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Hierbei handelt es sich um eine ungewöhnliche Erzählung. Beim Lesen gelangt man in eine Welt der Liebe und der Leidenschaft. Diese beiden Eigenschaften helfen dem Leser, sich im Venedig des 17. Jahrhunderts wiederzufinden. Vielleicht kann der Leser mit Hilfe dieser beiden Eigenschaften entweder kurzfristig, oder sogar für ewig dort bleiben...
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Yelena Martin wurde im Jahre 1964 in Kasachstan (in der Stadt Karaganda) geboren. Dort verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend. Seit Juli 2000 lebt die Autorin dauerhaft in Deutschland. Im Jahr 2007 ist im „Aletheia“ - Verlag das Buch der Prosa „Der Ewigverliebte“ erschienen. 2010 folgten die „Diamanttränen“. Yelena Martin nahm auch am internationalen Poesiewettbewerb in München (2007-2011) teil. Außerdem steuerte sie ihren Beitrag zur Anthologie der russischsprachigen Dichter im Ausland 20082011. Sie ist die Autorin von Poemen: „Umhüllungsschutz“, „Spiel“ und „Seele“.
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Hierbei handelt es sich um eine ungewöhnliche Erzählung. Beim Lesen gelangt man in eine Welt der Liebe und der Leidenschaft. Diese beiden Eigenschaften helfen dem Leser sich im Venedig des 17. Jahrhunderts wieder zu finden. Vielleicht kann der Leser mit Hilfe dieser beiden Eigenschaften entweder kurzfristig, oder sogar für ewig dort bleiben...
Teil I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Teil II
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Die Götter sagten, dass du ewigdie wahre Liebe suchen wirst...
Wir schreiben das Jahr 1625 in Warschau. Ein prächtiges Schloss, welches einer der reichsten Familien von ganz Polen gehört. Im Haus herrscht eine große Aufregung, weil das Familienoberhaupt seinem einzigen Sohn befiehlt, sich auf eine Reise in fremde Länder zu begeben, um dort die Weisheiten des Erwachsenenlebens zu lernen.
- Vielleicht überlegst du es dir doch anders? Und wirst du deine Entscheidung ändern? Dich wird es ja nichts kosten, du hast zwar dein Wort gegeben, aber du kannst es auch zurücknehmen...
- Du denkst dabei in erster Line an dich selber und machst dir nur wenig Gedanken über unseren Sohn.
- Janusch, ich flehe dich an! Unser Junge...
- Er ist schon lange kein Kleinkind mehr. Du hättest ihn in den Armen von Jadwiga sehen sollen.
- Was sagst du da?
- Hast du es endlich kapiert. Letzte Nacht konnte ich deswegen lange nicht einschlafen.
- Diese Schlampe!
- Wie auch immer, meine Entscheidung steht bereits fest und alle deine Überredungen werden daran nichts verändern. Er wird noch heute das Haus verlassen.
Anna, die Mutter von Stefano rennt in das Schlafzimmer ihres Sohnes und beginnt ihr Kind zu küssen. Stefano ist noch schlaftrunken und kann deshalb nur wenig begreifen.
- Mein Söhnchen, dein Vater der Tyrann hat eine blödsinnige Entscheidung getroffen.
- Will er etwa auf Bärenjagd gehen? Nach unserer letzten Hasenjagd lacht eh schon die ganze Nachbarschaft über uns.
- Du kannst es dir gar nicht vorstellen, was sich dein Vater diesmal überlegt hat. Er schickt dich fort von hier.
- Wohin?
- Ach, mein Söhnchen. Er sagt, dass du in fremde Länder reisen sollst.
- Keine schlechte Idee.
- Und was wird aus mir? Ich werde es nicht zu lassen!
- Und was wird darauf unser Tyrann sagen? Hör auf zu heulen! Ich werde mich ein wenig amüsieren. Außerdem werde ich dabei bestimmt viel lernen.
- Nimm den Michey mit. Er wird wenigstens auf dich aufpassen.
- Wozu brauche ich denn diesen alten Sack?
- Mit seiner Hilfe wirst du immer satt und gut angezogen sein, - Anna klingelt in eine Glocke für Bedienstete.
Michey kommt herein. Nachdem ihr Söhnchen angezogen und zwei Mal gefüttert ist, verlassen alle das Schloss. Der Vater ist bereits auf der Straße und hat alle Hände voll zu tun. Er überprüft persönlich, ob die Kutsche in Ordnung ist und ob die Pferde in einer guten Verfassung sind. Stefano und Michey verabschieden sich von allen und steigen in die Kutsche ein. Janusch macht eigenhändig die Kutschentür zu und schreit zum Abschied:
- Und vergiss nicht. Wenn du ohne meine Erlaubnis irgendwo heiraten solltest, dann werde ich dich enterben!
Venedig im Jahre 1629. Der Frühling ist gekommen. Die Natur ist aus ihrem Winterschlaf aufgewacht. Die duftenden Bäume haben die Luft mit ihrem Aroma gefüllt. Dieser Duft erweckt die Leidenschaft, diese alles betäubende Lust.
Zu dieser Zeit hatte Elia bereits das zarte Alter von siebzehn Jahren erreicht. Mit ihrer Schönheit könnte sie leicht mit Blumen konkurrieren. In ihren hellbraunen Augen spiegelte sich das Sonnenlicht. Ihre Lippen waren so einfühlsam und ihr Körper war so elastisch, dass es einem vorkam, als ob sie die Grazie einer Katze in sich trug.
Elia war das einzige Kind in der Familie eines venezianischen Arztes, der Matteo hieß. Die Arbeit des Mediziners zwang den Vater des Mädchens viel Zeit unter Menschen und außerhalb von zu Hause zu verbringen, aber er kehrte jedes Mal sehr gerne nach Hause zurück. Das Haus, in dem sie wohnten befand sich im Herzen von Venedig – im San Marcoviertel. Elia könnte stundenlang vor dem Fenster sitzen, das Meer betrachten und beobachten, wie das Wasserelement bei verschiedenen Wetterkapriolen seine Gestalt verändern kann.
Die Familie wachte mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Sie würden liebend gerne noch etwas im Bett liegen bleiben, aber die Hausarbeit machte sich nicht von alleine, sie musste immer erledigt werden. Außerdem beauftragte der Vater seine Frauen oft, Mixturen für Kranke nach einfachen Rezepten herzustellen.
Einmal wollte Elia nachschauen, ob das Küken aus dem Taubenei bereits geschlüpft ist. Dieses Ei lag in einem Nest, welches sich zwischen dem Blumenkasten und dem Fenster befand. Nachdem sie die Fensterläden weit geöffnet hatte, sah sie einen jungen Mann, der gerade an ihrem Haus vorbeiging. Sogar von dieser Entfernung könnte man, erkennen, dass er sehr schön ist. Er hatte eine gerade Nase, grüne aussagekräftige Augen, prächtige dunkle Haare und sein geschmackvoller Anzug unterstrich die Vorzüge seiner formschönen Gestalt. Er war anscheinend sehr reich. Denn so kleideten sich nur Menschen, die viel Geld und viele gute Beziehungen hatten. Elia vergaß sofort das Küken, das tatsächlich bereits ausgeschlüpft war, pflückte eine Blume und führte diese zu ihrer Nase. Als sie der Schönling hinterher schaute, kam Elia zum ersten Mal der Gedanke in ihrem Kopf, dass sie mit ihm zusammen sein wollte. Seit diesem Tag erinnerte sie sich oft an ihn. Einmal zog sie sogar den Zorn ihres Vaters deswegen auf sich. Als sie nämlich beim Träumen ein Gefäß mit Blutegeln fallen ließ. Elia kam erst zu sich, als Matteo sie laut beschimpfte und anbrüllte. Die Tochter antwortete damals nichts ihrem Vater, weil sie wusste, dass die Leiden seiner Kranken ihn nie in Ruhe ließen und ihn ständig mental verfolgten. Selbst im Traum schrie er oft aus Machtlosigkeit, als seine ehemaligen Patienten, denen er nicht helfen konnte, ihm bereits aus dem Himmel anlächelten. Elias Vater träumte von einem Medikament, welches die Leute von ihrem Schmerz befreien würde. Matteo mischte verschiedene Kräutertinkturen und experimentierte dabei mit verschiedensten Komponenten aus Naturstoffen.
Er hoffte auf ein Wunder. Und jedes Mal wurde die Hoffnung zuerst aufs Neue geboren, nur um zusammen mit dem nächsten Kranken wieder zu sterben. Matteo fürchtete sich am meisten vor Epidemien. Er erinnerte sich mit Schrecken an die Erzählung eines Menschen, der die Pest in den Jahren 1575-77 überlebt hatte. Diesem Menschen war es nur wie durch ein Wunder gelungen, dem traurigen Schicksal der meisten seiner Mitbürger zu entkommen. Er erzählte, dass viele von ihnen sich noch am Morgen in einer ausgezeichneten gesundheitlichen Verfassung befinden konnten, und am nächsten Tag lagen sie bereits leblos in einer stickigen Grube, neben den anderen Unglücksseligen.
Matteo liebte seine Familie und versuchte von ihr alle Sorgen fernzuhalten. Seine Frau und seine Tochter waren für ihn das Wichtigste auf der ganzen Welt, weil er außer ihnen überhaupt keine Verwandten mehr hatte. Wenn man natürlich seinen Ziehvater und Lehrer nicht mitzählt, den Matteo immer als ein Geschenk des Schicksals ansah. Matteo verdankte ihm alles, was er hatte. Sein eigenes Leben gehört auch dazu. Matteo traf seinen zukünftigen Lehrer das erste Mal im Alter von neun Jahren. Damals hatte er auf einen Schlag seine Mutter verloren – eine venezianische Kurtisane, die an Syphilis gestorben war – und einen neuen Vater gefunden, der ein fremdes Kind, wie sein eigenes liebte. Wer war denn dieser Retter, den Matteo vergötterte?
Er wurde im Jahre 1561 in Venedig geboren und hatte eine medizinische Ausbildung an der Universität erhalten. Weil die Universität von Padua zu der Zeit als die populärste galt, wegen der Berühmtheiten, die dort unterrichteten, setzte Santorio – so hieß Matteos Retter – seine Ausbildung dort fort. In Padua wurde ihm im Jahre 1582 der Doktortitel verliehen. Galileo Galilei, der an der Universität von Padua Professor war und Mathematik unterrichtete, wurde zu Santorios Vorbild. Es war ausgerechnet er, der in Santorio die Leidenschaft zu den Himmelskörpern und den fernen Sternen entfacht hatte. Nachdem der frischgebackene Doktor sich von seinem Lehrer verabschiedet hatte, kehrte er in seine Heimatstadt zurück und begann in Venedig seine medizinische Tätigkeit auszuüben. Einmal wurde Santorio von einem wohlhabenden Senior gerufen, dieser flehte ihn an, mit Tränen in den Augen, das Leben seiner Geliebten zu retten. Leider gelang es Santorio nicht, die Frau zum Leben zu erwecken, sie starb vor seinen Augen. Der Geliebte raufte sich voller Leid die Haare und rannte weg. Dabei überließ der Senior dem Doktor nicht nur die Leiche seiner eben gerade verstorbenen Geliebten, sondern auch einen untröstlichen Jungen, der den Leichnam der Mutter beweinte.
Die riesigen hellbraunen Augen des Kindes, in denen Klugheit und Wissbegierde zu sehen waren, ließen Matteos Herz vor Mitleid und Erbarmen nicht kalt – genau in diesem Moment hatte er einen Sohn und Schüler gefunden, der nie in seinem Leben Santorio einen Grund dazu gab, seine Entscheidung zur Adaption zu bereuen. Auf diese Weise hatte Matteo überhaupt keine andere Wahl, das Schicksal hatte für ihn den Beruf ausgewählt. Zum Glück hatte er keinen Grund dazu, auf das Fatum beleidigt zu sein. Der Teenager erwies sich als ein fleißiger Schüler, so dass sein Lehrer sehr zufrieden mit ihm war. Sechs Jahre später stand neben Santorio ein fast fertiger Arzt, der sehnsüchtig darauf bestrebt war, sein Wissen irgendwo anwenden zu können. Daraufhin schickte Santorio den jungen Mann dorthin, wo er seiner Zeit selber lernte, nämlich an die Universität von Padua. Das Schicksal hatte es auch weiter gut mit Matteo gemeint. Er hat alle Abschlussprüfungen erfolgreich bestanden und erlangte so den gewünschten Titel. Im Jahre 1611 hatten sich die Wege des Lehrers und des Schülers für eine kurze Zeit in Padua gekreuzt, weil man Santotio an die Universität eingeladen hat, damit er dort Medizin unterrichtet. Danach kehrte Matteo nach Venedig zurück und mietete sich ein Zimmer im Haus eines Herren, der eine bezaubernde Tochter hatte. Ein Monat reichte Matteo, um sich in sie zu verlieben und ihr einen Heiratsantrag zu machen. So trat seine geliebte Bianca in das Leben von Matteo.
Die Karriere des Doktors nahm eine rasante Entwicklung. Bereits ein halbes Jahr später, konnte sich die Familie ihre eigene Wohnung leisten und im Frühjahr des nächsten Jahres kam ein Geschöpf auf die Welt, welches die ganzen Gedanken der jungen Eltern sofort auf sich vereinte.
Elia gefiel ihr Zimmer. Es war zwar winzigklein, aber dafür sehr gemütlich. Das Zimmer war für sie, wie ein Schneckenhaus für die Schnecke – man könnte sich dorthin immer prima verstecken und dann kam es einem so vor, als ob man nie gefunden oder gestört wird. Das Mädchen litt häufig an Schwermut, dabei wusste sie nicht, woher dieses Gefühl kam, und wohin es verschwand. In solchen Momenten sperrte sie sich in ihrem Zimmer ein und weinte. Irgendetwas Unbegreifliches ließ ihr einfach keine Ruhe. Als ob sie ahnen würde, dass sie keine Hoffnungen auf eine gute Zukunft hat. Wenn das seltsame Gefühl sie wieder losließ, dann gefiel der jungen Herrin das Zimmer noch stärker, die Sonne schien noch greller zu scheinen als gewöhnlich und die Vögel sangen anscheinend auch nur für sie. So war es auch heute. Nachdem sie wie immer ein wenig geweint hatte, hörte Elia, wie die Eingangstür geöffnet wurde. Danach sah sie auf der Schwelle ihres Hauses eine junge Frau stehen. Sie war ungefähr zwanzig Jahre alt, vielleicht sogar etwas jünger. Sie war recht hübsch, vor allem ihre zarten Gesichtszüge machten sofort auf sich aufmerksam. Aber in ihrem Blick könnte man viel Leid erkennen.
„Wahrscheinlich ist sie krank“, - dachte Elia.
Nachdem sie ihren Vater gerufen hatte, nutzte Elia den günstigen Augenblick und lief unbemerkt auf die Straße. Ganz in Sonnenstrahlen gehüllt lief Elia zum Stadtmarkt. Um dorthin gelangen zu können, musste man in Richtung des großen Kanals gehen. Der größte Kanal, der in Venedig Kanal Grande genannt wurde, teilte die Stadt in zwei Teile, welche durch eine Brücke miteinander verbunden waren. Die Brück trug den Namen Rialto.
Es war Mittag... Die Luft war mit einem komischen Gemisch von verschiedenen Gerüchen der Früchte, des Muskats und von Fisch gefüllt. Zu dieser Zeit machten sich die meisten Fischer bereits auf den Rückweg. Die Ware war verkauft, der Gewinn in Form von Dukaten bereits gezählt. Die Verkäufer, die allerdings Pech hatten, mussten ihre Ware umsonst loswerden. Für alle Bettler war es eine große Freude.
Elia ging an den Warenständen mit Feigen, Zimt und anderen Gewürzen, die aus dem fernen Indien hergebracht wurden, vorbei und dachte wie schön dieses Land sein müsste, wenn es solche erlesenen Früchte hervorbringt. Nachdem sie sich einem Juweliergeschäft genähert hatte, begann Elia mit Begeisterung den Damenschmuck zu betrachten. In diesem Laden konnte man Erzeugnisse aus Edelsteinen und sogar Diamanten erwerben, die ebenfalls aus Indien stammen. Ein Schmuckstück war schöner, als das andere. Aber was ist das? Eine elegante Schlange schaute direkt auf sie. Dabei handelte es sich um ein wunderschönes Kollier und es war einer echten Schlange so ähnlich, dass Elia den Eindruck hatte, dass sie in jeder Sekunde nach unten gleiten, und unter die Theke huschen könnte. Dieses Schmuckstück wurde anscheinend von einem geschickten Kunsthandwerker hergestellt. Die Steine waren winzigklein und waren so angebracht, dass es einem vorkam, als ob man wirklich die Haut einer sich bewegenden und kriechenden Schlange sehen würde. Aber noch mehr haben Elia die Augen der Schlange beeindruckt... sie waren grün und so ausdrucksvoll, dass sie wie lebendig wirkten.
Unter dem Eindruck des Blickes der Schlangenaugen, die aus Smaragden hergestellt waren, ging Elia entlang den Warenständen immer weiter und weiter. Mittlerweile hatte sie das Ende des Marktes erreicht und ihn bereits verlassen, aber das Mädchen ging in eine unbekannte Richtung immer weiter. Wohin? Es war unwichtig, man hatte den Eindruck, als ob sie die Schlangenaugen führen würden.
Elia fand sich bald neben einem Gebäude mit wunderschönen Fresken wieder. Das Mädchen begriff sofort, wo sie sich befand. Sie war hier schon früher mehrmals zusammen mit ihrem Vater zu Besuch. Er erklärte ihr, dass hier ein privilegierter Ort für Handelsleute aus deutschsprachigen Ländern ist, welche das Heilige Römische Reich umfasste. Fondaco war ein Finanzzentrum und ein Treffpunkt für Handwerker und Künstler. Die Fresken, welche Elia so gerne betrachtete, waren auf der Fassade vor hundert Jahren entstanden, nachdem Fondaco nach einem Brand mit Beteiligung des jungen Tizian völlig neu aufgebaut worden ist. Aus den offenen Türen des Gebäudes erschien eine Männergruppe, welche sich auf Italienisch miteinander unterhielt, allerdings mit einem
Akzent.
- Der Weg war schwierig und mühsam. Ich habe mich davon noch immer nicht ganz erholt.
- Lass uns was Trinken gehen.
- Ich würde mich lieber schlafen legen.
- Schlafen kannst du auch hinterher.
- Und ich habe Hunger.
- Wo ist das Problem. Ich lade dich ein!
Elia fühlte sich so, als ob sie wie in Erde eingewurzelt war. Wie gerne würde sie in diesem Augenblick unsichtbar sein. Und alles bloß deswegen, weil sie unter den Fremden Ihn erblickt hatte. Er ging so nah an ihr vorbei, dass sie seinen Geruch spüren könnte, der ihre Gefühle aufs Neue stark erregte. Sie sank zu Boden. Dabei konnte sie sich etwas mit ihren Händen an einem Baum abstützen, der hinter ihr wuchs. Sie zitterte am ganzen Körper. Ringsum wurde es sofort dunkel zuerst fielen ein Paar große Tropfen auf die Erde, eine Minute später gab es einen heftigen Platzregen. Die Äste der Bäume wurden durch die schweren Wassermassen nach unten gebeugt. Elia rante los. Die ganze Stadt war der Naturgewalt des Wassers völlig ausgeliefert. Man hatte den Eindruck, als ob das Wasser überall war. Die Straßen haben sich im Nu geleert, die Tauben versteckten sich unter die Dächer, die Blumen versteckten sich in ihre Knospen und nur die Bäche flossen nun rasant und konkurrierten dabei mit den Kanälen.
Die Glocken von San Marco läuteten zur Mitternacht, die Finsternis herrschte nun über Körper und Seelen. Der König der Nacht – der Mond, badete in den adriatischen Gewässern. Elia hatte ihren Kopf in ein Kissen gedrückt und versuchte zu verstehen, was mit ihr gerade geschieht. Ein bisher unbekanntes Gefühl ließ dem Mädchen keine Ruhe, es übernahm die Herrschaft über ihren Körper gegen ihren Willen. Sie legte eine Hand unter ihren Kopf und die andere auf ihren Busen – so lag sie lange da, völlig aufgelöst in der Dunkelheit.
Der Sommer kam ganz schnell. Man hatte den Eindruck, als ob die Sonne versuchen würde das Wasser aus den Kanälen zu verdunsten. Aus den Kanälen stieg ein nicht ganz so angenehmer Geruch hoch. Aber das war wohl der einzige Nachteil an der Hitze. Alles Lebende freute sich über die grellen Sonnenstrahlen. Das Grün wuchs ganz üppig, auf den Bäumen begannen sich erste Früchte zu bilden.
Die Bürger versuchten alles zu trocknen, was wegen der großen Feuchtigkeit über Winter vom Schimmel befallen wurde. Dabei stellten sie sich selber gerne unter die Sonne. Es gab in der ganzen Stadt keine Ecke, an welche die Sonnenstrahlen nicht gelangen konnten.
Elia schnürte die Kuliske auf ihrem Kleid, welches sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte, etwas enger so dass ein schöner Ausschnitt entstanden war. In diesem Kleid fühlte sie sich, wie eine echte Königin. Das Kleid war dunkellila mit einer schwarzen Umrandung und die weiße Farbe ihres Unterhemds half dabei, ihre aussagekräftigen hellbraunen Augen zu unterstreichen. Ihr Spiegelbild war so entzückend, dass es bei Elia ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Ein schönes Mädchen mit goldenen Haaren schaute sie aus dem Spiegel an. Es gab eine Zeit, da waren Frauen, die modisch sein wollten dazu bereit, für so eine Haarfarbe ihre Seelen dem Teufel zu verkaufen. Das war die Epoche der Renaissance, in der die modisch bewussten Frauen ihre Haare mit Kamillentee wuschen und danach stundenlang unter glühend heißer Sonne saßen und dadurch versuchten die gewünschte Färbung zu bekommen. Die Frauen, die das ersehnte Resultat erreicht hatten, waren zufrieden, den Pechvögeln unter ihnen blieb nichts anderes übrig, als zusätzliche Maßnahmen zu treffen: Dazu benutzten sie Safran und ein Gemisch aus Schwefel, Alaun und Honig. Alle diese Tricks waren nicht ganz harmlos, weil man dadurch am Ende auch ganz ohne Haare bleiben konnte. Später brach dann die Zeit der spanischen Mode an, danach der Barockstill, als die modebewussten Frauen lernen mussten „ganze Türme auf dem Kopf zu tragen“. Dabei muss man anmerken, dass die Italiener viel Zeit brauchten, um sich an die neue Mode zu gewöhnen. Die Menschen gaben viel lieber einer tief verwurzelten Einfachheit und grellen Farben den Vorzug.
