Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - Folge 6 - Bastian Sick - E-Book

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - Folge 6 E-Book

Bastian Sick

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Beschreibung

Das Letzte aus dem Irrgarten der deutschen Sprache Zwölf Jahre ist es her, da begann ein Fischlein namens Zwiebelfisch seine abenteuerliche Reise durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Viel hat es dabei erlebt und zahlreiche Freunde gewonnen. Die Kolumnen des Zwiebelfischs wurden unter dem Titel »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod« zu einem der größten Bestseller des Jahrzehnts und der Zwiebelfisch unter seinem Klarnamen Bastian Sick zu einer bekannten Größe der deutschen Unterhaltungskunst. Seit 2004 sind fünf Bände erschienen, die sich millionenfach verkauften. Nun erscheint der sechste und letzte Teil. Darin stellt der Autor noch einmal einige besonders bemerkenswerte sprachliche Phänomene vor. Total verrückte Filmtitel, rätselhafte Abkürzungen, stillose Werbung und die Abschaffung der Schreibschrift sind nur ein paar seiner Themen. Außerdem enthalten: Sicks schmissige »Ode an den Konjunktiv« und seine Antwort auf die Frage einer Schülerin »Was ist Liebe?«

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Seitenzahl: 265

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Bastian Sick

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Folge 6

Mit Illustrationen von Katharina M. Ratjen und Annika Trosien

Kurzübersicht

Buch lesen

Titelseite

Inhaltsverzeichnis

Über Bastian Sick

Über dieses Buch

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

Auf ein Sechstes!

Keine andere Sprache

Mann Gottes und des Genitivs

Nach dem Letzten geht noch was!

Immer schön politisch korrekt bleiben!

Blau-Weiß oder Blau-Weiss?

Von riesen Erfolgen und klassen Kämpfen

Schreibschrift ade?

Hat die Niederlande den dritten Platz verdient?

Heißt es »die Beatles« oder »The Beatles«?

Die Drei-Komponenten-Regel

Weiter kommen oder weiterkommen?

Gibt es Leggings und Hotpants in der Einzahl?

Eine Klobrille namens Maren

Meines Onkel(s) Tom(s) Hütte

Angle ich oder angel ich?

Von sich und Ihnen

Was macht das »’s« in »ehe man sich’s versieht«?

Verhofft kommt nicht so oft

Das unbeugsame »ein«

Etw. z. Th. Abk.

Die unglaubliche Geschichte der total verrückten Filmtitel

Wofür ist das Semikolon gut?

Wenn dasselbe und das Gleiche nicht dasselbe sind

Äpfelmus, Kartoffelnsalat und Nüssetorte

Wir sind Stümmeldeutsch!

Werbung ohne Stiel

Eine sprichwörtlich haarige Angelegenheit

Von Tacheles, Schlamassel, Zockern und Ganoven

Von Abzocke bis Zoff – Jiddische Wörter in der deutschen Sprache

»Ich will« oder »Ich möchte bitte«?

Ode an den Konjunktiv

Bitte, danke, bitte?

Unerfülltes Futur II

Nach gutem alten Brauch oder nach gutem altem Brauch?

Gibt es richtiger als richtig?

Von Viertel nach acht bis viertel neun

Wo die Eieruhr ein Kurzzeitmesser ist

Vokabeltest: Testen Sie Ihr Handelsdeutsch!

Smile :-)

Wie beugt man hinter »etliche«?

Beugung hinter Mengenwörtern

Leichte Sprache für alle?

Welch ein Wort ist »erlaubt«?

Ein zu befahrenes oder zu befahrendes Land?

Als die USA noch die Vereinigten Staaten von Amerika waren

Als man noch aufs Amt ging

Sprachlich schöngefärbt

75 Euphemismen aus Alltagssprache, Wirtschaft und Politik

Von Schwippschwägern, Muhmen und Großcousinen

Nach Lauten gemalt

Ein Buch mit sieben Siegeln

Von A und O bis zur Wurzel allen Übels – 60 Redewendungen aus der Bibel

Sind Gedichte uncool?

Würde Goethe heut noch leben

Die Geschichte des O

Was ist Liebe?

Register

Inhaltsverzeichnis

Auf ein Sechstes!

Vor etwa einem Jahr lernte ich ein neues Fremdwort kennen: Hexalogie. Es ist griechisch und bedeutet Sechsteiler. Ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang ich es gelesen habe, aber es gefiel mir und prägte sich mir ein. Vielleicht war es dieses Wort, das mich veranlasste, einen sechsten Band mit Sprachgeschichten zu schreiben. Damit ich auf die Frage »Und? Was hast du so getrieben in der letzten Zeit?« antworten kann: »Ach, so dies und das: den Keller aufgeräumt, den Garten auf Vordermann gebracht – und eine Hexalogie vollendet.«

Ein anderer Grund ist, dass ich es liebe, zu schreiben und Geschichten zu erzählen. Das war schon immer so. Kaum hatte ich in der Grundschule das Schreiben gelernt, begann ich, Oktavhefte mit selbsterdachten Geschichten zu füllen; anfangs noch in recht eigenwilliger Orthografie. Eine Geschichte fiel mir unlängst wieder in die Hände, sie spielt in Paris, und da ist von zwei Freunden die Rede, die die Champs-Élysées entlangspazieren. Nur hatte ich es mit meinen acht Jahren etwas anders geschrieben, nämlich »Schonseliese«. Ein paar Jahre später, in der fünften Klasse, schrieb ich einen Historienroman, eine abenteuerliche Geschichte von Machtspielen und Verrat mit dem Titel »Die gestohlene Krone«. Meine Mitschüler erhielten darin Rollen als Könige und Fürsten, als Ratgeber, Hofdamen, kühne Ritter oder treue Diener. In der großen Pause las ich das jeweils neueste Kapitel vor, umringt von meinen Klassenkameraden, die darauf brannten zu erfahren, was als Nächstes mit ihnen passierte. Irgendwann begann sich unser Deutschlehrer darüber zu wundern, dass wir nicht wie die anderen auf dem Schulhof tobten, sondern im Klassenzimmer blieben, wo einer etwas vorlas und die anderen gespannt zuhörten. Also nahm er mich am Ende einer Pause zur Seite und verlangte das Buch zu sehen, aus dem ich da immer vorlas. Ich wurde rot und erklärte, dass es gar kein richtiges Buch sei, sondern etwas, das ich selbst geschrieben habe. Verlegen reichte ich ihm das Heft, und während er darin blätterte, war ich mir sicher, dass er mich ob meiner kindlichen Fantastereien tadeln würde. Doch er wollte lediglich von mir wissen, ob ich mir das alles selbst ausgedacht habe. Ich bejahte die Frage. Er nickte bedächtig und sagte, das sei bemerkenswert. Zuerst verstand ich nicht, was er damit meinte, doch dann wurde es mir klar, denn er verfügte, dass ich ab sofort nicht mehr in den Pausen daraus vorlesen solle, sondern zu Beginn einer jeden Deutschstunde, wenn alle Schüler auf ihren Plätzen saßen. Damit alle davon profitieren könnten, sagte er. So erhielt ich mit zehn Jahren mein erstes Auditorium. Und eine Ermutigung, die ich nie vergessen werde. Die besten Lehrer sind diejenigen, die ihren Schülern Flügel verleihen.

Dass ich einmal Geschichten und Bücher über die deutsche Sprache schreiben würde, war damals natürlich noch nicht abzusehen. Das ergab sich erst viele Jahre später aus meiner Tätigkeit als Korrekturleser in der Redaktion von »Spiegel Online«. Mit dem reinen Korrigieren mochte ich mich auf Dauer nicht begnügen, und so ging ich dazu über, launige Rundmails an die Kollegen zu schreiben, in denen ich mich über stilistische Fragen ausließ. Hier ein Beispiel vom November 2002:

Liebe Kollegen! Seit einiger Zeit häufen sich in unseren Teasern Konstruktionen wie

 

»Das Ausmaß der Katastrophe ist offenbar verheerender als bisher angenommen« oder

»Der Schuldenberg soll noch höher sein als bisher vermutet« oder

»Die Zahl der Opfer ist offenbar noch höher als bislang bekannt« oder

»In Afghanistan verschanzen sich weit mehr Terroristen als zunächst gedacht.«

 

Ich halte dies für noch ermüdender als bislang zugegeben.

Vielleicht denkt ihr alle noch intensiver darüber nach als bisher bekannt.

Möglicherweise können wir unsere Artikel dann noch attraktiver gestalten als bislang vermutet.

Mit noch freundlicheren Grüßen als zunächst gedacht – euer Bastian

Dies brachte meinen damaligen Chef auf die Idee, mich eine Kolumne schreiben zu lassen. So erschien vor zwölf Jahren der erste »Zwiebelfisch« auf »Spiegel Online«. Anfangs ging es darin ausschließlich um journalistischen Stil, um Phrasendrescherei und Übersetzungspannen. Dass sich der Schwerpunkt der Kolumne mit der Zeit auf Rechtschreibung und Grammatik verlagerte, ist den Lesern zu verdanken, die der sprachliche Wildwuchs im Internet, in der Werbung und im Fernsehen zunehmend befremdete. Ein Thema tauchte dabei immer wieder auf: der Genitiv. Der zweite Fall wurde zu meinem Markenzeichen – auch wenn ich für viele »der mit dem Dativ« bin.

 

Freilich lässt sich nicht behaupten, dass sich die Situation des Genitivs in den zwölf Jahren seit Erscheinen der ersten »Zwiebelfisch«-Kolumne zum Besseren gewendet habe. Aus der Sprache vieler Publikationen und Sendungen scheint er heute verschwunden. Selbst einige Lehrer wollen ihn nicht mehr unterrichten.

Auf der Internetseite der »Deutschakademie«, einer privaten Sprachschule, die sich selbst »DeutschAkademie« schreibt, erfährt man über den Genitiv Folgendes:

Die zweite Form, die Nomen oder Pronomen haben können, heißt »Genitiv«. Sie zeigt den Besitz einer Person an und ist heute schon nicht mehr üblich. Normalerweise ersetzt man den Genitiv durch die Präposition »von« in Kombination mit der dritten Form, dem »Dativ«. Die Dativ-Frage ist »wem?« und zeigt, dass Dativ immer für eine Person steht.

Der Ball von dem Kind. Von WEM? – Dem Kind (Objekt im Dativ)

Davon abgesehen, dass der Text irreführende Aussagen enthält (nicht nur Personen, auch Dinge können im Dativ stehen), ist die Behauptung, der Genitiv sei »heute schon nicht mehr üblich«, etwas voreilig. Hätte es geheißen, der Genitiv werde »umgangssprachlich heute seltener gebraucht«, könnte man nicht widersprechen, doch in ihrer generalisierenden Form ist die Behauptung nicht haltbar.

 

Zwar gibt es heute schon Radiosender, die mit der offiziellen Anweisung arbeiten: »Keinen Genitiv! Das überfordert die Hörer!« Dabei handelt es sich jedoch nicht um Sender, die das Wort »Info« oder »Kultur« im Namen tragen, sondern eher um solche, die etwas mit »Hit« oder »Antenne« heißen.

 

Ich bin mir sicher – dem Dativ zum Trotz: Der Genitiv wird überleben. Nicht in der Umgangssprache, nicht in den Dialekten – dort war er nie zu Hause. Auch nicht in der Sprache der Radiomoderatoren und der Werbetexter. Der Genitiv war nie ein Volksgut, sondern immer ein Bildungsgut.

Zum sechsten Mal wird sich diese Buchreihe seiner Sache annehmen. Nicht um seiner in stiller Trauer zu gedenken, sondern um aus lauter Lust am Schönen und Besonderen des Genitivs lebendig gewahr zu sein.

 

Ich danke Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, dass Sie meine Arbeit über so viele Jahre mit Interesse und Wohlwollen begleitet haben, mir immer wieder neue Anregungen geliefert und mir die Möglichkeit gegeben haben, das Thema Sprache auf viele verschiedene Weisen zu behandeln: in Geschichten, Bilderbüchern, Bühnenshows, Liedern und Gedichten. Und mit einem Gedicht möge dieses Buch darum auch beginnen. Vorhang auf für den sechsten Teil der Hexalogie »von dem Dativ und des Genitivs«.

 

Bastian Sick

Niendorf/Ostsee, im August 2015

Inhaltsverzeichnis

Keine andere Sprache

Ich kann surfen, ich kann joggen,

Ich kann mailen, sogar bloggen.

Ich kann skypen, Freunde liken,

Bilder beamen, Filme streamen.

Ich kann jammen, ich kann slammen,

Ich kann powern, ich kann fighten.

Ich kann moven, richtig grooven,

Und dank Englisch sogar kiten.

Aber keine andere Sprache auf der Welt

Bringt zum Ausdruck, was mir so an dir gefällt;

Und in keiner anderen Sprache sage ich,

Was ich für dich fühle: Ich liebe dich.

Ich kann twittern, ich kann chillen,

Und mit Blicken manchmal killen.

Ich kann learning it by doing

Und gemein sein wie ein Ewing.

Englisch öffnet viele Türen

Und erfüllt moderne Träume;

Doch im Herzen zu berühren,

Schaff ich nur mit Deutsch alleine.

Denn keine andere Sprache auf der Welt

Bringt zum Ausdruck, was mir so an dir gefällt;

Und in keiner anderen Sprache sage ich,

Was ich für dich fühle: Ich liebe dich.

Ich mag dein Lächeln, nicht dein Smiling,

Und deinen Stil, nicht bloß dein Styling.

Und mein Gefühl für dich ist mehr,

Als es ein Feeling jemals wär.

Du bist erregend, nicht exciting,

Und deine Augen nicht inviting,

Und weder grey noch green noch blue;

Ich sag dir niemals: I love you.

Denn keine andere Sprache auf der Welt

Bringt zum Ausdruck, was mir so an dir gefällt;

Und in keiner anderen Sprache sage ich,

Was ich für dich fühle: Ich liebe dich.

Inhaltsverzeichnis

Mann Gottes und des Genitivs

Dass sich der Genitiv im Deutschen bis heute gehalten hat, ist vor allem einem Mann zu verdanken: Dr. Martin Luther. Ohne Luther wäre der zweite Fall womöglich längst aus unserer Sprache verschwunden, so wie im Englischen und im Niederländischen, wo man ihn allenfalls noch unter dem Etikett »historisch« kennt.

Ein Leser hat sich vorgenommen, bis zum 500. Reformationstag im Jahr 2017 die gesamte Bergpredigt nach der Lutherbibel auswendig zu lernen. Und er hofft, noch 499 andere zu finden, die es ihm gleichtun. Darüber laufe schon jetzt eine Wette, schrieb er mir. Zu dumm, dass »Wetten, dass ..?« inzwischen eingestellt worden ist. Die Sendung hätte sich des Themas bestimmt gern angenommen, wenn auch nur in gekürzter Form, denn die Bergpredigt umfasst drei Kapitel des Matthäus-Evangeliums, das ist eine Menge Text.

Grundsätzlich halte ich das Auswendiglernen von Gedichten, Volksliedern und Klassikern der Literatur für eine produktive Form der Auseinandersetzung mit Kultur. Man kann sich natürlich fragen: Warum ausgerechnet die Bergpredigt? Darin ist zwar von Seligpreisung, Vergebung und Versöhnung die Rede, doch geht es auch recht dogmatisch zu: »Wer also ein noch so unbedeutendes Gebot übertritt … der wird in der neuen Welt Gottes der Geringste sein« heißt es in Kapitel 5, Vers 19. Und ein paar Verse später: »Wer sich von seiner Frau trennt …, der zerstört ihre Ehe. Und wer eine Geschiedene heiratet, wird zum Ehebrecher.«

So lesen wir es jedenfalls in der heutigen, überarbeiteten Ausgabe der Lutherbibel. Im Originaltext aus dem 16. Jahrhundert las sich vieles noch anders. Da wurde nicht gezürnt, sondern gezörnt. Und nicht beschuldigt, sondern beschüldigt. Und die Hölle war keine finstere Hölle mit »ö«, sondern um einiges heller: Wer »schüldig« war, der kam »in die Helle«.

Anderen winkte dafür Seligkeit: den Friedfertigen, den »Barmhertzigen« und den »Senfftmütigen«. Sanftheit wurde zu Luthers Zeiten offenbar noch mit Senf gemacht. Das Kämmerlein war ein Kemmerlin, und wenn man sich darin zurückzog, um zu beten, so empfahlen Luthers Worte: »Schleus die Thür zu.«

Es gab noch keine Dehnungsbuchstaben, dafür viele »th« und Doppel-»f« (»Und wer da anklopfft / dem wird auffgethan«). Und manche Endung, wie sie uns heute seltsam erscheint: »Auge umb auge, Zan umb zan.«

Das Pronomen »du« verschmolz bei Luther gern mit dem Verb: »Sollst du« wurde zu »soltu« und »siehst du« zu »sihestu«: »Wenn du betest / soltu nicht sein wie die Heuchler« – »Was sihestu aber den Splitter in deines Bruders auge / und wirst nicht gewar des Balcken in deinem auge.«

 

Luther orientierte sich übrigens am sogenannten Meißner Kanzleideutsch, der Amtssprache im sächsischen Kurfürstentum. Diese wiederum hatte mehr mit der höfischen Dichtung des späten Mittelalters zu tun als mit der gesprochenen Sprache der Sachsen. Daher ist die Behauptung, Luther habe Sächsisch zum Standard für ganz Deutschland gemacht, nur bedingt zutreffend. Dennoch findet man in Luthers Schriften das eine oder andere Wort, das eine gewisse regionale Prägung verrät. »Trauben« waren bei ihm zum Beispiel »Drauben«, so wie sie in Sachsen noch heute genannt werden.

 

Der Konjunktiv war bei Luther ebenso lebendig wie der Genitiv: »Was hülffs den Menschen / so er die gantze Welt gewünne / Und neme doch schaden an seiner Seele?« heißt es in Kapitel 16 des Matthäus-Evangeliums, und in Kapitel 12: »Wes das Hertz vol ist / des gehet der Mund über.« Der Gedanke, dass seine Landsleute mit Konjunktiv und Genitiv überfordert sein könnten, kam Luther nicht. Im Unterschied zu vielen Institutionen unserer Tage, die vom Gebrauch dieser Formen ernsthaft abraten. Aber Luther ging es auch nicht um Profit durch Verblödung, sondern um Prosit (= Wohlsein) durch Erhebung.

 

Wären Luther und seine Bibelübersetzung nicht gewesen, hätte sich der Genitiv kaum bis in unsere Tage gehalten. In der Renaissance hatte der Wesfall seine höchste Blüte erreicht und kam bei einer viel größeren Zahl von Verben zum Einsatz als heute. In der Neuzeit ging es dann stetig mit ihm bergab, an immer mehr Stellen wurde er abgelöst. So wurde »Ich gedachte eines auf dem Wege« zu »Auf dem Weg fiel mir ein« und »Ich besann mich eines anderen« zu »Ich hab es mir anders überlegt«.

 

Luther aber hat mit seiner Bibelübersetzung, seinen Schriften und seinen Liedern dem Genitiv ein bleibendes Denkmal gesetzt. »Ach Gott vom Himmel, sieh darein und lass dich des erbarmen«, dichtete er 1524. »Das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren«, schrieb er ein andermal. Und schließlich: »Ich bin aber dessen gewiss, dass ich Gott wohlgefalle mit all meinem Tun, nicht um meinetwillen, sondern um Gottes willen, der sich mein erbarmt.«

 

Denken wir an Martin Luther, so brauchen wir dies nicht im Kniefall zu tun. Luther war ein bedeutender Mann der Kirche, aber gewiss kein Heiliger. Doch ohne ihn hätte es vielleicht nie ein einheitliches Hochdeutsch gegeben. Darum werde ich am Reformationstag 2017 in mein Kemmerlin gehen, die Thür schleusen und sein gedenken.

Weiteres zum Genitiv:

 

»Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod« (»Dativ«-Band 1)

»Wir gedenken dem Genitiv« (»Dativ«-Band 2)

»Wem sein Brot ich ess, dem sein Lied ich sing« (»Dativ«-Band 3)

»Verwirrender Vonitiv« (»Dativ«-Band 3)

»Dem Kaiser seine neuen Kleider« (»Dativ«-Band 5)

Inhaltsverzeichnis

Nach dem Letzten geht noch was!

Heute hieß es in einer Ankündigung im Internet: »Erfolgsautor Bastian Sick liest aus seinen letzten Veröffentlichungen«. Das stimmte mich nachdenklich. Ein paar Leser werden womöglich glauben, ich habe das Schreiben eingestellt. Ein paar Kritiker werden es womöglich hoffen. Doch wie heißt es so schön? Wer zuletzt lacht, den beißen die Hunde.

Wenn vom »Letzten« die Rede ist, klingt schnell etwas von Abschied und Ende mit: das Letzte Abendmahl, die letzten Worte, der letzte Wunsch, der Letzte Wille.

Gemeint waren in der Meldung aber nur die jüngsten Veröffentlichungen. Von meinen letzten bin ich hoffentlich noch um einiges entfernt. Zwar kann »das Letzte« auch die Bedeutung »das Neueste« haben, doch sollte man sich vor dem Gebrauch vergewissern, dass es nicht missdeutet werden kann. Manche nehmen es mit der Unterscheidung nämlich sehr genau und verstehen unter dem »Letzten« ausschließlich den Abschluss.

 

Eine ältere Leserin erinnerte sich an ein Erlebnis aus ihrer Studienzeit vor rund 50 Jahren. Damals sprach einer ihrer Kommilitonen den Professor auf etwas an, das dieser in seiner »letzten« Vorlesung gesagt habe. Darauf entrüstete sich der Professor und stellte klar, dass seine jüngste Vorlesung noch längst nicht seine letzte gewesen sei.

 

Ein ähnlicher Fall ist mir aus meiner Schulzeit in Erinnerung geblieben. Gerade hatte uns unser Geschichtslehrer gebeten: »Schreibt auf, was wir in der letzten Stunde durchgenommen haben!«, da erhob sich der Frechste von uns von seinem Platz und machte Anstalten, zur Tür hinauszugehen. »Was ist los? Wo willst du hin?«, fragte der Lehrer. Darauf der Schüler: »Wenn die vergangene Stunde die letzte war, kann das nur bedeuten, dass die Schulzeit vorbei ist. Also können wir gehen!« Es gab lautes Gelächter einerseits und einen Eintrag ins Klassenbuch andererseits, denn das letzte Wort haben bekanntlich immer die Lehrer.

 

Bei den alten Germanen hieß das »Letzte« noch »last« und bedeutete »das Matteste«. Das »laste« Licht des Tages war das matteste, das schwächste Licht. Und da die Worte eines Sterbenden oft seine schwächsten, seine mattesten sind, nannte man sie seine »lasten«, das heißt letzten Worte. In frühmittelalterlichen Zeiten wohnte dem »Letzten« also etwas Schwaches, Sterbendes inne. Diese enge Bedeutung wurde im Laufe der Jahrhunderte deutlich erweitert. So ist Beethovens 9.Sinfonie zwar seine letzte (vollendete), gilt aber keinesfalls als seine schwächste oder matteste – ganz im Gegenteil.

 

Letztlich ist das Letzte ein weit gefasster Begriff, der zur Bildung zahlreicher Redewendungen beigetragen hat. Zum Beispiel »der Weisheit letzter Schluss«, »du raubst mir den letzten Nerv«, »er pfeift aus dem letzten Loch« und »er gibt dafür sein letztes Hemd«. Nicht zu vergessen die biblische Prophezeiung »die Letzten werden die Ersten sein«, gefolgt von der schmerzhaften Jäger-Erkenntnis »den Letzten beißen die Hunde«. Und wenn man etwas gerade noch rechtzeitig geschafft hat, dann heißt es »auf den letzten Drücker«.[1]

Nach der Letzten Ölung, dem letzten Atemzug, dem letzten Geleit und dem Letzten Gericht ist tatsächlich Schluss. Wer diese Stationen absolviert hat, wird nicht wieder von sich hören lassen. Doch dass das Letzte nicht unbedingt einen Schlusspunkt darstellen muss, sondern genauso für das vergangene Mal, das vor Kurzem Erlebte stehen kann, beweisen die Wortbildungen »letztens« und »letzthin«, zwei Synonyme für »kürzlich« und »neulich«.

 

Berichterstattung sollte stets um Klarheit bemüht und unmissverständlich sein. Wenn in einer Zeitung von der »letzten Aufführung der Zauberflöte« die Rede ist, sollte sicher sein, dass es sich um die Abschlussvorstellung handelte. War es hingegen nur die jüngste Aufführung innerhalb einer noch Monate dauernden Spielzeit, dann sollte sie auch so genannt werden. In der Sprache Luthers war das »Jüngste« zwar noch gleichbedeutend mit dem »Letzten«, wie man am »Jüngsten Tag« und am »Jüngsten Gericht« erkennen kann. Heute aber versteht man unter den »jüngsten Ereignissen« nicht das Ende der Welt, sondern das, was sich gerade zugetragen hat.

 

In der »Tagesschau«-Redaktion wird stets darauf geachtet, dass die Sprecher »in der vergangenen Woche« sagen und nicht etwa »in der letzten Woche«. Hier wird es mit der Genauigkeit vielleicht etwas zu genau genommen, denn im Unterschied zur »letzten Aufführung« besteht bei der »letzten Woche« keine Verwechslungsgefahr.

 

Die Werbung verwendet gern Superlative, zu denen auch »das Letzte« zählt. So weiß ein Reisebüro angeblich, wo »das letzte Paradies« zu finden sei, ein Tortenhersteller preist seine aus Sahne gewonnene »letzte Versuchung« an, und jeder Autofahrer schaut noch einmal auf die Tankanzeige, wenn er liest: »Letzte Tankstelle vor der Grenze«. Doch auch hier kann es zu Missverständnissen kommen. Eine Therme in Bayern bewirbt ihre Tauchkurse mit den Worten : »Tauchen – eines der letzten Abenteuer für Jung und Alt«. Da fragt man sich, ob diese Werbung nicht eher eine Warnung ist.

 

Nicht zuletzt hat das Letzte außer dem definitiven Schlusspunkt und dem Vorangegangenen noch eine dritte Bedeutung, die das ursprüngliche »Schwächste« und »Matteste« aufgreift. Diese erklärt sich am besten mit einem Witz:

 

Sagt ein Leser zum Autor: »Ich habe Ihr Buch gelesen.« Fragt der Autor: »Das letzte?« Erwidert der Leser: »Fand ich auch!«

Inhaltsverzeichnis

Immer schön politisch korrekt bleiben!

Im Zeichen der politischen Korrektheit wurde der Negerkuss in Schokokuss umbenannt, und aus dem Sarotti-Mohren wurde der Sarotti-Magier. Die Eskimo wollen nicht mehr Eskimo genannt werden und die Schnitzel nicht mehr Zigeuner. »Pippi Langstrumpf« konnte man mit ein paar Korrekturen gerade noch retten, bei »Winnetou« werden ein paar Korrekturen nicht reichen. Politische Korrektheit ist ein ernstes Thema. Gerade deshalb sollte man es nicht zu verkrampft sehen.

Heute ist jedermann bemüht, politisch korrekt zu sein. Und was sage ich da: »jedermann« – jede Frau natürlich auch. Damit fängt es schon an. Denn dieses Land besteht schließlich nicht nur aus Bürgern, Wählern und Steuerzahlern, sondern genauso aus Bürgerinnen, Wählerinnen und Steuerzahlerinnen. Und – wie wir dank Alice Schwarzer wissen – auch aus Steuerhinterzieherinnen.

Der Weg zur politischen Korrektheit ist steinig und unbequem. Überall stehen Fettnäpfchen bereit, die nur darauf warten, dass jemand in sie hineintritt. Manches muss man mühsam erlernen.

Für meine erste Hausarbeit im Studium der Neueren Geschichte zum Thema »Deutsche Kolonialpolitik in Südwestafrika von 1894 bis 1907« erhielt ich außer einer Note auch den gut gemeinten Rat meines Dozenten, von der Verwendung des Begriffs »Eingeborene« doch künftig besser abzusehen. Das war mir sehr unangenehm, und ich lernte, dass man auch harmlos erscheinende Wörter auf einen möglichen kolonialistischen Beigeschmack prüfen muss.

 

Mit Rücksicht auf die politische Korrektheit hat selbst Astrid Lindgrens berühmtestes Werk »Pippi Langstrumpf« einige Korrekturen hinnehmen müssen. Seit den 80er-Jahren gingen beim Oetinger-Verlag immer wieder Briefe besorgter Eltern ein, die Textänderungen in Lindgrens Klassiker »Pippi Langstrumpf« forderten. Stein des Anstoßes war das Wort »Negerkönig«: »Meine Mama ist ein Engel«, sagt Pippi gleich im ersten Kapitel, »und mein Papa ist ein Negerkönig. Es gibt wahrhaftig nicht viele Kinder, die so feine Eltern haben!«

Schwer vorzustellen, dass ausgerechnet Astrid Lindgren kolonialrassistisches Gedankengut verbreitet haben soll, wie Kritiker ihr vorwarfen. Einige Eiferer forderten gar, Astrid Lindgrens Werke gänzlich aus deutschen Büchereien zu verbannen. Die Autorin selbst fand die Aufregung übertrieben und sah keinen Grund, an ihrer »Pippi« auch nur ein Komma zu ändern. Erst sieben Jahre nach ihrem Tod traute sich der Verlag einen kosmetischen Eingriff: Seit 2009 sind die Bewohner von Taka-Tuka-Land keine »Neger« mehr, sondern »Eingeborene«, und Pippis Vater ist nicht länger »Negerkönig«, sondern ein »Südseekönig«. Das verschafft unserem kollektiven Gewissen wieder etwas Ruhe – jedenfalls so lange, bis die Bewohner der Südseestaaten gegen die Bezeichnung »Eingeborene« Protest einlegen und besorgte Eltern sich wieder hinsetzen und Briefe schreiben.

 

Das nächste Wort, das – zum Erstaunen vieler – auf dem Index der politisch inkorrekten Wörter landete, war »Eskimo«. Die größte Gruppe der Eskimo, die in Kanada und Grönland lebenden Inuit, forderte, das Wort »Eskimo« durch »Inuit« zu ersetzen, weil »Eskimo« nach einem älteren Verständnis »Rohfleischesser« bedeutete. Inzwischen gilt in der Wissenschaft aber als gesichert, dass »Eskimo« auf ein indianisches Wort zurückgeht, das »Schneeschuhflechter« bedeutet. Die Aufregung der Inuit war also unbegründet. Außerdem sind längst nicht alle Eskimo Inuit – die in Russland und Alaska lebenden Völker nennen sich Yupik und Iñupiat.

Wollte man anfangen, alle Völkernamen auf ihre ursprüngliche Bedeutung hin zu überprüfen und gegebenenfalls zu ersetzen, müsste man praktisch alle nordamerikanischen Indianervölker umbenennen. Denn tatsächlich tragen die meisten Indianerstämme einen Namen, den sie von ihren Nachbarn bekommen haben. Immer wenn die Europäer bei der Eroberung des Wilden Westens auf einen neuen Indianerstamm stießen, fragten sie erst einmal die, die sie bereits kannten, wie die anderen denn wohl hießen. Da Nachbarn bekanntlich nicht immer die höchste Meinung voneinander haben, sind viele der Namen, die die Europäer auf diese Weise lernten, nicht besonders schmeichelhaft.

Die Apachen haben ihren Namen vom Pueblovolk der Zuñi. Bei den Zuñi hat das Wort apachù die Bedeutung »Feind«. Die Apachen selbst nennen sich Inde, was in ihrer Sprache »Volk« oder »Menschen« bedeutet.

Die Komantschen haben ihren Namen von den Utah-Indianern. Bei den Utah heißt komántcia »Feind«. Die Komantschen selbst nennen sich Nemene, was »Volk« oder »Menschen« bedeutet.

Der Name der Schoschonen bedeutet »die zu Fuß gehen«. So wurden sie von ihren Nachbarn genannt, die bereits Pferde hatten. Die Schoschonen selbst nennen sich Nime, was »Volk« oder »Menschen« bedeutet.

Die Irokesen haben ihren Namen von ihren Nachbarn, den Algonkin. Er leitet sich von einem Wort ab, das »Klapperschlangen« bedeutet. Die Irokesen selbst nennen sich Haudenosaunee, was »Bewohner des Langhauses« bedeutet.

Nicht einmal der berühmte Name Sioux bedeutet etwas Heldenhaftes. Tatsächlich handelt es sich um eine abwertende Bezeichnung für die Indianerstämme der Dakota und Lakota und bedeutet so viel wie »kleine Schlangen«. Die Dakota wiederum haben ihren Nachbarn den Namen »Cheyenne« gegeben, was »kleine Anderssprechende« bedeutet. Fast noch am besten kommen die Navajo-Indianer weg, die ihren Namen einer Pueblosprache verdanken, wo er für »Ackerbauern« steht. Die Navajo selbst nennen sich übrigens Diné, was – nun raten Sie mal? Genau – »Volk« oder »Menschen« bedeutet.

»Pippi Langstrumpf« konnte man mit ein paar Korrekturen noch retten. Karl May wird man komplett einstampfen müssen.

 

Auch die Märchen der Brüder Grimm hielten einer politischen Kontrolle nicht lange stand. Nehmen wir nur mal »Schneewittchen und die sieben Zwerge«. Dass man Menschen von kleinem Wuchs als »Zwerge« bezeichnet, ist politisch völlig unkorrekt. In ein paar Jahren druckt deshalb vermutlich irgendein Verlag eine Neufassung unter dem politisch korrekten Titel: »Schneewittchen und die sieben Kleinwüchsigen«. Wer dagegenhält, Schneewittchens Freunde seien doch keine kleinwüchsigen Menschen, sondern putzige Fabelwesen, der verkennt die Entstehung dieser Märchenfiguren: Schneewittchens Zwerge gehen in der Tat auf Menschen zurück. In früheren Jahrhunderten wurden im Bergbau häufig kleinwüchsige Erwachsene und auch Kinder eingesetzt, da die Stollen niedrig und eng waren. Zu ihrem Schutz trugen sie Mützen aus Filz, die zum Teil mit Wolle oder Spänen ausgestopft waren. Das Bild der kleinwüchsigen Bergarbeiter mit den Filzmützen fand Eingang in zahlreiche Erzählungen und Märchen.

 

Im vergangenen Jahr sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass das Forum für Sinti und Roma verschiedene Lebensmittelhersteller aufgefordert habe, ihre jeweilige »Zigeunersoße« umzubenennen, weil der Begriff diskriminierend sei. Da war die Verlegenheit natürlich groß. Dass das Wort »Zigeuner« als herabwürdigend und diskriminierend gilt, ist vielen gar nicht bewusst – am wenigsten im Zusammenhang mit Soße und Schnitzel. Noch in den 70er-Jahren war das Wort »Zigeuner« aus der deutschsprachigen Unterhaltungsmusik gar nicht wegzudenken. Man denke nur an Alexandras Lied »Zigeunerjunge« (1967) oder an Cindy & Bert und ihren Schlager »Aber am Abend, da spielt der Zigeuner« (1974). Oder an Julio Iglesias (1978): »Er war ja nur ein Zigeuner / Und alle wussten: So einer / Den bringt der Wind, und der nimmt ihn auch mit / Und in sein Herz sieht keiner«. Das können Sie heute nicht mehr spielen, geschweige denn singen, das ist nicht länger politisch korrekt.

Die Gastwirte der Stadt Hannover reagierten prompt und strichen das beliebte »Zigeunerschnitzel« von der Karte. In ganz Hannover gibt es keine Zigeunerschnitzel mehr. Ich habe keine Ahnung, was als Ersatz angeboten wird. Es wird aber wohl kaum ein »Sinti-und-Roma-Schnitzel« sein.

Weiteres zum Thema »politisch korrekt«:

 

»Liebe Gläubiginnen und Gläubige« (»Dativ«-Band 1)

»Wir sind die Bevölkerung!« (»Dativ«-Band 3)

»Die Entmannung unserer Sprache« (»Dativ«-Band 5)

Inhaltsverzeichnis

Blau-Weiß oder Blau-Weiss?

Einige Fragen kehren immer wieder, auch wenn es die Antworten darauf längst gibt. Wer war zuerst da: die Henne oder das Ei? Wie kommen die Löcher in den Käse? Wer hat die Currywurst erfunden? Und: Wann schreibt man ein Wort mit Eszett und wann mit Doppel-s?

Vor ein paar Tagen rief mich ein Freund an, der für eine Werbeagentur arbeitet. Er verlor keine Zeit mit Höflichkeiten, sondern kam gleich zur Sache: »Ich hätte da mal eine fachliche Frage.« – »Aha«, erwiderte ich. »Wir haben einen Kunden, der Milchprodukte herstellt«, erklärte mein Freund. »Seine Firmenfarben sind Blau und Weiß. Der Slogan, mit dem wir für ihn werben wollen, lautet – halt dich fest: ›Blau-Weiß genießen‹. Hab übrigens ich mir ausgedacht. Aber das nur nebenbei. Ist ein Wortspiel, weil der Kunde aus Bayern kommt, und die Landesfarben von Bayern sind ja bekanntlich Blau und Weiß.« – »Genau genommen Weiß und Blau, also gerade andersherum«, warf ich ein, doch das schien meinen Freund nicht weiter zu beeindrucken: »Blau-Weiß oder Weiß-Blau, das ist doch egal. Die Frage, die uns hier in der Agentur beschäftigt, lautet: Wie schreibt man Blau-Weiß? Hinten, wohlgemerkt. Mit Eszett oder kann man es auch mit Doppel-s schreiben? Wenn man es googelt, findet man sowohl ›Blau-Weiß‹ als auch ›Blau-Weiss‹ – wobei es sich übrigens meistens um Sportvereine handelt. Also, hier meine Frage: Was ist richtig? Mit Eszett oder mit Doppel-s? Oder geht beides?« – »Klare Frage, klare Antwort«, erwiderte ich, »›Blau-Weiß‹ wird mit Eszett geschrieben.« Mein Freund hakte nach: »Und das andere geht nicht? ›Blau-Weiss‹ mit Doppel-s? Das fände unser Grafiker nämlich schicker.« – »Also«, hob ich an, »Regel Nummer eins lautet: Lass dir niemals von einem Grafiker sagen, wie eine Sache geschrieben werden soll. Grafikern haben wir zerstückelte Wörter wie ›Hafer Flocken‹ und ›Land Milch‹ zu verdanken, weil sie einen Bindestrich als hässlich empfinden. Regel Nummer zwei: ›Weiß‹ wird grundsätzlich mit Eszett geschrieben, weil das ›ei‹ in ›Weiß‹ ein langer Klang ist.« – »Das Ei in Weiß? Du meinst: das Eiweiß?«, flachste meine Freund. Ungerührt fuhr ich fort: »Das ›ei‹ ist ein Doppelvokal, ein sogenannter Diphthong, und Doppelvokale sind immer lang. Ihnen folgt nie ein Doppel-s. Das gilt auch für ›au‹, ›äu‹ und ›eu‹ in Wörtern wie ›draußen‹, ›äußerlich‹ und ›scheußlich‹. Die Faustregel lautet: kurze Klänge – Doppel-s, lange Klänge – scharfes s.« – »Verstehe«, murmelte mein Freund. »Aber wieso gibt es im Internet dann so viele Fundstellen von ›Blau-Weiss‹ mit Doppel-s?« – »Entweder handelt es sich um Einträge von Menschen, die die Regel nicht kennen, oder es sind Einträge von Schweizern. Die Schweizer haben nämlich kein Eszett. Das wurde dort bereits seit den 30er-Jahren nicht mehr gelehrt, aus praktischen Gründen, aber auch um sich vom Schriftbild des nationalsozialistischen Deutschlands zu unterscheiden.« Mein Freund stutzte: »Wie jetzt, ist das Eszett etwa eine Erfindung der Nazis?« – »Keineswegs! Das Eszett gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert.« – »Sicher? Wir dürfen unseren Kunden auf keinen Fall durch missverständliche Zeichen in eine kompromittierende Lage bringen!« – »Das Eszett ist kein missverständliches Zeichen«, widersprach ich. »Das doppelte S schon eher. Aber lassen wir die historischen Bezüge aus dem Spiel, die führen hier nur in die Irre. Das Wort ›weiß‹ wird mit Eszett geschrieben – sowohl die Farbe als auch ›ich weiß‹ von ›wissen‹. Der ›Hinweis‹ hingegen nicht, denn der kommt nicht von ›wissen‹, sondern von ›weisen‹. Die Eszett-Regel gilt allerdings nur, solange man mit regulärer Groß- und Kleinschreibung arbeitet. Wenn ihr euren Werbespruch in Versalien schreiben wollt, also in durchgehenden Großbuchstaben, dann geht es nur mit Doppel-s, weil das Eszett nicht als Großbuchstabe existiert[2]. Normales Blau-Weiß mit Eszett, aber durchgehend großgeschriebenes BLAU-WEISS mit Doppel-s.« Mein Freund tippte kurz auf seiner Computertastatur, dann rief er: »Stimmt. BLAU-WEIß sieht blöd aus. Um nicht zu sagen: SCHEIßE!« Er bedankte sich und versprach, dem Grafiker meine Grüße auszurichten.