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Wie der »Große Krieg« die Welt veränderte
Angeblich mit Tränen in den Augen unterschrieb Kaiser Wilhelm II. am Nachmittag des 1. August 1914 die deutsche Mobilmachung. Was damals begann, war der erste totale Krieg der Moderne: Gekämpft wurde im Atlantik und Pazifik, in Europa, Asien und in Afrika, 38 Staaten zogen gegeneinander in die Schlacht und nutzten dabei eine industrialisierte Kriegsführung, die mit neuen Waffen die Todesrate und das Leid dramatisch erhöhte. Maschinengewehr, Panzer, Giftgas, U-Boote und Luftwaffe forderten letztlich mehr als 15 Millionen Tote, unzählige Verstümmelte, zerbombte Städte, verwüstete Regionen; Hunger und Elend grassierten.
Als der Erste Weltkrieg im November 1918 endete, waren alte Ordnungen zerstört, stabile neue vielerorts kaum in Sicht. Weitere Krisen und Umwälzungen folgten, die nicht zuletzt den Weg in das »Dritte Reich« und den Zweiten Weltkrieg bereiten sollten.
Im vorliegenden Buch bieten SPIEGEL-Autoren und renommierte Historiker eine kompakte Einführung in das Thema und zeigen eindrucksvoll, warum uns diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts noch immer umtreiben muss.
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2014
ANNETTE GROSSBONGARDT,UWEKLUSSMANNUNDJOACHIM MOHR(HG.)
Der Erste Weltkrieg
Die Geschichte einer Katastrophe
Georg Bönisch, Thomas Darnstädt, Erich Follath, Hans Hoyng, Romain Leick, Kristina Maroldt, Matthias Matussek, Herfried Münkler, Bettina Musall, Christian Neef, Sönke Neitzel, Thorsten Oltmer, Norbert F. Pötzl, Simone Salden, Hubertus J. Schwarz, Michael Sontheimer, Gerhard Spörl, Hans-Ulrich Stoldt, Thilo Thielke, Rainer Traub, Andreas Wassermann
Deutsche Verlags-Anstalt
Die Texte dieses Buches sind erstmals in dem Heft »Der Erste Weltkrieg, 1914–1918. Als Europa im Inferno versank« (Heft 5/2013) aus der Reihe SPIEGEL GESCHICHTE erschienen.
1. Auflage
Copyright © 2014 Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH und SPIEGEL-Verlag, Hamburg
Alle Rechte vorbehalten
Typografie und Satz: DVA/Brigitte Müller
Gesetzt aus der Garamond
ISBN 978-3-641-12942-2www.dva.de
Inhalt
Vorwort
TEIL I
DIE GROSSE KRISE
»Es gab keinen Alleinschuldigen«
Am Tag, als das Feuer kam
Abschied vom Frieden
Grenzwall des Westens
»Tod und Verderben«
Unter slawischem Kommando
TEIL II
IM KRIEG
»Zur Hölle mit euch!«
»Horde von Barbaren«
»Ein Desaster kann man nicht feiern«
»Wie ein Kind geweint«
Besiegte Sieger
Körper im Eisenstrudel
Die Herren der Blutpumpe
Der Krieg der Dichter
TEIL III
EPOCHENWENDE
Kreuzzug der Demokraten
Hilfloses Wimmern
Die Bestie von Berlin
Schwankende Existenz
Sommer der Anarchie
Die große Irreführung
»Löwe von Afrika«
TEIL IV
DER LANGE WEG ZUM FRIEDEN
Gefangene der Propaganda
Funke der Empörung
Stunde der Abrechnung
»Schamloser Verrat!«
Zerfall der Imperien
ANHANG
CHRONIK
Buchhinweise
Autorenverzeichnis
Dank
Personenregister
Vorwort
Vater, was hast Du im Krieg gemacht? Es war diese Frage, die viele Nachkriegsgeborene in ihren Familien stellten, wenn auch häufig verspätet. Es ging um Schuld und Verstrickung in den Nationalsozialismus und den Völkermord an den europäischen Juden. Ausführlich war der Zweite Weltkrieg auch Thema im Schulunterricht. Der Erste Weltkrieg dagegen, der doch als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts gilt, wurde eher am Rande gestreift.
Doch was haben eigentlich unsere Großväter getan? Das fragten wir uns in der Redaktion von SPIEGEL Geschichte, als wir begannen, uns mit dem Inferno von 1914 bis 1918 zu beschäftigen, dessen Beginn nun genau 100 Jahre zurückliegt. Wie konnte es zu diesem ersten totalen Krieg überhaupt kommen, mit Millionen von Toten und schwer Verwundeten schon nach wenigen Monaten?
Tatsächlich beschäftigt die Geschichtswissenschaft noch immer die Frage, wer verantwortlich war für das vierjährige Massentöten, das angeblich keiner wollte. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. soll sogar Tränen in den Augen gehabt haben, als er am 1. August 1914 die deutsche Mobilmachung unterschrieb.
Trug das kaiserliche Deutschland im »Griff nach der Weltmacht« einen Großteil der Verantwortung für den Ausbruch des Krieges, wie es der deutsche Historiker Fritz Fischer vor rund 50 Jahren provokant formuliert hatte? Sicher, es hatte den Verbündeten Österreich-Ungarn zum fatalen Ultimatum gegenüber Serbien gedrängt, aber war Wien nicht selbst treibende Kraft? Und wo lagen die Interessen Frankreichs und Russlands? Eine neue Historikergeneration wagt inzwischen jenseits alter Feindbilder und Mythen einen gesamteuropäischen Blick auf die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und sucht nach multikausalen Erklärungen.
Zu ihnen gehört auch der in London und Berlin tätige Militärhistoriker Sönke Neitzel, der mit den Herausgebern über den Hypernationalismus der Zeit und das Versagen der politischen Eliten diskutiert. Neitzel zieht aus mehrjährigen Aktenstudien das Fazit, »dass es einen Alleinschuldigen an diesem Krieg nicht gab«. Keine Seite habe die Möglichkeit wahrgenommen, die Eskalation zu verhindern.
An die 40 Nationen waren am Ersten Weltkrieg beteiligt, mehr als 60 Millionen Soldaten kämpften auf den Schlachtfeldern. Es war ein industrialisiertes Töten mit Panzern, Maschinengewehren und Giftgas, mit U-Booten und Flugzeugen in den Weiten Russlands, auf französischen Feldern, im afrikanischen Dschungel, in den Alpen und auf dem Balkan, im Pazifik und im Atlantik. Dieses Ausmaß habe niemand voraussehen können, so heißt es immer wieder.
Und doch gab es einige hellsichtige Zeitgenossen. Der Sozialist Friedrich Engels, Freund und Weggefährte von Karl Marx, hatte bereits im Dezember 1887 angesichts des eskalierenden Wettrüstens prognostiziert, es sei »kein anderer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet … Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt.«
Was Engels, wegen seiner militärischen Fachkenntnisse von Gesinnungsgenossen auch »der General« genannt, nicht ahnte: Auch die meisten Sozialisten und Sozialdemokraten unterstützten den Kriegskurs der Regierungen. Der blutige Konflikt entzweite nicht nur Europas Staaten, sondern auch die Arbeiterbewegung. Vielen Politikern und Militärs kam der Mord am österreichischen Thronfolger und dessen Frau am 28. Juni 1914 durch einen serbischen Nationalisten »nicht ungelegen als eine Art Lizenz zum Losschlagen«, so SPIEGEL-Autor Erich Follath, der die spektakulären Umstände der Mordtat von Sarajevo in seiner Geschichte rekonstruiert.
Menschen verschiedener Nationen und Schichten, Bildungsferne und Intellektuelle verfielen bei Kriegsbeginn in einen rauschähnlichen Zustand trügerischer Siegesgewissheit. Umso ernüchternder und bitterer war die Realität des Stellungskrieges in schlammigen Schützengräben und das Darben daheim im »Steckrübenwinter« von 1916 /17. Die Beiträge dieses Buches versuchen sowohl das Grauen auf den Schlachtfeldern als auch das Leiden an der Heimatfront zu erfassen; dorthin wurden bereits wenige Tage nach Kriegsausbruch zum Teil schwer verstümmelte Soldaten in großer Zahl in die Lazarette gebracht. Ausgewählte Feldpostbriefe geben erschütternd Zeugnis davon, was die Soldaten in der Hölle des Frontalltags empfanden. Zu ihrem Leiden trug auch die besondere Kreativität deutscher Rüstungsmechaniker bei, die SPIEGEL-Autor Georg Bönisch beschreibt.
Deutsche Politiker suchten ab 1916 nach Friedensmöglichkeiten, jedoch halbherzig und gegen den massiven Widerstand von Militärs und Nationalisten. Mit der Berufung von Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff in die Oberste Heeresleitung entstand eine Art Militärdiktatur mit Hang zum Vabanquespiel. Dies zeigte sich vor allem in der Entscheidung für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der das Eingreifen der USA provozierte. Damit war der Krieg für Deutschland verloren. In den kämpfenden Ländern wuchs aus Verzweiflung auch Wille zum Widerstand, zu Verbrüderungen von Soldaten an der West- und Ostfront und schließlich zur Ablehnung und Verweigerung des Krieges in der Russischen Revolution 1917.
SPIEGEL-Autoren, unter ihnen langjährige Auslandskorrespondenten in Paris, Moskau, London und Washington, zeichnen Porträts der kriegführenden Nationen und machen nachvollziehbar, wie Franzosen, Briten, Österreicher und Amerikaner ihrerseits den Krieg erlebten. Der französische Historiker Stéphane Audoin-Rouzeau erklärt in einem Interview, wie der große Krieg im kollektiven Gedächtnis Frankreichs gespeichert ist und warum der Händedruck von François Mitterrand und Helmut Kohl 1984 über den Gräbern von Verdun eine solch emotionale Wucht entfaltete.
Welche Erinnerungen in den Familien an das Inferno vor 100 Jahren noch vorhanden sind, wie nah der ferne Krieg dort mitunter noch ist, zeigen Joachim Mohr und Uwe Klußmann, die recherchierten, was ihre Großväter an der Front von Verdun und auf dem Balkan erlebten. Beide Männer betrachteten den Krieg später als sinnlos und hielten sich später von den Nazis fern. Sie waren auch nicht mit jener Begeisterung in den Krieg gezogen, die damals so viele erfasste. Historiker zeichnen von der vermeintlich so breiten Euphorie heute ohnehin ein wesentlich differenzierteres Bild.
SPIEGEL-Autor Thomas Darnstädt analysiert, inwieweit am Ende des Krieges durch die harten Bedingungen des Vertrages von Versailles die Chance für eine stabile, friedliche Nachkriegsordnung vertan wurde. Der renommierte Politologe Herfried Münkler untersucht den Zerfall der Imperien in diesem globalen Konflikt, der die Wurzeln für den Zweiten Weltkrieg legte. Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1917 markierte den Aufstieg der USA zur Weltmacht und zum maßgeblichen Faktor der Politik in Europa. Das Ende dreier großer Imperien, Österreich-Ungarn, des Osmanischen Reiches und des russischen Zarenreiches, ließ ein Vakuum entstehen, in das ein Meldegänger des Ersten Weltkriegs, Adolf Hitler, mit seinem »Projekt des imperialen Größenwahnsinns« stieß, so Münkler. Der postimperiale Balkan mache »den Europäern bis heute zu schaffen, und eine Änderung ist nicht in Sicht«.
So zeigen die Autoren dieses Buches geschichtliche Konfliktlinien auf, die etwa mit Ängsten vor deutscher Hegemonie in Europa bis in die Gegenwart führen.
Hamburg, im Frühjahr 2014
Annette Großbongardt, Uwe Klußmann, Joachim Mohr
TEIL I
DIEGROSSE KRISE
»Es gab keinen Alleinschuldigen«
Der Militärhistoriker Sönke Neitzel über die Totalität des Weltkriegs und das Versagen der politischen Eliten.
Das Gespräch führten Annette Großbongardt und Uwe Klußmann.
SPIEGEL: Mit Tränen in den Augen unterschrieb Kaiser Wilhelm II. am Nachmittag des 1. August 1914 die deutsche Mobilmachung – wollte er den Krieg eigentlich gar nicht?
Neitzel: Wilhelm II. war in der Reichsleitung derjenige, der den Krieg am wenigsten anstrebte. Er wurde zu Recht oft für seine martialischen Auftritte gescholten. Aber im Sommer 1914 war er nicht Herr des Verfahrens. Das Krisenmanagement lag in den Händen des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. Im Spiel der Kräfte war der Kaiser eher Zuschauer.
SPIEGEL: Warum aber drängte das Deutsche Reich seinen Verbündeten Österreich im Konflikt mit Serbien zum Angriff? Und erklärte dann auch noch dem mit Serbien verbündeten Russland den Krieg?
Neitzel: Das basierte auf einem Kalkül Bethmann Hollwegs. Der Reichskanzler sah eine wachsende Macht der potentiellen Gegner Deutschlands, vor allem Russlands. Für ihn war Deutschland von Feinden umringt und lief Gefahr, bald keinen Krieg mehr gewinnen zu können. Den Ausweg sah er in einer Risikopolitik: Wenn wir jetzt Druck ausüben und die Österreicher einen lokalen Krieg gegen Serbien führen, werden die Russen sich möglicherweise heraushalten. Und wenn es doch Krieg geben sollte, dann lieber jetzt als später, in einer für Deutschland ungünstigeren Situation. Damit kalkulierte er einen Krieg voll ein; ein Waffengang galt damals ja gemeinhin noch als Mittel der Politik.
SPIEGEL: Trug Deutschland aber damit die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg, wie es die Sieger auf der Friedenskonferenz von Versailles 1919 postulierten?
Neitzel: Die Forschung hat gezeigt, dass es einen Alleinschuldigen an diesem Krieg nicht gab. Mein australischer Kollege Christopher Clark hat mit seinem neuen Buch »Die Schlafwandler«, das ich sehr überzeugend finde, detailliert nachgewiesen, dass es im Sommer 1914 eine gesamteuropäische Krise gab. Jeder hatte die Chance, die Eskalation zu verhindern – und niemand nahm sie wahr.
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