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Warum sind wir hier? Der Astrophysiker Steven Thaillor entdeckt eines Tages ein mysteriöses Objekt, das sich aus der Tiefe des Weltalls in Richtung Erde bewegt. Um mehr über das Schicksal der Erde beim Eintreffen des Objekts herauszufinden, begibt er sich mithilfe einer neuen Technik immer öfter auf virtuelle Reisen und gerät in einen Zwiespalt zwischen realer und virtueller Welt. Doch es lohnt sich, denn Thaillor kommt nicht nur dem herannahenden Objekt auf die Spur, sondern erhält auch Antworten auf Fragen nach dem Grund der menschlichen Existenz. Die Ereignisse überschlagen sich, als das Objekt die Erde erreicht und die Menschheit vor neue Herausforderungen stellt.
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Thomas Imre, geboren 1983 in Neunkirchen, ist unterrichtender Lehrer in den Fächern Geographie und Wirtschaftskunde sowie Bewegung und Sport. Das Interesse am Schreiben und die Freude beim Erfinden von Geschichten begleiten den Autor bereits seit frühen Kindheitstagen und verleihen diesem Roman Spannung, Inspiration und Tiefgründigkeit. Die Leserschaft wird Teil einer Welt ungeahnter Möglichkeiten und taucht in die Mysterien des Sternenhimmels ein.
…NEWSFLASH…
…NASA ENTDECKT UNBEKANNTES OBJEKT…
...AUSSERIRDISCHE INTELLIGENZWAHRSCHEINLICH…
…NATURWISSENSCHAFTLICHE SENSATION: OBJEKT RAST MIT ÜBERLICHTGESCHWINDIGKEIT...
…KOLLISION DROHT IN SIEBEN JAHREN...
…PLANET ERDE IN GEFAHR?…
Prägung und Werdegang
Meine Wegbereiter
Zufall und Schicksal – die seltsame
Im Herzen der Familie
Eine unerzwungene Meinung
Konfrontation
Die Sicht der Dinge
Neue Erkenntnisse
Eine unermüdliche
Tribute positiver Wahrnehmungen
Ein waghalsiges Unterfangen
In meiner Welt
Der Weg zurück
Ein neuer Lebensabschnitt
An die Öffentlichkeit
Die Botschaft
Der Tag ist gekommen
Auszug aus den Aufzeichnungen eines Studenten
Das ist so eine Sache mit dem Fortschritt...
Ein Rückblick:
Die soziokulturelle Evolution der letzten beiden Jahrhunderte hat viel mit den technischen Entwicklungen und Erfindungen zu tun. Waren sie nicht nur bahnbrechend, richtungsweisend und revolutionär, sondern doch auch verhängnisvoll? Viele technische Errungenschaften stehen für einen großen Fortschritt der Menschheit. Führten sie aber nicht viel mehr zu Unheil und Zerstörung?
1867 wurde das Dynamit erfunden und ebnete den Weg für einen rasanten waffentechnischen Fortschritt. Bis dahin diente das Schwarzpulver, der erste Explosivstoff, als Schießpulver für Waffen und fand bereits im Mittelalter Verwendung.
1937, siebzig Jahre später, wurden die gewonnenen Erkenntnisse über die chemischen und kernphysiologischen Vorgänge bei der Bestrahlung von Uran mit Neutronen veröffentlicht. Im selben Jahr entstand der erste mechanische Rechner >Z1<, eine erste frei programmierbare Recheneinheit. Seither schreitet die Computertechnologie in großen Schritten voran.
Im Jahr darauf, am 17.12.1938 wurde die Kernspaltung entdeckt. Sieben Jahre später folgten die verheerenden Atombombenabwürfe auf Japans Städte Hiroshima und Nagasaki. Ein Rüstungswettlauf begann. Immer mehr Atommächte entstanden.
Die Lebensform Mensch macht im Universum immer mehr auf sich aufmerksam. Das beweist ein Ereignis etwa zehn Jahre später, im Juli 1947, mit dem angeblichen Ufoabsturz bei Rosewell, New Mexico.
Auch das Jahr 1977 ist dabei nicht zu übersehen. Ein Wissenschaftler am SETI-Institut erfasste ein womöglich außerirdisches Signal, welches unter dem Wow-Signal bekannt wurde. Es dauerte rund siebzig Sekunden lang. Dieses Signal wurde bei 1420 Megahertz aufgefangen. Bemerkenswert dabei ist die Wellenlänge, in der atomarer Wasserstoff stark strahlt. Wasserstoff ist das einfachste Molekül des Periodensystems mit der Ordnungszahl 1 und das häufigste chemische Element im Universum.
Neben der Gefahr eines Atomkriegs birgt auch die wachsende künstliche Intelligenz, welche immer mehr Kontrolle über eine große Anzahl von Tätigkeiten übernimmt, gerade in Konfliktsituationen ein ernstzunehmendes Risiko.
Im Jahr 2017 führten die Vereinigten Arabischen Emirate als erstes Land ein „Ministerium für künstliche Intelligenz“ ein. Diesen Zeitpunkt kann man als Startschuss für die rasante Entwicklung dieser sogenannten KI ansehen, da sämtliche mit ihr versehenen Produkte aus verschiedensten Bereichen öffentlich vorgestellt wurden.
Im selben Jahr, 2017, forderten dutzende Unternehmer und Experten aus der Technologiebranche in einem Brief an die Vereinten Nationen, dass autonome Waffensysteme, also unbemannte militärische Systeme, untersagt werden sollen.
Mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz brach eine weitere Revolution der Menschheitsgeschichte an, da sie in die gesamte technologische Entwicklung Einzug hält, mit gravierenden sozialen Auswirkungen. Menschen verlieren ihre berufliche Tätigkeit, ihre Arbeitskraft wird ersetzt und ist somit überflüssig.
Auch soziale Aspekte und Werte des Menschen schwinden. Es ist ein Kulturwandel im Gang, da die weltweite Zivilisation immer mehr mit Computertechnologie konfrontiert wird.
Es sind alle Branchen und Lebensbereiche davon betroffen, sogar in kreativen Bereichen wird auf künstliche Intelligenz gesetzt.
Der technologische Fortschritt schreitet ungebremst voran.
Wohin wird das noch führen?
Lange ist es her, dass ich als Kind nachts stundenlang die Sterne betrachtete.
Ich erinnere mich zurück an die Zeit, als sie mir wie leuchtende Augen vorkamen, die herab auf die Erde schauten und alles, was sie mit ihrem Licht erreichten, auch wahrnehmen könnten. Mir gingen alle erdenklichen Vor- und Nachteile durch den Kopf, was denn nun besser wäre – Mensch zu sein?
Oder Stern zu sein?
»Du bist ein Licht in dieser Welt. Nutze es, damit es die Finsternis erhellt...«
Ich stelle mir vor, dass ich unendlich lange existiere. Ich habe die Fähigkeit, mit meinem Licht andere Sterne und Planeten zu erreichen und alles, was sich dort befindet, mit einem erweiterten Bewusstsein zu erfassen. Mit der lebendigen Kraft meiner Lichtstrahlen fühle ich mich in alle Objekte und Lebewesen hinein, die ich mit meinem ausgestrahlten Licht berühre.
Aber es gibt auch einen Nachteil: Ich kann nicht ein Leben führen wie ein Mensch, der die Welt mit seinen Sinnesorganen wahrnimmt und erlebt, und Liebe, Freude und auch Schmerz verspürt. Ein Menschenleben mit all seinen Sinneswahrnehmungen, seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu führen, gefällt mir eigentlich doch besser als ein bewegungsloses Dasein dort oben im interstellaren Raum.
Ich konnte nicht sagen, wie das tatsächliche Erleben eines Sterns sein würde, denn ich müsste schon selber ein Stern sein, um dies nachempfinden zu können. Da ich es nicht wusste, ob die Sterne nun bewusst mit ihrem Licht wahrnehmen konnten und wenn, auf welche Art, war ein Vergleich mit einem Menschenleben schwierig.
Ich traue mich nicht, meine Weltanschauungen mit meiner Familie zu teilen, mit Freunden oder sonst jemandem darüber zu sprechen. Ich bin als Kind sowieso schon, auch ohne meine Gedanken jemandem mitzuteilen, ein Außenseiter... Ich denke, ich bin, verglichen mit den meisten anderen Kindern, zu verschieden, um Achtung oder auch nur Verständnis von ihnen zu bekommen. Im Gegenteil, wenn man sich zu sehr von den anderen unterscheidet, anders denkt, spricht und handelt, dann wird man eher ausgeschlossen oder gar ausgespottet und sogar gequält.
Und das tut weh...
Ich war ein Einzelkind.
Was den Umgang mit anderen Kindern betrifft, hatte ich kaum Freunde und in vielerlei Hinsicht andere Vorstellungen und Interessen. Ich war wissbegierig und lernte gern. Ich liebte Bücher, ich las nicht nur viel, ich schrieb auch eigene Geschichten. Oft wirkte ich abwesend, wenn ich neuen Ideen oder meinen Tagträumen nachging.
Es gab Kinder, die mir immer wieder Schmerz zufügten, und davon wusste niemand aus der Familie etwas, weder meine Eltern noch meine Großeltern. Ich konnte meine Probleme sehr gut verbergen. Ich wollte nicht, dass jemand davon wusste. Ich hätte mich dafür geschämt.
Meine eher sanfte, sensible, schüchterne Art brachte mit sich, dass ich mich meist von Freundschaften und Unternehmungen mit Gleichaltrigen ausschloss. Ich litt darunter, und oftmalige Reibereien machten mir sehr zu schaffen.
Ja, es half, hin und wieder abzuschalten, manchmal in Tagträumen weit weg zu reisen, dorthin, wo kein Leid mich erreichen würde.
»Das Leuchten der Sterne wird dich begleiten, dein eigenes Licht wird dich durch die finstere Nacht geleiten...«
Ob in den Pausen während des Schultags oder am Weg nach Hause, Mitschüler meiner Klasse lauerten mir auf, und ich wurde gehänselt oder sogar manchmal verprügelt. Mit dem Wechsel in die High School hoffte ich vergebens, dass sich die Situation verbessert hätte. Der Weg von der Schule zum Bahnhof war oft schwer zu bewältigen, denn mehrere Jungs lauerten mir auf der Wegstrecke auf. Manchmal gelang mir die Flucht, oder ich versteckte mich im Park, wartete einige Zeit ab und nahm dann einen späteren Zug nach Hause. Dieses Manöver wiederholte ich bald jeden Schultag. Eine kurze Zeit lang ging das auch gut. Ein paar Wochen später aber erwischten sie mich. Schlimmer als die Schläge, die ich erlitt, war aber, dass sie die meisten meiner Hefte und Bücher beschmutzten und zerrissen. Das war der bisher schlimmste Tag in meinem Leben gewesen.
Und dann war es plötzlich vorbei. Vielleicht war ihnen ihr böses Spiel schon langweilig geworden, oder sie waren beobachtet worden und hatten Ärger bekommen. Vielleicht hatten sie auch ein anderes Opfer gefunden. Ich weiß es nicht.
Wir alle wurden mit der Zeit auch älter und reifer und etwaige überflüssige Energie konzentrierte sich auf andere Dinge.
Die letzten beiden Jahre meiner Zeit an der High School waren eigentlich ganz schön, nicht nur frei von Furcht und Gewalt, ich hatte auch viele Freunde und wurde akzeptiert, wie ich war – vorsichtig, überlegend, etwas verträumt, doch auch für manchen Schabernack zu haben – kurz, ich hatte endlich Freude am Leben, noch mehr am Lernen und in meiner Freizeit viel Spaß.
Ich wuchs auf einer kleinen Farm im Bundesstaat New York auf. Das Leben auf dem Hof war einfach, aber es gab mir ein Gefühl großer Freiheit. Ich liebte das Spielen draußen, ich liebte es, das freie Leben der Tiere und Pflanzen in der Natur zu beobachten, und natürlich liebte ich unsere Haustiere. Wir hatten viele Hühner, ein paar Schafe und Schweine, einige Katzen und einen Schäferhundmischling, der nach dem Tod meiner Großeltern mein bester Freund und Spielkamerad wurde.
Meine Eltern hatten sich kennengelernt, als sie in einer Sommernacht im Jahre 1987 ein außergewöhnliches Himmelsereignis beobachteten. Sie studierten Physik an der gleichen Universität. Meine Mutter machte keinen Studienabschluss, weil ich damals bereits unterwegs war. Sie zog mit meinem Vater auf die großelterliche Farm aufs Land. Er unterrichtete nach seinem Abschluss Physik an der Universität in Johnstown, meine Mutter blieb zu Hause.
Beide waren viel mit sich selber und ihren eigenen Problemen beschäftigt. Oft gab es Streit. Auch das plagte mich. Ich glaubte, ich sei die Ursache der Streitigkeiten und fühlte mich schuldig. Erst viel später erkannte ich den wahren Grund, dass nämlich meine Mutter mit dem Landleben auf unserer kleinen Farm unzufrieden war.
Trotz der häufigen verbalen Auseinandersetzungen meiner Eltern hielten sie in Erziehungsfragen zusammen, und so habe ich auch schöne Erinnerungen an früher. Ich weiß noch, wie sie mir Tischtennis, Tennis und Badminton beibrachten, wir gingen oft wandern und Ski fahren in vielen Gebieten der Rocky Mountains. Die für mich schönste Reise ging quer durch die Staaten, wo wir einmal im Niemandsland das Zelt aufstellten und nachts das Sternenmeer bestaunten.
Mein Vater litt an einer ernsten Krankheit, er hatte ein großes Problem, welches ich lange nicht als solches erkannte.
Er war nämlich spielsüchtig. Er konnte die Schulden, die er hatte, nie begleichen, sie wurden immer mehr, trotz seines hohen Verdienstes als Universitätsprofessor.
Nach meinem Abschluss an der High School zogen wir nach Washington in eine große, schöne Wohnung mit vier Zimmern. Wie zuvor auch hatte ich ein Zimmer ganz für mich allein. Vaters Schulden waren nach dem Umzug durch den Verkauf der Farm beglichen, und meine Mutter erfreute sich am Stadtleben. Sie fand auch Arbeit in einer Bibliothek. Mein Vater jedoch fand sein Glück nicht in dieser Stadt. Das Landleben, und besonders seine kleine Farm, vermisste er sehr. Nach einer kurzen Phase der Abstinenz suchte er sein Glück wieder im Spiel.
Für mich brachte der Umzug nach Washington viel Neues und Gutes. Durch die Nähe zur Universität wurde mein Studium sehr erleichtert. Als ich nebenbei begann, einer Beschäftigung im Computerwesen als Spielprogrammierer nachzugehen, bezog ich eine eigene Wohnung nahe meiner Universität.
In meiner Studienzeit fand ich auch meine große Liebe.
»Finde Liebe, Glück und Zufriedenheit, dann ist dein Leben ein Geschenk für die Ewigkeit...«
Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag, ein Tag wie immer:
Mit dem Bus geht es zur Uni, dort besuche ich meine Vorlesungen, mittags eile ich zur Cafeteria, abends bin ich wieder in der Wohnung und lerne an meinen Lektüren.
An diesem herrlichen Frühlingstag jedoch spaziere ich mittags durch den schönen Park der >National Mall< im Herzen Washingtons. Vielleicht hat mich das warme, sonnige Wetter dazu angeregt, einmal nicht zu hetzen, sondern zu genießen, ich weiß es nicht. An einem Teich bleibe ich stehen und setze mich unter eine Weide. Ich fühle mich sehr müde, hatte ich doch am Tag davor lange bis in die Nacht hinein gelernt.
Ich bestaune die blühenden Wasserpflanzen. Viele Wasserläufer und eine Entenfamilie tummeln sich im Teich. Glitzernde Wellen ziehen kleine Kreise auf der glatten Wasseroberfläche.
Es ist sehr ruhig. Niemand ist hier. Es regt sich kein Lüftchen. Ich lehne mich zurück, schließe meine Augen und genieße die Wärme der Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht.
Durch ein Geräusch erwache ich.
Etwas weiter weg von mir kniet ein junges Mädchen, oder eine junge Frau, am Ufer des Teiches. Ich sehe sie nur von hinten, denn sie hat mir ihren Rücken zugewandt. Sie hat schulterlanges, brünettes glattes Haar. Ich kann erkennen, dass sie eine Wasserprobe aus dem Teich entnimmt. Sie betrachtet den Inhalt genau und notiert etwas auf ein Blatt Papier. Sie steht auf und streckt sich. Plötzlich hält sie kurz inne. Spürt sie, dass sie beobachtet wird? Langsam dreht sie sich um. Unsere Blicke treffen aufeinander.
In diesem Moment bläst eine Windböe das Blatt Papier davon. Sie will es noch abfangen, schafft es aber nicht. Verwundert blickt sie dem Blatt Papier nach, es landet genau in meinen Händen.
Was für ein Zufall.
Sie winkt und kommt auf mich zu. Ich stehe auf und gehe ihr entgegen. Nach einem leisen Dankeschön nimmt sie den Zettel aus meiner Hand, dreht sich um und geht weg. Mir bleiben die Worte im Hals stecken. Lange und irgendwie ratlos bleibe ich noch stehen.
Bis zur nächsten Vorlesung ist noch Zeit.
Ich bemerke erst jetzt das Knurren in meinem Magen. So schlendere ich kurz entschlossen zur beliebten Cafeteria in der Nähe, um meinen aufgekommenen Hunger zu stillen.
Viele Menschen belagern die Stühle im Freien, um die Aprilsonne zu genießen. Einen Sitzplatz kann ich aber ergattern, und so setze ich mich. Ich starre auf die Menütafel und überlege: Wrap oder Toast? Durstig bin ich auch und werfe einen Blick in den danebenstehenden Getränkekühlschrank. Im dunklen Spiegel des Getränkeautomaten erkenne ich ein Gesicht. Ein eigenartiges Gefühl kommt in mir auf. Ich fühle mich nämlich beobachtet. Jemand bohrt seine Blicke in meinen Rücken. Unauffällig blicke ich in diese Richtung.
Ich bin überrascht. Vom Tisch hinter mir lächelt mir jemand zu. Es ist die junge Frau vom Teich. Ihr sanfter Blick, ihr Lächeln und ihre großen Augen verzaubern mich. Dieser Augenblick scheint nicht nur Sekunden, sondern eine Ewigkeit zu dauern. Sie sieht kurz auf ihre Armbanduhr, zuckt mit den Schultern und sendet mir ein entschuldigendes Lächeln.
Dann steht sie auf und geht.
Diesmal schaue ich ihr nach, bis ich sie nicht mehr sehen kann. Als sie aus meinen Augenwinkeln verschwunden ist, bin ich über mich selbst ziemlich verärgert. Ich habe wieder nicht reagiert! Die Wahrscheinlichkeit, sie am selben Tag ein drittes Mal anzutreffen, ist so gut wie ausgeschlossen.
Sie geht mir aber nicht mehr aus dem Kopf.
Ab nun gehe ich täglich durch den Park und zur Cafeteria. Auch mein sportliches Hobby, nachmittags oder abends zu laufen, verlege ich nun in den Park. Aber die junge Frau sehe ich dort nicht mehr.
Einige Wochen vergehen.
Eines Abends im selben Park bei der Weide begegnen wir uns erneut. Ich bringe sogar ein Lächeln zustande, als sie mich sitzend, den Himmel beobachtend, unter der Weide entdeckt.
»Was suchst du denn dort oben, was man hier auf Erden nicht finden kann?«
Sie hat eine wirklich angenehme Stimme.
»Es sind die Sterne.« Das ist alles, was mir einfällt.
»Ja, das wird es sein… Hm, es ist nämlich noch kein Stern vom Himmel gefallen«, meint sie lachend.
Kurze Pause. »Hallo, ich bin Kate.«
»Hallo, ich bin Steven«, kommt nun doch noch aus mir heraus. Ich fasse mich aber gleich wieder. Die Chance, dieses hübsche Mädchen näher kennenzulernen, werde ich mir diesmal nicht wieder entgehen lassen.
»Ja, so heißt das Sprichwort. Aber wer weiß, was nicht noch alles geschehen kann zwischen Himmel und Erde…und was führt dich zu dieser Stunde hier vorbei?«
»Ich suche und untersuche nachtaktive Organismen. Ich führe eine Studie durch und nehme Nachtgeräusche auf. Tja, und anscheinend bin ich ja hier und jetzt fündig geworden.« Sie lacht.
»Nachtaktiv, ja das auch, das stimmt sicherlich. Ich laufe nämlich fast jeden Abend und breche dann hier unter der Weide zusammen. Ich ruhe mich dann immer hier aus, wenn ich tagsüber in der Uni mein Schlafpensum nicht erfüllen hab können. Und ja, gerne kann ich mich danach sämtlichen nächtlichen Untersuchungen zur Verfügung stellen.«
Ich rücke ein wenig zur Seite. Kate versteht diese unausgesprochene Einladung und setzt sich neben mich.
»Keine Angst, die ausgewählten Probanden werden nicht am Kopf verkabelt, und sie dürfen ihre Gedanken behalten. Ich konzentriere mich nur auf die Geräusche, die sie von sich geben. Derzeit noch, in diesem Projekt. Aber wer weiß, was nicht alles noch geschehen kann…hier auf Erden?«
Ein recht strenger Blick ist auf mich gerichtet, jedoch blitzt gespannte Erwartung aus ihren Augen.
»Da muss ich aber sehr aufpassen, was ich sage und meine Worte bedacht wählen«, antworte ich erschrocken.
Sie ist ja nicht nur hübsch, sondern auch humorvoll, ja wirklich witzig!
»Und du, hast du dort oben im Himmel auch schon etwas Interessantes, nie Dagewesenes entdeckt?«
»Ja und nein. Nur Sternschnuppen.«
»Dann darf man sich etwas wünschen.« Sie sieht angestrengt nach oben. »Man darf es nicht aussprechen, sonst geht der Wunsch nicht in Erfüllung«, sagt sie leise mit betörender Stimme.
»Ein Wunsch ist bereits in Erfüllung gegangen.«
Wir beide lächeln verlegen und starren in den Abendhimmel hinauf. Zwischen uns herrscht eine angenehm wortlose Stimmung und eine eigenartig große Vertrautheit, obwohl wir uns doch erst kennengelernt haben. Es ist schön, mit jemandem belanglos zu plaudern, doch fast noch schöner, mit jemandem schweigen zu können, ohne verlegen zu werden, denke ich mir. Wir haben nicht das Bedürfnis, unser vertrautes wortloses Beisammensein durch irgendwelche Worte stören zu müssen.
Wir spazieren an diesem warmen Aprilabend noch durch die Straßen.
Ich erfahre, Kate kommt ursprünglich aus dem Westen. Sie erinnert sich nicht mehr an ihre wahren Eltern, denn sie ist bei einer Pflegefamilie aufgewachsen, bald aber nach Washington gezogen, um hier zu studieren, zu arbeiten, um hier zu leben und ihre Erfüllung zu finden.
Die Zeit vergeht wie im Flug. Als sie wieder auf ihre Armbanduhr schaut, bemerken wir erstaunt, dass etliche Stunden vergangen sind. Ich überlasse unser nächstes Zusammentreffen nicht mehr dem Zufall. Das nächste Treffen findet in der Cafeteria statt, wo wir uns wiederholt am allerersten Tag sahen.
Unter der Weide am Teich küssen wir uns zum ersten Mal.
Wir verstehen uns großartig, und wir sind sehr ineinander verliebt.
Ich fühle mich wie im Himmel. Für mich könnte es für immer so bleiben. Ich habe meinen Stern gefunden.
Trotz meiner schönen Studienzeit hatten sich anscheinend doch irgendwie die negativen Erfahrungen aus meiner Kindheit in mein Unterbewusstsein eingeprägt. Für mich gab es >Gut< und >Böse< – zwei Kategorien, in welche ich alles Erlebte einzugliedern versuchte, um es verarbeiten und verstehen zu können und so an den schlimmen Erfahrungen nicht zu zerbrechen.
Die allerersten Empfindungen von Ohnmacht und einer Form purer Bösartigkeit ausgeliefert zu sein, wurden durch erschreckende, spukhafte Erscheinungen in den Nächten ausgelöst. Vor diesen Erscheinungen gab es auch immer den gleichen Traum.
Ich war ungefähr sieben Jahre alt, also noch ziemlich klein, als es begann, dass ich ein paar Jahre, Nacht für Nacht, von diesen schrecklichen Erlebnissen heimgesucht wurde.
Ich sehe schwarz-weiße Flecken und in sich verschlungene Linien. Der Hintergrund ist dunkel. Mir ist nicht klar, ob sich die schwarz-weißen Strukturen bewegen oder ob sich der Hintergrund bewegt. Ich habe keine Ahnung, was dieses Etwas ist. Jedenfalls ist es sehr anstrengend, wenn man den Bewegungen dieses Dings folgt. Man kann nicht anders, man ist darin gefangen. Meine Gedanken sind daran gefesselt.
Davon wache ich auf. Ich muss mich erst von diesem nervenaufreibenden Erlebnis erholen. Ich bin erschöpft, tief geschockt und fühle mich sehr schwach. Mein Herz rast! Ich liege schweißgebadet im Bett und bin körperlich und seelisch fix und fertig.
Das ist es aber noch nicht gewesen!
Was mich in die totale Panik treibt, ist nun Folgendes:
Ich bin nicht alleine! Ich fühle jemanden oder etwas, der oder das sich um mich herumbewegt. Das jagt mir höllische Angst ein. Es ist gruselig! Es raschelt in meinem Zimmer, es knackst von den Wänden her, es rauscht etwas an mir vorbei. Irgendjemand murmelt! Ich liege starr im Bett und täusche tiefen Schlaf vor. Ich halte meine Augen geschlossen und versuche, mich nicht zu bewegen. Diese Täuschung hilft, weil dann die Geräusche deutlich leiser werden. Trotzdem sind sie aber noch da! Sobald ich mich nur sehr wenig bewege, höre ich sie wieder stärker. Ein leises, dumpfes Murmeln umgibt mich! Um meine Gefahr zu erkennen und zu orten, öffne ich ganz wenig, trotz meiner riesigen Angst, die ich verspüre, meine Augen. Ich bewege ganz langsam den Kopf, um die Umgebung zu sehen. Meinen Kopf nur ganz wenig zu drehen, dauert meinem Empfinden nach etliche Minuten. Es soll nicht bemerkt werden, was ich eigentlich tue. Sobald ich eine Bewegung unbeabsichtigt rascher durchführe oder nur kurz zusammenzucke, sind die Stimmen, die ich höre, noch viel gruseliger und lauter. Ich bin völlig erstarrt vor Angst und Schrecken: Mit halb geschlossenen Augen sehe ich, dass jemand in meinem Zimmer die Möbel umgestellt hat! Ich war es aber nicht! Es wird einmal dunkler und einmal heller. Ein Teil des Bettes fehlt plötzlich, dann ist das Bett wiederum zu klein, und meine Beine hängen heraus. Manchmal liege ich verkehrt herum.
Nach Stunden meines erstarrten, panischen, aber wachen Zustands kann ich doch wieder einschlafen. Damit mir dies gelingt, konzentriere ich mich darauf. Meine Angst, die spukhaften Erscheinungen, mein Schock erschweren es aber sehr. Wenn ich erneut aufwache, ist es Tag, und alles scheint in Ordnung zu sein. Ängstlich starte ich in den neuen Tag mit der Frage, welche schlimme Nacht mir erneut bevorsteht.
Nacht für Nacht erlebe ich immer wieder dasselbe.
Später erkannte ich, dass aufgestaute und tief verwurzelte Ängste diese Träume und die anschließenden, wahrscheinlich eingebildeten geisterhaften Erscheinungen ausgelöst hatten. In den Träumen fühlte ich mich nicht von dieser abstrakten Form von Bösartigkeit bedroht, sehr wohl aber in den Erscheinungen danach.
Mit dem Älterwerden wurde ich immer selbstbewusster, und so legte sich auch die Angst.
Damit waren auch die negativen Erlebnisse vorbei.
Auch die Träume, die ich hatte, hörten auf.
Wenn ich, wie so oft und gerade eben, zum Himmel blicke, stelle ich mir nach wie vor dieselben grundlegenden Fragen, welche sich mir bereits als kleiner Bub aufdrängten. Ich wusste damals noch wenig über das Universum und hätte gerne mehr darüber erfahren.
Meine Gedankengänge, als ich zum ersten Mal nachts bewusst den Sternenhimmel bestaunte, waren:
Warum und wieso sind wir hier? Was ist da draußen? Welchen Sinn hat das Leben? Wer bin ich eigentlich? Ja, einfach, wozu das alles?
Was befindet sich dort oben?
Ist das menschliche Leben nur dazu da, um fortzubestehen und sich weiterzuentwickeln?
Die Menschheit strebt immer schon danach.
Das alleine soll es gewesen sein?
Ich muss unbedingt die Stellung des menschlichen Lebens im Universum in Erfahrung bringen.
Wenn ich zurückblicke, waren meine damaligen Vorstellungen und Gedankengänge gar nicht so abwegig.
Jede Art von Materie ist Leben, und Bewusstsein ist überall.
Es wäre ein Fehler, nur nach einer einzigen möglichen - menschlichen - Sicht über Dinge, Stoffe und Lebensformen zu urteilen. Es gibt viel mehr als man sieht. Wir Menschen können nur auf unsere menschliche Art und Weise wahrnehmen. Ob zum Beispiel Felsen und Steine oder wie genau Pflanzen wahrnehmen können, ist - noch - nicht erforscht.
Alles ist möglich!
Von meinen kindlichen Überlegungen und Träumereien hat sich vieles in meinen Gedankengängen und Einstellungen festgesetzt. Geblieben sind eine unersättliche Neugierde und das unbändige Verlangen nach Antworten auf die Grundfragen des Lebens und auch danach, die Geheimnisse des Kosmos zu erforschen und zu enthüllen.
Ich trage schon lange den Wunsch in mir, in meinem Dasein hier auf dieser Welt etwas Großes zu bewirken.
Nun denn, ich bin jetzt nicht nur Wirtschaftswissenschaftler, sondern auch promovierter Astrophysiker. Als Sohn eines Physikprofessors hatte ich das Interesse für diese Forschungsrichtung in die Wiege gelegt bekommen.
Mein Hauptinteresse galt aber immer schon der Astronomie.
Mich faszinieren die Milliarden von Galaxien mit ihren Milliarden von Sternen, Planeten und Monden und die zunehmende Ausdehnung des Universums. Ich beschäftige mich nicht nur mit dem uns bekannten Universum, sondern mit darüber hinausgehenden Theorien über ein Multiversum und Parallelwelten.
Ich hatte vor meinem Astrophysikstudium meinen Abschluss zum Wirtschaftswissenschaftler gemacht, da ich glaubte, in diesem Gebiet Fuß fassen zu können. Ich, der kleine Weltverbesserer, wollte mich für ein umweltschonendes, nachhaltiges Wirtschaften auf dieser Welt einsetzen. Die Realität belehrte mich jedoch eines Besseren. Der Wirtschaftsgedanke bezieht sich auf einen primären Grundgedanken: Man strebt nach Wirtschaftswachstum. Dieses beruht in den meisten Fällen nicht auf nachhaltigem Wirtschaften, sondern hat fast ausschließlich gewinnträchtiges Produzieren als Ziel, was leider oft auf Kosten der Umwelt geschieht.
Schon während des Studiums fühlte ich mich hier fehl am Platz. Ich sah mich bald nicht mehr dazu berufen, mich in der Wirtschaftsbranche verwirklichen zu wollen und Karriere zu machen. Ich wäre nur unglücklich und frustriert geworden.
Gott sei Dank hat sich mein beruflicher Werdegang komplett geändert. Ich bin sehr stolz auf mich, da ich meine wahre Leidenschaft nun auch beruflich ausleben kann.
Mein Abschluss zum Doktorat in Astrophysik wird nun in den Promotionsfeierlichkeiten gewürdigt. Alle Absolventen und Zuschauer sehen zufrieden aus. Das Glück des Erfolges ist deutlich zu spüren.
Da es mein zweiter Abschluss ist, habe ich mir sogar einen neuen Anzug zugelegt. Wiederholt den alten herauskramen, das wollte ich diesmal nicht. Mein neuer Anzug ist knallblau, dazu trage ich eine Krawatte, die mich mit ihrem leuchtenden Türkis aus der Menge heraushebt. Für mich als ständigen Betrachter und Bewunderer des sowohl nächtlichen Sternenhimmels als auch tagsüber oft blauen Himmels war klar, dass der Anzug blau sein musste. Diesmal habe ich sogar meine glatten dunklen Haare nach der Art des berühmten Musikers der Fünfziger und Sechziger Jahre in einem >Elvis-Look< gestylt. Niemand bezeichnet mich mehr als >Elvis, die Schmalzlocke<, der Spitzname, mit dem ich als Kind von früheren Schulkollegen oft gehänselt wurde. Der Gedanke daran lässt mich jetzt nur mehr schmunzeln, denn in der Studienzeit wurde ich - trotz Locke - geschätzt und hochgelobt, hatte viele Freunde und ein Stipendium wegen meiner sehr guten Leistungen.
Mein Blick schweift durch die Runde und geht anschließend wieder hoch zum Himmel.
Er erscheint plötzlich trüb und verschwommen.
Was mir bei dieser Feier sehr fehlt, sind meine Eltern. Es ist noch nicht so lange her, dass ich sie durch einen Autounfall verlor.
Gerade jetzt vermisse ich sie sehr. Seit sie nicht mehr da sind, muss ich noch viel öfter an sie denken. Die schönen Erinnerungen machen mich zugleich traurig, weil ich sie nicht mehr erleben kann. Die gemeinsame Zeit ist vergangen, und meine Eltern sind nicht mehr hier. Wie schön wäre es, wenn sie auch jetzt da sitzen würden! Ich verdanke ihnen meinen beruflichen Werdegang.
Sie motivierten mich zum Lernen, brachten mir Achtung und Respekt bei, trotz der vielen Schwierigkeiten und Probleme, die ich hatte. So kam ich zu guten Leistungen in der Schule und somit zu meinem Traumberuf.
Ohne meine Eltern hätte ich nicht so viel erreicht. Ich bin ihnen außerordentlich dankbar. Sie wären so stolz auf mich!
Mein Vater hat mich auf den Weg in die Forschung im Bereich der Astrophysik geführt.
Meine allerersten Erinnerungen an meinen Vater haben mit dem Sternenhimmel zu tun. Er zeigte mir die Sternenkonstellationen und erzählte mir von ihren zu Grunde liegenden Mythen.
Ich sitze auf den Schultern meines Vaters.
Es ist kalt, denn es ist Winter. Ich höre seinen Worten zu, denn er erzählt wunderbare Dinge. Mein Blick folgt seinem ausgestreckten Zeigefinger.
Der Nachthimmel breitet sich wie ein Schirm aus. Ich sehe viele leuchtende Sterne. Mir kommt vor, es werden immer mehr, je länger ich nach oben blicke. Er erzählt von unserer Galaxie, der Milchstraße – ich finde den Namen sehr lustig – und dass es noch so vieles gibt, was wir Menschen nicht kennen. Er zeigt mir den Großen Wagen und den Kleinen Wagen und einen deutlich sichtbaren Stern, den Polarstern. Er steht nördlich und weist in Richtung Nordpol.
»Manche Sterne verbinden sich zu einem Sternbild. Den Kopf des Stiers bildet der Sternhaufen der Hyaden«, sagt er. »Ganz hell leuchtet der Riesenstern Aldebaran, der Name stammt aus dem Arabischen und bedeutet >der Nachfolgende<, so wie du mein Nachfolgender bist. Dieser Stern ist auch viel größer als unsere Sonne.«
Jedoch kann ich keinen Stier erkennen, auch wenn ich mich noch so anstrenge! Ich bemerke nur, dass nicht alle Sterne gleich groß und hell sind, und viele bilden Figuren.
»Vor langer Zeit glaubten die Menschen an Götter«, erzählt er. »Sie bestimmen und lenken von dort oben das Schicksal der Menschen.«
Danke, Vater.
Meine Mutter las mir vor dem Schlafengehen Mythen, Sagen und selbst ausgedachte Gedichte vor. »Fantasie und Träume fördern das Denken. Und man muss sich auch anstrengen, um etwas erreichen zu können!«, sagte sie immer wieder.
An ein von ihr stammendes Gedicht erinnere ich mich noch heute ganz genau. Sie hat es mir in meinen ersten sieben Lebensjahren oft vor dem Schlafengehen zitiert.
Es ist ein Gedicht aus sieben Zeilen:
»Du bist ein Licht in dieser Welt. Nutze es, damit es die Finsternis erhellt! Das Leuchten der Sterne wird dich begleiten, dein eigenes Licht wird dich durch die finstere Nacht geleiten. Finde Liebe, Glück und Zufriedenheit, dann ist dein Leben ein Geschenk für die Ewigkeit. Wisse: Vom Himmel ich bin und geh wieder hin ...«
Die wundervollen Geschichten und Gedichte meiner Mutter verhalfen mir in einen guten Schlaf. Tagsüber lebte ich das unbeschwerte, freudige Dasein eines wohlbehüteten kleinen Kindes. Die Freude des täglichen Lebens stand mir ins Gesicht geschrieben.
Ich glaube, bis zu meinem siebenten Lebensjahr war für mich meine kleine, bekannte Welt noch völlig in Ordnung. Alles war gut, nichts war böse.
In den Jahren danach wurden mir die Konflikte meiner Eltern bewusst, die Probleme mit meinen Schulkollegen begannen. Die Nächte waren nicht mehr sehr erholsam, weil ich nicht genug schlafen konnte. Ich wachte immer wieder auf und fühlte große Unruhe in mir.
Zudem fanden auch die Geschichten und Gedichte meiner Mutter ihr Ende.
In dieser Zeit setzte sich zumindest ein für mich schöner Gedankengang fest, an welchen ich mich auch noch heute gerne erinnere:
Ein tiefes Gefühl sagt in mir:
Alles ist gut. Mein Geist ist mit dem Himmel verbunden. Der Himmel ist offen für mich. In der Ferne führt eine hellblaue Treppe in das Innere des erleuchteten Himmelblaus.
»Wisse: Vom Himmel ich bin und geh wieder hin ...«
Danke, Mutter.
Mein Blick wendet sich vom Himmel ab.
Ich richte meine Augen von dem großen Fenster neben meinem Sitzplatz in der ersten Reihe weg und hin zum Rednerpult. Der alte Dekan hat seine Rede beendet, um den Weg frei zu machen für den scheidenden Astrophysiker David Gallehan, der mit berührenden Worten seinen Abschied bekannt gibt.
Er ist ein sehr überzeugend wirkender, in vielen Kreisen bekannter und ernstzunehmender Astrophysiker. Dies beschränkt sich nicht bloß auf die Universität. Er übte auch lange Zeit eine Beraterfunktion in der Politik aus und war auch meines Wissens bei der NASA beschäftigt. Jeder schätzt ihn, denn er ist überaus gelehrt.
David Gallehan sieht jünger aus als er ist. Man würde nicht darauf kommen, dass er bereits über sechzig Jahre zählt. Er hat leicht grau meliertes Haar und ist schon ziemlich übergewichtig. Seine zusätzlichen Kilos bewirken, dass sich alle Augen auf ihn richten, sobald er erscheint, und sie unterstreichen seine gewichtige Ausstrahlung. Wie er zugibt, isst er einfach leidenschaftlich gern. Sein wuchtiger Körper macht ihm nichts aus, er fühlt sich gut damit und vertritt die Meinung, dass er nur wohlgenährt sei. Wie oft sind wir schon beide gemeinsam beim Mittagessen gesessen und haben uns unterhalten! Nicht nur seine Worte haben mir dann immer imponiert, nein, es waren auch die Unmengen an Kalorien, die er verschlingen konnte.
Ich muss sagen, ich kenne Professor David Gallehan ziemlich gut. Auch privat ist er ein ganz feiner Mensch, verlässlich, hilfsbereit und ein guter Zuhörer.
Es ist schade, dass er geht.
Ich schaue zu Kate, die neben mir sitzt und sich mit mir freut, dann schweift mein Blick weiter zu meinen beiden befreundeten Kollegen, die mich die Jahre hindurch begleitet haben. Einer der beiden, Matthew, sieht auch kurz zu mir und deutet auf seine Brille. Mir ist klar, wie das gemeint ist, und ich habe Mühe, ein lautes Auflachen zu unterdrücken.
Ich erinnere mich, wie wichtig es für mich war, Andrew und Matthew als Freunde gewonnen zu haben. Gegenseitig motivierten und halfen wir uns bei den zu lernenden Stoffgebieten. Ohne die beiden Kumpels wäre es viel schwerer gewesen, bei manchen Prüfungen zu bestehen, aber genauso auch umgekehrt schwerer für sie.
Seit ich Matthew und Andrew kenne, sind die beiden ein beherztes Team. Sie lernten sich bereits vor ihrem Studium über Onlinespiele kennen und wurden beste Freunde. Ich traf sie dann immer wieder während meiner Studienzeit, und wir erkannten gleiche Interessen. Ein Glück für mich. Nicht nur, dass ich Freunde gefunden hatte, durch sie verdiente ich auch gutes Geld.
Wir arbeiten seither an der Programmierung virtueller Spiele für Virtual-Reality-Brillen.
Unserer Freundschaft geht ein raffiniertes Schummelmanöver voraus. Es handelte sich um eine von vielen Studenten gefürchtete Prüfung, die hauptsächlich mit mathematischen Berechnungen zu tun hatte. Ich war bestens vorbereitet. Einem offensichtlichen Schlitzohr und einem vergleichbar noch größeren Schlitzohr im Hintergrund verhalf ich damals zu einer Eins. Ich erinnere mich noch genau daran.
Im Prüfungsraum - vollgestopft mit Studenten - höre ich hinter mir ein Flüstern. Ein Student nuschelt mir etwas zu. Er spricht zu leise, ich verstehe nicht, was er will. Als ich meinen Kopf schräg zur Seite drehe, als Andeutung, ich würde bloß meinen Hals lockern wollen, deutet der Student mir zu, ich solle meine Antworten zur Seite schieben.
Kurz mustere ich ihn. Er ist leger gekleidet, mit einem lustig bedruckten T-Shirt, hat einen Dreitagebart, brünettes, leicht lockiges, mittellanges Haar und trägt eine Brille. Ein fauler Nichtsnutz, so denke ich mir.
Seiner Bitte folge ich aber, obwohl ich mir nicht denken kann, wie er von hinten mein Gekritzel ablesen will. Ich überlege nicht weiter. Jedes Mal, wenn ich ein Blatt vollgeschrieben habe, lege ich es zur Seite. Es macht mir nichts aus, wenn ich damit diesem Kerl zu einem guten Ergebnis verhelfen kann.
Nach einigen Wochen standen die Prüfungsergebnisse fest.
Nur drei Studenten hatten die Bestnote erreicht.
Ich war einer davon. Die anderen beiden hießen Andrew Morgnensen und Matthew Colbery. Diese jungen Männer suchten mich nach einer gemeinsamen Vorlesung auf und berichteten mir, wie sie die Arbeit von mir kopiert hatten.
Matthew hatte ich auch wieder erkannt. Er war der Student, der bei der Prüfung hinter mir saß. Andrew war aber ebenso im Prüfungsraum und schrieb dort eine Eins, auch mit meinen Prüfungsantworten. Er bekam das Material, das Matthew von mir fotografiert hatte. Matthew hatte die Daten über seine digitale Brille an Andrews digitale Brille weitergeschickt.
Die geniale Erfindung solch einer digitalen Brille, die aussieht wie eine gewöhnliche Lesebrille, stammt von Andrew.
Computer und technische Raffinessen sind das Wichtigste in Andrews Welt. Andrew ist der typische Computerfachmann. Ihm ist anzumerken, dass er stets vor dem Computer sitzt. Er wirkt weniger athletisch als Matthew, hat kurzes blondes Haar, ist tatsächlich Brillenträger, leicht übergewichtig, redet nicht viel, und wenn, dann hat es mit technischem Firlefanz zu tun.
Streng genommen dürfte ich meinen neuen Titel gar nicht annehmen! Denn nicht nur durch Lernen alleine gelang es uns, bei Prüfungen mit Bestnoten bestehen und abschließen zu können. Wir vollbrachten nach diesem ersten erfolgreichen Unternehmen zu dritt auch bei kommenden schwierigen Prüfungen immer wieder neue ausgeklügelte Schummelaktionen. Mit einer anderen virtuellen Brille, die Andrew entworfen und weiter perfektioniert hatte, konnten wir per Augensteuerung Texte verfassen und diese untereinander versenden. Auch waren wir dabei mit dem Internet verlinkt.
Unser Einkommen sicherten wir uns mit der Programmierung virtueller Spiele für VR-Brillen.
Mit dem gewinnbringenden Erfolg durch die Entwicklung moderner Spielkonsolen machten wir auf uns aufmerksam. Wir bekamen schon nach zwei Jahren ein Angebot über ein finanzielles Förderprojekt zur Umsetzung und Gestaltung virtueller Welten in Hologrammen, also im Computer simulierte Wirklichkeiten, welche mittels Quantencomputern in den Raum projiziert werden. Enorme Rechnerkapazitäten von Computern, die für diese Entwicklung notwendig sind, stellen kein Problem mehr dar. Denn das Leistungsvolumen von Quantencomputern hat enorm zugenommen. Die Technik der neuen Quantencomputer basiert auf der Quantenmechanik. Wie rasend schnell hier die Entwicklung vorangeschritten ist!
Unser finanzielles Budget ist gestiegen, wir müssen aber einen Teil des Gewinns an unsere Investoren wieder abgeben, inklusive unseres Know Hows zur Programmierung virtueller Hologrammwelten.
Wir arbeiten seitdem online mit einer Gruppe von IT-Programmierern, Computeringenieuren und Softwareentwicklern zusammen. Es handelt sich um ein riesiges Projekt, welches die Technik der Virtual Reality Brillen für virtuelle Spielsimulationen in Hologrammen weiterentwickelt.
Es ist erst ein paar Jahre her, dass wir Virtual-Reality-Spielkonsolen auf den Markt brachten. Damals ziemlich revolutionär, ist dies heute noch nach wie vor ein florierender und gewinnbringender Markt.
Andrew, unser großes Genie, wie er sich auch selbst öfters nennt, ist das große Arbeitstier am Computer. Er gehörte zu den Ersten, der Spiele für die bereits weiterentwickelten Virtual-Reality-Brillen, die auch ortsungebunden, also drahtlos, arbeiteten, programmierte.
Überall kann man diese VR-Brillen benutzen. Äußerlich ähneln die neuen VR-Brillen einer gewöhnlichen, coolen Sonnenbrille. Sie sind kaum größer und haben dickere, dunkelgraue Gläser. Der User soll sich damit wohler fühlen als mit den altbekannten globigen VR-Brillen.
Nicht nur die Hardware hat sich verändert. Digitale Daten können nun per Laser direkt auf die Netzhaut des Users übertragen werden. Die erlebte virtuelle Welt wirkt somit viel realistischer!
Mit der Software für die virtuellen Hologrammsysteme verdienten wir also gutes Geld. Damit war ein wesentliches Grundeinkommen gesichert und die Finanzierung für das Doktorat überhaupt kein Problem mehr.
Ich frage mich: Ist es ein weiterer Glücksfall, dass ich bereits einen Lehrstuhl von meinem hochgeschätzten Wegbegleiter, dem scheidenden Astrophysiker David Gallehan, der gerade am Rednerpult seine Rede beginnt, angeboten bekam?
Ich erinnere mich an seine Lehrveranstaltungen, die ich so gerne besuchte. Er konnte uns Studenten, und vor allem mich, richtig begeistern. In jedem seiner Seminare beteiligte ich mich eifrig am Diskurs.
Da ihm meine Expertisen neugierig machten, kamen wir oft länger ins Gespräch. Bei einem anschließenden Mittagessen übten wir nicht selten einen wissenschaftlichen Schlagabtausch, der aber oft genug nicht wirklich ernst zu nehmen war. Ob wir nun gleicher oder entgegengesetzter Meinung waren, hitzige Diskussionen führten oder ausschweifend die Gedankengänge des anderen weiterführten, von unseren Zusammenkünften profitierten wir beide.
So entstand mit der Zeit eine kollegiale Freundschaft.
Ich wusste damals noch nicht, dass ich sein Wunschkandidat für seine Nachfolge sein sollte. Er machte manchmal Andeutungen, aber viele seiner Wortmeldungen waren auch nur Scherze.
Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Moment, als ich zum ersten Mal bemerkte, dass mich David Gallehan in die Universität aufnehmen wollte.
»Mein lieber Kollege, mit welcher suspekten, kontroversen wissenschaftlichen Meinung wollten Sie mich heute überzeugen?«
»Ich hätte bloß eine Ergänzung gehabt.«
»Könnten Sie diese Ergänzung wiederholen?«
»Ich sagte, dass durch Gravitationskräfte die Raumzeit soweit gekrümmt werden könnte, dass sich dadurch ein Objekt schneller als das Licht bewegen würde.«
»Das ist Auslegungssache. Mit der Raumzeitkrümmung werden Distanzen verkürzt. Hier besteht ein anderer Mechanismus. Die Raumzeit wird verändert. Die Verkürzung des Raums durch Raumkrümmung hat nichts mit Geschwindigkeiten zu tun. Ein Objekt, das durch Veränderung des Raums reist, bewegt sich ja nicht. Für das Objekt verändert sich nur der Raum und die Zeit. Außerdem ist das Zukunftsmusik und ein reines Gedankenexperiment.«
»Ich kann bestätigen, dass bestimmte Objekte bereits die Raumzeit überbrücken.«
»Da bin ich aber gespannt.«
»Ich deute auf die Existenz von nicht identifizierten Objekten hin, die nicht nur von Ufoforschern bestätigt wurde. Die nächsten Exoplaneten, auf denen fortschrittliches Leben möglich wäre, sind zu viele Lichtjahre von uns entfernt. Antriebe durch außerirdische Lebensformen müssten daher schnellere Geschwindigkeiten als die der Lichtgeschwindigkeit haben, sonst würde die Reisezeit ins Unermessliche steigen. Unser Militär kann deswegen keine unidentifizierten Objekte abfangen und auch die meisten Menschen sie zumeist gar nicht einmal sehen, weil sie sich entweder schneller als das Licht fortbewegen oder sie sich nicht in der uns bekannten Raumzeit befinden.«
»Sie machen es sich aber sehr leicht. Nur weil ich etwas nicht sehen kann, heißt es nicht unbedingt, dass dieses Etwas trotzdem da sein muss.«
»Unser Universum gibt es bereits seit über dreizehn Milliarden Jahren. Die menschliche Spezies hat erst vor paar Millionen Jahren begonnen, sich zu entwickeln. Es muss, zeitlich betrachtet, höher entwickelte Zivilisationen mit hochtechnologischen Antrieben geben und über unser Dasein informiert sein.«
»Das klingt alles weit hergenommen, finden Sie nicht?«
»Ich kann mir viel vorstellen, was nicht der gängigen Lehrmeinung entspricht. Ich verfolge nämlich grundsätzlich eine für mich logische Schlussfolgerung.«
»Erzählen Sie.«
»Diese besagt, dass alles, was ich mir als Mensch vorstellen kann, >irgendwie und irgendwo< in einem Universum existieren müsste, denn sonst könnte ich es mir ja nicht vorstellen. Anders herum heißt das: Alles, was ich mir nicht vorstellen kann, kann für den Menschen nicht existieren oder erreichbar sein.«
»Das wäre logisch. Können Sie auch ein konkretes Beispiel nennen?«
»Zum Beispiel könnte es eine andere Dimension geben, worin der Mensch keinen Zugang hätte. Ich gebe Ihnen ganz einfache Beispiele. Ein Beispiel wäre, sich eine völlig neue Farbe vorzustellen, und das ist nicht möglich. Oder, zum Beispiel, vierdimensional zu denken, scheint auch kaum begreifbar zu sein. Dass wir Menschen zumindest in drei Dimensionen wahrnehmen können, bestätigt, dass es unterschiedliche Dimensionen geben muss. Somit müssten auch Mehrdimensionalitäten oder sogar ein Multiversum existieren, wo es diese, für uns nicht vorstellbaren Dimensionen, gibt.«
»Hm, Sie sollten darüber Ihre Doktorarbeit schreiben. Und ich gratuliere Ihnen, dass Sie vom ursprünglichen Thema so sehr abschweifen konnten, aber Sie haben keinen eindeutigen Beweis, dass etwas schneller als das Licht sein kann.«
»Ich kann ein anderes Beispiel bringen.«
»Dann nur zu, ich höre.«
»Ich stelle klar, die Gravitationskräfte von schwarzen Löchern im Weltall könnten eine höhere Geschwindigkeit als Lichtgeschwindigkeit erreichen. Ihre Anziehungskräfte könnten sogar unendlich stark wirken, wenn ihre Massen beziehungsweise Energien sich ausdehnen und ins Unermessliche steigen würden.«
»Auch das klingt logisch.«
»Sie geben mir recht?«
»Natürlich nicht, noch nicht. Sie haben meine Nachfolge noch nicht angetreten. Aber womit ich recht habe, ist, Sie und ich haben Hunger. Auf geht´s, zum Essen!«
Bei unseren oftmaligen Diskussionen kam auch der Spaß nie zu kurz. Ich kritisierte die gängige Lehrmeinung, und er konterte mit naturwissenschaftlichen Beweisen für die bestehende Meinung. Durch unsere gute Zusammenarbeit und mein nie zu stillendes Interesse an allen wissenschaftlichen Dingen forderte ich Professor Gallehan während meiner Studienzeit ständig heraus. Es dürfte ihn auch meine Doktorarbeit über die kontrovers geführte Existenz eines Multiversums beeindruckt haben.
David Gallehan hatte gerade mich, gegenüber allen anderen Absolventen und Professoren, als Nachfolger für seinen Posten empfohlen. Aufgrund seines Einflusses in universitären Kreisen konnte er es auch in die Wege leiten, dass nun ich derjenige bin, der seine Nachfolge antritt.
Ich hätte gute Anlagen, sagte er.
Ich frage mich jedoch, warum er nicht noch bleibt. Sein Pensionsalter hat er noch gar nicht erreicht. Gerade er, der mit Leib und Seele und voller Leidenschaft an seinen Tätigkeiten für die Universität hing, hört jetzt so plötzlich auf und legt alle seine Funktionen nieder. Physische Beeinträchtigungen oder gar eine ernste Krankheit hätte man ihm nicht angemerkt. Aus Gründen des Respekts traute ich mich nicht zu fragen, warum er so plötzlich seine Ämter niederlegen würde und ausgerechnet ich seine Nachfolge antreten sollte.
Seiner Rede höre ich aufmerksam zu und verfolge dabei seine Gedankengänge. Nur zu gerne möchte ich seine Wünsche und Hoffnungen, welche die an uns Absolventen gerichteten Worte ausdrücken, erfüllen:
»Bleiben Sie motiviert, idealistisch, spontan, neugierig und positiv, aber bleiben Sie stets unvollkommen!«
Seinen zuletzt genannten Wunsch dürfte er bei seiner Abschlussrede bewusst gewählt haben. Er könnte damit meinen, dass nichts, keine abgeschlossene Forschungsarbeit, kein Forschungsgegenstand selbst als vollständig erklärbar gilt. Ich kann mir vorstellen, dass er auch meint, dass man sich auf erworbenen Lorbeeren niemals ausruhen und sich mit dem bis dahin Erreichten zufrieden geben soll. Ich kann meine Einstellung in seinen Worten und Wünschen sehr gut wiedererkennen.
Nach der Abschlussrede des renommierten und nun designierenden Astrophysikers David Gallehan wird uns, also allen Absolventen, von ihm und auch von dem Dekan persönlich die Hand gegeben. Für mich nimmt sich David Gallehan bewusst etwas mehr Zeit. Zu den Worten der Gratulation meint er:
»Mein lieber Kollege, Professor der Astrophysik Steven Thomas Thaillor, habe weiter Sehnsucht nach dem Unbekannten und hauche dem Leben mehr Sinn und Bedeutung ein! Du kannst großartige Arbeit leisten! Behalte dein Streben und Suchen nach der allumfassenden Frage!«
Ich nicke dankend und füge bestätigend hinzu: »Ich werde von mir hören lassen. Meine Begeisterung ist groß. Ich möchte dem Leben mehr Sinn und Bedeutung verleihen. Meine Neugierde motiviert mich, immer weiter zu forschen.«
»Du wirst schon heute ins Unbekannte blicken«, ergänzt David Gallehan beim Schritt zum nächsten Absolventen und grinst dabei. Ich verstehe nicht, wie das gemeint ist, und das macht mich nachdenklich. Es klingt nicht nach einem seiner Scherze, soweit kenne ich ihn schon.
Meine beiden befreundeten Kollegen und Freunde Andrew und Matthew nebenan in der Reihe flüstern mir grinsend etwas zu.
»Du Sprüche klopfender Gernegroß!«
»Du trittst in große Fußstapfen, aber ohne unsere Hilfe wärst du nicht so weit gekommen.«
Ich muss schmunzeln.
Bei der anschließenden Absolventenfeier erhascht Matthew eine Sektflasche und drei Gläser. Wir stoßen auf unseren Abschluss an.
»Auf die beste Truppe, die es gibt und die es noch sehr weit bringen wird«, verkündet Matthew. »Lasst uns darauf trinken.«
Wir beschwören mit halb gefüllten Sektgläsern unsere sicherlich weiter andauernde Freundschaft und unser gemeinsames Projekt, die Weiterentwicklung virtueller Spielsimulationen in Hologrammen. Wir wollen dieser Sache treu bleiben.
»Ich schätze deinen Erfolg. Ich vergönne ihn dir. Du hast ihn am meisten verdient, aber erst nach mir!«
Trotz seiner eindeutig sarkastisch gemeinten Worte kann ich an Matthew erkennen, dass er es mir mehr als vergönnt, eine so tolle Stelle bekommen zu haben. Er wirft mir einen schelmischen Blick zu. »Ich bin wahnsinnig eifersüchtig und eifere dir nach!«
Grinsend fügt Andrew hinzu: »Ich möchte es anders ausdrücken und so den Sachverhalt darstellen, und zwar: Ich bin das gewiefte Genie der Truppe und habe die clevereren und scharfsinnigeren Ideen, nachdem ich sie von Stevie entnommen habe!«
»Liebe Leute, ich weiß eure Anerkennung sehr zu schätzen, und ich weiß, ich kann mich nur selbst loben!«
»Dein Höhenflug ist auf jeden Fall gleich wieder vorbei. Unsere Frauen kommen, und deine Frau hat es, so scheint es, sehr eilig. Was hast du denn schon wieder angestellt?«, lacht Matthew.
Nun bin ich verwirrt. Kann das Matthew wirklich von dieser Entfernung bereits erkennen? Warum soll es Kate eilig haben?
»Du, Stevie, du hältst doch dein Wort und du bleibst unserem gemeinsamen Projekt wirklich erhalten?«, fragt Matthew nun ernsthaft.
Es ist klar, dass ich ab nun eine wichtige Stelle an der Universität habe. Matthew und Andrew würden sich auch weiterhin voll und ganz dem Projekt widmen.
»Ich kann euch doch nicht im Stich lassen! Wo würde das sonst hinführen?«
Als Kate, Nicole und Clara bei uns ankommen, bin ich erstaunt, wie Matthew es erahnen konnte, dass Kate es wirklich eilig hat. Dies ist meine zweite Verwirrung an diesem Tag, und das macht mich ein wenig stutzig.
Kate hat sich für diesen Anlass wirklich schick gemacht. Das neue, hellblaue Kostüm betont ihre schlanke Figur, ihre langen Haare hat sie zu einem Zopf geflochten. Ihre kühle, elegante Erscheinung steht aber nun im Widerspruch zu ihrem schnellen Schritt und ihren hastigen Worten. »Ich freue mich sehr für dich, Steven, aber wir müssen sogleich los.«
Sie umarmt mich. Nicole und Clara, die Freundinnen von Matthew und Andrew, umarmen und beglückwünschen die beiden ebenso. Nicole kichert, balanciert gekonnt ihre Zigarette zur Seite und küsst überschwänglich ihren Freund Matthew.
Nicole ist, wie immer, wenn ich sie sehe, mit einer übermäßig dicken Schicht Make-up im Gesicht überzogen. Sie hinterlässt deshalb durch ihre Küsse bei Matthew zahlreiche Spuren.
Wie es bei uns Jungs der Fall ist, sind auch Kate, Nicole und Clara schon sehr gut befreundet. Für gewisse Anlässe treffen sie sich regelmäßig, vor allem, wenn es um Shoppen, Sport und in den Kosmetiksalon oder zum Wellnessen geht. Auf jeden Fall haben sie sich alle drei wirklich hübsch gemacht. Dabei betont Nicole ihre sehr weibliche Figur, ihr grellrotes Kleid liegt eng an ihrem Körper. Mit ihren High Heels ist sie genauso groß wie Matthew. In ihren naturblonden Haaren sind nun helle Strähnchen, und diese machen ihr langes Haar noch länger. Für meinen Geschmack ist sie aber zu sehr aufgetakelt, aber genau das gefällt Matthew.
Clara macht wie immer einen sympathischen, einfachen und bodenständigen Eindruck. Sie ist eine nette, ruhige junge Frau, die mit allen Leuten klarkommt und sich für vieles begeistern kann. Sie kann niemandem lange böse sein und sich mit jedem über alles unterhalten. Heute hat sie sich ausnahmsweise etwas mehr herausgeputzt. Das ist sonst bei ihr nicht üblich. Wie Kate hat sie ihre braunen, gelockten Haare zu einem Zopf geflochten.
So nehme ich alle Eindrücke in mich auf, um diese besondere Feier in meiner Erinnerung zu speichern. Plötzlich spüre ich einen festen Griff am Oberarm.
Kate wirkt ungeduldig und nervös. Sie zieht mich zur Seite.
