Der falsche Bräutigam - Samantha James - E-Book
SONDERANGEBOT

Der falsche Bräutigam E-Book

Samantha James

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die junge Lady Elizabeth kann es kaum fassen: gerade noch war sie frohen Mutes nach Boston zu kommen, um den reichen und charmanten Werftbesitzer Nathaniel zu heiraten, der sie heftig umworben hatte - und muß nun feststellen, das sie auf einen Betrüger hereingefallen ist! Mittellos und schwerkrank findet Elizabeth Unterschlupf bei seinem finster wirkenden Bruder Morgan, der wenig begeistert ist, die junge Frau aufnehmen zu müssen. Noch können die beiden nicht ahnen, was ihnen außer einer heimtückischen Erpressung noch alles bevorsteht ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 449

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 Über das Buch:

Die junge Lady Elizabeth kann es kaum fassen: Soeben noch war sie frohen Mutes, nach Boston zu kommen, um den reichen und charmanten Werftbesitzer Nathaniel zu heiraten, der sie heftig umworben hatte. Doch nun muss sie feststellen, dass sie auf einen Betrüger hereingefallen ist! Mittellos und schwerkrank, findet Elizabeth Unterschlupf bei seinem finster wirkenden Bruder Morgan, der wenig begeistert ist, die junge Frau aufnehmen zu müssen. Noch können die beiden nicht ahnen, was ihnen außer einer heimtückischen Erpressung noch alles bevorsteht ...

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "JUST ONE KISS" Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 1996 by Sandra Kleinschmit

First published in Germany: 1997 under the title DER FALSCHE BRÄUTIGAM by Heyne

Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin.

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-733-2

facebook.com/edel.ebooks

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Prolog

Boston, 1830

Der Geruch von Salz lag durchdringend in der Luft, und es war ihr schwer ums Herz, denn sie konnte sich selbst nicht mehr länger betrügen ...

Sie lag im Sterben.

Im Raum befanden sich zwei kleine Jungen, ihre Söhne, die sie über alles liebte. Eine panische Schmerzattacke durchzuckte ihren Körper, doch sie war nichts im Vergleich zu den Schmerzen in ihrem Herzen. Und tief in ihrem Inneren keimte die Furcht auf, wie sie diesen beiden Jungen erklären sollte, daß sie bald für immer von ihnen scheiden mußte ... und sie allein zurückblieben, weil es ihren Vater wenig kümmerte, ob sie schmutzig und in Lumpen daherliefen.

Sie weinte still vor sich hin. Sie war allein mit ihren beiden Kindern, denn Patrick O’Connor verschwendete weder Geld noch Gefühle für seine Familie. Die meiste Zeit fand man ihn unten in seiner Schankstube – genauso betrunken wie seine Gäste. Lorettas Seele revoltierte angesichts dieser Ungerechtigkeit. Was würde nach ihrem Tod aus den beiden Söhnen werden? Ihr Vater nahm ja deren Existenz kaum wahr.

Ein Schauder lief durch ihren Körper. Allmächtiger Gott, die Welt war so ungerecht! Man beraubte sie ihres Lebens ... und ihre Söhne der Mutter. Als sie darüber nachdachte, wallten Schmerz und Zorn in ihrer Brust auf.

Doch nur ein qualvoller Seufzer kam über ihre Lippen. Bei diesem Laut vergruben sich kleine, zarte Finger in den ihren. Ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen, die so blaß waren wie der Wintermond; Loretta O’Connor erwiderte den Händedruck, so gut sie eben konnte. Sie hielt sich fest, denn sie wollte noch nicht gehen ...

Ihr Ehemann bahnte sich seinen Weg durch den Raum. Er baute sich vor ihrem Bett auf, zeigte jedoch keine Spur von Mitgefühl. Statt dessen schnaubte er mit mißfälliger Miene und wandte sich dann ab, um ein Hemd von einem Haken an der Wand zu reißen. Er sprach nicht mit ihr und würdigte sie und ihre Kinder keines weiteren Blickes. Aber so war es immer gewesen, kam es Loretta mit erschreckender Deutlichkeit in den Sinn. Und so würde es immer sein ...

Innerlich weinte sie. Als ihr Ehemann das Zimmer verließ, vernahm man den Lärm vieler Männerstimmen und schallendes Gelächter, der durch das enge Stiegenhaus zu den oberen Räumen drang, aber die drei schenkten dem keine Beachtung.

Lorettas Blick hing sehnsüchtig an ihren beiden Söhnen, Morgan und Nathaniel. Für den Bruchteil einer Sekunde umspielte ein vages Lächeln ihre Lippen. Niemand hätte die beiden für Brüder gehalten. Und doch waren sie es ...

Einer der beiden war so hell wie ein Weizenfeld, der andere so dunkel wie eine Mondfinsternis. Der Jüngere, Nathaniel, hatte erst vor vier Jahren das Licht der Welt erblickt. Morgan, der ältere, war zehn Jahre alt. Er war melancholisch und nachdenklich, stets gehorsam und verständnisvoll. Sie hatte sich immer gefragt, warum die beiden so grundverschieden waren ...

Starke Schmerzen peinigten ihren Körper. Lieber Gott, rief sie in stummer Qual, wer würde ihnen helfen, wenn sie in Not geraten? Wenn sie sich voller Furcht ausmalte, was aus ihren Söhnen werden würde, konnte sie nur noch dankbar dafür sein, daß das zwischen den beiden Jungen geborene Baby gestorben war. Dem Herrn sei Dank, daß Morgan eine schnelle Auffassungsgabe und eine gesunde Konstitution besaß! Aber Loretta konnte sich nicht helfen, sie hatte Angst um Nathaniel.

Sicher, er war lebensfroh und gutmütig, und doch verfiel er manchmal in die Rücksichtslosigkeit und Borniertheit seines Vaters – dieses verfluchten Schuftes –, was ihn vermutlich in den kommenden Jahren noch in Schwierigkeiten bringen konnte.

Sie vernahm ein schwaches Hüsteln vom Ende des Bettes. Ein Taschentuch vor ihre Brust gedrückt, bemerkte Loretta, daß Nathaniel sie mit großen Augen verwirrt anstarrte. Er war still geworden – wie es so gar nicht seine Art war –, eine Stille, die die Sphären des Himmels zu umfangen schien. Trotz seiner Jugend schien er zu ahnen, daß etwas nicht stimmte. Sie versuchte zu lächeln, aber es gelang ihr nicht.

Ihr Ende nahte.

Lorettas Atem wurde schwächer. Auf einmal wollte sie noch soviel sagen ..., und es blieb ihr nur so wenig Zeit.

Ihr Blick streifte Morgan. Wäre sie dazu in der Lage gewesen, hätte sie den Schmerz, der ihr Herz wie eine eiserne Klammer umfangen hielt, laut herausgeschrien. Morgans schöne graue Augen lagen tief in ihren Höhlen, sie waren gerötet und schimmerten feucht, aber er weinte nicht. Nein, denn es war nie seine Art gewesen zu weinen, egal, wie sehr man ihn auch verletzt hatte.

Mit letzter Kraft und vor Anstrengung zitternd drückte Loretta seine Hand. Ihre Lippen öffneten sich. Leise flehend blickte sie ihn an.

Der Junge beugte sich zu ihr hinunter.

Liebevoll betrachtete sie das kleine, blasse Gesicht. »Morgan«, sagte sie mit schwacher Stimme. »Oh, Morgan, mein tapferer kleiner Junge ..., wie ich dich vermissen werde. Wie ich mir wünsche, bei dir sein zu können. Wie ich mir wünsche, daß ich bleiben könnte ...«

Die Augen den Jungen füllten sich mit Tränen, aber er weinte immer noch nicht.

»Morgan, jetzt mußt du auf deinen Bruder aufpassen. Oh, ich weiß, daß ich viel von dir verlange ..., aber ich weiß, daß du es kannst ...«

Verzweifelt schüttelte das Kind seinen Kopf. »Nein, Mutter, ich ...«

»Du kannst es«, antwortete ihm Loretta mit schwacher Stimme. »Du bist der ältere, Morgan. Nathaniel ist noch so klein. Er ist nicht so stark und tapfer wie du ...«

Wieder schüttelte der kleine Kerl seinen Kopf.

»Nein, das bist du wirklich! Und deshalb bin ich so stolz auf dich!« Loretta versuchte, ihn zu überzeugen und drückte seine Hand an ihre Brust. »Morgan, ich bitte dich darum! Du mußt tun ..., was ich nicht tun kann ..., was euer Vater nicht – tun will ... Dein Bruder ist noch so jung. Was wäre, wenn er wie dein Vater würde? Nein, er braucht jemanden, Morgan, jemanden wie dich ... Hilf ihm. Beschütze ihn.« Stoßweise entwich der Atem ihren Lungen. Als sie die Hände ihres Sohnes drückte, zeichneten sich auf ihrem Gesicht die schrecklichen Qualen ab. »Ich bitte dich, Morgan, enttäusche mich nicht! Versprich mir, daß du es für mich tust, denn sonst werde ich niemals Frieden finden!«

Der Junge schluckte und versuchte, das Zittern in seiner Stimme zu verbergen. »Ich ..., ich verspreche es dir. Ich tue es für dich, Mut-«

»Nein, mein Sohn. Nicht für mich. Für Nathaniel.« Ihre Stimme wurde immer schwächer. »Er ist ein guter Kerl. Oh, Morgan, sei tapfer. Sei stark und mutig, für dich und Nathaniel. Vertraue auf dich und auf Gottes Barmherzigkeit. Möge Er euch immer behüten, meine geliebten Söhne ...«

Diese Worte raubten ihr die letzten Kräfte. Ihre geschlossenen Lider flackerten, der Druck ihrer Hand um die des Jungen ließ nach und wurde schlaff. Morgan hielt ihre Hände fest, als wollte er das Leben festhalten, das gerade von ihnen gegangen war. Seine Kehle schmerzte und brannte wie Feuer, als er gegen die Tränen und seinen aufsteigenden Zorn ankämpfte, der seinen Brustkorb zu sprengen drohte. Er wollte brüllen, seine Wut und seine Trauer ... und vor allen Dingen seine Furcht herausschreien. Aber er blieb stumm, hölzern und aufrecht wie ein Soldat.

Nathaniel schlich sich verstohlen an die Seite seines Bruders. Verwirrt betrachtete er seine Mutter. »Morgan«, flüsterte er mit gebrochener Stimme, »schläft unsere Mama?«

Morgan antwortete ihm nicht. Er war nicht dazu in der Lage, denn ein Schmerz durchbohrte ihn, wie er noch niemals zuvor empfunden hatte ..., und wie es ihn vermutlich niemals wieder treffen würde.

Wieder und wieder vernahm er die Stimme seiner Mutter. Sei tapfer. Sei stark und mutig.

Er schluckte. Wie? fragte er sich. Wie? »Nein«, antwortete er heiser. »Sie ist tot, Nathaniel. Tot.« Eine unheilvolle Stille trat ein. »Wie die Kätzchen, die Papa ertränkt hat.«

Der kleinere Junge begann zu weinen. »Was sollen wir jetzt tun?« wimmerte er. »Jetzt haben wir niemanden mehr, der uns liebt. Niemanden, der für uns sorgt. Papa ...«

Zögernd – beinahe widerwillig – klopfte Morgan seinem Bruder auf die Schulter. »Mach’ dir keine Sorgen«, sagte er. »Du hast mich, Nat. Und ich bin immer für dich da.«

Das sagte der Junge ..., und so war es auch.

Die Monate zogen ins Land. Und in seinem zarten Alter schwanden Nathaniels Kummer und die Erinnerung an seine Mutter recht bald.

Morgan jedoch vergaß nicht so leicht. Er hielt sich an sein Versprechen. Er hatte ihrer Mutter auf dem Totenbett versprochen, Nathaniel zu beschützen ...

Und das tat er auch.

Ihr Vater verhielt sich genauso wie früher, war hinterhältig, launisch und blickte immer zu tief ins Glas. Als Morgan zwölf Jahre alt war, hatte der Vater es bereits geschafft, daß der Junge kaum noch Zeit für sich hatte, sondern meistens zwischen Wirtsstube und Küche hin- und herpendelte. Nathaniel war oft sich selbst überlassen ... So war es kein Wunder, daß der liebenswerte kleine Racker oft in Mißgeschicke hineingeriet.

Es war um Mitternacht, als Patrick O’Connor eines Abends zur Tür hereinpolterte. Betrunken wie er war, stolperte er durchs Zimmer, mit einer seiner feisten Hände hielt er einen Kerzenstumpf umklammert. Ängstlich an die Wand gekauert, zitterten die beiden Jungen auf ihrem kargen Schlaflager, dann wurden sie plötzlich starr vor Angst. Sie hielten sogar ihren Atem an, weil sie wußten, es war besser für sie, ihm nicht zu erkennen zu geben, daß sie wach waren.

Aber das half ihnen nur wenig. Patrick O’Connor trat schwankend vor seinen Schreibtisch, Blutrünstig schweifte sein Blick umher, dann verengten sich seine Augen zu Schlitzen. Wütendes Gebrüll durchbrach die Stille. In Sekundenschnelle hatte er seine beiden Söhne brutal von ihrem Nachtlager gezerrt.

Er wankte zurück zu seinem Schreibtisch. »Heute morgen lagen hier sechs Goldmünzen. Jetzt sind es nur noch fünf!«

Nathaniel starrte seinen Vater aus riesigen blauen Augen an. Mit der Zunge befeuchtete er seine Lippen, dann meinte er ängstlich: »Vielleicht ist eine auf die Erde gefallen?«

Patrick O’Connor beugte sich mit seiner beträchtlichen Leibesfülle nach unten und untersuchte den rissigen Holzboden. Als er sich wieder erhob, knurrte er: »Ich glaube nicht!«

»Dann hast du dich vielleicht geirrt, Papa ...«

»Habe ich nicht!« schrie der Mann. Wut entstellte seine Züge. »Es ist nicht das erste Mal, daß hier Geldstücke fehlen. Aber ich warne euch, Jungs, und schwöre euch, daß es das letzte Mal ist! Also gesteht mir jetzt! Wer von euch hat die Münze genommen?«

Er erhielt keine Antwort. Morgan ließ sich von dem Zornesausbruch seines Vaters nicht einschüchtern. Statt dessen rieb er sich sein Kinn und beobachtete seinen Vater mit einem Gleichmut, den man seinem zarten Alter beileibe nicht zugetraut hätte.

»Los, antwortet mir, ihr Satansbraten!« O’Connors Stimme hallte von der hohen Decke zurück. »Wer von euch hat diese eine Münze weggenommen?«

Der Boden ächzte unter dem Gewicht von Patrick O’Connor, als er einen Schritt nach vorn machte. Nackte Wut flackerte in seinen Augen. Nathaniel, der neben Morgan stand, atmete schwer. Vor Morgans geistiges Auge trat das Bild seines Bruders – Nathaniels schmutzige Faust hatte an diesem Nachmittag eine Handvoll Süßigkeiten umklammert gehalten. Im gleichen Augenblick stand die Schuld klar und deutlich auf Nathaniels Gesicht geschrieben. Ängstlich duckte er sich.

Morgan trat vor, hielt tapfer sein Kinn vorgestreckt und hoffte, daß der Vater seine zitternden Knie nicht bemerkte. »Ich habe sie mir genommen, Papa.«

»Verfluchter Bengel!« schrie dieser. »Wie kannst du es wagen!«

Morgan nahm Haltung an. »Ich arbeite und schufte genauso wie deine Bardamen, aber ich verdiene kein ...«

»Ich sorg’ dafür, daß ihr was zu essen kriegt und Kleider am Leib habt, ihr undankbaren kleinen Bälger!« Ein gräßlicher Fluch folgte seinen Worten. »Und ich kriege, weiß Gott, wenig genug dafür zurück, aber du wagst es noch, von mir zu stehlen! Nun, von mir stiehlt niemand was, Junge ... niemand! Komm jetzt her zu mir!«

Unerbittlich umklammerte eine Hand seine schmale Schulter und zog ihn nach vorn; dann wurde ihm das Hemd wie ein Lumpen vom Körper gerissen. Ein brutales Grinsen umspielte O’Connors Lippen, als er die Handknöchel des Jungen mit den Fetzen auf dem Rücken zusammenband.

Der Junge kauerte auf seinen Knien am Boden und versteifte sich, als er das Geräusch des Rohrstocks hörte, der von einem Haken an der Wand gerissen wurde.

Er kannte dieses Geräusch nur zu gut.

Der erste Hieb durchzuckte ihn wie eine Feuersbrunst. Der Junge namens Morgan schloß seine Augen. Er war der ältere, sagte er sich wie einst seine Mutter. Er mußte stark sein. Stark und tapfer. Er mußte Nathaniel beschützen.

Gefaßt wartete er auf den nächsten Schlag. Das Knallen des Rohrstocks durchbrach wieder und wieder die Stille, der Junge jedoch gab kein Wimmern, kein Stöhnen von sich. Er ertrug die Schmerzen, denn er tat es für Nat, ermahnte er sich.

Immer für Nat ...

Kapitel 1

Beacon Bill, 1854

Für eine Umkehr war es jetzt zu spät.

Wie seltsam, daß dieser Gedanke gerade jetzt von ihr Besitz ergriff, wo sie doch bereits so weit fort von ihrer Heimat war. Tatsächlich lagen die Weiten des Ozeans dazwischen ...

Lady Elizabeth Stanton warf einen letzten, beinahe sehnsüchtigen Blick zurück zu der Kutsche, die sie gerade verlassen hatte. Als das Fahrzeug um die Ecke verschwand, wirbelte es eine Wolke von Staub und abgefallenen Blättern hinter sich auf.

Sie umklammerte ihre Handtasche, nahm allen Mut zusammen und wandte sich um.

Mit einem furchtsamen Blick nahm sie die sich ihr bietende Ansicht wahr. Elizabeth konnte es nicht leugnen. Nathaniel war so stolz gewesen, als er ihr sein Zuhause beschrieben hatte – und das war kein Wunder. Sie hielt den Atem an, denn das Haus, das vor ihr erschien, war so beeindruckend, wie Nathaniel es ihr versprochen hatte. Tatsächlich, sinnierte sie, besaß es viktorianische Ausmaße, die Pracht englischer Landsitze und die Eleganz angesehener Londoner Stadthäuser.

Ein schmiedeeiserner Zaun umschloß das gesamte Anwesen, doch trotz der herben Konturen der nackten Zweige und des gefrorenen Rasens wirkte es nicht abweisend. Elizabeth konnte sich sehr gut vorstellen, wie der Garten im Frühling aussah, wenn alles zu sprießen und zu blühen begann: Blumenknospen und Bäume, die sich gen Himmel streckten.

Das Haus selbst war riesig und besaß ein Giebeldach. Unbewußt nahm sie die zarten weißen Spitzengardinen wahr, die große bleiverglaste Fenster schmückten, und nur mit Mühe widerstand sie dem Drang, ihre weißbehandschuhten Hände auf das eiserne Gitter zu legen und nur noch fasziniert zu schauen. Sie mußte kichern. Natürlich war sie töricht. Nathaniel war ein überaus erfolgreicher amerikanischer Schiffbauer. Wieso sollte sein Heim da nicht schön und gediegen sein?

Sie war sich ihres Anblicks nicht bewußt, wie sie dort so stand, ein Juwel in der späten Wintersonne. Ihre Reisebekleidung bestand aus einem dunkelgrauen Seidenkleid, das vielleicht ein wenig zerknittert war, aber der neuesten Londoner Mode entsprach. Doch es war weniger ihre Bekleidung, die sie wie einen Solitär hervorhob.

Nein, es war vielmehr ihre beeindruckende Erscheinung. Ihr Haar so glänzend wie flüssiges Gold schimmerte unter dem Hut hervor. Ihre Augen hatten das frische Grün einer englischen Frühlingswiese. Elizabeth Stanton war keine blasse zerbrechliche Blüte. Auch wenn sie von Natur aus bescheiden war, so bewies ihre stolze Haltung doch verborgene Stärke. Jetzt fühlte sie sich allerdings eher klein und unbedeutend ... und sehr, sehr verloren.

Nein, dachte sie erneut und erinnerte sich an die Gefühle, die während der letzten Wochen Besitz von ihr ergriffen hatten. Es war zu spät für eine Umkehr. Und sie hatte sich nun so lange danach gesehnt, Nathaniel wiederzusehen.

Nach und nach kamen ihr wieder alle Erinnerungen in den Sinn. Es war so viel geschehen, dachte sie wehmütig seufzend. So viel ...

Er hatte London im Sturm erobert, dieser energische junge Amerikaner namens Nathaniel O’Connor. Schön wie die Sünde, anziehend wie der Rattenfänger von Hameln, blond, stark und verwegen, war er das Stadtgespräch Londons gewesen: Scharenweise bekannten sich die Frauen dazu, in ihn verliebt zu sein. Aber von allen Londoner Schönheiten war sie es gewesen, der er den Hof gemacht hatte. Die eine, die er begehrt hatte.

Es war selbstverständlich nur ein heftiger Flirt gewesen. Zunächst hatte Elizabeth geglaubt, daß seine Aufmerksamkeiten ihr gegenüber nur ein Scherz waren. Sie war wohl kaum so unwiderstehlich und mit Sicherheit nicht der Typ Frau, dem Männer zu Füßen lagen! Aber insgeheim hatte es ihr schon geschmeichelt, obwohl sie sich eigentlich nicht für eine wirkliche Schönheit hielt! Und deshalb neckte sie ihn unbarmherzig, genau wie er es tat, und war sich sicher, daß sein Interesse bald schwinden werde.

Doch die Wochen vergingen, und sein Interesse an ihr blieb bestehen. Und obwohl sie immer geglaubt hatte, einen klaren, kühlen Kopf behalten zu können, war Nathaniel O’Connor wie eine Versuchung, der sie nicht widerstehen konnte.

Wenn sie an ihn dachte, spürte sie ein innerliches Prickeln. Sie erinnerte sich an das erste Mal, als er sie geküßt hatte. Auf einer Geburtstagsfeier zu Ehren von Lord Nelson hatten sie einen flotten Wiener Walzer miteinander getanzt, nach dem sie völlig außer Atem und ausgelassen gewesen war. Deshalb hatte er sie nach draußen auf die Terrasse begleitet und sie dort zu einer kleinen Steinbank in der Nähe des Gartens geführt. Langsam war das Lächeln aus seinem Gesicht gewichen. Mit seinen Händen hatte er ihren Nacken umschlangen und ihr Gesicht zu sich nach oben gezogen. Umgeben von süßem Rosenduft – ihr Herz hatte wie wild geklopft und ihr Puls dröhnte in ihren Ohren – hatte er sie dort geküßt. Obwohl sie es sich ersehnt hatte, hätte sie niemals mit diesem Kuß gerechnet.

Nur kurze Zeit darauf ...

Sie saßen in der Halle des Londoner Stadthauses, das ihrem Vater gehörte. Nathaniel nahm ihre Hände. »Elizabeth ... mir ist etwas dazwischengekommen, Liebste. Es tut mir leid, aber ich muß früher nach Boston zurück, als ich dachte.«

Es war nicht die erste schlechte Nachricht an jenem Tage, und so war es kaum verwunderlich, daß Elizabeth ihn vollkommen irritiert anstarrte. »Oh, Nathaniel, nein! Wann? Wann mußt du abreisen?«

»Morgen, meine Liebste. Das Schiff setzt die Segel mit der morgendlichen Flut.« Seine Hände umklammerten die ihren noch fester. »Bitte, Elizabeth, komm mit mir ... heirate mich. Werde meine Frau. Ich werde dich zur glücklichsten Frau dieser Erde machen, wenn du mir nur dein Jawort gibst.«

Auch wenn Elizabeths Herz einen Freudenhüpfer machte, wurde es doch von einer Last gequält, die sie nicht einfach beiseite schieben konnte.

»Nathaniel. Ach, Nathaniel. Ich würde so gerne ..., du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr! Aber der heutige Tag ist ein einziger Alptraum für mich! Du weißt, daß mein Vater schon seit Wochen von diesem schrecklichen Husten geplagt wird? Nathaniel, er ist ernsthaft krank ...«

Sie befand sich geradewegs zwischen Himmel und Hölle. Wie konnte sie, die einzige Tochter des Earl of Chester, ihren Vater verlassen? Außerdem hatte sie ihn noch niemals so krank und geschwächt erlebt! Sicher, da war Clarissa, seine neue Ehefrau, die er vor zwei Jahren geheiratet hatte. Aber sie, Elizabeth, war sein einziges Kind, und sie durfte ihren Vater nicht im Stich lassen! In solchen Zeiten mußte sie ihm beistehen.

»Wenn es Papa wieder gutgeht, komme ich zu dir nach Boston. Ich verspreche dir, Nathaniel, sobald es möglich ist.«

»Ich warte auf dich, Elizabeth. Das verspreche ich dir.«

Wenn es Papa wieder gutgeht ... hatte sie geglaubt und ihre Worte bald darauf bitterlich bereut!

Denn ihr Vater war fast einen Monat lang krank gewesen. Und seine Gesundheit war weitaus geschwächter, als sie vermutet hatte.

Vor ungefähr sechs Wochen hatten sie ihn beerdigt.

Elizabeths sanft geschwungener Mund nahm einen harten Zug an. Noch eine andere Erinnerung kam ihr unerbittlich in den Sinn und verursachte ihr eine Gänsehaut.

Ihre Mutter war an einer Lungenentzündung gestorben, als Elizabeth noch ein ganz junges Mädchen gewesen war. Viele Jahre lang war sie mit ihrem Vater allein gewesen. Aber als sie erwachsen wurde, begann sie zu verstehen, worüber ihr Vater niemals sprach. Seine Einsamkeit. Seine Sehnsucht nach einer Gefährtin. Deshalb war sie auch nicht überrascht gewesen, als der Earl schließlich Clarissa Kenton, eine verwitwete Baronin aus der benachbarten Grafschaft, ehelichte.

Leider hatten sie und Clarissa sich nie besonders gut verstanden, was dem Grafen allerdings nicht auffiel. Elizabeth neigte nicht zu Böswilligkeit, fand jedoch, daß die neue Gräfin recht eigensinnig, streng und gelegentlich herablassend wirkte.

Und das stellte sie an dem Tag, als das Testament des Earls verlesen wurde, wahrhaftig unter Beweis.

Elizabeth war immer noch halb benommen vor Trauer. Auch wenn sie von Nathaniel unter großen Schmerzen Abschied genommen hatte – schließlich war es schon fast schamlos, wie sie an ihm gehangen hatte – besaß sie die Sicherheit, bald wieder mit ihm vereint zu sein. Aber sie würde ihren Vater nie wiedersehen, nicht mehr seine Nähe spüren, seine Zuneigung, sein angenehmes Lachen ... Dieser Gedanke bedrückte sie und ließ sich auch nicht auslöschen, als der Sarg in die Erde versenkt wurde.

Deshalb befand sie sich in äußerst bedrückter Stimmung, als sie und Clarissa in dem väterlichen Studierzimmer saßen und der dröhnenden Stimme von James Rowland, seinem Notar, lauschten. Ihre trübsinnigen Gedanken schweiften immer wieder ab.

»Elizabeth!« ermahnte sie Clarissa scharf. »Hörst du überhaupt zu? Ich denke, das folgende betrifft dich.«

Hinter seinen Brillengläsern betrachtete Mr. Rowland die beiden Frauen. Wäre Elizabeth konzentrierter gewesen, hätte sie sein Unbehagen bemerkt. »Soll ich fortfahren?« fragte er.

»Ja, bitte«, meinte Clarissa schnippisch.

Mr. Rowland räusperte sich und las weiter. »Einige meiner kostbarsten Erinnerungen verbinde ich mit meiner Tochter Elizabeth und unserer gemeinsam verbrachten Zeit in Hayden Park, meinem Landsitz in Kent. Aus diesem Grund möchte ich Hayden Park aus dem freudigen Anlaß ihrer Vermählung an Elizabeth vermachen und hoffe, daß sie und ihr zukünftiger Ehemann dort leben werden.«

Das überraschte Elizabeth nicht. Sie hatte damit gerechnet, daß ihr Vater den Großteil seiner Liegenschaften Clarissa vermachte, und so war es auch gewesen. Aber Hayden Park hatte für sie immer etwas Besonderes dargestellt. Sie lächelte in wehmütiger Erinnerung, denn auch sie verband sehr viel Schönes mit den dort verbrachten Tagen.

Rowland fuhr fort. »In diesen, meinen letzten Lebenstagen, bereue ich nur, daß ich Elizabeth niemals als Ehefrau sehen werde, denn sie nicht vermählt und versorgt zu wissen, ist die größte mir verbleibende Sorge. Aus diesem Grund überlasse ich meiner geliebten Frau Clarissa die Aufgabe, einen Ehemann für Elizabeth zu finden, denn ich weiß, daß sie meinen Wünschen Rechnung tragen wird.«

Elizabeth hielt ihre Hände andächtig im Schoß gefaltet und war ganz still geworden. In ruhigem Tonfall sagte sie jetzt: »Können Sie mir das bitte erklären, Mr. Rowland. Was bedeutet das im einzelnen?«

Rowlands gerötete Wangen nahmen einen noch tieferen Farbton an. »Vor dem Gesetz betrachtet heißt das, daß Hayden Park erst in Ihren Besitz übergeht, wenn Sie heiraten ...«

Elizabeth fiel ihm ins Wort. »Heißt das auch, daß die Wahl meines Ehemannes in den Händen meiner Stiefmutter liegt?«

Ihm blieb keine Zeit zur Antwort. »In der Tat, Elizabeth.« Der Triumph zeigte sich in Clarissas Stimme und in ihrem Verhalten, als sie sich ihrer Stieftochter zuwandte. Ihr siegessicheres Lächeln verursachte Elizabeth eine Gänsehaut.

»Aber es besteht kein Grund zur Besorgnis, meine Liebe.« Clarissa verschwendete keine Zeit, sie mit ihren Absichten vertraut zu machen. »Ich habe mich bereits um alles gekümmert. Lord Harry Carlton ist damit einverstanden, dich zu heiraten. Um ehrlich zu sein, er war sogar ganz glücklich, daß meine Wahl auf ihn gefallen war.«

Elizabeth war verblüfft. Mit ihren 21 Jahren hatten bereits mehrere Männer um ihre Hand angehalten. Ihr Vater war zwar manchmal enttäuscht gewesen, aber er hatte sie niemals zu einer Entscheidung gedrängt.

Selbstverständlich kannte sie Lord Harry, den jüngsten Sohn des Marquis of Salisbury. Er platzte zwar bald aus allen Nähten, aber es war nicht seine äußere Erscheinung, die sie immer abgestoßen hatte. Nein, er war ein Lüstling, ein Weiberheld, das wurde in seinen gierigen Blicken deutlich, mit denen er jede Frau taxierte.

Sie fühlte sich auf einmal sehr schlecht, konnte kaum noch atmen und wußte, sie durfte dieser schrecklichen Ahnung keine Beachtung schenken, denn sonst würde sich diese sicherlich als Realität entpuppen.

Barmherziger Vater, es kann nicht sein. Laß es nicht wahr sein, betete sie.

Ihre gefalteten Hände verkrampften sich in ihrem Schoß. »Verstehe ich dich richtig, Clarissa, du verlangst, daß ich Lord Harry heirate?«

»Natürlich!« Clarissa lächelte strahlend, aber ihre Augen blieben hart. »Es handelt sich dabei um eine ausgesprochen gute Partie, meinst du nicht?«

Elizabeth holte tief Luft. Ihr kochte das Blut in den Adern. Bei Gott, sie würde sich doch nicht an einen Fremden verschachern lassen – einen Mann, den sie nicht liebte – und den ihre Stiefmutter für sie ausgesucht hatte!

Äußerlich zeigte sie jedoch nicht die geringste Spur ihres Zorns. Statt dessen wählte sie ihre Worte mit Bedacht. »Das würdest du von mir verlangen, Clarissa? Du würdest mich dazu zwingen wollen, einen Mann zu heiraten, an dem ich überhaupt nicht das geringste Interesse habe?«

Clarissas Lächeln verflog. »Deine Heirat ist längst überfällig, Elizabeth. Und etwas Besseres als Lord Harry kann dir gar nicht passieren.« Sie faltete ihre Arme vor ihrem riesigen Busen und starrte ihre Stieftochter an.

In diesem Moment erkannte Elizabeth die ungeschminkte Wahrheit in den Augen ihrer Stiefmutter, die Gehässigkeit, die sie immer gespürt hatte, die Abneigung, die Clarissa nicht mehr länger verbarg. Clarissa haßte sie. Ihre Zuneigung war nur eine Farce. Jetzt, nach dem Tode des Grafen, wollte sie ihre Stieftochter nur noch loswerden.

Elizabeth setzte sich aufrecht und hob ihr feingeschwungenes Kinn. Wenn es das war, worauf Clarissa hinauswollte – sie loszuwerden –, dann würde sie selbstverständlich ihren Teil dazu beitragen.

Ein zartes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. »Du hast recht, Clarissa«, meinte sie kühl. »Ich werde heiraten, aber einen Mann meiner Wahl – und nicht Lord Harry.«

Clarissa schnaubte vor Wut, ein wenig damenhaftes Geräusch. »Wen denn? Wenn du noch länger wartest, wirst du als alte Jungfer enden!«

»Nathaniel O’Connor hat vor seiner Rückreise nach Boston um meine Hand angehalten«, erklärte Elizabeth ganz ruhig, »und ich habe ihm bereits mein Jawort gegeben.«

»Nathaniel O’Connor? Dieser aufdringliche, junge Amerikaner, dem es völlig an Stil und Manieren fehlte?«

Der Abscheu der älteren Frau war nur zu offensichtlich. Auch wenn ihr eine freche Retourkutsche auf den Lippen brannte, hielt Elizabeth es für besser, sie zu schlucken.

»Wir sind zwar unterschiedlicher Meinung, was seinen Charakter anbelangt, Clarissa, aber ich muß zugeben, er ist derjenige.«

»Wenn er beabsichtigte, dich zu heiraten, warum ist er dann nach Boston zurückgefahren?« meinte Clarissa triumphierend. »Und warum haben dein Vater und ich nichts davon erfahren?«

»Nathaniel ist Geschäftsmann und mußte wegen dringender Angelegenheiten zurück.« Elizabeth war leicht verunsichert und hoffte nur, daß ihre Stiefmutter das nicht bemerkte. Gleichzeitig wünschte sie sich, Nathaniel hätte ihr alles genauer erklärt. »Ich habe ihn nicht begleitet, weil Papa krank war. Und deshalb habe ich ihm auch nichts erzählt.«

»Ha! Weil du genau wußtest, daß dein Vater nicht einverstanden sein würde.«

Elizabeth kämpfte gegen ihre leichten Schuldgefühle an. Irgendwie gelang es ihr, dem anklagenden Blick ihrer Stiefmutter standzuhalten. Wenn Clarissa nun recht hatte? Das würde sie der alten Hexe jedenfalls niemals eingestehen!

»Papa war krank«, wiederholte sie. »Ich wollte nur, daß er schnell wieder gesund würde, damit er meine Hochzeit mit Nathaniel erleben konnte.«

»Dein Vater hätte dir niemals erlaubt, einen ... einen Nichtsnutz von Yankee – und dazu noch einen von irischer Abstammung – zu heiraten! Eine solche Eheschließung wäre kaum standesgemäß!«

Elizabeth schüttelte den Kopf. Eine standesgemäße Heirat. Das war ihr vollkommen egal. Aber ihr wurde klar, daß Clarissa absolut kein Verständnis für das Feuer der Leidenschaft besaß, das in ihr brannte, wenn sie mit Nathaniel zusammen war.

Nein, dachte sie. Nein. Sie würde Lord Harry nicht heiraten – weder Clarissa noch sonstwem zum Gefallen. Denn wenn sie das tat, würde sie ein unerträgliches Leben führen müssen, an dem sie erstickte.

Aber sie gab sich auch keinen Illusionen hin. Wenn sie blieb, würde Clarissa alles daransetzen, ihr ihren Willen aufzuzwingen. Und sie hielt ihre Stiefmutter für so unerbittlich, daß es schon beängstigend war.

Langsam stand sie auf. »Es tut mir leid, daß alles so kommen mußte«, sagte sie ruhig. »Aber du wirst mir doch rechtgeben, daß es vermutlich das Beste ist, wenn ich so bald wie möglich nach Boston – und zu Nathaniel – abreise.«

Clarissa erhob sich ebenfalls. Hektische rote Flecken zeichneten sich auf ihren Wangen ab. »Bei Gott, Mädchen, du warst immer ein eigensinniges, verzogenes Kind, aber dies hier würde mir dein Vater niemals glauben! Wenn er wüßte, daß du dein Herz an einer Yankee verloren hast! Ich habe ihn zwar darauf hingewiesen, daß man zu deiner Erziehung eine gestrenge Hand braucht, aber bis kurz vor seinem Tode wollte er nicht auf mich hören. Und jetzt danke ich Gott, daß er das nicht mehr erleben muß, denn er wäre entsetzt über dein Verhalten!«

Elizabeth hörte ihr gar nicht zu, sondern streckte James Rowland eine Hand entgegen. »Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Mr. Rowland. Ich weiß, Sie werden verstehen, wenn ich mich jetzt verabschiede. Ich muß noch eine Schiffspassage buchen.«

Rowland stand ihr gegenüber. »Lady Elizabeth«, flehte er sie an. »Bitte, Lady Elizabeth! Ich bitte Sie, sich das alles noch einmal zu überlegen. Sicher können Sie beide noch zu einer Einigung finden. Denn Sie stehen im Begriff, viel zu verlieren. Ihr Vater hat Vorkehrungen für eine außerordentlich großzügige Leibrente getroffen ...«

»Eine Apanage, deren Höhe von mir bestimmt wird, Mr. Rowland. Und ich schwöre, sie wird nichts bekommen. Keinen Pfennig, verstehst du?« Clarissas Stimme zitterte vor Wut. »Ohne mich bist du so arm wie eine Kirchenmaus!«

Rowland schwieg. Jetzt wurde Elizabeth alles klar. Papa, dachte sie traurig, wie konntest du so etwas tun? Er hatte sie gelehrt, für sich selbst zu sorgen. Sie brauchte niemanden, der auf sie aufpaßte, sie kontrollierte, wie Clarissa es wohl zu beabsichtigen schien.

Nach kurzem Zögern faßte sie sich an den Kopf, lächelte kaum merklich und sagte leise: »Du willst es nicht verstehen, Clarissa, oder? Papas Geld bedeutet mir nichts. Es ist richtig, daß mir Hayden Park viel bedeutet, aber mein Leben gehört mir – und bedeutet mir noch weitaus mehr. Und ich wäre lieber arm, als mit einem Mann verheiratet, den ich nicht liebe.«

Das war das letzte Mal, daß sie und Clarissa sich gesehen hatten.

Und dann hatte sie ihrem Vater und England ... und auch ihrem bisherigen Leben Lebwohl gesagt.

Eine Zeitlang konnte sie es sich nicht anders erklären – man hatte insgeheim versucht, sie zu hintergehen. Sie konnte nur noch daran denken, daß ihr Vater sie betrogen hatte, indem er ihre Zukunft in Clarissas Hände gelegt hatte. Doch während ihrer langen Seereise erkannte sie schließlich, daß der einzige Fehler ihres Vaters darin bestanden hatte, zu vertrauensselig zu sein; er hatte darauf vertraut, daß Clarissa im besten Interesse seiner Tochter handeln würde.

Ja, dachte sie zum wiederholten Male. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen. Die einzig richtige Entscheidung. Denn eine Ehe einzugehen, wie es Clarissa von ihr verlangte, wäre unerträglich gewesen.

Elizabeth stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie dachte wieder an die Gegenwart ... Und an Nathaniel.

Sie hustete und empfand ein beklemmendes Gefühl in ihrer Brust. Ihr Brustkorb schmerzte schon seit Tagen. Aber sie schenkte dem keine weitere Beachtung. Das kam sicherlich nur von den Erinnerungen, beruhigte sie sich.

Sie griff ihre Handtasche fester und sah wieder zum Haus hinüber. Verunsichert runzelte sie ihre Stirn. Seit sie Nathaniel zum letzten Mal gesehen hatte, waren fast drei Monate vergangen. Würde er erfreut sein, sie zu sehen?

Sie lachte leise. Natürlich war er das. Er liebte sie. Ihre Ängste waren unbegründet. Außerdem hatte sie keine Angst vor ihm, sondern einfach nur vor der Zukunft. Und das war kaum verwunderlich, denn ihr Leben war ja in letzter Zeit ziemlich aus der Bahn geraten.

Und doch wurde sie einen quälenden Gedanken nicht los. War es töricht von ihr gewesen, direkt hierher zu kommen? Der Kutscher hatte das Anwesen der O’Connors gekannt. Aber sie mußte noch eine Unterkunft finden und hatte es deshalb für das Beste gehalten, Nathaniel um eine Empfehlung zu bitten. Ihre Barschaft war nicht unbegrenzt – sie hatte einiges von ihrem Schmuck verkauft, um die Schiffspassage bezahlen zu können. Aber wenn alles gutging, brauchte sie nur ein Zimmer für vielleicht ein oder zwei Wochen. Es war sowieso ihr innigster Wunsch, so schnell wie möglich zu heiraten – und sie betete darum, daß es Nathaniel ebenso ging!

Gedankenverloren rückte Elizabeth ihren Hut zurecht und strich ihren Mantel glatt. Nach einem Monat auf See fühlte sie sich verständlicherweise schmutzig und müde. Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie fühlte sich tatsächlich fast wie eine Waise, wenn sie sich ihr kleines Reisegepäck ansah.

Ihre Koffer hatte sie im Hafen zurückgelassen, weil sie hoffte, daß Nathaniel sie vielleicht morgen schon abholen ließe.

Sie nahm allen Mut zusammen und betrat den ziegelbedeckten Aufgang. Ihre Absätze klapperten, als sie die Treppen hochstieg. Vor zwei riesigen Flügeltüren angelangt, griffen ihre schlanken weißbehandschuhten Finger nach dem kunstvoll verzierten Messingklopfer und umschlossen diesen. Äußerlich ganz ruhig, innerlich jedoch völlig aufgewühlt, klopfte sie leicht auf die Holzpaneele.

Gleich darauf hörte sie im Inneren Schritte, dann wurde die Türe geöffnet. Ein schmalschultriger Mann mit grauem Schnurrbart trat ihr entgegen – nach seinem Aussehen zu urteilen sicherlich der Butler.

Elizabeth versuchte zu lächeln. »Guten Tag«, begrüßte sie ihn höflich. »Ist das der Wohnsitz der O’Connors?«

Seine struppigen Brauen zogen sich zusammen. »In der Tat, gnädige Frau.«

Ihr Lächeln entspannte sich. »Gut. Dann möchte ich bitte mit Mr. O’Connor sprechen, wenn er zu Hause ist.«

Er musterte sie von oben bis unten, und offensichtlich schien sie ihm zu gefallen. »Wen bitte darf ich melden, Madam?«

»Lady Elizabeth Stanton.« Ihr Lachen klang ziemlich gepreßt. »Bitte verzeihen Sie, daß ich unangemeldet komme, aber mein Schiff hat erst heute nachmittag angelegt.« Elizabeth meinte, ihm eine Erklärung schuldig zu sein. »Die Umstände, unter denen ich London verließ, waren etwas verworren. Ich war in solcher Eile, daß ich leider nicht die Zeit hatte, Mr. O’Connor zu schreiben und ihn über meine Ankunft zu informieren. Und ... ich hätte vielleicht besser noch etwas gewartet, aber ich freue mich so sehr darauf, ihn wiederzusehen!«

Eine kurze Gesprächspause trat ein. »Mr. O’Connor ist noch nicht von seiner Reederei zurückgekehrt, obwohl ich ihn jede Minute erwarte. Möchten Sie warten?«

Ihre Angst verflog. »Oh, ja gerne!«

Der Butler trat zurück. »Bitte kommen Sie herein.«

Elizabeth folgte ihm in den Salon, der sich hinter der imposanten Eingangshalle anschloß. Als sie eintrat, nahm sie anerkennend die großen einladenden und geschmackvollen Möbelstücke wahr.

»Mein Name ist Simmons, gnädige Frau. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee servieren?«

Obwohl sein Verhalten absolut höflich und neutral war, war sein Blick doch voller Zuneigung. »Danke, Simmons«, sagte sie lächelnd, »das wäre wirklich sehr liebenswürdig.«

Er verbeugte sich leicht und verschwand.

Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, setzte sich Elizabeth in einen der großen, gepolsterten Ohrensessel gegenüber dem Kamin. Bald darauf erschien ein junges Mädchen mit einem Silbertablett, die sich ihr als Millie vorstellte. Elizabeth nahm eine Tasse Tee, weil sie glaubte, das würde sie erfrischen, aber nach ein paar Schlukken fühlte sie sich so erhitzt wie das Kaminfeuer.

Sie stand auf und wanderte ziellos im Raum auf und ab. Jetzt, wo die Stunde des Wiedersehens immer näher rückte, wallten Aufregung und Furcht in ihrer Brust. Sie betrachtete sich in einem kleinen rechteckigen Spiegel, der an allen vier Ecken mit winzigen Rosetten verziert war. Ihre Wangen schimmerten rosig. Ihre Augen glänzten in lebhaftem Grün. Sie runzelte die Stirn und dachte, daß sie vielleicht etwas zu glänzend wirkten ...

Sie geriet ins Wanken, dann faßte sie sich wieder. Was war denn los? Innerhalb der letzten Stunde war sie immer kurzatmiger geworden, aber das war sicher eine reine Nervensache.

Draußen hörte sie das Geräusch einer vorfahrenden Kutsche.

Elizabeth flog beinahe zum Fenster. Durch die dünne Spitzengardine sah sie einen großen schlanken Mann, der auf das Haus zukam.

Ihr Herz klopfte rhythmisch. Er ist es ..., es ist Nathaniel!

Aus der Halle drangen Stimmen. Sie faltete ihre behandschuhten Finger, damit ihre Hände ruhig wirkten, und mußte sich bremsen, daß sie nicht einen Freudentanz aufführte.

Schritte näherten sich. Simmons klopfte und öffnete die Tür einen Spaltbreit. »Madam, der gnädige Herr wird gleich hiersein.«

Elizabeth nickte. Ihr Verstand raste. Würde Nathaniel überrascht sein, sie hier zu sehen? Zweifellos. Würde er sich freuen? Natürlich würde er das! Er hatte sie schließlich darum gebeten, seine Frau zu werden! Sie war selig vor Glück. Dann seufzte sie und stellte sich vor, was passierte, wenn Nathaniel hereinkam.

Er würde sie mit seinem typischen Lächeln in den Augen betrachten; bei dieser süßen Erinnerung kräuselten sich ihre Lippen. Und dann würde er sie in seine Arme nehmen und sie wie damals küssen.

Knarrend öffnete sich die Tür. Sie sah die Umrisse eines Mannes – er war elegant gekleidet, größer als die meisten, mit kräftigen, breiten Schultern, unglaublich schlanken Hüften ... und sein Haar war schwarz wie die Nacht.

Elizabeth wollte auf ihn zustürzen, aber mit einem Laut des Erstaunens hielt sie plötzlich inne.

Ihr Lächeln gefror ihr auf den Lippen. Ihr Herz und ihr Verstand schienen auszusetzen. Sie fühlte sich auf einmal so schwach, daß sie kaum noch stehen konnte. Sie blinzelte, weil sie sich sicher war, daß ihre Augen sie getäuscht hatten. Das konnte wahrhaftig nicht sein ...

Der Mann, der vor ihr stand, war nicht Nathaniel.

Kapitel 2

Nach Abschluß seines geschäftlichen Termins wollte Morgan O’Connor gerade die Commonwealth Bank verlassen, als ihm im Eingangsbereich eine außergewöhnlich gutgekleidete Frau in mittleren Jahren begegnete. Morgan hielt ihr höflich die Türe auf, trat einladend einen Schritt zurück und zog grüßend seinen Hut.

»Guten Tag, Mrs. Winston.«

Die Frau ignorierte ihn. Berge von Rüschen und Spitzen wirbelten an ihm vorüber. Die Feder an ihrem Hut hob und senkte sich. Ihre einzige Antwort war der eisige Blick, mit dem sie ihn musterte. Morgan hob eine Braue und zuckte mit seinen Schultern. Gott sei Dank, dachte er sarkastisch, waren seine Banker nicht so wählerisch wie Mrs. Winston. Um die Wahrheit zu sagen, war die Bank froh um jedes Geschäft, das sie mit ihm abwickeln durfte.

Das war nicht immer so gewesen, überlegte Morgan, als er in seine Kutsche stieg. Während seiner Jahre auf See waren die wenigsten bereit gewesen, ihm finanzielle Unterstützung für seinen geschäftlichen Aufstieg zu leisten. Aber irgendwann war der Tag gekommen, an dem sich das alles änderte. Und wenn er auch nicht mit offenen Armen von der Bostoner Oberschicht empfangen wurde, so öffneten ihm doch mittlerweile viele der Reichen ihre Salons – und taten wenigstens so, als wäre er willkommen.

Er hatte gedacht, daß er die Zeit, in der er von der Crème de la Crème Bostons gemieden wurde – und er nur als Sohn eines betrunkenen Kneipenbesitzers galt –, längst hinter sich gelassen hatte. Weit gefehlt. Er zählte zum Pöbel. Ein irischer Seemann. Im Verlaufe einer Stunde war er wieder einmal zum Außenseiter abgestempelt worden. War minderwertig.

Er war nicht mehr so dumm und verblendet, das nicht zu bemerken.

Und obwohl Morgan es sich selbst gegenüber ungern zugab, brodelte dieses Wissen doch tief in seinem Inneren. Er hatte sich Jahr für Jahr bemüht, hatte hart an sich gearbeitet, um sich und seine Lebensumstände zu verbessern. Er hatte sich das erarbeitet, was für viele aus der sogenannten Bostoner Elite als Selbstverständlichkeit galt – oder was ihnen von ihren Vätern weitervererbt wurde. Denn – um ehrlich zu sein – die Blaublütigen der Stadt waren auch nicht besser als er. Sie hielten sich nur für besser.

Mit einem Fingerzeig deutete Morgan seinem Kutscher loszufahren. Seine Lippen umspielte zwar ein Lächeln, aber seine hellen Augen blickten starr.

Als die Kutsche um die Ecke bog, hatte er in der Bucht einen Blick auf die unruhige See. Neugierig beugte er sich vor.

Gott, wie er die schmutzige kleine Taverne am Meer gehaßt hatte, in der er seine Jugend verbringen mußte. Aber die See war seine Rettung gewesen. Dort hatte er schließlich Zuflucht gefunden. Und sein Glück gemacht.

Es tat ihm nur weh, daß er dieses Glück nicht mit seiner Mutter teilen konnte.

Er grinste spöttisch. Sein Vater war vor beinahe zehn Jahren gestorben. Es war kein Zufall gewesen, daß er kaum eine Woche nach dessen Beerdigung die schäbige Kneipe abgerissen hatte. Und an dieser Stelle hatte er die Niederlassung der O’Connor Schiffsbaugesellschaft gegründet.

Lautes Gelächter von draußen zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Eine Gruppe von Kindern, die auf der Straße spielte, rief und winkte seinem Kutscher. Er lächelte und fragte sich im stillen, ob sie überhaupt wußten, wie gut es ihnen ging. Seine eigene Kindheit war kaum mit solchem Übermut gesegnet gewesen. Nein, das sorglose Lachen hatte er immer seinem Bruder überlassen.

Nathaniel ... Unvermutet dachte er wieder an ihn, denn sein Unterbewußtsein beschäftigte sich ständig mit seinem Bruder.

Nathaniel ... der Bruder, den er so sehr geliebt hatte. Dieser Schuft, dem er sein Leben anvertraut hätte ... und seine Frau.

Nathaniels Charme hatte ihn weit gebracht, dachte Morgan zynisch. Immerhin so weit, daß viele bereit waren, ihm seine Fehltritte zu vergeben.

Aber nicht alle.

Morgan kniff die Lippen zusammen. Ein inneres Feuer schien ihn zu ersticken. Er hatte während der letzten fünf Jahre recht wenig Kontakt zu Nathaniel gehabt; so hatte er es gewollt, und das war nur allzu verständlich. Nach allem, was zwischen ihnen geschehen war, konnte er seinem Bruder wohl kaum vergeben.

Nicht einmal im Traum hätte er daran gedacht, daß sein Bruder ihn so hintergehen ... ihn so verletzen könnte.

Es war soviel geschehen. Zu viel, um es einfach zu vergessen. Zu viel, um zu verzeihen.

Aber niemals wieder würde es Nathaniel gelingen, ihn so zu verletzen. Und auch keiner anderen Frau, selbst wenn sie so reizend wäre wie Amelia, seine Frau.

Einen weiteren Schicksalsschlag würde er nicht verkraften können.

Aufgebracht wälzte sich Morgan in der dicken Polsterung seiner Kutsche, dann ermahnte er sich zur Ruhe. Genug von Nathaniel, sagte er sich. Denn wenn er an seinen Bruder dachte, dachte er an ... sie. Und er wollte definitiv an keinen der beiden denken.

Doch seltsam genug spukten sie immer noch in seinem Kopf herum, als er kurze Zeit später zu Hause ankam – seine tote, untreue Ehefrau und diese entsetzliche Plage von Bruder. Eines der Zimmermädchen ließ ihn herein; er nickte kurz und ging dann geradewegs in sein Arbeitszimmer, wo er sich in ein Kristallglas einen großzügigen Brandy einschenkte. Gedankenverloren schwenkte er das Glas und starrte dabei intensiv auf die Flüssigkeit; seine Stimmung war auf dem Nullpunkt angelangt. Aber auch wenn er es gewollt hätte, er wußte, er würde nicht trinken...

Er hörte ein Klopfen an der Tür. Morgan entschied, es zu ignorieren – doch das war unmöglich, wie sich bald herausstellte.

Die Tür öffnete sich einen Spalt. »Sir?« Es war Simmons.

Seine langen schlanken Hände um das Glas geklammert, schwieg Morgan zunächst. »Was gibt’s?« Man konnte ihm seine Verärgerung anmerken.

Simmons öffnete die Tür und trat ein. »Sir, im Salon wartet eine Dame, die Sie gerne sprechen möchte.«

»Oh?« Leichter Sarkasmus schwang in seiner Stimme mit. Die meisten seiner weiblichen Besucher ließen den Salon aus und marschierten geradewegs in sein Schlafzimmer.

Simmons nickte. »Sir, sie kommt von London.« Er hielt inne. »Nach dem, was sie sagt, scheinen Sie sie zu erwarten.«

»Eine Frau aus London?« meinte Morgan schroff. »Wohl kaum. Sie hat sich sicher in der Adresse geirrt, Simmons. Bitte schick’ sie weg.«

»Verzeihen Sie mir, Sir, aber ich glaube, Sie sollten sie empfangen. Sie scheint mir sehr aufgebracht zu sein. Sie erzählte mir, daß sie nicht mehr die Zeit hatte, Sie von ihrer Ankunft zu unterrichten.«

Morgans Augen verengten sich zu Schlitzen.

Simmons beeilte sich hinzuzufügen: »Ihr Name ist Elizabeth Stanton, Sir. Lady Elizabeth Stanton.«

Morgans Antwort war knapp und ungehalten. »Der Name sagt mir nichts, Simmons. Wie ich bereits erwähnte, hat sie sich in der Adresse geirrt.«

Simmons stand da und schwieg. Er räusperte sich nur und wippte auf seinen Absätzen hin und her.

Morgan verzog sein Gesicht. Mein Gott, dieser Simmons konnte zeitweilig ganz schön hartnäckig sein. Aber noch lästiger war diese Frau, die im Salon auf ihn wartete, diese Lady Elizabeth Stanton. Mit diesem Namen konnte man doch nur eine plumpe, fette Matrone verbinden, die genauso groß wie breit war. Herr im Himmel, dachte er. Was jetzt? Was zum Teufel konnte eine solche Frau nur von ihm wollen? Normalerweise gehörte er nicht zu den Menschen, die sich Probleme aufluden, aber in diesem Fall erschien ihm Simmons außergewöhnlich unnachgiebig.

Unsanft stellte er sein Glas auf den Tisch zurück. »Also gut«, brummte er und war bereits durch die großen Doppeltüren geschlüpft. »Ich gehe zu ihr.« In weniger als zehn Schritten hatte er den Salon erreicht, wo er den ersten Blick auf seine Besucherin erhaschen konnte.

Er hatte völlig daneben gelegen, schoß es ihm durch den Kopf. Was dort vor dem Spiegel stand, war keine plumpe Matrone, sondern eine schlanke, geschmackvoll in Taubengrau gekleidete Person. Sie war ihm halb zugewandt, drehte sich dann jedoch ganz zu ihm herum. Nein, sinnierte Morgan, sie war keineswegs so, wie er sie sich vorgestellt hatte ...

Und das dachte sie auch von ihm.

Total unvorbereitet auf ihre Reaktion mußte er mitansehen, wie sie ihre großen grünen Augen vor Verwirrung aufriß und ihr Gesicht den Ausdruck unsäglicher Enttäuschung annahm. Trotz seiner schlechten Laune war er irgendwie amüsiert. Sie blickte ihn fest an.

»Gütiger Gott«, stöhnte sie. »Wer zum Teufel sind Sie?«

Eine seiner geschwungenen Brauen hob sich. »Simmons hat mich darüber unterrichtet, daß Sie mich zu sehen wünschten.«

»Sie? Ich kenne Sie doch überhaupt nicht!«

»Das kann ich nur bestätigen«, antwortete er trocken. »Aber Sie waren diejenige, die mein Haus aufgesucht hat. Deshalb gehe ich davon aus, daß Sie etwas mit mir zu besprechen haben. Und ich muß zugeben, daß ich sehr neugierig bin, was das sein könnte.«

Sie senkte ihren Blick. Morgan hatte das seltsame Gefühl, daß sie ihn für den leibhaftigen Teufel hielt.

»Es muß sich um einen Irrtum handeln«, sagte sie ausweichend. »Mir wurde gesagt, daß dies hier der Wohnsitz der O’Connors ist.«

»Das ist in der Tat richtig.«

Sie starrte ihn an, als wäre er irgendwie von Sinnen. »Nein, Sie verstehen mich falsch. Ich versuche, den Besitzer der O’Connor Schiffswerft zu finden.«

Morgan verschränkte seine Arme auf dem Rücken. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. »Der bin ich, Madam.«

»Nein. Nein, das kann nicht sein.« Sie sah aus, als bräche sie jeden Augenblick in Tränen aus. »Ich ... ich bin den ganzen Weg von London hierhergekommen! Ich ... ich kann nicht mehr zurück, wirklich nicht! Ich muß Nathaniel O’Connor finden.«

Morgans Lächeln verschwand. Innerhalb von zwei Atemzügen hatte sich die Situation vollkommen geändert. »Nun, den werden Sie hier nicht finden. Soviel ich weiß, ist er nicht in Boston«, meinte er abweisend.

Ihre Finger umklammerten den Griff ihrer Handtasche. »Sie wissen, wen ich meine? Sie kennen Nathaniel?«

Morgan pfiff durch die Zähne. »Oh ja, ich kenne ihn sehr gut. Ich bin sein Bruder.«

Sie erblaßte. Sie wollte etwas sagen, aber ihren Lippen entwich kein Laut. Und zu seiner größten Bestürzung fiel sie vor seinen Augen in Ohnmacht, bevor er auch noch irgend etwas erklären konnte.

Glücklicherweise besaß Morgan schnelle Reflexe. Er konnte sie noch auffangen, bevor ihr Kopf auf den Boden aufschlug. Dann hob er sie auf, schlang einen Arm um ihre Knie und trug sie zur nächstbesten Sitzgelegenheit.

»Gütiger Himmel!« brummte er. »Was kommt denn jetzt noch?«

Sein erster Gedanke war, daß der Zusammenbruch der jungen Frau nichts weiter als ein Trick war – weibliche List aus welchem Grunde auch immer. Er versuchte, seinen Unmut zu verbergen, setzte sich neben sie und klopfte ihr leicht auf ihre beiden Wangen, weil er sich damit erhoffte, daß sie entsetzt losschreien würde.

Aber sie rührte sich nicht.

Morgan runzelte die Stirn. War das Mädchen vielleicht nur zu fest geschnürt? Warum Frauen solche komischen Apparate trugen, verstand er nicht. Für Männer, die sich der Kleidung ihrer Angebeteten so schnell wie möglich entledigen wollten, waren sie schlichtweg eine Plage. Er lehnte sich gegen sie, löste vorsichtig die unzähligen Haken auf der Rückseite ihres Kleides, bis es ihm gelang, hineinzugreifen und nach den Spitzenbändern zu tasten ...

Wiederum keine Reaktion.

Jetzt aber nahm er, selbst durch die Seide des Kleides, zum ersten Mal die Hitze wahr, die ihrem Körper entwich. Was zur Hölle stimmte nicht mit ihr? Er preßte seine Hände erneut auf ihre Wangen. Was war er nur für ein Idiot gewesen, schalt er sich. Das Mädchen hatte hohes Fieber!

Sie stöhnte auf. Morgan nahm sie bei den Schultern und schüttelte sie leicht. Zögernd wiederholte er immer wieder ihren Namen. »Elizabeth! Elizabeth, wachen Sie auf! Geht es Ihnen nicht gut, Mädchen?«

Langsam öffnete sie ihre Augen; ihr Blick war verwirrt und schmerzverzerrt.

»Elizabeth, sagen Sie mir, wo Sie Schmerzen haben«, forderte er sie auf.

Ihre Fingerspitzen tasteten sich zu ihren Brauen. »Hier«, sagte sie schwach.

»Und sonst?«

Sie legte ihre Hand auf ihren Brustkorb. »Und hier.« Es war ein schwaches Flüstern, als kostete sie diese Anstrengung alle Kräfte. »Es tut mir weh«, schluckte sie, »wenn ich atmen muß«. Als sie ihren Kopf zur Seite drehte, flatterten ihre geschlossenen Lider. Ein trockener und erstickter Husten folgte. Morgan erkannte, daß sie erneut in Ohnmacht gefallen war.

Diesmal war er darüber beinahe erleichtert, denn er vermutete, daß sie es nicht sehr gerne gesehen hätte, was er jetzt mit ihr vorhatte. Er zog das Oberteil ihres Kleides über ihre zarten, pastellfarbenen Schultern, beugte sich vor und hielt sein Ohr gegen ihren Brustkorb. Ihr Atem ging stoßweise, und bei jedem Atemzug gaben ihre Lungen ein rasselndes Geräusch von sich.

Morgan fluchte. Innerhalb von Sekundenbruchteilen stand er wieder auf seinen Füßen und brüllte: »Simmons! Jemand muß Stephen holen! Diese Frau ist ernsthaft krank!«

Eine Stunde später stand sein Freund Dr. Stephen Marks neben dem Bett, in das man seine Patientin gebracht hatte. Er war ein kleiner breitschultriger Mann, dessen gutherzige Natur sich in seinem allgegenwärtigen Lächeln und der Wärme seiner Augen ausdrückte.

Er trat vom Bett zurück und sah über die Schulter zu Morgan hinüber, der seine kräftigen Arme vor der Brust verschränkt hielt und ihn schweigend beobachtete.

»Sie kommt aus London, sagtest du?«

Morgan nickte. »Das hat sie jedenfalls zu Simmons gesagt«, meinte er schroff.

»Es steht außer Zweifel, daß sie eine Lungenentzündung hat«, sagte Stephen. »Vermutlich eine Folge der feuchten Seeluft. Aber sie ist jung und erscheint mir recht widerstandsfähig. Das kommt ihr zugute. Im Moment wird es das beste sein, wenn wir versuchen, ihr Fieber zu senken und sie immer wieder trockentupfen.« Er stopfte seine Instrumente zurück in seine Tasche, dann warf er seinem Freund einen ironischen Blick zu. »Ich muß sagen, Morgan, sie weicht ein wenig von deinem Idealtyp ab.«

Morgans Mundwinkel zogen sich nach unten. »Gib dich keinen Spekulationen hin«, meinte er nüchtern. »Sie ist gar nicht wegen mir gekommen.«

»Wer ist denn dann der Glückliche?«

Für einen Augenblick herrschte Schweigen. »Nathaniel.«

Langsam wich der fröhliche Ausdruck aus Stephens Blick. »Was in aller Welt hat eine Engländerin mit einem Mann wie Nathaniel zu schaffen?«

»Das«, knurrte Morgan, »würde ich auch gerne wissen. Und das ist noch nicht alles, Stephen. Simmons sagte mir, daß sie sich als Lady Elizabeth Stanton vorgestellt hat.«

Kastanienbraune Brauen schossen nach oben. »Englands Oberschicht?«

»So scheint es.« Morgan ließ seinen Blick über das Bett schweifen. »Wenn die Dame aufwacht, müssen wir sie einfach fragen, was meinst du?«

Stephen antwortete nicht, musterte seinen Freund jedoch unverhohlen. »Wo ist Nathaniel eigentlich?« fragte er schließlich.

Morgans Gesichtszüge hatten sich verhärtet. Barsch und ohne zu zögern antwortete er: »Du weißt ebenso wie ich, daß ich über seinen Aufenthaltsort kaum etwas weiß. Ich habe ihn seit Monaten nicht gesehen – und das ist auch besser so.« Er deutete auf die junge Frau. »Wird sie wieder gesund?«

»Ich nehme es an«, sagte Stephen gedankenverloren. »Aber es wird vermutlich einige Wochen dauern, bis sie wieder auf den Beinen ist.« Dann griff er nach seiner Jacke, schlüpfte hinein und lachte leise, als er den wütenden Gesichtsausdruck seines Freundes bemerkte. »Du kannst dich ruhig mit dem Gedanken anfreunden, Morgan, daß du eine Zeitlang einen Gast haben wirst.«

Das war es genau, dachte Morgan zynisch, was er eigentlich nicht hatte hören wollen.

Stephen bewegte sich in Richtung Tür, dann hielt er plötzlich inne. »Ich kann dir allerdings einen Vorschlag machen. Soll ich dir Margaret, meine Haushälterin, eine Zeitlang überlassen? Sie ist nicht nur eine hervorragende Krankenschwester, sie wird auch die bösen Zungen im Zaum halten, die darüber spekulieren, warum du eine junge Dame unter deinem Dach wohnen läßt. Ein Skandal ist doch das letzte, was du gebrauchen kannst.«

Ein leicht zynisches Lächeln umspielte Morgans Mund. Er schüttelte den Kopf. »Das ist nicht nötig. Mein Ruf ist weiß Gott das letzte, was mich interessiert. Außerdem kann er kaum noch schlechter werden, als er es ohnehin schon ist.«

Stephen griff nach der geschwungenen Messingtürklinke. Morgan wollte ihm höflich zuvorkommen, aber Stephen winkte ab. »Kein Problem, alter Junge. Ich finde schon alleine raus.«

Dann war er alleingelassen – allein mit seinem ungeladenen Gast. Er ging wieder zurück zum Bett und betrachtete das Mädchen. Ihr Gesicht war so starr und weiß, als wäre es aus Alabaster. Ihre durchscheinenden Augenlider schimmerten in einem zarten Rosé. Die pechschwarzen Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangen. Ihre Brauen waren schmal und elegant geschwungen.