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Der furchtlose Cameron entführt Meredith, die Tochter seines Feindes, aus dem Kloster und will sie zwingen, ihm einen Erben zu gebären. Doch er hat nicht mit dem Liebreiz der stolzen Schönheit gerechnet …
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2015
Über das Buch:
Der furchtlose Cameron entführt Meredith, die Tochter seines Feindes, aus dem Kloster und will sie zwingen, ihm einen Erben zu gebären. Doch er hat nicht mit dem Liebreiz der stolzen Schönheit gerechnet …
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "HIS WICKED WAYS" Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 1999 by Sandra Kleinschmit
First published in Germany: 2003 under the title SCHWUR DES SCHICKSALS by Heyne
Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin.
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-735-6
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Schottland, zu Beginn des 13. Jahrhunderts
»Ihr braucht keine Angst zu haben.«
Wie ein frostiger Windhauch glitt die Stimme an Meredith Munros Ohr vorbei; Kälte drang bis in die Tiefen ihrer Seele – eine Kälte, die sie nie zuvor verspürt hatte.
Ihr Rosenkranz fiel zu Boden. Ihr braucht keine Angst zu haben, hatte die Stimme gesagt. Aber sie verging beinahe vor Angst, denn in ihrer winzigen Zelle standen drei Gestalten – zwei kräftig gebaute Männer, die sie nur aus den Augenwinkeln sah, und der dritte hielt ihr den Mund zu.
Im Priorat Connyridge hatten Männer nichts zu suchen; der Einzige, der das alte Gebäude betrat, war Vater Marcus. Regelmäßig kam er zu ihnen, um die Messe zu lesen und den Nonnen und Novizinnen die Beichte abzunehmen, mochten sie auch nur geringfügige Sünden begangen haben.
Merediths Gedanken überschlugen sich. Gütiger Gott! Während sie neben ihrem Bett auf den Knien gelegen und gebetet hatte, war sie plötzlich emporgezerrt worden.
Welch eine große Hand dieser Mann besaß ... Sie bedeckte Merediths Lippen und die Nase, sodass sie kaum atmen konnte. Alles, was sie hörte, war das Rauschen ihres Bluts in den Ohren.
Mit jedem Herzschlag wuchs ihre Angst, von der grausigen Gewissheit geschürt, dass diese Männer ihr etwas Böses antun wollten. So viele Fragen schwirrten ihr durch den Kopf. Wo waren Mutter Gwynn und Schwester Amelia? Wieso hatten diese Eindringlinge die geheiligten Mauern überwunden? Drei Männer! Warum hatte niemand etwas bemerkt? Ein schrecklicher Gedanke gewann die Oberhand: Hatten die anderen am Ende deshalb nichts gehört, weil sie bereits tot waren?
Nein, so etwas durfte sie nicht denken, das würde sie nicht ertragen ...
Als sollte sie an die Gefahr erinnert werden, verstärkte der Arm, der ihre Taille umschlang, den harten Griff, und ein warmer Atem streifte ihre Ohrmuschel. »Nur zur Warnung«, flüsterte der Mann. »Wenn Ihr schreit, wird es Euch schlecht ergehen. Das verspreche ich Euch. Habt Ihr mich verstanden?«
Obwohl die Stimme beinahe freundlich klang, erriet sie, dass der Mann dies gewiss nicht beabsichtigte. Wie könnte ich schreien?, fragte sie sich. Geradezu lächerlich ... Eisiges Grauen drohte sie zu lähmen. Ihrer engen Kehle würde sich nicht mal ein leiser Laut entringen.
»Wenn Ihr mich verstanden habt, müsst Ihr nicken.«
Irgendwie gelang es ihr, das Kinn zu heben und zu senken.
»Ausgezeichnet«, murmelte er. »So, und jetzt lasst Euch anschauen, Meredith Munro.«
Rings um sie schien die Welt sich in einem wilden Wirbel zu drehen. Er kannte ihren Namen. Wie war das möglich? Langsam nahm er die Hand von ihrer Nase und ihrem Mund.
Dann drehte er sie zu sich herum. Als wollte der Vollmond ihm einen Gefallen erweisen, warf er sein bleiches Licht durch das schmale Fenster in die Zelle. Meredith spürte den prüfenden Blick des Fremden und errötete. Wenn die graue Robe aus grobem Wollstoff ihren Körper auch verhüllte – sie trug kein Brusttuch, kein Schleier verbarg ihr langes Haar. In dieser unzulänglichen Aufmachung musste sie sich zum ersten Mal einem Mann zeigen, seit sie vor vielen Monaten Abschied von ihrem Vater genommen hatte.
Wenigstens berührte er sie nicht mehr, obwohl sie dicht voreinander standen. Dieser Mann war der Anführer. Das wusste sie instinktiv. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und schaute zu ihm auf. Von ihrer Angst beherrscht, glaubte sie die Verkörperung des Bösen vor sich zu haben. Im Halbdunkel verschwammen seine Züge, aber sie hatte nie zuvor so eisig funkelnde, gnadenlose Augen gesehen. War dies das Antlitz des Todes?
Beklommen musterte sie das Schwert an seiner Hüfte. Auf der anderen Seite hing ein Dolch, der nicht minder bedrohlich wirkte.
Über ihren Rücken rann ein Schauer, denn jetzt hegte sie keinen Zweifel mehr: Wenn in dieser Nacht Blut fließen sollte, würde es ihres sein.
Einer der anderen Männer entzündete den Kerzenstummel auf dem Tisch. »Ist sie es?«
»Ja«, antwortete der Anführer. Sein kalter Blick ließ Meredith nicht los und schien sie zu durchbohren.
»Aye, sie sieht tatsächlich wie eine Munro aus«, meinte der Mann.
Ihr Mund war staubtrocken. Trotzdem zwang sie sich zu sprechen. »Was führt Euch hierher? Ich kenne Euch nicht. Aber Ihr scheint mich zu kennen.«
Schweigend zuckte er die Achseln.
»Wollt Ihr mich umbringen?«
Das bestritt er nicht. »Verdient Ihr den Tod?«
Nein, wollte sie rufen, doch stattdessen wanderten ihre Fingerspitzen zu dem kleinen silbernen Kruzifix, das an ihrem Hals hing – ein Geschenk von ihrem Vater, das er ihr auf der Reise zum Priorat übergeben hatte.
Bebend betastete sie das fein ziselierte Kreuz und hoffte, es würde ihr Trost spenden und Kraft geben. Dabei erinnerte sie sich an die Abschiedsworte ihres Vaters. Denk daran, mehre Tochter, Gott wird stets bei dir sein. Ebenso wie ich.
Sie schüttelte den Kopf. »Das zu beurteilen steht mir nicht zu.«
»Vielleicht mir.« Das Lächeln des Anführers umspielte nur die Lippen; seine Augen erreichte es nicht.
Merediths Atem stockte. Kannte dieser Mann keinen Respekt vor dem Herrn? Oh, welch eine alberne Frage, tadelte eine innere Stimme. Allein schon seine Anwesenheit bekundete seine Gesinnung. »Solche Dinge darf ein Mensch nicht entscheiden – nur der Allmächtige.«
»Trifft er gerechte Entscheidungen? Wohl kaum. Wie viele unschuldige Geschöpfe Gottes sind schon an schlimmen Krankheiten gestorben?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Vielleicht ist dies nicht verwunderlich, wenn es schwache Kinder und alte Leute betrifft. Aber Männer? Nun, Männer töten andere Männer – und manchmal auch Frauen.«
Meredith erschauerte wieder, denn die Drohung war unmissverständlich. Unfähig, ihr Zittern zu unterdrücken, fühlte sie, wie alles Blut aus ihren Wangen wich. »Und – und die anderen ...«, stammelte sie. »Mutter Gwynn, Schwester Amelia. Sind sie ...«
»Keine Bange, sie schlafen friedlich in ihren Betten.«
Langsam stieß sie den Atem aus, den sie angehalten hatte, und bekämpfte ihre panische Angst. Warum war er zu ihr gekommen? Sicher nicht, um sie in die Obhut ihres Vater zu übergeben ... Sie musste diesem Wahnsinnigen entfliehen. Nur ein Verrückter würde es wagen, in ein Haus Gottes einzubrechen. Entschlossen stürmte sie zur Tür.
Oh, das hätte sie sich denken können – natürlich war er viel schneller als sie. Schon nach drei Schritten umfingen kraftvolle Arme ihre Taille und zogen sie zurück, pressten sie an eine harte Brust, und sie glaubte, gegen eine steinerne Wand zu prallen ...
Eher der Instinkt als klares Bewusstsein bewogen sie zur verbissenen Gegenwehr. Verzweifelt versuchte sie, sich loszureißen.
»Lasst den Unsinn!«, fauchte er.
Nein, niemals würde sie sich geschlagen geben. Entschlossen trat sie nach ihm.
In ihren Ohren gellte ein wütender Fluch. »Verdammt, hört auf!« Der Arm des Peinigers umklammerte ihre Taille noch fester, drohte ihre Rippen zu zerquetschen und drückte die Luft aus ihren Lungen. Entsetzt spürte sie seine unbesiegbar starken Muskeln. Und während sie nach Atem rang, konnte sie nicht anders, als den Tatsachen ins Auge zu blicken –dieser Mann würde ihr Rückgrat genauso mühelos zerbrechen können wie einen dünnen Ast.
Ihre Widerstandskraft erlahmte. Den Kopf gesenkt, würgte sie einen halb erstickten Schmerzenslaut hervor. Sie hasste ihr eigenes Zittern – und die Erkenntnis, dass er es wahrnehmen würde. Wenn sie sterben müsste, so würde sie um einen schnellen, gnadenvollen Tod beten, um einen Dolchstoß mitten ins Herz. Inständig hoffte sie, die Heiligen würden ihr diese Feigheit verzeihen.
Aber sie sollte nicht sterben. Stattdessen wurde sie hochgehoben und zu ihrer Verblüffung auf die Bank vor dem Tisch gesetzt.
»Nun werdet Ihr tun, was ich sage.«
Durch ihr Gehirn raste eine Erinnerung wie ein Sturm zwischen schwankenden Bäumen. Schon einmal war sie mitten in der Nacht überfallen worden. Jemand hatte sie aus dem Bett gezerrt ... Musste sie jetzt das etwa gleiche Schicksal erleiden wie damals? Lieber Gott, nein!, flehte sie. Das würde sie nicht ertragen.
Zögernd blickte sie auf. »Falls Ihr ...«, begann sie und verstummte. Diese Worte brachte sie nicht über die Lippen, und es war auch gar nicht nötig.
»Falls ich Euch vergewaltigen will?«
Tiefste Verlegenheit trieb ihr das Blut in die Wangen. »Ja«, wisperte sie.
Freudlos und spöttisch zugleich lachte er auf. »Das habe ich nicht vor. Sollte ich eine Frau brauchen, würde ich mich sicher nicht für Euch entscheiden. Ich muss mich sogar zwingen, Eure Gesellschaft zu erdulden.«
Mit dieser Erklärung konnte er die Angst nur bis zu einem gewissen Grad von ihr nehmen. Sie hörte ihn mit den Fingern schnippen, und einer seiner Begleiter legte ein Pergament und einen Federkiel auf den Tisch. Dann stellte er ein Tintenfass daneben.
»Schreibt einen Brief an die Mutter Oberin, Meredith Munro«, befahl der Anführer. »Teilt ihr mit, Ihr könntet Euer Leben weder dem Allmächtigen weihen noch in der irdischen Welt verweilen, denn Ihr würdet Euch Eurer mangelnden Hingabe und Eures schwachen Geistes schämen.«
Heiliger Himmel, was verlangte er von ihr? Erschrocken griff sie sich an die Kehle. »Unmöglich! Indem ich mir das Leben nähme, beginge ich eine schwere Sünde.«
Der Fremde berührte wortlos den Griff seines Dolchs.
In wachsender Verzweiflung schüttelte sie den Kopf. »Ich kann nicht schreiben.«
»Welch eine törichte Lüge ... In diesem Priorat führt Ihr die Bücher.«
Warum wusste er so viel über sie? Wer war er? Ihr Versuch, ihn erbost und herausfordernd anzustarren, misslang kläglich – genau so kläglich, wie sie sich fühlte.
Noch nie hatte sie sich selbst so verachtet wie in diesem Augenblick. Um ihren qualvollen Kummer zu verbergen, senkte sie die Wimpern, bevor sie nach dem Federkiel griff. Durch einen Tränenschleier las sie die Worte, die sie schrieb.
Verehrte Mutter Gwynn und meine lieben Schwestern in Jesu Christi,
so sehr es mich auch schmerzt, ich habe keine Wahl. Zu meinem Bedauern kann ich dem Herrn nicht länger dienen. Ich schäme mich meiner mangelnden Hingabe und meines schwachen Geistes. Deshalb werde ich Euch und diese Welt verlassen. Verzeiht mir, was ich tun muss, meine Schwestern, und betet für mich, damit meine Seele der ewigen Verdammnis entrinnt.
Mit bebenden Fingern unterzeichnete sie den Brief und hob schweren Herzens den Kopf. Er beobachtete sie; sein Blick glich einer Lanzenspitze. Nachdem er den Brief ergriffen und überflogen hatte, zitierte er: »›Betet für mich ...‹ Nun, das wollen wir hoffen. Steht auf!«, forderte er und legte das Pergament auf den Tisch zurück.
Nur sekundenlang erwog Meredith, den Befehl zu missachten. Vor Erleichterung, dass sie noch lebte, fühlte sie sich völlig entkräftet und fürchtete, ihre Beine würden sie nicht tragen.
»Eure Hand, bitte.«
Wortlos gehorchte sie. Als er nickte, trat einer seiner Männer beflissen vor und umwand Merediths Handgelenke mit einem Strick. Dann öffnete er die Tür. Mit seinen durchdringenden Augen hielt der Anführer den Blick seiner Gefangenen fest.
»Kommt mit mir.«
Intuitiv zuckte sie zurück. Doch das nützte ihr alles nichts. Seine Finger umfassten ihren Ellbogen; sie erduldete den harten Griff, so gut sie es irgendwie vermochte.
Da ihr nichts anderes übrig blieb, folgte sie dem Fremden und kämpfte mit ihrem Unvermögen, mit ihrer Angst. Wer war dieser Mann? Was wollte er von ihr? Warum hatte er sie nicht umgebracht? Aber – warum sollte er ihren Tod wünschen? Würde es seinen Zwecken dienen, wenn sie am Leben bliebe? Oder würde er sie tatsächlich zwingen, Selbstmord zu verüben?
Während sie an Mutter Gwynns Zelle vorbeigingen, biss Meredith sich auf die Lippen, und ihr Puls beschleunigte sich. Jetzt näherten sie sich dem Schlafsaal der Nonnen. Wenn sie um Hilfe riefe und die Schwestern weckte ... Vielleicht waren einige schon wach, denn sie mussten sich bald zur ersten Gebetsstunde in der Kapelle versammeln. Dann würden sie die Eindringlinge entdecken ...
Plötzlich hielt der Anführer inne, riss sie an sich, und sie verwarf den verlockenden Gedanken. Wieder presste er die Luft aus ihren Lungen. Zu ihrem Entsetzen standen sie ganz dicht voreinander, Brust an Brust, Schenkel an Schenkel.
Als sie seinen eisenharten Körper spürte, erstarrte sie. Beinahe geriet sie in Panik, denn er neigte sich herab, und sein Mund berührte den ihren. Hätte er sie nicht umklammert, wäre sie zurückgesprungen. Heiliger Himmel, er beabsichtigte doch nicht ...
»Tut das nicht«, mahnte er in heiserem Flüsterton, der nur für ihre Ohren bestimmt war. »Wenn Euch die Nonnen zu Hilfe eilen, werden sie womöglich schwer verletzt. Diesen Kampf können sie nicht gewinnen. Ebenso wenig wir Ihr, Lady. Ich bin fest entschlossen, und niemand wird sich in meinen Weg stellen. Niemand!« Bevor er zurückwich, drückte er sie ein paar Sekunden lang noch fester an sich.
Welch eine wirkungsvolle Warnung, dachte sie bitter und verabscheute ihre Schwäche. In ohnmächtigem Zorn ballte sie die gefesselten Hände. Um ihre Demütigung noch zu steigern, lächelte er.
Ihre Lippen verkniffen sich. Durch düstere Schatten suchte und fand sie seinen Blick.
»Nicht nur das Schwert eignet sich zum Kampf.« Woher nahm sie den Mut, solche Worte auszusprechen?
Sein Lächeln vertiefte sich. »Ja, in der Tat.« Nach dieser rätselhaften Bemerkung packte er wieder ihren Arm, zog sie weiter den dunklen Gang entlang und die schmale Treppenflucht hinab. Seine Männer blieben ihnen auf den Fersen.
Offenbar wusste er genau, wohin er ging. Er führte Meredith in die Kapelle, um die Kanzel herum, durch den Kreuzgang. Beim Refektorium bog er nach links ab. Viel zu schnell traten sie in die mondhelle Nacht hinaus. Ohne seine Schritte auch nur ein einziges Mal zu verlangsamen, zerrte er seine Gefangene an den hölzernen Außengebäuden vorbei, durch die Gärten, in den Obstgarten.
Erst außerhalb der hohen Steinmauer, unter dem Jahrhunderte alten Granitkreuz des heiligen Michael, hielten sie an. Den Salzgeruch des Meeres, den der Wind heranwehte, nahm Meredith kaum wahr. Allzu schmerzliche Erinnerungen stürmten auf sie ein und trieben ihr brennende Tränen in die Augen.
Hier hatte sie sich von ihrem Vater verabschiedet und ihn angefleht, das Priorat niemals aufzusuchen – es sei denn, sie würde ihn darum bitten. Denn sie fürchtete, mit ihm ins Schloss Munro zurückkehren zu wollen, das Heim ihrer Jugend, wenn sie ihn nur sähe. Krampfhaft schluckte sie. Ganz deutlich sah sie ihn in ihrer Fantasie vor sich, die blauen Augen, die ihren glichen, voller Tränen, die er nicht verborgen hatte. Auch sie war in Schluchzen ausgebrochen ...
So lange lag jener Tag zurück. Dennoch gewann sie den Eindruck, sie hätte sich erst gestern von ihrem geliebten Vater getrennt. Lebhaft entsann sie sich, wie qualvoll sie unter der Enttäuschung gelitten hatte, die sie ihm hatte bereiten müssen. Da sie sein einziges Kind war, hatte er gehofft, sie würde eines Tages heiraten und ihm Enkelkinder schenken.
Aber sie würde niemals heiraten.
Von jener schrecklichen Nacht hatte sie ihrem Vater nichts erzählt – keiner Menschenseele auf Erden. Wenn es ihr auch das Herz zerrissen hatte, Schloss Munro zu verlassen – dort hatte sie nicht bleiben dürfen. Wie hätte sie in diesen Mauern wohnen können, wo sie doch beim Anblick eines jeden Mannes gefürchtet hätte, er wäre es gewesen, der sie berührt und entehrt hatte. Ihrem Vater hatte sie unmöglich anvertrauen können, was geschehen war. Nicht einmal sie selbst kannte die ganze Wahrheit.
Deshalb würde sie nie mehr heimkehren, den geliebten Vater nicht wieder sehen.
Als sie ihn gebeten hatte, er möge sie nach Connyridge bringen, war er völlig verwirrt gewesen. Er hatte sie mit Fragen bestürmt, die sie nicht beantwortet hatte. Letzten Endes hatte er ihren Wunsch erfüllt, in der schmerzhaften Überzeugung, er würde sie für immer verlieren.
Nur um Zuflucht zu suchen, war sie in das Priorat gekommen. Und das Grauen jener Nacht hatte sich allmählich verflüchtigt. Hinter diesen Mauern hatte sie Ruhe gefunden, sogar den inneren Frieden, den sie nicht zu erhoffen gewagt hatte. Wenn es auch eine Weile gedauert hatte, so fühlte sie sich wohl in Connyridge, obwohl die Kälte des Steinbodens durch ihre dünnen Sandalen und bis in ihre Knochen drang.
Vor einiger Zeit hatte sie beschlossen, ihr Leben dem Allmächtigen zu weihen. Eine Nonne im Dienst des Herrn wäre vor den Gelüsten der Männer geschützt ...
Aber der innere Konflikt und die Verwirrung hatten kein Ende gefunden. Und sie war immer noch unsicher. Würde sie ihr Gelübde irgendwann bereuen? Entsprach das Klosterleben ihrer wahren Berufung? In ihrem Herzen müsste sie es wissen. Doch sie wurde von Zweifeln geplagt. In den letzten Wochen hatte sie täglich um göttlichen Rat gebetet, um die Bestätigung des Herrn, sie habe die richtige Entscheidung getroffen.
Im nächsten Monat sollte sie ihr Gelübde ablegen. Würde sie dann noch leben?
Gewiss, viele Frauen mochten das Priorat für ein Gefängnis halten, in dem man nichts als betete und arbeitete, studierte, schlief und die Mahlzeiten einnahm. Der Müßiggang galt als Feind der Seele. Und wenn Meredith sich ausschließlich mit solchen Dingen beschäftigte, würde sie nicht an ... an andere Dinge denken.
Doch jetzt gab es die ersehnte Zuflucht nicht mehr. Seinetwegen. Noch ein Mann, dessen Namen sie nicht kannte. Verstohlen musterte sie ihn.
Im Mondschein erblickte sie nur eine gesichtslose Silhouette. Schaudernd überlegte sie, wie er wohl am helllichten Tag aussähe. Sie vermutete, dass er jung sei, nicht so alt wie Vater und Onkel Robert.
So ein bösartiger Mann musste hässlich wie die Sünde des Teufels sein, dachte sie. Zweifellos klafften Lücken in seinen fauligen, gelben Zähnen. Und er würde die dunkle Haut eines Heiden haben, voller Flecken und Pockennarben. Vielleicht war die nächtliche Begegnung sogar vorteilhaft. Im Sonnenlicht würde er sie gewiss zu Tode erschrecken.
Unbehaglich stand sie neben ihm, während er leise mit seinen Leuten sprach. Was er sagte, verstand sie nicht.
Dann nickten die beiden Männer und stapften davon. Bedrückt sah sie ihn zu einem kleinen Wagen gehen, den sie erst jetzt bemerkte. Als er sie zu sich winkte, wuchs ihre Angst. Nur widerstrebend folgte sie der Aufforderung.
Gegen ihren Willen spähte sie in den Wagen. Auf den Planken lag eine Frau, das lange rote Haar schmutzig und verfilzt, den Kopf unnatürlich seitwärts gedreht. Blicklose Augen starrten zurück.
Offensichtlich war die Frau tot. In Merediths Kehle stieg ein Schrei auf, den sie mühsam unterdrückte. Sie schwankte, blieb aber glücklicherweise aus eigener Kraft stehen.
Lange, schmale Finger schlossen sich um ihren Arm. »Zieht Eure Robe aus«, befahl die Stimme, die ihr wachsende Angst einjagte.
Als er den Strick von ihren Handgelenken löste, fragte sie sich, ob sie den Verstand verloren hatte. War das ein Albtraum, ein grässlicher Streich, den ihre Fantasie ihr spielte? Die Augen zusammengekniffen, redete sie sich ein, sie würde in ihrer Zelle auf dem Bett liegen. Nach ein paar Sekunden holte sie tief Atem und hob die Lider.
Lange Beine in Stiefeln. O Gott, er war immer noch da – so unwillkommen wie zuvor ...
Und genau so gefährlich.
»Noch einmal werde ich Euch nicht dazu auffordern«, erklärte er brüsk und reckte das Kinn.
Rings um Meredith schienen Nebelschleier zu tanzen. Nein, dachte sie, sicher habe ich ihn missverstanden. Ihre Lippen bewegten sich. Aber aus ihrer Kehle drang kein Laut.
»Also gut, mir ist es gleichgültig.« Gebieterische Hände sanken auf ihre Schultern, tasteten nach dem Halsausschnitt ihrer Robe, warme Fingerspitzen streiften ihre nackte Haut.
»Nein«, stöhnte sie und wich zurück, als hätte sie sich verbrannt.
»Tut, was ich sage – oder ich nehme Euch die Mühe ab.«
Tatsächlich, er meinte es ernst. Um das zu erkennen, musste sie sein Gesicht nicht sehen. Sie entnahm es seinem Tonfall, der hoch aufgerichteten Gestalt. Gegen die unbeugsame Willenskraft dieses Mannes konnte sie sich nicht behaupten.
Seiner Drohung hilflos ausgeliefert, fühlte sie sich wie gelähmt – vor Angst und beklemmender Scham. Splitternackt würde sie vor ihm stehen. Während sie seinem Befehl gehorchte, machte sie sich bittere Vorwürfe. Warum fügte sie sich kampflos in ihr Schicksal? Warum war sie nicht stärker? Würde sie ihr ganzes Leben lang so wenig Rückgrat zeigen?
Welch ein elender Schwächling sie war, im Geist, im Herzen, im Körper! Aber wie nur sollte sie die erbarmungslose Macht dieses Mannes bekämpfen?
Den Blick gesenkt, stieg sie aus der grauen Robe. Mit beiden Händen versuchte sie ihren Körper abzuschirmen – nicht nur gegen die kühle Nachtluft, sondern auch gegen den forschenden Blick dieser stahlharten Augen.
Aber er schaute sie gar nicht an. Stattdessen hob er die Robe vom feuchten Erdreich auf, ging zum Wagen und entkleidete die Leiche.
Zu Merediths Verblüffung warf er ihr ein Bündel zu. »Zieht das an!«
Diesmal zauderte sie nicht. Hastig schlüpfte sie in das schmutzige Kleid, das ihr um einiges zu groß war. Wenigstens bedeckte es ihre Blößen.
Inzwischen waren die Männer mit drei Pferden zurückgekehrt. Merediths Atem stockte. Sollte sie mit ihnen wegreiten? Wohin? Während sie sich diese Frage stellte, beobachtete sie entgeistert, wie die beiden ihre Robe über den Kopf der toten Frau streiften. Dann wandte sie sich zu ihrem Anführer.
»Tut, was wir besprochen haben«, verlangte er.
Einer der Männer packte die Frau am rechten Arm, der andere am linken. Mit vereinten Kräften zerrten sie die Tote aus dem Wagen und schleiften sie nach Osten.
Was nun geschah, sträubte Merediths Nackenhaare und ließ ihr Blut gefrieren. Die Frau wurde über den Klippenrand geworfen, hinab auf zerklüftete Felsen.
Natürlich erklang kein Schrei – trotzdem glaubte Meredith, ihn zu hören, in den lautlosen Tiefen ihrer Seele. In Wirklichkeit ertönte nur ein dumpfer Aufprall ...
Schaudernd zog sie das schmutzige Kleid enger um ihre Schultern. Die Felsen würden den Körper der Frau zerreißen, wie die spitzen Zähne eines Meeresungeheuers. Blutig, mit gebrochenen Knochen würde die arme Kreatur da unten liegen. Welch ein Segen, dass sie schon tot war ... Warum hatten diese Schurken sie ermordet? Nur um sie über die Klippen zu werfen?
Ein neuer Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Würde sie die Nächste sein? Einen Sturz in diesen Abgrund würde niemand überleben. Obwohl Meredith nicht unter Höhenangst litt, hatte sie die Klippen stets gemieden.
Voller Mitleid dachte sie an die Frau. Sie war sehr hübsch gewesen, das hatte sie gesehen. Und viel zu jung, um zu sterben ...
Während sie erschüttert um das Seelenheil des Mädchens betete, hielt sie plötzlich den Atem an. Erst jetzt erkannte sie die Bedeutung der Ereignisse, die sie soeben mit angesehen hatte. Rotes Haar – eine Leiche in der grauen Robe ...
Mit schmalen Augen starrte sie ihren Entführer an. Reglos stand er da und beobachtete sie, als würde er ihre Reaktion abwarten.
»Großer Gott«, flüsterte sie, »die Nonnen werden glauben ...« Ihre Stimme versagte. Mühsam schluckte sie, und es dauerte ein paar Sekunden, bis sie weitersprechen konnte. »Ist es das, was Ihr bezweckt? Soll der Eindruck entstehen ...«
»Dass Ihr diese Frau seid.« Warum er voller Genugtuung lächelte, versuchte sie nicht einmal zu verstehen – es wäre sinnlos. »Eine zerschmetterte Leiche auf den Felsen«, fuhr er in beiläufigem Ton fort. »Nicht zu identifizieren.«
Bei allen Heiligen, er hatte Recht. Kurz nach ihrer Ankunft im Priorat war ein toter Fischer an den Strand gespült worden, das Fleisch zerfetzt, das weiße Gesicht aufgedunsen, entstellt und unkenntlich. Vor lauter Grauen hätte sich Meredith beinahe übergeben.
Und der Abschiedsbrief, der in ihrer Zelle auf dem Tisch lag ... Wenn die Nonnen das rote Haar der Frau sahen, mussten sie glauben, Meredith Munro wäre vom Klippenrand in den Tod gesprungen.
Eine eisige Hand schien ihr Herz zu umfassen. Wenigstens hatte diese bedauernswerte Frau den Sturz auf die scharfkantigen Felsen nicht zu ihren Lebzeiten erleiden müssen.
»Habt Ihr sie getötet?«, würgte sie hervor.
Das lastende Schweigen wirkte beredter als alle Worte; ihr Magen drehte sich um. »Warum?« Ihr Hals schmerzte so heftig, dass sie die Frage kaum hervorbrachte. »Warum habt Ihr das getan?«
Wieder dieses bedrückende Schweigen ...
»Und ich bin die Nächste, nicht wahr?« Von einer plötzlichen Kühnheit getrieben, die sie sich niemals zugetraut hätte, straffte sie die Schultern und schlug mit einer bebenden Faust auf ihre Brust. »Tötet auch mich, wenn Ihr’s ohnehin geplant habt! Tötet mich! Jetzt, sofort!«
»Warum sollte ich?« Lachend schüttelte er den Kopf und zeigte zum Klippenrand. »Glaubt Ihr, ich hätte mir so viel Mühe gemacht, wenn ich Euch töten wollte? Kommt mit. Oder muss ich Euch wieder fesseln?«
Verzweifelt wich sie seinem Blick aus und kämpfte mit sich selbst. Ihretwegen lag eine tote Frau da unten am Strand. Und sie kannte nur einen einzigen Gedanken – wie sollte sie sich retten? Also war sie nicht nur schwach und feige, sondern auch noch selbstsüchtig. Würde ihr der Allmächtige jemals verzeihen?
Aber irgendetwas in ihr wehrte sich gegen das Schicksal, das ihr dieser Schurke zugedacht hatte. Nein, einen so leichten Sieg wollte sie ihm nicht gestatten.
Anscheinend rechnete er mit ihrem Gehorsam, denn er wandte sich ab und bedeutete seinen Männern, die Pferde heranzuführen. Nicht einmal einen Blick gönnte er ihr. »Steigt auf.«
Um sich zu ermutigen, holte sie tief Luft. »Nein«, entgegnete sie klar und deutlich.
Endlich schaute er sie an, und sie musste sich zwingen, seinem frostigen Blick standzuhalten.
»Warum sollte ich einem Verrückten folgen?«, fragte sie herausfordernd.
An ihrer Seite erklang ein Fluch, ein kraftvoller Schlag traf ihren Rücken, und sie stolperte nach vorn. Er war es, der sie auffing und davor bewahrte, der Länge nach vor seine Füße zu fallen.
»Rühr sie nicht an, Finn!«
Meredith wagte kaum zu atmen. Wie Eisenklammern umfassten seine Hände ihre Arme, es gab kein Entrinnen. O ja, sie spürte seine unbezwingbare Kraft. Auf Leben oder Tod war sie ihm ausgeliefert.
Langsam hob sie den Kopf. »Nein – ich werde Euch nicht begleiten.«
»Doch, Meredith Munro.«
»Niemals!« Entschlossen reckte sie ihr Kinn, obwohl ihr eigener Mut sie erschrak. Vielleicht war auch sie wahnsinnig. »Wer seid Ihr? Warum tut Ihr das? Was wollt Ihr von mir?«.
Da ließ er sie los, und sie widerstand der Versuchung, die Flucht zu ergreifen. Stattdessen blieb sie stehen und grub ihre nackten Zehen in die taufeuchte Erde.
»Wer seid Ihr?«, wiederholte sie. »Ihr gebt vor, mich zu kennen. Aber ich schwöre es – vor dieser Nacht habe ich Euch nie gesehen.«
»Allerdings nicht, Mädchen.«
»Wollt Ihr mir nicht endlich verraten, wer Ihr seid?« Wenn sie sterben musste, wollte sie wenigstens wissen, warum – und wer sie töten würde. »So antwortet! Wer seid Ihr?«
Jetzt erinnerte sie sein Blick an geschmolzenen Stahl. »Cameron – vom Clan MacKay.« Mehr musste er nicht hinzufügen.
Rachsucht hatte ihn nach Connyridge geführt – und die Blutfehde, die seit über hundert Jahren ausgefochten wurde.
Die junge Frau aufzuspüren war nicht schwierig gewesen – das einzige Kind des Munro-Clanführers Red Angus. Ein Kuss hier, eine Münze dort, und Cameron hatte alles erfahren, was er wissen musste.
Natürlich hatten einige Männer seinen Plan missbilligt. Murray hatte den zottigen, ungekämmten Kopf geschüttelt. »Das darfst du nicht tun! Bedenke doch, eine Braut Christi! Welchen Preis wirst du bezahlen?«
»Noch hat sie ihr Gelübde nicht abgelegt.« Das hatte Cameron bereits herausgefunden. »Und welcher Preis mir auch immer abverlangt wird, ich zahle ihn gern.« Obgleich er sich einen gottesfürchtigen Mann nannte, so würde es nicht mal eine Rolle spielen, wenn Red Angus’ Tochter die Priorin höchstpersönlich wäre. Auch das würde ihn nicht aufhalten.
Koste es, was es wolle, er musste Rache üben. Dieser Entschluss hatte seine Genesung bewirkt – und ihn veranlasst, weiterzuleben.
Wie zur Erinnerung begann die gezackte Narbe an seinem Rücken zu schmerzen. Doch die seelischen Qualen übertrafen die körperlichen bei weitem. Beinahe hätte er seinen wilden Zorn in die Nacht hinausgeschrien. Warum war nur er verschont worden? Wieso lebte er, wo doch alle anderen gestorben waren? Sein Vater, sechs Brüder ... Niall, der Älteste, Burke, so attraktiv und temperamentvoll. Bryan und Oswald, so stark, so lebendig. Kenneth, stets fröhlich, mit lachenden Augen. Und Thomas, ein zehnjähriger Junge, noch nicht fähig, ein Schwert zu schwingen ...
Einzig und allein Cameron war übrig geblieben.
Die Wochen nach dem Blutbad hatten seine Wut nicht gemildert, sondern geschürt.
Auch jetzt beherrschten die grässlichen Erinnerungen seine Gefühlswelt. Sein Körper spannte sich an, als würde eine rot glühende Klinge in seine Brust gestoßen. Auf diese Weise waren die Brüder und der Vater gestorben – grausam niedergemetzelt, von Red Angus und seinen Männern.
Cameron schöpfte tief Luft. Im Lauf der Jahre war er des Hasses zwischen den MacKays und den Munros müde geworden. Ständig Kämpfe und Scharmützel, in letzter Zeit allerdings nicht mehr ... Doch vor knapp zwei Monaten hatte der trügerische Friede an einem idyllischen Berghang ein jähes Ende gefunden. Und so abgrundtief er die Fehde auch verabscheute – sein gepeinigtes Herz schrie nach Rache.
Ehe er für Genugtuung gesorgt hätte, würde er weder ruhen noch rasten. Erst wenn der Tod des Vaters und der Brüder gesühnt wäre.
Nachdem er seiner Gefangenen seinen Namen mitgeteilt hatte und die grausigen Erinnerungen so lebhaft zurückgekehrt waren, flammte sein Zorn heißer auf denn je. Unwillkürlich umfasste er den Griff seines Schwerts, während er Meredith Munro beobachtete.
Mit großen Augen starrte sie ihn an, sichtlich erschüttert von seiner Offenbarung, und öffnete den Mund. Aber sie brachte kein Wort hervor.
»Ich bin der Sohn Ronalds, der Bruder Nialls und Burkes ...« Einen Bruder nach dem anderen zählte er auf. »Vielleicht habt Ihr und Eure guten Schwestern gebetet, die Seelen meiner Familie mögen wohlbehalten im Himmel ankommen?«
»Im ... im Himmel?«, stammelte sie und rang zitternd nach Atem. »Wollt Ihr damit sagen, sie sind ...«
»Aye«, erwiderte er tonlos. »Tot. Von Eurem Vater und seinen Leuten abgeschlachtet.«
Aus ihren Wangen wich alle Farbe, was ihn mit primitivem Triumph erfüllte, denn er wusste: nun wartete sie angstvoll seine nächsten Maßnahmen ab. Würde sie weinen? Um Gnade winseln? Beide Möglichkeiten wären erfreulich.
Doch sie tat weder das eine noch das andere. Stattdessen trat sie näher zu ihm. Gesenkte Wimpern verbargen den Ausdruck ihrer Augen. Dann neigte sie den Kopf zur Seite, um ihm ihren schutzlosen Hals anzubieten. Dachte sie, er würde sie mit einem einzigen Schwertstreich niederstrecken, trotz seiner Erklärung, das sei nicht sein Bestreben?
Diese Absicht hatte er nie gehegt.
Nun forderte sie ihn schon zum zweiten Mal auf, sie zu töten, was ihn auf makabre Weise belustigte. Anscheinend hielt sie ihn für einen Barbaren und glaubte, er würde nicht davor zurückschrecken, eine Frau zu ermorden. Dazu wäre er niemals fähig, und er verachtete jeden Mann, der sich skrupellos an schwächeren Geschöpfen vergriff.
Die Wahrheit über die Frau, die er nach Meredith Munros Überzeugung getötet hatte, gedachte er nicht preiszugeben. Vor ein paar Stunden hatten seine Begleiter die Leiche am Straßenrand gefunden. Und so war er auf den Gedanken gekommen, Red Angus weiszumachen, seine Tochter hätte sich das Leben genommen. Eine viel bessere Idee, als das Mädchen einfach nur zu entführen! Aye, dachte er zufrieden, den Anführer des Munro-Clans würde er so schmerzlich berauben, wie er selbst beraubt worden war. Der alte Mann würde die gleichen Höllenqualen ausstehen wie sein Feind.
Über den Wolken am Horizont dämmerte der Morgen. Meredith kehrte der Nordsee den Rücken. Hinter ihr überzogen blassgoldene Streifen den Himmel. Für einen Augenblick gewann Cameron den Eindruck, ein Heiligenschein umgäbe ihren Kopf. Sie glich einem Engel, abgesehen vom feurigen Glanz ihres Haars. Aber sie war kein Engel, sondern eine Munro. Hastig verdrängte er ein vages Schuldgefühl. Wenn sie auch hoffte, dem Allmächtigen ihr Leben zu widmen –Gott stand nicht auf ihrer, sondern auf seiner Seite. Da gab es keinen Zweifel. Warum sonst sollte der Herr die rothaarige Leiche an den Straßenrand gelegt haben?
Nein, Meredith, Red Angus’ Tochter, war gewiss kein Engel.
Jetzt musterte er sie etwas genauer. Ihr Gesicht war wachsbleich, heftige Atemzüge hoben und senkten ihre Brüste. Erfolglos versuchte sie, ihr Zittern zu bezähmen.
Sie fürchtete sich. Sehr gut. Es gehörte zum Wesen der Hochländer, alle Stärkeren voller Unbehagen zu betrachten. Offensichtlich galt das auch für Meredith, und das gefiel ihm.
Nach der Ansicht einiger Leute, die sie gekannt hatten, war sie ein seltsames Mädchen – in der Kindheit zart, sanftmütig und scheu. So wirkte sie immer noch. Schon vor zwei Jahren war sie nach Connyridge gekommen, hatte aber erst vor kurzem beschlossen, den Schleier zu nehmen. Das würde nicht geschehen. Wenn sich die Dinge planmäßig entwickelten, würde sie weder in das Priorat noch auf Schloss Munro zurückkehren.
Schweigend schaute er die bebende junge Frau an. Die letzten Strahlen des schwindenden Mondes beleuchteten ihren zarten, verletzlichen Hals, und ein sonderbares Gefühl bewegte Camerons Herz. Welch eine zierliche, wehrlose Gestalt ... Sein Blick glitt zu den zerzausten rotgoldenen Strähnen, die ihre Schultern bedeckten.
Eine Schönheit, dachte er plötzlich. Das hatte er von einer Frau, die sich hinter Klostermauern verkriechen wollte, nicht erwartet – und von einer Munro schon gar nicht. Seine Gedanken verdüsterten sich, und ihre gottverdammten Reize ärgerten ihn. Dass er ihren Zauber wahrnahm, erzürnte ihn noch mehr.
Erbost warf er den Kopf in den Nacken. Solche Schwächen durfte er sich nicht leisten. Sie war eine Munro, seine Feindin. Und daran würde sich nichts ändern.
Seit einer halben Ewigkeit ritten sie dahin. Strahlend hell schien die Mittagssonne, als würde sie die Ereignisse der vergangenen Stunden gutheißen. Meredith staunte, weil sie noch lebte. Einen atemlosen Augenblick lang hatte sie erwartet, er würde sie töten. Kein Wunder, dachte sie, denn in seiner Seele schien das Feuer des Teufels zu lodern ...
Stattdessen hatte er sie unsanft auf sein Pferd gesetzt und war hinter ihr aufgestiegen.
Während des Ritts wechselte er kein einziges Wort mit ihr.
Für Meredith war dieser Morgen eine reine Tortur. Ihre Muskeln schmerzten, nicht nur dank der ungewohnten Stunden im Sattel, sondern vor allem wegen der harten Arme, die ihren Brustkorb viel zu fest umschlangen – eine unerwünschte Erinnerung an Cameron MacKays Kraft.
Auch seine Beine pressten sich wie Eisen an ihre Schenkel. Diese intime Nähe war kaum zu ertragen; vergeblich versuchte sie immer wieder, sich stocksteif aufzurichten und der Berührung auszuweichen.
O ja, dieser gemeinsame Ritt war eine körperliche und seelische Qual.
Mittlerweile würden die Nonnen glauben, sie wäre tot. Nachdem sie nicht zur ersten Gebetsstunde in der Kapelle erschienen war, würde jemand in ihre Zelle gegangen sein und den Brief gefunden haben. Zweifellos hatten sie sich bestürzt und erschrocken im Ordenskapitel versammelt. Schwester Amelia würde sicher weinen – mit ihrer Sentimentalität ärgerte sie Mutter Gwynn immer wieder. Vielleicht hatte man sogar schon die Tote unterhalb der Klippen gefunden und würde sie für die Leiche der lebensmüden Novizin halten.
Und ihr Vater ...
Hatte Cameron MacKay vor seiner Ankunft in Connyridge etwa Schloss Munro aufgesucht? Schaudernd dachte sie an den zerschmetterten Körper der armen Frau am Felsenstrand. Hatte ihr Vater das gleiche, grausame Schicksal erlitten? Und Onkel Robert?
Nach einer Weile lenkten MacKay und seine Männer – wie sie inzwischen herausgefunden hatte, hießen sie Egan und Finn – die Pferde zu einem Bach. Durstig tranken die Tiere. Egan, noch größer als Cameron MacKay, sah ziemlich bösartig aus, mit einer zackigen Narbe auf der Wange und eisblauen Augen. Finn, etwas kleiner und stämmiger, trug einen langen Bart.
Geschmeidig schwang sich Cameron hinter Meredith aus dem Sattel. Da sie nicht wusste, was von ihr erwartet wurde, zögerte sie. Als er indes keine Anstalten traf, ihr zu helfen, versuchte sie abzusteigen und fiel unsanft vom Rücken des hoch gewachsenen Pferdes auf die Knie. Ein scharfkantiger Stein grub sich in ihr Schienbein, und sie stöhnte leise auf.
Unsicher hob sie den Kopf und begegnete dem kalten Blick ihres Entführers. Sie wischte Erdklumpen von ihren Händen und stand auf.
Nun ertrug sie es nicht länger, sie musste endlich die Wahrheit erfahren. »Mein Vater ...«, begann sie und befeuchtete ihre Lippen mit der Zunge. »Ist er ...« Nein, sie konnte es nicht aussprechen, wagte es nicht einmal zu denken.
Die Beine gespreizt, stand er vor ihr, würdigte sie keiner Antwort, und sie versuchte es noch einmal.
»Bitte, sagt mir – was habt Ihr meinem Vater angetan?«
Atemlos wartete sie, und es dauerte viel zu lange, bis er erwiderte: »Keinem Eurer Clansmänner habe ich etwas zuleide getan.«
Um ihre Tränen zu verbergen, senkte sie die Wimpern. Ihrem Vater und ihrem Onkel war nichts zugestoßen! Dafür musste sie dankbar sein. Aber jetzt stand es endgültig fest – Cameron MacKay hatte es auf sie abgesehen.
Im Lauf des Tages hatte sie sich an alle Gräueltaten der MacKays erinnert, die ihr zu Ohren gekommen waren, an Geschichten über misshandelte, ermordete Munro-Clansmänner und vergewaltigte Frauen. Sie schauderte. Ja, die MacKays waren eine wilde, brutale Bande. In ihrer Kindheit war sie stets gewarnt worden, sich nicht allzu weit vom Haus zu entfernen, falls ein MacKay das Munro-Gebiet durchstreifen und nichts Gutes im Schilde führen sollte.
»Was habt Ihr mit mir vor?«, fragte sie beklommen.
»Darum braucht Ihr Euch nicht zu kümmern.«
Camerons harter Tonfall ließ sie zusammenzucken. Natürlich musste sie sich darum kümmern. Immerhin ging es um ihr Leben. »Ich bin eine Frau. Und ich habe nichts getan, um Euch zu schaden.«
Wie ein greller Blitz leuchteten seine Augen auf. »Ihr seid eine Munro! Allein schon Euer Anblick verdunkelt das Sonnenlicht rings um mich.« Abrupt kehrte er ihr den Rücken zu und ging davon.
»Wartet!«, rief sie, ehe sie sich eines Besseren besinnen konnte. Als er ungeduldig zu ihr zurückkehrte, fuhr sie fort: »Für Euch bin ich keine Gefahr, denn ich möchte den Rest meiner Tage in Connyridge verbringen. Das verspreche ich. In einem Monat werde ich mein Gelübde ablegen – wenn Ihr mir die Freiheit schenkt.«
»Nein, Lady, das wird nicht geschehen«, entgegnete er und trat näher zu ihr. Oh, sein Lächeln – so frostig und bedrohlich ...
»Lasst mich gehen, ich flehe Euch an!« Inbrünstig hoffte sie, er würde das Zittern in ihrer Stimme nicht bemerken. »Beendet diesen Wahnsinn!«
Da erlosch sein Lächeln. Schmerzhaft packte er ihren Arm und zog sie zu sich heran. »Wahnsinn?«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Habt Ihr gesehen, wie mein Vater und meine Brüder starben? Ihr wagt es, von Wahnsinn zu reden?«
Wie erstarrt stand sie vor ihm, von seinem Gefühlsausbruch überwältigt.
Ȇberrascht es Euch, dass ich noch lebe, Lady?
Dass ich der einzige Überlebende bin? Der Einzige, den Euer Clan nicht getötet hat?«
»Von all dem weiß ich nichts«, flüsterte sie angstvoll. Wild hämmerte ihr Herz gegen die Rippen. Nie zuvor hatte sie sich derart ungezähmtem Zorn ausgesetzt gefühlt. Rings um Cameron MacKay schienen Flammen in der Luft zu lodern. Hätte er sie nicht festgehalten, wäre sie vor lauter Grauen zusammengebrochen.
»Ah, von jenem Gemetzel wisst Ihr nichts«, erwiderte er höhnisch. «Wie auch immer, ich kenne keine Gnade – denn auch Euer Vater wollte uns keine gewähren. Wurde mein Vater geschont, als ihm ein Feind von hinten die Kehle durchschnitt? Ein anderer stach meinen Bruder Bryan in den Rücken und ließ ihn einfach verbluten. Mich hielten die Munros vermutlich für tot. Sonst hätten sie mich genauso niedergestreckt wie meine Verwandten. Und das alles geschah auf Befehl Eures Vaters.«
»Unmöglich!«, wisperte sie entsetzt. »Dazu wäre er nicht fähig. Niemals würde er solche Befehle erteilen.«
»Doch, genau das hat er getan!«
Meredith schreckte vor seiner wilden Wut zurück. Vorerst durfte sie ihn nicht mit einem weiteren Widerspruch herausfordern. Dafür war dieser Zeitpunkt nicht geeignet.
»Nun werdet Ihr mich begleiten«, herrschte er sie an, »und bei mir bleiben. Winselt um Gnade, so lange Ihr wollt, Meredith Munro. Es wird Euch nichts nützen. Unternehmt ruhig einen Fluchtversuch ... Aber ich werde Euch überall finden. Durch das ganze Grenzland werde ich Euch folgen. Drum versucht erst gar nicht, Euch vor mir zu verstecken, denn ich werde Euch an mich ketten. Niemand wird Euch von mir trennen. Nichts und niemand.«
Offensichtlich war es sinnlos, auf seine Barmherzigkeit zu hoffen. Meredith zitterte so heftig, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Wenigstens verstand sie jetzt, was ihn veranlasst hatte, sie aus dem Priorat zu entführen – nicht die alte Fehde zwischen den beiden Clans, sondern die Ermordung seines Vaters und seiner Brüder. Ich bin das Werkzeug seiner Rache, dachte sie.
Gequält schloss sie die Augen. Ob ihr Vater bereits vom Tod seiner Tochter verständigt worden war?
»Wie ich sehe, ist Euch bewusst geworden, was meine Worte bedeuten«, fügte Cameron MacKay spöttisch hinzu. »Euer Vater muss mit der Gewissheit leben, dass sein einziges Kind tot ist.«
Natürlich, er hatte Recht, und diese Erkenntnis drohte ihr das Herz zu brechen. Mutter Gwynn würde Angus Munro mitteilen, seine Tochter habe sich in den Tod gestürzt; seine Verzweiflung würde keine Grenzen kennen. Nur zu gut erinnerte sie sich an seine Trauer nach dem Tod ihrer schwer kranken Mutter, in jenem Winter vor so langer Zeit. Damals war Meredith erst zehn Jahre alt gewesen. Ja, dachte sie unglücklich, Cameron MacKay hat genau den richtigen Weg gefunden, um Rache zu üben, denn diese Nachricht wird Vater ins Grab bringen.
Einige Minuten später ritten sie weiter. In ihrem Kummer nahm Meredith das violette Dunkel, das über die Hügel kroch, kaum wahr. Schließlich hielten sie auf einer kleinen Lichtung, und sie glitt erschöpft aus dem Sattel. Nach dem ungewohnten, stundenlangen Ritt brannten ihre Muskeln wie Feuer.
Als sie schwankte, brach Finn in heiseres Gelächter aus. So würdevoll wie möglich straffte sie die Schultern und beachtete ihn nicht weiter. Seit sie nicht mehr auf dem Pferderücken saß, verspürte sie ein dringendes menschliches Bedürfnis und ging zu einem Gebüsch am Rand der Lichtung.
»Was, zum Teufel, habt Ihr vor?«
Abrupt blieb sie stehen und drehte sich um. Camerons Augen glichen einer mondlosen Nacht. Meredith stieg das Blut in die Wangen. Wie nur sollte sie ihre Absicht erklären? Sie holte tief Atem. »Leider muss ich ...«
»Was? Müsst Ihr pinkeln?«
Wie ungehobelt dieser Mann war! Wortlos nickte sie. Einige Sekunden lang musterte er sie mit schmalen Augen, bevor er sich abwandte. In wachsendem Unbehagen wartete sie. Was sollte sie tun, wenn er ihr verbot, hinter den Büschen zu verschwinden?
»Also gut, geht. Aber trödelt nicht, Lady!«
Für seine Großzügigkeit in einer so heiklen Angelegenheit würde sie ihm gewiss nicht danken. Den Kopf hoch erhoben, eilte sie davon.
»Meredith!« Wie ein Donnerschlag hallte ihr Name durch die Abenddämmerung, und sie spähte erschrocken über die Schulter. »Lauft besser nicht weg! Wenn Ihr das versucht ...« Langsam strich er mit einem Finger über seine Kehle.
Krampfhaft schluckte sie und ging weiter. Unter ihren nackten Füßen spürte sie Tannennadeln, die schmerzhaft in ihre Sohlen stachen.
Cameron MacKays Drohung warf erneut die Frage auf, was mit ihr geschehen würde. Gewiss, es war selbstsüchtig, an sich zu denken, statt den Vater zu bemitleiden. Während des ganzen Nachmittags hatte sie überlegt, welches Schicksal sie erwarten mochte, und sie befürchtete das Schlimmste. Immerhin war ihr Entführer ein MacKay. Aber was konnte schrecklicher sein als der Tod? Nun bereute sie, dass sie im Priorat nicht geschrien hatte. Sicher wäre es besser gewesen, die Gelegenheit zu nutzen – gleichgültig, was Cameron ihr angetan hätte. Spielte es denn eine Rolle, ob sie tot war oder lebte?
Ein einziges Mal hatte sie sich den Tod gewünscht – nur einmal. Jetzt nicht mehr. Beinahe geriet sie in Panik, als sie sich ihren letzten Atemzug ausmalte. Heilige Mutter Gottes, warum war sie nicht so stark wie er?
Mutlos ließ sie die Schultern hängen. Weil ich nur eine Frau bin, sagte sie sich bitter.
Nachdem sie ihre Notdurft verrichtet hatte, schaute sie sehnsüchtig zu dem Bach hinüber, der dicht hinter den Bäumen plätscherte. Kurz entschlossen kniete sie am Ufer nieder, wusch den Staub von ihren Händen und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Dabei sah sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Cameron. Die Hände auf den Oberschenkeln, richtete sie sich auf.
Mit lautlosen Schritten ging er zum Bach, ohne Meredith zu beachten. Nie zuvor war ihr ein so großer Mann begegnet. Nicht einmal bis zu den Schultern reichte sie ihm. Gegen ihren Willen blieb ihr Blick an seinem wohlgeformten Körper hängen.
Sein dunkles Haar glänzte wie die Brust eines Raben. In Merediths Herzen entstanden seltsame Gefühle. Letzte Nacht hatte sie geglaubt, er wäre so hässlich wie die Sünde, die er beging. Zweifellos war es ein schweres Vergehen, eine Novizin aus einem Kloster zu entführen, entschied sie. Also konnte er kein gottesfürchtiger Mann sein, und sie hatte vermutet, er würde grauenhaft aussehen.
Stattdessen hatte er ein Gesicht von bestrickender männlicher Schönheit. Unter den geschwungenen Brauen, so schwarz wie sein Haar, umrahmten dichte Wimpern seine Augen; die Nase bildete eine vollendete Harmonie mit den übrigen Zügen. Und die schmalen Lippen bekundeten sein hartes, kaltes Wesen. Plötzlich entsann sie sich, wie sie in der vergangenen Nacht seinen Mund auf ihrem gespürt hatte, als er sie gewarnt hatte, sie dürfe nicht schreien ...
Ihr Atem stockte. Jetzt legte er sein Plaid ab und zog seine Tunika aus. Merediths Blick glitt über seine muskulösen Arme, die breiten Schultern. In der Tat, er glich den Statuen griechischer Götter. Aber die Fassade verbarg keine innere Schönheit. Wie töricht wäre es, ihn zu bekämpfen – einen Fluchtversuch zu wagen ... Dafür würde er sie unbarmherzig bestrafen.
Da entdeckte sie die lange, gezackte Wunde an seinem Rücken. Die Narbe war wulstig und rosig. Offenbar war er erst vor kurzer Zeit verletzt worden. Beim Angriff auf seine Familie? Schaudernd malte sich Meredith aus, wie eine Schwertspitze in das Fleisch gedrungen war, durch Sehnen und Muskeln, an den Rippen vorbei ...
In diesem Moment drehte er sich zu ihr.
Große blaue Augen und dunkelgraue hielten einander für Sekunden fest. Meredith schaute zuerst weg, denn sein Blick schien sie zu durchbohren wie jenes unbekannte Schwert, glitzernd und scharf.
»Kommt!«, befahl er.
Steifbeinig erhob sie sich. Auch ihr Rücken schmerzte. Offenbar bewegte sie sich nicht schnell genug. Die Lippen zusammengepresst, ergriff er ihren Arm und zog sie auf die Füße.
Sobald sie vor ihm stand, ließ er sie los – als wäre sie eine widerwärtige Kreatur, die er nicht berühren wollte. Aus unerklärlichen Gründen fühlte sie sich gekränkt.
Schweigend kehrten sie zur Lichtung zurück. Egan kauerte vor einem kleinen Feuer, und Finn häutete zwei Hasen, die er am Nachmittag erlegt hatte. Neben einer hohen Eiche blieb Meredith stehen und ließ sich nieder, an die raue Rinde gelehnt.
Während Cameron am Feuer kniete und mit seinem Messer einen kleinen Spieß aus einem Zweig schnitzte, schaute sie immer wieder zu ihm hinüber, unwillkürlich fasziniert. Seine Hände passten zu seinem Körper, lang, schmal und kraftvoll. Wie leicht konnten diese Hände sie unterjochen ... Ja, der Körper eines Mannes jagte ihr Angst ein. Vor allem die Hände. Der einzige Mann, den sie nicht fürchtete, war ihr Vater.
Bestürzt zuckte sie zusammen, als er die Spitze des Spießes in einen gehäuteten Hasen steckte. Merediths Gedanken überschlugen sich. Von den Dingen, die zwischen Männern und Frauen geschahen, wusste sie nicht viel. War es das, was er tun würde – mit seiner männlichen Härte in ihr Fleisch eindringen, wie der Spieß in den Hasen? Vor ihrem geistigen Auge erschienen wieder jene Bilder, die sie monatelang verdrängt hatte – ein aufragendes männliches Glied. Ihr Puls beschleunigte sich. Da Cameron MacKay ein großer, kräftig gebauter Mann war, musste seine Männlichkeit einem Speer gleichen ...
Närrin, schalt eine innere Stimme. Bedenk doch, was er gesagt hat ... Sollte ich eine Frau brauchen, würde ich mich sicher nicht für Euch entscheiden. Ich muss mich sogar zwingen, Eure Gesellschaft zu erdulden.
Hoffentlich hatte er nicht gelogen.
Die Nacht sank herab. Über der Lichtung breitete sich der köstliche Duft der gebratenen Hasen aus. Fleischsaft tropfte ins Feuer, Funken zischten. Fröstelnd saß Meredith auf dem kalten Erdreich. Unter dem zerrissenen Kleid zog sie die Beine an und versuchte, sie zu wärmen. Obwohl sie sich nach der Wärme des Lagerfeuers sehnte, war ihr die kühle Nachtluft lieber als die Gesellschaft dieser drei Männer. Genüsslich bissen sie ins Hasenfleisch.
Während sie ihnen zuschaute, lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie war. Voller Neid beobachtete sie Cameron, der den Bratensaft von seinen Fingern leckte. Wollte er sie verhungern lassen?
Doch nun ergriff er sein Messer und schnitt eine Hasenkeule ab. Dann schaute er zu ihr herüber. »Seid Ihr hungrig?«
Zunächst fühlte sie sich versucht, die Frage zu überhören. Doch das wäre unklug. Und sie konnte auch gar nicht lügen, denn ihr Magen begann laut zu knurren. »Ja«, gab sie leise zu und erwiderte seinen Blick nur kurz.
Da hielt er ihr die Hasenkeule hin. Nach kurzem Zögern ging sie zu ihm und bückte sich, um die Mahlzeit zu ergreifen, die ihr gereicht wurde. Zu spät erkannte sie ihren Fehler – das schmutzige Kleid war ihr viel zu groß, der Ausschnitt verrutschte und entblößte ihre rechte Schulter, was den forschenden grauen Augen nicht entging.
Hastig zog sie das Kleid nach oben. Darunter war sie nackt, was ihr wieder einmal schmerzlich bewusst wurde.
Sie nickte wortlos, um sich für die Hasenkeule zu bedanken. Dann kehrte sie zu ihrem Platz unter der Eiche zurück. Während sie ihren Hunger stillte, überdachte sie, was sie an diesem Tag erfahren hatte. Blut war geflossen, auf beiden Seiten – das Blut der MacKays und der Munros. Aber sie konnte einfach nicht glauben, dass ihr Vater ein Gemetzel dulden würde, wie Cameron es beschrieben hatte.
Irrte er sich?
Offensichtlich hegte er keinen Zweifel an der Schuld ihres Vaters.
Nun wurde ein Trinkhorn herumgereicht, mit Ale gefüllt. Cameron bot Meredith einen Schluck an, den sie ablehnte. Langsam verstrich die Zeit. Über dem Feuer flackerte nur schwaches Licht. Mittlerweile achtete der Anführer nicht mehr auf seine Gefangene. Aber Egan und Finn musterten sie mit kaum verhohlenem Hass.
Egan strich über die Narbe an seiner Wange, ein höhnisches Lächeln kräuselte seine Lippen. »Könnt ihr euch das vorstellen? Red Angus hat nur ein Kind!«
Grinsend stieß Finn ihn an. »Weil er kein richtiger Mann ist! Was glaubst du, woran er leidet? Warum ist sein Samen nicht geflossen?«
