mich so Grausame ist jetzt: Er hat ihre Blicke auf sich gezogen. Was jedoch noch viel schlimmer ist: Sie ist für ihn offen.
Der Donauwalzer für alle geht mit den Worten: „Alles Walzer“ los. Jetzt können alle Gäste dazu tanzen. Ich verweile aber regungslos. Ich sehne mich nach Lili, will sie fester in den Arm nehmen, das schaffe ich aber nicht. Ich bin befangen.
Lili steht nachdenklich neben mir. Toni und seine Tanzpartnerin haben sich nur weniger Meter von uns entfernt platziert. Frustriert beobachte ich, dass Lili immer wieder zu ihm hinüberschaut.
Ich kann mein Schweigen nicht mehr unterdrücken. Wir wollten außerdem längst tanzen, bevor die Menge an Paaren auf der Tanzfläche immer mehr werden würde. Ich muss jetzt irgendetwas sagen. »Mein Liebes, du schaust ihn so sehnsüchtig an.«
»Nein, tu ich nicht«, erwidert sie mit kalter Miene und löst sich von meinen Händen. Oh Gott! So hätte ich nicht ins Gespräch starten sollen. Ich bin so dumm. Was sage ich ihr jetzt nur? Ich überlege.
»Vermisst du ihn und das Tanzen?«, frage ich. Das war jetzt auch nicht gerade die beste Idee, aber besser als zu schweigen.
»Jetzt lass das doch, alles ist gut. Vergangen ist vergangen!«, versucht sie mich zu beruhigen. Mir fällt auf die Schnelle nichts Passendes zu erwidern ein. Erneut ist es still zwischen uns. Die Situation hat sich kaum gebessert. Mir geht es nicht gut, ihr auch nicht.
Mir wird gerade richtig übel. Dieser Kerl, ihr Exfreund Toni, kommt nun auf uns zu! Sein Gang wirkt sehr entschlossen und vor allem selbstsicher. So locker bin ich leider gerade gar nicht. Ich stelle fest, auch aus der Nähe sieht er gut aus. Er hat bestimmt eine starke Wirkung auf Frauen. Es kommt alles auf einmal zusammen. Es sind Befangenheit, Eifersucht, Schrecken, Frust und das Schlimmste: Ich bin von mir selbst sehr enttäuscht. Mein Fehler war, die Ballkarte von Toni anzunehmen. Tonis Brief nach ist klar gewesen, dass er sie aufsucht. Ich habe mir selbst eine Grube gegraben. Ich habe Toni Tür und Tor geöffnet, um Lili zu beeindrucken. Das kann kein Zufall sein. Toni hat offensichtlich von mir gewusst. Hat er damit gerechnet, dass ich mit Lili auf den Ball gehe? Ich erinnere mich: Durch das Kuvert konnte man die Ballkarte sehen. Das ist mein Anstoß gewesen, den Brief zu öffnen. Toni könnte spekuliert haben, dass ich genauso handeln würde. Ich bin in die Falle getappt, wenn es eine gewesen ist. Wenn Lili den Brief aufgemacht hätte, was wäre dann geschehen? Das kann ich nicht wissen, denn ich kenne die vorherigen Inhalte der Briefe zwischen Lili und Toni nicht. Was wird jetzt passieren? Wie reagiert sie? Wie verhält sich Toni? In meiner Gedankenwelt ist viel gleichzeitig aufgekommen: Ich will Lili für immer festhalten, ich will sie nicht missen wollen, sie gehört zu mir, ich liebe sie, wir geben ein so schönes Paar ab, wir lieben uns, wir verspüren so viel Verbundenheit und Nähe zueinander. Da kann es doch keinen Konkurrenten geben. Das kann doch nicht sein! Das darf nicht sein!
Der Typ steht fröhlich und begeistert vor uns. Weder ich noch Lili sagen etwas. Er beginnt zu sprechen. »Belle! Baby, du bist gekommen. Du siehst umwerfend aus!«
Der Typ kann Sprüche klopfen. Von ihr kommt keine Antwort. Mich hat er gar nicht erst wahrgenommen. Die Konfrontation mit Toni hätte ich mir heute anders vorgestellt. Jetzt kann ich nichts mehr ändern. Lili kennt mich schon seit so langer Zeit. Ihr muss klar sein, wen sie liebt. Liebt sie uns beide? Ist das möglich? Nur so kann ich nicht weitermachen. Entweder sie entscheidet sich ganz für mich oder ich gehe. Es liegt in ihrer Hand. Ich werde daher nicht mehr eingreifen und versuchen, sie für mich zu gewinnen. In ihrem Herzen weiß sie, wie sehr ich sie liebe, wie sehr ich sie bewundere, wie sehr ich mich zu ihr hingezogen fühle. Sie weiß das alles und ich weiß, ich akzeptiere keinen anderen neben mir. Ich schaffe das nicht.
Wiederholt setzt Toni an. »Super Show, oder? Es hat sich ausgezahlt, meiner Einladung zu folgen, stimmt’s?« Sie verzieht ihr Gesicht. Verwunderung keimt in Lili auf. Sie sieht Toni mit großen Augen an. Kein Wort schafft es aus ihrem Mund.
Das hat noch gefehlt. Jetzt kommt doch schon alles heraus. Lili muss es schwer haben, einen klaren Gedanken zu fassen. Wie geht es ihr jetzt bloß? Was wird sie tun? Lili ist auf sein Erscheinen nicht gefasst gewesen. Sie ist überfordert. Verwunderte Blicke nehme ich wahr. Betroffenheit erwidere ich.
Toni gibt nicht auf: »Ahh, und ich sehe, du hast jemanden mitgebracht? Keinen von den Tänzern, denn ich kann mich an alle vom Team erinnern. Naja, macht ja nichts!« Er streckt mir seine Hand entgegen und beginnt sich vorzustellen: »Hi, ich bin Toni! Lili und ich waren mal ein Tanz- und Liebespaar, daher kennen wir uns, weißt du!«
Ihre Vergangenheit als Liebespaar hebt er besonders hervor. Respektvoll, aber wie versteinert, gebe ich ihm die Hand zur Begrüßung. Er blickt gleich wieder zu Lili und probiert nochmals, mit ihr ins Gespräch zu kommen. »Liebes, du sagst ja immer noch nichts. Um das Eis zu brechen und der alten Zeiten willen, sollten wir tanzen. Was meinst du?«
Der Typ ist ein abgebrühter Womanizer. Fällt sie tatsächlich auf so jemanden herein? Ich warte gespannt, wie es weitergeht. Wie reagiert sie? Ich enthalte mich des Gesprächs. Diesmal sind es unsichere Blicke von ihr. Alles, was ich ihr jetzt mit meiner Mimik erwidern kann, ist meine aufrichtige, tiefe Liebe zu ihr.
Sekunden vergehen.
Was wird sie nun tun? Sie zögert. Toni wartet. Ich hoffe. Ihre Augen schauen zu Boden und wieder hoch zu Toni. Sie spricht ihn an. »Hallo Toni, schön dich zu sehen.« Ich glaube, das hat sie gesagt. Sie hat sehr leise gesprochen. Ich konnte ihre Worte kaum verstehen.
Prompt setzt Toni das Gespräch fort und stellt ihr Fragen, so als hätte er eine Ewigkeit nichts mehr von ihr gehört. Dass ich nicht lache! »Wie sieht es mit deiner Tanzkarriere aus?« Das ist ein wunder Punkt bei Lili. In mir wachsen Frust und Eifersucht.
»Es ist derzeit nur mehr ein Hobby«, sagt sie ihm. Sie dürften jetzt in einem vertrauten Bereich angekommen sein.
»Echt? Das hältst du aus? Was machst du jetzt?«
»Ich bin Physiotherapeutin.«
»Fantastisch, das trifft sich ja hervorragend! Eine private
Physiotherapiestunde könnte ich nach meiner Nummer gut gebrauchen«, schmunzelt Toni und stößt mit seinem Ellbogen provokativ gegen meinen Rippenbogen. Sein anrüchiges Grinsen lässt die Wut in mir aufsteigen.
Toni bemerkt mein Unwohlsein, konzentriert sich aber fortan wieder auf Lili. Er streckt ihr seine linke Hand entgegen und fordert sie auf: »Komm, Belle, tanze mit mir!« Jetzt reicht es! Ich balle meine Faust. Toni setzt noch einen drauf und legt nun seinen Arm um Lilis Schulter. Er provoziert: »Du hast doch nichts dagegen, oder Kumpel?«
Erneut verzieht er seine Lippen zu einem Grinsen. Meine rechte Faust schnellt nach vorne in Richtung Tonis Gesicht. Als ich Lilis erschrockenen Blick aus dem Augenwinkel wahrnehme, versuche ich, die Kontrolle zurückzuerlangen und den Schlag abzuwenden. Leider streife ich ihn aber doch. Toni weicht gleich nach hinten aus, greift sich an seine Nase und lässt sich theatralisch zu Boden fallen. Lili ist entsetzt!
»Theo, wie konntest du nur?« Ich bin von Tonis gespielter Wehleidigkeit und seinem gekünstelten Fall zu Boden überrascht.
»Erkennst du nicht, was er versucht?«, ist meine Antwort. Die Ballgäste um uns herum werfen uns erschrockene Blicke zu, tanzen aber weiter, da Toni abwinkt und aufsteht.
»Theo, was redest du da nur!«, entgegnet Lili entsetzt. Sie macht auch einen Schritt zurück. Mein Unheil wird größer. Sie macht noch einen Schritt weg von mir und hin zu ihm, zu Toni, der den Anblick eines unschuldigen Hundewelpen imitiert.
»Lili, wie kannst du nur! Ich habe ihn kaum berührt! Siehst du das nicht?« Sie gibt mir darauf keine Antwort. Sie kümmert sich um Toni. Sie sagt etwas zu ihm, das kann ich aber aufgrund der Lautstärke im Saal nicht hören.
»Seine Nase, der Arme! Ich gehe mit Toni zum Tisch. Er muss sich setzen!«, sagt sie bestimmend zu mir und lässt mich zurück.
»Das darf doch jetzt nicht wahr sein! Siehst du das denn nicht?«, rufe ich ihr noch nach. Sie hat mich gehört, denn sie sieht zu mir zurück.
Der coole Toni spielt die Opferkarte aus. Er hält ein Taschentuch an seine Nase gedrückt und lässt sich von Lili umsorgen. Ich weiß, ich bin zu weit gegangen. Ich habe die Nerven verloren, aber der schmierige Typ hat es verdient. Ich folge den beiden hinterher.
Lili bietet Toni an unserem Tisch sogar einen Platz an. Ich fasse es nicht! Sie tupft ihm vorsichtig über seine Nase, obwohl kein Blut oder eine Schwellung zu sehen ist. Dreist greift er nach der Rose und zupft ein Blütenblatt ab. Langsam lässt er es zu Boden schweben. Er provoziert mich. Meine Faust ballt sich erneut.
»Lili, können wir gehen?«, sage ich ruhig. Sie dreht sich zu mir.
»Du kannst gehen, um etwas zum Kühlen zu holen!«, antwortet sie.
»Das mache ich sicher nicht!« Ich bin empört. Ich bin entsetzt, dass
Lili auf diesen miesen Kerl hereinfällt. »Siehst du das denn nicht?«, wiederhole ich betont deutlicher.
»Er ist mein Ex, na und! Kein Grund, ihn zu schlagen!« Ich breche nun mein Schweigen.
»Du hast mit ihm Briefkontakt! Ich weiß davon!«
»Jetzt verstehe ich. Du hast hinter meinem Rücken seine Briefe gelesen! Ich kann es nicht glauben, dass du mir so wenig vertraust! Der Opernball war nicht deine Idee? Ich bin sehr enttäuscht!«
»Du bist enttäuscht? Ich habe alles versucht, dich für mich zu gewinnen! Dein Ex versucht, uns auseinanderzubringen!«
»Schatz, mit so jemand Gewalttätigen gibst du dich ab? Mit mir hattest du nur schöne Stunden. Zu solcher Brutalität wäre ich nicht imstande.«
»Toni, das ist jetzt nicht das Thema. So ist es wiederum auch nicht!«, weist Lili ihn in die Schranken. Ein wenig kann ich durch diese Worte von Lili verschnaufen.
»Belle, immer habe ich dir den Himmel zu Füßen gelegt. Primitive Faustschläge brauche ich nicht anwenden, um dir zu zeigen, dass du zu mir gehörst«, gibt nun Toni von sich. Ich hätte doch fester zuschlagen sollen. Dieser miese Kerl macht mich rasend.
»Toni, sind die Ballkarten von dir? Ich muss das jetzt wissen.«
»Belle, ja klar, ich mache dir immer die einzigartigsten Geschenke!«
Es reicht mir wieder. »Lili, so war es nicht. Toni, bitte lass uns allein!«
»Bleib ruhig! Du bist hier fehl am Platz. Du bist nicht einmal ein
Tänzer!«, kontert er völlig gelassen und lehnt sich selbstgefällig zurück.
Abermals überkommt mich meine Wut. Ich richte mich auf und bin kurz davor, mich auf Toni zu stürzen. Toni ahnt, was jetzt kommt und erhebt sich vom Stuhl.
»Hört auf, ihr zwei! Mir reicht es! Ich gehe! Mir ist das alles zu viel!«
Schlagartig bremst mich diese Aussage von Lili ein.
»Was meinst du damit?«
»Das heißt, ich schlafe heute woanders.« Entsetzt sacke ich zusammen. Mit dieser Aussage hätte ich nicht gerechnet. Ich verstumme.
»Belle, wo kann ich dich hinbringen?«, fragt Toni Lili. Mit einer Geste der Ablehnung dreht sich Lili um und geht rasch davon.
Meine Blicke folgen ihrem schnellen Gang hin zur Treppe, hinunter ins Foyer.
»Baby!«, ruft Toni nun und folgt ihr kurzerhand.
Verbittert bleibe ich zurück.
Ohne Lili, aber mit der Rose in der Hand, verlasse ich den Ballsaal und gehe hinunter ins Foyer. Ein letzter Blick, nein, weder sie noch Toni ist irgendwo zu sehen. In der Tiefgarage und beim Wagen angekommen, sitze ich noch einige Zeit im Auto. Ein hoffnungsvoller Blick aufs Smartphone, nein es gibt keine Nachricht von ihr.
Ich starte meinen BMW und fahre zurück zu unserer Wohnung. Ich kann mich schwer auf die Autofahrt konzentrieren. Ich zittere. Das hat mich alles sehr mitgenommen.
In der Wohnung ist es finster. Lili ist nicht hier. Eine ungewohnt furchtbare Stille finde ich vor. Einen Blick werfe ich erneut aufs Smartphone. Leider erscheint weiterhin keine Nachricht von Lili. Ich bin sehr unruhig, bestürzt und betroffen. Ich fühle mich nicht in der Lage, mich von Anzug und Krawatte zu befreien und in ein bequemeres Outfit zu schlüpfen. Nur den Mantel hänge ich an den Kleiderhaken. Die Schuhe habe ich auch noch an. Von der Rose kann ich mich nicht trennen. Ich halte sie fest. Ich setze mich mit meinem Smartphone und der Rose auf die Couch. Unentwegt starre ich auf das Display. Ich lasse den ganzen Abend Revue passieren.
Zweifelsohne stelle ich fest: Lili hat ihn nicht abblitzen lassen. Was nach ihrem Verschwinden weiter passiert ist, kann ich nicht wissen. Hat er sie begleitet? Wo ist sie? Ist sie sogar zu ihm gefahren? Daran will ich gar nicht denken. Soll ich sie anrufen? Soll ich ihr schreiben? Ich weiß mir nicht zu helfen.
Viele Minuten vergehen.
Ich entscheide mich, ihr doch zu texten. Ich tippe eine Nachricht.
>Mein Liebes, geht es dir gut? Ich bin zu Hause. Ich vermisse dich! Ich liebe dich! Dein Herz, Theo<
Ja, das passt so. Ich sende den Text. Gespannt warte ich darauf, ob sie meine Nachricht liest und mir gleich antwortet. Es erfolgt keine Lesebestätigung. Unentwegt starre ich auf das Icon der Nachrichtenapp.
Es tut sich nichts.
Stunden sind nun vergangen.
Von Lili weiß ich immer noch nichts. Vergebens warte ich auf einen Anruf. Meine Message hat sie auch noch nicht gelesen. Ich wähle ihren Namen auf meinem Display.
Ich horche, es läutet.
Ich warte gespannt.
Nach mehrmaligem Läuten meldet sich die Mobilbox. Ich lege auf.
Meine Gedanken beschäftigen sich mit den heutigen Geschehnissen, seit ich abends zu Hause auf der Truhe Platz genommen und auf Lili gewartet habe. Neben meinen überdenke ich auch Lilis eventuelle Sichtweisen und Gedankengänge. Alles, was sie gesagt und gedacht haben könnte, überflutet mein Bewusstsein. Ich verweile regungslos und allein eingekuschelt in der Decke auf der Couch. Ich rede mir ein, dass ich nur einen langen Albtraum träume und ich sicherlich gleich frühmorgens von den ersten Sonnenstrahlen geweckt werde, die mein Gesicht berühren und es erstrahlen lassen, denn dann wird alles gut sein. Das alles kann nicht passiert sein. Irgendwann schlafe ich ein.
∞
Drei Tage später.
Von Lili fehlt jede Spur. Ich bin zerstreut. Es sollte alles anders werden. Diesmal würden wir es schaffen, ich war mir doch sicher.
Frustrierende Gedanken haben mich fest im Griff. Ich bin bald zweiunddreißig, habe keine Frau, keine Kinder und keine neue Perspektive.
Wie gestern schreibe ich ihr. Noch immer kommt keine Antwort.
Heute wären wir zwei Jahre zusammen gewesen. Ich habe es erneut vermasselt. Unruhig wandere ich in unserer Wohnung auf und ab. In der Küche bleibe ich stehen und werfe einen kurzen Blick aus dem Fenster.
Ich höre eine Autotür zuschlagen. Ein Wagen braust eilig davon.
Ich ahne nichts Gutes und haste zur Eingangstür, die ich energisch aufreiße.
»Lili!«, rufe ich verzweifelt. Aber niemand ist da.
Panisch schaue ich mich um. Aus dem Schlitz des Postkastens lugt die Ecke eines Kuverts. Mein Herz pocht wie verrückt. Mir scheint es die Luft abzusperren. Mit zitternden Fingern ziehe ich den dünnen Umschlag heraus und reiße ihn auf. Ich brauche den Zettel darin erst gar nicht herauszunehmen und aufzuklappen, denn ich ahne bereits, was darauf steht. Der Schlüssel, der beigelegt worden ist, verrät mir alles. Mit gesenktem Kopf betrete ich den Vorraum, schließe die Tür und lehne mich eine Stütze suchend dagegen. Der Kloß in meinem Hals wird immer größer. Ich kann nicht anders, ziehe das Blatt Papier doch heraus und lese folgende Zeilen:
>Hallo Theo, hiermit beende ich unsere Beziehung. Ich möchte keine Nachrichten mehr von dir erhalten. Ich werde sie ohnehin nicht lesen. Ich wünsche dir für dein Leben das Allerbeste und dass du glücklich wirst. Meine Sachen lasse ich demnächst von einem Umzugsdienst abholen. Warte nicht auf mich. Ich werde nicht dabei sein.
Alles Gute, Lili.<
Diese Nachricht ist ein Schlag ins Gesicht. Gefühlt tausendmal lese ich ihre Zeilen, weil ich nicht glauben kann, was dort steht.
Weitere Tage vergehen.
Ich bin unrasiert, unfrisiert, unzufrieden, unterernährt und leicht unterkühlt und warte täglich auf einen aufkommenden Lichtblick. Meine Wohnung habe ich nach der vergeblichen Suche nach weiteren Briefen zwischen Lili und Toni fast auseinandergenommen. Meinen langen Roman, den ich als Antwort an Lili zu schreiben vorgehabt habe und seit Tagen bearbeite, lösche ich. Ich schreibe nur >Ich liebe dich< und sende die Nachricht nach langem Zögern ab. Aber von Lili kommt wie versprochen keine Antwort.
∞
Am nächsten Sonntagvormittag klingelt es.
Ich erwarte keinen Besuch. Ist sie es? Ich eile kurz zum Spiegel, um zumindest meine Haare zurechtzurücken, bevor ich nachsehe.
Durch den Türspion erblicke ich leider keine Lili. Kurze, gelockte, brünette Haare trägt die Person, immer rasiert und genau so groß wie ich und zu jeder Jahreszeit, egal ob warm oder kalt, wird eine farbenfrohe, grelle, ausgefallene Jacke ausgeführt. Es ist Max. Ich öffne sofort die Tür.
»Hallo! Was machst du denn hier?«
»Ich dachte, ich rufe nicht an und komme lieber gleich, nach all dem, was du mir geschrieben hast.«
»Du bist so ein guter Freund! Danke, dass du hier bist. Ablenkung wird mir helfen.«
»Hätte ich dich angerufen, hättest du mir wahrscheinlich abgesagt.«
»Ziemlich sicher sogar!« Die Wohnung sieht furchtbar und nicht einladend aus. Mich zu motivieren, mein Zuhause zu verlassen und mich von Max aufmuntern zu lassen, wird das Beste des heutigen Tages sein.
Früher haben wir öfters eine kleine Runde zu zweit unternommen.
Während meiner Beziehung mit Lili habe ich mich kaum mehr mit anderen Menschen getroffen. Eigentlich mit niemandem sonst, außer an bestimmten Feierlichkeiten wie Geburtstagen - und da ist sie immer dabei gewesen. Jetzt, wo Lili weg ist, bin ich froh, einen Freund wie Max zu haben und dass er Zeit für mich hat. Wir kennen uns seit eh und je, und das bestens. Er weiß, wie es mir geht, wie ich denke und fühle. Wir reden nicht immer viel miteinander. Das stört aber nicht, ganz im Gegenteil. Die Ruhe und Stille genießen wir beide, zum Beispiel wie gerade eben, wenn wir draußen in der Natur sind. Nach einer Zeit des Schweigens eröffnet er schließlich das Gespräch.
»Geht’s dir schon besser?«
»Nicht wirklich, aber ich bemühe mich. Ich muss ständig an sie denken.«
»Rede mit anderen Leuten und unternimm vor allem etwas!«, fordert mich Max auf.
»Das habe ich sogar.«
»Was?«
»Mit jemandem geredet!«
»Das ist gut!«
»Ja, mit Marie von der Arbeit. Das hat geholfen.«
»Was hat sie gesagt?«
»Dass ich nach vorne sehen muss und wieder bessere Zeiten kommen werden. Sie hat auch gemeint, dass ich gerade jetzt viel unternehmen soll.
Das ist nur sehr schwer.«
»Weißt du, es ist wichtig, dass dir klar wird, dass Liebe allein nicht das Wichtigste im Leben sein muss. Es gibt noch andere großartige und lebenswerte Inhalte.«
»Für mich ist das aber Liebe. Ich kann es nicht ändern. Was meinst du mit anderen Inhalten?«
»Deine Freiheit zum Beispiel, und dass du dein Singledasein genießen könntest!«
»Mit Singledasein habe ich noch nie etwas anfangen können. Es stimmt schon, hätte ich mehr deine Einstellung zum Leben, würde es mir weniger schwerfallen, loszulassen.«
»Du kannst daran arbeiten.«
»Wie ist das bei dir? Möchtest du immer noch keine Beziehung haben? Deine letzte ist schon ewig her!«
»Verliebtsein ist ein schönes Gefühl, aber nicht das Wichtigste in meinem Leben. Ich habe, wie gesagt, andere Dinge, die mich erfüllen.«
»Und wenn du doch einmal die Richtige treffen solltest?«
»Trotzdem, ich bleibe mir treu und mache mein Ding. Das ist vorrangig.«
»Ich bin da leider anders.«
»Du kannst dein Leben auch ohne Freundin erfüllt gestalten, eine andere Einstellung entwickeln und dich nicht nur auf die Liebe konzentrieren.«
»Das ist sehr schwer für mich.«
»Komm, gib dir einen Ruck!«
»Ich weiß nicht, was ich machen soll!«
»Das habe ich dir schon vorgeschlagen.«
»Ach ja? Dann hilf mir, mich zu ändern, wie auch immer das klappen soll.«
»Ich unterstütze dich. Was ist dir im Leben außer der Liebe noch wichtig?«
»Ich habe meinen Sport, meine Arbeit.«
»Das ist ein Anfang. Du kannst darauf aufbauen. Starte mal mit einem Fitnesstag durch. Das wird dich auf andere Gedanken bringen und du fühlst dich dann garantiert besser als davor. Außerdem kommst du unter Leute. Das Allein-in-der-Wohnung-Herumlungern zieht dich nur noch mehr herunter.«
»Okay, ich hab’s verstanden.« Mit diesen Worten blocke ich ab, zu sehr kommen die Gefühle zu Lili wieder hoch. Sich ändern sollen, wenn man an der Vergangenheit festhalten will, ist schwer.
Mit Max kann ich über alles reden. Da gibt es keine Geheimnisse. Bei ihm kann ich völlig offen sein. Ich erinnere mich: Ich habe mit Max schon einmal ein ähnliches Gespräch geführt. Schon lange hat er bereits diese Einstellung und mir versucht, diese schmackhaft zu machen.
Aber auch er ist einmal sehr verliebt gewesen. Seither hat sich bei ihm die Einstellung zur Liebe tatsächlich gewandelt. Liebe zu einem bestimmten Menschen ist ihm früher wichtiger gewesen. Auch wenn er jetzt anders darüber denkt. Es tut dennoch gut, seine Worte zu hören.
Sie lenken von meinem Leiden und meinem Verlust ab.
Max hat es nun geschafft, mich aus der Wohnung zu holen und mir geholfen, mich an der schneeweißen Winterlandschaft zu erfreuen. Ich habe mich ein wenig ablenken können und meine Gedanken nicht ausschließlich Lili gewidmet. Als sich Max von mir verabschiedet und geht, ist es für mich wieder schwer, allein zu sein. Max hat damit Recht gehabt, dass ich mich zu sehr auf Lili und unsere Beziehung konzentriert habe. Ich habe nicht mehr auf mich geachtet, mein einziger Lebensinhalt ist es gewesen, sie täglich glücklich zu machen. Ich habe beispielsweise mein Fitnessprogramm nicht für mich gemacht, sondern nur, um Lili gut zu gefallen. Lili war meine Motivation, zwei Mal in der Woche fleißig zu trainieren. Andere Sportarten, die mich mehr interessiert hätten, habe ich sehr vernachlässigt. Jetzt, wo Lili nicht mehr da ist, trifft mich die Einsamkeit deswegen sehr hart. Für mich ist aber dennoch klar: So kann es nicht weitergehen und ich muss, auch wenn es mir schwerfällt, in meinem Leben etwas ändern. In der Arbeit habe ich bereits meine Erfüllung gefunden. Ich bin Klimatologe - das, was ich stets sein wollte.
Ich erforsche Klimasysteme und das Wetter. Aber die Liebe ist und bleibt das Wichtigste für mich. Sie treibt mich an, für sie will ich leben. Sie gibt mir Kraft, die Arbeit und alles andere gut zu meistern. Ohne sie bin ich schwach und bekomme nichts mehr auf die Reihe. Ich lebe für die Liebe und will sie mit einem anderen Menschen teilen und spüren. Das bin ich und will ich immer sein. Ich habe solche Sehnsucht nach dem schönsten Gefühl, das es für mich gibt.
∞
Es ist ein Samstagabend.
Ich gehe gleich außer Haus und betrachte mich noch im Spiegel. Die Frisur sitzt und ich sehe keine etwas vergessenen Härchen in meinem frisch rasierten Gesicht. Ich betrachte mein strahlend weißes Hemd und bewundere meine beige Lederjacke, die ich darüber trage, und meine dunkelblaue Lieblingsjeans mit meinen gelb-braunen Lederschuhen dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Das letzte Date vor einigen Wochen geht mir durch den Kopf. Das erste Treffen ist ein gelungenes gewesen und wir haben uns gut verstanden. Julia, bildhübsch, steht fest im Leben, Nichtraucherin und Familienmensch. Was will man mehr? Wir sind die Wege in der Au spaziert und haben über vieles offen reden können. Beim zweiten Date haben wir uns mittags zum Essen beim Chinesen verabredet. Auch hier habe ich mich wohlgefühlt und ich wollte sie weiter kennenlernen. Beim dritten Rendezvous ist jedoch, wie bei den sechs Damen davor, danach Endstation gewesen. Der Funke ist nicht übergesprungen und tiefere Gefühle als Sympathie sind nicht da gewesen. Verlieben hätte ich mich nicht können. Julia hat zwar offensichtlich Interesse bekundet, aber ich denke, ihr ist es schlussendlich wie mir ergangen.
Seit fast einem Jahr bin ich bei einer Partnerbörse registriert und habe bisher aber kein Liebesglück gefunden. Ich habe versucht, an meinem Leben etwas zu ändern und mich überwunden, mich anzumelden. Ich war mir sicher, auf diesem Weg müsste für mich die Number One zu finden sein.
Diese Art des Kennenlernens ist nach einem Jahr immer mühsamer geworden. Ich hätte mir nie gedacht, dass dieser Weg, eine Freundin zu finden, sich als derart schwierig erweist. Ich habe darauf vertraut, mit einer renommierten Datingbörse die Frau fürs Leben zu finden. Ich habe mich geirrt.
