Verlockende Versuchung - Samantha James - E-Book
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Verlockende Versuchung E-Book

Samantha James

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Beschreibung

Als der attraktive Marquis von Thurston die junge Devon verletzt in einer dunklen Gasse Londons findet, bringt er sie trotz großer Bedenken in sein Haus. Obwohl er sie für eine Diebin hält, kann er sich dem Charme der eigensinnigen Schönheit nicht entziehen.

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Edel eBooks
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH
Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2004 by Sandra Kleinschmit
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel “A perfect Bride”
Deutsche Erstausgabe: 2005 unter dem Titel Verlockende Versuchung bei Heyne 
Covergestaltung: Eden & Höflich, München
Konvertierung: Jouve
Inhaltsverzeichnis
TiteleiImpressumPrologErstes KapitelZweites KapitelDrittes KapitelViertes KapitelFünftes KapitelSechstes KapitelSiebtes KapitelAchtes KapitelNeuntes KapitelZehntes KapitelElftes KapitelZwölftes KapitelDreizehntes KapitelVierzehntes KapitelFünfzehntes KapitelSechzehntes KapitelSiebzehntes KapitelAchtzehntes KapitelNeunzehntes KapitelZwanzigstes KapitelEinundzwanzigstes KapitelZweiundzwanzigstes KapitelDreiundzwanzigstes KapitelVierundzwanzigstes KapitelFünfundzwanzigstes KapitelSechsundzwanzigstes KapitelSiebenundzwanzigstes KapitelAchtundzwanzigstes Kapitel
Prolog
England, 1794
Innerlich verkrampft lag Sebastian Lloyd William Sterling mit weit aufgerissenen Augen in seinem Bett und starrte auf die Schatten, die an der Wand tänzelten. Als seine Amme vor kurzem die Zimmertür einen Spalt geöffnet hatte, um einen Blick auf ihren Zögling zu werfen, hatte er sich schlafend gestellt und seine Augen fest zusammengekniffen.
Wenn seine Eltern sich stritten, war es für den Knaben nie einfach einzuschlafen. Da es ein warmer Tag im Spätseptember war, stand Sebastians Fenster offen, und sein Gemach lag direkt über der Zimmerflucht seiner Mutter. Und nachts, im Dunkeln, trugen ihre Stimmen.
Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass Sebastian ihre Auseinandersetzungen mitbekam. Das letzte Jahr war besonders schlimm gewesen, nicht nur in London während der Ballsaison, sondern auch hier auf Thurston Hall. Wortgefechte standen an der Tagesordnung, sobald sie Besuch hatten, was häufig vorkam, da seine Mutter es liebte, Gastgeberin zu spielen. Sie stritten sich wegen ihrer Untreue, ihrer fröhlichen leichtsinnigen Art und ihres ungebührlichen Benehmens.
Die Bemerkungen kamen natürlich von seinem Vater, denn William Sterling, der Marquess von Thurston, war kein Mann, der über Dinge hinwegsah, die ihm missfielen. Er strafte und kritisierte. Wie sehr Sebastian sich auch anstrengte, er konnte sich beim besten Willen keine Situation ins Gedächtnis rufen, bei der sein Papa ihn – oder jemand anderen – gelobt hätte.
Als Sebastian an diesem Abend in sein Bett gekrochen war, hatte er gewusst, dass ein Disput unausweichlich bevorstand. Er hatte förmlich voller Anspannung auf den Moment gewartet, wenn er ausbrechen würde. Denn seine Eltern hatten an diesem Wochenende eine Gesellschaft gegeben, und vor ein paar Stunden war der letzte Gast abgereist.
Doch dieses Mal ... war der bisher schlimmste Streit. Sebastian hielt sich die Ohren mit beiden Händen fest zu, konnte seine Eltern allerdings immer noch hören. Während Papa brüllte und fluchte, schimpfte und kreischte Mama in schrillen Tönen. Und Sebastian konnte nichts tun, um die beiden davon abzuhalten. Niemand konnte es. Wenn sie eine Auseinandersetzung hatten, ging die Dienerschaft auf Zehenspitzen durch die Gänge und hielt Distanz.
Schließlich wurde im Erdgeschoss eine Tür zugeschlagen.
Mit einem Mal war es totenstill.
Sebastian wusste, dass sein Vater sich mit einer Flasche Gin in sein Arbeitszimmer zurückziehen würde, dass seine Laune am nächsten Morgen fürchterlich sein würde und seine Augen rot unterlaufen und geschwollen sein würden. Sebastian konnte den zornigen Blick am folgenden Tag erahnen. Seine Reitstunde war für morgen angesetzt, und sein Papa sah ihm immer zu, wenn sie auf dem Landsitz wohnten. Der Junge war an die missbilligenden Kommentare gewöhnt, aber Papas Kritik würde sicherlich noch vernichtender als sonst ausfallen.  Der Junge seufzte. Außerdem musste er versuchen, seinen jüngeren Bruder Justin von Papa fernzuhalten. Sebastian war vernünftig genug, seinen Vater nicht zu provozieren, wenn dieser schlecht gelaunt war, doch Justin ...
Lange, sehr lange lag der kleine Junge völlig bewegungslos im Dunkeln. Schließlich kroch er aus dem Bett und ging hinaus auf den Flur. In derartigen Nächten sah er immer nach seinem Bruder und seiner Schwester. Er wusste nicht, weshalb. Vielleicht, weil er der Älteste war – war es nicht seine Pflicht, über seine Geschwister zu wachen?
Leise schlich er den Korridor hinunter. Die Amme schlief bereits – aus ihrem Zimmer konnte er lautes Schnarchen vernehmen. Einmal hatte sie Sebastian kräftig ausgescholten, als sie ihn um Mitternacht in der Bibliothek entdeckt hatte. Sebastian hatte im Gegensatz zu anderen Kindern keine Angst vor der Dunkelheit; nur nachts hatte er die Gelegenheit, allein und unbeobachtet zu sein, was ihm sonst kaum gewährt wurde. Dann gab es keine Lehrer, die ihn drängelten, die Amme hatte kein wachsames Auge auf ihn, und auch die Dienerschaft war ihm nicht ständig auf den Fersen.
Lautlos glitt er am Schulzimmer vorbei in Justins Schlafgemach. Sein vier Jahre jüngerer Bruder schlief fest, hatte jedoch einen sorgenvollen Gesichtsausdruck, und seine Unterlippe stand trotzig vor. Schlechte Träume?, fragte sich Sebastian. Er strich liebevoll über das Haar seines Bruders, das ebenso dunkel war wie sein eigenes.
Im Nebenzimmer lag die dreijährige Julianna in ihre Decke eingekuschelt, hatte die Knie bis an die Brust gezogen und ihre Lieblingspuppe fest umklammert. Seidige, walnussbraune Löckchen verteilten sich über das Kopfkissen. Sebastian zog die mit Spitzen umsäumte Überdecke fester um den Körper seiner Schwester. Sie gleicht einem Engel, dachte er zärtlich.
Draußen hatte der Mond bereits den Zenith seiner nächtlichen Laufbahn überschritten. Er wirkte unnatürlich hell und groß. Hunderte von Sternen glitzerten und funkelten und schienen so nah, dass Sebastian glaubte, er müsse nur die Hand ausstrecken, um sie berühren zu können.
Bevor er sich versah, war er auch schon aus dem Haus geschlichen. Er schlenderte die Auffahrt entlang und blieb unter den ausladenden Zweigen einer stattlichen Ulme stehen. Bewegungslos verharrte er und starrte hinauf in den Ehrfurcht gebietenden Nachthimmel, als das Geraschel von Blättern auf der anderen Seite des Weges seine Aufmerksamkeit weckte.
Er blinzelte. »Mama?«
Seine Mutter konnte ihn im Schatten des Baumes nicht ausmachen.
Dann trat er hinter der Ulme hervor. Wie immer war seine Mutter ausgenommen modisch und elegant gekleidet. Sie trug einen karierten Damenmantel mit dazu passender Handtasche, und auf ihren rabenschwarzen Haaren saß eine mit Federn besetzte Haube.
So wie Julianna das Ebenbild eines Engels war, war seine Mama für ihn bei weitem das wunderschönste Geschöpf auf Erden.
Sie blieb abrupt stehen. »Sebastian!«, rief sie gereizt. »Was um alles in der Welt machst du hier?«
Sebastian ging auf sie zu und sah sie mit seitlich geneigtem Kopf an. Obwohl er nur zehn Jahre zählte, war er bereits ein wenig größer als seine zierliche Mutter.
»Ich konnte nicht schlafen, Mama.«
Sie gab keine Antwort, schien jedoch über das unerwartete Auftauchen ihres Sohnes verärgert zu sein.
Hinter ihr erspähte Sebastian eine Kutsche, die in der Biegung der Auffahrt zum Stehen kam. Seine Augen wurden zu Schlitzen. Er blickte von der Kutsche zu dem Koffer in der Hand seiner Mutter.
»Gehst du fort, Mama?«
Sie holte tief Luft. »Ja ... Ja, Liebes.«
»Wohin fährst du, Mama?«
Der Gesichtsausdruck seiner Mutter erhellte sich unvermittelt. »Nun, ich weiß noch nicht genau! Vielleicht nach Paris«, sagte sie dann vergnügt. »Oder Venedig. Oh ja, Venedig. Das Wetter ist dort wundervoll zu dieser Jahreszeit. Und es ist so lange her, dass ich dort war. Es ist so lange her, dass ich irgendwo auf dem Kontinent war.«
Ein seltsames Gefühl machte sich in Sebastians Magen breit. Obwohl er noch jung war, wusste er, dass etwas nicht stimmte, wenn seine Mutter mitten in der Nacht fortfuhr.
»Venedig ist sehr weit weg, Mama. Gefällt es dir nicht auf Thurston Hall?« Es war unverständlich für Sebastian, wie jemand das prächtige Anwesen, die sauber gepflegten Gärten und die sanft geschwungene Hügelkette, die Thurston Hall umgab, nicht mögen konnte. Er liebte den Stammsitz seiner Familie. Sieben Generationen von Sterlings hatten hier das Licht der Welt erblickt. Wenn er keinen Unterricht hatte, gab es für ihn keine schönere Beschäftigung, als mit seinem Pony über die Hügel zu jagen.
Eines Tages, dachte er stolz, sobald er ein Mann war, würde Thurston Hall und der übrige Familienbesitz ihm gehören. Deshalb musste er dem Unterricht mit großem Eifer folgen und durfte sich nicht vor seiner Verantwortung drücken. Der Titel des Marquess und die damit einhergehenden Verpflichtungen waren nichts, das man auf die leichte Schulter nehmen durfte. Von all dem war es jedoch Thurston Hall, das ihm wirklich am Herzen lag.
Sebastian beobachtete seine Mutter, während er auf eine Antwort wartete. Die Marquise blickte verstohlen zur Kutsche. Die Tür war nun geöffnet, und Sebastian konnte die Umrisse eines Mannes ausmachen.
Dann drehte sich seine Mutter um. »Ich will nur ... Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Ich ertrage es nicht mehr, bei deinem Vater zu bleiben. Ich dachte, ich könnte Mutter und Ehefrau sein, aber ... es geht nicht. Dein Papa ist zu streng und ... Ich weiß, du bist jung, aber du kennst seine Launen. Ich sehne mich nach mehr, mein Liebes. Ich brauche Leben und Heiterkeit und Feste. Wenn ich bei ihm bleibe, werde ich gewiss ersticken!«
Sebastian wusste, dass seine Mutter nichts mehr liebte als bewundert zu werden und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Und er wusste, dass sie Liebhaber hatte. Vor nicht langer Zeit waren Gäste aus London zu Besuch gewesen. Besonders ein Mann hatte seine Mutter unverfroren angestarrt. Sebastian war sich darüber im Klaren, dass Männer seine Mama sehr gerne betrachteten. Kurz darauf waren die beiden auf die Terrasse geschlichen.
Sie hatten nicht bemerkt, dass Sebastian ihnen gefolgt war.
Dort hatten sie sich vor seinen Augen geküsst. Ein ... zwei ... drei leidenschaftliche Küsse.
Küsse, wie sie sich nie zwischen seinem Vater und seiner Mutter abgespielt hatten.
Natürlich wusste Mama nicht, dass er sie beobachtet hatte. Er hatte es ihr nicht erzählt. Er hatte sich niemandem anvertraut, besonders nicht seinem Vater, denn ihm war bewusst, dass dies einen erneuten Streit nach sich ziehen würde. An jenem Tag erfuhr Sebastian die Bedeutung des Wortes Untreue ...
Mamas Geliebter.
Es war ein Geheimnis, das er tief in seiner Seele vergraben hatte ...
Sebastian hatte das qualvolle Gefühl, dass der heutige Abend ein weiteres Geheimnis barg, das ihm zu hüten oblag.
»Daphne!«, rief der Mann in der Kutsche.
Derselbe Mann, den Mama auf der Terrasse derart stürmisch geküsst hatte?, fragte sich Sebastian. Doch er wusste es nicht genau.
Seine Mutter wirbelte herum und winkte dem Herrn in der Kutsche, wandte sich dann erneut Sebastian zu, der die Lippen zusammenpresste.
»Ich muss gehen«, sagte sie beherzt. »Na, komm. Gib mir einen Kuss.«
Sebastian blieb stehen, wo er war, und das feuchte Gras durchnässte den Saum seines Nachtgewandes. Er fröstelte. »Papa wird verärgert sein«, gab er zu Bedenken.
»Dein Papa ist immer verärgert. Nun geh ins Haus zurück und husch in dein Bett. Wirst du dich an meiner Statt um deinen Bruder und deine Schwester kümmern, mein Liebes?« Sie stieß ein kleines, helles Lachen aus. »Ach, warum frage ich überhaupt? Natürlich wirst du es tun. Du bist ein so guter Junge.«
Sie lächelte und kniff ihm in die Wange. Und fast so, als hätte sie sich daran erinnern müssen, hauchte sie ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann lief sie zur Kutsche.
Erstes Kapitel
Ende März, 1815
Devon St. James war völlig ratlos.
In zwei Tagen war die Miete für das kleine Zimmer fällig, in dem sie lebte. Ihr Hauswirt, Mr Phillips, verlangte auf einmal einen skandalös hohen Betrag. Devon war nicht nur empört, sondern zugleich erstaunt, denn der Raum bot gerade einmal genügend Platz für einen Stuhl und das schmale Bett, das sie mit ihrer Mutter bis zu deren Tod geteilt hatte. Zu allem Unglück hatte der Schuft sie erst gestern von der Mieterhöhung in Kenntnis gesetzt.
»Diebische Elster«, murmelte Devon entrüstet. Sie zog mitleidslos an den Schleifen ihrer Haube. Dieselbe Unbarmherzigkeit wurde den Bändern ihres wallenden Umhangs zuteil, den sie um ihre Schultern geworfen hatte. Ein altmodisches Kleidungsstück, dessen Saum ausgefranst, zerschlissen und für ihre zarte Figur viel zu groß war. Doch er erfüllte seinen Zweck – wie auch der Rest ihrer Garderobe – und dafür war sie dankbar.
Sie strich sich vorsichtig mit der Hand über die gerundete Wölbung ihres Bauches und hielt kurzzeitig vor dem Hintereingang des Crow’s Nest inne, einer Taverne nahe des Strand, in der sie arbeitete. Nachdem sie die Tür fest hinter sich geschlossen hatte, trat sie hinaus in die feuchte, in Nebelschwaden gehüllte Nacht. Es verging kein Abend, an dem sie den langen Heimweg durch das Gewirr dunkler Seitengässchen nicht fürchtete. Heute war es sogar noch später als sonst gewesen, als der letzte Gast aus der Schankstube getorkelt war. Um sich Mut zu machen, besann sich Devon darauf, dass sie den Weg nun bereits seit einem Jahr ohne Zwischenfälle zurückgelegt hatte.
Ein Jahr. Um Himmels willen, ein ganzes Jahr!
Für den Bruchteil einer Sekunde ließ eine Woge der Traurigkeit ihr Innerstes erkalten. Es kam ihr vor, als sei eine Ewigkeit vergangen! Den Verlust ihrer Mutter fühlte sie wie einen Messerstich, der sich tief in ihr Herz gebohrt hatte. Zuweilen fiel es ihr sehr schwer, nicht zu verzagen. Aber etwas tief in ihr gab sich nicht damit zufrieden, für immer als Bedienung zu arbeiten. Mama hatte es gehasst, dass sie dort arbeitete – ebenso wie sie selbst. Nein, sie würde ihre Hoffnungen und Träume nicht aufgeben. Sie war sogar fester entschlossen denn je zuvor ...
Eines Tages würde sie einen Ausweg aus St. Giles finden. Irgendeinen Ausweg ...
Dieses Versprechen hatte sie sich vor langer Zeit gegeben. Ein Versprechen, das sie unter keinen Umständen brechen wollte.
Wie sie dies allerdings bewerkstelligen sollte, war eine andere Sache, denn Phillips Worte klangen immer noch in ihrem Kopf nach. Es hatte sie große Überwindung gekostet, ihren Stolz hinunterzuschlucken und ihn anzuflehen. Wenn er ihr nur etwas mehr Zeit gewährte, um die Miete aufzutreiben ...
»Auf keinen Fall!«, hatte er geknurrt. »Du zahlst, Fräulein, oder du wirst auf die Straße gesetzt!«
Sein aufbrausender Ärger ließ keinen Zweifel darüber offen, dass er meinte, was er sagte.
Welch ein Gauner, dachte sie düster. Sie verachtete ihn schon seit Jahren aus tiefster Seele, denn er hatte ihre Mutter immer unverschämt und grob behandelt. Doch so sehr sie Phillips zum Teufel schicken wollte, würde es ihre eigenen Schwierigkeiten nicht lösen.
Allein Geld könnte dies.
Während sie weiter in Richtung St. Martin’s Lane schritt, dachte sie über die kostbaren Münzen nach, die sie in der linken Tasche ihres Kleides aufbewahrt hatte. Heute war ihr Lohn ausbezahlt worden. Noch vor einer Woche war sie so sicher gewesen, dass sie ein weiteres Kleid kaufen könnte, und sich somit ihre Aussichten auf eine bessere Anstellung erhöhen würden. Aber nun musste sie jeden Penny ihres Lohns für die Miete aufbringen ... wenn nicht sogar noch mehr.
Ein Schauder überlief sie, der nichts mit der kühlen Nachtluft zu tun hatte. Großer Gott, was wäre, wenn Phillips sie tatsächlich hinauswerfen würde?
Als sie um die nächste Straßenecke bog, gelang es ihr, die Furcht zu unterdrücken, die sich in ihrem Innersten ausgebreitet hatte. Stattdessen betrachtete sie aufmerksam die Umgebung. Es war still, so still, wie es nur in diesem Teil Londons sein konnte. Dunkelheit hatte die Dächer eingehüllt. Tagsüber drängelten Pferde und Kutschen um einen Platz in den engen Gassen, und das Rufen der Geschäftsleute, die sich trotz des regen Treibens bemerkbar machen wollten, füllte die Luft.
Ihr Umhang flatterte um ihre zierlichen Knöchel, als sie so rasch wie möglich nach Hause eilte – keine leichte Aufgabe angesichts ihres schwellenden Leibes. Einmal verlor sie auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster die Balance, doch es gelang ihr gerade noch rechtzeitig, sich wieder zu fangen. Dabei ließ sie ihren Blick schweifen. Niemand war in der Nähe.
»Deiner Zwangslage wäre beizukommen, wenn du ab und zu einen der Gäste ins Hinterzimmer begleiten würdest«, hatte Bridget heute festgestellt. »So verdiene ich mir den einen oder anderen Shilling hinzu, wenn ich in Geldnöten bin.«
Die Leichtfertigkeit, mit der sie ihr diese Belehrung erteilt hatte, war bestürzend. Obwohl Devon wusste, dass Bridget es gut mit ihr meinte, würde sie ihren Rat natürlich nicht annehmen. Sie weigerte sich, ihren Lebensunterhalt auf dem Rücken zu verdienen!
Ein weiteres Versprechen, das sie sich gegeben hatte.
Als sie ihren Umhang fester um ihre Leibesmitte schlang, fiel ihr Blick auf die nächste Straßenecke. Die Straßen von St. Giles waren gefährlich und unbarmherzig – wahrlich kein Platz für eine Dame.
Besonders nachts.
Natürlich war sie keine wirkliche Dame, nicht so wie Mama. Obwohl ihre Mutter seit Devons Geburt als Näherin gearbeitet hatte, wusste Devon, dass sie davor als Gouvernante angestellt gewesen war.
Aber die Gesellschaft, dachte sie mit einem Anflug von Bitterkeit, vergab einer unverheirateten Frau kein Kind an der Brust und hatte ihre Mutter in die Armut getrieben.
Unbewusst fuhr sie mit der Hand in die Tasche ihres Kleides. Warme Fingerspitzen streiften kaltes Metall. Sie tastete nach dem Kreuz. Erinnerungen schossen ihr durch den Kopf ... Als ihre Mutter den letzten Atemzug getan hatte, hatte Devon die Halskette aus deren Tasche ... in ihre eigene gleiten lassen. Der Verschluss war kaputt, weshalb ihre Mutter das Schmuckstück nicht mehr tragen konnte.
Devon hatte ihn aus Versehen beschädigt.
Zweimal in ihrem Leben hatte sie ihre Mutter zum Weinen gebracht. Sie hatte bittere Tränen vergossen, als Devon die Kette beschädigt hatte, und die Erinnerung daran rief noch immer einen stechenden Schmerz in ihrer Brust hervor. Devon wusste weder etwas über den Wert des Schmuckstücks noch hätte dieses Wissen einen Unterschied gemacht. Die Halskette war der kostbarste Besitz ihrer geliebten Mutter gewesen.
Jetzt war sie ihr wertvollster Besitz.
Niemals würde sie sich von dem Kleinod trennen. Niemals. Egal, welchen Preis sie dafür erzielen könnte, egal, wie sehr der Hunger an ihr nagte oder sie im Regen und in der Kälte übernachten müsste! Solange sie die Kette besaß, trug sie einen Teil ihrer Mutter bei sich.
Devon schlang sich den Umhang fester um die Schultern und wich einer Pfütze aus, die sich während des letzten Regengusses gesammelt hatte. Zu beiden Seiten schmiegten sich die Häuser wie zitternde Kinder gegen die beißende Kälte aneinander. Eine verwahrloste Frau schlief in einem Hauseingang, eingewickelt in eine zerschlissene Decke.
Trotz ihrer gerade getroffenen Entscheidung berührte dieser Anblick Devon im Innersten ihres Herzens. Ich möchte nicht so enden, dachte sie mit einem Anflug von Verzweiflung. Nicht so!
Ihre Schritte verlangsamten sich. Mit einem Mal fiel ihr das Gasthaus in der Buckeridge Street ein, in dem sie gewohnt hatten, als sie jung war. Ein abscheulicher, übel riechender Ort voller Abschaum und Fäulnis, und beide, sie und Mama, hatten das Leben dort gehasst.
Obdachlos waren sie allerdings nie gewesen, sondern hatten immer ein Dach über dem Kopf gehabt, auch wenn es manchmal leckte.
Sie holte tief Luft und kämpfte gegen die aufkeimende Hoffnungslosigkeit an. Auf keinen Fall durfte sie aufgeben. Immerhin besaß sie einen klaren Verstand, Entschlusskraft ... und die Halskette ihrer Mutter.
»Was haben wir denn hier? Eine Dame mit einer Vorliebe für uns Kerle!«
Die heisere Stimme dröhnte unheimlich durch die Nacht. Devon blieb abrupt stehen. Ein Mann versperrte ihr den Weg. Ein weiterer trat aus dem Schatten hervor.
»Hallo, Süße.«
Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf, und Devon ahnte, dass sie sich für den Rest ihres Lebens an den Klang der rauchigen Stimme erinnern würde ...
Einer der beiden winkte sie heran. »Komm her, Liebling. Komm zu Harry!«
»Lass das!«, protestierte der andere. »Ich habe sie zuerst gesehen!«
»Aber ich bin näher, Freddie!«
Harry. Freddie. Sie konnte nicht mehr atmen. Als die Namen in ihrem Kopf durcheinander purzelten, stieg ein Gefühl tiefster Hoffnungslosigkeit in ihr auf. Sie kannte das Paar – oder besser gesagt Geschichten über die beiden. Sie gehörten einer der gefürchtetsten Banden an, die St. Giles unsicher machten.
»Was sagst du, sollen wir teilen, Freddie?«
Der Vorschlag kam von Harry, einem grobschlächtigen Mann, der eine schmutzige Tweedjacke trug und seine  Kappe tief ins Gesicht gezogen hatte. Freddie verzog das Gesicht zu einem fratzenhaften Grinsen und entblößte gelbe, faulige Zähne. Es waren abstoßende, widerliche Männer mit finsterem Gesichtsausdruck, deren Verhalten von dem vielleicht ältesten aller Übel geleitet wurde.
Gier.
Oh ja, sie konnte es in ihren Augen sehen. Und nun baute sich auch Freddie vor ihr auf. Er war kleiner als sein Bruder, nicht viel größer als sie selbst.
Devon reckte trotzig das Kinn in die Höhe. Bei Gott, sie würde keine Angst zeigen!
Obgleich sie innerlich vor Furcht erbebte. Kaltes Grauen legte sich wie ein beklemmendes Band um ihr Herz und ließ sie erstarren.
Auf keinen Fall durfte sie Panik in sich aufsteigen lassen. Ihre Mutter hatte ihr immer gesagt, sie besäße eine zähe Konstitution. Sie würde nicht schreien. Was brächte es ihr auch?
Eben war sie noch dankbar darum gewesen, dass ihr keine Menschenseele begegnet war. Doch nun ...
Sie versuchte, ihre Angst durch gespielte Tapferkeit zu verbergen. »Was wollt ihr?«, fragte sie scharf.
»Kommt d’rauf an, was du hast!«, antwortete Freddie, dessen Lachen wie ein finsteres Grollen klang. Er machte einen Schritt auf sie zu und packte sie am Kinn. Die Straßen waren nur schwach beleuchtet und lagen beinahe in völliger Dunkelheit, doch der Mond schob sich hinter einer Wolke hervor. Freddie riss ihr Gesicht gen Himmel. »Oh, da haben wir ja ’was Hübsches gefangen, Harry!«, jauchzte er. »Komm und sieh dir diese Augen an! Pures Gold!«
Innerlich verfluchte Devon ihre Zerstreutheit. Sie achtete normalerweise genau auf ihre Kleidung, wenn sie die Schenke des Nachts verließ. Die Krempe ihrer Haube war breit genug, um ihr Gesicht zu verbergen, und auch ihre dichte, kupfergolden glänzende Lockenpracht verhüllte sie normalerweise geschickt. Sie schmierte sich sogar mit Ruß ein, um ihren schwanengleichen Hals und die jugendlichen Wangen zu kaschieren. Aber heute Nacht war sie mit ihren Gedanken derart weit fort gewesen, dass sie sämtliche Vorsichtsmaßnahmen vergessen hatte.
Sie befreite sich aus Freddies hartem Griff. »Ich habe nichts«, sagte sie ruhig. »Und jetzt lasst mich in Ruhe. Ihr werdet doch keine unschuldige Frau berauben?« Welch lächerliche Frage! Die beiden würden alles und jeden ausplündern! »Könnt ihr nicht sehen, dass ich kurz vor der Niederkunft stehe?« Sie drückte ihren Bauch heraus, so dass sich ihr schwellender Leib deutlich durch den Umhang abzeichnete. Und genau dorthin schweifte Freddies Blick.
Jedoch nicht so, wie Devon es sich vorgestellt hatte.
»Oh ja, das sehe ich«, feixte Freddie. »Und wir sin’ froh, dass du uns Kerle magst, nich’ wahr, Harry?«
Harry verneigte sich übertrieben höflich. »In der Tat, Freddie.«
Freddies schmale Lippen verzogen sich zu einem kalten Grinsen. »Und was ist das hier in deiner Tasche?«
Devon erbleichte. Zu spät bemerkte sie, dass sie genau das Einzige gemacht hatte, was sie niemals hätte tun dürfen. Ihre Hände waren unwillkürlich in die Taschen ihres Kleides geglitten. Dann kam ihr das Messer in den Sinn, das sie in ihrem Stiefel versteckt hatte. Verflixt, sie waren so nah! Und wären bei ihr, bevor sie auch nur danach greifen könnte!
Sie zeigte ihre leeren Hände. »Nichts«, antwortete sie fieberhaft. »Und jetzt lasst mich in Ruhe!«
»Wir schauen nur mal kurz nach, ja?«
Es war ein vertrautes Kunststück, das die beiden bis zur Perfektion vollendet hatten. Harrys flinke Finger fanden den Beutel mit den kostbaren Münzen in einer der Taschen. Unter Gejohle erbeutete Freddie die Halskette aus der anderen.
Etwas in Devons tiefstem Inneren zerbarst.
»Nein!«, schrie sie. Sie konnten ihr Geld stehlen oder sie bewusstlos schlagen, aber sie durften sie nicht der Kette berauben! Solange sie am Leben war, würde sie um das Schmuckstück kämpfen. Ungeachtet der Gefahr, in der sie sich befand, jagte sie Freddie nach. Harry war bereits in der dunklen Tiefe der Gasse verschwunden, Devon achtete allerdings nicht mehr auf ihn. Sie stürzte sich auf Freddie und erhaschte den Saum seines Mantels.
Es war genug, um ihn zum Straucheln zu bringen, wobei nicht nur Freddie, sondern auch Devon zu Boden fielen. Plötzlich packte er sie am Hals. »Miststück!« Er drückte ihr die Kehle zu, seine abgekauten Fingernägel bohrten sich tief in das zarte Fleisch unterhalb ihrer Kieferpartie.
Sie versuchte zu atmen. Doch lediglich ein schwacher, erstickter Laut ließ sich vernehmen ... der keinesfalls einem Schrei glich. Sie zerkratzte ihm das Gesicht, aber vergebens. Dann erinnerte sie sich ...
Das Messer befand sich seitlich in ihrem Stiefel.
Freddie drückte noch fester zu. Devon krallte sich mit letzter Verzweiflung an ihn. Sie war sicher, dass er ihr mit seinen gewaltigen, knochigen Fingern das Genick brechen würde. Ein röchelndes Lachen durchschnitt die Luft.
Die Welt verdunkelte sich. Unverdrossen kämpfte Devon weiter. Ihre Fingerspitzen schlossen sich um den Griff des Messers. Sie biss die Zähne zusammen und stach mit aller Kraft zu.
Mit einem Mal füllten sich ihre Lungen wieder mit Luft. In dem schwachen Licht sah sie Freddies weit aufgerissene Augen, die sie entsetzt anstarrten. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Klinge ihr Ziel erreicht hatte.
»Du ... du hast mich erstochen!«, murmelte er schwach.
Devon zögerte keine Sekunde. Mit einem heiseren Schrei stieß sie ihn von sich und rollte sich geschwächt und benommen zur Seite. Als sie wieder zu sich kam, sah sie das Messer, das sie immer noch in der Hand hielt. Blut tropfte von der Klinge auf das Kopfsteinpflaster. Von Grauen gepackt ließ sie die Waffe fallen.
Aus dem Augenwinkel sah sie ihre Halskette. Mit einem verzweifelten Seufzer der Erleichterung griff sie nach dem Kleinod und drückte es fest an die Brust.
Hinter ihr hörte sie ein leises Stöhnen. Ihr Herz machte einen Sprung. Freddie!
Lauf!, rief ihr eine Stimme in ihrem Kopf zu. Du musst laufen!
Zu spät. Er hatte ihren Dolch gepackt. Sie wollte sich umdrehen, wurde jedoch mit gewaltiger Wucht nach vorn geschleudert, so dass sie stürzte und über den feuchten, rutschigen Steinboden schlitterte. Glühendes Feuer, heiß wie ein siedender Schürhaken, brannte durch ihren Körper. Ein Schrei hallte in ihren Ohren ... ihr eigener, wie sie feststellen musste.
Devon fühlte sich wie in einem Albtraum gefangen, und durch den schattenhaften Nebel ihrer Wahrnehmung gewahrte sie, dass Freddie taumelnd in die Gasse einbog, in der auch Harry verschwunden war.
Dann verhallten Freddies schleppende Schritte. Devon bewegte sich wie in Trance. Sie fühlte sich schwindlig und krank. Und sie war in eine Pfütze gefallen, bemerkte sie undeutlich, als sie das nasse Kopfsteinpflaster an ihrer Wange spürte. Feuchtigkeit bahnte sich einen Weg durch ihre Kleidung hindurch, und sie begann, mit den Zähnen zu klappern. Ihr war schon früher kalt gewesen, doch diesmal war es etwas anderes, eine betäubend eisige Kälte in ihrem Inneren, die sich immer weiter ausbreitete.
Erinnerungen schossen ihr durch den Kopf, Erinnerungen an die letzten Stunden ihrer Mama, die mit verhaltenem Atem von dieser beißenden Kälte gesprochen und am ganzen Körper gezittert hatte.
Zweites Kapitel
Zum Teufel mit der törichten Art seines Bruders!
Die eindrucksvolle Kutsche der Familie Sterling bog in aller Eile in die St. Martin’s Lane ein. Den wenigen Beobachtern, die zu dieser späten Stunde auf der Straße unterwegs waren, erschien das prunkvolle Gefährt aus schimmerndem Schwarz und funkelndem Silber in den schmutzigen Straßen von St. Giles fehl am Platz. In der Kutsche musste Sebastian Sterling sich zurückhalten, um nicht die Beherrschung zu verlieren.
Wahrlich, er hatte einen sehr angenehmen Abend auf der Dinnerparty der Farthingales verlebt – eine sehr lebhafte Feier, das musste er sich eingestehen, die weit bis nach Mitternacht angedauert hatte. Justin war ebenfalls eingeladen gewesen, hatte es jedoch vorgezogen, nicht zu erscheinen. Als Sebastian sein Stadthaus verlassen wollte, hatte ihn Stokes, der Butler, darüber in Kenntnis gesetzt, dass Justin den Abend beim Glücksspiel verbringen wolle.
Deshalb war Sebastian nach Ende der Dinnerparty ins White gefahren. Obwohl Sebastian und Justin unter demselben Dach wohnten, begegneten sie sich in letzter Zeit nur, wenn der Zufall es wollte. Seitdem Julianna auf Reisen war, waren die beiden abgesehen von der Dienerschaft allein im Haus. Außerdem hielt es Sebastian für seine Pflicht, Justin von seinen Plänen in Kenntnis zu setzen, bevor dieser in der morgigen Klatschpresse darüber lesen würde.
Doch sein jüngerer Bruder war nicht im White. Allerdings fand Sebastian dessen Freund Gideon dort vor. Und Gideon, der wie immer zu viel getrunken hatte, klärte ihn darüber auf, dass er Justin eben noch gesehen hatte ...
In einer Spielhölle in St. Giles.
Dies erklärte das halsbrecherische Tempo der Kutsche.
Sebastian konnte hören, wie Jimmy, der Kutscher, die Pferde antrieb. Was für einen leichtsinnigen Bruder er hatte!, kam ihm wieder einmal in den Sinn. Es gab Zeiten, da hatte Sebastian das Gefühl, Justin würde sich für nichts und niemanden interessieren. Was um alles in der Welt dachte er sich dabei, eine solche Spelunke aufzusuchen? Aber so war sein Bruder nun einmal, dachte der Marquess wütend. Justin trachtete in seinem Leben nach drei Dingen – Glücksspiel, Frauen und Alkohol. Was Gideon betraf ... nun ja, sie waren beide Lebemänner, und Sebastian wusste nicht genau, welcher von ihnen der größere Wüstling war!
Unter anderen Umständen hätte Sebastian niemals gewagt, sich mitten ins Herz von St. Giles zu begeben, der Geißel der Menschheit voller Taschendiebe, Betrüger ... und Schlimmerem. Es schien, als könne man heutzutage keine Londoner Straße hinabspazieren, ohne Gefahr zu laufen, ausgeraubt zu werden. In einer Gegend wie dieser setzte man jedoch nicht nur seine Geldbörse aufs Spiel, sondern sein Leben ...
Sebastians Gesichtszüge verdüsterten sich. Es war kein Zufall, dass er Thurston Hall dem staubigen London vorzog.
Die Kutsche machte eine scharfe Biegung, und Sebastian musste sich in die Kurve legen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Im nächsten Augenblick machte der Wagen einen Bogen und kam plötzlich zum Stillstand. Sebastian wurde so hart gegen den Sitz zurückgeworfen, dass er sich beinahe den Kopf verletzt hätte.
Er strich sich die Kleider zurecht und stieß die Tür auf. »Sind wir schon da, Jimmy?«
Jimmy hatte den Kutschbock nicht verlassen. »Nein, Mylord.« Er schüttelte den Kopf.
»Dann fahren Sie doch weiter, Mann!« Sebastian konnte seine Ungeduld nicht verbergen.
Jimmy zeigte mit dem Finger auf die Straße. »Mylord, dort liegt jemand!«
Zweifelsohne hatte dieser jemand zu viel getrunken. Sebastian wollte seinem Fahrer schon anweisen, weiter zu fahren.
Doch etwas ließ ihn zögern. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Vielleicht hatte es damit zu tun, wie der Körper auf dem unebenen Boden ausgestreckt lag, oder dass sich unter den Falten des weiten Umhangs eine ungewöhnlich zierliche Gestalt erahnen ließ. Seine Stiefel hallten auf dem Pflaster wider, als er mit einem Satz aus der Kutsche sprang und entschlossen voranschritt. Jimmy blieb auf seinem Platz sitzen und blickte ängstlich um sich, da er fürchtete, sie könnten jeden Moment von Dieben überfallen werden.
Wobei dies gut möglich wäre, räumte Sebastian ein.
Er beugte sich über den Körper, während sich seine Gedanken überschlugen. Sie war verdreckt und ungepflegt. Eine Hure, die zu viel getrunken hatte? Oder aber eine Falle, um ihn anzulocken, so dass sie ihn um seine Börse erleichtern konnte?
Vorsichtig berührte er sie, zog dann jedoch schnell seine Hand zurück. Verflixt. Er hatte seine Handschuhe auf der Bank in der Kutsche gelassen. Na ja, jetzt war es sowieso schon zu spät.
»Mistress!«, rief er laut. »Mistress, wacht auf!«
Die Gestalt regte sich nicht.
Eine seltsame Empfindung überkam ihn, und das ursprüngliche Misstrauen war wie weggeblasen. Sein Blick glitt hinab zu seiner Hand, und er bemerkte, dass seine Fingerspitzen feucht waren, jedoch nicht vom Regen. Die Flüssigkeit war dunkel, klebrig und dickflüssig.
Sebastian atmete tief durch. »Oh Gott!«, fluchte er. Ohne darüber nachzudenken, drehte er die Frau vorsichtig auf den Rücken, um sie besser sehen zu können. »Mistress«, rief er eindringlich, »könnt Ihr mich hören?«
Sie bewegte sich ein wenig und stöhnte, als sie versuchte, den Kopf zu heben. Sebastians Herz machte einen Sprung. Sie war schwach, aber am Leben!
Aufgrund der Dunkelheit und der lächerlich großen Kopfbedeckung, bei der es sich wohl um eine Haube handeln sollte, konnte er nicht viel von ihrem Gesicht erkennen. Trotz allem konnte er den genauen Moment bestimmen, in dem sie ihr Bewusstsein wiedererlangte, denn als sie die Augen öffnete und ihn über sich gebeugt sah, fuhr sie erschrocken zusammen. »Nicht bewegen«, sagte Sebastian schnell und fügte hinzu: »Ihr braucht keine Angst zu haben.«
Die Lippen der jungen Frau öffneten sich, und sie musterte seine Gesichtszüge eingehend. Dann schüttelte sie schwach den Kopf. »Ihr habt Euch verfahren«, flüsterte sie traurig. »Nicht wahr?«
Sebastian blinzelte. Er wusste nicht genau, was er von ihr erwartet hatte – sicherlich jedoch nicht dies.
»Ich habe mich selbstverständlich nicht verfahren.«
»Dann muss ich träumen.« Zu seinem großen Erstaunen hob sie die zierliche Hand und berührte seine Lippen. »Kein Mann auf der Welt sieht so gut aus wie Ihr.«
Ein ungewolltes Lächeln erhellte seine Züge. »Ihr seid nie meinem Bruder begegnet ...«, setzte Sebastian an. Er konnte den Satz jedoch nicht beenden. Sofort schlossen sich die Augen des Mädchens. Sebastian legte die Hand unter ihren Kopf, bevor dieser auf den harten Stein auftreffen konnte. Im nächsten Moment sprang er auf und wirbelte herum, das Mädchen in seinen Armen.
»Jimmy!«, brüllte er.
Doch Jimmy war ihm bereits zuvorgekommen. »Zur Stelle, Mylord.« Die Treppe war ausgeklappt und die Kutschentür weit aufgerissen.
Sebastian kletterte hinein und legte das Mädchen auf die Sitzbank. Jimmy blickte ins Kutscheninnere. »Wohin, Mylord?«
Sebastian musterte die reglose Gestalt des Mädchens. Herrgott, sie benötigte einen Arzt. Er dachte an Dr. Winslow, den Hausarzt, entsann sich jedoch, dass Winslow sich letztes Jahr zur Ruhe gesetzt hatte und aufs Land gezogen war. Und er hatte kaum die Zeit, die Stadt nach einem Arzt abzusuchen ...
»Nach Hause«, befahl er ärgerlich. »Und Beeilung, Jimmy.«
Es war nicht Stokes, der die Tür zu Sebastians modernem Stadthaus öffnete, sondern Justin. »So, so«, meinte Justin süffisant. »Hier ist aber noch jemand spät ...« Er stockte, als er seinen Bruder sah, in dessen Armen eine Frau lag; jedoch nicht die Sorte, die Sebastian für gewöhnlich bevorzugte. Nicht einmal die Kategorie Frau, die Justin reizte.
Der nasse, bauschende Umhang der Unbekannten hinterließ kleine Pfützen auf dem frisch polierten Fußboden. Ihr Kopf lehnte schlaff an Sebastians breiter Schulter, das Gesicht hatte sie in seinem Mantel vergraben.
Justin sah seinen Bruder ungläubig an. »Sebastian. Was zum Teufel ...«
»Sie ist verletzt, Justin. Sie blutet.«
»Großer Gott! Angeschossen?«
»Ich weiß es nicht.« Sebastians Ton war schroff und abweisend. »Wir müssen sie hinauftragen. Ins gelbe Zimmer.«
Gleichzeitig erreichten sie den Treppenabsatz und gingen durch den Korridor, ihre langbeinigen Schritte in völligem Gleichklang.
»Was zum Teufel ist passiert?«
»Ich fand sie bewusstlos in den Straßen von St. Giles. Jimmy hätte sie beinahe überfahren.«
»St. Giles! Du?« Justin riss die Schlafzimmertür auf.
Sebastian strafte ihn mit einem strengen Blick, als er an seinem jüngeren Bruder vorbeiglitt. »Ja.«
Zu diesem Zeitpunkt erschien auch der Butler, etwas verwirrt und immer noch in seinem Nachtgewand. »Mylord, darf ich Euch behilflich sein?«
»Heißes Wasser und saubere Leinentücher«, befahl Sebastian. »Und bitte umgehend, Stokes!«
Er legte seine Last auf das Bett und betrachtete die junge Frau nun etwas genauer. Sie zitterte am ganzen Körper, war durchnässt und weiß wie Schnee. Lange hatten sie nicht benötigt, um sein Stadthaus zu erreichen – kaum eine Viertelstunde –, aber die verletzte Frau hatte sich seitdem nicht mehr bewegt, was ihn sehr beunruhigte.
Vor allem, seit er wusste, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug.
»Wir müssen herausfinden, wo sie verletzt ist.« Er riss ihr die alberne Haube vom Kopf. Ein Meer aus goldenem, welligem Haar ergoss sich über das Kopfkissen und seine Finger.
Sebastian strich ihr das Haar aus dem Gesicht und beugte sich über sie. Widerwillig rümpfte er seine vornehm geschnittene Nase, während er sich an den durchnässten, verknoteten Bändern ihres Umhangs zu schaffen machte. Das abgetragene und schmuddelige Kleid war von derselben schmutzigen Farbe wie die Themse. »Herrgott, woher kommt dieser Gestank?« Seine Nase kräuselte sich. »Sie riecht nach altem Fisch und Rauch ...«
»Hm«, stimmte Justin ihm zu. »Und abgestandenem Ale und Fett. Eine betörende Mischung, nicht wahr?«
Sebastian verfluchte die Ungeschicklichkeit seiner großen Hände. Endlich hatte er die Schnüre geöffnet, zog den Umhang behutsam unter ihr hervor und warf ihn zu Boden.
»Sei vorsichtig«, warnte ihn Justin. »Sie scheint in einem heiklen Zustand zu sein.«
»Ja.« Sebastians Blick wanderte über ihren Körper. Nach der außerordentlichen Rundung ihres Bauches zu schließen, musste sie kurz vor der Niederkunft sein. Er runzelte die Stirn. Trotzdem hatte sie etwas äußerst Seltsames an sich ... Jetzt, ohne Umhang, kam ihm der Bauch etwas ... unproportional vor.
Ein Verdacht stieg in ihm auf. Und tatsächlich, der Bauch fühlte sich ebenso weich an, wie er aussah. Seine Hände griffen unter ihr verschlissenes Kleid.
Justin stand direkt hinter ihm und sah zu, wie sein Bruder eine zusammengeknotete Schnur auf den nassen Umhang warf, der auf dem elegant gemusterten Aubussonteppich lag. Kurz darauf folgte ein Kissen.
»Großer Gott!« Justin klang zutiefst schockiert. »Sie ist nicht ...«
»Anscheinend nicht.«
Es entstand eine schweigsame Pause, bevor Sebastian erneut die Stimme seines Bruders vernahm. »Warum zum Teufel sollte eine Frau vorgeben, in anderen Umständen zu sein?«
Sebastian war empört. »Eine List. Ich wette, dass die Schnur und das Kissen ihr Diebesgut verbergen sollen.«
»Ihr Diebesgut«, wiederholte Justin.
»Sie ist eine Diebin, Justin.«
»Aber sie hat nichts versteckt!«
»Nicht?« Er erspähte etwas in einer ihrer Hände, das sie fest umklammert hielt, und versuchte den Griff zu lockern.
Ihre Finger verkrampften sich. »Meines«, flüsterte sie. »Meines!«
Als er weiterzerrte, legte er eine Halskette frei. Er warf nur einen kurzen Blick darauf, dann ließ er sie in seine Tasche gleiten. »Großer Gott«, fluchte er, »ich habe eine Diebin in mein Haus gebracht!«
»Komm schon«, entgegnete Justin. »Du konntest sie kaum auf der Straße liegen lassen. Sie hätte niedergetrampelt werden können. Wenn es dir ein Trost ist, ich hätte an deiner Stelle genau das Gleiche getan.«
»Seit wann verfügst du über ein Gewissen?«
»Wer weiß? Vielleicht werde ich sogar in deine Fußstapfen treten und ein ehrbares Leben führen – obwohl ich mir nichts Langweiligeres vorstellen kann!«
Alle, die mit den ungleichen Brüdern näher bekannt waren, wussten von deren scherzhaftem Umgang miteinander.
In der Zwischenzeit war Sebastian damit beschäftigt, die Verletzte aus ihrem Kleid zu schälen.
Als es bei den übrigen Kleidungsstücken auf dem Teppich lag, zog Justin tief die Luft ein. »Sieh doch nur. Sie ist nicht angeschossen, sondern niedergestochen worden.«
Sebastians Blick heftete sich auf eine ausgefranste Einstichstelle an der rechten Seite ihres schmalen Körpers. Wenn sie Glück hatte, war die Klinge an einer der Rippen abgeglitten. Dann wäre die Verletzung nicht tödlich, und die Blutung würde bald aufhören.
Stokes hatte unbemerkt ein Tablett mit Leinentüchern und Wasser neben das Bett gestellt. Sebastian griff nach einem Stoffballen und drückte ihn auf die Wunde, während er mit der anderen Hand die Schulter der Verletzten hielt. Doch schon kurze Zeit später begann ein verräterisches Purpurrot durch das Leinen zu sickern. Er fluchte und verstärkte den Druck.
Das Mädchen wand sich unter seinen Händen. Die zierlichen Schultern hoben sich, und sie stieß einen Schrei aus, der ihm durch Mark und Bein ging. Sie drehte den Kopf, und Sebastian bemerkte, dass ihre Augen geöffnet waren und ihn direkt anblickten. Beinahe flehend schienen sie ihm etwas sagen zu wollen. Ungewöhnliche, funkelnde Augen mit einem Schimmer von Gold ... die sich nach dem Leben verzehrten. Sie war jung, höchstens zwanzig, schätzte er.
Sebastians Bemühungen zahlten sich aus. Nach kurzer Zeit war die Blutung gestillt. Mit Justins Hilfe legte er einen dicken, sauberen Umschlag an und wickelte mehrere Schichten Leinen um den zarten Körper, um die Kompresse zu fixieren.
Erst jetzt erlaubte der Marquess durchzuatmen. Mit einem Tuch wischte er sanft den Schmutz von den Wangen des Mädchens.
»Sie ist beängstigend blass«, beobachtete Justin.
»Das sehe ich selbst!« Sebastian war ihr aschfahler Teint keineswegs entgangen – genauso wenig wie der Rest von ihr. Sie war von lieblicher Statur, ihre Gliedmaßen geschmeidig und schlank, ähnlich wie bei seiner Schwester Julianna. »Himmel, ich hätte sie zu einem Arzt bringen sollen.« Es war, als spräche er mit sich selbst.
»Und wo hättest du jemanden zu dieser unwirtlichen Nachtzeit auftreiben sollen?« Justin legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Außerdem vertraue ich dir weit mehr als jedem Doktor.« Sein Tonfall wurde lauter. »Mein Bruder der Held, der sich aufopferungsvoll um die Verwundeten auf dem Schlachtfeld kümmert. Ich würde behaupten, dein Erfahrungsschatz in solchen Dingen ist größer als der mancher Ärzte.«
Sebastian konnte ihm weder zustimmen noch widersprechen. Er war stolz, seiner Heimat beim Kampf gegen  Napoleon gedient zu haben, aber nach seiner Rückkehr vom Festland war er froh gewesen, die dunklen Kriegserinnerungen in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses zu verbannen. Niemals hätte er geglaubt, seine Fähigkeiten jemals wieder unter Beweis stellen zu müssen – besonders nicht in seinem eigenen Haus!
Behutsam drehte er seine Patientin auf den Rücken.
Völlige Stille trat ein. Vielleicht hatte es beiden Männern den Atem verschlagen. Vielleicht waren sie auch nur zu beschäftigt gewesen, um die Verletzte tatsächlich wahrzunehmen. Aber nun starrten beide, Sebastian und Justin, gebannt auf die wunderschöne junge Frau, ohne sich gegen den Zauber wehren zu können, der von ihr ausging.
Justin versuchte das Unsagbare in Worte zu fassen. »Erinnerst du dich an die blassen Korallenrosen in den Gärten von Thurston Hall? Julianna liebt sie innig, erinnerst du dich? Ich glaube, sie wird Sonnenaufgang genannt ...« Es verging ein Augenblick des Schweigens. »Ihre Brustknospen«, flüsterte Justin sanft, »gleichen dieser Rose.«
Rasch warf Sebastian ein Laken über die nackte Haut des Mädchens. »Justin, um Himmels willen, sie ist krank!«
»Und ich bin nicht blind. Ebenso wenig wie du.«
Sebastian warf Justin einen mahnenden Blick zu. »Wenn möglich, würde ich bei ihrer Pflege lieber auf deine lüsternen Kommentare verzichten.«
»Soll das heißen, du möchtest, dass ich mich zurückziehe?«
»Genau das«, sagte Sebastian streng. »Aber trage Stokes auf, mir mehr heißes Wasser zu bringen. Und Seife.  Tansy soll eines von Juliannas Nachtgewändern heraussuchen.«
»Wie Ihr befehlt, Mylord. Bevor ich meine Verbannung antrete, hätte ich noch einen Ratschlag zu geben.«
Sebastian sah seinen Bruder aufmerksam an.
Drittes Kapitel
Die Wanduhr aus Nussbaumholz schlug in der mit Marmor gefliesten Eingangshalle gerade zur vollen Stunde, als Sebastian das Arbeitszimmer betrat. Dröhnend hallte der Klang in der kuppelförmig gewölbten Decke wider. Der stechende Zigarrengeruch, der ihm entgegenwehte, verriet ihm auf der Stelle, dass sich sein Bruder im Raum befand.
Justin drehte sich um, als er Sebastian gewahrte. Augenblicklich verließ er den Platz vor dem wärmenden Kaminfeuer und schenkte sich an dem kunstvoll verzierten Beistelltisch ein Glas Brandy ein.
Noch bevor Justin seinem Bruder das Glas reichen konnte, hatte dieser bereits in dem Sessel hinter seinem Schreibtisch Platz genommen. Die Ereignisse des Tages hatten ihren Tribut gefordert.
»Wie geht es ihr?«
Sebastian nahm einen tiefen, brennenden Schluck des Alkohols. »Die Wunde ist nicht ganz so gefährlich, wie es zuerst den Anschein hatte.« Er fuhr sich mit den Fingern über das markante Kinn. Es wurde höchste Zeit, dass er sich rasierte, dachte er abwesend. »In Kürze«, fuhr er langsam fort, »wird sie sich erholt haben.«
»Hervorragend.« Justin war zu dem gegenüberliegenden Sessel geschlendert. »Ich muss gestehen, dass ich mächtig gespannt bin, was du in St. Giles wolltest. Es ist sicherlich der letzte Platz auf Erden, an dem ich dich vermutet hätte.«
»Erspare mir deinen Sarkasmus, Justin. Stokes erzählte mir, dass du deinen Abend beim Glücksspiel verbringen wolltest. Nach der Dinnerparty bei den Farthingales schaute ich im White’s vorbei, da ich dich dort vermutete. Es war Gideon, der mir verriet, dass du in einem Club in St. Giles bist.« Sebastian verhehlte seine Missbilligung nicht.
Justins Augen funkelten. »Und deshalb bist du zu meiner Rettung geeilt?«
»So in etwa.«
»Ich bin erwachsen, Sebastian. Ich glaube kaum, dass ich dich über jeden meiner Schritte informieren muss.«
»St. Giles ist ein gefährlicher Ort«, entgegnete Sebastian scharf. »Sicherlich ist dir das bekannt.«
»Ich weiß. Doch wie du sehen kannst, ist mir nichts passiert, abgesehen von dem schlechten Wein, den man mir dort servierte, und dem noch größeren Pech, das ich hatte.«
Als Kind hatte sich Justin den strengen Anordnungen des Vaters immer trotzig widersetzt, auch schon vor der überstürzten Flucht ihrer Mutter. Die drei Geschwister waren mit dem unerschütterlichen Bewusstsein aufgewachsen, sich immer aufeinander verlassen zu können – Sebastian, Justin und Julianna. Aber wenn dem Marquess das Leben bisher eine Lektion erteilt hatte, dann die, dass man einen erwachsenen Mann nicht mehr verändern konnte ... nicht mehr verändern sollte.
Niemals würde Sebastian den Aufsehen erregenden Skandal vergessen, der ihre Welt für immer aus den Fugen hatte gleiten lassen, und mit dem er seither jeden Tag leben musste. Justin besaß den Charme und die Lebhaftigkeit ihrer Mutter, aber auch deren exzentrische Wesensart, was Sebastian beunruhigte. Julianna war damals zu jung gewesen, als dass sie verstanden hätte, was passiert war ... sie vermisste ihre Mama, aber nur kurze Zeit.
Justin hingegen ... Ihr Vater hatte versucht, seinen Eigensinn zu brechen, den Jungen in Schranken zu halten. Sebastian wollte seinen Bruder beschützen, doch wie schon ihre Mutter zuvor musste auch Justin immer seinen eigenen Weg gehen. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte Sebastian erkannt, dass es sein Aufbegehren nur verstärken würde, wenn sie ihn zügelten und zu kontrollieren versuchten.
Manchmal hingegen vermutete er, dass mehr zwischen ihrem Vater und Justin vorgefallen war. Sebastian hatte des Öfteren versucht, seinen Bruder auf dieses heikle Thema anzusprechen, aber Justin war ihm jedes Mal mit seiner leichten, nonchalanten Art ausgewichen.
In Wahrheit respektierte Sebastian jedoch, dass es Dinge gab, die ein Mann tief in seinem Herzen verschloss.
Und er würde seinen Bruder nicht zu Erklärungen zwingen, die er nicht freiwillig preisgab.
»Pech? Du?«, murmelte der Marquess ungläubig.
»Wahrhaftig. Und ich möchte nur darauf hinweisen, dass ich vor dir zu Hause war, werter Bruder.«
»Da hast du Recht.« Sebastian musste lächeln, und die Spannung zwischen ihnen war verflogen. »Es reicht wohl, wenn ich zugebe, dass ich nicht erwartet hatte, einer verletzten Frau auf der Straße zu begegnen. Oder von der Straße, aller Wahrscheinlichkeit nach. Warum sonst sollte sie zu einer solchen Stunde unterwegs gewesen sein?«
Justin runzelte die Stirn. »Du wirst doch nicht die Behörden einschalten, oder?«
»Sollte ich etwa nicht?«
Justin sah ihn unverwandt an. »Nein.«
»Die Umstände sind höchst verdächtig. Das Mädchen wurde niedergestochen. Warum? Wie kam es dazu? Wer tat es? Und wo ist diese Person nun?«
»Genau. Aber spricht das nicht dafür abzuwarten, bis sie wach ist und etwas dazu beitragen kann? Dann erst können wir uns ein genaueres Bild von allem machen.« Als Sebastian keine Antwort gab, schüttelte Justin kurz den Kopf. »Immerhin ist es nicht deine Art, impulsiv zu handeln.«
Damit lag er richtig. Sebastian mochte vieles sein, jedoch niemals unbesonnen oder leichtsinnig. Er liebte Ordnung in seinem Leben, wollte alles rational und peinlich genau durchdenken. Deshalb bekam er normalerweise auch immer das, was er wollte.
»Ich würde es nicht gerade impulsiv nennen, die Behörden einzuschalten«, betonte er mit Nachdruck. »Leider muss ich dir dieses eine Mal jedoch zustimmen. Wir sollten zuerst mit ihr sprechen.«
Verwundert sah Justin seinen älteren Bruder an. »Ich muss zugeben, dass ich über deine schnelle Zustimmung überrascht bin. Oder hat es dir das junge Ding etwa angetan?«
Sebastian lachte kurz auf. »Ich nehme doch an, dass mein Frauengeschmack ein wenig exquisiter ist.«
»Natürlich. Du mit deiner Ehrbarkeit. Aber gib es zu, sie hat die schönsten Brüste, die du jemals gesehen hast.«
Sebastian quittierte die Bemerkung seines Bruders mit einem empörten Gesichtsausdruck.
»Aber Sebastian! Möchtest du mir etwa weismachen, du hättest das nicht bemerkt? Keinen Blick auf sie geworfen?«
Erneut blieb ihm Sebastian eine Antwort schuldig. Doch dieses Mal verfluchte er die Schamesröte, die ihm ins Gesicht schoss.
Justin grinste. »Ich kenne dich, Sebastian. Weiß Gott, ich bewundere dein ausgeprägtes Taktgefühl, aber immerhin bin ich dein Bruder. Und ich weiß, dass du im Laufe der Jahre den Vorzug von Mätressen genossen hast. Erzähl schon, wer ist deine neueste Eroberung?« Als würde er zutiefst konzentriert nachdenken, legte Justin die Hände an die Schläfen. »Ich habe es! Lilly, nicht wahr?«
Sebastian seufzte, ohne etwas zu erwidern. Bei Gott, Justin brauchte keine weitere Ermutigung!
»Komm schon, Sebastian. Ich weiß doch, dass du eine Schwäche für Frauen hast.«
»So wie du.« Gott, welche Untertreibung! Er leerte sein Glas und stellte es beiseite. »Es gibt etwas, das ich dir sagen muss, bevor du es aus anderer Quelle erfährst.« Der Marquess hielt kurz inne. »Ich habe mich dazu entschlossen, eine Braut zu suchen.«
Justin brach in schallendes Gelächter aus, besann sich dann jedoch eines Besseren. »Oh mein Gott«, flüsterte er ungläubig, »es ist dein Ernst!«
»Mein völliger.«
»Und du hast heute Abend deinen Entschluss bekannt gegeben?«
Sebastian lächelte versonnen. »Sozusagen.«
»Entweder du hast es getan oder nicht.«
Während Justin ihm gespannt zuhörte, berichtete Sebastian von der Szene, die sich früh am Abend zugetragen hatte, als sich Sophia Edwina Richfield, die Herzoginwitwe von Carrington, verabschiedet hatte. In ihrer würdevollen, majestätischen Art hatte sie ihn durch ihre schneeweißen Locken angeblickt und ihn direkt und unvermittelt angesprochen.
»Mein Junge, es wird Zeit, dass Ihr Euch eine Frau nehmt und einen Erben zeugt.«
Während bis dahin ein Rascheln und Lärmen im Saal zu hören gewesen war, trat schlagartig völlige Stille ein. Jeder Gast im Raum hatte den Kopf in ihre Richtung gedreht und wartete mit gespitzten Ohren auf seine Antwort.
Gewandt küsste Sebastian die Hand der Herzogin und entgegnete: »Euer Gnaden, ich glaube tatsächlich, Ihr habt Recht.«
Er ahnte, was nun passieren würde, denn er war ein Mann, der nichts sagte oder tat, ohne sich der Folgen bewusst zu sein. Der Wortwechsel mit der Herzogin würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Das Gerede würde augenblicklich beginnen, und seine Anwesenheit bei jeder Abendgesellschaft oder Soiree, an der er teilnahm, würde von der gesellschaftlichen Oberschicht bewertet werden. Was er trug, was er aß, mit wem er sprach, und natürlich, welcher Frau er besonders viel Aufmerksamkeit zukommen ließ. Eine bedauerliche Notwendigkeit, dachte Sebastian.
»Du hättest dabei sein sollen«, beendete er seinen ausführlichen Bericht mit einem feinen Lächeln. »Ich bin sicher, du hättest dich amüsiert.«
»Die Bälle der Farthingales sind bei weitem die langweiligsten und trostlosesten Feiern, die ich kenne!« Justin verdrehte die Augen. »Wenn ich nur daran denke, dass du mich vor einer solch bedeutungsvollen Entscheidung nicht um Rat gefragt hast. Sebastian, du hast wahrlich meine Gefühle verletzt.«
»Ja«, bemerkte Sebastian trocken, »das sehe ich. Und ich weiß auch, was du mir geraten hättest.«
Justin betrachtete seinen Bruder durch einen Rauchschleier. »Was genau steckt hinter dieser überstürzten Entscheidung?«
»Sie ist nicht überstürzt. Ich habe bereits seit längerer Zeit darüber nachgedacht. Du musst wissen, die meisten Männer heiraten. Und haben Kinder. Es ist unsere Pflicht.«
»Ah ja, Pflicht. Wie vorhersehbar«, spottete Justin. »Darf ich fragen, welche Kandidatinnen du in die nähere Auswahl aufgenommen hast?«
»Natürlich darfst du. Ich muss dich jedoch enttäuschen, denn ich habe noch keine spezielle Frau im Sinn. Ich habe bisher nur das Feld eingegrenzt.«
»Ich verstehe. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob die Frau existiert, die dich zufrieden stellen könnte.«
Sebastian sah ihn verwundert an. »Was genau meinst du damit?«
»Entschuldige bitte«, entgegnete Justin ohne Umschweife, »aber ich habe meine Zweifel, ob deine Erwartungen nicht etwas zu ... hoch sind.«
»Was soll das heißen?« »Ich denke, du verlangst einer Ehefrau das Gleiche ab wie dir selbst. Kurz gesagt, du, erwartest eine perfekte Frau.«
Sebastian parierte ohne zu zögern. »Weniger eine perfekte Frau als eine Frau, die perfekt zu mir passt.«
»Na gut, du hast ja schon immer alles sehr genau genommen«, bemerkte Justin. »Jedenfalls laufen die Damen der Gesellschaft dir in Scharen hinterher.«
»So wie dir.«
»Es scheint in unserem Blut zu liegen, das andere Geschlecht anzuziehen, nicht wahr?«
Bitterböser Sarkasmus mit einer Schicht Zuckerguss – wie typisch für Justin. Sebastian überging die spöttische Bemerkung über die Untreue ihrer Mutter.
Justin fuhr ungerührt fort: »Ich versichere dir seit Monaten, dass du der begehrteste Junggeselle Londons bist. Jetzt ist es offiziell.«
»Da magst du Recht haben.« Sebastian musste ihm zustimmen. »Aber seien wir ehrlich. In meinem Fall ist es der Titel, den sie begehren. Das Vermögen. Was mich daran erinnert«, er zog eine Augenbraue hoch und betrachtete Justin aufmerksam, »ist es nicht an der Zeit, dass auch du eine Braut auswählst?«
Justin brach in schallendes Gelächter aus. »Schlag dir das sofort aus dem Kopf! Ich werde mich niemals dem Joch der Ehe unterwerfen, und das weißt du.«
Mit dieser Feststellung drückte er seine Zigarre aus und sprang auf die Beine. Sebastian wünschte ihm eine angenehme Nachtruhe, machte selbst jedoch keine Anstalten sich auf sein Zimmer zurückzuziehen. Er lockerte seine Krawatte, goss sich den letzten Rest des Brandys ein und sank in einen großen Ledersessel vor dem Kaminfeuer.
Sebastian versuchte, seine verspannten Schulterblätter zu lockern. Herrgott, welch eine bizarre Nacht er verlebt hatte! Lange Zeit saß er ruhig da und nahm den Frieden und die Stille mit jeder Faser seines Körpers in sich auf. Am Ende eines solchen Abends brauchte er dies. Außerdem war es ein ausgezeichneter Augenblick, um über seine Zukunft nachzudenken ... und über seinen Entschluss, sich eine Braut zu nehmen.
Die Herzogin hatte Recht. Es war höchste Zeit, dass er heiratete. Entgegen Justins Vermutung, handelte es sich definitiv um keine übereilte Entscheidung. Nein, er hatte bereits seit Wochen mit dem Gedanken gespielt.
Es war Zeit. Und er war bereit.
Aber er würde keine Fehler machen.
Und es gäbe keine Skandale. Kein Schandfleck oder Makel würde auf seinem unbescholtenen Namen haften. Das war ein Gelübde, das sich Sebastian vor langer, langer Zeit gegeben hatte, ein Versprechen, das er halten würde, koste es, was es wolle.
Zehn Jahre waren nun vergangen, seitdem er seinen Titel angenommen hatte. Mittlerweile musste man sich nicht mehr dafür schämen, ein Sterling zu sein. Vieles hatte sich geändert.
Und doch auch wieder so wenig.