27,99 €
Komisch und kurios, zutiefst kritisch und poetisch: Otto Grünmandl entführt sein Publikum in die Welt des aberwitzigen Humors. Tiefer Sinn im Unsinn Otto Grünmandl avancierte nach seinem legendären Auftritt mit dem Einmannstammtisch in den 70ern zum ersten Solokabarettisten der österreichischen Kleinkunstszene. Seine Texte, zwischen Klamauk und Satire, Unterhaltungskunst und Literatur changierend, bestechen durch einen unverwechselbaren Ton und feinsinnig-tiefgründigen Humor. Das Forschungsinstitut Brenner-Archiv legt nun, im Rahmen der Werkausgabe, eine umfassende, aus den Nachlassmaterialien zusammengestellte Textauswahl vor: Neben Bühnenklassikern wie Ein Fußbad im Schwarzen Meer und Ich heiße nicht Oblomow versammelt der Band viele in Vergessenheit geratene Hörspiele, die darauf warten, neu entdeckt zu werden. Progressive Anti-Haltung innerhalb höchst konservativer Strukturen Dichter und Denker, Entertainer und satirischer Geist: Grünmandl zerschlägt mit seinen Texten lust- und humorvoll widersinnige Grenzpflöcke. Seine Hörspiele sind bisher ungedruckt geblieben und nur mehr in den Erinnerungen von Augen- und Ohrenzeugen als typische Stücke der unverwechselbaren "Marke Grünmandl" lebendig geblieben. Dieser Band holt sie nun zum ersten Mal aufs Papier und bezeugt ein weiteres Mal, die humoristische Kunst mit politischer Spitze, die das "Einmanngesamtkunstwerk" so treffend und nah am Puls der Zeit für sein Publikum bespielte. "Grünmandl begegnet dem fatalen Zustand der Welt mit einer Komik, die bei ihm etwas grüblerisch Verbohrtes ebenso aufweist wie die Lust, die Sprache auf ihre Neigung, Abgründiges als Skurriles hervorzubringen, abzuklopfen." Salzburger Nachrichten, Anton Thuswaldner
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Andreas VitásekVORWORT
ROCHADE
DER EINMANNSTAMMTISCH
ICH HEISSE NICHT OBLOMOW
EIN FUSSBAD IM SCHWARZEN MEER
POLITISCH BIN ICH VIELLEICHT EIN TROTTEL, ABER PRIVAT KENN ICH MICH AUS
ROBINSON, FREITAG UND DAS KROKODIL
DIE GLEICHGÜLTIGENDer FaßengelDie Gemüsefrau und der Schauspieler
THE MOUNTAIN SINGERS
DER JODLER VOM KARPATHENSCHLOSS
KREISVERKEHR
Maria PiokANMERKUNGEN ZUR EDITION
Über den Autor
Über die Herausgeberinnen
Als ich Anfang der 80er-Jahre Otto Grünmandl zum ersten Mal spielen sah, war es für mich so etwas wie ein kabarettistisches Satorierlebnis. Auf der Bühne der damals wichtigsten Kleinkunstbühne „Kulisse“ in der Wiener Vorstadt stand ein leicht übergewichtiger Tiroler mit dem Aussehen eines Biedermanns, der altersmäßig mein Vater sein konnte, und führte sich auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er führte SICH auf. Diese Aufführung hieß Ich heiße nicht Oblomow und war für mich, der gerade am Beginn meiner sogenannten Karriere stand, von nun an der Goldstandard für das, was ein Mensch allein auf einer Bühne vollbringen kann.
Und der Otto, ich erlaube mir die amikale Verwendung des Vornamens – trotz der Namensgleichheit mit einem ostfriesischen Komiker –, wurde für mich so etwas wie ein Vorbild im erweiterten Sinn. Nicht jemand, den man nachmachen möchte, imitieren, sondern einer, dessen Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit Mut macht, ebenso in eine eigene Richtung zu gehen, einen eigenen künstlerischen Weg einzuschlagen.
Einige Zeit später teilte ich mit Otto und anderen Kabarettisten die Bühne des Linzer Posthofes anläßlich eines Benefizabends zur Finanzierung der Ausbildung eines Blindenhundes. Und backstage kam ich mit Otto ins Gespräch, gestand ihm, wie beeindruckt ich von seinem Oblomow gewesen wäre und ob er denn glaube, dass ich das Stück einmal spielen könnte. Und er antwortete: „Wer, wenn nicht du?“
Ich interpretierte seine Antwort als kollegiale Höflichkeit, doch schon einige Tage später lag das Textbuch in meinem Postkasten. Nun war es ein Auftrag.
Schon bald bemerkte ich beim Lesen des Stücks, dass ich noch viel zu jung war für diese Lebensbeichte eines alternden Komikers im Ruhestand. Es fehlte mir dafür einfach die Erfahrung, vor allem die bittere Erfahrung der Niederlagen.
So landete das Textbuch auf dem Stapel der Projekte, die ich mir für später vornehmen wollte, mit der Zeit stapelten sich andere Projekte darüber und begruben den Oblomow unter sich. Er begann schön langsam aus meinem Bewußtsein zu verschwinden.
Otto hingegen traf ich immer wieder, mal nach seinen Gastspielen in Wien, dann wieder zufällig auf Tour.
Einmal saß ich im Café Central in Innsbruck und frühstückte, als Otto das Lokal betrat.
Ich: Hallo Otto, wie geht’s? Was machst’ denn?
Otto (laut): Ich hab mir grad die Batterien von meinem Herzschrittmacher austauschen lassen!
Ich (herumstotternd): Ah, echt … ja … äh … wie ist das so mit einem Herzschrittmacher?
Otto: Siehst du die schöne Frau, die da grad rausgeht? Wenn ich der nachschau, ändert sich nichts am Herzschlag. Der bleibt gleich. Mit so einem Herzschrittmacher bischt cool.
2015, Otto war schon 2000 gestorben und mein Leben um einige Erfahrungen, auch der bitteren, reicher, beschloss ich, den Oblomow endlich in Angriff zu nehmen. Ich nahm mir das Textbuch her und erkannte sehr bald, dass dieser Text autobiographischer war, als ich ursprünglich gedacht hatte. Autobiographisch sogar in einem prophetischen Sinn. Ebenso wie die Figur des Komikers im Stück zog sich auch Otto am Ende immer mehr in sein hermetisches Universum zurück. Nur mehr eingefleischte Fans konnten ihm in den letzten Stücken dorthin folgen und ich gebe zu, dass auch ich oft Schwierigkeiten hatte „mitzukommen“.
Zum Schluss spielte und lebte er so wie seine Kunstfigur in seinem Zimmertheater in Hall. Daraus entstand bei mir die Idee, das Stück um andere Texte vom Otto zu erweitern und daraus so etwas wie eine Hommage zu schaffen.
Bei der Suche nach den Texten lernte ich über die Vermittlung von Ulli Leitner Ottos Sohn Florian kennen, der den Nachlass seines Vaters im Forschungsinstitut Brenner-Archiv mitbetreut. Ihm habe ich auch die Entdeckung der Lyrik Grünmandls zu verdanken. Zwar streute Otto immer wieder lyrische Passagen in seine Solos ein, aber als reiner Lyriker war er mir und sicher nicht nur mir bis dato unbekannt. Vor allem der Band Hinter den Jahren mit einer beigelegten CD einer seiner letzten Lesungen ist ein echtes Juwel.
Ich verwendete also das Stück Ich heiße nicht Oblomow als Grundgerüst und erweiterte es um Gedichte, Texte aus anderen Stücken und Teilen aus den Alpenländischen Interviews. Am Ende kam sogar noch der Dichter höchstpersönlich zu Wort. So entstand das Stück Grünmandl oder das Verschwinden des Komikers.
Die Premiere fand 2016 im Theater Stromboli in Hall in Tirol statt, sozusagen in der Höhle des Löwen, und nach der Vorstellung kam eine ältere Dame auf mich zu und flüsterte: „Wie Sie da auf der Bühne gestanden sind und das Licht ist so von der Seite gekommen, hab’ ich mir gedacht: Jö, der Otto ist wieder da.“ Und so wie sie es gesagt hat … ich glaub, da war einmal was.
Die darauffolgende Aufführungsserie im Rabenhof Theater in Wien wurde zum großen Erfolg, sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum, vor allem bei denen, die Otto noch gekannt haben. Auf der Tour mußte ich leider manchmal feststellen, dass viele Besucher nicht wußten, wer Otto Grünmandl war und manche nahmen sogar an, er wäre eine von mir geschaffene Kunstfigur.
Einmal nach einer Vorstellung im Lustspielhaus in München, meinte ein Zuseher: „Ich habe so ziemlich alles vom Grünmandl im TamS gesehen. Und wie ich gelesen habe, dass das wer anderer spielen möchte, hab’ ich mir gedacht, das kann nicht funktionieren. Aber so wie Sie es gemacht haben, so geht’s.“
Möglicherweise hätte ich ohne die geglückte Arbeit an den Texten Grünmandls nicht den Mut aufgebracht, mich an Merz/Qualtingers Herr Karl zu wagen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Andreas Vitásek
PERSONEN:
Wachtmeister
Pyjama
Brille
dessen Frau
Passanten
ORT:
die Bühne
ZEIT:
Datum und Dauer der Aufführung
Ein grauer, verlassener Platz in einem Vorstadtviertel. Telefonzelle.
Ein, zwei Passanten gehen vorüber.
Aus einer gleichsam hinter der Bühne liegenden Nebenstraße hört man das Geräusch einer Straßenbahn.
Stille. Der Platz ist leer.
Aus einer Seitenstraße kommt mit eilenden Schritten der Wachtmeister hervor. Er ist erregt und blickt suchend umher.
Wachtmeister(in verschiedene Richtungen):
Pyjama! … Pyjama! … Verdammt nocheinmal … Pyjama!! Weg ist er. Das mir. Egal, ich muß es melden. (Er öffnet die Tür zur Telefonzelle. Pyjama läuft über die Bühne.) Pyjama! (Pyjama bleibt am anderen Ende der Bühne stehen. Der Wachtmeister schließt die Tür wieder und stellt sich vor der Telefonzelle auf.) Komm her! (Pyjama dreht sich langsam um und blickt zum Wachtmeister hin.) Na, komm schon. (Pyjama geht zum Wachtmeister hin und bleibt vor ihm stehen.) Was schnaufst du denn so?
Pyjama:
Vom Laufen.
Wachtmeister:
Vom Laufen … vom Davonlaufen!
Pyjama(erregt):
Ist nicht wahr, Herr Wachtmeister, ich wollte nur …
Wachtmeister:
Still! Jetzt rede ich.
Pyjama:
Jawohl, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Immer ruhig Blut, Pyjama.
Pyjama:
Zu Befehl, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Na siehst du, geht doch auch so.
Pyjama:
Jawohl, Herr Wachtmeister, geht auch so.
Wachtmeister:
Also, du wolltest nicht?
Pyjama:
Was?
Wachtmeister: Echappieren?
Pyjama:
Verstehe ich nicht.
Wachtmeister:
Nun … türmen … verstehst du? Abhauen, verschwinden, verduften, dich ganz plötzlich dünne, dünne machen, husch, husch, hast du nicht gesehen? Pyjama ist nicht mehr da.
Pyjama:
Das meinen Sie, Herr Wachtmeister?
Wachtmeister: Jawohl! Das meine ich!
Pyjama:
Daran habe ich wirklich nicht gedacht, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister(ironisch):
Ach, daran hast du ja noch nie gedacht, was?!
Pyjama:
Hab tatsächlich noch nie daran gedacht, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Und warum fängst du dann auf einmal zu laufen an, he?!
Pyjama:
Kann sein, daß ich einfach laufen mußte.
Wachtmeister:
Mensch, erzähl mir keine Märchen. Hast du mich nicht schreien gehört?!
Pyjama:
Doch.
Wachtmeister:
Und warum bleibst du dann nicht stehen?!
Pyjama:
Bin ich ja, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Bist du ja, bist du ja, natürlich bist du stehengeblieben, hätte es dir auch nicht anders geraten. (Der Wachtmeister zeigt ihm seine Pistole.) Da! Schau dir das gut an. Das nächstemal knallt’s.
Pyjama:
Jawohl, Herr Wachtmeister.
Der Wachtmeister steckt seine Pistole wieder ein. Er vergißt dabei, die Tasche zu schließen.
Wachtmeister:
Kann sein, daß ich einfach laufen mußte … Du bist vielleicht ein verrücktes Aas.
Der Wachtmeister hat sich wieder beruhigt. Er nimmt sich eine Zigarre und bietet Pyjama auch eine an.
Wachtmeister:
Da!
Pyjama:
Bin so frei, Herr Wachtmeister. – Hoffe, Sie nehmen es nicht übel, wenn ich sie nicht gleich rauche. Früher habe ich eine Zeitlang immer abends eine Zigarre geraucht. Füße gebadet und dabei in aller Ruhe meine Zigarre …
Wachtmeister:
Schon gut. (Der Wachtmeister zündet sich seine Zigarre an.) Jetzt mal ganz offen. Von Mann zu Mann. Sag, stimmt das? Hast du wirklich noch nie daran gedacht?
Pyjama:
Woran, Herr Wachtmeister?
Wachtmeister:
Na, du weißt schon, was du vorher gesagt hast. Ans Abhauen.
Pyjama:
Sie glauben mir das nicht, sonst würden Sie mich nicht noch einmal fragen, so ein Pyjama lügt ja immer.
Wachtmeister:
Sei doch nicht gleich beleidigt oder … tust du nur so, damit du mir nicht zu antworten brauchst?
Pyjama:
Herr Wachtmeister, von Mann zu Mann, es ist wahr, ich habe wirklich noch nie daran gedacht, ich kann’s beschwören, noch nie!
Der Wachtmeister sieht Pyjama lange an.
Wachtmeister:
Da sieht man wieder einmal, was für ein kurioser Kauz von einem Kriminellen du bist. Ist mir noch nicht untergekommen.
Pyjama:
Wie meinen Sie das, Herr Wachtmeister?
Wachtmeister:
Wie ich das meine? – Da sitzt der Mensch nun sage und schreibe schon über ein Jahr und denkt nicht an Flucht und fragt noch, wie ich das meine. – Über ein Jahr und denkt nicht an Flucht. – Schäm dich.
Pyjama:
Schäme ich mich eben.
Wachtmeister:
Schon wieder beleidigt?
Pyjama:
Ihnen kann man nichts recht machen, Herr Wachtmeister, das weiß ich schon.
Wachtmeister:
Jetzt mach aber einen Punkt.
Pyjama:
Ist doch wahr.
Pyjama geht in der eingeschlagenen Richtung weiter.
Wachtmeister:
Halt! (Pyjama bleibt stehen.) Komm her! (Pyjama dreht sich langsam um.) Na, komm schon! (Pyjama geht wieder zum Wachtmeister zurück.) Was ist wahr?
Pyjama:
Weil es wahr ist.
Wachtmeister:
Was?
Pyjama:
Ihnen kann das doch nur recht sein, Herr Wachtmeister, wenn unsereins nicht an Flucht denkt. – Oder? – Ist ja viel einfacher für Sie.
Wachtmeister:
So – meinst du?
Pyjama:
Jawohl, das meine ich. Und ich sehe nicht ein, warum ich mich deshalb schämen sollte.
Der Wachtmeister bietet Pyjama erneut eine Zigarre an.
Wachtmeister:
Hier, nimm dir noch eine, aber die rauchst du jetzt gleich.
Pyjama:
Danke.
Pyjama nimmt die Zigarre und raucht sie an, wobei ihm der Wachtmeister Feuer gibt.
Wachtmeister:
Was glaubst du, wenn alle so dächten wie du, wozu ich dann überhaupt noch gut wäre?
Pyjama:
Ist doch viel bequemer für Sie, wenn ich nicht türme, es gar nicht erst versuche, ist auch für mich bequemer. Das sage nicht nur ich, das sagen alle. – Gar nicht erst daran denken, so ist es am bequemsten.
Wachtmeister:
Mensch, Pyjama, wenn ich dich so reden höre, das treibt mir den Angstschweiß aus allen Poren.
Pyjama:
Sie machen sich einen Spaß.
Wachtmeister:
Spaß?! Ja, Mensch!! Begreifst du das nicht?! – Mit der Einstellung bringst du mich um meine Existenz. Vergiß nicht, ich bin verheiratet, habe vier Kinder, fünftes unterwegs. – Was glaubst du, wenn ihr nicht einmal mehr daran denkt, was dann passieren wird?
Pyjama:
Keine Ahnung, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Kannst du dir das nicht vorstellen?
Pyjama:
Wozu? So ist es bequemer.
Wachtmeister:
Für dich und deinesgleichen vielleicht. Aber mehr wollt ihr ja nicht. Asoziales Element!
Pyjama(mit steigender Erregung):
Asoziales Element?! – Herr Wachtmeister, ich habe meine Frau umgebracht, stimmt, war aber Totschlag, nicht Mord, ich bin kein asoziales Element, ich nicht. – Asoziales Element – ! – Ach was! Ich brauche Ihre Zigarren nicht! – Da!
Pyjama wirft die Zigarre auf den Boden und tritt sie erregt aus.
Wachtmeister:
Na, na, na, na, beruhige dich, Pyjama. (Er will Pyjama beruhigend auf die Schultern klopfen, der fährt heftig zurück.) Schau, das habe ich doch nicht so gemeint, so ein Wort kann einem doch einmal herausrutschen. Ich kenn dich ja. Ich weiß doch, daß du kein asoziales Element bist. Du nicht. – Komm! (Der Wachtmeister geht weiter. Pyjama bleibt stehen.) Na, komm schon!
Pyjama schließt sich dem Wachtmeister zögernd an.
Wachtmeister(im Gehen):
Mir geht es um etwas anderes, um etwas ganz, ganz Ernstes. (Bei den letzten Worten bleiben beide erneut stehen.) Paß auf! – Es ist meine Aufgabe, wenn du fliehst, dies durch mein amtliches Dazwischentreten zu verhindern, verstehst du?
Pyjama:
Verstehe, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Es ist meine Aufgabe, alle Vorbereitungen zur Flucht rechtzeitig zu entdecken und amtlich zu unterbinden, verstehst du?
Pyjama:
Verstehe, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Es ist meine Aufgabe, alle Vorbereitungen zur Flucht rechtzeitig zu … Nein, das habe ich ja gerade gesagt. – Es ist meine Aufgabe, menschlich auf den Gefangenen zu wirken und seine Fluchtgedanken schon im Keime amtlich zu zerstreuen. – Verstehst du?
Pyjama:
Verstehe, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Gut, dann bedenke doch: Das alles kann ich nur, wenn Gefangene fliehen, wenn sie Vorbereitungen zur Flucht treffen, wenn sie Fluchtgedanken haben.
Pyjama:
Verstehe, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Wenn sie aber wie du und deine Kameraden nicht einmal mehr an Flucht denken, dann kann ich das nicht. Dann kann ich meine amtsbeschworenen Aufgaben nicht mehr erfüllen, weil sie mir von dir und deinesgleichen nicht mehr gestellt werden. – Ja, und damit, ob du nun beleidigt bist oder nicht, damit beginnt ihr tatsächlich, asozial zu werden, weil ihr mich durch euer Verhalten meiner sozialen Funktion beraubt, mir die Existenz unter den Füßen wegzieht, mich brotlos macht, mich und meine arme Familie auf die Straße stellt, dem Elend preisgebt. Und das alles nur, weil das bißchen Mühe gescheut wird, sich ein paar Gedanken über das Türmen zu machen. Weil es ja viel bequemer ist. – Pfui, Pyjama, pfui!
Pyjama(bestürzt):
Entschuldigen Sie, Herr Wachtmeister, aber so habe ich das noch gar nicht betrachtet.
Wachtmeister:
Ja, mein Lieber, jedes Ding hat eben zwei Seiten, und was für einen selbst am bequemsten ist, kann für einen anderen sehr unbequem werden, aber schon sehr.
Pyjama geht ein paar Schritte vom Wachtmeister weg und hebt ein Eisen vom Boden auf.
Wachtmeister:
Wozu hebst du denn das Eisen auf?
Pyjama geht wieder auf den Wachtmeister zu.
Pyjama:
Ich dachte mir, ich schlage es Ihnen auf den Schädel und mach mich aus dem Staub.
Wachtmeister(gerührt):
Pyjama, das wolltest du wirklich für mich tun? Bist ein guter Kerl.
Pyjama:
Herr Wachtmeister, Sie waren immer menschlich zu mir. Für Sie, ich weiß nicht, was ich für Sie alles machen würde. Gestatten Sie?
Pyjama hebt die Hand mit dem Eisen in die Höhe.
Wachtmeister:
Nein, nein, Pyjama, so einfach ist das nicht. Komm, wirf das Eisen weg.
Pyjama wirft das Eisen wieder weg.
Pyjama:
Ich habe es gut gemeint, Herr Wachtmeister. Bin ein einfacher Mensch. Ich kann nicht um drei Ecken denken. Das macht mich ganz wirr. Ich will Ihnen helfen. Ich bin kein asoziales Element. Ich will helfen.
Wachtmeister:
Ist schon recht, Pyjama. Zerbrich dir nicht den Kopf darüber. Dafür bin ich da. Mir wird schon etwas einfallen. Komm, gehen wir weiter.
Der Wachtmeister geht weiter. Pyjama bleibt stehen. Nach ein paar Schritten dreht sich der Wachtmeister um.
Wachtmeister:
Na, komm schon.
Wachtmeister und Pyjama gehen ab.
Brille, bepackt mit einem transportablen Zeitungsständer und geführt von seiner Frau, tritt auf.
Die Frau trägt einen Schemel mit sich. Neben der Telefonzelle stellt sie den Zeitungsständer auf, ordnet die Zeitungen, gibt den Holzteller für das Geld auf seinen Platz.
Brille:
Die Schlagzeilen –
Frau: Lustmord im …
Brille:
Die politischen zuerst.
Frau:
Regierungsumbildung in Moskau.
Brille:
Wo?
Frau:
Neue Zeitung.
Brille:
Erste links, zweite oben.
Frau:
Lustmord –
Brille:
Politisches, dann der Sport und am Schluss Sittliches.
Frau:
Schon gut, reg dich nicht auf.
Brille:
Also –
Frau:
Spielabbruch beim Meisterschaftsderby, Sport vom Sonntag.
Brille:
Dritte oben, vierte links.
Frau:
Lustmord im Orientexpress.
Brille:
Das interessante Blatt?
Frau:
Ja.
Brille:
Dritte links, dritte rechts, zweite oben, zweite unten.
Ein Passant kommt, nimmt sich eine Zeitung, wirft das Geld in den dazu bereitgestellten Holzteller und geht wieder.
Frau:
Brauchst du noch etwas?
Brille:
Nichts.
Frau:
Dann geh’ ich jetzt.
Brille:
Geh.
Sie geht ab. Brille läßt Münzen auf den Holzteller fallen.
Brille:
Zehn … zehn … fünf … zwanzig … zehn …
Ein Passant kommt. Er bleibt vor den Zeitungen stehen und pfeift tonlos, zischelnd die Melodie von „Ein Männlein steht im Walde“ vor sich hin. Er hört damit auch nicht auf, als ihn Brille um seine Wünsche fragt.
Brille:
Sie wünschen? … (Passant pfeift weiter.) Bitte schauen Sie nur. Können sich auch nehmen. Der Preis steht ja überall dabei. Das Geld in den Holzteller, bitte … (Passant pfeift weiter.) Haben Sie einen besonderen Wunsch? (Passant pfeift weiter.) Hören Sie, wäre doch nichts dabei, wenn Sie mir antworten wollten … (Passant pfeift weiter.) Anscheinend wünschen Sie gar keine Zeitung … (Passant pfeift weiter.) Wenn Sie sich nicht genieren, einem blinden Mann das Geld aus der Tasche zu ziehen, bitte, nehmen Sie, bedienen Sie sich! … (Passant pfeift weiter.) Hören Sie endlich mit dieser blödsinnigen Pfeiferei auf!! … (Passant pfeift weiter.) Ich kann es Ihnen ja nicht verbieten … (Passant pfeift weiter.)
Brille fängt nun seinerseits dasselbe Lied zu singen an. Zuerst äfft er den Passanten wütend nach, dann aber findet er irgendwie Gefallen an seinem eigenen Gesang und beginnt, betont schön zu singen. Daraufhin hört der Passant zu pfeifen auf, nimmt eine Zeitung, wirft das Geld in den Holzteller und geht. Nun hört Brille zu singen auf. Er nimmt das Geld aus dem Holzteller und steckt es in die Tasche oder gibt es in eine kleine Kassette.
Pyjama und Wachtmeister treten auf.
Wachtmeister:
Tag, Brille.
Brille:
Fein, daß ihr da seid.
Wachtmeister:
Pyjama, das ist Brille. Eine Kanone in seinem Fach. Was, Brille?
Brille:
Kann mich doch nicht selbst loben. Sag, ist das ein Neuer?
Wachtmeister:
Pyjama?
Brille:
Hm.
Wachtmeister:
Sitzt schon über ein Jahr. Hat seine Frau umgebracht.
Brille stößt einen Pfiff aus.
Wachtmeister:
Nicht gerade ein Neuer, was Pyjama?
Pyjama:
Zu Befehl, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister: Immerhin, mit mir ist er heute das erstemal auf Tour. – Wenn du willst, also doch eine Art Neuer, zumindest für dich, Brille.
Brille:
Sollen wir ihm da nicht unser Spielchen vorführen?
Wachtmeister:
Das will ich meinen.
Brille:
Fein, ich bin bereit.
Wachtmeister:
Pyjama!
Pyjama:
Zu Befehl, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Steh bequem und gib gut acht.
Pyjama:
Jawohl.
Brille pfeift während des folgenden Dialogs Wachtmeister – Pyjama das Lied „Ein Männlein steht im Walde“ ohne Unterbrechung vor sich hin.
Wachtmeister:
Der Mann hier, du siehst es selbst, trägt eine dunkle Brille. Was schließt du daraus?
Pyjama:
Daß er blind ist, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Das ist richtig. – Er verkauft Zeitungen. Das siehst du selbst. Was schließt du daraus?
Pyjama:
Daß … daß … weiß nicht, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Du schließt daraus: er hat seinen Lebensmut bewahrt. Was schließt du daraus?
Pyjama:
Er hat seinen Lebensmut bewahrt, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Das ist richtig. – Er hat seinen Lebensmut bewahrt und, obwohl ewige Nacht seine Stirn umlagert, gibt er nicht auf und kämpft um seinen Platz an der Sonne. – Das ist Mut, Pyjama. Das ist Bewährung, Lebensbewährung. Da kannst du dir ein Beispiel nehmen, ein Lebensbeispiel, verstanden?
Pyjama:
Jawohl, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Was kannst du dir?
Pyjama:
Ein Lebensbeispiel nehmen.
Wachtmeister:
Das ist richtig. Und jetzt paß auf!
Brille hört auf zu pfeifen.
Wachtmeister:
Wir werden dir nun vorführen, mit welcher Präzision Brille sein Handwerk beherrscht, mit welcher Eleganz. – Geschwindigkeit ist keine Hexerei, doch bei Brille grenzt es daran. Bist du bereit, Brille?
Brille:
Was darf es sein?
Wachtmeister:
Sport vom Sonntag.
Brille:
Dritte von oben, vierte von links, hier, zehn.
Wachtmeister:
Neue Zeitung.
Brille:
Erste links, zweite oben, hier, zwanzig.
Wachtmeister:
Das interessante Blatt.
Brille:
Drittes von links, drittes von rechts, zweite von oben, zweite von unten, hier, fünfzehn.
Wachtmeister:
Macht zusammen?
Brille:
Das waren zehn, zwanzig, ist dreißig, fünfzehn ist fünfundvierzig. Macht fünfundvierzig.
Wachtmeister:
Und jetzt kommt das Tollste. Gib gut acht, Pyjama. Brille erkennt am Ton der auffallenden Münze ihren Wert.
Der Wachtmeister läßt eine Münze in den Holzteller fallen.
Brille:
Zehn.
Wachtmeister:
Richtig.
Wachtmeister läßt eine zweite Münze fallen.
Brille:
Zwanzig.
Wachtmeister:
Richtig.
Eine dritte Münze fällt in den Holzteller.
Brille:
Zehn.
Eine vierte Münze fällt in den Holzteller.
Brille:
Fünf.
Wachtmeister:
Richtig! Richtig! Hehehehehe, Brille, jetzt noch das Schlußverslein.
Während sich der Wachtmeister nun etwas vorbückt, um Brille besser hören zu können und diesem seine ganze Aufmerksamkeit zuwendet, zieht ihm Pyjama die Pistole aus der Tasche, blickt sie kurz an und steckt sie dann, während Brille noch spricht, schnell ein.
Brille:
Besten Dank, mein Herr, verbindlichsten Dank, mein Herr, beehren Sie mich wieder, mein Herr, danke schön, mein Herr, wünsche angenehme Lektüre, mein Herr, auf Wiedersehen, besten Dank, verbindlichsten Dank, danke schön.
Wachtmeister:
Na, Pyjama, was sagst du jetzt?
Pyjama:
Alle Achtung, der Mann versteht sein Geschäft.
Brille:
Glauben Sie ja nicht, daß das von selbst kommt. – Da heißt es üben, täglich üben. Allerdings, wenn man es kann, ich meine, so richtig aus dem FF kann, macht es Spaß. Ob Sie es glauben oder nicht, Zeitungverkaufen kann richtig Spaß machen.
Wachtmeister:
Bis morgen, Brille.
Der Wachtmeister geht. Pyjama folgt ihm zögernd.
Brille:
He! Sie!
Wachtmeister ab. Pyjama zu Brille zurück.
Pyjama:
Was ist?
Brille:
Ist es wahr? Haben Sie wirklich Ihre Frau umgebracht?
Pyjama:
Ja, es stimmt.
Brille:
Wie haben Sie das gemacht?
Pyjama:
Na, so halt.
Brille:
Wie, so halt? Mit den Händen?
Pyjama:
Mag nicht darüber reden.
Brille:
Wieviel haben Sie denn bekommen?
Pyjama:
Fünf Jahre, mildernde Umstände, vermindert zurechnungsfähig.
Wachtmeister(unsichtbar aus der Kulisse):
He! Pyjama!
Brille:
Der hat gar nicht gemerkt, daß Sie bis jetzt nicht bei ihm waren.
Wachtmeister:
Na, komm schon! Wir müssen weiter.
Brille:
An Ihrer Stelle hätte ich mich verdrückt. Der hat bis jetzt nicht gemerkt, daß Sie nicht bei ihm waren.
Pyjama:
Zu Befehl, Herr Wachtmeister. Ich komme.
Pyjama ab in Richtung Wachtmeister.
Brille:
So eine Chance möcht ich auch einmal haben. (Er nimmt die Münzen vom Holzteller und läßt sie wiederholt der Reihe nach in den Holzteller fallen.) Täglich üben … So eine Chance möcht ich auch einmal haben … Zehn … Zehn … Zwanzig … Fünf … Zwanzig … Zehn … Zehn … Von Zeit zu Zeit … die Namen der Zeitungen … laut vor mich hin … und die Straße … leer … und die Menschen … gleichgültig … Zehn … Zehn … Jesus … Zwanzig … So eine Chance möcht ich auch einmal haben … Fünf … Jesus Christus … Zehn … Wär ich davongerannt …
Er gibt die Münzen in die Kassette. Der Platz belebt sich etwas. Ein paar Passanten gehen in verschiedenen Richtungen vorüber.
Brille:
Regierungsumbildung in Moskau! – Spielabbruch beim Meisterschaftsderby! – Lustmord im Orientexpress!
Ein, zwei Passanten kaufen eine Zeitung.
Brille:
Regierungsumbildung in Moskau! – Spielabbruch beim Meisterschaftsderby! – Lustmord im Orientexpress!
Weißer Zwischenvorhang, darauf die Projektion einer leeren Vorstadtstraße. Im Hintergrund Straßengeräusche, die langsam verstummen.
Der Wachtmeister und Pyjama treten auf.
Wachtmeister:
Warum so schweigsam, Pyjama?
Pyjama:
Muß nachdenken, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Na, komm schon.
Sie gehen ein Stück weiter und bleiben dann wieder stehen.
Wachtmeister:
Wie geht es beim Nachdenken, Pyjama?
Pyjama:
Gar nicht gut. Kann mir nicht helfen, Herr Wachtmeister, zack und aus, das wäre das Beste gewesen.
Wachtmeister:
Was zack und aus?
Pyjama:
Ach, Herr Wachtmeister, hätten Sie mir doch vorhin erlaubt, daß ich Ihnen mit dem Eisenstück eins über den Schädel ziehe und weglaufe. – Alles wäre jetzt schon erledigt – Doch so …? Ich komme nicht weiter. Ich kann es mir einfach nicht anders vorstellen. Spekuliere hin, spekuliere her. Immer wieder dasselbe. Zack und aus, das wäre das Einfachste gewesen. Mich bringt das noch ganz durcheinander.
Wachtmeister:
Mut, Pyjama, vielleicht bist du schon weiter, als du denkst. Du hast nur den Überblick verloren.
Pyjama:
Glauben Sie?
Wachtmeister:
Du mußt ganz von vorne anfangen. Du mußt versuchen, das Wesentliche zu erfassen. Verstehst du? Das Wesentliche.
Pyjama:
Komme mir wie ein Idiot vor. Jetzt weiß ich überhaupt nichts mehr.
Wachtmeister:
Laß dir helfen. Woran denkst du?
Pyjama:
An … an … eben, was Sie gesagt haben.
Wachtmeister:
Also an …?
Pyjama:
Daß Sie die Existenz verlieren, daß … daß ich mir ein Lebensbeispiel an Brille nehmen soll, daß … daß … ich weiß nicht, ich denke an … an …
Wachtmeister:
Ich will es dir sagen. Du denkst an Flucht. An Flucht. Du denkst an Flucht. – Woran denkst du?
Pyjama:
An Flucht.
Wachtmeister:
Ausgezeichnet. Jetzt hast du es selbst gesagt. Du denkst an Flucht. Das habe ich menschlich herausgefunden, und nun ist es meine Pflicht, dir deine Fluchtgedanken amtlich zu zerstreuen. Darüber fertigen wir dann einen schriftlichen Bericht für die Direktion an, sowie eine Druckschrift für das statistische Zentralamt.
Pyjama:
Schriftlicher Bericht?
Wachtmeister:
Da brauchst du keine Angst zu haben. Komm!
Der Wachtmeister geht ein paar Schritte weiter. Pyjama bleibt stehen. Der Wachtmeister bleibt stehen und blickt zu Pyjama zurück.
Pyjama:
Keine Angst?
Wachtmeister:
Absolut nicht.
Pyjama:
Aber wenn …?
Der Wachtmeister geht zu Pyjama zurück.
Wachtmeister:
Der Bericht nützt dir nur. – Denn daraus geht hervor: Erstens, daß du nicht verstockt bist, sonst hättest du ja nicht mit mir darüber gesprochen; zweitens, daß du einsichtig bist und dich gut führst, sonst würdest du dir ja deine Fluchtgedanken von mir nicht amtlich zerstreuen lassen; drittens, daß ich mich einmal mehr, was du durch deine Unterschrift bezeugen wirst, einmal mehr auf das beste bewährt habe.
Pyjama:
Sie?!
Wachtmeister:
Natürlich ich. (Pyjama dreht sich um.) Du auch.
Pyjama:
Was?
Wachtmeister:
Du bewährst dich auch. Mensch, Pyjama, sei doch nicht so begriffsstützig.
Pyjama wendet sich wieder dem Wachtmeister zu.
Pyjama:
Und wenn ich nicht unterschreibe?
Wachtmeister:
Was ist denn los mit dir? – Am besten, wir fertigen gleich ein kurzes Protokoll an, das unterschreibst du, und damit ist die Sache erledigt. (Der Wachtmeister zieht einen Notizblock aus seiner Brusttasche und einen Bleistift.) Also, du denkst an Flucht.
Pyjama:
Zu Befehl, Herr Wachtmeister.
Der Wachtmeister schreibt.
Pyjama:
Sie haben aber keine Zeugen, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Was soll denn das jetzt wieder? Zeugen?! Siehst doch selbst, daß die Straße leer ist.
Pyjama:
Stimmt.
Wachtmeister:
Ach so … sag, du denkst doch nicht wirklich an Flucht?
Pyjama:
Ich denke, woran ich denke. – Sie und ich, sonst ist niemand da.
Wachtmeister:
Stimmt nicht, Pyjama. Glaube ja nicht, daß die Straße wirklich leer ist, hörst du, bilde dir das ja nicht ein, glaube ja nicht, daß da niemand ist außer uns beiden, hörst du? Sind Häuser rechts, sind Häuser links, glaube ja nicht, daß da niemand zum Fenster herunterschaut, hörst du, bild dir ja nicht ein, daß da niemand hinter einer Haustür steht und horcht. … Sag, hast du deine Frau wirklich …?
Pyjama:
Fünf Jahre, mildernde Umstände, vermindert zurechnungsfähig. Nicht meine Schuld. Schuld war sie. – Sie wollte mich vergiften. Sie hat Rattengift gekauft. Wir haben immer nur Fallen aufgestellt. – Und plötzlich kauft sie Gift. Sie wollte mich vergiften. Der Verteidiger hat gesagt: putative Notwehr. Das habe ich mir gemerkt. Und das ist ein Vergehen, kein Verbrechen. – Der Staatsanwalt hat gesagt, wo kämen wir da hin, wenn wir anfangen, uns deshalb umzubringen, weil wir annehmen, daß wir uns umbringen wollen. So etwas darf man erst gar nicht einreißen lassen. Aber der Richter hat ihm nicht alles abgenommen. Der hat meinen Standpunkt auch irgendwie verständlich gefunden.
Wachtmeister:
Hat er das gesagt?
Pyjama:
Nein, aber sonst hätte er mir doch nicht mildernde Umstände zugebilligt. Oder?
Wachtmeister:
Na ja, ist auch etwas anderes. Ich will dich ja nicht umbringen, Pyjama.
Pyjama:
Man muß aber daran denken, man darf es sich nicht zu bequem machen. Sie haben es selbst gesagt.
Wachtmeister:
An Flucht, Pyjama, nur an Flucht.
Pyjama:
Das kann ich nicht. Wenn ich einmal zu denken anfange, muß ich immer gleich an alles denken. Bei meiner Frau war das auch so. Jahrelang habe ich überhaupt an nichts gedacht. Habe immer nur Dienstag und Donnerstag die Fallen aufgestellt und Mittwoch und Freitag die gefangenen Tiere ersäuft. Dann ist sie mit dem Gift gekommen. – Da habe ich zu denken angefangen und konnte nicht mehr aufhören, bis ich alles zu Ende gedacht hatte.
Wachtmeister:
Und dann bist du hingegangen und hast sie abgemurkst.
Pyjama:
Ich konnte es nicht vorher tun. Ich mußte doch Sicherheit haben.
Wachtmeister:
Und was denkst du über Flucht?
Pyjama:
Weiß nicht. Vielleicht genügt es, daß ich so abhaue, vielleicht ist es besser, ich bringe Sie vorher um.
Pyjama zieht bei den letzten Worten die Pistole und richtet sie auf den Wachtmeister.
Wachtmeister:
Pyjama!
Pyjama:
Wegen des kleinen Dings hier müssen Sie nicht so schreien.
Wachtmeister:
Wo hast du die Pistole her?
Pyjama:
Das ist Ihre.
Wachtmeister:
Meine? Tatsächlich.
Pyjama:
Habe sie Ihnen vorhin gezogen, als Sie das Theater mit Brille aufführten.
Wachtmeister:
Gib die Pistole sofort her!
Pyjama:
Zu Befehl, Herr Wachtmeister, das geht nicht. Muß zuerst zu Ende denken. Muß Sicherheit haben. – Vielleicht brauche ich sie noch.
Pyjama entsichert die Pistole.
Wachtmeister:
Nicht schießen, Pyjama, nicht schießen!
Pyjama:
Vielleicht fliehe ich nicht … vielleicht bleibe ich. Muß zuerst zu Ende denken.
Der Wachtmeister läuft weg.
Pyjama:
Herr Wachtmeister! Nicht davonlaufen! Bleiben Sie! … Muß zu Ende denken.
Pyjama geht langsam ab.
Zwischenvorhang hoch.
Ein Stiegenhaus mit zwei Wohnungstüren. Das Haustor seitlich im Hintergrund der Bühne. Vorne ein Kellergang, der gegen das Stiegenhaus durch eine Tür abgeschlossen ist.
Der Wachtmeister kommt durch das Haustor herein. Er ist gelaufen und atmet noch etwas schwer. Er geht über die Stiege hinauf zur ersten Wohnungstür.
Er klingelt, wartet, klingelt noch einmal, wartet. Er geht zur zweiten Wohnungstür, klingelt, wartet.
Wachtmeister:
Verflucht, das gibt es doch nicht.
Er klingelt wieder, diesmal sehr lange, wartet, wendet sich der Stiege zu.
Wachtmeister:
Reden …
das ist es …
ich muß mit ihm reden …
Flucht? Du willst fliehen, Pyjama? …
Nein, ganz etwas anderes, ich muß ihn ablenken, einfach drauf losschwätzen …
In der Schule habe ich einmal … oder … das Wetter … oder … dings … irgendetwas …
Wird mir schon etwas einfallen.
Er geht ein paar Stufen hinunter.
Wachtmeister:
Höre, Pyjama, werde ich sagen …
du bist intelligent, schade, daß du einen Pyjama trägst.
Das ist ein Fehler von dir.
Ein Mann wie du sollte keinen Pyjama tragen.
Nicht schlecht, das wird ihm schmeicheln.
Wenn mir nichts mehr einfällt, wiederhole ich es.
Wiederhole es solange, bis mir wieder etwas einfällt.
Du bist intelligent …
Schade, daß du einen Pyjama trägst.
Das ist ein Fehler von dir.
Ein Mann wie du sollte keinen Pyjama tragen.
Du bist intelligent.
Schade, daß du einen Pyjama trägst.
Das ist ein Fehler von dir.
Ein Mann wie du …
Er geht wieder ein paar Stufen weiter hinunter.
Wachtmeister:
Reden …
reden, reden, einfach darauflos schwätzen …
bis er unachtsam wird, und dann …
schnell …
ein Griff, und ich habe die Pistole wieder.
Vielleicht will er gar nichts von mir … vielleicht ist er ganz zahm.
Kommt zu mir zurück wie ein verlorener Sohn – warum nicht?
Ich war immer gut zu ihm. Streng, aber gerecht.
Ich bin ein gemütliches Haus, alle sagen das …
Ich mach ihn zur Sau, wenn ich da heraus bin,
und dann sauf ich mir einen an.
Ich mach ihn fertig,
und dann sauf ich mir einen an.
Ich zieh ihm die Haut ab,
und dann sauf ich mir einen an …
Ich bin ein gemütliches Haus, alle sagen das,
streng, aber gerecht, immer gut zu ihm …
Er geht nun ganz hinunter und bleibt auf der untersten Stufe stehen.
Wachtmeister:
Ganz egal, wie …
ich muß reden …
sowie er die Pistole auf mich richtet …
reden …
einfach darauflos schwätzen …
bis er ganz müde davon wird …
Der Handlauf des Geländers hier, das ist Birnholz, ich bin vom Land, weißt du, Pyjama, mein Vater war ein kleiner Bauer, er hat einen herrlichen Birnschnaps gebrannt, da ist einmal, da war einmal …
einfach reden,
reden, reden, reden, reden …
Er zieht sich seine Uniform zurecht und beginnt, zuerst noch etwas zaghaft, dann immer forscher werdend vor sich hinzupfeifen. Melodie „Ein Männlein steht im Walde“. Er geht zur Haustür zurück, öffnet sie und tritt hinaus. Im gleichen Moment hört man ihn durch die noch offen stehende Tür schreien.
Wachtmeister:
Pyjama!
Unmittelbar darauf tauchen beide im Haustor auf.
Pyjama(die Pistole auf den Wachtmeister gerichtet):
Zurück ins Haus!
Wachtmeister:
Nicht schießen!
Pyjama:
Tor zu!
Der Wachtmeister schließt das Haustor.
Wachtmeister:
Pyjama!
Pyjama:
Vorwärts, weiter! … Halt, nicht die Treppe hinauf! … Hier hinunter!
Wachtmeister:
In den Keller?
Pyjama:
Los!
Durch die Kellertür betreten beide den Kellergang und gehen darin ein Stück weiter.
Pyjama:
Stehenbleiben!
Wachtmeister:
Schieß nicht, Pyjama!
Pyjama:
Herr Wachtmeister, Sie sollten mich nicht immer Pyjama nennen.
Wachtmeister:
Natürlich nicht, Kamerad, war doch nur Spaß.
Pyjama fängt zu pfeifen an. Melodie „Ein Männlein steht im Walde“.
Wachtmeister:
Du … ich muß dir was sagen. Es ist so … weißt du … du … du bist einfach fabelhaft.
Wir haben uns einen Spaß gemacht, einen Heidenspaß haben wir uns gemacht. Ich rede dir von Flucht und fliehe dann selbst, und du stöberst mich wieder auf, stellst mich, machst mich sozusagen wieder dingfest.
Pyjama:
Dingfest?
Wachtmeister:
Dingfest. Natürlich. Kann doch nicht sagen fängst mich wieder ein. Einfangen tut man Tiere.
Verbrecher, will sagen Wachtmeister, will sagen Menschen werden dingfest gemacht.
Pyjama:
Wer wen?
Wachtmeister:
Wie, wer wen?
Pyjama:
Wer macht wen dingfest?
Wachtmeister:
Ach so, wer wen … So darf man nicht fragen. Wir sitzen alle im gleichen Boot.
Pyjama fängt wieder zu pfeifen an.
Wachtmeister:
Zusammen! Nicht, wer wen.
Zusammen haben wir das gemacht und, glaube mir, wir haben das nicht schlecht gemacht. Ausgezeichnet, würde ich sagen, haben wir das gemacht. Wir haben eine Übung hingelegt, eine Übung gebaut, die sich sehen lassen kann. Unsere Pflicht haben wir getan, jawohl, mehr als das. Wir werden eine Belobigung bekommen.
Eine Übung, alles abgelaufen wie im Ernstfall, nur eben eine Übung. Eine Übung, die ihr ordnungsgemäßes Ende hat. Du kannst mir die Pistole wieder geben.
Also, gib schon her!
Pyjama:
Drehen Sie sich um, Wachtmeister!
Wachtmeister:
Was hast du vor?
Pyjama:
Wachtmeister, Sie sollten nicht immer „du“ zu mir sagen.
Wachtmeister:
Natürlich nicht, ist mir auch nur so herausgerutscht.
War nicht so gemeint. Hören Sie, ich möchte ganz offen mit Ihnen reden. Nicht als Wachtmeister. Was heißt schon Wachtmeister? Das ist doch Schnick-Schnack.
Nein, ganz offen, von Mann zu Mann.
Verstehen Sie, die Hauptsache ist, in jeder Situation immer Mensch bleiben, das ist die Hauptsache.
Schauen Sie, jeder von uns denkt an Flucht.
Das ist menschlich. Und der eine oder andere flieht dann auch wirklich, nützt eben seine Chance. Auch das ist menschlich. Warum nicht? Warum nicht? Wir sind doch alle Menschen, wir tun alle nur, was menschlich ist, nicht wahr? Aber man darf die Menschlichkeit nie so weit treiben, daß man dabei über Leichen geht. Das wäre unmenschlich. Glauben Sie mir, das wäre unmenschlich.
Pyjama:
Umdrehen!
Wachtmeister:
Alles läßt sich ausreden. Nichts ist so unnötig wie brutale Gewalt.
Pyjama:
Umdrehen!
Wachtmeister:
Ich habe Familie. Frau, vier Kinder, fünftes unterwegs. Ich bin vom Land, mein Vater war ein kleiner Bauer.
Pyjama:
Land, kleiner Bauer …
Wachtmeister:
Oh, ich kann verstehen, wenn einer für die Bauern nichts übrig hat. Ich bin ja eigentlich in der Stadt aufgewachsen. Der moderne Mensch ist ein Stadtmensch.
Pyjama:
Stadt, moderner Mensch …
Wachtmeister:
Oh, ich kann verstehen, wenn einer für die Stadt nichts übrig hat – ich liebe das Meer …
Pyjama:
Umdrehen!
Wachtmeister:
Jawohl, umdrehen, jawohl …
Der Wachtmeister wendet Pyjama seinen Rücken zu.
Wachtmeister:
Mein Vater war ein kleiner Bauer. Er hat einen herrlichen Birnschnaps gebrannt.
Pyjama:
Ausziehen!
Wachtmeister:
Wie? Was wollen Sie? Warum? Warum? Um Himmelswillen!
Pyjama:
Ausziehen, habe ich gesagt!
Wachtmeister:
Jawohl.
Pyjama:
Zuerst die Schuhe.
Wachtmeister:
Die Schuhe? Ah, Sie haben Angst, daß ich Ihnen nachlaufe? Ich werde Ihnen doch nicht nachlaufen.
Sie sind geflohen. Schluß, aus damit, der Fall ist für mich erledigt.
Ich bin Beamter. Mir kann nichts geschehen.
Das Schlimmste, was mir geschehen kann, ist, daß man mich befördert und in den Innendienst versetzt.
Hahahahaha, glauben Sie, da hätte ich etwas dagegen?
Pyjama:
Schuhe ausziehen!
Wachtmeister:
Hören Sie, fliehen kann jeder. Das nimmt Ihnen niemand übel. Aber Anwendung von Gewalt?
Das würde Ihre Lage erschweren, sollte man Sie, und das könnte ja passieren, sollte man Sie wieder einfangen, ich meine, dingfest machen …
Pyjama:
Schuhe ausziehen!
Wachtmeister:
Jawohl.
Der Wachtmeister zieht beide Schuhe aus.
Pyjama:
Weiter!
Wachtmeister:
Den Rock?
Pyjama:
Den Rock, die Hosen, das Hemd, alles!
Wachtmeister:
Alles?
Pyjama:
Socken und Unterhosen kannst du meinetwegen anbehalten.
Wachtmeister:
Nur Socken und Unterhosen?
Pyjama:
Jawohl, und jetzt frag nicht mehr. Zieh dich aus, aber dalli, dalli, verstanden?!
Wachtmeister:
Jawohl!
Der Wachtmeister zieht sich aus, ebenso Pyjama, der den Wachtmeister dabei ständig beobachtet.
Wachtmeister:
Und jetzt?
Pyjama:
Leg alles auf einen Haufen zusammen, gib die Mütze dazu.
Der Wachtmeister wirft seine Mütze auf den Haufen und macht eine Wendung, als wollte er sich umdrehen.
Pyjama:
Nicht umdrehen! – Stoß es mit dem Fuß zurück.
So ist es gut, mein Junge, und wage ja nicht, dich umzudrehen, sonst knall ich dir eine aufs Fell.
Hände über den Kopf und stehen geblieben.
Wachtmeister:
Wie lange?
Pyjama:
Bis ich dir erlaube, dich umzudrehen.
Wachtmeister:
Ich meine, wie lange, nachdem Sie geflohen sind, wäre es Ihnen recht, daß ich noch so stehen bleibe?
Pyjama:
Ich fliehe nicht, ich bleibe.
Wachtmeister:
Sie bleiben?
Pyjama zieht die Uniform des Wachtmeisters an.
Pyjama:
So, jetzt kannst du dich umdrehen.
Wachtmeister:
Sie …? Sie haben meine Uniform angezogen?
Pyjama wirft dem Wachtmeister den Pyjama hin.
Pyjama:
Zieh den Pyjama an!
Der Wachtmeister zieht den Pyjama an.
Wachtmeister:
Ich, Pyjama? Sie, Wachtmeister?
Pyjama:
Denkst wohl, das geht nicht? Glaubst wohl, daß dein Gesicht interessanter ist als deine Uniform?
Überlege doch einmal, wenn das so wäre, wozu brauchte man dann noch eine Uniform? He?!
In der Buchhaltung schreien sie nur Alarm, wenn eine Uniform fehlt. Nach dir kräht kein Hahn.
Und Uniform wird keine fehlen, nicht einmal ein Pyjama, denn den hast du jetzt an.
Jawohl, mein Lieber, ICH, Wachtmeister, DU, Pyjama.
Verstanden?!
Wachtmeister:
Jawohl, Herr Wachtmeister … aber …?
Pyjama:
Was für ein Aber?
Wachtmeister:
Meine Familie, Frau, vier Kinder, fünftes unterwegs …
Pyjama:
Keine Sorge. Die werden unterstützt. Der Staat ist sozial.
Wachtmeister:
Das Menschliche …
Pyjama:
Was das betrifft, so wird dir deine Familie allerdings anfangs etwas böse sein, daß du eines Tages einfach verschwunden bist. Aber ich bin überzeugt, mit der Zeit werden sie dich ganz vergessen. – Siehst du, ich weiß heute kaum mehr, wie meine Frau ausgesehen hat. Dabei habe ich sie immerhin … davon wollen wir jetzt nicht reden.
Die Sache ist vorbei, abgetan, überwunden, überstanden. Ich bin nicht geflohen. Ich bin geblieben.
Ich bin geblieben! Kapiert?
Wachtmeister:
Jawohl.
Pyjama:
Merk dir, das heißt: Jawohl, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:
Jawohl, Herr Wachtmeister.
Pyjama:
Sehr gut, ich sehe, du hast Disziplin im Leibe.
Schade, daß du einen Pyjama trägst.
Ein Mann wie du sollte keinen Pyjama tragen.
Wachtmeister:
Jawohl, Herr Wachtmeister.
Pyjama:
Ich weiß genau, was du jetzt denkst. Du denkst an Flucht. Ich bin nicht dumm. Ich habe Erfahrung. – Pyjama, was habe ich?
Wachtmeister:
Erfahrung.
Pyjama(brüllt, ihn verbessernd):
Herr Wachtmeister!!
Wachtmeister(knallt die Hacken zusammen):
Herr Wachtmeister!
Pyjama zündet sich eine Zigarre an.
Pyjama:
Wenn ich wollte, könnte ich ein Buch schreiben.
Heißt das, wenn ich so etwas könnte. Wahrscheinlich würde ich es gar nicht wollen – selbst wenn ich es könnte.
Erfahrung …
Erfahrung habe ich … und eines kann ich dir verraten, ob du abhauen willst oder nicht:
ich bin geblieben, und bleiben ist auch gefährlich.
Weißt du, warum?
Wachtmeister:
Nein, Herr Wachtmeister.
Pyjama:
Weil die meisten dabei langsam draufgehen oder so plötzlich umkippen wie du. Da muß einer schon ein Büffel sein, daß er bleibt, daß er durchhält und widersteht.
Ein Büffel, nicht so ein Versager wie du.
Was muß einer sein?
Wachtmeister:
Ein Büffel, Herr Wachtmeister.
Pyjama:
Wie der Mann,
den ich einmal im Zirkus sah,
Mensch,
Pyjama,
was der gemacht hat.
Hundert Kilo hat er hochgestemmt,
gestanden ist er wie eine Statue,
Säulen seine Beine,
rot und blau sein Gesicht,
rot und blau,
als sei er am Ersticken.
Adern und Muskelstränge
sind unter seiner Haut hervorgequollen,
Seile und Stricke,
zum Zerreißen gespannt.
Plötzlich
hat er die hochgestemmte Last losgelassen,
blitzschnell sich vorgebeugt,
das niederstürzende Zentnergewicht
mit dem Nacken aufgefangen.
Die Leute haben nicht einmal besonders applaudiert.
Die Leute waren verwöhnt.
Die anderen Künstler sind durch die Luft geflogen,
haben ihre Köpfe in Löwenrachen gesteckt,
glühende Schwerter geschluckt.
Aber ich,
ich muß immerfort
an den Mann mit dem stählernen Nacken
denken.
Jeden Tag
hat er die Last hochgestemmt,
oben gehalten,
losgelassen,
mit dem Nacken aufgefangen.
Davon hat er gelebt,
siehst du,
Pyjama,
siehst du,
davon hat er gelebt.
Wachtmeister:
Jawohl, Herr Wachtmeister.
Pyjama:
Na, komm schon!
Pyjama und Wachtmeister gehen durch die Kellertür und dann nach hinten durch die Haustür ab.
