Der Essentielle Marcel Proust - Gerhard Willke - E-Book

Der Essentielle Marcel Proust E-Book

Gerhard Willke

0,0

Beschreibung

Ziel dieser zweibändigen Darstellung meiner Lektüreerfahrungen mit Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' ist es, den Zugang zu einem der wichtigsten und schönsten Romane der literarischen Moderne und der Weltliteratur zu erleichtern, Inter-esse am originalen Text zu wecken und Lust darauf machen, sich (bei Gefallen) Prousts 'Recherche' zuzuwenden. Im Zentrum dieses zweiten Teils steht das Drama von Marcel (dem Ich-Erzähler) und Albertine - das Drama einer anfangs bangen, dann zunehmend von Eifersucht und Misstrauen geprägten einseitigen, weil unerwiderten Liebe. Offen bleibt, ob Albertine ihren Freund Marcel eigentlich liebt oder eher an Frauen als an Männern interessiert ist. Offen bleibt auch, ob Marcel eigentlich lieben kann oder doch nur einem kindlichen Narzissmus frönt. Seine besitzergreifende Liebe bleibt auch dann unerfüllt, wenn er seinen 'Besitz' bei sich gefangen hält, denn eine Gefangene kann dem Vogelkäfig entfliegen. Genau diese Option wählt Albertine, aber es führt zu keinem guten Ende. Eingerahmt werden diese Dramen von dem Band 'Sodom und Gomorra', wo Proust die Inversion thematisiert, also die Homosexualität (beider Geschlechter) als Eigentümlichkeit und Leiden einer ''Rasse, auf der ein Fluch liegt''. Im Band 'Die wiedergefundenen Zeit' hat der Autor das Erweckungserlebnis, das ihn überzeugt, dass er doch, gegen alle früheren Bedenken, zum Schriftsteller berufen ist und das gewaltige Gebäude seiner Erinnerungen in diesem Roman zur 'Aufbewahrung und Mitteilung' bringen kann.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 814

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



DanksagungDankbar bin ich meiner Frau Ellen Butzko-Willkede tout mon coeur für ihre engelhafte, wenngleich nicht immer unendliche Geduld während der Phase, in der die Wonnen des Lebens zurückstehen mussten vor den strengen Anforderungen des Schreibens.

[Umschlag: Paul Flora – MARCEL PROUST im Café Florian in Venedig; (Ausschnitt). Aus: ›Die Raben von San Marco‹.]

Für

Frida, Lia und Leo

Le bonheur est dans la littérature.

(Nach PROUST)

»Non dubbiar, mentr’io ti guido«

(canto 20, purgatorio)

Kennzeichnungen im Text

Normaler Text normaler TextKommentare zum Text [in eckigen Klammern]Zitate aus dem französischen Text anderes SchriftbildDirekte Rede aus der Recherche»in Guillemets«Zitate anderer Autoren „in Anführungszeichen“Personennamen aus der Recherchein KAPITÄLCHEN: MARCEL, ALBERTINEIndirekte Zitate ›in einfachen Guillemets‹Hervorhebungen undfremdsprachige Redewendungen kursiv: foreshadowing, en passantVerweise innerhalb des Textes {4/19} Verweis auf 4. Aufzug, Bild 19RechercheKurzform für PROUSTS À la Recherchedu Temps PerduAnm. 2/194/II Anmerkung 2 zu Seite 194 in Band IIder Pléiade-EditionNotice III, 1377 Aus den Kommentaren im Anhang derPléiade-Edition, Band III, S. 1377

Inhalt

Teil II

Band IV: Sodom und Gomorra

12. Aufzug: Weibmänner – ›hommes-femmes‹

13. Aufzug: Die Soiree bei der Prinzessin de Guermantes

14. Aufzug: ›Intermittences du coeur‹ – Aussetzer des Herzens

15. Aufzug: Die Verdurins auf La Raspelière

16. Aufzug: Die Sache mit Albertine

Band V: Die Gefangene

17. Aufzug: Albertines betreutes Wohnen bei Marcel

18. Aufzug: Die Verdurins und M. de Charlus

19. Aufzug: Albertine will mehr Freiheit

Band VI: Die Entflogene

20. Aufzug: Trennung, Seelenqualen, Briefe

21. Aufzug: Trauer, Schuldgefühle, Vergessen

22. Aufzug: Mademoiselle de Forcheville

23. Aufzug: Venedig

24. Aufzug: Ein anderer Robert de Saint-Loup

Band VII: Die wiedergefundene Zeit

25. Aufzug: In Tansonville bei den Swanns

26. Aufzug: M. de Charlus während des Krieges

27. Aufzug: Matinee bei der (neuen) Prinzessin de Guermantes

28. Aufzug: Der Maskenball – ›Le bal de têtes‹

Verzeichnis der Intermezzi

BAND IV: SODOM UND GOMORRA

12. Aufzug: Weibmänner – ›hommes-femmes‹

12. AUFZUG, 1. BILD: ÜBER DIE LIST DER WEIBLICHEN BLÜTEN

Gegen Ende des letzten Bandes hatte der Erzähler seinen Bericht über eine ihn sehr verstörende Beobachtung auf diesen Folgeband verschoben, um dem observierten Geschehen einen angemessenen Platz einräumen zu können. Von einer Treppe im GUERMANTESSCHEN Stadtpalais konnte MARCEL den Hof überblicken – pour épier le retour des Guermantes. Als er hört, wie der Westenmacher JUPIEN seinen Laden schließt und gehen will, rückt er näher an das Parterrefenster heran; jetzt hat er auch JUPIENS boutique im Blick und ist dabei von einem Fensterladen gedeckt. Plötzlich taucht im Hof M. DE CHARLUS auf; der will seiner erkrankten Tante MMEDE VILLEPARISIS einen Besuch abstatten. Während CHARLUS’ kurzer Visite (der Marquise geht es schon besser – ce n’avait été qu’un malaise), räsoniert MARCEL über die List der Pflanzen [wovon schon in {11/8} im Zusammenhang mit dem Ginkgo-Baum die Rede war – ›Kreisbewegungen der Narration‹] – MARCEL räsoniert über die List der weiblichen Blüten, Insekten anzulocken, die männliche Pollen mit sich herumtragen, welche zur Befruchtung und also zum Fortleben der Pflanze nötig sind. [An sich ein schönes Thema für den Bio-Unterricht, hier ist es aber als Andeutung anderer Formen der unwahrscheinlichen Befruchtung und als foreshadowing einer Erkennungsszene zu verstehen.]

Auf seinem Rückweg von MMEDE VILLEPARISIS wähnt sich der Baron ganz unbeobachtet; da entspannt sich sein Gesicht und verliert die alleweil aufgesetzte, ja von ihm bewusst inszenierte Härte; es wird weicher, plus spiritualisée, plus douce surtout. MARCEL bedauert geradezu, dass CHARLUS diese Züge, die er doch auch hat, meist hinter seiner Arroganz versteckt, hinter seiner demonstrativ rauen Virilität. So, wie er von seinem Krankenbesuch zurück durch den Hof geht, mit ›entwaffnetem‹ Gesicht, drängt sich MARCEL der Eindruck auf que c’était une femme. [In {15/5} wurde seine sensibilité féminine vermerkt.] Überraschend trifft der Baron auf JUPIEN, der gerade seinen Laden verlassen hat. Was nun folgt, ist ein fast schon anrührender Balztanz nach den lois d’un art secret: Kurze, auch bewundernde Blicke, dann wieder vorgetäuschte Gleichgültigkeit, leicht widerwilliges Weitergehen des Barons, kurzes Besinnen und Zurückkommen, zielloses Umherschauen, Annehmen eines leicht eitlen Gehabes, vorteilhaftes Zurechtrücken der eigenen Gestalt, bei JUPIEN kokettes Herausdrücken des Hinterteils, Aufsetzen einer herausfordernden statt seiner üblichen ehrerbietigen Miene dem GUERMANTES gegenüber. Kurz: Man erkennt und einigt sich, leur accord semblait conclu.

[Es ist wie zu den Zeiten, als die Götter liebten: Auch damals folgte ›Begierde dem Blick, folgte Genuss der Begier‹. Die Blicke, die JUPIEN und CHARLUS wechseln, so Friedrich Balke, das Forschende und Prüfende dieser Blicke und Bewegungen, all das sei einzig Ausdruck des Begehrens, da es im vorliegenden Falle ja entschieden nutzlos bleibt, während derartig suchende und ein mögliches matching prüfende Blicke bei Heteros bisweilen einen regenerativen Nutzen für die Gattung haben können. Darin besteht für Balke der Bezug zu Schopenhauers Abhandlung ›Metaphysik der Geschlechtsliebe‹, von der wir jetzt aber lieber die Finger lassen, auch wenn sie, die Geschlechtsliebe, wie der Philosoph behauptet, „zu allen Zeiten vom Dichtergenie unermüdlich dargestellt“ wird.]

Sinnigerweise fragt der Baron JUPIEN, ob er Feuer habe, um gleich darauf einzugestehen: »Je vous demande du feu, mais je vois que j’ai oublié mes cigares.« Die Regeln der Höflichkeit verlangen nun von JUPIEN, CHARLUS in den Laden zu bitten: »Da hab’ ich Zigarren« [auch wenn es wohl keine Maria Mancini sind, allenfalls Henry Clays, vielleicht gar nur Bloom’sche „nockmedown cigars“]. Nun vollzieht sich halt, was sich zwischen denen vollzieht, die einer Orientierung obliegen, qu’on appelle parfois fort mal l’homosexualité, und es kann sich vollziehen, weil es zweckdienlich begünstigt wird, denn JUPIEN ist ein Mensch qui n’aime que les vieux messieurs. [Wie schon bei SWANN und ODETTE, bei SAINT-LOUP und RACHEL QUAND DU SEIGNEUR, ja auch bei MARCEL und ALBERTINE finden hier zwei Menschen zueinander, deren sozialer Status und Lebensstil unterschiedlicher nicht sein könnten.]

Da die Ladentür sich hinter den beiden schließt und MARCEL nichts mehr von ihrer Konversation hören kann, was er fort ennuyant findet, schleicht er sich in den angrenzenden leerstehenden Lagerraum, von wo aus er, wenn schon nichts sehen, so doch über eine kleine Oberlichtöffnung einiges mithören kann. [Wie bereits in den Fensterszenen von Montjouvain {1/10} und {1/15}, an die MARCEL sich erinnert: un obscur ressouvenir – kommt hier wieder der Voyeurismus des Erzählers zum Tragen, wie Thomas Klinkert bemerkt, wenn es um „verborgene und gesellschaftlich tabuisierte sexuelle Neigungen geht“ {1/13}. Es gibt im Folgenden allerdings keine Konversation mehr zu hören, sondern verschiedene andere Töne (aber das können Sie im Bedarfsfall ja selbst nachlesen und -hören). Hier wäre anzumerken, dass Antoine Compagnon in dieser Szene des wechselseitigen Erkennens ein Muster sieht, das sich in weiteren Szenen des Romans wiederholt: „Le héros a assisté à une scène de reconnaissance“. Es ist ein Erkennen zwischen CHARLUS und JUPIEN, aber auch MARCEL erkennt bezüglich des Barons: „un passage de l’ignorance à la connaissance au sujet de Charlus“.]

Nachdem sie fertig sind und auch noch dem Folgebedürfnis nach Reinlichkeit oblegen haben, hört MARCEL, wie JUPIEN mit Entschiedenheit das Geld zurückweist, das der Baron ihm aufdrängen will. Dessen begierige Frage nach dem netten Fahrradkurier des Apothekers – le cycliste très gentil du pharmacien d’en face – lässt JUPIEN schmollend unbeantwortet; er zieht ein Gesicht wie une grande coquette trahie. »Nun gehen Sie endlich, Sie großer Bengel«, plustert er sich gegen den Baron auf. Doch CHARLUS insistiert mit weiteren Fragen, ob sich denn hier auch manchmal junge Adlige herumtreiben, die etc. etc., und kommt schließlich darauf zu sprechen, dass ihm gerade ein junger Bursche ziemlich den Kopf verdrehe, ein intelligenter kleiner Bürgerlicher von anmaßender Respektlosigkeit. »Der ahnt nicht mal, was für eine außergewöhnliche Persönlichkeit ich bin – j’ai trois papes dans ma famille –, aber das soll mich jetzt nicht weiter kümmern.« MARCEL klingeln die Ohren: Der Baron scheint von ihm zu sprechen. Nun fällt es dem Jungen wie Schuppen von den Augen; der Baron DE CHARLUS erscheint ihm auf einmal in einem völlig neuen Licht. Bisher hatte er davon nichts wahrgenommen, weil er nichts davon wusste. Jetzt ergeben auch die zuvor für ihn unverständlichen, abstrusen Verhaltensweisen und die extrem schwankenden Gefühlsausbrüche von CHARLUS einen gewissen Sinn; für MARCEL hat CHARLUS sich in eine personne nouvelle verwandelt. Nun versteht er auch, warum der Baron ihm wie eine Frau erschienen ist, als er vom Besuch seiner Tante zurückkam: weil er eine Frau ist – c’en était une. [Auf ihn würde die Charakterisierung passen, die Bloom in ‚Circe‘ angeheftet wird: „a finished example of the new womanly man.“ Wie erwähnt, ist es wohl kein Zufall, dass PROUST den Namen DE CHARLUS von Saint-Simon und seiner Madame de Charlus übernommen hat.]

Der Baron gehört zu den widersprüchlichen Wesen, die nach außen hin auf sehr übertriebene Weise Virilität vorschützen – dont l’idéal est viril –, aber nur, weil sie mit einem femininen Temperament ausgestattet sind und es verbergen müssen. [Er ist ein Bewohner Sodoms, ein „virtuoser Grenzgänger zwischen den Welten, Klassen und Geschlechtern“ (Verena Joos). Aber doch auch einer, der nicht länger dem Drachen ‚du sollst!‘ gehorcht, sondern sagt: ‚ich will!‘] Sodomiten sind eine Gattung (PROUST sagt race, er weiß, wovon er spricht), eine ›Rasse‹, die in der Lüge leben muss und auf der ein Fluch lastet: la race sur qui pèse une malédiction.

12. AUFZUG, 2. BILD: AUF DIESER ›RASSE‹ LIEGT EIN FLUCH

[Hier stimmt der Erzähler nun eine bedrückende Elegie auf die Bewohner Sodoms an, die verflucht sind (die Parallele zum Judentum ist beabsichtigt und wird von PROUST explizit hergestellt, wenn er sagt, diese Rasse sei einer ähnlichen Verfolgung ausgesetzt à celle d’Israël). Es ist ein Klagelied von poetischer Schönheit und Schwermut; es enthält, so Andreas Platthaus, den längsten Satz des Romans – und nach Christoph Kuhn sind „diese langen PROUSTSCHEN Sätze das Schönste, was Literatur zu bieten vermag“. Es ist eine Elegie über die ›Invertierten‹, wie PROUST die Homosexuellen nennt, entsprechend dem von Siegmund Freud geprägten Begriff (weswegen PROUST auch sagt: Inversion, c’est ce que les Allemands appellent l’homosexualité). PROUST formuliert hier, auch pro domo, eine Elegie über „love that dare not speak its name“ (Oscar Wilde), eine Klage, die einem die Augen dafür öffnet, dass diejenigen, die Verfolgung leiden, eben nicht selig sind, und leider auch nicht selig werden, sondern elend sind und elend bleiben.]

Die Invertierten wissen, dass ihr Verlangen strafbar und schändlich ist und nicht zugegeben werden darf; aber es ist ein désir, dessen Erfüllung für jede Kreatur das schönste Lebensglück bedeutet – la plus grande douceur de vivre. Sie müssen ihren Gott verleugnen, selbst wenn sie Christen sind, weil man sie als Angeklagte vor die Schranken der Tribunale zerrt, wo sie sich der Verleumdung erwehren müssen, der Verleumdung dessen, was doch ihr Leben ausmacht, was sie erfüllt. Es sind Söhne ohne Mütter, weil sie denen ihr andersartiges Leben verschweigen müssen, es sind Freunde ohne Freundschaft, obwohl ihr Charme bei anderen zwar freundschaftliche Gefühle wecken kann, und auch ihr Herz oft Zuneigung empfindet, aber wie kann man Freundschaft nennen, was auf einer Lüge basiert, und wo der erste Impuls zur Aufrichtigkeit Abscheu auslösen würde. Es sind Liebende, denen die Möglichkeit zu dieser Liebe nahezu verschlossen ist, und die deswegen Einsamkeit und Gefahren ertragen müssen – tant de risques et de solitudes –, zumal, wenn sie sich in einen Mann verlieben, der nicht invertiert ist und deswegen ihre Liebe verschmäht. Ihre Ehre ist prekär, ihre Freiheit provisorisch, bis ihr Verbrechen aufgedeckt wird – jusqu’à la découverte du crime –, wie bei dem irischen Dichter, dem in Londons Theatern applaudiert wurde, bevor man ihn schimpflich ins Gefängnis warf [gemeint ist Oscar Wilde, der nach Zuchthaus und Zwangsarbeit ruiniert war und im Herbst 1900 in Paris starb.

Nach diesen lamentationes zitiert PROUST einen Vers von Alfred de Vigny, geschrieben um 1838 – Les deux sexes mourront chacun de son côté –, der nur verständlich wird, wenn man ihn im Zusammenhang mit dem Motto liest, das diesem Band vorangestellt und von dem sein Titel abgeleitet ist:

Bientôt, se retirant dans un hideux royaume

La Femme aura Gomorrhe et l’Homme aura Sodome

Et, se jetant, de loin un regard irrité

Les deux sexes mourront chacun de son côté.

... welches, damit es keinem verlorengehe, verdeutscht werden soll

(um erneut Schopenhauers Beispiel zu folgen):

… das Weib wird in Gomorra und der Mann in Sodom leben

und indem sie sich von Ferne einen verstörten Blick zuwerfen,

werden beide Geschlechter sterben, jedes auf seiner Seite.

Bernd-Jürgen Fischer: „Des Weibes wird Gomorra und Sodom des Mannes sein“. Luzius Keller: „Die Frau wird in Gomorra, der Mann in Sodom herrschen / Und getrennt werden beide Geschlechter zugrunde gehen“, was der Pointe nicht Rechnung trage, so Rainer Warning, dass in dem chacun de son côté die beiden (konträren und doch zusammengehörigen) Seiten von Combray anklingen (vgl. 7. Aufzug), nämlich der côté de chez Swann und der côté de Guermantes.

Jacques Dubois zufolge spielt Proust darauf an, dass die Gesellschaft insgesamt von einem „mal interne et secret“ befallen sei, nämlich vom Übel der Invertiertheit, und zwar der Homosexualität beider Geschlechter. Wenn aber die Welt von Invertierten beherrscht werde, dann steige die Gefahr „de finir dans la stérilité“ (... ›wenn alle Zeugung versiegt‹). So wird die Prophetie der Genesis (1. Buch Mose) evoziert, wonach der Herr Sodom und Gomorra durch Feuer und Schwefel vernichtet, als Strafe für die Gräuel der dort blühenden Unzucht; die Keuschen aber werden vom Engel gerettet. (Laut Bibel waren es nur Lot, seine Frau und zwei Töchter, die durch zwei Engel gerettet wurden, aber keusch bleiben sie ja wohl nicht, die beiden Mädels ... wie immer sie das hinbekommen haben.)

Der Rückgriff auf Alfred de Vigny ist prekär, weil dieser Dichter (angeblich aus Ranküne gegen seine bisexuelle Geliebte Marie Dorval, die ihn verlassen hat), in seinem überlangen Gedicht ›La Colère de Samson‹ boshaft misogyne Verse fabrizierte, in denen er die „bonté d’Homme“ der „ruse de Femme“ gegenüberstellt, und die Frau als „faible et menteur“ verunglimpft. Das geht ja nun gar nicht mehr heutzutage, darum will ich gebeten haben, und verweise auf {2/2}.]

Wenn Invertierte in den Spiegel schauen, schmeichelt er ihnen nicht. Vielmehr müssen sie darin erkennen, dass ihre Liebesvorstellung, die auch für sie all das enthält, was Poesie, Malerei, Musik, Ritterlichkeit und Askese dem Liebesbegriff aufgebürdet haben [denn auch bei ihnen ist Liebe „ein literarisch präformiertes, geradezu vorgeschriebenes Gefühl“ (Luhmann/Balke)]. Sie erkennen, dass ihre Vorstellung von der Liebe nicht einem selbst gewählten Ideal von Schönheit entspringt, sondern einer unheilbaren Krankheit – découle d’une maladie inguérissable. Eigentlich mögen sie es nicht, wenn sie untereinander als Invertierte gleich erkannt werden, doch es gibt diese untrüglichen Signale, ob es nun natürliche oder konventionelle, absichtliche oder unwillkürliche sind, die den Gleichartigen, der dazugehört – le semblable qui en est –, erkenntlich machen: Der Bettler erkennt diese Signale selbst bei einem grand seigneur, der Vater erkennt sie bei einem Verlobten seiner Tochter, der Beichtende untrüglich bei seinem Priester. Sie alle erkennen sich gegenseitig. [Dies sind die „reconnaissances“, von denen Antoine Compagnon spricht und dabei eine Semiotik des Erkennens diagnostiziert.]

Invertierte wissen, dass sie zum ausgestoßenen Teil der menschlichen Gesellschaft gehören. Sitzen sie in einem Café zusammen, lässt sich nicht ausmachen, ob sie Mitglieder eines Anglervereins oder Briefmarkensammler sind; ihr Auftreten ist unauffällig, korrekt. Nur ganz verstohlen wagen sie einen Blick auf die jungen Leute à la mode am Nebentisch, die einen großen Lärm um ihre Mätressen machen. Doch zwanzig Jahre später könnte einer von ihnen, der unentwegt den jungen Salonlöwen am Nebentisch bewundert hatte, erfahren, dass dieser inzwischen ergraute Mann der Baron DE CHARLUS war, also in Wirklichkeit einer von ihnen – un semblable –, bei dem man sich damals nur geirrt hat, weil er einer völlig anderen Welt angehörte – il était dans un autre monde.

Dann gibt es allerdings auch solche Invertierte, die sich für etwas Besseres halten und vorgeben, sie seien anderen Menschen überlegen. Sie verachten Frauen und überhöhen die Homosexualität zu einem privilegierenden Merkmal von Genies und von glorreichen Geschichtsepochen. Diese Hochnäsigen lassen sich nur mit denen ein, die ihnen würdig erscheinen – qui leur en semblent dignes; es sind überhebliche Eiferer, so wie andere Fanatiker des Zionismus oder Prediger der Wehrdienstverweigerung oder Apostel des Veganismus sind.

Bei allen Unterschieden zwischen den Menschen bleibt doch die Grundtatsache bestehen, dass jedes Wesen nach Lust strebt – tout être suit son plaisir. [Das ist aller Dinge Ursprung „denn was nur lebt, will lieben“, heißt es im Rheingold. Mit Nietzsche gesprochen ist „das Leben jene dunkle, treibende, unersättlich sich selbst begehrende Macht“ ... weswegen ja auch ›alle Lust Ewigkeit will‹.] Wenn der invertierte Mann allerdings bei Frauen Lust sucht, dann versündigt er sich – le vice commence. Er mag Mutter und Schwestern lieben, gar feuchte Augen bekommen, wenn liebevoll von ihnen gesprochen wird, er bleibt ein Kind des Saturn (Anm. 1/23/III), also in seiner Lust auf andere seines Geschlechts bezogen. [Aber warum des kinderfressenden Saturn? Nach herrschender Meinung sind es eher „uranistische Neigungen“, um die es hier geht.]

Und so geht es dahin über viele Seiten mit vielen Details über das Leben und Leiden der Invertierten. Auch über die Hermaphroditen erfahren wir einiges, z. B. dass sie sich gerne auf den antiken Orient oder auf das Goldene Zeitalter Griechenlands beziehen (ohne über die beträchtlichen Unterschiede zu heute nachzudenken), und dass vom ursprünglichen Hermaphrodismus – cet hermaphroditisme initial, ces époques d’essai – rudimentäre männliche Organe bei der Frau und umgekehrt weibliche Organe beim Mann zurückgeblieben sind. [Mit allem Respekt und bemühtem Verständnis überspringen wir diese dem chèr auteur so wichtigen Zusammenhänge und landen flugs wieder bei CHARLUS und JUPIEN.]

Ihr Zusammentreffen ist für den Erzähler mehr als ein Zufall, kein caprice d’un instant, sondern une véritable prédestination, gefügt durch die Harmonie ihrer Temperamente, wenn nicht gar mitbedingt durch weit, nämlich in vies antérieures zurückreichende Erbanlagen – par leur plus lointaine hérédité. Die Begegnung dieser beiden Individuen ist im Prinzip ja genauso unwahrscheinlich wie die Befruchtung der weiblichen Blüte des Ginkgo-Baumes durch ein Insekt, das zufällig männliche Pollen mit sich herumträgt [oder die Befruchtung des Lebensbaumes durch ›bärtige Engel mit schuppigen Zapfen‹], zumal es nur sehr wenige Invertierte gibt, die ältere, schon etwas beleibtere Herren wie CHARLUS bevorzugen – hommes beaucoup plus âgés qu’eux; aber JUPIEN ist genau so ein seltenes Exemplar.

Der Baron zeigt sich erkenntlich, indem er JUPIENS Nichte, die jetzt die Schneiderei führt, seiner Schwägerin ORIANE und seiner Tante VILLEPARISIS empfiehlt; durch diese brillante clientèle nimmt der Laden einen unerhörten Aufschwung. »Das ist nun wirklich mal ein guter Mensch, dieser Baron«, lobt FRANÇOISE erfreut JUPIENS Wohltäter, als sie sieht, wie das Schneider-Geschäft aufblüht, »er ist so gut, so fromm, so comme il faut. Wenn ich eine heiratsfähige Tochter hätte, würde ich sie dem Baron blind überlassen!« – »Aber FRANÇOISE«, mahnt sie die Mutter (nicht ganz ernsthaft), »Sie haben ihre (hypothetische) Tochter doch bereits dem JUPIEN versprochen.« – »Jaja, das ist noch so einer, der Frauen glücklich machen könnte, der Baron und JUPIEN, das ist echt le même genre de personne.« [So kann man sich täuschen ... und doch auch wieder richtig liegen. Erneut spielt PROUST sein Grundmuster der Divergenz zwischen äußerlicher Wahrnehmung und komplexerer Wirklichkeit durch: Was man wahrnimmt, unterliegt prinzipiell der Möglichkeit der Täuschung und muss gegebenenfalls revidiert werden.]

13. Aufzug: Die Soiree bei der Prinzessin de Guermantes

13. AUFZUG, 1. BILD: DER ›STUHLKREIS‹ DER PRINZESSIN

MARCEL weiß immer noch nicht, ob er nun wirklich zur Soiree der Prinzessin DE GUERMANTES eingeladen ist oder ob diese Visitenkarte vielleicht doch nur ein übler Scherz war. Wie auch immer, er begibt sich zum Palais der Prinzessin, trifft dort am Eingang den jungen Herzog de Châtellerault, den er bereits auf der Soiree der MMEDE VILLEPARISIS kennengelernt hatte {8/7} und geht mit ihm hinein. Unter den Gästen der Prinzessin sind neben den habitués des Hochadels immer auch einige angesehene Wissenschaftler und Künstler, und die Gastgeberin ist darauf bedacht, ihre Besucher miteinander bekannt zu machen. Dazu hat sie die schöne Methode des ›Stuhlkreises‹ entwickelt: Nach dem Diner setzen sich die Gäste in kleineren Grüppchen zusammen, und die Prinzessin nimmt zunächst ganz ungezwungen in einer dieser Runden Platz. Wenn sie bemerkt, wie der berühmte Maler X** die mit dem Rücken zu ihm im anderen Stuhlkreis sitzende MME de Villemur recht wohlgefällig betrachtet, spricht die Prinzessin sie an: »Madame, der Maler X** bewundert gerade Ihren so schön geformten Nacken, darf ich Sie miteinander bekannt machen?« Der Maler eilt zu MME de Villemur, um ihr vorgestellt zu werden, die Prinzessin rückt ihren Stuhl zu diesen beiden heran, und schon sitzt sie im nächsten Stuhlkreis, wo sie ihr Ritual nach einer Weile wiederholen wird, bis sie selbst alle Grüppchen beehrt hat und von ihren Gästen dafür bewundert wird, avec quel naturel une grande dame sait recevoir.

13. AUFZUG, 2. BILD: BEGRÜßUNGS- UND VORSTELLUNGSRITUALE

Aber wir haben vorgegriffen, denn jetzt steht erst mal die Begrüßung bei der gastgebenden Prinzessin selbst an, wofür MARCEL sich in die Schlange einreiht, denn vor ihm sind noch andere Gäste dran. Die meisten fertigt die Gastgeberin schnell ab, indem sie etwa sagt: »Den Hausherrn, M. DE GUERMANTES, finden Sie am Eingang zum Garten.« Oder indem sie gar nichts sagt, sondern den Gast nur mit ihren bewundernswerten Onyx-Augen anschaut und weitergehen lässt – comme si on était venu seulement à une exposition de pierres précieuses. Jetzt ist MARCEL an der Reihe. Man geht natürlich nicht einfach auf eine Prinzessin zu, sondern wird zunächst vom huissier, dem Ausrufer, nach seinem Namen gefragt, den dieser Wächter lauthals der Prinzessin (und auch allen anderen) verkündet; Hoheit geruht nun, den so Benannten willkommen zu heißen – oder eben auch nicht. MARCEL hat das Gefühl, er gehe über glühende Kohlen – ma brève incertitude fut cruelle: Er weiß immer noch nicht, ob seine Einladung echt ist. [Die umständlichen, angstbesetzten Vorstellungsrituale bei den verschiedenen Soireen verweisen auf MARCELS Grundbefindlichkeit: Im Innersten fühlt er sich nicht zugehörig, ja ausgeschlossen. Nathalie Mauriac Dyer nennt das „son terreur d’être repoussé“. Gelegentlich kompensiert der Autor dieses Gefühl, indem er sich selbst vollkommen übertriebene Vorzugsbehandlungen angedeihen lässt, wie schon in {11/1} beim Abendessen der herzoglichen Guermantes – und nun gleich wieder.]

Wie sein Name aufgerufen wird und er ihn mit Beklemmung vernimmt comme le bruit préalable d’un cataclysme possible, fasst er sich ein Herz und geht todesmutig auf die Prinzessin zu. Diese nun bleibt nicht etwa in ihrem Sessel sitzen wie bei all den Vorhergehenden, sondern sie erhebt sich und kommt MARCEL einen Schritt entgegen. Sie reicht ihm huldvoll die Hand – la princesse venait de me tendre la main en souriant –, geht, immer noch Hand in Hand mit ihm, ein paar Schritte hin und her – elle exécuta autour de moi, en me tenant la main, un tournoiement plein de grâce –, und verweist ihn dann zu ihrem Gemahl am Eingang zum Garten. [So viel zur Vorzugsbehandlung des ›ungebetenen‹ Gastes.] Nun tut sich aber beim Hausherrn eine neue Hürde auf, denn MARCEL benötigt jemanden, der ihn dort vorstellt.

Der Baron DE CHARLUS, dessen dröhnende Stimme überall zu hören ist, spricht gerade mit dem spanischen Granden de Sidonia (beide haben sich erkannt an jenen Signalen, von denen zuvor im Zusammenhang mit den „reconnaissances“ die Rede war); beide reden gleichzeitig und keiner hört dem anderen zu. MARCEL traut sich nicht, CHARLUS um die Vorstellung zu bitten, weil er meint, der sei noch verärgert, da er, MARCEL, sich seit der Rückfahrt in der Kutsche nicht mehr bei ihm gemeldet hat. Es war deswegen zu Hause sogar zu einer Szene gekommen, als nämlich die Eltern ihn ermahnten, er solle dem Baron doch schreiben. Da bekam MARCEL einen richtigen Wutanfall und wies dieses Ansinnen erzürnt zurück: »Wollt ihr mich vielleicht drängen, propositions déshonnêtes anzunehmen?« Dabei hatte er keineswegs geahnt, was er seit der Begebenheit CHARLUS-JUPIEN weiß. Aber manchmal, so der Erzähler, lebt die Zukunft schon in uns, ohne dass wir uns dessen bewusst sind – l’avenir habite en nous sans que nous le sachions –, und wir sprechen eine kommende Wirklichkeit gelassen oder auch zornig aus.

Überraschenderweise stößt MARCEL auf den Professor E*** [das ist der mit dem fehlenden Knopfloch für seine Orden {9/1}, der damals die Großmutter kurz diagnostizierte, um MARCEL