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Der junge Mushin wächst in einer Zeit auf, in der säkulare Prinzipien im öffentlichen Leben in seinem Land weitgehend akzeptiert und gelebt werden, und scheint ein aufgeweckter, offener und laizistisch-denkender Mann zu werden - auch wenn sein näheres Umfeld nicht unbedingt mit dieser Lebenssicht zurecht kommt. Nach und nach gerät Mushin aber unter den Einfluss des Fanatismus, und als eine unerwiderte Liebe Mushins Jugend beendet, wächst der Hass in ihm immer stärker an. Getrieben durch den Wunsch, es all seinen Feinden zu beweisen, beginnt sein Aufstieg zu einem narzisstischen, unreflektierten Diktator, der sein Land ins Unglück stürzt. Wie genau konnte es dazu kommen? Was muss in so einem Tyrannen vorgehen? Und lässt Mushin sich am Schluss bekehren …?
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Seitenzahl: 497
Veröffentlichungsjahr: 2019
Inhaltsverzeichnis
Impressum 3
Vorbemerkung 5
Widmung 7
ERSTER TEIL 11
Die Zeit der arglosen Träume 11
KAPITEL EINS 13
KAPITEL ZWEI 30
KAPITEL DREI 50
KAPITEL VIER 75
KAPITEL FÜNF 81
KAPITEL SECHS 90
KAPITEL SIEBEN 98
KAPITEL ACHT 115
ZWEITER TEIL 127
Die politischen Ambitionen 127
KAPITEL NEUN 129
KAPITEL ZEHN 137
KAPITEL ELF 149
KAPITEL ZWÖLF 157
KAPITEL DREIZEHN 163
KAPITEL VIERZEHN 169
KAPITEL FÜNFZEHN 176
KAPITEL SECHZEHN 186
DRITTER TEIL 196
Die Zeit des Größenwahns 196
KAPITEL SIEBZEHN 198
KAPITEL ACHTZEHN 208
KAPITEL NEUNZEHN 216
KAPITEL ZWANZIG 232
KAPITEL EINUNDZWANZIG 246
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG 258
KAPITEL DREIUNDZWANZIG 266
KAPITEL VIERUNDZWANZIG 276
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG 284
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG 294
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG 306
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG 312
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG 330
KAPITEL DREISSIG 338
KAPITEL EINUNDRESSIG 379
KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG Ein sonderbarer Traum 405
Ein paar Worte zum Schluss 443
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2019 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-99064-688-5
ISBN e-book: 978-3-99064-689-2
Lektorat: Senta Kneip
Umschlagfoto: Nomadsoul1, Julia Kutska | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Vorbemerkung
Auch wenn die Erzählungen in dem Buch mehr oder minder der soziopolitischen Entwicklung der letzten sechzig Jahre des Landes, dem dieses Buch gewidmet ist, entsprechen, wurden sie doch mit Fantasien und Fiktionen ausgeschmückt, so wie es die Romankunst erfordert. Dass der Verfasser dieses Buches als ein laizistischer Demokrat und Humanist einiges von dem Erzählten als Student und dann als Akademiker selbst erlebte bzw. am eigenen Leibe erfuhr, beeinträchtigt keineswegs die Neutralität und Objektivität des Buches.
Der Verfasser, der sich aufgrund seines Studiums und seiner Ämter im Türkischen Staat als Landeskenner betrachtet, hat durch seine späteren Lebensumstände und Tätigkeiten auch das soziopolitische System des Westens durchblicken können. Was die Geschehnisse im Roman anbetrifft, hat er sich nicht von Emotionen leiten lassen. Er hat sich so weit wie möglich der Wahrheit verpflichtet, wie ihm sein Gewissen vorschrieb, auch hinsichtlich der Fiktionen.
All diejenigen, die die jüngste dramatische Geschichte ihres Landes, nämlich der Türkischen Republik, kennen und auch zum Teil die soziopolitische Entwicklung im Nahen Osten in der gleichen Zeitspanne verfolgt haben, werden kaum Schwierigkeiten haben, das Erzählte im Geiste noch einmal zu erleben.
Dies gilt auch für die humanistischen Intellektuellen der westlichen Welt, die sich mit der soziopolitischen Entwicklung der jüngsten Geschichte des Nahen Ostens einigermaßen beschäftigt haben. Auch sie werden sich in dem Buch, das zum Teil einem Klagelied über das Land gleichkommt, zurechtfinden können.
Das ist ein Roman, in dem die Fakten und Fiktionen ineinanderfließen. Mit anderen Worten ist es eine Fiktion der Wirklichkeit.
Der Verfasser
Widmung
Zum Gedenken an die aufklärerisch-humanistischen
Denker und Philosophen, die durch die Jahrhunderte hindurch versucht haben, die Menschheit aus der theokratischen und materiellen Sklaverei, damit
auch aus dem eigenen inneren Kerker zu befreien …
***
Nicht derjenige ist der Gefangene, dessen Hände und Füße in Ketten liegen, sondern derjenige, der in seinem inneren Kerker lebt …
ERSTER TEIL
Die Zeit der arglosen Träume
KAPITEL EINS
„Vater“, sagte der Junge mit einer ernsthaften Miene, „unser Geschichtslehrer erzählte gestern in der Klasse, es sei nicht bewiesen worden, dass das Grab von Eyüp al Ansari in der Eyüp Moschee sei.“
„Mein Sohn“, entgegnete der Vater sichtlich verärgert, „was dein Lehrer gesagt hat, interessiert mich gar nicht! Du musst wissen, dass die Knochen von diesem Heiligen in dem Türbe der Eyüp-Moschee begraben sind, der tagtäglich von unzähligen Muslimen besucht wird.“
Der Junge vermochte dem zornigen Blick des Vaters standzuhalten, wenn auch nur sehr kurz. Dann wandte er seinen Blick mit einem Gefühl des verborgenen Stolzes den Männern von der Nachbarschaft zu, die an diesem Spätnachmittag zu Besuch gekommen waren. Da sein Vater Mustafa Efendi, der vor Jahren aus einer fernen Provinz Anatoliens nach Istanbul gezogen war, in einer großen Textilfabrik als Vorarbeiter tätig war und wegen der Schichtarbeit tagsüber die meiste Zeit schlafen musste, sahen seine Freunde und Nachbarn ihn kaum in dem Kaffeehaus der Siedlung. Wenn sich aber eine günstige Gelegenheit anbot, verpassten sie es nicht, ihn aufzusuchen und mit ihm beim Tee über Gott und die Welt zu reden.
Im kleinen Wohnzimmer saßen drei Männer auf dem Kanapee und der Vater mit anderen zwei Männern auf der Couch. Zwischen Couch und Kanapee befand sich ein niedriges, längliches Tischlein, auf dem die Teekanne, Zuckerdose und Gläser standen. Der Junge saß auf einem der Holzstühle an einem Tisch an der Wand, an dem seine jüngeren Geschwister ihre Schulaufgaben machten und lernten; sie waren zu dieser Zeit draußen und spielten mit ihren Spielkameraden auf einem leeren und staubigen Grundstück der armen Siedlung. Jedes Mal, wenn der Erstgeborene vom Internat nach Hause kam, brachte er einige Bücher und Hefte mit, um angeblich am Wochenende bestimmte Schulaufgaben zu machen. Dies diente in der Tat eher der Zufriedenstellung der Eltern, vor allem des Vaters. In Wirklichkeit galt seine Vorliebe dem Fußball. Für sein Talent, für sein Geschick war er schon mit fünfzehn in dem kleinen Fußballclub des Stadtteils bekannt. Mit großer Leidenschaft lief er hinter dem Ball her, wovon der Vater gar nicht begeistert war, weil er nichts vom Fußball hielt. Er hatte sogar eine Abneigung gegen den Fußball.
Der Junge spürte plötzlich ein starkes Bedürfnis, die Anerkennung der Männer zu gewinnen, auf deren Freundschaft sein Vater einen großen Wert zu legen schien. Er dachte, er könnte dies nur erreichen, wenn er seinen Lehrer verteidigte, den er achtete und hochschätzte. Auf der anderen Seite aber ahnte er, dass dieses widerspenstige Benehmen wie gewöhnlich nicht ohne Konsequenzen bliebe, sogar dass es ihn teuer zu stehen kommen würde. Daher war er nicht ganz entschlossen, ob er dies tun oder lieber lassen sollte. Plötzlich fasste er den Mut. Zumindest wollte er es darauf ankommen lassen. Den Blick zu Boden gerichtet, fuhr er fort: „Aber der Lehrer sagt, einer Legende nach, als die Armee unseres Propheten das Machtzentrum von Byzanz, nämlich Konstantinopel, belagerte, sei der Fahnenträger des muslimischen Heeres, Eyüp al Ansari, bei den Kämpfen vor der Stadtmauer gefallen und zum Märtyrer geworden. Er sei wahrscheinlich irgendwo vor der Stadtmauer begraben worden.“ Nach kurzem Zögern fügte der Junge dann hinzu: „Eyüp al Ansari sei einer der beliebtesten Muslime bei Allah, weil unser Prophet gesagt haben soll, ‚Gesegnet sei jeder, der für die Eroberung Konstantinopels kämpfen würde.‘ Er sei schließlich an der ersten Belagerung als Fahnenträger unseres Propheten mit aller Kraft seines Glaubens beteiligt gewesen.“
„Mein Sohn“, sagte der Vater mit einem müßigen Seufzen, „die Lehrer studieren nur die Geschichtsbücher, die vom Nationalen Schulministerium gedruckt und amtlich anerkannt worden sind. Du sollst solchen Büchern keinen Glauben schenken, weil sie mit dem Islam nichts zu tun haben. Dein Lehrer muss zuallererst die Geschichte unserer Religion richtig lernen und dann darf er solche Aussagen machen.“
Der Junge glaubte, in der Stimme des Vaters einen milden Ton wahrgenommen zu haben. Doch irrte er sich. Sein Vater war im Augenblick damit beschäftigt, den Männern erneut frischen Tee einzuschenken, daher war sein strenger Blick dem Jungen verborgen geblieben. Durch seine falsche Einschätzung fühlte er sich plötzlich erwachsen und stark. In dem Augenblick war er in so einem berauschenden Gefühlsausbruch, dass er nicht in der Lage war, die Folgen seines Hochmutes abschätzen zu können.
„Vater, glaubst du wirklich, dass du alles besser weißt als der Lehrer, der jahrelang die Schulen besucht und studiert hat?“ Er hatte den Satz kaum ausgesprochen, als seine Mutter plötzlich im Wohnzimmer erschien, um die Teekanne in die Küche zu tragen, damit die Gäste, wie es die Tradition vorschrieb, mit frischem Tee versorgt wurden. Sie hatte ihr Kopftuch enger gezogen als üblich, weil man männliche Besucher im Haus hatte, auch wenn diese die Bekannten von der Nachbarschaft waren. Sie schien die Gespräche durch die halb offene Küchentür mitbekommen zu haben, daher war sie in Sorge um ihren Sohn. Als sie jedoch den letzten mutigen Satz aus dem Munde ihres Sohnes hörte, war sie mehr als besorgt, ja, sie war wahrlich erschrocken. Bevor sie mit der Teekanne in der Hand hinter der Küchentür verschwand, warf sie ihrem Jungen mit liebevollen, aber traurigen und ängstlichen Augen einen flüchtigen Blick zu. Als wollte sie ihn vor dem herannahenden Sturm warnen, als wollte sie ihm die Worte zuflüstern: „Mein Junge, gib Acht, du spielst wieder mit dem Feuer!“
Der Vater war über die herausfordernde Haltung des Jungen unheimlich erstaunt und verärgert zugleich. Das war die größte Frechheit! Wie könnte er es wagen, in Gegenwart der Nachbarn, bei seinen Freunden, ihn, den eigenen Vater, herauszufordern, gar zu beleidigen. Als er plötzlich mit dem rot angelaufenen Gesicht den Sohn anschaute, glaubte der Junge, in den Augen des Vaters tausend Funken, ja, tödliche Blitze gesehen zu haben. Unwillkürlich zuckte er zusammen; ein Schauder lief ihm den Rücken hinunter, seine Haare standen zu Berge. Es war aber zu spät. Er war sich dessen bewusst, dass er nun daran nichts mehr ändern könnte, wenn er auch seinen Vater tausendmal um Verzeihung bäte. Die einzige Sicherung, wenn auch vorläufig, war die Gegenwart der Männer. Er wünschte sich, dass die Unterhaltung ewig dauerte.
Seit einigen Jahren besuchte er die Imam Hatip Schule, die eine Internat-Schule war, eine Mittelschule, in der Vorbeter und Prediger für die Moscheen ausgebildet wurden. An den Wochenenden und Feiertagen kam er nach Hause, zu den Eltern. Nun würde er gerne sofort verschwinden, um der Gefahr, von dem Vater schwer bestraft zu werden, zu entgehen, aber er kam erst heute, nämlich Samstagnachmittag, nach Hause, daher könnte er nicht einfach aufstehen und sagen, er müsse jetzt zurück zur Schule, d. h. zum Internat. Dennoch war er sich ganz sicher, in Gegenwart der Männer würde sein Vater gegen ihn keine Hand erheben, er würde ihn auf keinen Fall vor den Besuchern schlagen. Mit gesenktem Kopf wartete er auf den Wutausbruch des Vaters, der allerdings nicht lange auf sich warten ließ.
„Du Schwachkopf!“, brüllte der Vater, „dass die Lehrer lange Jahre die Schulbank gedrückt oder studiert haben und dazu noch teure, gebügelte Anzüge und Krawatten tragen, bedeutet noch lange nicht, dass sie alles besser wissen als wir. Du sollst es dir unbedingt in deinen dicken Schädel eingravieren, dass unser Wissen auf der Grundlage des islamischen Glaubens beruht, nicht auf dem ketzerischen Wissen, das in den sogenannten modernen Hochschulen und Universitäten gelehrt wird.“
Der Ton des Vaters war so bedrohlich, dass jedes Wort wie ein Hammer auf den Kopf des Jungen einschlug. Trotzdem wollte er nicht klein beigeben, vor den Männern schon gar nicht. Er spürte, dass sie ihn mit einer versteckten Bewunderung beobachteten. Er glaubte, er würde sein Gesicht verlieren, wenn er nachgäbe. Aber daran, dass es in dem Moment auch seinem Vater darum ging, vor seinen Freunden das Gesicht zu wahren, dachte er gar nicht; all das schien ihm gleichgültig zu sein.
Vor kurzem wurde er fünfzehn; wie eben all die Jungs im pubertären Alter konnte er nicht anders; er musste rebellieren, nicht nur gegen den Vater, auch gegen die anderen Männer in der Familie, in der Sippe, in der Nachbarschaft. Er war wieder einmal in rebellischer Laune, er konnte nicht nachgeben. Er schien an diesem Spätnachmittag die Angst vor dem Vater überwunden zu haben. All die Folgen seines übermütigen Benehmens schienen ihm gleichgültig zu sein. Erst fing er die Blicke der Männer ein, dann schaute er seinen Vater an.
„Ich weiß nicht mehr, Vater“, sagte er mit einem gezwungenen Wagnis, „wem ich glauben soll? Du und die Männer in dem ‚Verein zur Verbreitung des islamischen Wissens‘ sagen immer wieder, die Moscheen seien von Inönü und seiner Regierungen als Lagerhäuser, gar als Viehstallungen benützt worden.“ Damit er nicht seinen Mut verlor, mied er den zornigen Blick seines Vaters, und um etwas mehr Mut sammeln zu können, schaute er in die Augen der Männer, die erstaunt und erregt die Diskussion zwischen Vater und Sohn verfolgten. Zu seinem Erstaunen fühlte er sich, als würden seine Worte ihren Weg von selbst finden. „Nicht nur der Geschichtslehrer haben das erzählt. Einige andere Lehrer sagen auch, dass die Moscheen die einzig verfügbaren und geeigneten Stätten in den Dörfern sowie in größeren Siedlungen gewesen seien, in denen man vor allem Getreide, das heißt, das Gemeingut, lagern konnte“, fuhr er entschlossen fort. „Man habe ja während des langwierigen brutalen Zweiten Weltkrieges die Bevölkerung vor einer fatalen Hungersnot bewahren wollen. Nach dem Ende des Krieges habe sich die Lage allmählich normalisiert und die gewissen Räumlichkeiten der betroffenen Moscheen seien nicht mehr als Lager benützt worden.“
„Du Dummkopf! Du Taugenichts!“, erhob Mustafa Efendi seine Stimme, „wissen deine Lehrer es besser als unsere gläubigen Politiker, besser als Adnan Menderes, möge seine Seele in Frieden ruhen, besser als unser echt muslimischer Premier Minister Süleyman Demirel!“ Der Vater versuchte ihn einzuschüchtern, indem er mit seinen zornig funkelnden Blicken die Augen des Sohnes einfing.
Der Junge stellte aber zu seiner Freude fest, dass er überhaupt keine Angst mehr verspürte. Zum Erstaunen der Anwesenden erwiderte er mit erhobener Stimme, jedenfalls lauter als gewöhnlich: „In unserem muslimischen Verein sagen alle, die Frauen und auch die Mädchen ab neun Jahren, die kein Kopftuch tragen oder sich nicht im Schleier verhüllen, seien nicht keusch und ehrenhaft, denn sie achteten nicht unsere Religion, ja, sie missachteten auch den Koran.“ Unbeeindruckt von den bedrohlichen Blicken des Vaters fuhr er fort: „Manche Lehrer empfehlen uns, die Bücher von Yasar Kemal, Orhan Kemal und Sait Faik sowie die Gedichte von Orhan Veli Kanik, Attila Ilhan zu lesen. Die Männer im islamischen Verein hingegen beteuern ständig, die Bücher von denen dürfe man nicht lesen, sonst würde man eine Sünde begehen, da sie Kommunisten seien. Man müsse nur die Gedichte von Necip Fazil Kisakürek, Mehmet Akif Ersoy und anderen gläubigen Schriftstellern und Dichtern lesen.“ Der Junge beobachtete indessen die Gesichtszüge des Vaters. Mustafa Efendi schien aber mit diesen Namen nichts anzufangen.
Während Mustafa Efendi den Anschein erweckte, sich mit der Antwort Zeit zu lassen, fuhr der Junge fort: „In der Stadt tragen die meisten Frauen keine Kopftücher, keine Schleier. Sind all diese Mädchen und Frauen sündig und unehrenhaft? Da wir all diese Frauen nicht kennen, können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob sie unkeusch sind, oder nicht. Auch in unserer Nachbarschaft tragen viele Mädchen und Frauen, die wir kennen, kein Kopftuch und keinen Schleier. Darf man dann behaupten, dass sie auch unkeusch beziehungsweise unehrenhaft sind?“
Einen Augenblick machte er halt und beobachtete verstohlen die Gesichter der Männer, um ihre Reaktion abzuschätzen. Dann fügte er mit ernsthafter Miene hinzu: „Was die Romane und Gedichte anbelangt, sagen viele Freunde von mir, die zum Teil das normale Gymnasium besuchen, dass die Romane von Yasar Kemal und Orhan Kemal und die Gedichte von Attila Ilhan wunderschön seien.“
Yakup Efendi, der älteste unter den anwesenden Männern, der neben Mustafa Efendi saß und die ganze Zeit schwieg und bei dieser mit Spannung geladenen Diskussion keine Gefühlsregung zeigte, richtete plötzlich seine Blicke auf den Jungen.
„Muhsin, mein Junge“, sagte er in einem sanften Ton, „von Büchern verstehe ich gar nichts, weil ich nicht einmal die Grundschule besuchen konnte. Aber mein Neffe, der auf das Galatasaray-Gymnasium geht, erzählte mir, dass einige Lehrer im Gymnasium den Schülern die Bücher von gottlosen Personen empfahlen, nicht zuletzt die Gedichte von einem kommunistischen Dichter namens Nazim Hikmet lobten. Ihr solltet wachsam sein und solche Empfehlungen ignorieren. Außerdem sagte mein Neffe, dass dieser Nazim Hikmet in seinen Gedichten ständig den Kommunismus gepriesen habe, und daher sei er nach Russland, zu seinen Freunden geflüchtet.“
Mustafa Efendi, der seinem besten Freund mit höchster Aufmerksamkeit zuhörte und indes seinen düsteren Blick auf den Sohn richtete, ergriff erneut das Wort: „Ich verstehe auch nichts von Romanen und Gedichten, aber ich bin dennoch der Meinung, solche Lehrer gehören angezeigt. Man sollte diese Personen nicht nur beim Schulministerium in Ankara, sondern auch bei der Regierungspartei melden. Was aber für uns als gläubige Muslime die höchste Priorität hat, ist die Keuschheit unserer Frauen und Töchter. Wir müssen immer beten und Allah anflehen, dass der Islam sich in der Türkei durchsetzt.“
Nach einer kurzen Atempause schaute er mit bohrenden Blicken in die Augen des Jungen und dann setzte er hinzu: „Du großer Dummkopf, wie kannst du es wagen, die halbnackten, leichtsinnigen und ehrlosen Frauen unseren gottesfürchtigen und keuschen Frauen gleichzusetzen? Dafür sollst du dich schämen, du Taugenichts!“
Das Gesicht des Jungen lief plötzlich rot an und er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. „Vater, willst du damit sagen“, schrie der Junge mit flammenden Augen, „dass alle Mädchen und Frauen in unserer Nachbarschaft auch sündig und ehrlos sind, die kein Kopftuch tragen? Wenn das so ist, warum grüßt du die Ehemänner dieser Frauen in der Nachbarschaft? Ist dies keine Sünde für einen Muslim?“
Das Gesicht des Vaters wurde aschfahl, als sei es plötzlich zu einer Wachsfigur erstarrt. Er war wie versteinert. Sobald er sich von dem Schock erholte, schrie er den Sohn mit vor Zorn sprühenden Augen an. „Du tollwütiger Hund! Ich werde deine Frechheit nicht mehr dulden. Stehe sofort auf und verschwinde in den Lagerraum. Dort wartest du auf mich. Mit dir werde ich später abrechnen!“
Daraufhin zuckte der Junge zusammen. Er war von dieser unheilverkündenden Drohung völlig überrascht, denn er hatte damit nicht gerechnet. Sein Hochmut ließ ihn in dem Moment völlig im Stich und verschwand wie weggeblasen. Der Ton des Vaters war so scharf und so deutlich, dass er keine Sekunde Verzögerung duldete.
Der Junge, dessen Gesicht augenblicklich das ganze Blut verlor und leichenblass wurde, stand sofort auf und lief durch eine Tür in den Lagerraum, welcher der Familie zum Teil auch als Vorratsraum diente.
Erst schaltete Muhsin im Lagerraum das Licht ein. Der Raum wurde durch eine kleine Birne, die an einer verstaubten, dicken Kabelschnur von der Decke herunterhing, von einem gelben und schwachen Licht beleuchtet. In einer Ecke des Raumes fiel ihm ein kleiner Holzhocker ins Auge, worauf sich sein augenblicklich tief bedrückter Gemütszustand durch ein kaum wahrnehmbares Gefühl der Erleichterung ein wenig erholte, denn sonst hätte e er sich auf den Erdboden setzen müssen. Dann machte er drei Schritte zum Hocker, aber er war in dem Moment so wütend, so aufgewühlt, dass er sich nicht hinsetzen konnte. Ihm war, als würde sein Herz im Hals schlagen. Er hörte seine Herzschläge nicht nur in der Brust. Er hörte sie auch im Mund klopfen. Einerseits seine maßlose Wut gegenüber dem Vater, andererseits die unheimliche Angst vor ihm. Er ging im Raum auf und ab, bis seine Aufregung sich einigermaßen legte. Ohne dass er sich dessen bewusst war, schritt er wie eine gefangene wilde Raubkatze im Käfig umher. Er nahm überhaupt nicht wahr, wie lange dies dauerte.
Allmählich war er erschöpft und setzte sich auf den Holzhocker und stützte seine Arme auf die Knie und nahm den Kopf in die Hände. Er begann über das Geschehene zu brüten. In Wirklichkeit hatte er seinen Vater lieb, wenn er auch jähzornig war und sich über jede Kleinigkeit, die er als Fehler betrachtete, sehr schnell ärgerte und ihn oft mit mehreren heftigen Ohrfeigen bestrafte. Da jedweder Versuch der Mutter, ihren Mann zu besänftigen, daran gar nichts änderte, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich jedes Mal in eine Ecke zu ducken und zu weinen. Und sie wiederholte schluchzend immer dasselbe: „Mustafa, er ist noch ein Kind, habe Erbarmen mit ihm, habe Angst vor Allah!“
Wenn ich meinen Vater lieb habe und achte, warum habe ich ihn vor seinen Freunden beleidigt?, fragte er sich. Er empfand plötzlich eine tiefe Reue und rügte sich aufrichtig. Im Grunde sagte sein Vater nur das, was die Männer im Verein „Die Verbreitung des islamischen Wissens“ immer wieder erzählten. Natürlich sind sie tugendhafte Leute, gewiss würden sie nichts Falsches sagen, dachte er. Außerdem wusste er, dass die Ansichten, die er seinem Vater ins Gesicht geschleudert hatte, nicht seine eigenen Ideen waren. Eigentlich waren sie die Worte eines Freundes, eines Gymnasiasten aus dem gleichen Stadtteil, dessen Vater an der Istanbuler Universität als Physikprofessor wirkte. Er wusste ganz genau, dass er nahezu die gleichen Worte seines Freundes als Waffe gegen seinen Vater verwendet hatte, um sich an dem Vater für die abermaligen Strafen zu rächen, die er für ungerecht hielt.
Muhsin war seit beinahe drei Stunden im Lagerraum; sein Vater erschien immer noch nicht. Er spürte erneut eine tiefe Unruhe in seinem Inneren und wurde seltsamerweise ungeduldig. Einerseits wünschte er sich, dass sein Vater sobald wie möglich erschiene, damit er die Strafe hinter sich bringen könnte, andererseits aber hatte er Heidenangst vor dem Zorn des Vaters und wünschte sich, dass der Vater den Raum möglichst spät betreten sollte. Als er an die vergangenen Jahre dachte, lief ihm ein Schauder den Rücken hinunter, und er zitterte am ganzen Körper. Er konnte sich an die früheren Strafen sehr gut erinnern; all jene unheilvollen Ereignisse wurden vor seinen Augen lebendig, so frisch und schmerzhaft wie gestern: Vor mehreren Jahren, als er die Grundschule besuchte, wurde er unzählige Male gnadenlos bestraft, indem sein Vater ihn, nach mehreren heftigen Schlägen, an den Holzpfosten, der dem dicken Querbalken der Decke als Stütze diente, stehend festgebunden hatte. Er musste stundenlang an der Holzsäule stehen, ohne sich bewegen zu können. Hätte ihn seine Mutter nicht im entscheidenden Moment von dem Pfosten losgebunden und befreit, so hätte er beinahe in die Hose pinkeln müssen. Sein Glück war, dass sein Vater vier Stunden später das Haus verließ und zur Arbeit ging; sonst hätte seine Mutter es nicht gewagt, ihn von dieser Qual zu befreien. Diese schmerzhafte Erinnerung wühlte ihn öfters auf.
In dem Moment, wo er versuchte, all diese schmerzhaften Erinnerungen aus dem Kopf zu verjagen, ging die Tür plötzlich auf und Mustafa Efendi stürmte in den Raum. Mit dem Aufgehen der Tür sprang Muhsin vom Hocker hoch und stand so stramm wie der Holzpfosten selbst. Er spürte, wie seine Muskeln und Nerven sich bis zum Äußersten anspannten. Er stand wie versteinert und fühlte in dem Moment keine Angst mehr.
Dann geschah alles sehr schnell.
Kaum hatte der Vater mit flammenden Augen zwei große Schritte gemacht, schallten schon die Ohrfeigen im Raum. „Du tollwütiger Hund!“, schrie Mustafa Efendi aus Leibeskräften. „Vor meinen Freunden hast du mich maßlos beleidigt. Wie konntest du es wagen! Du hast versucht, vor meinen Nachbarn meine Autorität, meine Ehre zu untergraben. Mir wäre es lieber gewesen, wenn der Erdboden sich in jenem Moment aufgetan hätte und ich darin verschwunden wäre. Ich schäme mich für dich!“
Muhsin lag schon auf dem Boden, als sein Vater von ihm abließ. Er spürte keinen Schmerz. Wie viele Ohrfeigen er ins Gesicht, wie viele Schläge auf das Gesäß bekommen hatte, wusste er gar nicht. Dennoch konnte er sich an das versteinerte und verbissene Gesicht und die Worte seines Vaters sehr gut erinnern.
Plötzlich wurde es dunkel im Raum, denn der Vater hatte das Licht ausgeschaltet, als er den Raum verließ.
Er stand auf, ging vorsichtig an den Gegenständen im Raum tastend zur Wand, an der sich der Schalter befand, und machte das Licht an. Erst dann spürte er den brennenden Schmerz auf seinen Wangen. Da der Vater die Tür wie erwartet mit dem Schlüssel zugesperrt hatte, musste Muhsin die ganze Nacht im Lagerraum verbringen, was in den Augen des Vaters die eigentliche Strafe ausmachte. Er sah sich im Raum um und fand einen sehr großen leeren Sack, in dem die meiste Zeit Mehl zum Brotbacken gelagert wurde. Er legte den Sack auf dem Holzboden aus, legte sich nieder, drehte sich auf eine Seite und kauerte sich zu einem Knäuel zusammen.
Nun nistete sich der Schmerz auch im Kopf ein, es pochte heftig. Er stand wieder auf, ging zum Schalter und löschte das Licht aus, weil er dachte, die Dunkelheit könnte ihn von dem schrecklichen Schmerz erlösen. Dann fand er im Dunkeln die Stelle wieder, legte sich auf den ausgebreiteten Sack, kauerte sich wieder auf einer Seite zusammen und zog seine Knie zum Bauch. So fing er an zu grübeln …
Sie hatten vor einigen Jahren, wo er noch die Grundschule besuchte, wieder einmal einige Männer aus der ehemaligen Heimatstadt des Vaters zu Besuch. Darunter befand sich auch ein Imam aus der entfernten Verwandtschaft. Muhsin saß wieder einmal am selben Tisch in der Ecke. Der Imam fragte ihn, was er in der Schule lerne. Er hatte neulich im Naturkunde-Unterricht gelernt, wie Blitz, Donner und Regen entstehen. „In der Tat kommen diese nicht durch ein Wunder zustande, sondern sie entstehen nur durch die Naturgesetze. Daher sind sie nur Naturphänomene“, hatte seine Lehrerin gesagt. Diese Worte verärgerten den Imam; er war sichtlich bestürzt und wandte sich dem Vater des Jungen zu und sagte: Er habe immer gewusst, in den Schulen der Republik würden nur solche ketzerischen Sachen in die Köpfe der Kinder eingepflanzt. Und er wolle wissen, ob sein Vater ihn zum Korankursus schicke?
Als er aber seine Lehrerin verteidigte, indem er ganz laut sagte, alles sei richtig gewesen, was seine Lehrerin den Schülern in der Klasse beigebracht habe, war der Imam verdutzt und verärgert zugleich. Da er mit seinem arglosen Kinderherzen das tiefe Bedürfnis hatte, seine Lehrerin in Schutz zu nehmen, sagte er, indem er den Zorn Imams in Kauf nahm, die Lehrerin habe gesagt, die Hygiene sei sehr wichtig, um viele Krankheiten zu vermeiden. Daher müsse man sich selbst und die Wohnräume immer sauber halten und die Wohnungen jeden Tag gründlich lüften.
Daraufhin wurde der Imam ganz wütend und wandte sich mit zornfunkelnden Augen dem Vater zu. „Siehst du, Mustafa, was man unseren Kindern in der Schule beibringt“, schrie er und richtete seine düsteren Blicke auf Muhsin. „Junge, glaube nicht an die Lehrerin! Alles ist Lüge! Sowohl Blitz, Donner und Regen, wie auch die Krankheiten sind von Allah. Deine ungläubige Lehrerin mischt sich in die Angelegenheiten Allahs ein. Das ist eine große Sünde. Die Lehrerinnen tragen nicht einmal ein Kopftuch. Wenn sie gläubig und gottesfürchtig wären, so würden sie zumindest ihre Haare bedecken.“
Dass seine Lehrerin gelogen und gesündigt habe, wollte er nicht einfach hinnehmen und daher widersetzte er sich und sagte zu dem Imam, woher er wisse, dass die Lehrerin gelogen habe?
Sich dem Imam zu widersetzen, war in den Augen des Vaters aber ein unverzeihliches Benehmen, gar eine Sünde. Daher musste er als Strafe eine ganze Nacht im Lagerraum verbringen …
Mit seiner Mutter war er einst im Hof der Eyüp Moschee. Die Mutter pflegte es, an gewissen Festtagen allein oder mit den Nachbarinnen das Grab Eyüp Sultans zu besuchen. Sie nahm auch die Kinder mit, und gelegentlich nahm sie sogar etwas zum Essen mit. Zum Trinken nahmen sie nichts mit, denn sie tranken aus dem Brunnen im Hofe der Moschee. Während die Mutter im Türbe neben dem Grab des Heiligen saß und sich lange Zeit mit anderen Frauen unterhielt, spielte Muhsin mit anderen Kindern auf einem kleinen, an den Hinterhof angrenzenden Platz. Das Murmelspiel war bei den Knaben sehr beliebt. Wenn sie vom Murmelspiel genug hatten, gingen sie zu einem leeren Platz hinter der Moschee, unterhalb des Friedhofs und spielten weiter. Dort spielten sie Verschiedenes.
Bei dem ersten Besuch sagte die Mutter, all die Wünsche, die von den Gläubigen vor dem Grab des Heiligen vorgebracht werden, würden in Erfüllung gehen, nicht zuletzt die Wünsche der Frauen, die sich Kinder wünschten.
Irgendwann verschwanden die Schmerzen, und es wurde ihm leicht ums Herz. Er wusste aber nicht, ob er noch grübelte oder im Dämmerschlaf war, als sich die Tür ganz leise öffnete und das Licht anging. Er spürte sofort die Gegenwart der Mutter. Er hatte gehört, wie sie geräuschlos reinschwebte, ein Tablett hinter seinem Rücken auf den Boden stellte. Dann hörte er, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Die Mutter verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Er wusste, dass es auf dem Tablett etwas zu essen gab.
KAPITEL ZWEI
Vor Aufregung schlug sein Herz bis zum Hals, als er sie nach einer Woche wieder vor dem Tor der Schule erblickte. Ihm war, als würde seine Brust platzen. Plötzlich fühlte er sich so schwach, dass seine Beine augenblicklich nachzugeben drohten. Aber seine Freude war so groß, dass er gar nicht merkte, wie angewurzelt er dastand und mit verträumten Augen das Mädchen anstarrte. Sie war die Schülerin eines modernen Gymnasiums in dem gleichen Stadtteil, in dem sich auch die Imam-Hatip Schule befand. Muhsin hatte sie erst vor über einem Jahr an der Bushaltestelle gesehen. Ihrer Schuluniform nach wusste er, welches Gymnasium sie besuchte. Er dachte, sie dürfte etwa fünfzehn sein, was er selbst damals auch war.
Sie sah in ihrer Schuluniform sehr hübsch aus. Ihr Körper hatte gerade weiche und anziehende Kurven und Rundungen einer jungen Dame bekommen; ihre schlanken und langen Beine in ihren schwarzen Strümpfen waren auffallend hübsch und die zarten Wölbungen oberhalb ihres Brustkorbes bezaubernd. Sie besaß einen zarten, hellen Teint und ein faszinierendes Gesicht. Mit ihren großen, olivgrünen Augen und rötlichen, fülligen Lippen, gut geformter Nase und mit pechschwarzen, glänzenden Haaren wirkte sie wie eine Prinzessin in einem Märchen. Ihr langes Haar wurde zu einem dicken Pferdeschwanz geflochten. Ihre Schönheit schien Muhsin so unwirklich, als wäre sie nicht von dieser Welt. Jedes Mal, wenn er sie anblickte, lief ihm eine süße Wärme vom Kopf bis zum Fuß hinunter.
Von jenem Tag an sah er sie beinahe an jedem Schultag, gleich nach Schulschluss. Da seine Schule eine Viertelstunde früher Schluss machte als ihre, lief er sofort zum Ausgangstor des Gymnasiums und wartete aufgeregt, aber unauffällig beim Tor. Jedes Mal, wenn er sie erblickte, hüpfte ihm das Herz im Brustkorb und machte einen Aussetzer. Dann verfolgte er sie unauffällig bis zur Bushaltestelle, stand in der Menge und trank ihre Anmut mit seinen Augen und wartete, bis der Bus kam und sie einstieg und darin verschwand.
Manchmal ging sie nach Schulschluss nicht sofort zur Haltestelle; sie ging erst zu einem Schreibwarengeschäft, das einige hundert Meter von der Haltestelle entfernt lag, aber sie blieb darin nicht lange. Er wartete an einer Ecke und folgte ihr wieder mit einer sicheren Entfernung, sobald sie aus dem Geschäft rauskam und sich auf den Weg zur Haltestelle machte. Sie hatte selten eine andere Schülerin mit. Sie ging langsam, gemächlich und schien keine Eile zu haben. Manchmal kam es Muhsin vor, als würde sie absichtlich langsam gehen, damit er ihr leichter folgen konnte. Der Gedanke, dass das Mädchen ihn doch wahrgenommen habe und von seiner unsterblichen Liebe wusste, wärmte sein Herz so sehr, dass er zuweilen das Gefühl hatte, von dieser inneren Flamme zur Asche verbrannt zu werden. Dennoch wagte er nicht, sich ihr zu nähern.
Sie war seine allererste große Liebe, aber er wusste nicht, wie sie hieß. Sie war die Fee seiner Träume; sie schmückte auch all seine Tagträume, aber er kannte ihren Namen nicht. Wie oft hatte er Briefe geschrieben, um ihr diese zu geben. Wie oft hatte er im Geheimen geübt, wie er sie ansprechen und nach ihrem Namen fragen sollte. Sollte er „Ich bitte um Verzeihung, junge Dame, wie heißen Sie?“, sagen. Oder „Verzeihen Sie mir bitte, schönes Fräulein, wie ist Ihr Name?“ Oder vielleicht „Verzeihung, schöne Schülerin, dürfte ich fragen, wie Sie heißen und die wievielte Klasse Sie besuchen?“
Die Briefe schrieb er in äußerster Diskretion; es war sein absolutes, intimes Geheimnis. Keine Menschenseele durfte davon etwas ahnen, geschweige denn es wissen. Tag ein, Tag aus folgte er ihr heimlich bis zur Haltestelle. Jedes Mal stand er vor ihrem Schulausgang mit dem Brief in seiner Jackentasche, in der Hoffnung, ihr den Brief zu geben. Jedes Mal begann er, ihr mit dem brennenden Wunsch zu folgen, aber wenn er sich ihr näherte und ganz in ihrer Nähe war, wurden ihm plötzlich die Beine schwach, er hatte nicht einmal die Kraft, den Brief in die Hand zu nehmen; so blieb er stehen und kehrte im Laufschritt ins Internat zurück. Jedes Mal rügte er sich, war böse auf sich selbst. Er schimpfte mit sich, derart gehemmt zu sein. Er fand überhaupt keine Erklärung für seine Feigheit. War es die Angst vor seinen Eltern, vor allem vor dem Vater? Oder die Angst vor der Sippe, weil sie eine solche Verhaltensweise als verächtlich, als sündhaft betrachtete? Eines wusste er aber bestimmt: Sein Vater würde es ihm nicht erlauben, eine Freundin zu haben. Gewiss war das Mädchen von einer modernen Familie, der Vater war vielleicht ein hoher Beamte. Aller Wahrscheinlichkeit nach trugen ihre Mutter und die Frauen aus der Verwandtschaft auch keine Kopftücher.
Die Briefe schrieb er im Internat, in der Zeit, wo die Klassenkameraden unterwegs oder draußen am Spielen oder anderweitig beschäftigt waren und keine Seele sich im Klassenraum befand. Er wusste nicht mehr, wie viele Briefe er geschrieben hatte. Nach zwei oder drei Versuchen sah er sich gezwungen, den Brief in denkbar kleinste Stücke zu zerreißen und in einen Mülleimer auf der Straße zu schmeißen, weil er den Brief in seiner Jackentasche vor lauter Aufregung mit der Hand so arg zerknüllte, dass er ohnehin nicht leicht zu lesen wäre.
Da er jedes Mal nicht den Mut aufbringen konnte, sie anzusprechen, beschloss er schließlich, ihr den Brief in einer Streichholzschachtel zu geben. Er faltete das Papier, das nur wenige Sätze beinhaltete, mehrfach, und steckte es in die Schachtel. Er nahm sich vor, sie zu überholen und dann einige Meter vor ihr die Schachtel zu Boden fallen zu lassen. So dachte er, sie würde es sehen und sofort nach ihm rufen, aber er würde sagen, dass ein Brief für sie in der Schachtel sei, sie möge ihn bitte lesen.
Als er aber am nächsten Nachmittag ganz in ihrer Nähe war, versagten seine Beine abermals und gehorchten ihm nicht. Nach drei erfolglosen Versuchen hatte er schlussendlich auch diese Idee verworfen. Er war sehr traurig darüber, dass sie niemals den Inhalt seines Briefes erfahren würde.
Alle Briefe, die er im Laufe der letzten dreizehn Monate geschrieben hatte, hatten mehr oder minder den gleichen Inhalt: „Ehrenwertes, liebes Fräulein! Ich bin ein Schüler in der Imam-Hatip Schule, siebzehn Jahre alt und in der vorletzten Klasse. Ich begegnete Ihnen zufällig an der Bushaltestelle, in der Nähe Ihrer Schule. In dem Moment, wo ich Sie zum ersten Mal erblickte, war es schon um mich geschehen. Seitdem folge ich Ihnen alle Tage nach Schulschluss zur Haltestelle und warte mit Ihnen, bis Sie in den Bus steigen. Bitte verzeihen Sie mir, dass ich jedes Mal hinter Ihnen bis zur Haltestelle gehe. Sie können sich kaum vorstellen, wie sehr ich Sie liebe. Ich liebe Sie mehr als mein Leben. Leider habe ich bis heute nicht den Mut aufbringen können, Sie anzusprechen. Daher weiß ich noch nicht, wie Sie heißen, welche Klasse Sie besuchen. Mein Name ist Muhsin. Wenn Sie den Wunsch haben, dann schreiben Sie mir auch einen Brief. Sie können ihn mir ganz einfach auf dem Wege zum Bus geben.“
Über seine Eltern und über die Siedlung, wo sie wohnten, gab es aber kein einziges Wort in seinen Briefen.
Von der Schule zur Haltestelle nahm sie manchmal andere Gassen, auf deren Bürgersteigen wenige Leute unterwegs waren. Daher konnte er ihr an solchen Tagen nicht aus der Nähe folgen, weil er einen größeren Abstand halten musste, was ihm allerdings sehr schwer fiel. Auf keinen Fall wollte er auffallen. Einmal, während er ihr aus der Nähe folgte, fiel plötzlich ein Bleistift aus ihrer Schultasche zu Boden. Als er nach ihr rufen und sie darauf aufmerksam machen wollte, stockte er; wie gelähmt kamen ihm keine Worte aus dem Mund. Als er zurückblieb und aus der Ferne beobachtete, sah er, wie sie ein paar Schritte zurückging und den Stift vom Boden nahm und wieder in ihre Schultasche steckte. Hatte sie das bewusst getan? Wusste sie vielleicht, dass er ihr folgte? Allein der Gedanke, dass sie dies wissentlich getan habe, ließ sein Herz aufgehen.
Nach einer gewissen Zeit konnte er den Wunsch nicht mehr unterdrücken, in den gleichen Bus einzusteigen und mitzufahren. Er wollte unbedingt wissen, wo sie wohnte. Bei Nisantasi, stieg sie an einer Haltestelle aus, ging erst ein paar hundert Meter in die Fahrtrichtung, dann drehte sie nach rechts, tauchte in eine kleinere Straße ein und ging einige Minuten weiter. Dann blieb sie vor dem Tor eines neuen, weiß geputzten Hochhauses einen Augenblick stehen und dann schritt sie durch die große Flügeltür und entschwand seinen Augen. Er zählte an der Fassade sieben Stockwerke. Nachdem er sich die Straße und die Hausnummer gemerkt, vielmehr eingeprägt hatte, fuhr er den ganzen Weg mit dem Bus zurück. Obwohl er diese Fahrten einige Male wiederholte, traute er sich nicht, in ihrer Nähe zu sitzen. Er stand zwei oder drei Reihen hinter ihr und beobachtete sie. Meistens fand sie einen freien Sitz und saß seelenruhig, ihren Blick auf die Schultasche gerichtet. Er war sich nicht sicher, ob sie von seiner Gegenwart wusste.
Nach einer dieser Fahrten mit seiner geheimen Liebe war er dermaßen aufgewühlt und verzweifelt, sodass er nicht sofort mit dem Bus zum Internat zurückkehren wollte. Den ganzen Rückweg wollte er zu Fuß gehen. Er dachte, seine in Aufruhr geratene Seele könnte sich beim langen Gehen vielleicht beruhigen. Mit diesem Gedanken machte er sich auf den Rückweg. Er trug auch das Bild des Mädchens mit; es war vor seinen Augen derart lebendig, dass er nur dieses Bild sah.
Als er von seinem Tagtraum aufwachte und die Menschenmenge wahrnahm, war er schon auf der Galata-Brücke. Die Fußgängerwege auf beiden Seiten waren voll von Anglern. Er stand auf der Nordwestseite der Brücke und beobachtete die unzähligen Angler. Sie sahen zufrieden und sorglos aus. Sind sie es wirklich?, fragte er sich. Dann fand er eine knappe Lücke zwischen zwei Anglern, schob sich dazwischen, lehnte sich mit den Ellbogen auf die Brüstung und begann das Wasser und das abendliche Treiben am Goldenen Horn zu betrachten. Seine Blicke reichten bis zur Höhe der Eyüp Moschee. Es war gegen Abend. Die Sonne näherte sich langsam dem Horizont. In dem Moment waren nur ein paar Wolken am Himmel zu sehen. Plötzlich bekam das Wasser im Goldenen Horn solch eine rote Farbe, als stünde das ganze Wasser in Flammen. Obwohl die gelbroten Lichtstrahlen seine Augen blendeten, konnte er doch seinen Blick nicht wenden. Es war ein bezaubernder Anblick. Er war auch unzählige Male zuvor gegen Abend auf der Brücke gestanden, aber er hatte dieses Naturschauspiel bis zu diesem Augenblick niemals wahrgenommen, niemals erlebt. Urplötzlich kamen ihm zwei Gedichte von Ahmet Hasim, „die Leiter“ und „der Wunsch am Tagesende“, in den Sinn, die er im Literaturunterricht auswendig gelernt hatte.
Während er sich im Geiste noch mit jenen Gedichten beschäftigte, erschienen plötzlich dicke Wolken und es wurde im Nu stürmisch. Eine schwere, dunkle Wolke fegte über den Himmel. Die Angler wurden unruhig und begannen in Windeseile all ihre Utensilien zusammenzupacken und in ihren großen Taschen zu verstauen und sich im Laufschritt zu den nächsten Bushaltestellen zu begeben. Die einen liefen zur nahliegenden Bushaltestelle Karaköy, die anderen eilten zu den Haltestellen von Eminönü, manch andere aber stiegen in die untere Etage der Brücke ab, um sich in den geschützten Ecken unterzustellen. All das ging automatisch, beinahe instinktiv vonstatten, denn die Angler hatten genug Erfahrung mit dem Wetter, nicht zuletzt im Frühling und Herbst.
Anfänglich wollte er noch einige Minuten bleiben, aber als er einen heftigen Wolkenbruch niederprasseln sah, lief er auch zur Karaköy-Bushaltestelle. Der Bus war zum Bersten voll, er konnte sich im letzten Moment gerade durch die Vordertür hineinzwingen. Während es draußen in Strömen schüttete, suchte Muhsin im Geheimen nach der richtigen Antwort: Waren Blitz, Donner und Regen tatsächlich Naturphänomene und entstanden, wie es in den modernen Schulbüchern erklärt wurde, oder wurden sie von Allah zustande gebracht? Etliche Lehrer in seiner Schule, vor allem die Koranausleger, sagten, diese Dinge kämen nur durch Allahs Wille zustande. Nur Allah könnte bestimmen, wann und wo es regnen dürfte, und auch die Art und Dauer der Niederschläge. Er war unschlüssig und sich nicht ganz sicher, ob er seiner ehemaligen Lehrerin in der Grundschule und den Naturkunde-Büchern, oder einigen Lehrern in der Imam-Hatip Schule glauben sollte.
Mit vielen Fragen im Kopf fand er sich plötzlich an der Bushaltestelle, in der Nähe des Internats. Er hatte es gar nicht gemerkt; es geschah durch die Kraft der Gewohnheit. Als er an der Haltestelle in der Menge stand und die unmittelbare Umgebung wahrnahm, erschienen wieder die Bilder des Mädchens vor seinem inneren Auge; sie drängten sich voller Wucht und Schmerz in sein Herz; sie füllten seinen Brustkorb und liefen wie ein heißer Strom vom Kopf zum Fuß. Er bebte am ganzen Körper.
Er war bis über beide Ohren verliebt.
Wie oft hatte er von der Liebe, von der Verliebtheit gehört und darüber gelesen. Er dachte an die Kinofilme, in denen meistens ein gut aussehender Mann und eine sehr schöne, junge Dame beziehungsweise ein sehr hübsches Mädchen die Hauptrolle spielten. In der Regel verliebten sie sich ineinander; dies war oft eine unsterbliche Liebe. Eben durch diese unsterbliche, opferbereite und bedingungslose Liebe kamen sie oft zusammen. Sie waren auch bereit, für ihre Liebe zu sterben; dies geschah auch nicht selten. Seine müsste auch so eine unsterbliche Liebe sein, dachte Muhsin. Auf einmal ließ ihn ein Gedanke am ganzen Körper schaudern; in dem Augenblick wurde er wach und befreite sich von seinen Tagträumen.
Was, wenn sie ihn nicht liebte? Doch konnte es nicht der Fall sein, denn sie hatte ihn niemals abweisend angeschaut. Zwar hatte sie ihn nie angelächelt, aber sie hatte ihn auch nie böse angeschaut. Er glaubte zu wissen, dass es sich für ein keusches Mädchen nicht zieme, einen fremden Jungen oder Mann anzulächeln, geschweige denn ihn anzusprechen.
Mit dieser Überzeugung machte er sich auf den Weg zum Internat, das ganz in der Nähe war. Er wünschte, so bald wie möglich in den Schlafsaal zu gehen, sich ins Bett zu legen und zu träumen.
Er hatte keine Lust, an den allabendlichen Stunden, die zum Erledigen der Schulaufgaben und zum Selbstlernen dienten, teilzunehmen. Selbst auf das Abendessen würde er gerne verzichten. Er sehnte sich nach der Zeit, wo er im Bett, die Decke über den Kopf gezogen, ungestört seinen Fantasien nachgehen konnte. Diese Fantasien, besser gesagt, dieses Grübeln trugen ihn in seine schönsten Träume. Jedes Mal war seine heimliche Liebe bei ihm im Bett. Sie ließ ihn all ihre Kleider, eines nach dem anderen, ausziehen. Dann begann er, sie überall am Körper zu streicheln. Ihre Haut war so glatt und weich wie Seide. Ihre Brüste waren so schön und so zart, dass er sich nicht traute, sie in die Hand zu nehmen. Er streichelte ihr Gesicht, ihren Hals, ihre pechschwarzen, glänzenden, seidenen Haare. Er küsste ihre Augen, ihre Wangen; hinterher streichelte er ihren Bauch und seine Hand glitt nach unten, befühlte ihre Hüften und Oberschenkel. Dann spreizte sie ihre Beine auseinander, und er legte sich über sie, wie er es in den Kinofilmen gesehen hatte. Oh Gott! Wie warm, wie heiß war ihr Körper! Sie bot ihm ihre zarten, fülligen Lippen; sie konnte kaum warten, von ihm geküsst zu werden. An dieser Stelle wachte er jedes Mal auf; alles war plötzlich vorbei.
Die Gewissheit, dass es nur ein Traum war, enttäuschte ihn jedes Mal auf das Tiefste. Was ihm aber dabei merkwürdig vorkam, war, dass er in diesen Träumen seinen eigenen Körper nie nackt sah. Traute er sich nicht, sich vor ihren Augen ganz nackt auszuziehen? Aber das Schlimmste war die Tatsache, dass seine Unterhose jedes Mal nass, daß heißt voller Samen war. Sobald er wach wurde, ging seine Hand zu seinen Genitalien, die er zu seinem Leidwesen jedes Mal nass und klebrig vorfand. Er fühlte sich verschmutzt und wurde unruhig. Soviel er von den erwachsenen Jungen in der Sippe erfahren hatte, musste man nach so einem Fall eine rituelle Waschung vornehmen, sonst wäre es eine große Sünde. Daher stieg er aus dem Bett und lief in den Waschraum. Erst wusch er sich selbst, insbesondere den Genitalbereich und die Oberschenkel, dann seine Unterhose, manchmal auch die Pyjamahose. Diese hing er dann in seinen Spind zum Trocknen. Da in den Waschräumen nicht immer das Warmwasser vorhanden war, musste er oft mit kaltem Wasser vorliebnehmen. Diese Sünde hätte er schon in Kauf genommen, aber er fühlte sich hinterher schmutzig, wenn er die rituelle Reinigung nicht vornahm. Vor allem aus diesem Grunde ging er abends manchmal widerwillig ins Bett. Oft versuchte er ihr Bild aus dem Kopf zu jagen und an etwas anderes zu denken. Dennoch gab er jedes Mal nach und dachte nur an sie.
Wieder einmal folgte er seiner heimlichen Liebe nach Schulschluss in dem gewohnten Abstand. Als er plötzlich eine vertraute Stimme vernahm, drehte er sich zurück, um die Stimme zu identifizieren. Daraufhin erstarrte er auf der Stelle, blieb wie angewurzelt stehen und schaute mit versteinertem Gesicht seinen Klassenkameraden Necmeddin an, dessen Vater in einer Moschee im Stadtteil Aksaray als Muezzin tätig war. Er kam mit ruhigen Schritten auf ihn zu. Das auf seinem ganzen Gesicht verbreitete, verschmitzte Lächeln verriet Muhsin, dass sein Klassenkamerad viel mehr wusste. Necmeddin schaute mit bohrenden Blicken in seine Augen, als wollte er in sein Geheimnis, gar in seine Intimsphäre eindringen. Dann richtete er seinen Blick in die Richtung und deutete auf das Mädchen hin und fragte mit einem Grinsen auf dem ganzen Gesicht. „Wie heißt dein Mädchen?
„Welches Mädchen? Von wem redest du überhaupt?“ Muhsin tat so, als hätte er keine Ahnung, wovon sein Freund redete.
„Muhsin, erzähle mir bitte kein Märchen“, entgegnete Necmeddin in einem spöttischen Ton. „Ich weiß, seit wann du wie ein treuer Hund dieser Schülerin hinterherläufst.“
„Ich weiß wirklich nicht, von welcher Schülerin du redest?“ Dabei fühlte er, wie rot sein Gesicht anlief.
„Warum willst du es verheimlichen? Es ist ja keine Schande“, sagte Necmeddin mit einer ermutigenden Stimme. „Ich habe auch eine Schülerin in dem gleichen Gymnasium, der ich seit zehn Monaten folge. Ich habe dich nach Schulschluss vor dem Ausgangstor der Schule stehen sehen. Dein Mädchen ist aber bildhübsch. Ich beneide dich. Willst du mir nicht ihren Namen verraten?“
Muhsin war davon überzeugt, dass der Freund sein Geheimnis kannte. Er sah keinen Sinn mehr darin, es zu verheimlichen. Er war froh darüber, dass Necmeddin wenigstens von den unzähligen Briefen nichts wusste, die er hinterher zerrissen hatte. Und er war auch heilfroh, dass sein Freund von den Ereignissen, die er jede Nacht erlebte, nichts wusste. So sehr es ihm auch schwerfiel, konnte er nicht umhin, ihm von seinem Abenteuer zu erzählen.
„Ihren Namen weiß ich noch nicht“, bekannte er aufrichtig. „Leider habe ich mich bis heute noch nicht getraut, sie anzusprechen, geschweige denn nach ihrem Namen zu fragen.“ Nach dieser ehrlichen Antwort verschwand die ganze Anspannung aus seinem Gesicht, und er fühlte sich auf einmal locker und erleichtert.
„Offen gesagt, kenne ich auch den Namen meines Mädchens nicht“, sagte Necmeddin mit einem leichten Seufzer. „Nur einmal habe ich mein Herz in beide Hände genommen und sie gefragt, natürlich ganz unauffällig, aber sie hat mich heftig gescholten und mir auch den Brief ins Gesicht geschleudert, den ich ihr blitzschnell in die Hand gedrückt hatte.“
„Ich wollte auch meinem Mädchen einen Brief in die Hand drücken, aber ich habe leider nicht den Mut aufbringen können, dies zu tun“, gestand Muhsin seinem Klassenkameraden.
„Ich weiß nicht einmal, in welcher Klasse sie ist, murmelte Necmeddin missmutig. „Das einzige, was ich weiß, ist, dass sie in Tesvikiye wohnt, weil ich mit dem gleichen Bus fuhr und ihr folgte. Sie verschwand in einem riesen großen Haus mit mehreren Stockwerken.“ Nach einem hörbaren Seufzer fügte er hinzu: „Wen soll ich fragen? Ich kann ja nicht einfach in die Schule gehen und mich nach ihr erkundigen.“
Im Jammern des Schulkameraden empfand Muhsin merkwürdigerweise einen großen Trost. Einerseits war er erstaunt, weil er von Necmeddin so etwas nicht erwartet hatte, andererseits wusste er, dass er mit seinem Leiden nicht allein war. Nun konnte er sich sehr gut vorstellen, dass viele Jungs mehr oder minder die gleichen Sehnsüchte, die gleichen Probleme hatten. Jetzt leuchtete ihm ein, warum die Jungs in seinem Alter sich jeden Morgen sorgfältig rasierten. Er hatte erst vor einem Jahr angefangen, sich den Bart zu rasieren, wenn auch seine Barthaare nicht sehr auffielen. Dies taten alle Schüler seines Alters im Internat. Da in dem Waschraum die Anzahl der Waschbecken begrenzt war, versuchte jeder, möglichst früh dort zu sein, um sich einen günstigen Platz vor einem Spiegel zu sichern. Nun verstand er besser, warum seine gleichaltrigen Schulkameraden jeden Morgen lange Zeit vor dem Spiegel standen und ihre Gesichter mit schönriechenden Cremes und ihre Haare mit gut duftender, glänzender Brillantine beschmierten. Er war in Gedanken verloren, als er mit der Stimme seines Kameraden wieder zu sich kam.
„Dein Mädchen ist die schönste Schülerin des Gymnasiums“, bemerkte Necmeddin mit einem Anflug von Neid in seiner Stimme. „Du denkst bestimmt immer an sie.“ Dann, seine vielsagenden Blicke auf Muhsin gerichtet, setzte er hinzu: „Was tust du, wenn du an sie denkst?“
Diese unerwartete Frage brachte Muhsin in Verlegenheit, er wurde rot. Ein Unbehagen stieg in ihm auf. „Was meinst du damit?“ stotterte er im Flüsterton.
„Du brauchst dich nicht zu schämen“, meinte Necmeddin mit einer sanften und ermutigenden Stimme. „Wenn ich an mein Mädchen denke, muss ich leider masturbieren, weil ich mich nicht beherrschen kann.“
„Kannst du auch die rituelle Waschung verrichten, wenn du dies getan hast?“
„Wie denn? Für die blöde Waschung kann ich nicht den Unterricht schwänzen, weil diese verdammte Sache oft tagsüber geschieht“, jammerte Necmeddin.
„Hast du keine Angst davor, für diese Sünde in den kochenden Pechkessel in der Hölle geworfen zu werden?“, erkundigte sich Muhsin, indem er gespannt in Necmeddins Augen schaute, um dessen Reaktion richtig abschätzen zu können. Den Höllenkessel auf dem Feuer vor Augen lief Necmeddin ein Schauder den Rücken hinunter, und er fröstelte am ganzen Körper. „Das ist ja nicht die einzige Sünde, für die wir in das Höllenfeuer geworfen werden“, sagte er nachdenklich. „Manche Lehrer in unserer Schule sagen oft genug, dass diejenigen, die beim Wasserlassen ihre Hosen mit Urin beschmutzen, nach dem Tode die schlimmsten Grabqualen erleiden müssten. Daher solle man beim Wasserlassen auf der Toilette mit dem Urinstrahl unbedingt ins Loch zielen, damit die Hosenbeine keinen Spritzer bekommen. Mein Vater sagt auch das Gleiche.“
„Mit mir geschieht es leider im Schlaf in der Nacht“, klagte Muhsin reumütig. „Das geschieht ja ohne meinen Willen, ohne mein Verschulden. Wenn der allmächtige Allah uns mit dieser Veranlagung erschaffen hat, wie kann Er uns denn für sündig erachten? Ich halte das für ungerecht.“
Die Worte des Freundes ließen Necmeddin abermals am ganzen Körper, bis ins Mark beben. „Was sagst du da!“, regte er sich auf, mit angsterfüllten Augen; er war aufrichtig besorgt. „Wie kannst du die Weisheit Allahs in Frage stellen? Mein Vater sagt immer, das sei die größte Sünde.“
Muhsin sagte nichts mehr. Er war wieder verunsichert und hatte keine Antwort darauf.
In letzter Zeit war er von Sinnen. Er war verzweifelt und zutiefst besorgt, denn er hatte sie seit zwei Wochen nicht mehr sehen können. Wie immer war er sofort nach Schulschluss zum Gymnasium gelaufen und hatte vor dem Ausgangstor gestanden, bis alle Schüler weg waren und das Tor geschlossen wurde. An manchen Tagen ging er sogar während der Mittagspause und beobachtete den Schulhof durch das Eisengitter des Zauns, in der Hoffnung, sie in der Menge zu entdecken. Aber es gab keine Spur von ihr. Als hätte sich die Erde aufgetan und sie verschlungen. Er wusste nicht, wen er fragen sollte, vor allem wie er fragen sollte. Er kannte ihren Namen nicht, ihre Klasse nicht. So begann er in seiner Freizeit, erst in dem Stadtteil Fatih rumzulaufen, dann die Alleen, die Straßen und die Gassen von Nisantasi abzukämmen. Er drehte jeden Stein nach ihr um. An den letzten zwei Wochenenden hatte er sogar seine Fußballmannschaft, in der er beliebt war, vernachlässigt. Seine Mutter sagte, der Kapitän der Mannschaft sei nach Hause gekommen und habe nach ihm gefragt.
In der Zeit, wo er ihr tagtäglich folgte, aber nicht den Mut aufbringen konnte, sie anzusprechen, träumte er auch davon, ein berühmter Fußballer zu werden. Wenn ich ein berühmter und beliebter Fußballer geworden bin, dann würde sie mir selber nachlaufen, sagte er zu sich. Wie oft verlor er sich in seinen Fantasien. Wieder einmal bestritt seine Mannschaft ein wichtiges Match gegen den rivalisierenden Club. Er schoss ein Tor nach dem anderen. Jedes Mal sprangen seine Fans hoch und schrien seinen Namen. In dem ohrenbetäubenden Geschrei hörte er die Stimme seines Mädchens. Während er mit aller Kraft zum Ball eilte, sah er sie unter den Zuschauern immer wieder hochspringen und jubeln. Und er hörte sie seinen Namen rufen. Sie schrie Muhsin! Muhsin! Muhsin! Jedes Mal, wenn er von seinem Tagtraum erwachte, war er zutiefst enttäuscht. In Wirklichkeit durften die Frauen und Mädchen nicht zum Fußballmatch gehen. Für die ehrfürchtigen und anständigen Mädchen und Frauen zieme es sich nicht, so etwas zu tun, hieß es in der Gesellschaft. Darüber hinaus hießen seine Eltern, insbesondere sein Vater, den Fußball nicht gut; viele in seiner Sippe hatten eine Abneigung gegen Fußball. Ein Mädchen im Fußballstadion! Dazu noch ohne Kopftuch! Er war sich dessen ganz bewusst, dass seine Sippe auf gar keinen Fall ein Mädchen ohne Kopftuch oder Verschleierung akzeptieren würde, seine Eltern schon gar nicht. Aber er war bereit, für sie alle Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Und er war bereit, sich für seine Liebe gegen die eigene Sippe zu stellen. Mit aller Kraft würde er versuchen, den Widerstand seines Vaters zu überwinden. Sollte sein Vater die Ehe nicht bewilligen, dann würde er sie mit Unterstützung der Eltern des Mädchens heiraten. Wenn sie mal ein Kind hätten, dann würde sein Vater sich erweichen lassen. Was aber in der Tat entscheidender als alles andere war, war, dass auch sie ihn liebte, wie er sie. Zumindest dachte er so.
Zuallererst musste er einen Beruf haben, um finanziell unabhängig von seinen Eltern sein zu können. Er hatte noch sechs Monate zum Abschluss der Schule. Dann dürfte er als Imam oder Angestellter beim Ministerium für Religionsangelegenheiten arbeiten, ganz gleich, ob in der Stadt oder in einem Dorf. Plötzlich kam ihm in den Sinn, dass er nicht einmal ihren Namen kannte. Er wollte sich durch diese Tatsache doch nicht entmutigen lassen. Er war voller Hoffnung und malte sich aus, wie er eines Tages zu den Eltern seiner Liebe gehen und sich vorstellen würde, sobald er eine Stelle bekam.
In seinen Fantasien schwelgend, erreichte er die Haltestelle in der Nähe der Siedlung und stieg aus. Wie oft er in den letzten zwei Wochen hierher kam, wusste er nicht mehr. Wie üblich marschierte er durch die Gassen, in der Hoffnung, ihr begegnen zu können. Nachdem er die gleichen Gassen abermals abgekämmt hatte, verlor er die Hoffnung. Wieder einmal war seine Mühe umsonst. Es war vergeblich. Er dachte, vielleicht liege sie in einem Krankenhaus. Entweder sei sie krank geworden, oder sie sei durch einen Verkehrsunfall verletzt worden. Oder wegen der Versetzung ihres Vaters sei die Familie auch dahingezogen. Ihr Vater sei bestimmt ein hoher Beamte, ein bedeutender Bürokrat.
Er wollte jedoch nicht gleich zurückfahren. Er wollte erst einige Minuten in Richtung Taksim gehen und dann unterwegs an einer Haltestelle den Bus zum Internat nehmen.
Nachdem er drei Bushaltestellen zu Fuß hinter sich gebracht hatte, stieg er an der nächsten Haltestelle in den Bus ein, der über Taksim nach Aksaray fuhr. Da der Bus voll war, stand er eine kurze Weile vorne, um dann weiter nach hinten zu gehen.
Plötzlich entdeckte er sie.
In dem Augenblick fühlte er sich so schwach und so wackelig, dass ihm die Beine nahezu ihre Dienste verweigerten. Er hatte Angst, jede Sekunde in Ohnmacht zu fallen. Mit aller Kraft versuchte er, sich zusammenzuraffen. Nachdem er sich körperlich und seelisch etwas stabilisiert hatte, sah er sie verstohlen an. Wie immer, er traute sich nicht, ihr direkt in die Augen zu schauen. Einen Augenblick später wurde ihm klar, dass sie nicht allein war. Neben ihr saß ein Mann, etwa Mitte vierzig, in einem feinen Anzug und mit Krawatte. Er hatte gepflegte, gut gekämmte, schwarze Haare. Über den Gedanken, dass der Mann eventuell ihr Verlobter sein könnte, setzte sein Herz einige Schläge aus; er fühlte sich abermals der Ohnmacht nahe. Doch schlug er diesen Gedanken aus dem Kopf. Allem Anschein nach, wie sie einander ansahen, wie sie miteinander sprachen, konnte der Mann nur ihr Vater sein. Anders konnte er es sich nicht vorstellen. In Wirklichkeit weigerte sich seine Seele, so etwas zu denken.
Schon beim ersten Blick konnte er feststellen, dass sie abgemagert und blass war. Seine Vermutung stimmte also. Sie hatte eine Krankheit durchgemacht. Daher konnte sie zwei Wochen lang nicht zur Schule gehen. Als sie bei Eminönü aufstanden und sich zur Tür begaben, folgte er ihnen. Er sah sie zur Anlegestelle-Kadiköy, zum Dampfer gehen. Er wartete, bis sie am Schalter die Jetons für das Schiff kauften und dann den Warteraum betraten.
Danach ging er zurück zur Haltestelle, um seine Fahrt zum Internat fortzusetzen. Er freute sich, sie in nächster Zeit wieder jeden Tag sehen zu können.
KAPITEL DREI
Abdullatif Efendi hatte wieder einmal in dem „Verein zur Bekämpfung des Kommunismus“ viele Jungen um sich geschart, um sie über die Gefahren der Ketzerei aufmerksam zu machen und zu belehren. Die meisten der Jungs waren Schüler und Studenten. Er wurde von der Regierung Saudi-Arabiens für die Erläuterung und Verbreitung des echten Islams vor drei Jahren mit Dutzenden anderen Geistlichen in die Türkei geschickt. In den Augen der Jungs war Abdullatif Efendi ein weiser Mann, dessen Worte und Ansichten großes Gewicht hatten. Er war etwa um die fünfzig und wurde von allen als „Meister“ angesprochen. Er trug immer saubere Kleider, hatte einen gutgepflegten schwarzen, glänzenden Vollbart, der stets einen betörenden Duft ausströmte. Außerdem war er der türkischen Sprache mächtig. Er suchte die Imame in den Moscheen Istanbuls auf, hörte sich ihre Predigten an und dann diskutierte er mit ihnen und erklärte, wie man den sunnitischen Islam am leichtesten und am schnellsten verbreiten könnte. Er war auch in der „Vereinigung zur Verbreitung des Islamischen Wissens“ tätig. Daher kannte er unzählige Imame, Geistliche, Studenten und eine beachtliche Anzahl von Schülern. Die meisten Schüler, welche diese Vereinigung besuchten, waren die Schüler von den Imam-Hatip Schulen. Kurz, stand der weise Mann Abdullatif den streng muslimischen Geistlichen und Studenten mit Rat und Tat zur Seite. Er war nicht nur ein begnadeter Redner. Er neigte auch dazu, die Themen oft zu dramatisieren und theatralisch darzustellen. An ihm war ein Schauspieler verloren gegangen.
Als Muhsin das Lokal des „Vereins zur Bekämpfung des Kommunismus“ betrat, erzählte Abdullatif Efendi gerade über die Ketzerei in der Sowjetunion: Die gottlosen Kommunisten hätten alle Kirchen und Moscheen geschlossen, viele Gotteshäuser zerstört, manche als Lager benützt. Daher seien alle Muslime verpflichtet, die linksorientierten Studentenorganisationen beziehungsweise Vereinigungen in der Türkei mit aller Härte zu bekämpfen. Denn diese Ketzer erhielten nicht nur ihre Anweisungen von Moskau, sie bekämen auch viel Geld für ihre Aktionen und Kundgebungen von der Sowjetregierung. In der Tat seien sie bereit, die Türkei den Russen zu verkaufen. Diese seien gerade dabei, eine große Kundgebung gegen die 6. Flotte der US-Marine zu organisieren, um gegen die Anwesenheit der Kriegsschiffe im Bosporus, damit auch gegen den Vietnamkrieg zu protestieren, wie sie es auch ein Jahr zuvor getan hatten. Diese gottlose Bande habe sich fest vorgenommen, die Freunde der Türkei anzugreifen.
Muhsin war sich nicht darüber im Klaren, warum der Meister Amerika als Freund betrachtete. Zu seinem Erstaunen überwand er seine Hemmung und erhob die Hand, um eine Frage zu stellen. „Ehrwürdiger Meister“, sagte er zaghaft, wobei er versuchte, seine Stimme zu erhöhen, um in der Menge Gehör zu finden, „wie könnte ein ketzerisches Land wie US-Amerika unser Freund sein?“
