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Das Schicksal führt die junge Hobbyfotografin Emma und den seit Jahrhunderten verfluchten Ceyres zusammen. Ceyres ist durch seinen Fluch in der Gestalt eines Gargoyles gefangen. Tagsüber wacht er versteinert zu einer Statue über den Friedhof der Kleinstadt bis er bei Sonnenuntergang zu einer Bestie erwacht. Die Hoffnung auf Erlösung hatte er schon aufgegeben. Doch als er Emma das Leben rettet, spürt er, dass sie die Eine sein könnte, die ihn doch noch retten kann. Kurz nach ihrem Zusammentreffen mit dem Gargoyle wird Emma wieder von Visionen heimgesucht, die sie bereits in ihrer Jugend gehabt hatte. Sie erinnert sich an eine Kette mit einem Amulett, in das ein Efeublatt eingelassen ist. Die Kette hatte ihre Uroma ihr im Teenageralter zum Schutz gegeben. Doch auch die Kette kann dieses Mal die Visionen nicht unterdrücken. Außerdem fühlt Emma sich immer mehr zu dem mysteriösen Gargoyle hingezogen. Welches Schicksal verbindet Emma und Ceyres und was hat ihr Efeu-Amulett damit zu tun?
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Der Efeufluch
Teil 1: Das Efeu-Amulett
von
Mayana Jaeger
Alle in diesem Roman geschilderten Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen wären rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.
Dieser Roman ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Verwertung, auch in Teilen, ist ohne die schriftliche Genehmigung des Verlages und der Autorin unzulässig.
2. Auflage
© 2019
Mayana Jaeger
c/o AutorenServices.de
Birkenallee 24
36037 Fulda
Für Rocco
Schweißgebadet stand sie vor ihrer Wohnungstür. Sie bekam den Schlüssel nicht in das Schloss, so sehr zitterten ihre Finger. Immer wieder warf sie nervös einen Blick über die Schulter. Sie glaubte, immer noch diesen pfeifenden Luftzug hinter sich zu spüren. Immer wieder. Genau, wie auf dem Friedhof, kurz nachdem sie angegriffen worden war.
Alles Einbildung, dachte Emma, als sie sich noch einmal umsah. Außer dem leeren Hausflur konnte sie hinter sich nichts entdecken. Und endlich bekam sie den Schlüssel mit ihren zittrigen Fingern in das Schloss. Gerade, als sie die Wohnungstür öffnete, erlosch das Licht im Hausflur und sie stand kurz im Dunkeln. Sie tastete nach dem Lichtschalter im Wohnungsflur, während sie mit der anderen Hand nach der Wohnungstür griff.
Zum Glück ist meine Kamera heile geblieben, dachte sie, während sie die Tür hinter sich schloss. Zur Sicherheit drehte sie den Schlüssel noch zweimal im Schloss herum. Sie kam sich immer noch beobachtet vor.
Was für ein schrecklicher Anblick.
Emma musterte sich im Spiegel der Flurgarderobe. Ihr T-Shirt war zerrissen und auch der BH-Träger auf ihrer rechten Schulter. Sie schluckte kräftig, konnte ein Schluchzen aber nicht unterdrücken. Lautlos liefen ihr wieder die Tränen über die Wangen. Ohne weiter nachzudenken, ließ sie ihre Collegetasche noch im Flur fallen, nahm im Weitergehen die Kamera von ihrem Hals und fummelte die Speicherkarte mit immer noch zittrigen Fingern aus dem Slot. Sie ging ohne Umweg direkt zu ihrem Computer. Das war schon ein automatischer Gang. Immer, wenn sie vom Friedhof mit neuen Fotos zurückkam, fing sie sofort mit der Arbeit an. Erst als sie hörte, wie ein Schlüssel im Schloss der Eingangstür gedreht wurde, kam sie zu sich. Da saß sie nun an ihrem Schreibtisch in einem zerrissenen T-Shirt. Blutige Kratzwunden auf Höhe der Rippen an ihrer rechten Seite. Ihr Gesicht spiegelte sich in den Bildschirmen ihres Computers. Ihr Augen-Make-up hatte sich mit ihren Tränen vermischt und schwarze schmierige Bahnen auf ihren Wangen hinterlassen. Sie griff nach einem Taschentuch, doch bevor sie es benutzen konnte, stolperte Mark schon über ihre Tasche.
„Was soll das hier, Emma?“, schimpfte er, während er wild mit den Armen ruderte, um sein Gleichgewicht zu halten. Erstaunlicherweise gelang es ihm sogar. „Ich habe dich etwas gefragt“, motzte er weiter, während er den Flur entlang ins Wohnzimmer stolperte. „Du könntest wenigstens antworten.“
Kaum zu Hause schon wieder am Meckern, dachte Emma, aber sie sagte dieses Mal nichts. Fast jeden Abend war es das gleiche, ob er sich nun über ihre Tasche im Flur beschwerte oder einen anderen Grund fand, seine schlechte Laune an ihr auszulassen.
„Ich räum' meine Tasche gleich weg“, sagte Emma betont gelassen.
Am liebsten hätte sie ihm mal so richtig die Meinung gesagt. Sie wollte, dass er endlich wusste, wie sehr ihr sein Ordnungswahn mittlerweile auf die Nerven ging. Auch, wenn sie wusste, dass ihre Tasche heute wirklich mitten im Weg lag und er zwangsweise darüber stolpern musste. Aber heute war ja auch eine Ausnahmesituation. Und deswegen sagte sie lieber nichts weiter. Emma hoffte, dass er so ihren Zustand nicht bemerken würde.
„Das ist doch dein Standardspruch und dann steht sie hier morgen immer noch im Weg rum. Und wie siehst Du überhaupt aus?“
Na klar, keinen Tag bemerkt er irgendetwas an mir. Ich könnte mir die Haare quietschgrün färben und er würde nichts merken. Aber heute, ausgerechnet da muss er mir mal wieder seine Aufmerksamkeit schenken.
Emma rollte genervt mit ihren braunen Augen.
„Was ist passiert?“ Marks Stimme klang vorwurfsvoll und genervt, ohne jede Spur von Mitgefühl. „Hast du geheult?“
„Ich hatte einen kleinen Unfall auf dem Friedhof. Ich bin über einen Stein gestolpert und habe mir das T-Shirt an einem Dornenbusch zerrissen, mehr nicht“, versuchte sie zu erklären, während sie sich den zerlaufenen Mascara aus dem Gesicht wischte. Dass nur schon das Wort Friedhof für neuen Krach sorgen würde, war ihr klar gewesen. Mark hasste es, wenn sie dort in der Abenddämmerung herumlief, um Fotos zu machen.
„Ich habe dir doch gesagt, dass du da nicht im Dunkeln hingehen sollst. Vielleicht siehst Du jetzt ja endlich, zu was das führt. Und wofür? Für ein blödes Hobby! Such dir endlich nen vernünftigen Job. Du weißt, dass du immer noch die Ausbildung bei uns in der Bank anfangen kannst.“
Mark schnaubte verächtlich. Er konnte nicht verstehen, dass die Fotos, die sie auf dem Friedhof und an anderen verlassenen und eher düsteren Orten machte, für sie Kunst waren. Kunst, mit der sie eines Tages ihren Lebensunterhalt verdienen wollte.
Emma antwortete ihm nicht. Sie tippte gerade das Passwort für ihren Onlineshop ein. Und schon öffnete sich das Fenster mit den unbearbeiteten Aufträgen auf ihrem Bildschirm. Seitdem sie ihren Shop auf der Kreativplattform am Nachmittag das letzte Mal kontrolliert hatte, waren schon wieder zwei neue Bestellungen dazu gekommen. Bisher reicht der Umsatz nur für ein nettes Nebeneinkommen, das musste sie zugeben, aber Emma hatte Hoffnung, dass sie ihr Geschäft weiter ausbauen könnte.
„Du weißt, dass es für mich mehr ist als ein blödes Hobby. Und es wäre schön, wenn du das endlich akzeptieren würdest. Es ist meine Arbeit, meine Berufung.“
„So ein Quatsch!“, entgegnete Mark immer noch sichtlich gereizt, während er versuchte, den Knoten seiner Krawatte aufzubekommen. „Deine Arbeit ist das, was du in der Fotobox machst – schlichte Passbilder und Kameras verkaufen. Du bist keine Fotografin und schon gar keine Künstlerin oder für was du dich auch immer hältst. Du bist eine einfache Verkäuferin, mehr nicht!“
So deutlich hatte Mark ihr noch nie gesagt, was er von ihr hielt. Emma war enttäuscht, dass er offensichtlich nicht mehr in ihr sah, als eine einfache Verkäuferin. Gut, sie war keine gelernte Fotografin und sie hatte den Job in der Fotobox auch nur bekommen, weil ihr Chef eine einfache Verkaufshilfe gesucht hatte. Aber es war für Emma von Anfang an bei diesem Job ein Vorteil gewesen, dass sie sich schon seit ihrer Jugend in ihrer Freizeit mit Digitalkameras und Fotografie beschäftigt hatte und so ein gewisses Fachwissen mitbrachte. So war sie nicht nur dazu verdammt im Laden die Ware zu sortieren und die Kasse zu bedienen, sondern durfte zumindest einfache Fotoaufträge selber erledigen. Das war zwar nicht das, was sie ewig machen wollte, aber sie konnte zumindest erst einmal davon leben. Und sie versuchte sich durch ihre künstlerischen Fotoarbeiten weiterzuentwickeln, dass Mark das nicht verstehen konnte, machte sie wütend. Lautlos lief ihr wieder eine Träne über die Wange. Emma wischte sie wütend weg.
„Ach so, der Herr ist sich zu fein, um einfacher Bankkaufmann zu bleiben, der Herr wollen ja was besseres sein. Aber ich, ich soll im Fotostudio versauern und mein Leben lang Passbilder schießen oder Schulkindern fürs Klassenfoto ein Lächeln abringen, oder was!? Auf welchem Planeten lebst du eigentlich?“
Nun schrie sie doch.
„Das habe ich doch gar nicht gesagt. Ich muss nur mit meinem Chef reden und schon hast du den Ausbildungsplatz als Bankkauffrau sicher – auch, wenn du mit Anfang Dreißig eigentlich schon zu alt bist, um noch eine Ausbildung zu machen. Und bei mir ist das was ganz anderes. Ich habe immerhin Bankkaufmann gelernt. Ich habe eine richtige Ausbildung. Und da ist es doch nur natürlich, dass man sich in seinem Beruf weiterentwickeln will“, entgegnete Mark. Aber Emma hörte ihm nicht mehr zu. Sie starrte aus dem Fenster.
Da war doch etwas oder nicht? Ein Schatten. Etwas Großes.
Emma stockte der Atem. Von einer Sekunde auf die andere vergaß sie den Streit mit Mark.
„Hast du das gesehen?“, flüsterte sie stattdessen panisch. Aber Mark antwortete nicht. Er stand bloß da und starrte sie an. „Da ist etwas vor dem Fenster!“
Sie griff hinter Mark zum Lichtschalter an der Wand und schaltete die Beleuchtung im Flur und im Wohnzimmer aus, bevor sie sich im Dunkeln um ihren Schreibtisch herumtastete. Sie schob die weiße Gardine leicht zur Seite und spähte hinaus in die Nacht. Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich auf die Dunkelheit einzustellen. Aber draußen war nichts zu sehen. Nicht einmal die Fledermaus, die sonst Insekten im Efeu an der Hauswand jagte, war da. Und was sollte auch anderes vor dem Fenster zu sehen sein, als eine Fledermaus oder ein nachtaktiver Vogel, schließlich wohnte sie im dritten Stock.
Bilde ich mir das etwa alles nur ein?
So langsam fing Emma an, an sich zu zweifeln. Aber war es ein Wunder, dass sie sich heute Abend verfolgt fühlte?
„Vergiss es!“, rief Mark plötzlich aus dem Schlafzimmer. „Ich gehe zu Mario! Wir schauen uns zusammen mit den anderen das Spiel an.“
Erst jetzt merkte Emma, dass sie immer noch in Gedanken versunken aus dem Wohnzimmerfenster in den Nachthimmel starrte. Sie drehte sich um und sah gerade noch, wie Mark den blau-roten Fanschal seines Lieblingsfußballvereins vom obersten Fach der Garderobe nahm. Er brauchte sich nicht einmal danach strecken. Seine Größe war es, die Emma immer ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt hatte. Dann fiel die Wohnungstür auch schon ins Schloss und sie war allein.
Endlich allein. Oder doch nicht?
Sie fühlte sich auf einmal unbehaglich in der Dunkelheit. Langsam kroch Gänsehaut an ihren Unterarmen herauf und sie spürte eine undefinierbare Kälte in ihrem Körper aufsteigen. Ängstlich sah Emma noch einmal aus dem Fenster, aber sie konnte immer noch nichts Ungewöhnliches entdecken. Sie zog die blickdichten Vorhänge zu und spürte, wie ein Teil der Anspannung sofort von ihr abfiel. Um auf andere Gedanken zu kommen, beschloss sie, erst einmal ein entspannendes Lavendelbad zu nehmen.
Während das Badewasser gluckernd in die Wanne einlief und sich der Schaum durch das duftende Lavendelöl leicht lila verfärbte, entledigte Emma sich im angrenzenden Schlafzimmer ihres zerrissenen T-Shirts und schleuderte es in die Ecke zwischen Kleiderschrank und Zimmertür, darauf landete der ebenfalls zerrissene BH. Sie betrachtete die Kleidungsstücke nicht weiter, denn sie wollte diesen Überfall so schnell wie möglich vergessen. Schon halb aus der Tür, schmiss sie noch ihre Jeans zu den anderen Kleidungsstücken.
Einfach nur entspannen und an nichts mehr denken.
Vor der Wanne zog sie ihren Slip aus und warf ihn in die Wäschetonne. Der ganze Raum war von feuchten Nebelschwaden durchzogen und duftete nach Lavendel. Vorsichtig stieg Emma mit einem Fuß in die Wanne. Das Wasser war heiß, aber gerade noch angenehm und so ließ sie sich langsam in die Wanne gleiten. Doch, als sie mit ihrem Oberkörper in das Badewasser glitt, durchzog sie ein brennender Schmerz, der sie aufstöhnen ließ und sie sofort wieder an die Ereignisse des Abends erinnerte. Die blutigen Kratzer an ihren Rippen brannten durch das Lavendelöl wie Feuer. Im ersten Moment war sie versucht, sofort wieder aus der Badewanne herauszuspringen, doch dann ließ der Schmerz schon nach und ihre Muskeln entspannten sich endlich im warmen Wasser. Emma goss sich ein Glas Rotwein aus der bereitstehenden Flasche ein und versuchte, ihre Erinnerung an den Abend zu verdrängen. Doch es wollte ihr beim besten Willen nicht gelingen. Und so kreisten ihre Gedanken doch immer wieder um die Ereignisse dieses Abends und sie dachte noch einmal über das Erlebte nach. Emma sah die Bilder noch deutlich vor sich. Sie hatte gerade vor einer kleinen Engelsfigur gestanden, die auf einem Sockel aus Sandstein eines der historischen Gräber zierte. Der kleine Sandsteinengel kniete mit gesenkten Flügeln auf dem gleichfarbigen Sockel, die Hände gen Himmel gestreckt und den Blick seinen Händen folgend ebenfalls nach oben gerichtet. Das Licht der untergehenden Sonne fiel durch die noch grünen Blätter der mächtigen Eiche, die nur unweit des Grabes mit dem Engel stand, und beleuchtete die linke Gesichtshälfte der kleinen Statue. Emma stand breitbeinig vor der Säule und hatte sich etwas nach vorne gebeugt, um den Engel perfekt ins Bild setzen zu können. Die Figur nahm zwei Drittel im Sucher ihrer Kamera ein. Emma richtete den Engel am linken Bildrand aus, sodass seine Hände sich im rechten Drittel des Fotos befanden und das Gesamtbild dem goldenen Schnitt entsprach. Im rechten Drittel des Fotos waren verschwommen im Hintergrund die Blätter der riesigen Eiche zu erkennen, deren mächtige Äste mit ihren dünneren Ausläufern nur knapp über dem Boden endeten. Gerade als das Licht perfekt schien und sie auf den Auslöser drückte, hörte sie hinter sich ein paar Äste knacken. Doch sie beachtete das Geräusch nicht weiter. In ihrer Konzentration bekam sie beim Fotografieren nur selten mit, was um sie herum geschah. Zu sehr konzentrierte sich Emma auf die vielen kleinen Dinge, die es zu beachten galt, um das eine perfekte Foto in jeder Situation hinzubekommen. Schließlich waren es diese perfekten Details, die ihre Fotos so unverwechselbar machten. Sie drückte den Auslöser durch und verharrte in ihrer unbequemen Position, um das Klicken ihrer Kamera abzuwarten, die gleich fünf Fotos nacheinander schoss. So war die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein perfektes Foto dabei war. Sie hörte wieder ein Knacken von kleinen Ästen, die unter der Last eines Schuhs zerbrachen. Diesmal deutlich näher. Jetzt drehte Emma sich um und blickte in das Gesicht eines Mannes. Er trug ein schwarzes Kapuzen Sweatshirt und ehe sie auch nur einen Ton sagen konnte, griff er nach dem Kameragurt an ihrem Hals und zog sie zu sich heran. Emma schrie noch kurz laut auf, bevor ihr die Luft wegblieb. Der Mann sagte kein Wort. Er starrte sie nur mit einem bösen Funkeln in seinen dunklen Augen an. Sein Blick war stechend und furchteinflößend. Der Mann zog weiter an dem Kameragurt. Emma versuchte noch einmal, um Hilfe zu schreien, aber mehr als ein klägliches Krächzen brachte sie nicht hervor. Sofort wurde der Druck auf ihren Hals noch stärker. Der Unbekannte hatte den Kameragurt vor ihrer Kehle überkreuzt und zog kräftig an beiden Enden. Gleichzeitig versuchte er, Emma zu Boden zu ringen. Panisch stemmte sie sich mit aller Kraft dagegen und versuchte krampfhaft auf den Beinen zu bleiben.
Bloß nicht zu Boden gehen, sonst hast du verloren, dachte sie immer wieder.
Langsam wurde ihr schwindelig. Sie musste unbedingt wieder Luft bekommen, sonst würde sie ohnmächtig werden. Mit letzter Kraft setzte Emma zu einem Tritt gegen die Kniescheibe ihres Angreifers an, aber sie verfehlte ihn und kam ins Straucheln. Während sie unsanft zu Boden fiel, spürte sie einen seltsamen Luftzug dicht über ihrem Kopf und der Druck auf ihre Kehle verschwand von einem Moment auf den anderen. Röchelnd lag sie nun am Boden und wälzte sich von einer Seite auf die andere, während sie nach Luft schnappte. Langsam kam Emma wieder zu Atem. Ihre Kehle brannte mit jedem Atemzug wie Feuer und ihre Augen waren tränengefüllt. Nach ein paar Minuten auf dem Boden liegend, setzte sie sich langsam auf. Ihre Kamera hielt Emma immer noch fest mit ihrer rechten Hand umklammert, den Zeigefinger immer noch auf dem Auslöser. Langsam begann sie ihre Gedanken zu sortieren.
Nichts wie weg hier!,schoss es ihr durch den Kopf und sie sprang, so schnell sie konnte, auf die Füße. Zuerst wankte sie noch etwas. Emma fürchtete, sofort wieder auf den Boden zu fallen, aber sie konnte sich auf den wackeligen Beinen halten. Sie stützte sich an dem dicken Stamm einer Eiche ab und atmete noch einige Male tief ein und aus. Um sie herum war alles ruhig. Nur das leise Rauschen der Blätter war noch zu hören. Nichts rührte sich auf dem Friedhof. Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen und blinzelte einige Male, bis sie wieder klar sehen konnte. Keine Menschenseele war in ihrer Nähe. Dann griff sie nach ihrer Collegetasche und begann sie zu rennen. Ohne sich auch nur noch einmal umzusehen, rannte sie den dunklen Schotterweg des alten Friedhofs entlang bis zu dem eisernen Eingangstor, das sich quietschend öffnete, als Emma sich dagegen lehnte. Sie rannte die ganze Strecke bis nach Hause. Im Grunde war der Weg nicht weit, aber wenn man ihn so schnell lief, wie man nur konnte, war er doch anstrengend. Völlig entkräftet und zitternd vor Aufregung und Erschöpfung zugleich, war sie an diesem Abend zu Hause angekommen.
Wieder liefen ihr Tränen über die Wangen und tropften von ihrem Kinn in das Badewasser. Der Schock saß tief. Hatte sie doch in den letzten Wochen immer wieder von Vergewaltigungen und Überfällen auf Frauen in der Tageszeitung gelesen. Der Tägliche Anzeiger berichtete in letzter Zeit regelmäßig über solche Übergriffe in der Kleinstadt und den umliegenden Gemeinden.
Scheiße, jetzt hör auf zu heulen, freu Dich lieber. Du hast verdammtes Glück gehabt, ermahnte sie sich innerlich. Oh ja, verdammtes Glück.
Sie nahm noch einen Schluck Rotwein aus ihrem Glas. Langsam versiegten ihre Tränen und Emma fragte sich zum ersten Mal, warum der Angreifer so plötzlich von ihr abgelassen hatte. Schließlich war er gerade dabei gewesen sein Ziel zu erreichen. Er hatte Emma erfolgreich zu Boden geschleudert. Genau das hatte er zuvor minutenlang versucht. Emma konnte sich nicht erinnern jemanden gehört oder geschweige denn gesehen zu haben, der ihr zu Hilfe geeilt war. Da war nur dieser unerklärliche Luftstoß gewesen, der ihr plötzlich ihr schulterlanges kastanienbraunes Haar ins Gesicht geweht hatte, während sie zu Boden gestürzt war. Und genau in diesem Moment hatte der Angreifer sie losgelassen und war verschwunden.
Er ist nicht weggerannt, überlegte sie verwirrt. Sie hatte keine Schritte gehört, die sich von ihr entfernt hatten. Vielmehr hatte der Angreifer selber kurz aufgeschrien, bevor er wie vom Erdboden verschwunden war, erinnerte sie sich dunkel. Als hätte er sich in Luft aufgelöst.
Das Badewasser war mittlerweile kalt und Emma begann langsam zu frösteln. Sie stieg vorsichtig aus der Wanne. Dabei dachte sie weiter darüber nach, wie der Mann so plötzlich verschwunden sein konnte. Sie fand aber einfach keine rationale Erklärung für sein Verschwinden. Emma drapierte ihre nassen Haare mit einem Handtuch zu einem Turban. Dann fing sie an, sich gründlich abzutrocknen. Als sie mit dem Handtuch an ihrer rechten Seiten entlang wischte, stöhnte sie auf vor Schmerz. Erst jetzt erinnerte sie sich wieder an die Kratzer an ihrer rechten Seite. Sie blickte in den Spiegel. Die Kratzer bluteten nicht mehr, aber sie waren knallrot und brannten wieder wie Feuer. Emma trat näher an den Spiegel heran und betrachtete die Kratzer genauer.
Woher kommen die nur?
Die Kratzer hatten eine seltsam geschwungene Form. Sie vermutete zunächst, dass der Mann sie bei dem Angriff gekratzt hatte. Aber es erschien ihr ungewöhnlich, dass dabei ihr T-Shirt zerrissen sein sollte. Je länger sie die Male des Angriffs betrachtete, desto verwirrter wurde sie. Es waren drei Kratzer, die in einer gleichmäßig geschwungenen Linie über ihre Rippen verliefen. Sie zog den Gürtel ihres Bademantels zu, nahm die halbleere Weinflasche und ihr Glas und ging zurück ins Wohnzimmer. Die Wohnung war immer noch dunkel. Mark war bisher nicht nach Hause gekommen. An Schlafen war für Emma noch nicht zu denken. Sie suchte immer noch nach einer Erklärung für die Kratzer an ihrem Oberkörper und für das unerklärliche Verschwinden des Angreifers. Sie fühlte sich noch aufgewühlter als vor dem Bad. Also beschloss sie, ihre Fotos zu sichten. Ohne lange zu überlegen, sortierte sie die Aufnahmen mit einem gekonnten Blick aus. Alles was ihr beim ersten Anblick nicht gefiel, wanderte sofort in den Papierkorb auf dem Desktop. Emma behielt nur die Aufnahmen, die ihr auf den ersten Blick perfekt erschienen. Es war nicht einfach, so schnell auszuwählen, aber sie hatte es sich über die Jahre angewöhnt, denn sonst würde sie in der Vielzahl der Aufnahmen nur allzu schnell den Überblick verlieren und das konnte sie nicht gebrauchen. Sie liebte klare Strukturen und Ordnung. Und zumindest was ihre Fotos anging, schaffte sie es auch, Ordnung zu halten. Denn der Rest ihres Lebens war schon unaufgeräumt genug. Sie lebte, seit sie denken konnte, im Chaos. Ihre Gedanken überschlugen sich oft und ihre Wohnung war ein einziges Chaos, wenn auch ein organisiertes Chaos. Zumindest in den Ecken, in denen Mark nicht ständig aufräumte.
Ein Foto nach dem anderen wanderte in den Papierkorb. Nur wenige der Aufnahmen befand Emma für gut genug, um sie dauerhaft zu speichern. Mit geschultem Auge verschob sie die Fotos zwischen Speicherkarte, Papierkorb und Festplatte. Plötzlich hielt sie inne. Ohne, dass sie es gemerkt hatte, musste sie, während der Unbekannte über sie hergefallen war, weiter fotografiert haben. Kein Wunder, so fest, wie sie ihre Kamera noch nach dem Angriff umklammert gehalten hatte, hatte sie wohl auch während des Angriffs immer wieder krampfhaft den Auslöser gedrückt. Sie hatte immer den Mehrfachbildmodus aktiviert, um keinen Moment zu verpassen, indem der Wind oder die Wolken das perfekte Licht und die perfekte Stimmung für ihre Motive preisgaben. Jetzt hatte genau diese Funktion dafür gesorgt, dass kein Moment des Angriffs undokumentiert geblieben war. Mit einem Doppelklick öffnete Emma das erste Foto dieser Serie und wartete gespannt, bis es von der Speicherkarte geladen war.
Was ist das? Alles schwarz! Nicht das Geringste zu sehen.
Als hätte sie den Objektivdeckel vor der Linse vergessen. Und der war ganz sicher nicht vor der Linse gewesen. Sie klickte sich weiter durch die folgenden Aufnahmen.
Es war doch noch gar nicht so dunkel. Irgendetwas muss doch zu erkennen sein, selbst, wenn der Blitz nicht funktioniert haben sollte.
Nach weiteren zwölf Fotos, auf denen nichts zu erkennen war, außer einer schwarzen Fläche mit einer undefinierbaren Struktur, fand sie endlich einen ersten Hinweis. Auf einem der letzten Fotos, das sie geschossen hatte, war endlich etwas zu erkennen. Wie die Fotos davor war es zwar ebenfalls sehr dunkel, aber nicht mehr komplett schwarz. Was auch immer die Linse zuvor verdeckt hatte, ließ nun genug Licht durch, um eine Struktur abbilden zu können. Emma hatte dennoch Mühe etwas auf dem Foto zu erkennen. Es schien eine Art Leder zu sein, was direkt vor der Linse war. Es bedeckte fast das ganze Foto. Nur an der Kante war ein fahler Lichtschein zu erahnen. Der Rest des Fotos wurde von einer dunkelgrauen Fläche bedeckt. Die lederne Oberfläche machte Emma neugierig. Sie zoomte weiter in das Bild hinein, um die Struktur näher betrachten zu können.
Als wäre das Grau von Adern durchzogen, grübelte Emma.
Sie wiegte den Kopf nachdenklich von einer Seite zur anderen und wand sich immer wieder vor dem Bildschirm, als versuchte sie, hinter die Fläche zu blicken, die die Linse nahezu komplett verdeckt hatte. Emma scrollte durch das gesamte Foto und tastete sich langsam bis zum Rand vor, dorthin, wo sie den Lichtschein entdeckt hatte. Die Struktur dieses Leders, oder was auch immer es war, änderte sich, je näher sie zum Rand der Aufnahme kam. Es wurde glatter und gleichzeitig etwas dicker und damit weniger durchscheinend. Dann endete die Fläche. Sie war gewölbt und an der Kante erkannte Emma eine Rundung.
Wie die Kante eines Regenschirms.
Emma scrollte mit der Maus noch weiter nach Außen, bis sie am Rand des Fotos angekommen war. Sie sah sich die Kante der komischen Fläche noch einmal genau an.
Da, da ist etwas.
Bei genauerem Hinsehen entdeckte Emma eine Art Stachel an der Kante. Oder war es eine riesige Kralle?
Was, zur Hölle …? Ist das etwa eine riesige Kralle?“
Sie sprang schreiend von ihrem Stuhl auf, der krachend zu Boden fiel.
Ceyres leckte sich das Blut von seinen krallenbesetzten Pranken. Er saß unter einer riesigen Kiefer am Rande des Waldes und beobachtete die anderen Gargoyles, wie sie sich um die Reste des Körpers stritten. Er war satt. Außerdem hasste er es, sich um Essen zu streiten. Er hatte den Mann zwar erlegt, aber sollten sich doch die anderen Bestien um die Reste des Kadavers schlagen. Außerdem keimte auch schon wieder dieses schlechte Gewissen in ihm auf. Er hatte einen Menschen getötet und verspeist. Er fühlte sich wie ein Kannibale. In diesem Moment sprach wieder einmal der Mensch aus ihm, den er immer noch in seinem tiefsten Inneren spüren konnte. Selbst, nach so langer Zeit. Seit Jahrhunderten wandelte er schon als Gargoyle auf der Erde. Dieser verdammte Fluch hatte ihn zu dieser Bestie gemacht. Aber ganz tief im Inneren spürte er immer noch seine sanftmütige menschliche Natur, auch wenn sie mit den Jahrhunderten zu einem letzten Glimmen in der Asche eines Feuers verkümmert war. Ceyres hatte schon gedacht, dass dieses Feuer mittlerweile vollständig erloschen war, aber als er diese Frau das erste Mal auf dem Friedhof gesehen hatte, hatte er diesen winzigen Funken Menschlichkeit, der in ihm verblieben war, wieder aufkeimen gespürt. Er hatte sie heute nicht zum ersten Mal gesehen. Sie war oft allein auf dem Friedhof. In seinen Gedanken sah er noch einmal die Ereignisse des frühen Abends: Als er sich heute mit den letzten Sonnenstrahlen von der Kapelle in die Abenddämmerung erhob, war sie nicht allein auf dem Friedhof. Jemand stand nah bei ihr. Ceyres kümmerte sich nicht weiter darum. Was gingen ihn die Menschen an? Er flog über die mächtigen Bäume, die überall auf dem Friedhof standen und zog seine Kreise hoch über den Dächern der Stadt. Die letzten Sonnenstrahlen tauchten die Dächer in ein goldenes Licht.
Von hier oben sieht alles so friedlich aus. Er schob den Gedanken sofort wieder beiseite. Was ist bloß los mit mir?
Er ärgerte sich über solche Gedanken. Menschliche Gefühlsduselei, die niemand braucht, vor allem keine Bestie wie ich, ein Gargoyle. Trotzdem verspürte er solche Anflüge von Menschlichkeit in letzter Zeit wieder öfter. Er hatte solche Gedanken seit Jahrhunderten nicht gehabt.
Hat sie, diese junge Frau da unten, all diese Gefühle wieder in mir geweckt? Kann das sein, nach so langer Zeit?
Er konnte es sich nicht ernsthaft vorstellen und wagte es auch nicht zu hoffen. Ceyres zog weiter seine Kreise am Abendhimmel und flog eine weitere Runde über den alten Friedhof. Er schwebte hoch über den Wipfeln der alten Bäume und genoss den kühlen Wind unter seinen Flügeln. Seine Gedanken kühlten sich schnell wieder ab und er besann sich auf das, was er war – ein Gargoyle, bis er plötzlich einen erstickten Schrei hörte. Irgendwo unter dem Laub der Eichen. Ceyres lauschte, während er seine Flügel still hielt und sich gleiten ließ. Langsam verlor er an Höhe, aber er konnte nichts mehr hören. Still lagen die Gräber unter ihm da. Sein Gehör war so fein wie das eines Raubtieres. Er wollte gerade wieder Höhe in der Abendthermik aufnehmen, als er ein gequältes Röcheln am Boden wahrnahm, sehr leise nur, aber er wurde neugierig. Und so drehte er ab und glitt zwischen den Blättern der Baumkronen hindurch in Richtung Erdboden. Als er zwischen den obersten Ästen hervorstieß, sah er sie am Boden. Diese Frau, die Abend für Abend alleine auf dem Friedhof wandelte und Fotos schoss. Der Mann von vorhin war immer noch bei ihr. Als Ceyres näher kam, sah er, dass er sich nun über sie gebeugt hatte. Seine Hände zogen einen Gurt um ihren Hals zu. Er drückte ihr die Luft ab. Die Frau wehrte sich heftig, kam aber gegen den wesentlich stärkeren Mann nicht an. Ceyres sah, wie sie immer mehr nach Luft rang und dabei immer schwächer wurde. Ihre Bewegungen wurden unkoordinierter. Ihre Tritte und Schläge in Richtung des Angreifers verfehlten immer weiter ihr Ziel. Das konnte der Gargoyle nicht länger mit ansehen. Er stieß einen kurzen Warnschrei aus und schon hörte er das leise Flügelschlagen der anderen Gargoyles, die zu ihm herüberkamen.
„Hey Ceyres, was ist los?“
Killob schwebte neben ihm in der Luft.
„Der Kerl da unten bedrängt die Frau. Wir müssen ihr helfen!“
„Oh super, gleich zwei Menschen. Das wird ein leckeres Essen!“
Morlox leckte sich schon den Sabber von den Reißzähnen, während er näher zu den anderen beiden Gargoyles herübergeflogen kam. Ceyres verpasste ihm einen Kinnhaken.
„Du rührst die Frau nicht an, Morlox! Den Kerl kralle ich mir und dann kannst du ihn haben. Aber wehe, du versucht dir die Frau zu holen ...“
„Ist ja gut. Musst ja nicht gleich so aggro werden. Aber sie wäre eine leichte Beute, auch wenn nicht besonders viel an ihr dran ist.“ Morlox grinste Ceyres an. Er wusste, wie er seinen Gefährten reizen konnte. Und schon fing er sich den nächsten Schlag von Ceyres ein. Diesmal traf er seine Rippen, sodass Morlox kurz die Luft wegblieb. „Schon gut, ich verschone sie. Lohnt sich sowieso nicht. Die Kleine wäre eh nicht mehr als nur ein nettes Spielzeug“, sagte Morlox unter Husten.
Ceyres blickte nach unten und musste mit ansehen, wie der vermummte Mann versuchte, die junge Frau zu Fall zu bringen. Sie war schon so entkräftet, dass sie sich nicht weiter auf den Beinen halten konnte und schließlich zusammensackte.
Es wird höchste Zeit!
Der Unbekannte beugte sich sofort zu seinem Opfer herunter und versuchte, die Frau mit aller Kraft auf den Kiesweg zu drücken. In diesem Moment stieß der mächtige Gargoyle im Sturzflug die letzten Meter aus den Bäumen nach unten auf die beiden Menschen zu. Der Angreifer musste ihn aus dem Augenwinkel gesehen haben, denn er blickte kurz nach oben und ließ von seinem Opfer ab. Diesen Moment nutzte Ceyres aus. Er stieß die Frau unsanft mit seinen riesigen Füßen beiseite und packte den Mann mit seinen Vorderpranken. Seine Krallen bohrten sich in die Schultern seines Opfers, das gleichzeitig vor Schreck und vor Schmerzen aufschrie. Ceyres kümmerten die Qualen des Mannes in diesem Moment nicht. Er hielt ihn fest in seinen Pranken und zog ihn mit sich in die Höhe. Immer weiter nach oben. Das Gewicht des Mannes merkte er kaum. Sein von Muskeln durchzogener Körper schaffte es mühelos mit dem zappelnden Menschen in seinen Pranken an Höhe zu gewinnen.
„Gib ihn endlich her!“, rief Morlox ungeduldig und flatterte aufgeregt neben Ceyres, als der mit seiner Beute durch die Baumwipfel stieß.
Mit Schwung schleuderte er den hilflosen Mann zu Morlox herüber, aber Killob war schneller und schlug seine scharfen Krallen in die Seite des Mannes, der vor Schmerzen aufstöhnte. Hoch über den Wipfeln der Eichen stürzten sich die Gargoyles nun regelrecht auf das zappelnde Etwas und einer jagte es dem anderen wieder ab. Der Mann hatte mittlerweile aufgehört zu schreien. Er hatte seine Augen in Todesangst aufgerissen, als er schließlich ohnmächtig wurde. Die Gargoyles spielten noch eine Weile mit ihm, wie mit einem Ball. Sie schleuderten ihn immer wieder im Flug von einem zum anderen, während sie sich langsam immer weiter vom Friedhof und der Stadt entfernten. Über dem freien Feld fliegend, begannen sie den Körper in Stücke zu reißen. Ceyres musste sich beeilen, wenn er selber noch ein Stück zu fressen abbekommen wollte. Abseits vom Friedhof ließ sich die Gruppe auf einem abgeernteten Getreidefeld im Schutz des angrenzenden Waldes nieder und verspeiste gemeinsam die Beute. Es war ein Keifen und Knurren zu hören, während sich die acht Gargoyles um ihre Mahlzeit stritten. Sie zerrten alle gleichzeitig an dem toten Körper, rissen riesige Fleischstücken heraus und schlangen sie eilig herunter, während sie schon nach neuen Bissen griffen.
„Hey, das gehört mir!“, knurrte Morlox einen der anderen Gargoyles an und riss ihm den blutigen Unterschenkel aus der Pranke.
Ceyres griff sich den linken Arm des Toten und riss das Fleisch von den Knochen. Er hörte neben sich Knochen brechen und drehte sich um. Killob verspeiste gerade einen Fuß des Mannes.
„Nicht schlecht, was du uns hier zum Frühstück besorgt hast.“
„Wenn man auf den Geschmack von Menschenfleisch steht ...“
„Jetzt fang nicht wieder damit an. Dieses dämliche Gequatsche von Kannibalismus und so. Du bist ein Gargoyle und kein Mensch – und das seit Jahrhunderten. Da wirst du dich jawohl langsam mal dran gewöhnen können, Menschen als Beute zu akzeptieren. Hier, nimm den Kopf, der ist das Beste.“
„Lass die Finger davon. Der Kopf gehört mir. Ich will das Hirn!“
Morlox schlug ihm kräftig auf das Handgelenk und schnappte sich den Kopf der Beute, ehe Ceyres ihn aus den Händen von Killob nehmen konnte.
„Nimm ihn ruhig. Ich bin sowieso satt.“
Ceyres stand auf und ging zu einer der Kiefern am Waldrand herüber.
Dort saß er nun und leckte sich die letzten Tropfen Blut von den Krallen, während seine Artgenossen sich um die Reste des toten Mannes stritten. In diesem Moment kam ihm diese Frau wieder in den Sinn.
Was, wenn sie immer noch auf dem Kiesweg liegt? Was, wenn sie schwer verletzt ist? Sie darf nicht sterben!
Er hatte in den vergangenen Jahrhunderten unzählige Menschen kommen und gehen sehen, aber keiner von ihnen hatte ihn je gekümmert. Er hatte auch viele Menschen, ob Frauen, Kinder oder auch Männer, vor Angreifern oder aus anderen gefährlichen Situationen gerettet, aber keiner war ihm je konkret in Erinnerung geblieben. Es war die menschliche Seite in ihm, die ihn geradezu zwang, Menschen aus gefährlichen Situationen zu retten. Anfangs hatte er noch die Hoffnung gehabt, dass er so irgendwann seinen Fluch besiegen und selbst wieder ein Mensch werden könnte, aber diese Hoffnung hatte er schon lange aufgegeben. Sobald er einen Menschen in Sicherheit gebracht hatte, ließ er ihn allein zurück und verschwand lautlos im Nachthimmel. Niemand erinnerte sich später an ihn. Die geretteten Menschen waren noch so mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihn nicht wahrnahmen. Und wenn doch mal einer von ihnen irgendwo in seinem Unterbewusstsein etwas von dem Gargoyle bemerkte, verdrängte er es sofort wieder, denn wie sollte ein Mensch des 21. Jahrhunderts erklären können, dass ein Monster ihn aus seiner misslichen Lage gerettet hatte? Niemand glaubte mehr an diese Bestien, genauso wenig wie an Hexen, Vampire und andere offensichtliche Fabelwesen. Und es nahm sie auch keiner der Menschen mehr wahr, wenn sie ihnen begegneten. Die Leute waren viel zu sehr mit sich selber beschäftigt, als dass sie über die Existenz von anderen Wesen nachdenken konnten. Sie lebten in ihrer digitalisierten Welt vor sich hin und sahen weder nach links noch nach rechts. Und schon gar nicht nach oben in den Himmel, wo die Gargoyles Nacht für Nacht ihre Kreise zogen. Nur diese junge Frau hatte Ceyres schon öfter dabei beobachtet, wie sie unter einer der Friedhofskastanien oder einer der Eichen saß und gedankenverloren in den Abendhimmel starrte, bevor sie ihre Sachen zusammenpackte und in der Dämmerung wieder verschwand. Den Gargoyle hatte sie dabei bisher nicht wahrgenommen. Ihr Schutzschild funktionierte also noch. Es verhinderte schon seit Jahrhunderten, dass die Gargoyles von den Menschen entdeckt wurden, während sie Nacht für Nacht hoch am Himmel ihre Kreise zogen. Solange sie nicht zu tief flogen, waren sie vor den Blicken der Menschen sicher. Deshalb hatte Ceyres auch immer gebührenden Abstand gehalten, wenn er diese Frau auf dem Friedhof gesehen hatte. Und doch spürte er dieses innerliche Verlangen nach ihrer Aufmerksamkeit. So etwas hatte er noch nie gespürt. Seit Jahrhunderten vegetierte er in dieser Gestalt vor sich hin, hatte sich langsam damit abgefunden im Körper dieser Bestie gefangen zu sein und ignorierte die Menschen so gut er konnte. Nur diese zierliche Frau mit den langen braunen Haaren, die sie meistens zu einem Zopf geflochten trug, ging ihm nicht mehr aus dem Sinn. Besonders heute Nacht nicht. Er hatte immer wieder überlegt, ob er sie verfolgen sollte, wenn sie vom Friedhof wegging, um zu sehen, wo sie wohnte, was sie machte, wen sie traf, aber er ließ es doch jedes Mal. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an seine große Liebe Ottilie. Wegen seiner Liebe zu ihr war er in der Gestalt dieser Bestie seit Jahrhunderten gefangen. Sie hatte ihr Leben ohne ihn zu Ende gelebt. Ceyres hatte sie nie aus den Augen gelassen. Er hatte sie den Rest ihres Lebens begleitet, ihr so manches Mal unbemerkt zur Seite gestanden, aber er hatte sie auch altern und schließlich sterben sehen. Es hatte ihm das Herz zerrissen, zu sehen, wie seine Geliebte mit den Jahren immer schwächer geworden war. Er hätte all die Jahre an ihrer Seite sein müssen, war es aber nicht. Obwohl mittlerweile Jahrhunderte seitdem vergangen waren, schmerzte ihn diese Erfahrung immer noch ungemein.
