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Wie kann Demokratie als Staatsform gelingen? Ein erwachsener Mensch kann trotz eines entwickelten Selbstbewusstseins die Welt alleine nicht verändern. Nur, wenn er sich mit Gleichgesinnten zusammentut und vernetzt, gewinnt er Macht, Einfluss und Durchsetzungskraft. Es ist die Gruppe und deren Dynamik, die die Umgestaltung möglich macht. Erst wenn es in organisierter Form viele Menschen gibt, die gleich denken und über ein gleichentwickeltes Bewusstsein verfügen, kann ein demokratisches Bewusstsein entstehen und Demokratie gelingen. Demokratie-Reife ist daher das entscheidende Kriterium für den Erfolg demokratischer Strukturen. Die gruppendynamische Entwicklung der Demokratie, ihre Grenzen, ihre Treiber – eine Aufarbeitung der menschlichen Geschichte unter weltpolitisch aktuellen Aspekten.
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Seitenzahl: 717
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Vorbemerkung zur zweiten Herausgabe
Vorwort
Einleitung
1 Gibt es einen Rechtsrutsch?
2 Das Weltgeschehen als gruppendynamischer Prozess
3 Stabilität politischer Systeme
4 Finalität des gruppendynamischen Prozesses
5 Der entscheidende Widerspruch: Autokratie oder Demokratie?
6 Fünf Gründe für den weltumspannenden Rechtsrutsch
7 Gedanken zur allgemeinen Weltlage und speziell zum Überfall Russlands auf die Ukraine und zum erneuten Aufflackern des Nahost-Konflikts
8 Gedanken zur augenblicklichen Weltlage
9 Schlusswort
Quellenverzeichnis
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-833-1
ISBN e-book: 978-3-99130-834-8
Lektorat: Mag. Eva Reisinger
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Kurt Theodor Oehler
www.novumverlag.com
Beim vorliegenden Buch handelt es sich um eine im Hinblick auf die aktuellen Ereignisse in Europa, speziell in der Ukraine, in Israel, im Iran und seit neuestem auch in China vollkommen neu überarbeitete und auf den neuesten Stand gebrachte Herausgabe des vormals vergriffenen Buches mit dem Titel „Hat die Demokratie noch eine Zukunft?“, das im Jahre 2018 in einem Schweizer Verlag erschienen war.
Besonderen Wert lege ich dabei auf die explizite Heraushebung der großen Bedeutung der Demokratie als Staatsform und auf meine These, dass alle Gruppen, seien sie nun klein wie Studiengruppen, Schulklassen und exekutive Organe oder groß wie Städte oder Staaten, automatisch und naturgesetzlich bedingt in logischen Schritten demokratischen Strukturen entgegenstreben.
Erstaunlicherweise glaubt mir das, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum jemand. Besonders nicht Politologen. Sie meinen, dass es den Menschen in erster Linie um persönliche Bedürfnisse, z. B. um den Lebensstandard, konkret um das Essen und um ein Dach über dem Kopf gehe. Niemand scheint mir zu glauben, dass es sich bei der Entwicklung zur Demokratie hauptsächlich um einen äußerst komplexen und existenziell wichtigen Bewusstseinsveränderungsprozess handelt.
Meine wichtigste These lautet deshalb, dass die Demokratie die Krone aller Staatsformen ist, und die Demokratie-Reife das entscheidende Kriterium für den Erfolg demokratischer Strukturen darstellt.
In diesem Sinne ist dieses Buch ein optimistisches Buch. Die demokratische Staatsform und die damit verbundene liberale Wirtschaftstätigkeit werden sich auf lange Sicht und über alle Hindernisse hinweg schließlich doch durchsetzen. Nicht ohne Grund meinte der englische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson im Hinblick auf China:
„Ich denke nicht, dass sich die Kommunistische Partei (Chinas) länger als zwanzig Jahre an der Macht wird halten können.“
Ein renommierter Schweizer Universitätsprofessor für Demokratieforschung fand an meinen Thesen keinen Gefallen. Er meinte, dass der Begriff der Demokratie-Reife einen inhärenten Prozess in eine bestimmte Richtung darstelle. Das könne er nicht nachvollziehen.
Das ist aber gerade das Entscheidende. Die Demokratie ist nicht etwas, was als organisatorisches Konstrukt einfach existiert und jedem Staat ohne Beachtung der bestehenden psychosozialen Voraussetzungen einfach übergestülpt werden kann. Im Gegenteil. Demokratie-Reife ist das Ergebnis eines langen und oft sehr schmerzlichen geistigen Entwicklungsprozesses.
Die demokratische Staatsform kann sich deshalb nur in Staaten durchsetzen, die in einem naturgesetzlich verlaufenden langen Entwicklungsprozess echte Demokratiefähigkeit erlangt haben.
Gibt es eine nachhaltige Demokratie ohne ein menschlich reifes Bewusstsein? Nein! Es genügt nicht, Institutionen und Organisationen aufzubauen. Alles hängt – in erster Linie – von der Reife des Bewusstseins ab.
Das offenbart sich in aller Deutlichkeit in der Kleingruppendynamik. Die Teilnehmer einer Studiengruppe sind nicht arm oder hungrig. Im Gegenteil. Das sind Menschen, die sich eine solche Veranstaltung durchaus leisten können. Ihnen geht es auf dem Weg zur Demokratiefähigkeit ihrer Gruppe weder ums Geld noch ums Essen. Die entscheidenden Entwicklungsprozesse vollziehen sich auf einer ganz anderen und meist auch nicht bewusstseinsfähigen Ebene.
Der Weg zur Demokratiefähigkeit kann in einer Studiengruppe auf eindrückliche Weise und in allen Phasen differenziert erlebt und mit allen spezifischen Einzelheiten eingehend studiert werden.
Das unterstreicht auch die Erkenntnis, dass der „Wandel durch Handel“ nicht wirklich funktioniert. Der Handel bringt zwar ein Mehr an Kontakten und generiert einen intensiven Wissens- und Güteraustausch. Diese Kontakte führen aber kaum zu einer Bewusstseinsveränderung. Es fehlen unter anderem die entschlossene Auseinandersetzung um geistige Werte, um den Willen, etwas Gemeinsames aufzubauen, und über die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse.
Zwar wird immer wieder versucht, bei internationalen Begegnungen die Wertediskussion anzustoßen, was aber oft, und mit Recht, als unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates betrachtet wird.
In Wirklichkeit geht es um das Vertrauen, um die Beziehungen, um die Art der Zusammenarbeit, um den Aufbau von Institutionen und um ein ungebrochenes Selbstwertgefühl. Es geht um die Entschlossenheit, gemeinsam ein funktionsfähiges Ganzes aufzubauen, und um den Willen, den Bürgern ein Maximum an inneren und äußeren Freiheiten zuzugestehen.
Das hat wenig mit Geld oder Essen zu tun, sondern in erster Linie mit Rechtssicherheit, mit einem Netz von Institutionen, mit dem Willen zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung und schließlich mit der Versammlungs-, Gesinnungs-, Gedanken- und Redefreiheit.
Der Untertan in einer Monarchie erlebt und denkt ganz anders als der selbstbewusste Bürger eines demokratischen Staates. Für den getreuen Untertan einer Monarchie stellt der Monarch das Urbild einer nährenden Mutter dar, die alles kann, alles weiß, für alle sorgt und alle Bedürfnisse befriedigt. Das entspricht psychodynamisch gesehen dem Bewusstsein eines ungeborenen Kindes.
Im Gegensatz dazu kämpft der selbstbewusste Staatsbürger einer echten Demokratie um ganz andere Werte. Die Menschen kämpfen, z. B. in der Ukraine, in erster Linie nicht nur für ihr Essen und für ihren Lebensunterhalt. Sie kämpfen auch nicht für ein Dach über dem Kopf. Die Ukrainer kämpfen in erster Linie für ihre Unabhängigkeit von Russland, für ihre Freiheit und für die Menschenrechte. Es geht letztlich um die Würde des Menschen und um die Staatsform der Demokratie. Diese Einstellung hat eine ganz andere Qualität als die von passiv erleidenden und politisch unmündigen Untertanen.
Zwischen den beiden Haltungen gibt es eine geistige Entwicklungsgeschichte, die z. B. von Psychologen und Psychohistorikern genau studiert werden kann. Dabei geht es weniger um die eigentlichen historischen Daten und Prozesse. Es geht nicht darum, die Organisations- und Befehlsstrukturen zu studieren, sondern in erster Linie darum, zu verstehen, wie die historischen Bedingungen das Denken der Menschen und speziell das menschliche Bewusstsein beeinflussen. Die Emanzipationsgeschichte des Menschen ist deshalb nicht die Folge von materiellen Nöten und Kriegen, sondern in erster Linie die Folge der Emanzipation des menschlichen Bewusstseins.
Es gibt deshalb zwischen einem Bürger, Handwerker, Bauern, Stadtbewohner usw. – die gehorsam und unterwürfig den Anordnungen ihrer Monarchen gehorchen, die ungefragt und unkritisch den erblichen Nachfolgeprozess akzeptieren und die Macht der Herrschenden samt ihrer Entourage fraglos anerkennen – und einem von den westlichen Werten überzeugten freien Staatsbürger – der geistig mündig, aufgeklärt und unabhängig die bürgerlichen Freiheitsrechte in Anspruch nimmt – einen großen Unterschied. Einen Unterschied im Fühlen und Denken. Letztere verhalten sich so, um wiederum mit den Worten der Psychohistoriker zu sprechen, wie erwachsene Menschen, die sich aus dem Fötus- oder Kleinkindalter über die aufmüpfige Pubertät hinweg langsam und konfliktreich bis ins Erwachsenenalter hindurchgekämpft haben.
Vor der Französischen Revolution waren die Bürger arm, hungrig und litten unter überzogenen Steuern. Sie sahen, dass der Adel und vor allem die Königshäuser in ihren Privilegien schwelgten und auf Kosten der verarmten Bevölkerung wundervolle Schlösser bauten und grenzenlos prassten. Die Bürger erkannten, dass diese Privilegien nicht gottgegeben und selbstverständlich waren, sondern ungerecht und, was noch schwerer wog, nicht gott-, sondern menschengemacht.
Das änderte ihr Bewusstsein fundamental. Sie forderten Gerechtigkeit und kämpften nicht mehr ums Essen, ein Dach über dem Kopf und gegen zu hohe Steuern, sondern für weit anspruchsvollere Ziele wie Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit – und schließlich für Republik bzw. Demokratie.
Eine solche Haltung ist nicht mehr mit einem unterwürfigen und demütigen Verhalten in einer mental rückständigen, ungerechten und diktatorischen Autokratie vereinbar. Ein Mensch, der in einer selbstständigen, liberalen und gerechten Gesellschaft eine eigene und unverwechselbare Persönlichkeit entwickelt hat, wird sich bewusst mit den Werten einer freiheitlichen und gerechten Demokratie identifizieren und wird sich nie mehr freiwillig monarchischen oder diktatorischen Anmaßungen unterwerfen.
Die Menschen, die von ihrer Sozialisation her überwiegend technisch, materialistisch und mechanistisch denken, befinden sich in ihrem Denken in einem Haben-Modus. Es geht um Können und Macht-Haben, darum, Einfluss und Beziehungen zu generieren und möglicherweise auch um Ehre und Ruhm zu beanspruchen. Das entspricht einem folgenschweren Entwicklungsdefizit.
Im Gegensatz dazu geht es Menschen, die auch geistige Werte integrieren, um den sog. Seins-Modus. Es geht um Werte wie frei sein, selbstständig sein, mündig, gerecht, kommunikativ und erwachsen sein.
Dieser Unterschied ist nicht selbstverständlich. Er ist ein Unterschied im Denken und im Bewusstsein – meist auch im Unterbewusstsein.
Dazu gehört auch, dass man vor hundert Jahren noch gar nicht Psychologie studieren konnte. Der Unterschied ist, so könnte man es auch bezeichnen, Ausdruck einer Psychologischen Zeitenwende.
Das sog. Vorpsychologische Zeitalter lässt sich z. B. durch folgende Inhalte beschreiben:
Durch das Überbetonen des Körperlichen in Gesundheit und Medizin,durch das Nicht-Wahrnehmen- bzw. Nicht-Ahnden-Wollen von sozialem Unrecht,durch das Nicht-Sehen-Wollen von Frühverwahrlosung, Kindesmisshandlung und kirchlichen Missbrauchshandlungen,durch die Gestattung von Frühverheiratung und Beschneidung von jungen Frauen,durch die Verharmlosung der Unterdrückung bzw. Vergewaltigung von Frauen,durch die Tabuisierung von zwischenmenschlichen bzw. inneren Familienkonflikten,durch das Verdrängen bzw. Abwehren von vorgeburtlichen bzw. frühkindlichen Prägungen und letztlichdurch die Geringschätzung von psychologisch-psychoanalytischen Heilverfahren.Von diesem allgemeinen „Kopf-in-den-Sand-Stecken-Zeitalter“ lässt sich ein Psychologisches Zeitalter abgrenzen, das in erster Linie geprägt wurde
von Sigmund Freud (1856–1939) mit seiner „Traumdeutung“ (1899),von Anna Freud (1875–1982) mit ihrem Buch „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ (1984),von Melanie Klein (1882–1960) mit ihrem Werk „Das Seelenleben des Kleinkindes“,von Otto Rank (1884–1939) mit seinem Buch „Das Trauma der Geburt“ (1924),von Stanislav Grof (1931) mit seiner Darstellung der „Topografie des Unbewussten“ (1978) und schließlichvon Bruce W. Tuckman (1938–2016) mit seiner erstmaligen Beschreibung des gruppendynamischen Prozesses in „Developmental sequence in small groups“ (1965).Das Psychologische Zeitalter erwartet von den Menschen ein offeneres Wahrnehmen, ein differenzierteres Analysieren und schließlich ein entschlosseneres Angehen bzw. Ahnden von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen.
Alle oben angeführten leidvollen Erfahrungen hinterlassen in der Regel wenig bis gar keine Körpersymptome. Sie hinterlassen aber meist ein verheerendes psychisches Trauma, das zwar nicht den körperlichen Tod, meist aber ein lebenslanges psychisches Dahinsiechen oder gar einen psychischen Tod nach sich ziehen kann, ein seelischer Tod, der wegen des Fehlens von körperlichen Symptomen bei vielen Ärzten und auch allgemein in der Gesellschaft kaum die gebührende Anerkennung fand. Nach dieser Zeitenwende wurde den psychischen Symptomen eine weit höhere Bedeutung beigemessen.
Was haben diese Erörterungen mit Demokratie und Gruppendynamik zu tun?
Die Veränderungen im Denken bzw. Bewusstsein stellen die Basis für alle gesellschaftlichen Veränderungen und damit für das Verständnis des Wesens des demokratischen Prozesses dar. Es geht also nicht darum, dass neue Institutionen und Handlungsprozedere geschaffen werden, sondern dass diese Veränderungen von einem grundlegenden Bewusstseinswandel getragen werden.
Dieser Bewusstseinswandel ist das Ergebnis eines automatisch sich vollziehenden und naturgesetzlich bedingten mentalen Entwicklungsprozesses, der hauptsächlich eine Funktion des (groß-) gruppendynamischen Prozesses darstellt.
Ein erwachsener Mensch kann trotz eines entwickelten Selbstbewusstseins die Welt nicht im Alleingang verändern. Er kann nur etwas ändern, wenn er sich mit Gleichgesinnten zusammentut und sich vernetzt. Dann gewinnt er im Zusammengehen mit anderen Menschen an Macht, Einfluss und Durchsetzungskraft.
Es ist also die Gruppe und deren Dynamik, die erst die Umgestaltung möglich macht. Erst wenn es in organisierter Form viele Menschen gibt, die gleich denken und über ein gleichentwickeltes Bewusstsein verfügen, kann ein demokratisches Bewusstsein entstehen und damit die Demokratie als Staatsform gelingen.
Der Leser mag sich wundern, dass in diesem Text vielfach biblische Geschichten und Assoziationen zu religiösen Ritualen angeführt werden. Das ist nicht zufällig so. Die politischen oder historischen Ereignisse sind stets mit religiösen und entwicklungspsychologischen Faktoren verknüpft. Der Zusammenhang zwischen Religionen und Gruppendynamik wird hier nicht deswegen aufgezeigt, weil die Gruppendynamik viel mit religiösen Gefühlen zu tun haben könnte, sondern umgekehrt, weil die Religionen viel mit Gruppendynamik zu tun haben. Das ist so, weil die Inhalte und Rituale der Religionen stets ein geistiges Abbild des großgruppendynamischen Prozesses darstellen. Damit soll nicht zuletzt die Mehrdimensionalität des Menschen hervorgehoben werden.
Die Veränderung der Gesellschaft und damit des Bewusstseins ist das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, der sich sowohl auf der soziologischen als auch auf der psychologischen Ebene offenbart.
Aus diesen Gründen wird in diesem Buch versucht, den kleingruppendynamischen und großgruppendynamischen Prozess differenziert und in Verbindung mit politischen, psychologischen, psychoanalytischen, psychohistorischen und letztlich auch religiösen Aspekten darzustellen. Dabei wird das Vorwort des ehemaligen Schweizer Bundesrates und Staatspräsidenten Dr. h. c. Kaspar Villiger im Einverständnis des Autors in leicht gekürzter Form in die neue Ausgabe übernommen.
Dieses Vorwort bezieht sich aber nur auf die ersten Kapitel dieses Textes. In Anbetracht der gegenwärtigen Weltlage und der Aktualität der augenblicklichen Ereignisse wurden speziell im Hinblick auf den Überfall Russlands auf die Ukraine, die Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und den laufenden Nahost-Konflikt drei weitere Kapitel hinzugefügt.
Dieses Vorgehen wird die interessierten Leser bestimmt zu ganz neuen Betrachtungsweisen und erhellenden Einsichten führen.
Zimmerwald, 1. Januar 2025
Dr. rer. nat. Kurt Theodor Oehler
von
Alt-Bundesrat Dr. h. c. Kaspar Villiger
Die Zukunft der Demokratie erscheint nicht mehr in einem so rosigen Licht, wie wir alle nach dem Zerfall der Sowjetunion glaubten, als Francis Fukuyama vom Ende der Geschichte schrieb und damit die definitive Überwindung von Armut und Krieg durch Marktwirtschaft und Demokratie meinte [1]. Altgediente Demokratien werden plötzlich von heftigen politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen befallen, während autoritäre Regierungen Erfolge feiern. Was sind die Gründe dafür, und was bedeutet es für unsere Zukunft? Das sind die brennenden Fragen, auf die Kurt Theodor Oehler mit neuen und originellen Denkansätzen Antworten sucht.
Während tausenden Jahren pendelte das globale Wirtschaftswachstum um null. Zustände, die wir heute als katastrophal empfinden, also Not, Armut, Krankheit, Gewalt und Ausbeutung, waren für die überwältigende Mehrheit der Menschen die Regel. Vor etwa zweihundert Jahren aber kam in Europa eine faszinierende Entwicklung in Gang. Gedankenfreiheit und Wettbewerb von Ideen erzeugten eine Explosion des Wissens und der technologischen Entwicklung. Auf Wettbewerb basierende Marktwirtschaft entfachte Unternehmertum und damit Wachstumskräfte. Der Freihandel erlaubte durch das Gesetz der komparativen Kosten immer mehr Ländern die Teilhabe am Wohlstand. Demokratie und Rechtsstaat ermöglichten es plötzlich Millionen Menschen, in Freiheit und Würde zu leben. Die Menschheit machte in historisch kürzester Zeit trotz immer wieder blutiger Konflikte und wirtschaftlicher Krisen enorme Fortschritte.
Wenn wir nur die permanent auf unsere iPhones und iPads herunterprasselnden Horrormeldungen betrachten, beschleicht uns zwar die bange Vermutung, Murphys Law bestimme zunehmend den Gang der Welt. Es ist deshalb kein Wunder, dass Zukunftsängste viele Menschen plagen. Aber nüchterne Statistiken zeigen, dass es der Menschheit trotz Bevölkerungsexplosion, Umweltproblemen, Terror und Flüchtlingsströmen im Mittel noch nie besser ging als heute.
Die hoffnungsvollen Erwartungen unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion scheinen sich indessen nicht zu erfüllen. Die Demokratie befindet sich in einer eigentlichen Krise. Bewährte Demokratien leiden unter Wachstumsschwäche, maßloser Verschuldung, hoher Arbeitslosigkeit und politischer Instabilität. Die Überführung gestürzter autoritärer Regimes in funktionierende Demokratien ist fast überall gescheitert. Die Demokratie hat für Entwicklungsländer an Vorbildwirkung verloren. Umgekehrt feiern autoritäre Staaten, die der Marktwirtschaft günstige Rahmenbedingungen setzen und die den Freihandel entdeckten, wirtschaftliche Erfolge.
Die Frage stellt sich, ob die Menschheit vor einem säkularen Trendbruch steht und ob die enormen Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre gefährdet sind. Indizien für eine solche pessimistische Sicht sind in der Tat auszumachen. Solche Fragen sind in hochkomplexen Systemen wie der Weltpolitik und der Weltwirtschaft kaum eindeutig zu beantworten. Wissenschaftler arbeiten häufig mit vereinfachten Modellen, um den Triebkräften der Entwicklung auf die Spur zu kommen. Ein Beispiel ist die Kunstfigur des stets rationalen Homo oeconomicus, mit der nach wie vor gültige Erkenntnisse gewonnen werden konnten. Aber weil diese vereinfachte Sicht auf den Menschen seiner wahren komplexen Natur nicht gerecht wird, sind viele ökonomische Phänomene damit nicht erklärbar. Deshalb müssen Modelle immer wieder anhand der gemessenen Wirklichkeit verifiziert oder falsifiziert und entsprechend angepasst oder verworfen werden. Kurt Theodor Oehler hat den interessanten Versuch unternommen, empirisch belegte Erkenntnisse der Dynamik kleiner Gruppen auf große und Großgruppen wie Staaten und Gruppen von Staaten anzuwenden. Durch minutiös zusammengestellte Fallbeispiele hat er mit einem dichten Geflecht anekdotischer Evidenz den ehrgeizigen Versuch unternommen, seine Hypothese zu verifizieren. Damit ist es ihm gelungen, vertiefte Einsichten in das Wesen von Demokratien in auch für Laien leicht fasslicher Form aufzubereiten. Viele seiner Erkenntnisse werden von anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Institutionenökonomie oder der Verhaltensökonomie bestätigt. Ob alle Schlussfolgerungen seines ehrgeizigen Unterfangens zutreffen, bleibt offen, aber interessant sind sie allemal und regen zum Denken an.
Ich will vier Aspekte der Hypothesen Oehlers kurz diskutieren.
Trotz aller Probleme, in welche die Demokratien geraten sind, ist Oehler zuzustimmen, wenn er die Demokratie als keineswegs überlebt empfindet, sondern sie als nach wie vor erstrebenswerteste Staatsform betrachtet. Sie ist aus seiner Sicht der optimale Rahmen zur Austarierung der in einer entwickelten Gesellschaft stark divergierenden Interessen. Er ist sich aber auch der komplexen Voraussetzungen für das Gedeihen einer Demokratie bewusst, etwa der Notwendigkeit einer mehrheitlich geteilten Wertekultur, der Schaffung eines geeigneten Rechtsrahmens, der Existenz leistungsfähiger Institutionen, der Bildung einer Art Heimatgefühls und des Vorhandenseins einer hinreichend demokratisch kontrollierten und gemeinwohlorientierten Regierung. Der Entwicklungsökonom Paul Collier spricht von einem tauglichen Sozialmodell, das aus einem komplexen Geflecht aus Institutionen, Organisationen, Werthaltungen und kulturellen Elementen besteht [2]. Es ist gerade jetzt besonders wichtig, immer wieder auf die zentrale Bedeutung der Demokratie als einzige Regierungsform hinzuweisen, die der Würde des Menschen angemessen ist. Hier setzt Oehler einen klaren Akzent.Die zentrale Hypothese Oehlers geht davon aus, dass gesicherte empirische Erkenntnisse über das Verhalten von Kleingruppen von Menschen auf große Gruppen wie Staaten oder schließlich gar Weltordnungen übertragbar sind. Er ortet gleiche Gesetzmäßigkeiten, die indessen mit der steigenden Komplexität von größeren Gruppen viel langfristiger wirken, bis zu Zeiträumen von Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Er unterscheidet eine Anfangsphase der Unsicherheit, in welcher der Ruf nach dem starken Mann erschallt und die Neigung zur Diktatur entsteht, eine Mittelphase, während der nach Auflehnung gegen die herrschende Klasse die Republik geboren wird, und eine Reifephase mit differenzierten politischen Strukturen und einer demokratischen Verfassung. Er bildet damit auf stark vereinfachte Weise den Mechanismus einer Staatswerdung ab, wie sie etwa Nobelpreisträger Douglass North mit den Mitautoren John Wallis und Barry Weingast überaus differenziert beschrieben hat [3]. North definiert drei Gesellschaftsordnungen in der Geschichte der Menschheit: Erstens die Wildbeuter Ordnung (also der sozusagen „natürliche Staat“, typisch für kleine Gruppen der Jäger- und Sammlergesellschaften), zweitens die Ordnung mit Zugangsbeschränkung (persönliche Beziehungen sind Grundlage der sozialen Organisation; persönliche Beziehungen zwischen mächtigen Einzelpersonen sind wichtig, aber die Möglichkeiten des einzelnen Menschen zur Bildung von Organisationen sind eingeschränkt) sowie drittens Ordnungen mit Zugangsfreiheit (persönliche Beziehungen sind immer noch wichtig, aber in weiten Bereichen sozialen Verhaltens treten unpersönlich kategorisierte Personen in Beziehung zu einander; die Möglichkeit der Bildung einer Organisation, welche die Gesellschaft insgesamt unterstützt, steht jedem offen, der definierte Mindestkriterien erfüllt). Der Übergang zu einer Ordnung mit Zugangsfreiheit erfordert eine Reihe von Veränderungen im Gemeinwesen, etwa die stärkere Mitwirkung der Bürger, die Sicherstellung unpersönlicher politischer Rechte, die größere Transparenz der Institutionen, wirtschaftliche Veränderungen sowie freien Zugang zu und Wettbewerb auf vielen Märkten. North stellt auch eine ausgeprägte Korrelation zwischen politischer und wirtschaftlicher Entwicklung fest: Zwischen hohen Einkommen und guten politischen Institutionen besteht eine enge Beziehung. Moderne Gesellschaften, die den Wechsel zu Zugangsfreiheit schafften und damit wohlhabender wurden als jede frühere Gesellschaft in der Geschichte, konnten vor allem die Phasen negativen Wachstums stark reduzieren.Auch Oehler kommt zum Schluss, dass die Übertragung der Mechanismen der Dynamik der Kleingruppe auf große Gruppen institutionell begleitet und sozusagen kanalisiert werden muss. Er stellt zu Recht fest, dass geeignete gesetzliche, organisatorische und materielle Strukturen geschaffen werden müssen. Das entspricht durchaus dem, was Daron Acemoglu in seinem bahnbrechenden Werk „Why Nations fail“ nachgewiesen hat: Es sind die Institutionen und nicht die Ethnie, das Klima oder die Religion, welche den Erfolg eines Staates ausmachen [4].
Oehler beschreibt zutreffend ein weiteres Merkmal der Staatsentwicklung: Es handle sich immer um dynamische Prozesse. Es gebe ein „Vor und Zurück“ im Widerstreit von zwei Kräften, wie er vereinfachend und modellhaft meint, der „Krankheits- und der Gesundheitspartei“. Auch hier trifft er sich mit Douglass North, der die Dynamik der Gesellschaftsordnung als eine Dynamik der Veränderung, nicht als eine des Fortschritts beschreibt. Während nun aber Oehler in dieser Dynamik eine Finalität des gruppendynamischen Prozesses wie bei einer Kleingruppe zu erkennen glaubt, einen zielgerichteten Vorgang sozusagen vom Absolutismus zur Demokratie, ist North pessimistischer. Er stellt fest, dass sich die meisten Gesellschaften vor- und zurückbewegten und dass es keine Teleologie gebe. Immerhin kommt er zum Schluss, dass Gesellschaften mit Zugangsfreiheit wesentlich besser mit Veränderungen umgehen könnten als natürliche Staaten.Die Demokratie, meint er, finde für neu auftauchende Probleme rascher Lösungen als Autokratien. Natürlich kann man diese Tendenz durchaus als eine langfristige Triebkraft zum Fortschritt auffassen. Allerdings hat auch die pessimistischere Interpretation viel für sich. Immer wieder zerfallen Staaten, die eigentlich über die Strukturen und das Know-how für die weitere erfolgreiche Entwicklung verfügen.
Zu Recht widmet Oehler viel Raum der Frage, wie Staaten auf die steten Veränderungen aller Einflussfaktoren reagieren müssen, um ihre einmal erreichte Stabilität zu bewahren. Zutreffend postuliert er, dass erstens jede Veränderung des Umfelds eine Anpassung der institutionellen Strukturen erfordere und dass zweitens von den Menschen nicht mitgetragene zu rasche und zu drastische Reformen genauso zum Misserfolg führen könnten wie das Verpassen von notwendigen Reformen.
Das mag im Allgemeinen stimmen. Trotzdem zeigt die Erfahrung, dass rasche und tiefgreifende Reformen wie etwa in der Türkei vor einigen Jahren oder in Polen nach der Wende wohl zu mehr Schmerzen führen, aber nachher rascheres Wachstum und mehr Wohlstand erzeugen. Umgekehrt führen zaghafte und ungenügende Reformen zu permanentem chronischem Leiden und Reformmüdigkeit, wie das in Frankreich unter Hollande oder in Griechenland der Fall war. So zutreffend Oehlers Überlegungen zum permanenten Reformdruck von Demokratien auch sind, sie müssten wohl noch ergänzt werden mit Überlegungen, nach welchen Grundsätzen Reformen zu tätigen sind. Es mag nicht überraschen, wenn in diesen Fragen ein Psychologe und ein ehemaliger Finanzminister und Unternehmer nicht völlig deckungsgleich denken. Schon im Jahre 1896 beschrieb der große schwedische Ökonom die Ziele der Politik wie folgt [5]:
„The ultimate goal is equality before the law, greatest possible liberty, and the economic well-being and peaceful cooperation of all people.“
So banal diese Formulierung auch klingen mag, so anspruchsvoll ist deren Beherzigung in der praktischen Politik. Jedes politische System wird mit der Zeit die Unterstützung seines Volkes verlieren, wenn nicht ein hinreichender und einigermaßen fair verteilter Wohlstand erarbeitet wird und wenn nicht die individuellen Freiheiten angemessen garantiert werden. Nobelpreisträger Hayek schrieb schon in den 40er-Jahren, dass die Notwendigkeit einer wesentlichen Senkung des Lebensstandards oder auch nur ein langanhaltender Stillstand des wirtschaftlichen Fortschritts das Einzige sei, was die moderne Demokratie nicht überleben werde [6]. Die mit Händen zu greifende Politikverdrossenheit und die Verführungskraft von Populisten in wirtschaftlich schwächelnden Demokratien scheinen diese Erkenntnis zu bestätigen. Das hat einschneidende Konsequenzen für die Ausgestaltung von Reformen. Wenn beispielsweise die Marktwirtschaft regulatorisch stranguliert oder die Freiheit des Einzelnen nur eingeschränkt statt geschützt wird, sind die Wicksell’schen Ziele nicht mehr erreichbar. Oehlers wertvolle Überlegungen bedürfen deshalb noch der Ergänzung durch Kriterien, denen taugliche Reformen zu genügen haben und die naturgemäß politisch auch immer umstritten sein werden. Zu Recht stellt Oehler in einer sorgsamen Analyse fest, dass die Globalisierung einerseits den Anpassungsbedarf markant beschleunigt, andererseits aber tief sitzende Ängste erzeugt und Handlungsspielräume der einzelnen Länder beschränkt. Beides erschwert die politische Durchsetzung auch geeigneter Reformen, macht sie aber umso dringender.
Interessant und streckenweise auch utopisch sind Oehlers Überlegungen zur Weltpolitik. Er sieht die Welt zurzeit gruppendynamisch in der Anfangsphase, was – sofern man eine Analogie zur Kleingruppe konstruieren will – als durchaus plausibel erscheint. Es fehlt die globale Ordnungsmacht, die internationalen Institutionen sind relativ machtlos, das Völkerrecht wird allenthalben ohne Sanktionsrisiko gebrochen und lokale und regionale Potentaten können zu Lasten ihrer Völker ihre Machtgelüste einigermaßen ungestraft ausleben. Gibt es wirklich eine Finalität zum Besseren? Oehler postuliert eine „Weltregierung“ mit entsprechenden handlungsfähigen Institutionen, denn nur so seien langfristig die wachsenden globalen Probleme des Planeten lösbar und nur so könnten auch von Menschen ausgelöste Katastrophen globalen Ausmaßes verhindert werden. Er trifft sich hier mit so prominenten Autoren wie etwa Otfried Höffe, der kürzlich schrieb, der globale Handlungsbedarf dränge auf eine demokratische Weltrechtsordnung hin [7]. Auch wenn dieses Ziel utopisch ist, lohnt sich gewiss, darüber nachzudenken. Es spricht indessen derart viel gegen die Realisierbarkeit eines solchen Konzepts, dass das Nachdenken über realistische Alternativen ebenso wichtig ist. Weil das demografische und wirtschaftliche Gewicht von Staaten, denen liberale westliche und demokratische Werte fremd sind, ständig wächst und das Handeln der internationalen Organisationen zunehmend prägen wird, droht die Welt wohl noch lange in der „gruppendynamischen Anfangsphase“ zu verharren. Trotzdem muss daraus nicht zwangsläufig eine Weltkatastrophe resultieren. Auch autoritäre Herrscher können ein langfristiges Interesse an Stabilität und Wohlstand haben, und der stabile Zustand des Kalten Krieges war wohl für uns im Westen recht bequem, aber wir dürfen die Risiken, die er beinhaltete, nicht unterschätzen. Es sind durchaus einigermaßen stabile Gleichgewichtszustände zwischen wichtigen Staaten unterschiedlicher demokratischer Reife denkbar. Auch daran muss gearbeitet werden. Aber in einem Punkt ist Oehler vorbehaltlos zu unterstützen: Die Demokratien müssen intensiv an der Behebung ihrer Schwächen arbeiten, und sie müssen, auch wenn die Arglist der Zeit sie situativ zur Zusammenarbeit mit eher unappetitlichen Zeitgenossen zwingt, ihre demokratischen, freiheitlichen und rechtsstaatlichen Werte mit Zähnen und Klauen verteidigen. Dann ist vielleicht der Rückschlag der Gegenwart nur eine Delle im historischen Ablauf, und die Realisierbarkeit von Oehlers Visionen gewinnt allmählich an Wahrscheinlichkeit.Dipl. Ing. ETH, Dr. h. c. Kaspar Villiger war von 1989 bis 2003 Schweizer Bundesrat, von 1989 bis 1996 Verteidigungsminister, von 1996 bis 2002 Finanzminister, 1995 und 2002 Schweizer Bundespräsident und von 2003 bis 2012 Verwaltungsratspräsident der „United Banc Suisse“ (UBS). Zudem war er bis 2002 Verwaltungsrat bei Nestle, Swiss Re und der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)
Quellen zum Vorwort
[1] Francis Fukuyama, „The End of History and the Last Man“, Penguin Books Ltd., 2012.
[2] Paul Collier, „Exodus“, Siedler Verlag München, 2014.
[3] North, Douglass C.; Wallis, John Joseph; Weingast, Barry R., „Gewalt und Gesellschaftsordnungen. Eine Neudeutung der Staats- und Wirtschaftsgeschichte“, Mohr Siebeck, Tübingen 2011.
[4] Daron Acemoglu und James A. Robinson (2012), „Why Nations Fail“, Crown Business, New York.
[5] In James M. Buchanan Jr. – Prize Lecture, „The Constitution of Economic Policy“, Lecture to the memory of Alfred Nobel, December 8, 1986.
[6] F. A. Hayek, „Der Weg zur Knechtschaft“, Verlag moderne Industrie, 1971.
[7] Otfried Höffe, „Recht und Moral: Konfuzius, der Koran und die Gerechtigkeit“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2017.
Ist die Demokratie am Ende? Man könnte es fast glauben. Tatsächlich gibt es viele sich widersprechende Zeichen, die diese Frage neu aufwerfen lassen. In den USA präsidierte seit 2020 der greise Joe Biden, und der notorische Lügner und wegen mehrerer Verbrechen gegen die Staatsraison verurteilte Donald Trump, der es in seinem privaten Imperium stets gewöhnt war, autoritär und autark zu regieren, hat am 05.11.2024 die Wiederwahl zum US-Präsidenten geschafft. Ihm scheint es ähnlich wie Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan eher darum zu gehen, die Demokratie zu schwächen und sie als „obsolet“ erscheinen zu lassen. Tatsächlich ist Donald Trump wie seine autoritären Gesinnungsgenossen kaum ein echter Demokrat. Er schätzt die demokratischen Regeln wenig und würde diese am liebsten, ähnlich wie Erdoğan in der Türkei oder Viktor Orbán in Ungarn, schwächen oder ganz außer Kraft setzen. Er würde seinen Staat lieber lenken wie ein Unternehmer. Laut „Washington Post“ sagte er im Hinblick auf seine Schwierigkeiten, seine überstürzten Vorlagen zu realisieren, wörtlich:
„Schauen Sie sich die Regeln im Senat an, sogar die Regeln im Repräsentantenhaus. Meiner Meinung nach ist das eine wirklich schlechte Sache für das Land. Vielleicht müssen wir uns irgendwann einmal um diese Regeln kümmern.“
Ähnlich respektlos reagierte Trump gegenüber der Justiz und den Medien. Schon nach zwei Wochen zweifelte er die Rechtmäßigkeit der Gerichte an, die seinen „Reisebann“ blockierten. Und einzelne Medien nannte er „Feinde des amerikanischen Volkes“.
Die Pressefreiheit ist ihm ein Dorn im Auge. Dass die Medien schreiben können, was sie wollen, bezeichnet er als „widerlich“ und brachte einen „möglichen Entzug der Sonderrechte für bestimmte Sender wegen der angeblichen Verbreitung von Falschnachrichten“1 ins Spiel.“.
Man kann sich deshalb besorgt fragen, warum die Wähler plötzlich nationalistische, rechtskonservative, größenwahnsinnige, paranoide oder gar narzisstische Persönlichkeiten in die Regierungsämter wählen. Ist das möglicherweise auf einen allgemeinen Rechtsrutsch zurückzuführen?
Was bedeuten eigentlich die beiden Begriffe „rechts“ und „links“?
Der Ursprung der „Rechts-Links-Unterscheidung“ wird auf die Sitzordnung in der Französischen Nationalversammlung des Jahres 1789 zurückgeführt, in der die zurückhaltenden und eher der Monarchie zugeneigten Bürger auf der rechten Seite und die revolutionär bzw. republikanisch gesinnten Abgeordneten auf der linken Seite des Parlaments Platz nahmen.
Eigentlich steckt hinter dem „Rechts-Links-Schema“ ein ganz anderes Begriffspaar. Die Monarchisten wollten die Machtverhältnisse und die damit verbundenen Privilegien eher „konservieren“ und keine grundlegenden Veränderungen vornehmen. Dieser Standpunkt entspricht einem konservativen Verhalten. Im Gegensatz dazu wollten die republikanisch gesinnten Abgeordneten diese Verhältnisse eher ändern bzw. reformieren. Das Begriffspaar „rechts–links“ wird so etwas differenzierter betrachtet zum Begriffspaar „konservativ–progressiv“ bzw. „bewahrend–reformerisch“.
Was bedeutet eigentlich der Begriff „Rechtsrutsch“? Bedeutet er, dass die Wähler immer mehr einer konservativen Haltung zuneigen, die die bestehenden Machtverhältnisse nicht auflöst, sondern eher verfestigen will? Tatsächlich neigen in vielen Staaten die Wähler eher einer Haltung zu, die klare Machtverhältnisse, direktere Befehlswege, eine effizientere Entscheidungsfindung und eine vertikal organisierte Hierarchie bevorzugt.
In dieser Abhandlung geht es weniger um die Frage, ob der Rechtsrutsch durch verschiedene kurzfristig wirkende Beweggründe verursacht ist, sondern eher darum, ob es hinter diesen Faktoren noch unbekannte in der Tiefe der Strukturen der Globalisierung langfristig wirkende Ursachen gibt.
Um diese Frage zu beantworten, wurde auf einen – auf den ersten Blick – etwas fremdartig wirkenden Faktor zurückgegriffen: die Gruppendynamik.
Was hat denn die Gruppendynamik mit dem Weltgeschehen zu tun? Sehr viel.
Die nachfolgenden Überlegungen gehen von der Hypothese aus, dass sowohl die Kleingruppe, wie sie im Rahmen von Studiengruppen erlebt und studiert werden kann, als auch mittelgroße Gruppen wie Familien, Schulklassen, Arbeitsteams und Parteien und sogar größte gesellschaftliche Gruppen wie Volksgruppen, Sprachgemeinschaften oder gar Staaten den gleichen gruppendynamischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen.
Bei diesen Gesetzmäßigkeiten handelt es sich nicht um wilde Spekulationen. Der Verlauf des gruppendynamischen Prozesses ist tausendfach belegt und vielfach statistisch bewiesen worden. Das Phänomen erhält deswegen eine hohe Glaubwürdigkeit. Der Transfer von der Kleingruppendynamik auf die Großgruppendynamik ist trotzdem ein kühnes Unternehmen. Die Erkenntnisse, die aus diesem Vergleich gezogen werden, sind aber mehr als überraschend. Sie sind überzeugend. Warum sollten denn die Mikroprozesse in kleinen Gruppen nicht als Makroprozesse in großen Gruppen auch ihre Geltung haben?
Warum gibt es eigentlich Monarchien, Diktaturen und Demokratien? Welche Bedeutung hatten, (groß-) gruppendynamisch gesehen, die Reformation, der Dreißigjährige Krieg, die Aufklärung, die Französische Revolution und die beiden Weltkriege?
Warum kommt es eigentlich automatisch zur Entwicklung von demokratischen Strukturen?
Die Antwort lautet:
Die Menschen werden laufend wissender, gebildeter, informierter, offener, direkter, fähiger, tragfähiger, vertrauter, kooperativer, bewusster, kritischer, selbstbewusster, entschlossener und vor allem – vernetzter. Diese Vernetztheit gipfelt im Bewusstsein: Wir können es selbst machen.
Der Automatismus liegt in der durch den gruppendynamischen Prozess initiierten Bewusstseinsveränderung und den damit verbundenen, sich langsam entwickelnden differenzierteren Machtstrukturen. Die entscheidenden Motoren dieser Veränderungen sind das Bewusstsein und der sich daraus entwickelte Wille zur Veränderung. Diese können sich aber nur in der Gemeinschaft von Menschen entfalten.
Entscheidend ist dabei, dass sich im Rahmen des wachsenden Beziehungsnetzes auch das Bewusstsein der Menschen verändert. Die Begegnung mit anderen Menschen führt zu einem permanenten zwischenmenschlichen Austausch und Lernprozess. Gegenseitig werden kognitive Felder geöffnet und Wissen ausgetauscht. Man lernt neben den eigenen Überzeugungen auch die Meinungen der anderen kennen. Zudem führen die Kontakte untereinander immer mehr zu einer Stärkung bzw. Stabilisierung des sich anbahnenden Beziehungsnetzes.
Ein so gewachsenes Bewusstsein ist nicht mehr mit einer unterwürfigen und demütigen Haltung in einer mental rückständigen, ungerechten und diktatorischen Autokratie vereinbar. Ein Mensch, der in einer selbstständigen, liberalen und gerechten Gesellschaft eine eigene und unverwechselbare Persönlichkeit entwickelt hat, wird sich bewusst eher mit den Werten einer freiheitlichen und gerechten Demokratie identifizieren und wird sich nie mehr monarchischen oder diktatorischen Anmaßungen unterziehen.
Die Veränderung des Bewusstseins ist aber nichts Zufälliges. Sie ist das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, der sich über das ganze Leben lang hinzieht und nur im Rahmen einer Einbettung in eine sich ebenso und synchron verändernde Gruppe möglich ist. Tatsächlich ist die entscheidende Funktion bei der Entwicklung zur Demokratie nicht die Staatsform, sondern das Bewusstsein der Bürger.
Die Veränderung des Bewusstseins lässt sich schon vor der Geburt des Menschen bis ins hohe Alter in einer kurzen Schilderung etwa wie folgt charakterisieren:
Im Zustand des vorgeburtlichen Erlebens kann der Fötus, wie im Rahmen von Nahtoderfahrungen oder unter bewusstseinserweiternden Substanzen mehrfach berichtet wird, ein kosmisches Bewusstsein erfahren.Der Geburtsvorgang selbst lässt mit seinem schicksalhaften Ausgeliefertsein ein sogenanntes Schicksalsbewusstsein heranwachsen,während das Einlassen in die menschliche Gemeinschaft ein Risikobewusstsein voraussetzt.Der nachgeburtliche Aufbau der Ich-Grenze und die Bildung des Ich beinhalten gleichzeitig den Aufbau des spezifischen Ich-Bewusstseins,und in der Trotzphase entwickelt das Kind die ersten Ansätze eines eigenen Selbstbewusstseins.Im Rahmen der ödipalen Familienkonflikte erlebt das Kind, dass es in seinem Umfeld noch andere Menschen mit eigenen Bedürfnissen und anderen Fähigkeiten gibt, was unter anderem ein primäres Gruppenbewusstsein hervorbringt und verschiedene Rivalitätsgefühle auslöst.Während der Pubertät bildet und testet der Jugendliche im Rahmen seines Autonomiestrebens ein verstärktes Autonomiebewusstsein und im Hinblick auf seine einmalige und unverwechselbare Persönlichkeit ein eigenes Persönlichkeitsbewusstsein.Als Erwachsener bauen sich schließlich ein für die Familie und im Hinblick auf die Gesellschaft als Ganzes Verantwortungsbewusstsein bzw. ein globales Weltbewusstsein auf.Dieser Veränderungsprozess führt schließlich zu persönlich und politisch gereiften Erwachsenen, die mit ihrer Gesellschaft unabdingbare und unverzichtbare anspruchsvolle Erwartungen verknüpfen.
1 FAZ.NET (2017).
1.1 Es gibt tatsächlich einen Rechtsrutsch
Die westliche Welt ist stark verunsichert. Der deutsche BR-Intendant Ulrich Wilhelm2sagte in einem Interview: „Es ist etwas ins Rutschen gekommen.“ Damit meinte er, dass in der Welt etwas Wichtiges aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Die Menschen fühlen sich ohnmächtig. Während sich die demokratischen Regierungen immer weiter in die Defensive zurückziehen, füllen nicht liberale Regierungen die entstandenen Lücken.
In Russland hat Wladimir Putin die Ansätze zu einer demokratischen Staatsordnung abgeblockt und den von Jelzin eingeleiteten Demokratisierungsprozess zum größten Teil rückgängig gemacht.
Und in der Türkei hat Präsident Erdoğan im Rahmen des Ausnahmezustandes und der neuen Verfassung die Presse geknebelt, die bestehende Gewaltenteilung zerschlagen und die Amtszeitbeschränkung im Mindesten für sich persönlich ausgehebelt.
Nicht anders verhält es sich in den Balkanländern Serbien, Mazedonien und Bosnien, die zunehmend mit autokratischen Regierungsformen sympathisieren.
Es handelt sich beim sog. Rechtsrutsch nicht nur um ein rein europäisches Geschehen, sondern um ein globales Aufbegehren gegen den etablierten Liberalismus. Es sind vor allem Russland, die Türkei und China, die in das politische Vakuum, das die EU und die USA hinterlassen, vorstoßen.
Die Verschiebung von einer liberal-demokratisch organisierten Staatsordnung zu autoritären Strukturen ist kein Zufall. Die Bevölkerung scheint zunehmend eine direktere Machtausübung zu favorisieren. Die Türkei gibt für diese Tendenz ein eindrückliches Beispiel ab:
An Ostern 2017 stimmten über 51 % der türkischen Bevölkerung für die Abschaffung der liberal-demokratischen Verfassung und verhalfen dem Präsidenten zu einer Machtfülle, die zuvor nur einem Sultan zugestanden wurde. Und was verkündete Erdoğan am ersten Tage seines größten Triumphes? Die Einführung der Todesstrafe.
Das wird aber weniger die Diebe und Mörder beeindrucken – als die Andersdenkenden und politisch Verfolgten erschrecken.
Der Rechtsrutsch wird in der untenstehenden Grafik (Abb. 1) klar bestätigt:3
Veränderung der Einstellung in Richtung autoritäre Regierungsstrukturen
Die Grafik aus dem Jahr 2014 zeigt, dass sich die Einstellungen der Bevölkerungen in den letzten zwanzig Jahren in mehreren Ländern (mit Ausnahme der Philippinen und Pakistan) stark in Richtung autoritäre Führung verändert haben. Die größten Verschiebungen wurden anhand dieser Umfrage in abnehmender Reihenfolge in der Ukraine, in Rumänien, Indien, Russland, Südafrika, in der Türkei und in Spanien festgestellt.
Nach diesem Schaubild trauen viele Menschen den autoritär regierenden Herrschern mehr zu als demokratisch gewählten Regierungen. Die Autoren des Reports der Sicherheitskonferenz, die vom 17. Bis 19.02.2017 in München tagte, gaben für diese Veränderung folgende Gründe an:
Die Bürger glauben immer weniger, „dass Offenheit und globales Denken auf politischer Ebene (…) Vorteile bringen (…)“. Viele Bürger „würden autoritären Herrschern mehr zutrauen als demokratisch gewählten Regierungen“.
Die Ergebnisse zeigen weiter, dass sich seit der Jahrtausendwende der Zustand der Demokratie in abnehmender Reihenfolge in der Türkei, Bahrain, Äthiopien, Aserbaidschan, Venezuela, Ungarn, Russland und der Ukraine erheblich verschlechtert hat. Die Autoren sprechen deshalb von einer weltweiten „Demontage der Demokratie“.
Das ist nicht erstaunlich. Denn in vielen Ländern gibt es erfolgreich agierende autokratische Regierungen. China hat mit einer rigiden Staatsführung seine früheren Hungersnöte besiegt und einen erstaunlichen Wirtschaftsaufschwung ausgelöst. Das amerikanische Magazin „Time“ hat am 08.11.2017 zum Anlass des Staatsbesuchs von Präsident Trump in der Volksrepublik China geschrieben, dass China den Machtkampf bereits gewonnen hätte:
Der autoritäre Staatskapitalismus habe seine Stabilität unter Beweis gestellt. Die liberale Demokratie müsste dagegen um ihr Überleben kämpfen.
Davon ließ sich nicht zuletzt auch der ehemalige amerikanische Chefstratege Steve Bannon beeindrucken, wenn er sagte,
dass die Chinesen ein „brillantes System“ hätten.
Er „ziehe seinen Hut“.4
Und in der Türkei hat Präsident Erdoğan einen beachtlichen Bauboom ausgelöst. In wenigen Jahren hat er ein stabiles Gesundheitswesen aufgebaut, eine Verdreifachung der Gehälter erzielt und durch riesige Bauprojekte und das Anlocken von kapitalkräftigen Investoren Rang siebzehn unter den Industrienationen erreicht.
Als Zusammenfassung der bisherigen Überlegungen kann jetzt eine erste Antwort gegeben werden:
Es gibt tatsächlich einen Rechtsrutsch!
1.2 Welche Gründe sind möglicherweise für den weltweiten Rechtsrutsch verantwortlich?
Ist der Rechtsrutsch möglicherweise system- oder demokratieimmanent?
Gibt es möglicherweise system- oder demokratieimmanente Faktoren, die den Rechtsrutsch begünstigen?
In einer Demokratie bewegt sich alles sehr langsam. Die Kompromissbildung ist schwierig bis unmöglich. Beschlüsse müssen durch viele Gremien hindurchgeboxt werden. Auch die schwierigen Regierungsbildungen in Frankreich, Deutschland, England, Spanien usw. sind keine gute Referenz für die Staatsform Demokratie.
Im Gegensatz dazu kann ein Diktator ganz unkompliziert handeln. Alles geht viel schneller und direkter. Er muss auf Freunde und Feinde keine Rücksicht nehmen. Er kann seinen Willen durchsetzen, ohne einen langwierigen Kompromissbildungsprozess durchlaufen zu müssen.
Dieser Vorteil wird aber durch einen gravierenden Mangel wieder aufgehoben. Die Demokratie mag zwar langwierig und kompliziert sein, sie gibt aber wie kein anderes Regierungssystem einen optimalen Rahmen für das Berücksichtigen und Abwägen der unterschiedlichsten Interessen vor.
Sind der Klimawandel und die Bevölkerungsexplosion für den Rechtsrutsch verantwortlich?
Der Schweizer Historiker und Konfliktforscher Kurt R. Spillmann meint,5 dass der Populismus auf einer tiefen Verunsicherung oder Verängstigung der Bevölkerung beruhe. Sie seien die Folge von „politisch-sozialen Veränderungen von geologischer Tiefe und Stärke“. Diese Ängste würden sowohl durch die demografische Bevölkerungsexplosion als auch durch den Klimawandel verursacht. Das Überleben in Teilen Afrikas und Bangladesch werde zunehmend schwieriger. Dadurch steige weltweit der Migrationsdruck.
Der Klimawandel wird zusätzlich einen gewaltigen Migrationsdruck ausüben. Dem Migrationsdruck kann aber auf effizientere Weise z. B. durch direkte Wirtschaftshilfe in den betreffenden Staaten begegnet werden. Zudem ist es unwahrscheinlich, dass es nur der Hunger ist, der die Menschen in die Flucht treibt, sondern ebenso die prekären wirtschaftlichen oder politischen Verhältnisse, die fehlenden Infrastrukturen und die mangelnden Ausbildungsmöglichkeiten. Letztlich ist die Auswanderung auch in Staaten feststellbar, die weniger vom Klimawandel betroffen sind.
Gibt es den Rechtsrutsch nur in Gebieten, in denen sich Menschen gesellschaftlich abgehängt fühlen?
Tatsächlich gibt es viele Landstriche, z. B.im Mittleren Westen oder im sog. Rostgürtel der USA, in denen der Rechtsrutsch extrem ausgeprägt ist. Ähnlich fand z. B. der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan im noch wenig entwickelten Anatolien seine größte Zustimmung. Zudem fühlen sich auch in den westlichen Demokratien viele Menschen existenziell bedroht und finanziell vernachlässigt.
Während früher der Lohn des Vaters dazu ausreichte, eine ganze Familie zu ernähren, ist das heute kaum mehr möglich. Vermutlich wünschen sich vor allem arme Menschen einen starken Mann, der „endlich etwas verändern wird“.
Durch die Weltwirtschaftskrise im Jahre 2008 wurde der Glaube an die Selbstregulierungskraft der freien Marktwirtschaft zusätzlich beschädigt.
Meistens sind es aber gerade die autokratisch regierenden Herrscher, die den Wählern viel versprechen und wenig halten. Zudem ist der allgemeine Rechtsrutsch nicht nur in Gebieten zu beobachten, die sozial vernachlässigt werden.
Ist der Rechtsrutsch die Folge eines zyklischen Wandels?
Der vierte Faktor betrifft die Annahme, dass die beobachtbaren Veränderungen nur ein kurzfristiges Geschehen darstellen und einem zyklischen Wandel unterliegen. Das mag wohl besonders in den USA zutreffen. Dem Rechtsrutsch folgt tatsächlich meistens ein Linksrutsch – und dem Linksrutsch wiederum ein Rechtsrutsch.
Tatsächlich zeigen viele wirtschaftlichen und biologischen Prozesse einen zyklischen Verlauf. Als Beispiel werden die Präsidentenwahlen in Amerika angeführt, die anscheinend einem zyklischen Wandel unterliegen. Entsprechend dieser These wird nach einem demokratischen Präsidenten immer wieder ein republikanischer und nach einem republikanischen Präsidenten immer wieder ein demokratischer Präsident gewählt.
So hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg die Parteizugehörigkeit der amerikanischen Präsidenten mit Ausnahme von Georg H. Bush immer wieder abgewechselt, z. B. bei den vom Volk gewählten Präsidenten:
1945–1953 Harry S. Truman (Demokrat)
1953–1961 Dwight D. Eisenhower (Republikaner)
1961–1963 John F. Kennedy (Demokrat)
1969–1974 Richard Nixon (Republikaner)
1977–1981 Jimmy Carter (Demokrat)
1981–1989 Ronald Reagan (Republikaner)
1989–1993 Georg H. Bush (Republikaner)
1993–2001 Bill Clinton (Demokrat)
2001–2009 George W. Bush (Republikaner)
2009–2017 Barack Obama (Demokrat)
2017–2020 Donald Trump (Republikaner)
2020–2024 Joe Biden (Demokrat)
2024– Donald Trump (Republikaner)
Die beiden Präsidenten Lyndon B. Johnson 1963 bis 1969 (Demokrat) und Gerald Ford 1974 bis 1977 (Republikaner) sind anfänglich nicht direkt vom Volk gewählt worden, sondern haben ihre Präsidentschaft als Vizepräsidenten nach der Ermordung von John F. Kennedy oder nach dem Rücktritt von Richard Nixon erlangt.
Es erstaunt deshalb nicht, dass nach Joe Biden wiederum ein republikanischer Präsident, Donald Trump, gewählt wurde, und dass anschließend wieder ein Demokrat gewählt werden würde.
Diese These bedeutet, dass der Rechtsrutsch nur auf einem psychologischen Effekt beruht und in allen Ländern der Erde anzutreffen wäre. Das ist aber wie z. B. in Österreich und Deutschland nicht immer der Fall.
Führt die Demokratie hin und wieder zu fragwürdigen Ergebnissen?
Die Demokratie als Staatsform führt nicht selten zu überraschenden oder gar „undemokratisch“ erscheinenden Wahl- oder Abstimmungsergebnissen. Obwohl die Frauen in der Schweiz heute sowohl als Parlamentarierinnen als auch als Regierungsmitglieder hervorragende Arbeit leisten und aus dem politischen Alltag nicht mehr wegzudenken sind, wurde das Frauenstimmrecht nach mehreren vergeblichen Versuchen erst im Jahre 1971 im Rahmen einer nationalen Volksabstimmung mit 66 % Ja- und 34 % Nein-Stimmen eingeführt. Mehrmals zuvor wurde mit demokratischen Mitteln ein sog. „undemokratisches“ Abstimmungsergebnis erzielt.
Ein zweites „Fiasko“ ereignete sich im Jahre 2012, als der den Muslimbrüdern nahestehende Mohammed Mursi im Rahmen einer offenen und freien Wahl durch das ägyptische Volk zum Präsidenten gewählt wurde. Nach zahlreichen Unruhen und Aufständen wurde er im Juli 2013 durch General Abdel Fattah el-Sisi im Rahmen eines Militärputsches wieder abgesetzt.
Ein drittes, zumindest fragwürdiges Abstimmungsresultat wurde am 23.06.2016 in Großbritannien erzielt, als 51,89 % der Briten überraschend für den Austritt aus der Europäischen Union (Brexit) stimmten.
Das vierte unerwartete Ergebnis schaffte Donald Trump, als er als relativ unerfahrener und vielleicht sogar ungeeigneter Politiker zum 45. amerikanischen Präsidenten gewählt wurde. Ist es tatsächlich so, wie Kritiker der demokratischen Staatsform vielfach behaupten, dass das Wahlvolk in der Mehrheit relativ naiv und unerfahren ist und durch irgendwelche Populisten zu einem relativ fragwürdigen Wahlverhalten verführt werden kann? Oder ist es möglicherweise gerade umgekehrt, dass sowohl das britische als auch das amerikanische Wahl- bzw. Stimmvolk in ihren Voten ein wichtiges weltpolitisches Zeichen setzten?
Wieder einmal hat eine vermutlich offene und freie Wahl nicht zum erwarteten Wahlergebnis geführt, sondern zu mehr Chaos und Unsicherheit. Möglicherweise sind es gerade solche Vorgänge, die die Demokratie als Staatsform nachhaltig beschädigen und weltweit als fragwürdig erscheinen lassen.
Ist der Rechtsrutsch eine Reaktion auf den langsamen „Untergang des Abendlandes“?
Nach Oswald Spengler6 strebt jede Hochkultur nach einer erfolgreichen Blütezeit zwingend dem Untergang entgegen.
Dazu muss man bemerken, dass bis jetzt weder der Untergang des Abendlandes stattgefunden hat noch in absehbarer Zeit tatsächlich stattfinden wird, weil es ein abgegrenztes Abendland gar nicht mehr gibt.
Die westlichen Hochkulturen sind mit den anderen Kulturen eng verzahnt. Die soziopolitische Entwicklung eines Landes kann nicht mehr isoliert betrachtet werden. Die übergeordneten Strukturen regen einzelne Zivilisationen immer wieder zu neuen Anstrengungen an. Gerade die Demokratie ermöglicht durch die immer wieder stattfindenden Regierungswechsel einen direkten Ansporn zur stetigen inneren Erneuerung.
Lässt sich der Rechtsrutsch auf die Migration zurückführen?
Neben den Flüchtlingen, deren Leben wegen der Kriegshandlungen in vielen Ländern real bedroht ist und die zu Recht in anderen Ländern um Asyl bitten, gibt es vor allem in Afrika und in zentralamerikanischen Ländern Millionen von Wirtschaftsflüchtlingen, die ihr Glück in den hoch entwickelten Staaten Europas oder den USA suchen. Sie sind über die Handys gut miteinander vernetzt und über die Einreisemöglichkeiten bestens informiert. Zudem sehen sie im Fernsehen den hohen Lebensstandard, die blühenden Städte und den gewaltigen Reichtum in den hoch entwickelten westlichen Ländern.
Das Bevölkerungswachstum ist besonders in Indien und Afrika gigantisch. In Zukunft werden es nicht hunderttausende, sondern hunderte von Millionen von Menschen sein, die in den sog. Westen übersiedeln wollen.
Es sind vor allem die Kinder von eher besser gestellten Familien, die sich mit den Ersparnissen der ganzen Verwandtschaft in den Norden absetzen. Sie überschreiten die Grenzen nach Europa oder Amerika meistens auf illegalem Wege und tauchen bei Ablehnung ihrer Anträge vielfach unter. Dabei besteht die Gefahr, dass sie sich in den Gastländern selbst organisieren und Parallelwelten aufbauen. Damit vermeiden sie die Integration in die bestehenden Gesellschaftsstrukturen und bedrohen die Stabilität der entsprechenden Länder.
Die europäischen Staaten, die USA und auch Australien versuchen, diese Flüchtlingsströme von ihren Grenzen fernzuhalten. Sie sehen ihre eigene Kultur gefährdet. Sie möchten diese schützen und versuchen, die Kontrolle über die Einwanderung mithilfe einer undurchlässigen Außengrenze zurückzugewinnen.
Folgende Faktoren müssen dabei beachtet werden:
Erstens sind es die Migranten selbst, die in der Regel von ihrem Weggehen profitieren, auch wenn sie in ihren Gastländern nicht gleich eine geeignete Arbeit finden.Zweitens sind es die Gastländer, in denen vor allem die Ober- und Mittelschicht Vorteile aus der Immigration ziehen. Im Gegensatz dazu erleiden die Unterschichten eher Nachteile, weil sie im Hinblick auf Arbeitsplätze, freie Wohnungen und finanzielle Unterstützungen Konkurrenz erhalten.Drittens muss das Schicksal der Herkunftsländer beachtet werden. In der Regel sind es die begüterten, bestausgebildeten und intelligentesten Menschen, die den Mut aufbringen, die gefährliche Reise anzutreten. Diese Leute, wenn sie es schaffen, sich in die westliche Gesellschaft zu integrieren, überweisen in der Folge erhebliche Geldbeträge in ihre Heimatländer, die dort besteuert werden, was deren Regierungen aus verständlichen Gründen nicht zu entschiedenen Gegenmaßnahmen motiviert.Viertens führt der laufende Exodus zu einem beruflichen und intellektuellen Ausbluten der entsprechenden Herkunftsländer.Vielfach wird die Meinung vertreten, dass es ohne die unkontrollierte Migration und den islamistischen Terror keinen Brexit in Großbritannien und keinen Präsidenten Trump in Amerika gegeben hätte.
Vermutlich sind diese Annahmen allesamt richtig. Es war deshalb nicht zuletzt Thilo Sarrazin, der schreibt, dass die Migration ein allgemeines „Megathema“ darstelle. Und Viktor Orban sagte am 07.03.2017:
„Die Migration ist das Trojanische Pferd des Terrorismus.“
Tatsächlich ist die Kriminalität der jungen und männlichen Immigranten um vieles höher als bei jungen Menschen der entsprechenden Gastländer. Der ehemalige deutsche Innenminister Gerhart Baum meinte anlässlich einer Fernsehsendung im ZDF,7 dass die „Gruppe der jungen Männer die gefährlichste Gruppe der Gesellschaft“ darstelle.
Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders hat in seinem Wahlprogramm unter anderem ein Verbot des Islam und das Schließen der Moscheen verlangt. Letztere bezeichnete er als „Nazi-Tempel“ und den Koran verglich er mit Hitlers „Mein Kampf“.8
Die Vermutung, dass die Migration einen wichtigen Beweggrund für den allgemeinen Rechtsrutsch darstelle, wird durch das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des renommierten Britischen Instituts für internationale Politik „Chatham House“ zusätzlich bestätigt.
Das Institut konfrontierte die Menschen in zehn europäischen Ländern mit der Frage:
„Sollte jegliche Migration aus vorwiegend muslimischen Ländern gestoppt werden?“
Das Ergebnis war nicht überraschend:
Die absolute Mehrheit der Befragten (55 %) sprach sich für einen Migrationsstopp aus. Das bedeutet, dass das Denken der Bevölkerung entscheidend von der Politik zahlreicher Regierungen abweicht.
Dieses Auseinanderklaffen zwischen dem Denken und Fühlen zeigt sich besonders in Deutschland. Die Willkommenskultur der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Asylrecht der Bundesrepublik fußen zwar auf einer hohen ethischen Gesinnung. Politisch sind sie aber umstritten. Die Verluste der politischen „Mitte“ und das Anwachsen der extremistischen Parteien kann, wie später noch ausführlich ausgeführt und begründet werden wird, als wichtiges (gruppendynamisches) Symptom für den Verlust des gesellschaftlichen Gleichgewichts verstanden werden.
Die Haltung der deutschen Regierung lockte nicht nur weitere Flüchtlinge an, sondern auch eine Vielzahl von sog. Scheinasylanten.
Vermutlich ist es gerade die Migrationsproblematik, die den entscheidenden Rückenwind für die überraschenden Erfolge der Alternative für Deutschland (AfD) gibt.
Von der Bevölkerung wird die mangelnde Abgrenzung gegenüber den Immigranten, sei es über die Balkanroute oder über das Mittelmeer, kaum mehr toleriert. Sie erzeugt Angst und treibt die Wähler in die Arme der Extremisten.
Mit großer Wahrscheinlichkeit tragen die illegale Migration und der Terrorismus stark zum allgemeinen Rechtsrutsch bei.
Der Rechtsrutsch ist aber auch in Ländern festzustellen, die von der Migration und dem Terrorismus weniger betroffen sind. Aus diesen Gründen muss man annehmen, dass der Rechtsrutsch auch auf anderen und tieferliegenden Ursachen beruhen könnte.
Ist der Rechtsrutsch ein Zeichen des religiös geprägten Kulturkampfes?
Die Theorie von David Goodhart geht von der Hypothese aus, dass der Populismus und der Rechtsrutsch ein Zeichen einer tiefen gesellschaftlichen Spaltung seien und speziell die Folge eines religiösen Kulturkampfes darstellen. Goodhart schreibt in seinem Buch „The Road to Somewhere“,9
dass es auf der einen Seite eine kosmopolitische Gesellschaft gebe, die einen extrem mobilen, liberalen und wenig verwurzelten Lebensstil pflege, während auf der anderen Seite Menschen lebten, die stärker verwurzelt seien und sich den Traditionen enger verbunden fühlten. Diese Theorie weise auf zwei unterschiedliche Lebensstile hin, die möglicherweise auf den unterschiedlichen Entwicklungsstand ihrer Gesellschaften zurückzuführen seien.
Gerade die letzte Annahme hebt einen besonderen Aspekt in den Vordergrund, der im Laufe dieser Abhandlung noch einen wichtigen Stellenwert haben wird, nämlich der (großgruppendynamische) Entwicklungsstand einer Bevölkerung.
Letztlich findet der Rechtsrutsch aber auch in Regionen statt, die weniger von einem inneren Kulturkampf betroffen sind.
Liegt es an der Unlust des Westens, seine Werte zu verteidigen?
Der schwedische Autor Malcom Kyeyune schreibt,10 dass es eine auffällige Unlust des Westens gebe, sich angemessen zu verteidigen. Die westliche Politik sei von einem Gegensatz geprägt. Einerseits sei es mit den friedlichen Zeiten vorbei und es drohe ein langwieriger Krieg. Andererseits würde sich kaum jemand dafür interessieren:
Die Lust, fürs Vaterland zu kämpfen, ist gemäß Umfragen in vielen Teilen der westlichen Welt sehr klein. Insbesondere die Jugend bleibt völlig unbewegt. Selbst in der Ukraine ziehen es viele junge Männer vor, sich dem Wehrdienst zu entziehen. Stattdessen gehen sie clubben. Die westlichen Streitkräfte schrumpfen, weil ihnen die Rekruten fehlen. Wie konnte es so weit kommen?
Kyeyune bezieht sich in Folge auf zahlreiche Beispiele aus der Geschichte, z. B. auf das Römische Reich, die Französische Revolution und auf den Untergang der Azteken, und sieht die Ursachen der mangelnden Bereitschaft, sein Land zu verteidigen, in der Entstehung einer kleinen, verantwortungslos handelnden Elite und einer breiten, wenig interessierten Bevölkerung, die sich vom Dienst an der Öffentlichkeit verabschiedet hat.
Immer weniger Menschen würden ein Interesse daran zeigen, für das Allgemeinwohl einzustehen. Die zunehmende Distanznahme der Bürger sei aber ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich ein Tsunami (das bedeutet: eine Katastrophe) nähere.
1.3 Zusammenfassende Beurteilung
Es ist unbestritten, dass die systemimmanenten Nachteile der Demokratie, der weltweite Klimawandel, die Vernachlässigung bestimmter Bevölkerungsgruppen, das Gesetz des zyklischen Wandels, die unkontrollierte Migration, der Terrorismus und der religiös geprägte Kulturkampf einen erheblichen Teil zum weltweiten Rechtsrutsch beitragen. Alle diese Hypothesen decken aber nur einen Teil der eigentlichen Ursachen ab.
Die angesprochenen Veränderungen unterliegen nur bedingt einem zyklischen Verlauf, weil der Strukturwandel ein langandauerndes und komplexes Geschehen darstellt. Der Populismus und die autoritären Tendenzen sind deshalb nur die offensichtlichsten Symptome einer tieferliegenden globalen Veränderung.
Das Problem kann deshalb nur bedingt auf medizinische, individualpsychologische, lokale oder demografische Gründe zurückgeführt werden. Es sind weder der Narzissmus der amerikanischen Präsidenten, die Charakterzüge von Erdoğan, Kaczynski, Orban und Putin, noch ist es die Vorstellung, dass diese Tendenzen einem zyklischen Wandel unterliegen, die einen Rechtsrutsch bewirken.
Es gibt vermutlich wichtigere Gründe für den weltweiten Rechtsrutsch, die auf einem umfassenden und tieferliegenden Geschehen beruhen.
Welche Gründe könnten das sein?
Was kommt eigentlich beim sog. Rechtsrutsch ins Rutschen? Es sind in erster Linie die emotionalen Einstellungen und die politischen Haltungen der Menschen gegenüber dem Staat, die ins Rutschen geraten.
Was bedeutet aber der Begriff „Staat“?
Nach der „Drei-Elemente-Lehre“ von Georg Jellinek11 ist der „Staat“ ein soziales Gebilde, dessen konstituierende Merkmale ein von Grenzen umgebenes Territorium, eine darauf als Kernbevölkerung ansässige Gruppe von Menschen sowie eine auf diesem Gebiet herrschende Staatsgewalt kennzeichnen.
Nach dieser Definition ist der „Staat“ vereinfacht gesagt eine (große) „Gruppe“ von Menschen, die zusammen ein „soziales Gebilde“ konstituieren. Eine solche Konstituierung ist aber immer ein aktives Geschehen, das sich über einen längeren Zeitraum erstreckt und in der Regel einem dynamischen Prozess unterliegt.
Die drei Merkmale „Gruppe“, „Dynamik“ und „Prozess“ können unter dem Begriff „Gruppendynamik“ oder „Gruppendynamischer Prozess“ zusammengefasst werden.
Aus diesen Gründen gehen die nachfolgenden Überlegungen von der Hypothese aus, dass sowohl der Aufbau als auch der Rückgang der Demokratien und ebenso der weltweite Rechtsrutsch auf globalen großgruppendynamischen Vorgängen beruhen, und dass es zwischen den kleingruppendynamischen Vorgängen systemimmanente Parallelen zu den Vorgängen in großen und größten Gruppen gibt.
