Der dritte Versuch - Judith Ardito - E-Book

Der dritte Versuch E-Book

Judith Ardito

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Beschreibung

Wie ist es, die erste Jugendliebe plötzlich wiederzusehen? Nach vierzig Jahren begegnen sich die Schriftstellerin Miriam und der Unternehmensberater Julius zufällig in Venedig. Kann man sich nach langer Zeit noch einmal ineinander verlieben? Wer sind sie heute? Kann das gut gehen? Miriam und Julius haben es versucht.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Judith Ardito

Der dritte Versuch

Geschichte einer Beziehung

© 2023 Judith Ardito

Umschlag, Illustration: Judith Ardito

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

Paperback ISBN 978-3-384-00183-2

Hardcover 978-3-384-00184-9

e-Book 978-3-384-00185-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

„Denn wir werden nicht fertig miteinander von einem zum anderen Mal, und es wär gut zu wissen, was wir uns wollen, eines vom anderen.“

Rainer Maria Rilke (über seine Beziehung zu Venedig)

Zitat aus dem Briefwechsel mit Anton Kippenberg, 1906 bis 1926

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Prolog

Frühling

Kapitel 1

18. Mai 2019

Kapitel 2

19. Mai 2019

20. Mai 2019

21. Mai 2019

Kapitel 3

27. Mai 2019

28. Mai 2019

29. Mai 2019

30.Mai 2019

15. Juni 2019

Sommer

Kapitel 4

20. Juni 2019

21. Juni 2019

22. Juni 2019

23. Juni 2019

29. Juni 2019

5. Juli 2019

Kapitel 5

8. Juli 2019

24. Juli 2019

26. Juli 2019

Herbst

Kapitel 6

1. Oktober 2019

3. Oktober 2019

10. Oktober 2019

11. Oktober 2019

20. Oktober 2019

Kapitel 7

12. November 2019

13. November 2019

17. November 2019

23. November 2019

3. Dezember 2019

Winter

Kapitel 8

24. Dezember 2019

26. Dezember 2019

1. Januar 2020

2. Januar 2020

Kapitel 9

9. Januar 2020

30. Januar 2020

31. Januar 2020

5. Februar 2020

Kapitel 10

6. April 2020

7. April 2020

23. April 2020

18. September 2021

Epilog

Glossar

Der dritte Versuch

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Kapitel 10

Der dritte Versuch

Cover

1

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Prolog

16. Juli 2022

Julius blinzelt ins Licht.

Das Sonnenlicht vervielfacht sich auf der Meeresoberfläche und lässt kleine grelle Lichtpfeile von den Wellenspitzen zu ihm hinüber schießen. Der sich darüber wölbende weite Himmel wirkt in seiner sanften Helligkeit daneben vergleichsweise blass.

Er wendet den Blick ein klein wenig zur Seite und lässt ihn über die Hotelterrasse schweifen, die heute Nachmittag nur schwach besetzt ist. Die meisten Gäste sind gleich nach dem Frühstück aufgebrochen und kommen erst abends wieder zurück. So kann er in Ruhe hier sitzen und nachdenken.

Wann hat er sich das letzte Mal vier Wochen frei genommen? Nie mehr nach Abschluss des Studiums. Selbst damals für die Flitterwochen mussten drei Wochen reichen; das war schon mehr, als er sich eigentlich leisten konnte. Und jetzt ist er hier in der Bretagne, hat sich von der Normandie kommend langsam an der Küste entlang treiben lassen, kann bleiben, wenn er will oder weiterreisen, einfach so. Diesen Urlaub hat er vor einigen Monaten anlässlich seines letzten Geburtstags geplant. Abstand gewinnen, Bilanz ziehen. Die Jahre, die zukünftig vor ihm liegen, werden immer weniger und immer wertvoller, auch wenn er im klassischen Sinne noch nicht „alt“ ist oder sich so fühlt.

Seine Gedanken schweifen ab. Ist das Licht in Venedig heute genauso hell wie hier? Im Sommer ist er nie dort gewesen. Und Miriam? Was sie wohl gerade macht? War sie heute Morgen auf dem Rialto Markt einkaufen? Und trinkt sie jetzt in diesem Augenblick in einer der Bars an der Theke stehend ihren Kaffee? Oder ist sie vor der schwülen Hitze aus der Stadt geflohen und verreist?

Er war viele Male kurz davor, ihr zu schreiben, aber über Satzfragmente und kleine Textstücke ist er nie hinaus gekommen. Und je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird es. Vielleicht sollte er es heute tun.

Julius richtet seinen Blick wieder auf die weite Wasserfläche jenseits der Terrasse. Dann winkt er einen Kellner heran und bestellt einen Aperol Spritz, in Erinnerung an Miriam.

Frühling

1

18. Mai 2019

Sie sitzen entspannt auf der Terrasse, während vor ihnen im Garten ein sanfter Sommerregen niedergeht. Thomas nimmt ihre Hand und sagt „So geht’s doch auch…“ Eine seiner Standardbemerkungen, wenn er glücklich ist. Sie schauen dem Regen beim Regnen zu, beide vollkommen zufrieden mit dem Moment, und das war’s auch schon, mehr geschieht nicht.

Die Ansage „In wenigen Minuten erreichen wir Bolzano“ weckt sie auf. Hinter Brixen muss sie wohl kurz eingeschlafen sein.

Sie ist immer der Ansicht gewesen, dass in nächtlichen Träumen eine parallele, gleichwertige Lebenswelt existiert, eine zweite Realität. Oft träumte sie sogar in Fortsetzungen, lebte dort in Häusern und Wohnungen, die ihr mit der Zeit vertraut wurden, hatte Menschen kennengelernt und wiedergetroffen, die sie im Wachzustand niemals gekannt hatte. Und sie hatte auch von Verstorbenen geträumt, die sie sich auf diese Weise zurück in ihr Leben holte, so wie jetzt.

Thomas war seit sechs Jahren tot. Morgens aus dem Haus gegangen und nie mehr heimgekommen. Ein Autounfall. Danach hatte sie fast alles in ihrem Umfeld komplett geändert, was geradezu lächerlich hilflos anmutete angesichts der Ungeheuerlichkeit dessen, was geschehen war. Es war eine Art Aktionismus, fast ein blindes Wüten voller Zorn darauf, dass sie aus ihrem alten Leben gerissen und in diesen Schmerz geworfen wurde. Sie hatte nur noch weggewollt, ohne Thomas war alles wertlos geworden, nicht mehr von Bedeutung, einfach nur leer.

Damals ist sie nach Venedig gezogen. Etwas Geld von der Lebensversicherung war da und auch das vom Hausverkauf, bei weitem nicht genug, um davon zu leben, aber ausreichend für einen Neuanfang.

Miriam streckt sich ein wenig, reibt sich das Gesicht und verändert ihre Sitzposition. Aus dem Fenster schauen. Draußen wechseln sich kräftige Grüntöne ab. Die Berge wirken jetzt weniger bedrückend als beschützend; in den Tälern gedeihen Wein und Obst. Hier beginnt für sie der Süden: Die Farben scheinen alle intensiver zu leuchten als auf der Alpennordseite, das Sonnenlicht ist viel heller, der Himmel kräftiger blau. Die Umgangssprache wechselt irgendwo hier endgültig vom Deutschen ins Italienische. Italien, endlich wieder.

Der Aufenthalt in Deutschland hat sich diesmal länger hingezogen als sonst. In München war sie noch auf dem Geburtstag einer Schulfreundin, und von dort lohnte es sich im Grunde nicht, das Flugzeug zu nehmen. Der Zug nach Venedig braucht nur knapp sieben Stunden, kaum länger als der Flug, wenn man den Weg zum und vom Flughafen, den Check-In und die Warterei am Gepäckband mitrechnet. Fliegen erinnert sie außerdem immer an Viehtransporte, man wird in Herden eingepfercht, angebunden, abgefüttert und dann wieder im Pulk entladen.

Seit Innsbruck sitzt sie allein im Abteil und findet das sehr angenehm. Sie unterhält sich nicht gern beim Reisen, liest lieber oder träumt beim Hinausschauen vor sich hin. Dabei muss sie wohl eingeschlafen sein. Miriam greift nach ihrem Buch auf dem Nebensitz und beginnt zu lesen. Als sie das nächste Mal aufblickt, ist der Zug bereits kurz vor Verona. Ab jetzt befindet sie sich auf der Zielgeraden: von Verona kommend vorbei an den Weinbaugebieten im Veneto über Vicenza, die Schöne, durch Padua, die Ehrwürdige, bis nach Venedig, zur Durchlauchtigsten, der Serenissima. Sie lässt ihr Buch sinken und blickt hinaus auf die Landschaft mit ihren weinbestandenen Hügeln, den kleinen Orten und den damit untrennbar verbundenen hässlichen Gewerbegebieten, die der Zug durchquert.

Im Bahnhof von Mestre packt Miriam das Buch endgültig weg und rückt ihr Gepäck zurecht. Jetzt fahren sie sich schon über die Brücke, und die Spätnachmittagssonne beleuchtet die Lagune rechts und links in warmen Goldtönen. Bei jeder Ankunft in Venedig verspürt sie immer noch eine spezielle Vorfreude, ein kleines bisschen Aufregung wie vor einem Rendezvous mit einer Liebschaft, die zwar nicht mehr neu ist, sich jedoch ihren Reiz über die Zeit bewahrt hat. So oft schon hat sie sich gefragt, warum sie dieser Stadt nach all den Jahren nicht überdrüssig geworden ist, aber die Anziehung hört nicht auf, allen Widrigkeiten zum Trotz. Und der Widrigkeiten gibt es viele, sie vermehren sich mit jedem weiteren Kreuzfahrtschiff und mit jeder neuen Touristensaison.

Miriam tritt aus der Bahnhofshalle hinaus in das helle Licht, geht die Stufen hinunter und über den Vorplatz zur Vaporettostation für die Linie 1, wo bereits eine kleine Menschentraube auf das nächste Boot wartet. Das sieht nicht gut aus. Die Vaporetti sind mit der Zeit und zunehmenden Touristenströmen immer voller geworden. Von Ostern bis zum Ende der Biennale im November herrscht fast immer ein furchtbares Gedränge. Und als sei das nicht schlimm genug, hatten die Verkehrsbetriebe die Taktung vor einigen Jahren auch noch verschlechtert: Statt alle zehn fährt die Linie 1 tagsüber nur noch alle zwölf Minuten. Die Venezianer sind meistens sowieso zu Fuß unterwegs und kürzen die Wege ab; das geht viel schneller. Aber mit größerem Gepäck ist gar nicht daran zu denken.

Das Boot kommt, es knirscht und knurrt wie gewohnt ein bisschen beim Anlegen, und die schwimmende Haltestelle schwankt. Schwimmende Haltestellen – wo gibt es so etwas sonst auf der Welt? Freundlich lächelnd, aber energisch schiebt sich Miriam mit der einsteigenden Menge an Bord. Sie geht nicht in die Kabine, sondern bleibt draußen stehen, wo es womöglich noch voller ist als drinnen, aber die frische Luft tut nach der langen Zugfahrt gut, und auf den Anblick des Canal Grande will sie bei ihrer Ankunft nie verzichten. Gewisse Dinge nutzen einfach nicht ab.

Die 1 pendelt gemächlich von einer Kanalseite zur anderen, linkes Ufer, rechtes Ufer, linkes Ufer, rechtes Ufer, fährt sie die Stationen an, dann folgt das Anlegemanöver, vor und zurück rangierend, bis alles passt und das Boot vertäut ist. Leute steigen aus, andere steigen ein, das dicke Tau wird wieder gelöst und weiter geht’s, immer hübsch langsam.

Prossima fermata: Ca d‘Oro, also die nächste raus. Miriam bewegt sich und ihr Gepäck schon mal vorwärts in Richtung Ausgang, dabei verschiebt sich ihr Blick vom Kanal weg und streift die übrigen Fahrgäste: ein Glatzkopf, der viel zu warm angezogen ist, zwei alberne junge Mädchen, auf die das nicht zutrifft, eine ältere Venezianerin mit ihrem vollgepackten Carrello, eine fünfköpfige amerikanische Touristengruppe, allesamt stark übergewichtig, und ein chinesisches Pärchen, das sich pausenlos gegenseitig fotografiert. Dahinter steht ein mittelgroßer dunkelhaariger Mann, etwa zwei Meter Luftlinie sowie etliche Körper und Koffer von ihr entfernt, der sich gerade umdreht und in ihre Richtung schaut.

Das Gesicht kommt ihr irgendwie bekannt vor, aber woher? Es liegt etwas sehr Vertrautes darin, das sie nicht zuordnen kann, sie weiß nur, dass es sich nicht um jemanden handelt, den sie aus den letzten zehn oder zwanzig Jahren kennt, sondern um eine Person aus ihrer ferneren Vergangenheit. Während sie noch hinübersieht, wendet er sich weiter um und blickt sie an. Das Vaporetto hält an der Ca d’Oro, und Miriam schlängelt sich durch die dicht gedrängt stehenden Passagiere hinaus. Der Mann muss ihr mit den Augen gefolgt sein, denn als Miriam sich beim Aussteigen nach ihm umschaut, runzelt er mit einem fragenden Ausdruck die Stirn. Sie fädelt sich in den Gänsemarsch der Ausgestiegenen durch die enge Gasse in Richtung Strada Nuova ein. Wer kann das gewesen sein? Es fühlt sich so an, als wüsste sie bereits den Namen und die dazugehörige Geschichte, aber sie bekommt die Erinnerung nicht zu fassen, so, wie einem manchmal ein Begriff auf der Zunge liegt und doch nicht zur Verfügung steht.

Auf der Strada Nuova wendet sie sich nach rechts zum Campo Santi Apostoli. Welche Läden hat es hier eigentlich früher gegeben? Da, wo jetzt eine neue Bar bis tief in die Nacht hinein Getränke anbietet, existierte mal ein kleiner Laden für Haustierzubehör, der einem schrulligen alten Ehepaar gehörte. Sie hatten immer originelle und manchmal sogar gewagte Ideen für ihre Schaufensterdekoration gehabt, zum Beispiel zwei große einander bespringende Stoffhunde im Gondoliere-Outfit mit Ringelpullover und mit Strohhut als Mittelpunkt eines Fensters. Immer ein Grund stehenzubleiben und hinzuschauen. Neben der neuen Bar befindet sich ein gut besuchtes Take-Away. Wie lange ist das schon dort, und was ist vorher an dieser Stelle gewesen? Sie weiß es nicht mehr.

Die venezianischen Läden für Alltagsbedarfe sind nicht von irgendeinem Hochwasser, sondern von der Flut der touristischen Angebote weggeschwemmt worden. Maskenläden, Souvenirshops, Eisdielen, Bars und Imbisse haben innerhalb weniger Jahre die Geschäfte für Schreibwaren, Elektrogeräte, Spielzeug, Kurz- und Haushaltwaren, Stoffe, Bücher, Fotokameras, Gebrauchtkleidung, Möbel und Werkzeug verdrängt. Auch die alten Lebensmittelläden haben den vielen neu entstandenen Supermärkten im Kleinformat weichen müssen, sodass es für die Touristen, die in Ferienapartments wohnen und kein Italienisch können, einfacher wurde einkaufen zu gehen. Alles, irklich alles, hatte sich dem Massentourismus unterzuordnen.

Sie lässt die Apostoli-Kirche links hinter sich, überquert ein weiteres Plätzchen und verschwindet in einer Gasse. Augenblicklich ist sie wieder im „richtigen“ Venedig: Schmale Gassen, kleine campielli, die immer wie private Innenhöfe anmuten, Brückchen und wieder Kirchen und Gassen – der übliche venezianische Zickzack-Kurs bis zu dem winzigen Gässchen, an dessen Ende sich ein kleiner Hof mit mehreren Haustüren befindet, von denen sie eine ansteuert und aufschließt. Zwei Treppen höher ist sie endlich wieder daheim.

Das Gepäck lässt sie neben der Tür stehen und geht als erstes durch alle Räume, um die hölzernen Fensterläden zu öffnen. Weiches Licht strömt in die Wohnung.

Links schaut man in den Innenhof, und zur Rechten geht der Blick auf einen schmalen Kanal, über den hinweg sie gleich gegenüber durch zwei Fenster direkt in Lisas Küche ein Stockwerk tiefer sehen kann. Lisa ist ihre Schwester. Sie lebt schon seit vielen Jahren in Venedig und war der Grund dafür, dass Miriam sich gerade hier einen Zweitwohnsitz zugelegt hat. Sie öffnet das Fenster, zieht ihr Handy aus der Hosentasche und wählt Lisas Nummer.

- Pronto?

- In deiner Küche steht überall schmutziges Geschirr herum. Sieht aus wie Sau.

- Ah! Wann bist du angekommen, große Schwester?

Im Rahmen des linken Küchenfensters taucht jetzt Lisas Gestalt auf und winkt herüber.

- Vor fünf Minuten. Kann ich nachher zum Abendessen rüberkommen?

- Klar. Sagen wir, in zwei Stunden zum Aperitivo in der Milan-Bar, und danach essen wir hier bei uns.

- Wunderbar, bis gleich!

Miriam wendet sich vom Fenster ab, holt ihr Gepäck vom Eingang und macht sich mit viel Hin- und Herlaufen ans Auspacken und Verstauen ihrer Sachen. Die Wohnung ist etwas zu groß für eine alleinstehende Person, aber größere Immobilien waren in Relation viel preisgünstiger als kleinere, und sie lassen sich auch gut vermieten. Zu Karneval und Ostern, in den Sommermonaten, zur Filmbiennale und zu Neujahr wird die Wohnung häufig gebucht. Miriam selbst bevorzugt die ruhigeren Zeiten in Venedig und wechselt dann zu ihrem anderen Wohnsitz in Köln.

Als sie in die Bar kommt, sieht sie Lisa gleich vorne an der Theke stehen und mit Gianfranco scherzen, der gerade zwei Gläser Prosecco zusammen mit einem Schälchen Chips auf den Tresen stellt. Er macht eine Kopfbewegung zum Eingang hin, worauf Lisa sich umdreht und lächelt.

Wenn Miriam ihre Schwester länger nicht gesehen hat, ist sie immer aufs Neue erstaunt, wie jung sie aussieht. Niemand würde glauben, dass Lisa schon zwei erwachsene Kinder hat. Mit ihrem dunkelblonden, ganz leicht ins Rötliche spielenden Haar – das klassische „venezianische Blond“ - und den dunklen Augen sieht sie eher wie eine Hiesige und nicht typisch deutsch aus. Die Augen- und die Haarfarbe haben beide Schwestern von ihrer Mutter geerbt. Abgesehen davon bestehen kaum Ähnlichkeiten, Lisa eher zierlich, Miriam größer und kräftiger gebaut, sehen sie unterschiedlichen Großeltern ähnlich, soweit es die Gesichtszüge und Gestalt betrifft.

Miriam winkt Gianfranco zu und stellt sich an die Theke. Lisa umarmt sie und reicht ihr eines der Gläser.

Bentornata!

Salute!

Wie war die Fahrt?

Alles gut. Es war ganz nett, mal wieder mit der Bahn zu fahren. So gemütlich.

Bist du müde?

Ein bisschen. Wir haben gestern lange gefeiert.

Ach ja, du warst auf Susannes Geburtstag. Wie war‘s denn?

Sehr schön, ein richtiger Nostalgietrip, sie hat ausschließlich die Musik aus unserer Jugend auflegen lassen, und wir haben stundenlang getanzt wie früher. Aber am anderen Morgen merkst du halt, dass du keine sechzehn mehr bist.

Miriam nippt an ihrem Prosecco. Lisa nickt.

Aber Alkohol geht schon wieder, wie ich sehe.

Den hast du bestellt! Aber sag, wie geht’s dir? Und was machen die Kinder?

Alles soweit auf grün, mir geht’s gut. Stefano kommt nach wie vor alle zwei Wochen zum Wäschewaschen und Geldholen, und letztes Wochenende hatten wir ausnahmeweise sogar mal alle beide hier.

Sophia, die jüngere Tochter, studiert Medizin in Deutschland, und Lisas Sohn Stefano studiert irgendwas mit Medien in Mailand.

Ein bisschen anstrengend war das schon, so gern ich die beiden hier habe. Ich weiß gar nicht, wie ich das früher ausgehalten hab mit zwei Kindern.

Ein Klingelton unterbricht sie. Lisa beugt sich zu ihrer Handtasche hinunter und nimmt das Handy heraus. Sie wirft einen Blick auf das Display.

Da muss ich jetzt nicht drangehen. Der ruft nochmal an.

Sie trinkt ihr Glas leer und stellt es ab.

Wollen wir?

Ja gern, ich habe Hunger.

Miriam schiebt die Gläser auf dem Tresen ein Stück in Richtung Gianfranco und nickt ihm zu, dann nehmen sie ihre Taschen und wenden sich zum Ausgang.

Untergehakt gehen die beiden Schwestern zu Lisas Wohnung um die Ecke.

Das Essen ist schon vorbereitet und muss nur noch in den Ofen geschoben werden. Lisa richtet den Salat an, während Miriam den Tisch für drei deckt, die Wasserkaraffe füllt und eine Flasche Garganega öffnet.

Wir fangen schon mal an, Lisa stellt den Salat und das Brot auf den Tisch.

Und was ist mit Roberto?

Der kommt später. Im Hotel ist jemand ausgefallen, und er muss noch bleiben, bis der Nachtportier zum Dienst erscheint.

Roberto und sein Bruder führen ein kleines Hotel in Cannaregio, ein Familienbetrieb, den sie von ihrem Vater geerbt haben. Lisa springt im Notfall auch schon mal ein, kümmert sich aber hauptberuflich um die Verwaltung und Vermietung einiger Ferienapartments, deren Besitzer nicht in Venedig wohnen, einschließlich von Miriams Wohnung in deren Abwesenheit.

Wie geht es Harry?

Lisa hat Harry Rosenau, Miriams Schwiegervater, nach der Beerdigung von Thomas nur ein einziges Mal gesehen, bei einem ihrer seltenen Besuche in Deutschland, aber sie ist meistens auf dem Laufenden, denn Miriam spricht oft von ihm. Sie hat Harry schon immer sehr gern gehabt, und nach Thomas‘ Tod sind die beiden enger verbunden denn je.

Es geht ihm gut, zumindest sagt er das. Ich kenne niemanden, der so wenig klagt wie Harry, und wenige, die so viel Grund dazu hätten.

Miriam nippt an ihrem Weinglas und nimmt sich ein zweites Mal vom Salat.

Also, nimmt sie den Faden wieder auf, Harry hat jetzt eine neue Putzfrau, die viel sorgfältiger arbeitet als die vorige. Sie ist jung und hübsch und schlagfertig, was ihm natürlich gut gefällt. Früher oder später wird er sich in sie verlieben, da bin ich mir ganz sicher.

Und spätestens dann wird er ihr Portrait malen, vermute ich. Lisa lacht und steht auf, um die Lasagne zu holen.

Genau, und dann wird er es ihr schenken.

Also alles wie immer.

Die Schwestern lächeln sich über den Tisch hinweg zu.

Roberto kommt erst dazu, als sie mit dem Essen fertig sind, küsst seine Frau und umarmt die Schwägerin zur Begrüßung.

Ciao carissima, come stai?

Immer wunderbar, wenn ich bei euch bin.

Hast du Hunger, fragt Lisa, soll ich dir die Lasagne warm machen?

Nein, danke, ich habe im Hotel eine Kleinigkeit gegessen, ich trinke nur ein Glas Wein mit euch zwei schönen Frauen.

Miriam schenkt ihm Wein ins Glas.

Italienischer Schmeichler!

Du warst lange weg, Miri. Was hat dich die ganze Zeit in Köln festgehalten?

Den Namen Miri findet Miriam scheußlich, so kleinmädchenhaft süßlich. Als Kind ist sie so genannt worden, Lisa hat das beibehalten und Roberto sich dem angeschlossen. Sie hat sich nie getraut, ihm zu sagen, dass er sie anders nennen soll, aus Angst, er könne sich damit zurückgesetzt fühlen, als sei er aus dem Gebrauch eines familiären Kurznamens ausgegrenzt. Andererseits – den Namen Miriam mochte sie eigentlich auch noch nie. So gesehen ist es auch egal.

Ich hatte ein bisschen unangenehmes Hin und Her mit meinem Verleger. Er hätte gern, dass ich das aktuelle Manuskript bis Ende August fertigstelle, aber ich halte das für unrealistisch. Und dann musste ich mich um Harry kümmern. Ich habe ihm eine neue Putzfrau gesucht, nachdem die vorige so stinkfaul war. Harry ist viel zu gutmütig, er kann niemandem wirklich böse sein, geschweige denn kündigen. Das liegt ihm nicht. Bei der Gelegenheit habe ich auch ein paar Dinge mit dem Pflegedienst abgesprochen und mich in Harrys Namen beim Notruf beschwert. Die haben doch tatsächlich versucht, ihn abzuwimmeln, als er neulich dort anrief, weil er schlimme Schmerzen hatte und in die Ambulanz wollte. Warum er die Schmerzen denn ausgerechnet an einem Sonntag bemerken würde, hat man ihn gefragt! So eine Unverschämtheit.

Miriam hat sich in Rage geredet.

Was für eine Frechheit! Hast du den Notrufanbieter gekündigt?

Nein, aber damit gedroht. Es ist nicht so einfach, einen neuen Anbieter in diesem Stadtteil zu finden, das wissen die natürlich auch.

Harry ist solch ein Schatz, sagt Lisa, und wenn die Leute seine Gutmütigkeit und seine Gebrechlichkeit ausnutzen, könnte ich ausrasten!

Ich auch.

Jetzt bist du jedenfalls wieder hier und wir freuen uns, sagt Roberto. Weißt du schon, wie lange du bleiben kannst?

Bis Ende Juni ganz bestimmt, vielleicht auch etwas länger. Aber wenn’s dann richtig heiß und schwül wird, lasse ich euch mit den Touristen allein. Miriam grinst.

Grazie mille. Und ich hatte schon gehofft, dich in der Sommersaison im Hotel am Empfang einsetzen zu können. Schönheit, Charme und Sprachkenntnisse – eine Traumbesetzung!

Dann träum mal schön weiter, Schmeichler.

Geschieht ihm recht, lacht Lisa, endlich setzt ihm mal jemand Grenzen. Ich bin viel zu nett zu ihm!

Tja, die italienischen Ehefrauen erziehen sich ihre Machos… Da musst du jetzt durch, kleine Schwester.

Miriam trinkt ihren Wein aus und schaut auf die Uhr.

Ich bin müde, und ihr müsst auch ins Bett. Ich mache mich mal auf den Weg.

Sehen wir uns morgen?

Ganz sicher, cara, wir funken uns morgen früh an und machen was aus. Und denk dran, die Küche aufzuräumen, ich kann ja jetzt wieder reinschauen.

Lisa erhebt sich und räumt die Gläser vom Tisch.

Ich werde einfach die Vorhänge zu ziehen.

***

Was zum Teufel hatte ihn geritten, ausgerechnet nach Venedig zu fliegen? Schon gestern bei der Ankunft am Flughafen ist es brechend voll gewesen, die Flugzeuge landeten im Minutentakt und wahre Menschenmassen strömten in die Ankunftshalle. Eigentlich hatte er nur mal kurz raus aus dem Alltag gewollt, mal etwas ganz anderes sehen und vor allen Dingen an etwas anderes denken als an die Arbeit.

Die Klausurtagung in Frankfurt ist kurzfristig verschoben worden, einer aus dem Vorstand, ohne den es anscheinend nicht geht, war krankheitsbedingt ausgefallen. Man hatte ihm versichert, dass sein Moderationsauftrag keineswegs gecancelt sei, sondern nur ein neuer Termin gefunden werden müsse. Julius ist sich im Klaren darüber, dass sich die erneute Terminsuche ziemlich schwierig gestalten wird: Die Kalender der drei Vorstände sowie der nächsten Führungsebene mit immerhin vierzehn Personen und sein eigener müssen zusammen passen. Wahrscheinlich wird er am Ende einen anderen weniger lukrativen Auftrag dafür verschieben müssen, was weitere Domino-Effekte erzeugen wird. Unangenehm, aber nicht zu ändern.

So ist er ganz unerwartet zu einem extralangen freien Wochenende gekommen. Für Venedig hatte er sich spätabends bei einem Glas Wein aus einer Laune heraus entschieden, als er sich den aktuellen Flugplan ab Köln-Bonn im Internet angeschaut hatte, aber schon am anderen Morgen überkamen ihn Zweifel an seiner Wahl. Venedig ist eigentlich nie ein reizvolles Reiseziel für ihn gewesen, obwohl er sonst ganz gerne mal nach Italien gereist war, vielleicht weil er es immer mit Hochzeit, Flitterwochen oder ähnlich kitschigen Anlässen in Verbindung gebracht hatte. Seine eigene Hochzeitsreise hatte Annette und ihn nach Skandinavien geführt, damals, vor 28 Jahren. Jetzt sind sie schon seit längerem getrennt, das Übliche: die Kinder aus dem Haus, zwei unvereinbare Karrierewege… Ehe auseinander.

Wie auch immer, warum nicht mal Venedig?, hatte er gedacht und die Buchung dann doch nicht storniert.

Und dann saß er, kaum dem Flughafen entronnen, in einem Alilaguna Boot, das unerträglich voll besetzt war und vom Flughafen in Richtung Stadt schaukelte.

Als er endlich aussteigen konnte, hat er sich trotz Google Maps gleich als erstes auf dem Weg zu seiner Unterkunft verlaufen, und mit dem Gepäck an der Hand wurde die Suche irgendwann mühsam. Immerhin war der Empfang dann recht freundlich, und sein Zimmer oben im Dachgeschoss mochte vielleicht ein bisschen klein sein, aber aus den beiden Fenstern bot sich ihm ein hübscher Blick über die roten Dächer der Stadt hinweg auf einen Kirchturm.

Heute Morgen ist er nach einer unverhofft guten Nacht mit fast acht Stunden Schlaf voller Tatendrang aufgewacht. Julius hat vor, seinen zweiten Tag mit ausgedehnten Spaziergängen durch die Stadt zu verbringen. Gestern Abend bei seinem ersten Spaziergang hatte er schon begriffen, dass es zwecklos ist, sich dabei ein konkretes Ziel vorzunehmen. Man verläuft sich sowieso, und es ist ja auch interessanter, spontan irgendwo abzubiegen und sich überraschen zu lassen. Mit etwas Glück – und die Hauptverkehrswege mit den gelben Wegweisern meidend – ist es auch gar nicht immer überlaufen.