Der falsche Engel - Polina Daschkowa - E-Book
Beschreibung

Julia ist eine erfolgreiche Schönheitschirurgin in einer Privatklinik. Erst vor kurzem hat sie der berühmten Popsängerin Angela das zerschundenen Gesicht wieder hergerichtet. Angelas reicher Freund, ein berüchtigter Mafiaboss, hatte sie in einem Anfall von Eifersucht zusammengeschlagen. Auch Julia lebt gefährlich, wenn sie zu viel über ihn weiß. Doch damit nicht genug: Eines Tages wird sie nachdrücklich vom Geheimdienst gebeten, in einer Klinik außerhalb der Stadt das Gesicht eines Patienten zu verändern - er soll die Identität eines anderen annehmen. Bei einer zufälligen Begegnung erkennt Angela in diesem neuen Gesicht den Mann, der Anlass für ihren handgreiflichen Streit mit dem Mafioso war …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:544

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Sammlungen



Polina Daschkowa

Der falsche Engel

Roman

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

Impressum

Titel der Originalausgabe unter dem Titel»Cheruwim«erschien 2001 im Astrel-Verlag, Moskau.

ISBN E-Pub 978-3-8412-0295-6ISBN PDF 978-3-8412-2295-4ISBN Printausgabe 978-3-7466-2524-9

Aufbau Digital,veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2011© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, BerlinDie deutsche Erstausgabe erschien 2007 bei Aufbau;Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG© by Polina Daschkowa 2002

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung capa, Anke Feselunter Verwendung eines Fotots von Kai Dietrich / bobsairport

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Menü

Buch lesen

Innentitel

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Impressum

Inhaltsübersicht

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Zweiunddreißigstes Kapitel

Dreiunddreißigstes Kapitel

Vierunddreißigstes Kapitel

Fünfunddreißigstes Kapitel

Sechsunddreißigstes Kapitel

Siebenunddreißigstes Kapitel

Achtunddreißigstes Kapitel

Neununddreißigstes Kapitel

Vierzigstes Kapitel

Erstes Kapitel

Eine weiße Flamme zuckte auf, aber vollkommen lautlos. Der Scharfschütze hatte einen Schalldämpfer aufgesetzt und feuerte ununterbrochen. Immer auf ein und denselben Punkt. Die weißen Blitze dehnten sich zu zitternden langen Strichen und flossen langsam dahin, zu langsam für eine Schießerei – wie es nur im Traum geschieht.

Sergej versuchte das Dickicht des Traums zu durchbrechen, er begann die Feuerstriche zu zählen, und bei sieben merkte er, dass seine Augen längst offen waren; es gab keine Schüsse, nur eine Reihe gleichförmiger eisiger Lichter.

Er spürte weder Arme noch Beine, er schien überhaupt keinen Körper mehr zu haben. Wahrscheinlich lag er noch am Fuß des kahlen Berges am Dorfrand, und sein Skelett wurde von verwilderten Hunden abgenagt, die sich zu Beginn des Krieges von ihren Ketten vor den verlassenen und verbrannten Häusern losgerissen hatten und nun in Rudeln über Tote und Lebende herfielen.

Major Loginow war tot, anders konnte es nicht sein. Er war gefallen, und seine unsterbliche Seele passierte nun einen langen schmalen Tunnel, flog hindurch wie eine Kugel durch einen Gewehrlauf, aber tausendmal langsamer. So war das also – wie schön, so still und überhaupt nicht beängstigend.

Indessen zersplitterte die Stille, und Sergej vernahm ein gleichmäßiges Gummigeraschel, dann entferntes, undeutliches Gemurmel. Die Geräusche traten allmählich hervor, wie die Konturen auf einem Abziehbild.

»Gib ihm einstweilen weiter Glucose und beobachte Blutdruck und Herz«, sagte ein munterer Bariton mit leichtem kaukasischem Akzent. »In ein paar Stunden, wenn die Narkose nachlässt, verabreichst du ihm was gegen die Schmerzen. Das wars, Katja, ich geh jetzt essen. Heute Abend schaue ich wieder bei ihm vorbei.«

»Alles klar, Hamlet Rubenowitsch«, antwortete ein heller Sopran eifrig.

»Alles klar, alles klar«, knurrte der Bariton, während er sich entfernte, »pass auf, dass seine Nähte anständig versorgt werden. Ich vollbringe nicht jeden Tag solche Wunder. Eine intrakortikale Transplantation, das ist was anderes, als eine Verstauchung richten.«

»Keine Sorge, Hamlet, geht alles in Ordnung!«

Die langen Lichter schwebten noch immer langsam über seinem Kopf dahin. Dann erschien ein junges rundes Gesicht mit blauen Augen, gelbblondem Schopf und kleinen Sommersprossen.

»Hallo«, sagte das Mädchen und lächelte, »wie fühlen wir uns?«

»Meine Beine«, hauchte er.

»Gib nicht an, dir tut noch nichts weh!« Das Mädchen schüttelte den Kopf und machte ein strenges Gesicht.

»Nein«, stimmte er zu, »es tut nichts weh.«

»Was hast du dann?«

»Sind Sie noch da?«

»Na klar!« Wieder ein Lächeln, übers ganze Gesicht – kleine, blendendweiße Zähne. »Intrakortikale Transplantation nach der Methode von Doktor Awanessow.«

Das klang rätselhaft, aber überzeugend.

Er atmete gierig durch die Nase ein. Es roch nach Kaliumpermanganat und Seife. Alles war seltsam und neu, selbst das eigene Atmen. Der Körper gewann an Gewicht, an Schwere, und irgendwo tief drinnen, im Knochenmark, erwachte der Schmerz. Er saß in den Beinen, kroch bis zur Leibesmitte und wurde schwächer. Dann begann schmerzfreies Gebiet. Der Rest war heil.

Das Rollbett blieb stehen. Der weiße Flur endete in einer grell erleuchteten Sackgasse.

Die Augen waren erschöpft vom Licht, die Lider schwer, die Decke schwankte und entschwebte. Sergej hörte neue Stimmen, nun wie aus der Ferne, obwohl er begriff, dass sie ganz nah waren, und spürte, wie er umgebettet wurde. Er versuchte sich zu bewegen, den Arm zu heben, aber sein Körper gehorchte ihm nicht.

»Zappel nicht so rum, ich muss den Tropf anbringen«, sagte die vertraute Frauenstimme direkt neben seinem Ohr. »Du bist im Hospital, auf der Intensivstation.«

»Was ist mit mir passiert?«

»Es ist jedenfalls vorbei. Jetzt ist alles in Ordnung.«

»Erzähls mir«, bat er, nur mit Mühe die Zunge bewegend, »wie bin ich hierhergekommen? Was ist das für ein Hospital?«

»Na schön.« Sie setzte sich auf einen Stuhl neben seinem Bett. »Reden darfst du noch nicht, aber zuhören schon. Ich werde reden, und du versuchst einzuschlafen. Gut?«

Er schloss zustimmend die Augen.

»Du lagst im Koma, du hast eine schwere Operation hinter dir. Das Schlimmste ist überstanden. Du solltest dich freuen wie ein Kind. Sie haben dich quasi Stück für Stück wieder zusammengeflickt. Anfangs war gar nicht daran zu denken, deine Beine zu retten. Manche haben bezweifelt, dass du überhaupt aus dem Koma erwachst. In diesem Zustand konntest du natürlich nicht operiert werden. Es wurde ein Konsilium einberufen. Und da erschien seine Majestät Doktor Awanessow. Er kam aus dem Urlaub, untersuchte dich und sagte: Warum amputieren? Neue Beine wachsen ihm schließlich nicht. Und weißt du, wie du deine Zustimmung geäußert hast? Du bist aus dem Koma erwacht.«

Zum ersten Mal seit Monaten schlief Major Loginow ruhig ein.

In einer regnerischen Märznacht trat ein nackter junger Mann auf den Balkon im dritten Stock eines hohen Ziegelbaus am Stadtrand von Moskau, zündete sich eine Zigarette an und schaute auf den menschenleeren, großzügig beleuchteten Hof. Unter den vielen Autos funkelte sein neuer silbergrauer VW Beetle. Er hatte sich den Wagen vor einer Woche gekauft, und die kindliche Freude am neuen Spielzeug hielt noch an.

Stanislaw Gerassimow war sechsunddreißig, sah aber zehn Jahre jünger aus und fühlte sich wie ein kleiner Junge. Er war um halb drei von einem bösen Traum erwacht. Er hatte geträumt, dass ihm die Zähne ausfielen. Er sah deutlich vor sich, wie er sie in die Hand spuckte und in seinem Mund die nackten, geschwollenen Kiefer mit den empfindlichen Wundmalen zurückblieben. Er erwachte schweißnass, blieb noch fünf Minuten liegen, schaute an die Decke und tastete mit der Zunge seine gleichmäßigen, kräftigen Zähne ab. Um sich endgültig zu beruhigen, ging er auf den Balkon, nackt wie er war, weil er sich in der fremden Wohnung schlecht auskannte und nicht sofort einen Bademantel fand, nicht einmal seinen eigenen Slip. Die eisigkalte Luft war angenehm erfrischend, auf dem Fensterbrett entdeckte er Zigaretten, zündete sich eine an, beugte sich über die Brüstung und bewunderte sein nagelneues Auto.

»Ein toller Wagen«, murmelte er fröstelnd. »Welcher Idiot hat behauptet, der sei nur was für Frauen?« Er gähnte, drückte die Zigarette aus und wollte schon hineingehen, als er eilige, leichte Schritte hörte und gedämpfte Stimmen. Im nächsten Augenblick traten zwei Männer in den Lichtkegel. Stanislaw sah dunkle, bis zu den Augen heruntergezogene Stoffmützen, Jogginghosen mit Streifen an der Seite und Joggingjacken. Einer der beiden trug eine kleine Tasche über der Schulter. Sie blieben vor dem Volkswagen stehen, hockten sich hin und schauten unter das Auto.

Den Wagen zu stehlen war faktisch unmöglich. Außerdem war er viel zu auffällig. Beetles, noch dazu in Silbergrau, gab es in Moskau nur ganz wenige.

Na los, ihr Schwachköpfe, probierts nur, dachte Stanislaw schadenfroh. Gleich geht die Alarmanlage los, und ihr seid wie der Blitz weg …

Kurz darauf wurde ihm heiß. Er begriff, dass die beiden den Wagen gar nicht stehlen wollten. Der eine legte sich auf den nassen Asphalt und kroch unter das Auto. Der andere blieb daneben hocken.

Die Hitze wich einem Anfall von Schüttelfrost. Stanislaw beugte sich über die Balkonbrüstung und wollte rufen: »Hallo! He, Männer, was soll das?« Doch nun erhob sich der Hockende und legte den Kopf in den Nacken, und Stas sprang ohne einen Laut zurück. Als er wieder hinuntersah, war niemand mehr auf dem Hof.

Er ging zurück ins Zimmer und rief die Miliz an. Die Einsatzgruppe kam nach zehn Minuten, und nach weiteren zwanzig Minuten traf ein Spezialistenteam des FSB ein, das am Boden des Wagens eine ziemlich starke Sprengladung entdeckte.

»Tja, Stanislaw Wladimirowitsch, herzlichen Glückwunsch«, sagte der junge lächelnde FSB-Ermittler, »das Zeug hat eine Sprengkraft von rund dreihundert Gramm TNT.«

»Vielen Dank«, erwiderte Stanislaw ironisch.

»Schade, dass Sie die Täter so schlecht gesehen haben. Schade!« Der FSB-Mann schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. »Sonst könnten wir gleich ein Phantombild anfertigen. Konnten Sie die Gesichter wirklich gar nicht erkennen?«

»Nein«, erwiderte Stas, »nur undeutliche Flecke. Und Stoffmützen.«

»Vielleicht irgendwas Auffälliges? Bart, Schnauzbart?«

»Nein. Der, der nicht unters Auto gekrochen ist, hatte ganz bestimmt keinen Bart. Über den Zweiten kann ich nichts sagen. Ich hab nur Hosen mit Streifen gesehen und helle Turnschuhe. Vielleicht warens auch keine Turnschuhe.«

»Haben Sie irgendeine Vermutung?«

Stas schüttelte wortlos den Kopf.

»Und wenn Sie mal genau überlegen?« Der Ermittler trank einen Schluck von dem starken Kaffee, den die Wohnungsinhaberin freundlicherweise gemacht hatte, stand auf und lief in der geräumigen Küche hin und her. »Fangen wir mit dem Wichtigsten an. Wer wusste, dass Sie heute hier übernachten wollten?« Er schaute von Stanislaw zu der Hausherrin, einer kleinen hellblonden Frau um die dreißig mit einem Puppengesicht und enormem Busen. Sie stand rauchend am Fenster und blinzelte häufig – vom Rauch oder aus Nervosität.

Der Ermittler wusste bereits, dass Galina Katscherjan, geboren 1970, verheiratet, hier mit ihrem Mann und ihrem achtjährigen Kind wohnte. Der Mann war auf einer Dienstreise, das Kind bei der Oma.

»Das konnte niemand wissen!« Ihre Stimme klang sehr hoch und schrill. Sie redete wie ein Maschinenengewehr – da sie einmal angefangen hatte, konnte sie nicht aufhören. »Ich meine, keiner, keine Menschenseele, wir wussten ja selber nicht, dass er hierbleiben würde, das hat sich einfach so ergeben, er kam am Abend vorbei, um mich zu besuchen, ich bin nämlich krank, erkältet, ich hab Halsschmerzen, darum hab ich meinen Sohn zu meiner Mutter geschickt, sonst steckt er sich noch an, nicht? Stas hat mir Medikamente gebracht, als guter Freund, verstehen Sie?« Sie ging rasch zum Büfett, stellte sich auf Zehenspitzen und holte eine grüne Tüte mit der Aufschrift »Apothekenverbund 36,6« hervor. Sie war noch unausgepackt, die Patientin hatte wohl doch nicht gegurgelt.

»Moment mal.« Der Ermittler runzelte die Stirn und schob die Tüte beiseite. »Kennen Sie sich schon lange?«

»Schon sehr lange, seit unserer Kindheit. Meine Oma war seine Kinderfrau, und seine Eltern sind sehr nette Leute. Wladimir war General, bei der Sicherheit, jetzt ist er in Rente. Natalja ist eine herzensgute Frau. Eine wunderbare Familie. Stas und ich haben seit unserer Kindheit ein herzliches, verwandtschaftliches Verhältnis zueinander. Bitte, erzählen Sie meinem Mann nichts! Das heißt, ich meine, wenn er erfährt, dass Stas einfach vorbeigekommen ist, daran ist natürlich überhaupt nichts Schlimmes. Stas hat meinen Mann in seiner Firma eingestellt, Ruben ist Grafiker, und Stanislaws Firma befasst sich mit Werbedesign … Bitte, ich flehe Sie an, ich habe ein Kind; können Sie das nicht irgendwie vertuschen?«

»Was?« Der Ermittler, wie hypnotisiert von ihrem schrillen Redestrom, kam wieder zu sich. »Einen Mordanschlag vertuschen?«

»Nein!«, rief Galina erschrocken. »Nein, natürlich nicht den Anschlag, aber wenigstens die Uhrzeit. Sie könnten meinem Mann sagen, dass Ganze sei nicht um drei Uhr nachts passiert, sondern zum Beispiel um zehn Uhr abends, ja?«

»Galina, sei so gut und beruhige dich«, stöhnte Gerassimow.

Aber sie konnte sich nicht beruhigen, sie hatte endlich begriffen, was geschehen war und was ihr persönlich dadurch drohte.

»Ruben bringt mich um, wenn er das erfährt! Als ob ichs geahnt hätte, ich hab noch zu dir gesagt: Geh … Aber du … Genosse … Ich meine, Herr Kommissar, Sie haben keine Ahnung, wie eifersüchtig mein Mann ist! Schon wenn mich jemand bloß ankuckt, nur so, dann explodiert mein Ruben, ich meine …«

»Warum gehen Sie dann so ein Risiko ein, wenn Ihr Mann eifersüchtig ist?« Der Ermittler lächelte strahlend und wandte sich an Gerassimow: »Wann sind Sie eigentlich gekommen?«

»Gegen zwölf«, knurrte der und zog eine Zigarette aus der Schachtel.

»Haben Sie vorher angerufen?« Der Ermittler klickte mit dem Feuerzeug und hielt es ihm höflich hin.

»Ja, aber das kann niemand gehört haben. Ich hab gegen sieben vom Handy aus dem Auto angerufen.«

»Das heißt, Sie wurden beobachtet.« Der Ermittler nickte zufrieden. »Haben Sie überhaupt keine Vermutung? Wem sind Sie im Wege?« Erneut bedachte er Gerassimow mit seinem strahlenden Lächeln.

»Was reden Sie denn da!« Galina schlug erschrocken die Hände zusammen. »Warum jagen Sie ihm Angst ein? Stas kann keine Feinde haben, alle mögen ihn, ich meine, vielleicht war das Ganze ein Irrtum, eine Verwechslung?«

Weder der Ermittler noch Gerassimow reagierten auf ihre Mutmaßung. Sie verstummte, sah erschrocken von einem zum anderen, Gerassimow erhob sich abrupt und sagte mit hölzerner Stimme: »Entschuldigen Sie, ich muss nach Hause. Wenn es noch Fragen gibt, Sie haben meine Telefonnummern, zu Hause, mobil und in der Firma. Alles Gute.« Auf dem Weg in den Flur stopfte er sich das Hemd in die Hose.

»Warten Sie, Stanislaw, wir sind noch nicht fertig«, sagte der Ermittler erstaunt. »Vielleicht hatten Sie mit jemandem Streit? Verstehen Sie doch, das ist wichtig!«

»Mir geht es nicht gut«, entgegnete Gerassimow und hob, ohne sich umzudrehen, die Arme, als wolle er sich ergeben. »Ich habe Kopfschmerzen, verstehen Sie, ich muss eine Weile allein sein.«

»Du hast dich angesteckt!«, rief Galina. »Wir müssen Fieber messen, bei mir hat es auch mit Kopfschmerzen angefangen, und dann kam der Hals. Warte, mein Lieber, warte!«

Aber er schlüpfte schon in seine Schuhe, und im nächsten Augenblick schnappte das Türschloss ein. Der Ermittler vertiefte sich in sein Protokoll und notierte eilig und nervös etwas. In der Küche herrschte drei Minuten lang tiefe Stille, man hörte die Tropfen in die Spüle platschen. Galina drehte am Hahn, vor Anstrengung errötend. Doch das Wasser tropfte weiter.

»Ich muss einen Klempner rufen.« Sie sank auf einen Hocker, dem Ermittler gegenüber, zog eine Zigarette hervor, und als er sich von seinem Protokoll losriss und für sie sein Feuerzug klicken ließ, fing sie seinen Blick auf und flüsterte seltsam leise: »Tun Sie irgendwas, lassen Sie ihn bewachen, finden Sie den Auftraggeber. Ich sterbe, wenn er getötet wird.«

Zweites Kapitel

Der Wecker meldete sich mit Vogelgezwitscher. Julia Tichorezkaja tastete mit geschlossenen Augen auf dem Nachttisch herum, um den unseligen Piepser abzuwürgen, und beförderte ihn dabei unversehens auf den Fußboden. Nach einem kläglichen Klirren verstummte er.

Julia drehte sich auf die andere Seite, zog sich die Decke über den Kopf und entschied, noch zehn Minuten liegen zu bleiben, schlief aber wieder ein und sprang erst um acht auf, als draußen auf dem Hof das Müllauto lärmte.

Im Nebenzimmer schlief ihre vierzehnjährige Tochter Schura. Julia lief sie wecken, und beide rannten in wilder Hast durch die Wohnung, sich gegenseitig anknurrend. Schura hatte in der ersten Stunde Algebra, das Fach, das sie am wenigsten mochte, und das Verhältnis zwischen ihr und der Mathelehrerin mit dem Spitznamen Viper ließ auch zu wünschen übrig.

»Du wirst sehen, sie schleift mich zum Direktor, wenn ich zu spät komme«, greinte Schura, die, auf einem Bein hüpfend, versuchte, in ihre Hose zu schlüpfen.

»Du wirst nicht zu spät kommen.« Julia half ihr in die Jeans. »Es ist erst zehn nach acht.«

»Und wenn wir im Stau stecken bleiben? Bitte, kann ich nicht heute schwänzen? Ich schreibe morgen einen Test in Physik, ich werde den ganzen Tag büffeln, bitte, Mama, ich räume endlich mal die Küchenschränke auf und bringe die Wohnung auf Vordermann, wir ersticken schon im Dreck.«

Julia warf eine Banane und einen Apfel in Schuras Rucksack, zog ihren Mantel an und nahm Schuras Jacke vom Haken.

»Schluss jetzt. Hör auf mit dem Gejammer. Wir fahren.«

Schura schniefte und fing so ausdrucksvoll an zu weinen, dass sich Julias Herz zusammenkrampfte, aber sie zog ihre Tochter entschlossen zum Auto, setzte das verheulte und beleidigte Mädchen drei Minuten vorm Klingelzeichen ohne Abschiedskuss vor der Schule ab und raste mit überhöhter Geschwindigkeit weiter zur Arbeit.

Julia war kosmetische Chirurgin in einer großen Privatklinik für plastische Chirurgie.

Bis zur Klinik waren es noch höchstens sieben Minuten, aber auf dem Prospekt Mira geriet sie in einen Stau, wurde nervös und machte sich Vorwürfe, dass sie Schura nicht erlaubt hatte, zu Hause zu bleiben.

Der Stau löste sich realtiv rasch auf. Julia kam nicht zu spät, musste aber die Hoffnung auf eine Tasse Kaffee, ein Sandwich und eine Zigarette vor der Sprechstunde aufgeben.

Natürlich wird die Viper sie aufrufen, dachte Julia gereizt, während sie ihren weinroten Škoda vor der Klinik einparkte, heute wird alles schieflaufen, das ist einfach ein Gesetz. Nach einem so nervösen, furchtbaren Morgen ist nichts Gutes zu erwarten. Na bitte, es geht schon los!

Auf der breiten Kliniktreppe vertrat ihr eine hochgewachsene, kerzengerade Dame um die vierzig in offenem beigefarbenem Mantel, tadellos frisiert und manikürt, den Weg.

»Entschuldigung, sind Sie Doktor Tichorezkaja?«

»Ja, bitte?«

»Guten Tag, Julia.« Das Gesicht der Dame zerfloss zu einem Hollywoodlächeln. »Sehr angenehm. Ich heiße Nina. Das ist meine Tochter Swetlana. Wir kommen von Valeria.«

Die Tochter war höchstens achtzehn. Sie hielt sich sehr krumm. Das aschblonde glatte Haar fiel ihr ins Gesicht. Die abgetragene hellblaue Jeans umschlackerte sie wie ein Sack, darüber hing eine weite schwarze Männerjacke aus Segeltuch.

»Entschuldigen Sie.« Julia schob die Dame sanft beiseite, die Glastür schwang auf.

Julia nickte den Wachleuten zu und lief durch das Foyer zur Treppe, doch die Dame in Beige verstellte ihr erneut den Weg.

»Valeria hat Sie sehr treffend beschrieben. Groß, gut aussehend, braunes, kurzgeschnittenes Haar. Ich habe Sie sofort erkannt, gleich, als Sie aus dem Auto stiegen.«

Julia hätte schwören können, dass sie keine Valeria kannte. Aber die Dame in Beige, als hätte sie ihre Gedanken gelesen, erklärte: »Valeria Jewgenjewna hat sich vor einem Jahr bei Ihnen ein Facelifting machen lassen. Ich habe vorher nicht geglaubt, dass so etwas in unserem Land, bei unserer schrecklichen Medizin, überhaupt möglich ist, bis ich mich mit eigenen Augen davon überzeugt habe. Valeria Jewgenjewna sieht zwanzig Jahre jünger aus, und ohne jede Narbe oder Schwellung.«

»Das freut mich sehr.« Julia legte einen Schritt zu und stürmte die Treppe hinauf, drei Stufen auf einmal nehmend. Sie musste vor der Sprechstunde doch unbedingt noch einen Schluck Kaffee trinken und einen Happen essen, sonst würde ihr in einer halben Stunde der Magen so knurren, dass es die Patienten hören konnten.

»Entschuldigen Sie um Himmels willen, Julia.« Die Dame überholte sie und flüsterte leicht kurzatmig: »Hätten Sie nicht ein paar Minuten für uns?«

»Gern, aber ich habe gleich Sprechstunde und bin sehr in Eile. Haben Sie etwas Dringendes?«

»Aber wir wollen doch zu Ihrer Sprechstunde!«, verkündete die Dame freudig.

»Nun, dann sollten Sie im Wartezimmer Platz nehmen. Dort ist es bequemer als auf der Straße.«

»Sehen Sie, ich wollte mit Ihnen gern erst einmal in ungezwungener Umgebung reden, wir sind ein besonderer Fall, und Valeria hat Sie sehr empfohlen, sie hat gesagt, Sie seien nicht nur eine großartige Ärztin, sondern auch ein sensibler, taktvoller Mensch, was ja heutzutage recht selten ist.«

Inzwischen hatten sie die dritte Etage erreicht und standen vor dem Sprechzimmer.

»Warten Sie bitte hier.« Julia wies mit einem Kopfnicken auf eine Reihe weicher Ledersessel. Dort saßen bereits vier Frauen verschiedenen Alters und ein dicker junger Mann im schwarzen Anzug.

Julia verschwand hinter der Tür und hörte die Dame in Beige mit scharfer Stimme sagen: »Für die Siebenundzwanzig sind wir die ersten, wir haben einen Termin um neun.«

Im Sprechzimmer roch es nach Kaffee. Auf dem Tisch stand eine dampfende Tasse, daneben ein Teller mit einem Käsebrot. Die blutjunge Schwester Vika tuschte sich vor einem Spiegel die Wimpern. Noch fünf Minuten. Der Chefarzt Pjotr Mamonow war ein Pünktlichkeitsfanatiker. Punkt neun flammten über allen Sprechzimmertüren automatisch die Schilder »Bitte eintreten« auf. Julia konnte gerade noch in ihren Kittel schlüpfen, sich das Brot in den Mund schieben und den Kaffee hinterherschütten.

Mutter und Tochter kamen, ohne anzuklopfen, herein. Vor Julia lag eine Karteikarte, auf der stand: »Wassilkowa Swetlana, geboren 1983.«

»Nun, Swetlana, was ist dein Problem?« Julia lächelte das Mädchen freundlich an. Swetlana saß auf der Stuhlkante, den Kopf tief gesenkt, das Gesicht hinter ihrem Haar verborgen.

»Sie meint, sie hat eine zu große Nase«, erklärte die ältere Wassilkowa energisch und schob ihrer Tochter das Haar aus dem Gesicht. »Außerdem findet sie ihre Wangenknochen zu breit, ihre Augen zu klein und ihren Mund nicht richtig geformt.«

Die jüngere Wassilkowa schüttelte den Kopf und verbarg erneut ihr Gesicht.

»Und außerdem glaubt sie, sie wäre zu dick.«

»Wieviel wiegen Sie?« fragte Julia das Mädchen.

»Dreiundfünfzig Kilo, bei einer Größe von eins fünfundsiebzig«, antwortete die Mutter an ihrer Stelle.

»Aber meine Liebe, Sie sind untergewichtig«, meldete sich Schwester Vika.

»Für Models ist die Norm maximal fünfzig, bei einer Größe von eins achtzig«, brummte das Mädchen, ohne jemanden anzusehen.

»Unsinn« – Julia schüttelte den Kopf –, »das ist ungesunder, gefährlicher Unsinn. Wenn man so mager ist, kommt es zu Stoffwechselstörungen, die Monatsblutungen bleiben weg, Haare und Zähne fallen aus, man kann ein Magengeschwür und Furunkel bekommen.«

»Da, hörst du das? Wenn du mir nicht glaubst, hör wenigstens auf die Mediziner, die sind Profis!«, rief die Mutter.

»Na schön, schauen wir uns mal die Nase an.« Julia stand auf und trat zu dem Mädchen. »Drehen Sie sich bitte zum Licht, und den Kopf bitte etwas höher.«

Endlich sah Julia das Gesicht der Unglücklichen.

Wie sie schon vermutet hatte, war es harmonisch und hübsch. Ohne die krankhafte Magerkeit, die krumme Haltung und den gehetzten Ausdruck der Augen wäre das Mädchen eine echte Schönheit gewesen.

»Nun, und was möchten Sie gern verändern?«

»Alles«, flüsterte Swetlana kaum hörbar und schluckte krampfhaft.

»Können Sie mir erklären, warum?«

»Weil ich hässlich bin.«

»Hat Ihnen das jemand gesagt oder ist das Ihre eigene Meinung?«

»Das braucht mir niemand zu sagen. Das sieht man doch«, murmelte das Mädchen und krümmte sich noch stärker zusammen.

»Stehen Sie bitte auf.« Julia führte sie zum Spiegel, schob ihr das Haar aus dem Gesicht und klopfte ihr mit der flachen Hand leicht auf den Rücken. »Gerade halten, halten Sie sich gerade. Den Kopf hoch. Wissen Sie, dass Sie ideale Gesichtszüge haben? Leute, die zu mir kommen, weil sie eine andere Nase wollen, wünschen sich in neun von zehn Fällen eine Nase wie Ihre. Sie sind ein sehr schönes Mädchen, Sie haben überhaupt keinen Grund …« Julia stockte, weil sie im Spiegel Swetlanas Gesicht sah. Es wirkte tatsächlich kläglich und hässlich, trotz der regelmäßigen Züge.

»Na schön« – Julia seufzte –, »warten Sie bitte draußen. Ich muss mit Ihrer Mutter reden.«

Als die Tür sich hinter dem Mädchen geschlossen hatte, stürmte die Mutter zu Julia, packte sie am Arm und flüsterte ihr ins Gesicht, wobei sie sie in teuren Parfümduft hüllte: »Das ist vollkommen zwecklos, Doktor. Man kann sagen, was man will. Sie hört nicht zu. Man muss irgendwas tun, aber ich weiß nicht, was. Ich bin furchtbar erschöpft. Swetotschka ist mein einziges Kind.«

»Sie müssen zum Psychiater«, bemerkte die Schwester phlegmatisch.

»Da waren wir schon«, schluchzte die Dame, »bei Psychiatern, bei Psychologen, bei zwei Wunderheilern, bei einem Hypnotiseur und sogar bei einer Hexe. Nichts hat geholfen. Ich flehe Sie an, operieren Sie sie, machen Sie irgendwas an Ihrem Äußeren, egal was, Nase, Augen, Lippen, schneiden Sie an der Taille was weg oder an den Hüften, Hauptsache, sie beruhigt sich und isst wieder normal. Ich zahle jeden Preis.«

»Kennen Sie ihre Freundinnen?«, erkundigte sich Julia düster.

»Was haben ihre Freundinnen damit zu tun?« Die Dame schneuzte sich laut.

»Bei Mädchen entstehen solche Probleme häufig durch die Freundinnen, die gern alle möglichen Gehässigkeiten sagen, von wegen: zu große Nase, zu kleine Augen, zu dick.«

»Ach, ich weiß nicht, ich weiß nicht.« Die Wassilkowa schüttelte den Kopf. »Es muss etwas geschehen, das ist doch der reinste Alptraum!«

»Vielleicht ist sie unglücklich verliebt?«, mutmaßte die Schwester.

»Sie meidet junge Männer wie die Pest. Wenn jemand sich für sie interessiert, glaubt sie, er will sie nur verhöhnen. Julia Nikolajewna, ich flehe Sie an, operieren Sie sie.«

»Ihre Tochter braucht keine Operation.« Julia spürte, dass sie die Geduld verlor. »Ich weiß nicht, welche Spezialisten Sie konsultiert und was die Ihnen geraten haben, aber ihre Tochter braucht psychologische, möglicherweise psychiatrische Hilfe.«

»Meine Tochter ist nicht verrückt!«, rief die Wassilkowa. »Wollen Sie etwa, dass man sie fürs ganze Leben mit einer schrecklichen Diagnose abstempelt? Dass man sie mit allen möglichen Psychopharmaka vollstopft, die schlimmer sind als Drogen?« Sie stürmte erneut zum Schreibtisch, stützte sich mit beiden Händen darauf und beugte sich zu Julia. »Brauchen Sie etwa kein Geld? Ich bezahle die Operation, und Sie sind verpflichtet, sie zu übernehmen!«

Die Tür wurde aufgerissen, auf der Schwelle stand Swetlana.

»Hör auf, Mama!«, rief sie mit hoher, überkippender Stimme. Sie lief zum Tisch, packte ihre Mutter am Arm und zog sie weg. Die schrie weiter, verließ jedoch türenknallend das Sprechzimmer.

»Ein Irrenhaus«, kommentierte die Krankenschwester kopfschüttelnd.

Julia nickte stumm. Sie hätte gern eine Zigarette geraucht und fünf Minuten still dagesessen, aber die Tür ging erneut auf. Der große junge Mann im schwarzen Anzug trat ein und verharrte auf der Schwelle.

»Bitte setzen Sie sich. Ich höre.« Julias Blick glitt über sein rundliches, glattes Gesicht, und sie entschied, dass er vermutlich eine Nasenkorrektur wünschte. Die Nase war lang, spitz, raubtierhaft und beeinträchtigte das ansonsten angenehme Gesicht.

Der junge Mann blickte sich ängstlich um, setzte sich auf die Stuhlkante, senkte den Kopf und nestelte an einem Knopf seines Jacketts.

»Ich höre«, wiederholte Julia.

»Schauen Sie es sich erst einmal an, Doktor«, flüsterte er heiser, ohne den Kopf zu heben.

»Gut.« Julia nickte. »Aber was eigentlich?«

Der junge Mann trat an den Tisch, zog sein Jackett aus, hob das Hemd und drehte Julia den Rücken zu.

»Nun?«, fragte der junge Mann. »Sehen Sie dieses Grauen?«

»Noch sehe ich nichts Grauenhaftes. Seien Sie so gut und erklären Sie mir, was Sie beunruhigt.«

»Die Haare!«, rief er mit dünner Stimme klagend aus. »Sehen Sie genau hin! Haben Sie eine Lupe?«

Sein Rücken war in der Tat ziemlich dicht mit rotem Haar bewachsen.

»Dazu brauche ich keine Lupe. Ziehen Sie sich bitte wieder an«, sagte Julia streng. »Körperbehaarung ist bei einem Mann normal, das ist nichts Schlimmes. Aber wenn die Haare auf dem Rücken Sie stören, müssen Sie in den ersten Stock gehen, dort sitzt die kosmetische Abteilung. Ich bin Chirurgin, ich befasse mich mit anderen Dingen.«

»Ich kenne alle diese Methoden. Aber ich bin ein besonderer Fall. Ich brauche einen Chirurgen.«

»Wieso einen Chirurgen?«

»Nehmen Sie eine Lupe, Doktor«, wiederholte er, ohne sich zu rühren. »Schauen Sie genau hin, dann werden Sie verstehen.«

Julia untersuchte gewissenhaft die roten Haare auf dem Rücken des Patienten. Wer weiß, vielleicht hatte er dort einen juckenden Ausschlag, der ihn rasend machte?

»Nun, wissen Sie jetzt Bescheid?«, fragte der junge Mann.

»Ehrlich gesagt, nicht ganz.« Julia legte die Lupe beiseite. Er hatte keinen Ausschlag.

»Sehen Sie denn nicht, wie sie sich bewegen?«, flüsterte er, ließ das Hemd fallen und wandte sich zu Julia um. »Oh, ich schließe nicht aus, dass sie sich verstellen. Das können sie nämlich, wissen Sie. Sie stellen sich still und harmlos, aber sobald ich nicht aufpasse, legen sie los. Es sind Tausende, Hunderttausende, und jedes einzelne ist eine hochempfindliche Antenne. Sie empfangen Signale von einer geheimen CIA-Basis. Mein Körper wird beeinflusst. Verstehen Sie jetzt, dass man sie restlos entfernen muss, mitsamt den Wurzeln?«

»Ja, ich verstehe.« Julia nickte brav. »Aber in der Kosmetikabteilung wird man damit problemlos fertig. Durch Elekroepillation kann man die Haarwurzeln vernichten, auch mit neuartigen Laserverfahren.«

»Ich brauche eine Hauttransplantation«, kiekste der junge Mann.

»Gut.« Julia nickte. »Aber vorher müssen Sie alle nötigen Labortests machen lassen und verschiedene Fachärzte aufsuchen.«

»Was denn für Fachärzte?« Sein Lächeln wich einer besorgten Miene.

»Innere, Kardiologie, Allergologie, Psychiatrie«, zählte Julia streng auf.

»Aber das hier ist doch eine Privatklinik!«, schnaubte der junge Mann. »Wozu das alles?«

»Das ist üblich. Sonst kann ich Sie nicht operieren. Vika, schreiben Sie bitte die Überweisungen aus«, wandte sie sich an die Schwester, die sich die Hand auf den Mund presste. »Seien Sie so gut und warten Sie draußen. Ich muss den nächsten Patienten hereinrufen.«

Entgegen ihren Befürchtungen verließ der junge Mann das Sprechzimmer ganz ruhig. Als die Tür hinter ihm zugefallen war, lachte Vika laut heraus. Ihre Wangen färbten sich schwarz von der Wimperntusche, sie fiel fast vom Stuhl – ihr Lachen war bestimmt auch im Flur zu hören.

»Ich kann nicht mehr, Julia Nikolajewna, ich kann nicht mehr … Wissen Sie, wer die Nächste ist? Die Protopopowa! Das halte ich nicht aus, Ehrenwort.«

Alla Protopopowa war vor kurzem siebenundsiebzig geworden. Sie hatte schon ein Dutzend plastische Operationen hinter sich und wollte noch mehr. In einer neuen Fernsehserie gefielen ihr Kinn und Nase einer feurigen Mexikanerin, und sie hielt den Ärzten Fotos unter die Nase und verlangte, sie wolle genau das plus ein kleines Lifting, denn »hier ist eine kleine Falte«. Ihr Gesicht war längst eine starre Maske. Wenn man sie abwies, wurde sie wütend, schrieb Beschwerden ans Gesundheitsministerium, ans Innenministerium und an die Steuerbehörde.

»Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass die Verrückten immer gleich scharenweise kommen?« Vika hickste, schneuzte sich laut und wischte sich die Tuschespuren vom Gesicht.

In diesem Augenblick schwebte die alte Protopopowa herein. In der Hand hielt sie ein dickes Hochglanzmagazin, daraus ragten weiße Lesezeichen, und Julia musste ihr lange und geduldig erklären, dass sie sich keinerlei plastischen Operationen mehr unterziehen dürfe. Die Alte überschüttete sie mit den üblichen Beschimpfungen und Drohungen. Als sich die Tür hinter ihr schloss, fühlte sich Julia so erschöpft, als habe sie bei vierzig Grad Hitze ganz allein einen kompletten Güterzug entladen.

Dann kamen noch zwei Damen, zum Glück beide vollkommen normal. Die eine wollte sich die Falten auf der Stirn entfernen lassen, die andere ihre Augenlider korrigiert haben.

Die Sprechstunde war beendet. Julia aß im Café gegenüber der Klinik, rief zu Hause an und erfuhr, dass die Viper Schura nicht aufgerufen hatte und der Tag ganz erträglich verlaufen war.

»Meiner auch«, sagte sie und versprach, heute früher nach Hause zu kommen. Sie musste nur noch zwei stationäre Patienten aufsuchen, dann konnte sie getrost nach Hause gehen.

Doch fünf Minuten nach dem Telefonat mit ihrer Tochter rief der Chefarzt sie zu sich.

Wer hat sich wohl beschwert, dachte Julia auf dem Weg zu seinem Büro.

Mamonow trank Tee und aß Kekse.

«Ich muss mich mit Ihnen beraten. Ich habe hier eine Patientin …« Er verschluckte sich, hustete, Julia ging um den Tisch herum, klopfte ihm auf den Rücken und setzte seinen Satz fort: »die sich beschwert, dass Doktor Tichorezkaja ihr die Operation verweigert?«

Mamonow hatte aufgehört zu husten, wischte sich die schweißnasse Stirn mit einem Papiertaschentuch ab, lehnte sich im Sessel zurück und richtete seine traurigen kleinen Augen auf Julia.

»Wen haben Sie denn heute abgewiesen, Doktor Tichorezkaja?«

»Madam Protopopowa«, erklärte Julia breit lächelnd, »und noch zwei Patienten. Der eine hat verlangt, dass man ihm die Haut vom Rücken schneidet, um die Haare zu entfernen, denn jedes Haar sei eine hochempfindliche Antenne, die Signale von einer geheimen CIA-Basis empfängt.«

»Großartig.« Mamonow nickte ohne das geringste Lächeln. »Und der dritte?«

»Eine Mutter mit einer siebzehnjährigen Tochter. Das Mädchen leidet an Anorexie, Dystrophie und Depressionen, sie fühlt sich hässlich, obwohl sie schön ist. Sie wollen eine Operation. Irgendeine.«

»Aha, soso.« Mamonow nickte gleichgültig, stand auf und fasste nach Julias Arm. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen meine Patientin. Eine ziemlich bekannte Popsängerin, Angela. Sozusagen ein Star. Kennen Sie sie? Nein? Na, unwichtig. Angela Boldjanko. Sie ist zweiundzwanzig. Vor einem Monat wurde sie furchtbar zusammengeschlagen, ihr Gesicht ist total entstellt, es ist alles gebrochen, was man nur brechen kann. Sie wurde am Institut für Kiefer- und Gesichtschirurgie behandelt. Die haben ehrliche Arbeit geleistet, aber ziemlich grob. Alle lebenswichtigen Funktionen sind wiederhergestellt, aber sie hat noch kein Gesicht. Vier kosmetische Chirurgen haben sie bereits abgewiesen.«

Sie betraten das Sprechzimmer nebenan. Auf einem Hocker saß ein geschlechtsloses kleines Wesen. Der kahlgeschorene Kopf war tief gebeugt und pendelte auf dem dünnen Hals hin und her wie bei einer kaputten Puppe.

»Angela, darf ich vorstellen, das ist unsere beste Chirurgin, Julia Tichorezkaja.«

Das Wesen hob langsam den Kopf. Es hatte tatsächlich kein Gesicht. Julia sah eine schiefe Maske voller wulstiger Narben. Die Gesichtsmuskeln waren in einer übertriebenen Leidensmiene erstarrt. Nur die Augen waren noch lebendig. Sie schauten Julia, ohne zu blinzeln, an. Aus ihnen sprachen Verzweiflung und Hoffnung zugleich.

Auf einem hellen Bildschirm hingen zahllose Röntgenaufnahmen, auf dem Tisch lag eine dicke Mappe mit medizinischen Unterlagen.

»Na dann, sehen wir uns das mal an«, sagte Julia mit munterer Stimme, zog sich einen Stuhl heran, berührte die Maske vorsichtig und drehte sie ins Licht.

Major Sergej Loginow erwachte vom Schmerz. Rasch und gebieterisch breitete er sich im unteren Teil seines Körpers aus, von den Füßen bis zur Hüfte, schwoll an und pulsierte in jeder Zelle. Schwester Katja kam, wechselte den Tropf und spritzte ihm ein Schmerzmittel.

Sie erzählte, das Hospital befinde sich in der Nähe von Moskau, der nächste Ort sei die Stadt Taldom. Man habe ihn bewusstlos und im Zustand schwerer Unterernährung hergebracht, seine Beine seien total zermatscht gewesen.

Ihm schien, als rede sie absichtlich so viel, damit er keine überflüssigen Fragen stellte.

»Außerdem hattest du Pediculose. Läuse. Und Ausschlag natürlich. Wie ein typischer Obdachloser. Und so mager warst du, mein Gott! Man hätte dich glatt als anatomisches Anschauungsexemplar benutzen können.«

Er diktierte Katja die Telefonnummer seiner Mutter und bat sie, in Moskau anzurufen. Sie antwortete mit einem stummen Kopfnicken. Als er sie am nächsten Tag fragte, ob sie angerufen habe, erklärte sie, ohne ihn anzusehen, sie habe es versucht, aber es sei niemand rangegangen.

»Dann schick ein Telegramm. Ich diktiere dir die Adresse.«

»Wie denn, Herrgott! Wir sind hier mitten im Wald.« Sie errötete und verzog das Gesicht zu einem qualvollen falschen Lächeln. »Die nächste Post ist in Taldom, fünfzig Kilometer von hier.«

»Du bist eine schlechte Lügnerin«, flüsterte er.

»Was?« Katja wurde flammend rot.

»Nichts … Fünfzig Kilometer, sagst du? Aber das hier ist schließlich keine Wüste.«

»Nein, das nicht. Aber ein geheimes Objekt.« Katja wandte sich beleidigt ab.

»Schon gut, sei nicht sauer. Ich habe verstanden. Aber du lebst schließlich nicht das ganze Jahr hier, du fährst doch ab und zu mal nach Taldom und nach Moskau.«

»Nur im Urlaub. Den hab ich im August, und jetzt ist Februar.«

»Katjuscha, hilf mir bitte, du hast doch auch eine Mutter.« Er griff nach ihrer Hand, aber sie stand abrupt auf und ging hinaus.

Zehn Minuten später kam Awanessow, untersuchte wortlos Loginows Beine, hob seine Pyjamajacke an, fuhr ihm lange mit dem kalten Stethoskop über die Brust, runzelte die Stirn und murmelte vor sich hin: »Gut, gut.« Dann zog er die Decke glatt und sagte ärgerlich: »Warum belästigst du das Mädchen mit dummen Fragen? Sie kann deine Mutter nicht anrufen. Sie darf nicht, verstehst du?«

»Nein.«

»Dieses Hospital gehört zu einem Rehabilitations- und Ausbildungszentrum des Föderalen Sicherheitsdienstes. Ein hochgeheimes Objekt. Wir dürfen niemandem Auskünfte erteilen über unsere Verwundeten.«

»Wieso FSB?«, zischte er, ohne auf eine Antwort zu hoffen.

»Das hat sich so ergeben. Unsere Sondertruppen haben dich aufgelesen. Sie haben dich in ein Militärflugzeug gepackt, in Folie gewickelt wie einen Leichnam. Na, und bei der Landung hast du plötzlich gestöhnt, vielleicht hast du einen Stoss abgekriegt, oder du bist durch den Druckabfall zu dir gekommen, jedenfalls, der Tote war plötzlich lebendig.« Awanessow lachte.

»Weiß meine Mutter, dass ich lebe?«

»Noch nicht.« Awanessow schüttelte den Kopf. »Sie wurde offiziell benachrichtigt, dass du verschollen bist. Aber vergiss nicht, eine Mutter spürt solche Dinge. Sie hat so lange gewartet, wartet sie eben noch eine Weile. Es muss sein. Warum, weshalb – keine Ahnung. Ich kann nur eines sagen: Dass du lebst, weiß überhaupt niemand. Lieg still und mach keine Wellen, du dummer Kerl, freu dich, dass du atmest, dass du wieder gehen wirst und sogar laufen, und stell keine Fragen mehr, verstanden?«

»Nein.«

»Dann vertrau mir einfach. Betrachte es als Befehl. Was bist du? Major, ja? Und ich bin Oberst des medizinischen Dienstes. Also, ich befehle dir, dich am Leben zu freuen und keine Fragen zu stellen, nicht einmal nach deiner Mutter. Entschuldige, mein Lieber. Hab ein wenig Geduld.«

Drittes Kapitel

Die außerplanmäßige Sitzung des Vorstands der Privatbank »Triumph« fand nicht wie üblich im Konferenzsaal statt, sondern im gemütlichen, geräumigen Büro des Vorsitzenden. Die gesamte Vorstandsspitze war versammelt, insgesamt dreizehn Personen. Es ging um die Strategie der Bank angesichts der überraschenden letzten Ereignisse. Gleich fünf hohe Staatsbeamte, Ehrenkunden und Förderer der Bank, die ihr eine Vielzahl legaler und illegaler Dienste erwiesen hatten, waren von ihrem Posten geflogen. Drei waren in den Ruhestand gegangen, gegen zwei liefen Strafverfahren wegen Korruption und Amtsmissbrauchs.

Der Vorsitzende Wladimir Gerassimow, ein hochgewachsener dicker Glatzkopf mit ungesund aufgedunsenem Gesicht, sprach besorgt, abgehackt, heiser keuchend.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!