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Wer hat nicht schon mal einen Band von Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' in den Händen gehabt, gar zu lesen angefangen, ist aber bei allem Bemühen nicht sehr weit damit gekommen. Das vorliegende Buch soll Lust darauf machen, einen neuen Anlauf zu wagen, um einen der größten und schönsten Romane der Weltliteratur kennenzulernen und zu genießen. Denn die 'Recherche' ist ein köstliches literarisches Vergnügen, eine intellektuelle Herausforderung, ein Entdecker-Abenteuer. Bei der Lektüre taucht man ein in die Zeitgeschichte der Belle Époque bis hin zum Ersten Weltkrieg, man bewegt sich in den Kultursparten Literatur, Theater, Malerei, Musik, Architektur, Mode etc. -- und wird reichlich belohnt beim Verweilen im allzu weiten Feld menschlicher Gefühle und Erfahrungen. Kurz: die 'Recherche' ist ein Bildungsroman. Um die Lektüre dieses 'ozeanischen Romans' (Ingeborg Bachmann) zu erleichtern, habe ich meine Leseerfahrungen und meine Sicht auf Prousts Hauptwerk in 28 'Aufzügen' und in einer Vielzahl von 'Bildern' zusammengefasst -- und damit in eine Form gebracht, die zum einen lesbar und zu bewältigen ist, zum anderen aber auch dazu verführen soll, sich so gerüstet und zu gegebener Zeit dem originalen Text selbst zuzuwenden, der inzwischen in schönen neuen beziehungsweise revidierten Übersetzungen vorliegt. Erstleser sind häufig schon mit dem Beginn des Romans überfordert -- da schläft der Autor nämlich ein. Kaum verwunderlich, dass sogar Leute wie Christian Berkel beim ersten Versuch das Buch im hohen Bogen in die Ecke warfen. Aber er hat dann einen zweiten Versuch unternommen -- und war beglückt. Zu diesem Glück der Proust-Lektüre will das vorliegende Buch hinführen. 'Mein Buch ist ein Gemälde', sagt Proust über seinen Roman. Und in diesem Gemälde ist 'Platz für alle Facetten des Menschlichen -- für Koketterie, für Scham, für Fettnäpfchen, für Grausamkeit, den Wankelmut des Herzens, Aufstiegswillen, Abstiegsangst, Snobismus' (Doris Anselm) -- 'nichts Menschliches ist ihm fremd' (Andreas Platthaus). Ich habe meine zusammenfassenden 'Bilder' gelegentlich mit kurzen Kommentaren und Anmerkungen versehen, die dem besseren Verständnis des Textes und der Lesbarkeit dienen. Immer wieder habe ich auch kurze französische Zitate eingefügt, damit deutlich wird, dass meine Leseerfahrungen im Originaltext verankert sind.
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Seitenzahl: 715
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Danksagung
Dankbar bin ich meiner Frau Ellen Butzko-Willkede tout mon coeur für ihre engelhafte, wenngleich nicht immer unendliche Geduld während der Phase, in der die Wonnen des Lebens zurück-stehen mussten vor den strengen Anforderungen des Schreibens.
Für
meinen Bruder
Helmut Willke (1945-2024)
Glück gibt es nur in der Kunst.
(Nach Schopenhauer)
»Non dubbiar, mentr’io ti guido«
(canto 20, purgatorio)
Kennzeichnungen im Text
Normaler Text .......... normaler Text
Kommentare zum Text .......... [in eckigen Klammern]
Zitate aus dem französischen Text ..... anderes Schriftbild
Direkte Rede aus der Recherche ........ »in Guillemets«
Zitate anderer Autoren .......... „in Anführungszeichen“
Personennamen aus der Recherche .. in KAPITÄLCHEN: MARCEL, ALBERTINE
Indirekte Zitate .......... ›in einfachen Guillemets‹
Hervorhebungen und
fremdsprachige Redewendungen ....... kursiv: foreshadowing, en passant
Verweise innerhalb des Textes .......... {4/19} Verweis auf 4. Aufzug, Bild 19
Recherche .......... Kurzform für PROUSTS À la Recherche du Temps Perdu
Anm. 2/194/II .......... Anmerkung 2 zu Seite 194 in Band II der Pléiade-Edition
Notice III, 1377 .......... Aus den Kommentaren im Anhang der Pléiade-Edition, Band III, S. 1377
Inhalt
Teil I
Vorwort
Einleitung
Band I: Auf der Seite der Swanns
1. Aufzug: In Combray bei den Großeltern
2. Aufzug: Eine Liebesaffäre des M. Swann
3. Aufzug: Namen ländlicher Orte – Poesie der Namen
Band II: Im Schatten blühender junger Mädchen
4. Aufzug: Im Dunstkreis von Madame Swann
5. Aufzug: Ländliche Namen und Ortschaften
6. Aufzug: Die blühenden jungen Mädchen
Band III: Auf der Seite der Guermantes
7. Aufzug: Im Stadtpalais der Guermantes
8. Aufzug: Teestunde bei Mme de Villeparisis
9. Aufzug: Agonie und Sterben der Großmutter
10. Aufzug: Albertine und Mme de Stermaria
11. Aufzug: Die Soiree bei den herzoglichen Guermantes
Verzeichnis der Intermezzi
Inhalt von Teil II
Erwähnt man PROUST und seine SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT im Kreise lesenden Mitmenschen, dann sagen viele: „Ja, ich hab’ mal damit angefangen, aber dann ...“. Nicht alle sind so resolut wie Ronya Othmann: „Ich lese Bücher zu Ende. Egal wie sehr sie mich quälen“ – wobei sie aber zugibt, die eine Ausnahme sei eben genau die Recherche. Nun ist es aber so: Man kann die Recherche tatsächlich zu Ende lesen und dabei sogar zum Glück der PROUST-Lektüre finden.
Mit der hier vorliegenden Hinführung zu PROUST und zu seiner Recherche geht es mir darum, diesen grandiosen Roman der Weltliteratur in einer Form zu präsentieren, die einerseits meine Leseerfahrungen widerspiegelt, die andererseits aber für interessierte Leserinnen und Leser als Einstieg zu bewältigen ist – gerade auch für solche, die mal damit angefangen haben, aber nicht sehr weit gekommen sind. Das soll den originalen PROUST natürlich nicht ersetzen, sondern im Gegenteil Mut und Appetit machen auf sein mehrtausendseitiges Werk.
In den zurückliegenden Jahrzehnten habe ich PROUSTS Recherche mehrmals gelesen – anfangs die Taschenbücher in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens (die jetzt in einer Überarbeitung von Luzius Keller und Sibylla Laemmel vorliegen), dann aber bald die französische Fassung in der schönen, ledergebundenen vierbändigen Pléiade-Ausgabe von Jean-Yves Tadié (mit gelegentlicher Unterstützung durch Übersetzungen und online-Wörterbücher). Die Zeit, die man mit PROUST verbringt, ist ja nicht die geringste Dimension der PROUSTSCHEN Zeiten – temps perdu et temps retrouvé. Und wie Andreas Isenschmidt habe ich auch beim wiederholten Lesen die Erfahrung gemacht, dass es an den „besten Stellen jedes Mal vollkommen neu ist“. Überhaupt, so Wolf Lepenies, empfindet wahre Freude an Literatur nur, „wer sich auf das Wiederlesen versteht.“ Diese Empfehlung gilt ja auch für andere große Werke der Weltliteratur, etwa für Joyces Ulysses, dessen ‚retrospective arrangement‘ sich auch erst bei wiederholtem Lesen erschließt: „All of Ulysses expects the reader to have read it before reading it” (ulyssesguide.com).
Für die liseuses/liseurs (im Unterschied zu den lecteurs, die halt lesen, sind liseuses/liseurs die LeserInnen, qui aiment à lire) – kann die Lektüre der Recherche zu einem köstlichen literarischen Vergnügen werden, aber sie ist auch eine intellektuelle Herausforderung, ein Entdecker-Abenteuer. Bei dieser Lektüre taucht man ein in die Zeitgeschichte der Belle Époque, von den französischen Gründerjahren nach 1871 bis hin zum Ersten Weltkrieg, man bewegt sich in den Kultursparten Literatur, Theater, Malerei, Musik, Architektur, Fotografie, Mode etc., und wird reichlich belohnt beim Verweilen im wahrhaft weiten Feld menschlicher Gefühle, Freuden, Leiden und Erfahrungen. PROUST hat „mehr vom Mysterium des Menschen und der Dinge zutage gebracht als Unternehmungen mit höheren Aspirationen“ (Ingeborg Bachmann). Mit anderen Worten: Die Recherche ist auch ein Bildungsroman (denn ‚Bildung zeichnet liseuses/liseurs aus vor den Ziegenhirten‘). Hinzu kommen „die Bijouterien, die psychologischen Funde, Neuheiten und Keckheiten des Franzosen, die sind das reine Amüsement“ (so referiert Rainer Warning eine Äußerung von Thomas Mann zu PROUST).
Ich möchte meine Leseerfahrungen – mit Ingrid Wassenaar könnte ich auch sagen: „my intimate readings of the text“ – und meine Sicht auf PROUSTS Hauptwerk so vermitteln, dass sie zur Lektüre der Recherche hinführen – dass also Lust entsteht, zu diesen Bänden zu greifen, zur Recherche als „einer Schule der Empfindsamkeit“ (Denis Scheck), denn PROUST ist „the great prophet of sensibility” (Francis Birrell). Meine Version – mein ›Modus‹ – umfasst die (notwendig und unvermeidlich selektive) Wiedergabe des Romangeschehens und dessen gelegentliche, auf das Nötige beschränkte Kommentierung und Erläuterung.
„Es ist schön“, meint Detlef Kuhlbrodt, ‚dieses Buch anzuschauen, Tee und Madeleines ans Sofa zu stellen, eine angenehme Sitzposition einzunehmen und dann noch einmal damit zu beginnen, den sicher größten und vielleicht auch umfangreichsten Roman des 20. Jahrhunderts zu lesen.‘ – Natürlich habe ich auch beim ersten Lesen dieses Werks mit den Schultern gezuckt: Was haben die Leute bloß, wie kann man von diesem Roman so schwärmen? Es ist ähnlich wie bei Musikstücken, die man zum ersten Mal hört: Da ›spricht‹ es noch nicht zu einem – noch fehlt die Erinnerung, wie der Erzähler später sagen wird. [Ganz so sah es auch der musikalische Joyce: „Beauty of music you must hear twice. (...) what they call da capo.”] Wie bei einer kunstvollen Sonate, die man, kaum dass sie beendet ist, gleich noch einmal hören möchte, so ist es am Schluss der Recherche: Dann ist man bereit und „suffisamment passionné pour recommencer“ (Jacques Dubois) – da capo. Dann wird man damit „anfangen und nie wieder aufhören“ (Andreas Isenschmidt). Es käme also darauf an, damit anzufangen ...
Erst bei meiner zweiten und den weiteren Lektüren habe ich verstanden, was diese zu Beginn des Romanwerks nur hingetupften Töne und Farben enthalten, dass sie ein großes Gemälde ergeben, wie bei den von PROUST so geschätzten Impressionisten, dass sich die verschiedenen Bausteine zu einer Komposition fügen, zu einer Kathedrale, wie PROUST selbst einmal sagt. Insofern bezweckt diese Hinführung auch, potentielle liseuses/liseurs leichthändig mit dem Essentiellen des PROUSTSCHEN Romangeschehens insoweit bekannt zu machen, dass sie dann instruiert, d.h. mit einer Vorstellung vom Ganzen, ihre ‚Erstlektüre‘ des Originaltextes beginnen oder fortsetzen können und die hingetupften Andeutungen, Namen, Orte – die vorausweisenden Anspielungen, das foreshadowing – einordnen, verstehen und goutieren können.
„Mein Buch ist ein Gemälde“, sagt der Autor selbst über seinen Roman – „Proust is a word-painter” (Parker Tyler). Und in seinem Gemälde ist Platz für alle Facetten des Menschlichen – „für Koketterie, für Scham, für Fettnäpfchen, für Grausamkeit, den Wankelmut des Herzens, Aufstiegswillen, Abstiegsangst, Snobismus“ (Doris Anselm) – „nichts Menschliches ist ihm fremd“ (Andreas Platthaus).
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Man muss es wohl so sagen: Ein Leben ohne PROUST ist möglich, aber weithin sinnlos. Darüber hinaus gilt ganz generell: Man muss für PROUST bereit sein, für diese „15 kg Buch“ (Ronya Othmann) und für das „Ozeanische“ dieses Romans (Ingeborg Bachmann), um „Zugang zu finden zu diesen besonderen von Kostbarkeiten überquellenden Bänden“ (Jóseph Czapski), zu diesem „phänomenalen Seelenzergliederer“ (Jürgen Kaube). Diese Lesebereitschaft für einen der bedeutendsten Romanciers und einen der Begründer der literarischen Moderne fällt nicht vom Himmel, aber sie lässt sich aufbauen – beispielsweise mit den vorliegenden beiden Bänden. Wenn man aber einmal dafür bereit ist, besteht die Chance, bei diesem Autor und seinem „unbändigen Glücksverlangen“ (Th. W. Adorno) das eigene Leseglück zu finden.
Die Recherche ist keine Autobiographie, nicht die bloße Niederschrift von Lebenserinnerungen. Vielmehr ist dieses Werk der bewusst komponierte Roman eines wohl unerhört detailreich erinnerten, dabei aber literarisch gestalteten, also kreativ ameliorierten Lebens – PROUSTS vie d’autrefois. Oder mit Sophie McBain gesprochen: „We edit our pasts to better serve our present needs”.
Um den unendlichen Strom dieser Erinnerungen, in denen ein Leben und eine Epoche gegenwärtig werden, einigermaßen zu gliedern, fasse ich das Geschehen in einzelnen ›Aufzügen‹ und ›Bildern‹ zusammen. Ein ›Bild‹ umfasst in der Regel das, was Susan Suleiman „a narrative sequence“ und der Nouvel Observateur (l’OBS 112) eine „scéne“ nennt. Diese Art der Interpunktion erscheint angezeigt, weil „each episode in Proust’s immense novel is a separate and to some degree detachable anecdote, event, or little narrative” (Joseph H. Miller). Zugegeben, das steht in einem gewissen Gegensatz zu PROUSTS ursprünglicher Absicht, seinen Roman in einem einzigen Band herauszubringen, dazu noch ohne Zwischentitel und Überschriften. Doch das war seine Idee, bevor der Roman auf sieben Bände angewachsen war.
Natürlich müssen in einer zusammenfassenden, auf das Essentielle beschränkten Darstellung der eigenen Leseerfahrungen sehr viele, auch viele schöne Passagen und ganze Episoden notgedrungen übersprungen, ausgelassen werden – à la rigueur: „On a le droit de sauter des paragraphes, des scénes ...“, so der Nouvel Observateur (l’OBS 112). Es handelt sich hier also um eine subjektive Auswahl dessen, was sich vom gelesenen Text sinnvoll in ›Aufzüge‹ einbringen und in ›Bildern‹ sichtbar machen lässt – und was unter Berücksichtigung der „ermüdbaren Rezeptionsfähigkeit des Publikums“ zumutbar erscheint.
[Meine eigenen Kommentare zum Text und zu meinen Leseerfahrungen habe ich durch eckige Klammern kenntlich gemacht. Gelegentlich sind diese Kommentare oder Ergänzungen in einem kurzen ›Intermezzo‹ zusammengefasst.]
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ProbeleserInnen haben gefragt, warum immer wieder Formulierungen oder halbe Sätze aus dem französischen Original zitiert werden. Das hat den Grund, dass ich meinen récit im Originaltext verankert sehen möchte. Es handelt sich hier nicht um eine freischwebende Interpretation, sondern um meine Leseerfahrungen entlang des PROUST-Textes, wie er in der Pléiade-Ausgabe zu lesen ist. Im Übrigen sind die französischen Textstellen mit ein paar Jahren Schul-Französisch gut zu schaffen (sofern man im Unterricht aufgepasst und der jolie amie vorne links oder dem garçon dahinter nicht nur billets doux geschrieben hat). Auch Fontanes Stechlin ist hier einschlägig, meinte er doch bereits in den 1890er Jahren: „Wer heutzutage nicht drei Sprachen spricht, gehört in die Ecke ...“
Sprache ist für mich ein dreidimensionales Kunstwerk: Neben der eigenen Sprache sind die (Fremd-)Sprachen die zweite Dimension, und die dritte sind die verschiedenen Sprachregister, von der Hochsprache bis zur Gossensprache. Gelegentlich kommt sogar noch eine vierte Dimension dazu, nämlich die Veränderung der Sprache in der Zeit, etwa während des Jahrhunderts zwischen dem Schreiben der Recherche und der heutigen Lektüre. Im folgenden Text nehme ich mir die Freiheit, alle Sprachdimensionen und -register nach gusto zu verwenden (zumal sie beim Schreiben ohnehin ineinander rinnen). Schließlich war PROUST auch ein Meister darin, „den Ton zu wechseln, vom Provinz- zum Salongespräch“ (Stefan Zweifel), vom Slapstick bis zur Elegie.
Auch die Bilder und Abbildungen im Text haben eine Funktion: PROUST spricht immer wieder von den images – den aus sinnlichen Eindrücken entstandenen Bildern, die er und seine Helden in ihrer Phantasie wunschgerecht konfigurieren, die dann wiederum ihre Realitätswahrnehmungen prägen – so wie bei SWANN, der in seiner Geliebten nicht eigentlich sie, sondern eine ›Botticelli‹ sieht – jedenfalls sehen will. Da erscheint es angebracht, einige dieser images auch sichtbar zu präsentieren. Eric Karpeles bemerkt dazu: „Without the ability to conjure up these references – so revealing, so compounded – their intended impact is considerably diminished.” Ganz abgesehen davon, dass Alice in ihrem Wunderland völlig zu Recht fragt: „what is the use of a book without pictures?“, und abgesehen davon, dass man das eine oder andere der Bilder von Monet oder Whistler oder Vermeer auch gleich betrachten möchte, wenn davon die Rede ist, oder wissen möchte, wo denn nun das berühmte ›kleine gelbe Mauerstück‹ in der ›Ansicht von Delft‹ zu finden ist, wo genau die rue La Pérouse, derrière l’Arc de Triomphe liegt, in der SWANNS Geliebte ODETTE wohnt. Insoweit ist auch dieses wie jedes Buch durch Satz und optische Aufbereitung ›in Szene gesetzt‹ (Nora Bruegman), was hier mit ›Aufzügen‹ und ›Bildern‹ sinnfällig unterstrichen wird.
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PROUSTS umfängliches Werk beginnt mit einer befremdlichen Ouvertüre: Der Ich-Erzähler schläft ein. „Ich kann nicht verstehen, wie ein anständiger Mensch 30 Seiten darauf verwenden kann zu beschreiben, wie er sich im Bett wälzt, bevor er einschlafen kann“ – so begründete der Verleger Humblot seine Ablehnung des PROUSTSCHEN Textes anno 1913. Der Erzähler ist Zeuge seines eigenen Einschlafens und Aufwachens, und er beschreibt die Gefühle und Gedanken, die er bzw. sein Held dabei hat. Eine solche Eröffnung muss die meisten Erstleser überfordern, weil sie nicht wissen können, dass PROUST hier eine „Mußesituation“ schafft (Thomas Klinkert), die Erinnerungen evoziert, die aufbewahrt – und zu gegebener Zeit in einem kreativen Akt aufgeschrieben werden können. Muße ist die Bedingung der Möglichkeit für PROUSTS Roman – und für LeserInnen ist Muße die Bedingung der Möglichkeit, Glück in der PROUST-Lektüre zu finden. (Aber auch der umgekehrte Weg ist denkbar: Über die PROUST-Lektüre zur Muße zu finden.) Erstleser können nicht ahnen, was die nun folgenden Anspielungen, Verweise und vielen Namen bedeuten für die Entwicklung und den Fortgang des Romans. Es sind Andeutungen, die sich erst im Nachhinein als vorausweisend erschließen. Da muss es einem ja so gehen wie Christian Berkel: „Ich las ein paar Seiten und warf das Buch in hohem Bogen in die Ecke.“ Erst beim zweiten oder dritten Anlauf geht es dann besser – und der gleiche Leser, der das Buch anfangs verworfen hat, ist nun beglückt. (En passant bestätigt er die Feststellung von Jürgen Kaube: „Die Bedeutung eines Werkes erschließt sich meistens nicht durch einmalige Lektüre“ – oder anders gesagt: „Erst vom Ende her verstehen wir, was er [PROUST] anfangs meint“ (Jürgen Ritte).
Wie in einer Oper, deren Ouvertüre das hinter dem Vorhang verborgene Geschehen nur anklingen lässt, so enthält der Romananfang in der Form von flüchtig auftauchenden Reminiszenzen eine Fülle von Anspielungen – ein Festival des foreshadowing. Das ist die PROUSTSCHE Methode von Vorankündigung und späterer Einlösung (Stephan Leopold). Hier, zu Beginn, ist etwas Mut nötig, um den leicht sperrigen Einstieg zu PROUST und zur Recherche zu finden. Anfangs wird nur angetippt, was vorausweist auf spätere Geschehnisse und Verwicklungen. Wenn man das Werk bereits kennt, schreibt Gerrit Bartels, ist man bei der wiederholten Lektüre verblüfft, wie zu Beginn alle an das Ende führenden Fäden ausgelegt werden. Und „mit jedem Mal entdeckt man neue Dinge, Strukturen, Feinheiten“ (Detlef Kuhlbrodt).
Grundsätzlich ist die klassische Einheit von Ort und Zeit in der Recherche aufgehoben zugunsten eines vielschichtigen, auch vielschichtig gebrochenen Erinnerungsgewebes, einer „internen Fragmentarität“ (Angelika Corbineau-Hoffman). Zeitsprünge, Synchronien und Achronien sind Teil dieses Gewebes. Hinzu kommen unterschiedliche Zeit-Räume, nämlich zum einen die erzählte Gegenwart (bei seiner Tante kostet ein Junge ein Gebäckstück, eine Madeleine), zum anderen die Gegenwart des Erzählers (der sich nach vielen Jahren daran erinnert, wie er eine Madeleine gekostet hat). Und dann gibt es noch die Gegenwart der Leserin, des Lesers, die lesend nachvollziehen, wie der Erzähler sich erinnert (und die dabei vielleicht selbst eine Madeleine kosten) – das ist die von Thomas Mann angemerkte „dreifache Zeitordnung“. Sich diese Vielschichtigkeit zu erschließen, ist eine „difficulté délicieuse“ (Michel Butor).
Nach den ersten paar Absätzen legen viele das Buch schon wieder aus der Hand – oder schmeißen es in die Ecke, siehe oben. Dabei sollte man bedenken (weil ansonsten das Beschriebene ziemlich unverständlich bleibt), dass dieser – für sich genommen – leicht befremdliche Romananfang und die folgenden Seiten den Charakter einer musikalischen Ouvertüre haben: Was beim „narrateur-témoin“ [wie Jacques Dubois den Erzähler nennt, der (teilweise) erlebt hat, was er erzählt], in der Form verstreuter Erinnerungen, ja eines „Durcheinanders von Erinnerungsbildern“ (Winfried Eckel) nächtens aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit aufsteigt, was in diesen ersten Takten leitmotivisch anklingt, das ist ein Antönen der großen Ereignisse, der übergreifenden Themen, der zentralen Konflikte und peinigenden Eifersuchtsszenen, die später erst subtil auskomponiert und in vielen Reprisen, in „Kreisbewegungen der Narration“ variiert werden (Angelika Corbineau-Hoffman).]
Du côté de chez Swann (Original)
Der Weg zu SWANN (Rudolf Schottländer)
In SWANNS Welt (Eva Rechel-Mertens)
Unterwegs zu SWANN (Luzius Keller/Sibylla Laemmel)
Auf dem Weg zu SWANN (Bernd-Jürgen Fischer)
SWANN’S Way (Scott Moncrieff) // The Way by SWANN’S (Lydia Davis)
[Zur erklärungsbedürftigen Überschrift dieses Bandes: ›Auf der Seite der SWANNS‹ – Du côté de chez Swann – ist zunächst nur eine geografische Angabe; es ist die Seite des Städtchens Combray, auf der sich die Residenz der SWANNS befindet. Auf der anderen Seite, in der Gegenrichtung, (bei PROUST hat alles mindestens zwei Seiten), liegen Schloss und Ländereien der herzoglichen Familie – Le côté de Guermantes –, von der in Band III die Rede sein wird. MARCEL wandelt auf beiden Seiten, zunächst bei Spaziergängen, meist mit Vater und Großvater, dann aber auch im übertragenen Sinne, in beiden Welten, indem er sich nacheinander beiden Lebenssphären annähert, die in vielerlei Hinsicht gegensätzlich, aber doch miteinander verbunden sind, ja gegen Ende des Romans miteinander verschmelzen.]
