Der falsche Joker - Joann M. - E-Book

Der falsche Joker E-Book

Joann M.

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Beschreibung

In Janas Leben ist nichts ist mehr wie es war, nachdem sie dem erfolgreichen Arzt Edward begegnet. Trotz des erheblichen Altersunterschieds fängt sie eine Beziehung mit dem viel älteren Mann an, die nicht komplizierter sein könnte. Während die lebensfrohe Studentin zu ihrem Adoptiveltern ein inniges Verhältnis pflegt, hält seine dunkle Vergangenheit Edward davon ab, Kontakt zu seinem Sohn oder seiner Familie zu suchen. Wie das Leben so will, lernt Jana unter tragischen Umständen Edwards Sohn Oscar kennen, der sich in die junge Frau verliebt. Erst nach diversen Trennungen von Edward, gesteht sich Jana ein, dass nicht Edward sondern Oscar der Mann für´s Leben ist. Doch der übermächtiger Edward, seine Millionen und Geheimnisse, stehen selbst nach seinem Tod mehr den je zuvor zwischen Jana und Oscar....

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Seitenzahl: 480

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Joann M.

Der falsche Joker

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

Vier Jahre später...

Impressum neobooks

Prolog

Jana saß am Edwards Krankenbett und sah zum Fenster raus. Die Welt da draußen kam ihr im Moment so fern vor.

Wieder mal kam sie in die Klinik, in der Hoffnung mit Edward reden zu können.

Es schien ihr schier unbegreiflich, dass es wirklich er war, der an das Bett gefesselt direkt vor ihr lag und um sein Leben kämpfte. Der Mann, den sie noch vor nicht all zu langer Zeit als so übermächtig empfand, könnte sich selber nicht mehr helfen. Ihr war danach zu schreien, ihn zu rütteln, damit er aufwachen würde, doch es kam nur ein Flüstern über ihre Lippen.

„Bitte, wach auf.“, sagte sie.

„Verdammt Edward, wach endlich auf.“, sagte sie nach einiger Zeit lauter, als sie paar Stimmen außerhalb des Zimmers vernahm. Jana hoffte, dass es Oscar sein möge, der gleich reinkommen würde.

„Möchten sie was essen?“ Es war Martha, die immer wieder nach ihrem Chef sah.

„Ich weiß nicht.“, antwortete Jana lustlos.

„Sie sehen blass aus. Ich lasse ihnen was bringen.“

Tatsächlich fühlte sich Jana seit Tagen müde und schlapp, schob es jedoch auf den Stress in der Arbeit und die Sorgen um Edward.

Eine junge Krankenschwester, die sie noch nie zuvor gesehen hat, brachte ihr das Frühstück. Erst jetzt merkte Jana wie hungrig sie war. Es fühlte sich an, wie wenn sie schon seit Tagen da sitzen würde ohne Essen und Trinken, wartend auf ein Wort von Edward.

Schon beim Anblick des Essens, wurde ihr so übel, dass sie auf die an das Zimmer angrenzende Terrasse rannte. Jana atmete tief durch um sich nicht übergeben zu müssen.

Was ist nur los mit mir? Was wird mit Edward? Und wo ist Oscar?, fragte sie sich.

Von der Terrasse aus, sah sie den Eingang des Krankenhauses, mit der darüber leuchtenden Aufschrift: „Doktor Kiessling Klinik“.

In Gedanken versunken starrte sie in die Ferne. Eine Ewigkeit war es her, als sie Edward das erste Mal begegnet war und wusste bis heute nicht ob er einen Segen oder einen Fluch über ihr Leben gebracht hat.

1.

„Hallo, jemand zu Hause.“, klopfte Jana an die Tür ihres Mitbewohners.

„Ja...“

„Hey, kommst du mit?“, fragte sie den verschlafenen Dominik.

„Wohin?“

„Na zum Theater.“

„Was?“

„Wach auf.. Theater... Markus hat für uns alle Karten besorgt. In der ersten Reihe.“, betonte sie. „Er wird so enttäuscht sein, wenn wir nicht kommen. Anna und Jonas haben schon abgesagt...“

„Ich weiß, aber ich... Ich bin so fertig.“

„Komm, gib dir einen Ruck, bitte.“

„Ich mag nicht. Ich mag nur schlafen.“

„Er wird echt enttäuscht sein.“

„Wenn du nicht kommst wird er enttäuscht sein. Wir sind nicht so wichtig.“, scherzte Dominik und zog sich die Decke über den Kopf.

Jana blieb nichts anderes übrig, wie sich ohne Begleitung durch den S-Bahn Dschungel bis nach Schwabing zu kämpfen. Da sie an der falschen Station ausgestiegen war, kam sie mit Verspätung im Theater an. Sie ließ es sich nicht anmerken wie peinlich es ihr war, in dem eleganten und einzigen Hosenanzug den sie besaß und dem zum Outwit völlig unpassendem Rucksack, der mit Wäsche randvoll war, nach Vorne zu stolzieren.

In der Pause der gut besuchten Vorführung herrschte ein reges Gedränge, worauf die junge Frau nicht mal versuchte an ein Glas Sekt zu kommen. Sie kam sich ein wenig verloren vor, da sie niemanden kannte und Markus war hinter der Bühne. Mit Wut im Bauch, die sich gegen ihre Mitbewohner richtete, wollte sie zu ihrem Platz kehren, als sie eine männliche Stimme aus den Gedanken riss.

„Ich habe ein Glas zu viel. Möchten sie?“ Ein äußerst attraktiven Mann reichte ihr ein Glas.

„Gerne, danke.“, nahm sie zufrieden an.

„Eine tolle Vorführung, nicht wahr?.“, meinte der dunkelhaariger Mann.

„Ja. Wirklich toll. Mein Freund spielt den Bauer.“, erwiderte Jana stolz. „Mein schwuler Freund.“, fügte sie hinzu. Im gleichen Moment, hätte sie sich für ihre Äußerung Ohrfeigen können.

„Er ist wirklich gut.“, sagte der Mann und streckte ihr seine Hand entgegen.

„Edward.“ stellte er sich vor.

„Jana.“

„Ein schöner Name.“, sagte Edward. Ihm kam an dieser Frau alles schön vor. Sie hatte etwas besonderes an sich.

„Sind sie auf der Durchreise?“ Seine Frage verriet ihr, dass er sie mit ihrem riesigem Rucksack gesehen haben muss, als sie nach ihrem Platz suchte.

„Nein, eher Heimreise.“, lächelte Jana verlegen. „Wir sollten wieder rein.“, meinte sie gleichzeitig, da die meisten Zuschauer wieder Richtung Theatereingang drängten.

„Darf ich sie später auf einen Drink einladen?“ , fragte Edward.

„Ich kann nicht mal bis zum Schluss bleiben, sonst verpasse ich den letzten Zug nach Hause.“

„Schade....Wo sind sie den zu Hause?“

„Am Arsch der Welt, so zu sagen.“, gab Jana von sich und errötete gleichzeitig wegen ihrer Ausdrucksweise. „Zur späten Stunde fahren keine Züge mehr hin.“, lächelte sie.

„Bleiben sie. Ich kann sie fahren.“

„Ich kann doch nicht zu einem Fremden ins Auto steigen. Vielleicht sind sie ein Verbrecher oder Vergewaltiger.“, zog Jana einen ernsten Gesichtsausdruck auf, worauf Edward zum Lachen anfing. „Und auch wenn nicht, kann ich es nicht annehmen.“, fügte sie hinzu.

„Wieso nicht? Ich habe für den Rest des Abends nichts geplant. Ich würde sie gerne näher kennenlernen Jana. Wenn es sein muss, auch während der Autofahrt.“

Der Gedanke, diesen Mann nie wieder zu sehen, gefiel Jana gar nicht, dennoch sage sie: „War nett sie kennen zu lernen.“, und ging.

Weder er, noch sie, konnten sich auf das Theaterstück konzentrieren. Da Edward ein paar Reihen hinter Jana saß, fühle sie sich unwohl und beobachtet. Die zweite Hälfte neigte sich dem Ende zu und Janas Uhr zeigte, dass sie gehen musste. Als sie den Ausgang erreichte, spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter.

„Bleiben sie doch“, horte sie Edward flüstern. „Schauen sie, ich bin kein Verbrecher. Ich bin Arzt und anständig.“, reichte er ihr seinen Personalausweis.

„Steht es hier drin, dass sie anständig sind?“, lächelte Jana, da sie nicht wirklich annahm, dass er ein schlechter Mensch wäre, der ihr was antun möchte.

„Dr. Edward Kiessling“, las sie in seinem Ausweis. Schnell rechnete sie aus, wie alt er sei und musste feststellen, dass er ihr Vater sein könnte. Edward war dreiundvierzig. Nie hätte sie es vermutet.

Er sah sie mit einem verführerischem Blick an, worauf Jana flüsterte: „Na gut, aber wir bleiben hier stehen. Ich will nicht noch mehr Unruhe stiften.“.

Beide lehnten sich gegen die Wand an und verfolgten das Stück bis zum Ende.

Jana war froh geblieben zu sein. Sie ließ es sich nicht nehmen, Markus persönlich zu gratulierten.

„Du warst soooo toll. Fantastisch.“, sagte sie.

„Wirklich?“, fragte Markus verlegen.

„Ja, wirklich. Das weißt du doch. Ich muss jetzt gehen. Falls man mich suchen sollte, bin ich von einem gutaussehendem Doktor, der mich nach Hause fahren wollte entführt worden.“

„Wie?“

„Ich werde dir am Montag Bericht erstatten.“, lächelte Jana und lief davon.

„Pass auf dich auf. Schön, dass du da warst.“, schrie Markus ihr nach.

Jana war sich absolut nicht sicher, ob der charmanter Mann tatsächlich vor´m Eingang des Theaters auf sie warten würde, wie sie vereinbart haben. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass Edward wirklich an der ausgemachten Stelle nach ihr Ausschau hielt.

„Darf ich´s ihnen abnehmen?“, fragte er bezüglich ihres Rucksacks.

„Es geht schon“, sagte Jana schmunzelnd. „Vielleicht wollen sie es klauen“, fügte sie hinzu.

„Ach ja, ich könnte mich ja doch als Verbrecher entpuppen.“, lachte Edward, öffnete die Tür seines Wagens und verstaute jede Menge Ordner wie Papierkram auf den Hintersitz.

„Bitte sehr die Dame.“, ließ er Jana einsteigen und fragte: „Wo ist den am Arsch der Welt?“.

„Burghausen. Sagt´s ihnen was?“

„Sicher, die schöne Burg... Die längste Europas sagt man.. Stunde, ein und halb werden wir brauchen.“, sah Edward auf seine Rolex.

„Wissen sie was? Es ist nicht so schlimm, wenn ich heute nicht nach Hause komme. Ich kann ja morgen früh den ersten Zug nehmen.“, meinte Jana.

„Kommt nicht in Frage. Ich hab´s ihnen angeboten und fahre sie auch hin. Auch wenn es am Arsch der Welt ist.“

„Nein, wirklich. Ich habe es mir anders überlegt. Wirklich.“, beteuerte sie.

„Aber sie gehen mit mir essen?“

Jana nickte, machte ihren langen Beinen Platz und lehnte sich zurück im Edwards luxuriösem Wagen.

„Pendeln sie jede Woche?“, fragte Edward, der sich immer nervöser und unbeholfener vorkam.

Die Frau faszinierte ihn. Ihre zierliche Figur und ihr engelgleiches Gesicht weckten in ihm einerseits den Beschützerinstinkt, anderseits machte ihn Janas stolze und selbstbewusste Haltung unsicher. Er war ein geschiedener Mann, der sich voll und ganz seiner Kariere gewidmet hat und nie daran dachte eine feste Bindung einzugehen. Zwar hatte er immer wieder heiße Affären, meistens mit Krankenschwestern, auch mal mit einer Ärztin, die ihm noch Monate nach dem er es beendet hat die Hölle heiß machte, doch an keine dieser Frauen wollte er sich ernsthaft binden.

„Ja.Wenn es sich irgendwie einrichten lässt fahre ich nach Hause. In München habe ich nicht all zu viele Freunde und meine WG Bewohner sind auch meistens weg am Wochenende.“

„Also, sie leben in einer WG?“

„Ja.Und sie? Ein waschechter Münchener?“

„Ja und nein.“, antwortete Edward knapp. „Ich nehme an sie studieren?“, fragte er.

„Ja. Kunstwissenschaften, zum Leidwesen meines Papas. Er nennt es immer brotlosen Zweig, aber mir gefällt es....Wussten sie schon immer, dass sie Arzt werden wollen?“

„Ja. So ist das. Auch wenn ich vieles nicht wusste, das wusste ich schon immer.“, antwortete Edward nachdenklich.

Es war tatsächlich so, dass er schon als Kind mehr für Biologie übrig hatte wie andere Gleichaltrigen und einen Mikroskop zu besitzen war sein größter Wunsch gewesen. Ein Wunsch, den seine Eltern ignoriert haben, ihn nicht selten dafür bestraften, mit bösen Blicken und Worten wie: „Gott hat uns erschaffen, mehr hat dich nicht zu interessieren.“.

„Wir sind da.“, sagte Edward und verbannte seine negativen Gedanken.

Er führte Jana in ein nobles Restaurant, in dem sie sich von Anfang an unwohl fühlte.

Die Preise in der Speisekarte waren überdimensional und das steife Ambiente sagte ihr gar nicht zu.

Obwohl das Essen und der dazu empfohlene Wein vorzüglich waren, war Jana froh wieder sie selber sein zu dürfen, als sie die Lokalität verließen.

„Hat es ihnen gefallen?“, fragte Edward.

„Ganz ehrlich?“

„Ja. Ich bitte darum.“

„Nun ja, das Essen war toll, aber es war alles so steif und leblos.... Ich meine... Die Menschen dort drin sind so auf ihr gutes Benehmen fixiert, dass sie vergessen sich am Kopf zu kratzen. Und ich habe Blasen an den Füßen.“

„Was?“ Edward lachte wieder.

„Ich habe neue Schuhe an. In einem normalen Lokal hätte ich die Schuhe schön längst ausgezogen, aber da! Da hätte man mich wahrscheinlich verbannt.“

Edward lachte nur noch. Janas Art gefiel ihm immer mehr.

„Na nun... Gehen wir dahin, wo sie ihre Schuhe ausziehen können.“, sagte Edward, trotz des eigenen Wiederwillens, den restlichen Abend in einer des angesagten Szenebars zu verbringen. Am liebsten hätte er die hübsche Frau mit nach Hause genommen, war sich jedoch ziemlich sicher, dass er einen Korb kassieren würde.

„Klar, zuerst muss ich aber meine Mum anrufen. Sie wird sich Sorgen machen wo ich bleibe.“

„Hier.“ Edward gab Jana sein Handy. Er nahm an, sie würde keines besitzen.

„Cool.“, sagte Jana und wählte die Nummer ihrer Eltern.

„Wo bist du?“, schrie ihre Mutter ins Telefon. „Ich mache mir schon solche Sorgen. Und ich habe gekocht.“

„Sorry Mum, ich habe den letzten Zug nicht erwischt. Ich war ja beim Markus im Theater.“

„Was ist es für eine Nummer?“

„Gehört ´nem Freund.“, antwortete Jana und versprach am Vormittag des kommenden Tages nach Hause zu kommen.

„Meine Mutter tut so, wie wenn ich immer noch zwölf wäre.“, wandte sie sich wieder Edward zu.

„Wie alt sind sie eigentlich?“

„Nicht minderjährig, falls sie es befürchten Herr Doktor.“

Ihm gefiel, dass sie ihn so nannte, dennoch bot er sie ihn zu duzen.

„Ich werde dich trotzdem Herr Doktor nennen.“, lächelte Jana und schlug tatsächlich vor, in eine unter den Studenten angesagte Bar zu gehen.

Diesmal war es Edward, der sich nicht ganz wohl fühlte in Gesellschaft des zum größten Teil doch sehr jungen Publikums. Er versuchte mit ein paar Drinks die eigene Stimmung zu heben, was ihm auch gelungen war. Mit Begeisterung erzählte er von seiner Forschungsarbeit an einem neuen Medikament und seinem Engagement in Äthiopien.

„Erzähle mir die Geschichte.“, sagte Jana, als Edward am Rande seiner Erzählung eine Wüstenmaus, die er verspeisen musste erwähnte.

„Vielleicht morgen.“, meinte Edward, der sich immer betrunkener vorkam.

„Sie haben eindeutig zu viel getrunken Herr Doktor. Ich fahre morgen nach Hause, schon vergessen?“

„Fahr nicht. Fahr mit mir irgendwohin.“

„Ich kann nicht. Meine Freundin wäre sehr enttäuscht. Sie feiert morgen Geburtstag.“

„Und Sonntag?“

„Da bin ich fertig vom Feiern.“, lachte Jana.

„Schade, wirklich schade.“, scherzte Edward, der sich inzwischen nur noch sein Bett wünschte.

Er bestellte ein Taxi und ließ es während der Fahrt nicht unversucht Jana für ein gemeinsames Wochenende begeistern zu wollen. Vergeblich.

„Aber das nächste Wochenende gehörst du mir. “, stellte Edward klar.

„Gerne sogar Herr Doktor.“, meinte Jana und schrieb auf seiner Handfläche die Telefonnummer der WG auf.

So bald sie die WG betrat, fiel ihr ein, dass sie ihren Rucksack in Edwards Auto vergessen hat.

„Scheiße“, sagte sie laut.

„Was ist ?“, fragte Markus. „Ich dachte du bist nach Hause gefahren...“, fügte er, erstaunt sie zu sehen hinzu.

„Wollte ich ja, aber... Ach egal... Hey, du warst so toll. Ich bin so stolz auf dich.“, sagte Jana.

„Danke. Danke, dass du da warst.“, bedankte sich Markus, dem Janas Anwesenheit viel bedeutete.

Markus war ein besonderer Mensch mit vielen Talenten. Er studierte BWL, spielte Theater und nähte in seiner Freizeit irgendwelche Kleidungsstücke.

„Jetzt sag schon. Was ist scheiße?“

„Ach so... Ja... Ich habe diesen Doktor kennengelernt und der hat jetzt meinen Rucksack.“

„Alles weg?“

„Nein, nein, nur meine Wäsche, aber da war meine Lieblingsbluse drin. Ich hoffe der Typ meldet sich bei mir.“

„Es sei den er steht auf dreckige heiße Höschen.“, lachte Markus.

2.

„Wie geht’s Papa?“ fragte Jana ihre Mutter.

„Schon besser. Aber komm ihm nicht sehr nah, wer weiß wie lange so ´ne Grippe ansteckend ist.“

Jana lief ins Wohnzimmer und setzte sich trotz Claudias Warnung neben ihrem Vater hin. Auch wenn sie schon zwanzig war, fühlte sich Jana jedes mal wie ein kleines Mädchen, wenn sie nach Hause kam.

„Na, erzähl mal. Wie geht’s mit deiner Arbeit voran.“, fragte Janas Vater.

Trotz anfänglicher Skepsis für den Werdegang seiner Tochter, freute sich Hubert inzwischen, dass es für Jana anscheinend das Richtige war. Sie strahlte, wenn sie von Kunst erzählte und tat sich auch mit Lernen nicht schwer.

„Gut, sehr gut sogar zur Zeit.“

„Jana? Hast du diesmal keine Wäsche mit?“, schrie ihre Mutter aus der Küche.

„Ich habe es vergessen“, log Jana.

Claudia hatte, wie die meisten Mütter, den siebten Sinn und merkte ihrer Tochter an, dass diese über beide Ohren verliebt war. Sie nahm an, dass Markus ihr Auserwählter war, da sie immer wieder von ihm erzählte.

„Warst du gestern mit Markus unterwegs?“

„Ja.“, log Jana erneut ihre Mutter an. Irgendwas in ihr sträubte sich dagegen Claudia zu erzählen, dass sie mit einem Mann der ihr Vater sein könnte, den Abend verbracht hat.

Ihrer besten Freundin dagegen, erzählte sie mit Details den Verlauf des Abends.

„Hört sich nach einer guten Partie an“, lachte Lydia.

„Zu Gute, glaube ich. Er ist ein erfolgreicher, gutaussehender Arzt und ich bin eine Studentin die immer noch ihre Wäsche nach Hause bringt.“

„Ach komm, der alte Sack soll froh sein, dass du ihn willst und überhaupt.... Heutzutage ist es nichts besonderes mehr, wenn der Mann um einiges älter ist.“

Beide Frauen machten sich hübsch für Lydias Party. Jana, die noch vor paar Tagen für Sascha schwärmte, musste die ganze Zeit an Edward denken und ließ sich von Sascha nicht überreden, mit ihm nach Hause zu kommen. Später sah sie, wie er mit einer Blondine die Bar verließ, war aber keineswegs enttäuscht deswegen.

Am kommendem Tag schlief sie bis Mittag. „Guten Morgen.“, begrüßte Jana im Schlafanzug ihre Mutter, die dabei war das Lieblingsessen ihrer Tochter abzuschmecken.

„Morgen am Mittag.“, lächelte Claudia und ließ Jana den hausgemachten Kartoffelsalat probieren. „Gott, ist es gut.“, lobte Jana und dachte gleichzeitig darüber nach, dass ihr niemals so ein schmackhaftes Essen gelingen würde. Schon öfters kam ihr der Gedanke, dass es daran liegen könnte, dass sie nicht die leibliche Tochter ihrer Mutter war.

„Soll dich Papa fahren? Ihm geht es ja schon viel besser.“, unterbrach Janas Mutter ihre Gedanken.

„Nein, muss nicht sein. Ach Mama... Nächste Woche bleibe ich wahrscheinlich in München.“, warnte Jana, die auf ein gemeinsames Wochenende mit Edward hoffte, ihre Mutter vor.

„Aber wieso?“, fragte Claudia, die zunehmend unter dem Fernbleiben ihres einzigen Kindes litt.

„Ich muss so viel lernen und die Semesterarbeit....“, log Jana und lobte erneut das Essen, um vom Thema abzulenken.

Bevor ihre Tochter nach München aufbrach, schnitt Claudia erneut das kommende Wochenende an.

„Du kannst nächste Woche mit diesem Markus kommen. Das macht mir nichts aus.“, sagte sie.

„Ich weiß, aber ich muss wirklich lernen..“, betonte Jana. „Hab´ dich lieb.“, umarmte sie ihre Mutter zum Abschied.

Als sie am nächsten Tag aus der Uni kam, glaubte sie ihren Augen nicht. Schon vom weiten sah sie Edward, der samt ihrem Rucksack auf sie warten schien.

Dieser ließ sich keineswegs anmerken, wie blöd er sich vorkam. Gefühlte Stunden, wartete er mit einem Rucksack vor der Uni, in der Hoffnung Jana würde jeden Moment rauskommen.

Noch blöder kam er sich am gestrigen Abend vor, nachdem er die Nummer der WG gewählt hat. Er hoffte, Jana würde selber ans Telefon gehen, stattdessen hörte er eine männliche Stimme sagen: „Ach, du bist der Typ mit dem Rucksack. Jana ist noch nicht da. Morgen nach der Uni kannst sie am besten erreichen.“.

„Welche Uni?“, fragte Edward und nahm sich vor, dies zu tun was er gerade tat.

„Hallo, du bist doch anständig. Ich dachte schon, ich sehe meine Klamotten nie wieder.“, sagte Jana, als sie Edward näher kam.

„Ich bin wegen dir da, nicht wegen den Klamotten“, meinte Edward trocken. „Hast du schon gegessen?“, fragte er.

„Nein.“

„Ich auch nicht. Pasta?“, fragte er, worauf Jana nickte.

Sie gingen zu dem nah gelegenem Italiener und bestellten beide das Tagesgericht.

„Du bist gar nicht so verwöhnt wie ich dachte.“, scherzte Jana.

„Ich? Verwöhnt? Ich bin die Bodenständigkeit in Person“, antwortete Edward lächelnd.

Als das Essen serviert wurde, erklang Edwards Handy.

„Ja. Gut. Bin gleich da.“, hörte Jana den Arzt reden.

„Ich muss weg. Entschuldige. Das war das Krankenhaus.“, erklärte Edward nachdem er das Telefonat beendet hat. „Ich rufe dich heute Abend an.“, sagte er und ließ einen Hunderter auf dem Tisch liegen.

„Tut mir wirklich Leid.“, fügte er hinzu.

„Ja. Okay. Ja...Bis heute Abend.“, stotterte Jana.

Sie aß nur wenig von den Lachsnudeln, bezahlte aus der eigenen Geldbörse und steckte Edwards Hunderter ein.

„Du hast dein Hab und Gut wieder.“, lachte Markus, als Jana samt Rucksack in die WG kam. „Der Typ hörte sich übrigens irgendwie verkrampft an.“

„Er ist alt.“, sagte Jana, die immer noch enttäuscht war, dass Edward gehen musste.

„Wie alt?“

„Alt. Ich glaube zu alt für mich.“

„Hauptsache du hast deine heißen Höschen wieder.“

„Heiße Höschen?“, zwinkerte Dominik Jana zu.

„Magst du sie waschen?“, scherzte Jana, während sie ein Geschrei aus Jonas`s Zimmer vernahm.

„Streiten die Zwei wieder?“, fragte sie. Die Krise zwischen Anna und Jonas konnten alle Mitbewohner seit Wochen, weder übersehen noch überhören. Vor allem Dominik, dessen Zimmer direkt an das des Pärchens angrenzte, bekam oft die Misere dieser Beziehung mit.

„Schon seit aller Früh. Wenn es so weiter geht...“ In dem Moment hörten die Drei, wie Irgendetwas gegen die Tür flog.

„Das meine ich. Die bringen sich mal um.“

Nur Sekunden später stürmte Anna aus dem Zimmer raus.

„Arschloch!“, schrie sie und rannte zur Ausgangstür.

„Sorry.“ Jonas steckte seinen Kopf zwischen die Tür um sich zu entschuldigen.

„Hauptsache du lebst noch.“, sagte Dominik leise.

„Hoffentlich kommt diese Furie nie wieder.“ Markus konnte Anna noch nie gut leiden.

„Natürlich kommt sie. Sie kommt immer zurück....“, meinte Dominik ironisch.

„Hey Leute, ich mache Schluss. Ich bin fertig mit der Welt.“ Jonas setzte sich hin und sah fragend seine Mitbewohner an.

„Besser wärs´s.“, sagte Dominik und verschwand in seinem Zimmer.

Auch Jana und Markus zogen sich zurück. Niemand glaubte ernsthaft daran, dass sich das ungleiche Pärchen wirklich trennen würde.

Den ganzen Abend wartete Jana vergeblich auf einen Anruf von Edward. Umso überraschter war sie, als sie ihn am nächsten Tag vor der Uni sah. Diesmal stand er da mit einem Blumenstrauß und einem schön eingepacktem Päckchen.

„Entschuldige, ich war gestern erst spät zu Hause, wir haben zu wenig Ärzte zur Zeit, da muss ich mit anpacken. Das ist für dich.“

„Was ist das?“

„Es ist auch für mich, damit ich dich immer erreichen kann.“

„Was ist das?“, fragte Jana noch mal.

„Nur ein Handy.“

„Das kann ich nicht annehmen.“

„Wieso nicht? Ich habe es gekauft und selber kann ich kein zweites brauchen, also nimm es.“

Wieder gingen sie zum Italiener und diesmal aßen sie in Ruhe auf.

Als Edward bezahlen wollte holte Jana den Hunderter raus.

„Wieso gibst du es mir zurück?“

„Na weil....Weil es viel zu viel war und außerdem wollte ich dich auch mal einladen. Ich bin nicht mittellos und kann für mich selber zahlen“, sagte Jana stolz.

„Und ich bin altmodisch und finde, dass ein Mann zahlen sollte. Außerdem habe ich genug Geld und gebe es gerne für dich aus.“

Jana fühlte sich klein und erniedrigt durch Edwards Äußerung. Er hatte Geld und sie war eine Studentin die vom Geld ihrer Eltern lebte.

„Kauf dir was schönes davon.“

„Nein, ich kann es nicht annehmen. Bitte.“, schob sie den Hunderter zurück zur seinen Tischseite.

„Na gut.“, sagte Edward mit Enttäuschung in der Stimme.

Er war Frauen gewöhnt die sich gerne haben einladen lassen, die schon fast erwartet haben umsorgt und beschenkt zu werden. Die meisten Frauen verstellten sich sogar um ihm zu gefallen. Wie seine letzte Freundin, die behauptet hat Skifahren zu lieben. Mit Edward in den Bergen angekommen, verkroch sie sich im Zimmer behauptend sie hätte starke Migräne. Ihm wurde bewusst, dass sie noch nie Ski an den Füssen hatte.

„Kannst du Skifahren?“

„Nicht gut. War noch nie meine Stärke. Wieso?“

„Nur so. Wollte ich wissen.“, sagte Edward.

„Kommst du mit mir nach Hause?“, fragte er geradeaus nach dem Essen.

„Nein Herr Doktor, vielleicht morgen oder übermorgen....“

„Ich muss morgen nach Berlin wegen eines Konzils und wer weiß wann ich wieder da bin.“, sagte Edward, obwohl er wusste, dass er nur drei Tage wegbleiben würde.

„Ich komme trotzdem nicht mit, dazu kenne ich dich zu wenig.“

„Ich werde brav sein, oder glaubst du ich falle über dich her? Habe ich gar nicht vor.“

„Nein, das nicht aber...“

„Kein aber, komm bitte mit.“ Er nahm ihre Hand in die Seine. „Bitte.“, wiederholte er nochmal, worauf sie nickte.

Neugierig wie erstaunt sah sich Jana die Räumlichkeiten der großen Wohnung an. Trotz der großen Fenster und der beachtlicher Größe wirkte Alles sehr düster. Die Möblierung bestand zum größten Teil aus teuren Antiquitäten die sich mit den schweren Vorhängen und der dunklen Sofa wenig freundlich präsentierten. Auch die Küche war uralt und abgenutzt.

„Kaffee oder Wein?“, fragte Edward.

„Kaffee wäre mir lieber.“

„Es ist alles noch so wie vor zwanzig Jahren. Ich hatte nie Zeit etwas zu ändern.“, sagte Edward, während er den Kaffee bereitete.

„Ist das dein Vater?“, bemerkte Jana das Foto eines älteren Mannes.

„Nein, aber dieser Mann war mir wie ein Vater. Er war mein Professor während des Studiums und nahm mich später bei sich auf. Vor zwei Jahren ist er gestorben.“

„Es tut mir leid.“

Edward ging nicht weiter auf Janas Äußerung ein.

„Setz dich bitte. Der Kaffee dauert bisschen.“, sagte er und nahm die uralte Decke vom Sofa runter. Es entstand ein peinliches Schweigen, das Edward mit dem Satz unterbrach: „Ich will hier vieles ändern. Jetzt, will ich was ändern.“. Er sah in Janas blaue Augen und sie schmolz fast dahin.

„Ich.. Also...“, stotterte Jana. „Wohnst du hier alleine?“

„Ja, natürlich.... Der Mann auf dem Foto, ihm hat die Wohnung gehört. Seine Tochter wollte die Wohnung nicht und so habe ich das nötige Geld bezahlt um hier bleiben zu können. Und irgendwie sträubt sich was in mir, das Alles weg zu werfen.“

„Ich glaube es ist normal. Meine Mutter hat im Flur den hässlichsten Stuhl aller Zeiten stehen, nur weil er meinem Opa gehört hat.“

Edward sah Jana wieder mit seinem verführerischem Blick an.

„Ich....Ich glaube der Kaffee ist fertig“, sagte sie.

„Der braucht noch bisschen.“ Edward zog die zierliche Frau zu sich und küsste sie auf den Mund. Eine solche Leidenschaft hat Jana noch nie zuvor bei einem Mann empfunden. Sie gab sich seinen Liebkosungen hin und irgendwie war es ihr auf einmal egal wie weit Edward gehen würde. Dieser ließ auf einmal von ihr ab und sagte: „Fahr mit mir nach Berlin.“.

„Ich kann nicht, ich studiere, schon vergessen? Und ich bin heute mit Einkaufen dran. Scheiße, das habe ich ganz vergessen.“

„Die werden schon nicht verhungern.“, antwortete Edward und holte den Kaffee.

„Das nicht, aber...“

„Ruf an. Sag, dass du heute nicht kannst und wir machen uns einen schönen Abend.“

Jana rief tatsächlich in der WG an und bot Dominik Einkäufe zu machen.

„Danke, ich mache es wieder gut.“, sagte sie, hatte jedoch schlechtes Gewissen, sobald sie den Hörer auflegte.

„Hast du Milch?“, fragte sie Edward.

Dieser kratzte sich verlegen am Kopf. „Nein, und wenn dann schmeckt sie nur noch sauer. Ich bin so selten zu Hause... aber Zucker habe ich.“, lachte er.

„Gut, dann Zucker.“

Sobald Edward wieder auf dem Sofa saß, fing er an Jana zu küssen und ihre Bluse aufzuknöpfen.

„Du bist so schön.“, flüsterte er, als er ihre Brüste berührte. Jana wusste nicht wie ihr geschah, als sie ihn mit ganzen Sinnen spürte.

„Warte, warte Edward.“ Sie sog ihn zu sich hoch, als er dabei war ihr Höschen auszuziehen.

„Ich weiß, ich habe es versprochen, aber ich will dich, ich kann mich nicht beherrschen.“, lächelte er und gab ihr wieder einen Kuss.

„Aber...“

„Psss...“, presste Edward seine Lippen gegen ihre und trug sie ins Schlafzimmer. Bevor er mit ihr schlief, liebkoste er ihren ganzen Körper und sagte ihr immer wieder wie schön sie sei. Das erste Mal in Leben erlebte Jana eine derartige Ekstase. Ihr Körper bebte innerlich, als er in sie eindrang und sie sich gefühlte Stunden liebten.

Danach hoffte sie, dass es für Edward genauso schön war wie für sie selber. Zeitlang lag sie in Edwards Armen, ohne ein Wort zu sagen und empfand eine Befriedigung wie noch nie zuvor.

„Es war wunderbar.“, unterbrach Edward die Stille, griff in die Schublade des Nachtkästchens und zündete sich eine Zigarette an.

„Herr Doktor! Du rauchst?“

„Nur gelegentlich. Magst du auch Eine?“

„Nein, ich ziehe bei dir mit“, sagte sie und nahm einen Zug von der Zigarette, worauf ihr fast schlecht wurde.

„Es ist schon spät, ich muss gehen.“, lenkte sie von der Übelkeit ab.

„Bleib noch bisschen, ich fahre dich dann nach Hause.“ Edward strich über ihr blondes Haar.

Später liebten sie sich nochmal, als er zu ihr in die Dusche stieg.

„Du kannst doch nicht einfach...“, sagte sie, als sie seinen braungebrannten Astralkörper vor sich sah.

„Ich kann auch wieder gehen.“, scherzte er. Gleichzeitig berühre er ihre nassen Brüste.

„Geh nicht...“, flüsterte sie und gab sich seinen Liebkosungen hin.

„Willst du nicht über Nacht bleiben?“, fragte Edward, als Jana ihre Jeans zuknöpfte.

„Heute nicht.“ sagte sie, wobei sie es am liebsten getan hätte.

„Schade. Aber am Wochenende fahren wir weg. Wohin du auch willst.“, sagte Edward.

Immer noch schwebte die junge Frau auf Wolke Sieben, als sie gegen Mitternacht in die WG zurück kam. Am liebsten hätte sie Markus alles erzählt, doch angesichts der späten Stunde ging sie ins Bett und dachte ununterbrochen an Edward und den heißen Sex mit ihm. Sie konnte es kaum erwarten ihn wieder zu sehen. Um so größer war ihre Enttäuschung, als Edward anrief und ihr mitteilte, dass er am Wochenende nicht kommen würde.

„Es hat sich was ergeben wegen meiner Forschung. Das nächste Wochenende machen wir ganz sicher was zusammen.“, sagte er, worauf sie sich nicht anmerken ließ wie traurig sie war.

Zur Claudias Freude, kam ihre Tochter wie gewohnt am Wochenende nach Hause, hatte aber durchgehend schlechte Laune, was auch Lydia nicht entging.

„Ich komme mir richtig blöd vor. Wie eine verliebte Fünfzehnjährige.“, gestand Jana ihrer besten Freundin. Meistens war es Lydia, die unzählige Male von großen Dramen berichtete, während sie irgendwelche Männer vergötterte. Für Jana war es jetzt das erste Mal im Leben, dass sie sich richtig verliebt hat.

„Ich weiß nicht... Irgendwas ist faul an dem Kerl, vielleicht ist er verheiratet?“ meinte Lydia.

„Alt genug wäre er ja.“

Jana fiel auf, dass sie wenig bis gar nichts über Edwards Vergangenheit wusste.

„Komm, wir machen uns heute einen schönen Abend. Es gibt genug Männer die auf dich stehen.“

„Ich will nicht Irgendeinen, ich will Edward.“, jammerte Jana.

„Du hörst dich echt zum kotzen an. Jetzt komm, so kenne ich dich gar nicht. Du gehst jetzt mit mir weg und schaust dir das Objekt meiner Begierde an. Okay?“

„Na gut, aber wir bleiben heute nicht so lange.“, meinte Jana und griff zur Haarbürste um ihre langen Haare durch zu kämen.

„Soll ich mir die Haare kürzer schneiden lassen?“

„Spinnst du?! Die schönen Haare! Dann haben wir gar nichts mehr gemeinsam.“

Die langen Haare waren die einzige äußerliche Gemeinsamkeit der Freundinnen.

Während die eine blond und blauäugig war, war Lydia brünett und hatte große braune Augen. Jana groß und schlank, Lydia um gute zehn Zentimeter kleiner und mit weiblichen Rundungen gesegnet.

„Vielleicht bilde ich mir das alles ein. Vielleicht wollte er nur eine schnelle Nummer.“, fing Jana erneut an zu jammern, sobald die Frauen in ihrer Stammkneipe angekommen waren.

„Kann, muss aber nicht sein.“ Lydia schien genervt von Thema Edward. Nach zwei Drinks verließ Jana die Bar, und ließ ihre Freundin mit dem smarten Alex zurück.

Auf dem Weg nach Hause hörte sie ihr Handy. Sie wusste, dass es nur Edward sein konnte, der ihr eine Nachricht zukommen lies.

„hallo bin so eben gelandet wo bist du?“, schreib er.

„BGH“, tippte sie schnell.

„soll ich dich holen?“

„bin in Burghausen“, schrieb sie in der Annahme, er hätte die Abkürzung nicht verstanden.

„ja ich hole dich wenn du willst.“

„klar, gerne“

„bin in einer std da“

Mit Freude stürmte Jana das Haus ihrer Eltern und rannte ins Bad. Sie überlegte was sie ihrer Mutter sagen könnte, doch ihr fiel nichts weiter ein, wie ihr die Wahrheit zu beichten.

„Ich fahre schon heute nach München. Ein Freund holt mich gleich ab.“, sagte sie zu der in einem Rezeptbuch vertieften Claudia.

„Wie?“

„Er ist zufällig in der Nähe und nimmt mich mit.“ In dem Moment bemerkte Claudia das Handy in Janas Hand.

„Die sind so teuer. Wo hast du es her?“, fragte sie ihre Tochter mit einer vorwurfsvollen Stimme.

„Von diesem Freund, er hat´s mir geschenkt.“

„Markus?“

„Nein, nicht Markus. Er heißt Edward.“, sagte Jana und lief in ihr Zimmer um Claudias Protesten aus dem Weg zu gehen.

„Jana fährt schon wieder.“, beschwerte sich diese bei ihrem Mann.

„Sie ist erwachsen Schatz, wir müssen froh sein, wenn sie überhaupt noch kommt.“

„Ich weiß, ich weiß..“, sagte Claudia nachdenklich.

Neugierig ging sie mit Jana vor die Haustür, als ein schicker Mercedes vorfuhr. Auch Hubert gesellte sich dazu und bewunderte das Auto des Ankömmlings.

„Willst du ihn nicht vorstellen?“, fragte Claudia ihre Tochter.

„Mama bitte, er ist nur ein Freund“, sagte Jana, wobei sie insgeheim hoffte, dass Edward selber auf die Idee kommen würde sich ihren Eltern vorzustellen, was jedoch nicht geschah. Er stieg nicht mal aus dem Auto raus, um Janas Rucksack zu verstauen.

„Schön hier. Die Burg und die Altstadt.“ Edwards Begrüßung fiel eher Kühl aus, als Jana in seinen Wagen stieg.

„Ja. Ich find´s auch schön.“, sagte Jana, während sie seine Stimmung nicht deuten konnte.

Erst nach gefühlten Minuten, sah Edward Jana an und meinte: „Salzburg ist auch schön. Einen Katzensprung von hier weg. Ich war schon lange nicht mehr dort. Was dagegen Madame?“.

„Überhaupt nicht!“, lachte Jana und lehnte sich zurück.

3.

In der Suite des noblen Hotels, kam sich Jana ähnlich wie damals, als sie von Edward zum Essen ausgeführt wurde, fehl am Platz vor. Alles kam ihr so steril und ungemütlich vor.

„Von dieser Suite hat man die beste Aussicht auf die Altstadt.“, bemerkte Edward, ohne Jana dabei anzusehen.

„Ach so...“, sagte Jana und sah aus dem Fenster raus. Sie spürte wie Edward seine Hände um sie legte und fühlte sich sofort um Welten besser. Seine Berührungen, seine Küsse, seine Nähe fühlten sich wie Himmel auf Erden für sie an. Der Sex kam ihr noch heißer, wie das letzte Mal vor. Überglücklich lag sie später in seinen Armen und konnte sich nicht vorstellen, je wieder ohne ihn sein zu können.

Als sie am Morgen wurde duftete es nach Kaffee und frischem Gebäck.

„Guten Morgen, bist du schon lagen wach?“, fragte sie Edward, der wie aus dem Ei gepellt samt Zeitung am Frühstücktisch saß.

„Ich bin es gewöhnt früh aufzustehen.“, sagte er und widmete sich wieder einem Artikel zu.

„Hast du schon gegessen?“

„Was?...Ja. Ja..“ Edward schien sich für die Zeitung viel mehr wie für sie zu interessieren.

„Was für eine Verschwendung.“, kommentierte Jana die Überbleibsel nachdem sie gefrühstückt hat und unterbrach die Stille. „Davon könnte noch eine halbe Arme satt werden.“

Endlich faltete Edward die Zeitung zusammen und sagte: „Ich weiß, das denke ich mir auch immer wieder. Wenn man einmal erlebt hat wie Menschen hungern müssen, kommt einem unsere Konsumgesellschaft richtig schlimm vor. Leider kann man wenig dagegen tun.“

Edward zündete sich einen Zigarette an und fuhr fort. „Immer wenn ich aus Äthiopien zurückkomme, nehme ich mir vor anders zu leben, aber der Mensch vergisst schnell seine guten Vorsetzte, wenn es darum geht es sich gut gehen zu lassen.“

„Erzähl mir von Äthiopien.“

„Oh...Das ist schlimm.. Das.... Das kann man nicht so einfach in Worte fassen. Man wird mit einer solchen Elend konfrontiert, dass es einem den Atem raubt.“ Edward nahm einen langen Zug von der Zigarette und war Zeitlang still, bevor er fortfuhr. „Wir impften ohne Ende und trotzdem starben so viele. Die Menschen sind unterernährt und haben so gut wie kein Immunsystem um mit den Krankheiten fertig zu werden. Ich habe eine Stiftung gegründet.Wir bauen derzeit eine kleine Station zum Krankenhaus um. Vielleicht kannst du das nächste mal mitkommen?“

„Das würde ich gerne.“, sagte Jana, die ihr Gegenüber als eine Art Gott der die Welt rettete empfand.

Beim Verlassen des Hotels war sie froh, nicht in dem noblen Restaurant gefrühstückt zu haben. In ihrer ausgefransten Jeansjacke war sie unpassend gekleidet und kam sich wieder mal völlig fehl in dem Ambiente vor. Nach dem schönen Tag in der Salzburger Altstadt, steuerte Edward ohne Jana zu fragen seine vier Wände an. So verbrachte sie ihre erste Nacht in seiner Wohnung. Am nächsten morgen konnte sie es kaum erwarten, sich Lydia mitzuteilen.

„Der Sex ist... Ich habe so was noch nie erlebt.“, schwärmte Jana.

„Na ja... Du tust ja so, wie wenn du vor ihm mit einer ganzen Armee geschlafen hättest.“

„Ja, ich weiß. Trotzdem fühlt es sich anders wie bei den Anderen zwei an.“

„Klar. Von denen zwei war einer dieser steife Elias, der eine Niete im Bett war und der andere... Wie hieß er noch mal?“

„Christoph.“

„Richtig. Der wusste nicht mal, dass er Eier in der Hose hat.“, bemerkte Lydia.

„Ich weiß, trotzdem..“

„Ist es nur Sex, oder seit ihr so richtig zusammen?“, unterbrach Lydia ihre Freundin.

„Also.. Ich... Ich denke wir sind ein Paar. Ja.“

„Keine Ehefrau?“

„Nein!“

„Aber geschieden?“

„Das weiß ich nicht.“

„Redet ihr auch was miteinander oder vögelt ihr nur..“, lachte Lydia und erzählte im gleichen Atemzug vom Alex, den sie am Wochenende zu ihrem festen Freund erklärt hat.

Nach dem Gespräch, nahm Jana sich vor, Edward über seine Vergangenheit auszuquetschen, was ihr jedoch nicht wirklich gelingen konnte. Die meiste Zeit sprach der erfolgreiche Arzt über seine Arbeit, während er sein früheres Privatleben so gut wie nie erwähnte. Dennoch war Jana überzeugt davon, dass sie die Liebe ihres Lebens fand und verbrachte jede freie Minute mit Edward. Wie eine Sucht war es mit ihm zu schlafen. Sie kaufte sich sogar das erste Mal im Leben Reizwäsche und legte mehr den je Wert auf ihr Äußeres.

„Scheiße.“, sagte sie leise zu sich selber, als sie beim Blick in den Kalender ihre ausstehende Periode bemerkt hat. „Scheiße, ich bin so blöd!“, wiederholte sie sich diesmal lauter. Bereits am nächsten Morgen freute sie sich über das Blut an ihrem Höschen. Sanft schob sie Edward von sich, als dieser mit ihr schlafen wollte.

„Ich habe meine Tage.“, sagte sie. „Gott sei dank.“, fügte sie hinzu. „Ich muss endlich mal zum Frauenarzt und mir die Pille holen. Kannst du mir nicht eine verschreiben Herr Doktor?“, scherzte sie und küsste ihn zugleich.

„Du nimmst keine Pille?“, fragte Edward.

„Nein. Ich hatte vor dir keinen Freund und...“

„Du hättest Schwanger werden können.“, unterbrach Edward seine Freundin.

„Ich weiß. Ich weiß, ich hatte gestern schon solche Angst...“, sagte Jana verlegen.

„Ich besorge´dir einen Termin bei meiner Kollegin. Sie ist Eine der Besten auf dem Gebiet.“

„Danke. Gut. Das wäre ´ne Katastrophe, wenn ich schwanger werden würde.“

„Ja. Ich möchte keine Kinder mehr.“ Edward ergriff die Gelegenheit Jana zu beichten, dass er einen Sohn hatte.

„Was heißt das?“ Jana stand auf und sah ihn mit eisigem Blick an. Sie dachte daran, dass Lydia recht gehabt hatte. Irgendwo hatte Edward eine intakte Familie, während sie nur seine Geliebte war.

„Er ist erwachsen und ich habe so gut wie keine Kontakt zu ihm, geschweige den zu meiner Exfrau.“, klärte Edward die Situation auf.

Jana setzte sich wieder hin und ihre Gesichtszüge wurden weicher. „Wieso?“ fragte sie.

„Ich bin mit zwanzig Vater geworden. Natürlich dachte ich, dass es gut geht.. Ich dachte, ich muss Nina heiraten, weil sie ein Kind von mir bekommt. Aber es war ein Fehler, wir haben nur noch gestritten und ihre Familie war sowieso gegen mich, als ich nicht mein Studium geschmissen habe um bei Ninas Vater zu arbeiten. Sie war Luxus gewohnt und den konnte ich ihr damals nicht bitten. Für sie war ich ein Versager. Erst als ich anfing richtig Geld zu verdienen wurde ich mächtig zur Kasse gebeten und so ist es bis heute.“

„Aber wieso hast du keine Kontakt zu deinem Sohn?“

„In der ersten Zeit habe ich versucht mich zu kümmern, aber für Nina heißt kümmern Geld geben. Sie hat mich nie mit Oscar was machen lassen. Ich habe aufgehört gegen diesen Familienclan anzukämpfen. Ich finanziere Oscars Lebensunterhalt und das ist auch gut so. Mehr kann ich nicht machen.“

„Weiß er deine Sicht der Dinge?“

„Was würde es bringen? Nina hat ihn gegen mich so aufgehetzt.. Ich glaube kaum, dass er ein Wort aus meinem Munde glauben würde.“

„Das weißt du nicht. Ich würde es versuchen an deiner Stelle. Was hast du zu verlieren?“

„Was würde es bringen?“, wiederholte Edward. „Seine Kindheit habe ich verpasst und bleibe so oder so der Rabenvater.“

„Das wolltest du aber nicht sein. Du musst es ihm sagen.“

Edward belächelte Janas Zuversicht, sein Sohn würde ihn nach Jahren als Vater anerkennen.

„Können wir das Thema ändern?“, fragte er genervt.

„Ja. Nur... Sag, willst du wirklich keine Kinder mehr?“

„Zumindest nicht jetzt.“, sagte Edward trocken und zündete sich eine Zigarette an.

„Ich fahr dieses Wochenende nach Hause. Meine Mum wird sonst noch verrückt und Lydia vermisse ich auch.“, erwiderte Jana.

„Fahr nicht. Ich muss nächste Woche wieder nach Berlin, dann sehen wir uns ganze Woche nicht.“

„Doch Edward. Ich fahre und außerdem habe ich ja meine Tage.“, lachte sie schelmisch.

„Ach daher weht der Wind.“ Edward zog Jana zu sich und küsste sie innig.

Janas Mutter nervte sie mit Fragen über Fragen wegen dem neuen Mann. Ihre Tochter gab jedoch davon nicht viel Preis und versicherte, dass sie und Edward nur Freunde wären. Es war in ihren Augen besser so. Sie vermisste ihn, dennoch war sie auch froh Zeit für ihre Eltern, ihre Freundin und nach der Rückkehr für Markus zu haben.

„Wo bist du die ganze Zeit?“, fragte ihr schwuler Freund am Sonntagabend, als sie samt Tonen Herbstkleidung in die WG kam.

„Ich war zu Hause und bei ihm.“

„Ich vermisse dich. Komm mit.“, sagte Markus und zog Jana in sein Zimmer.

„Probiere es an.“, gab er ihr eine Bluse, die schlicht aber raffiniert geschnitten war.

„Hey, das hat Klasse. Sieht super aus.“

„Ich will noch einen Rock dazu nähen, aber das passt irgendwie vorne und hinten nicht, oder?“, zeigte er ihr den vorgefertigten Rock.

„Ich würde es nicht so eng machen. Gib mir mal einen Stift.“

Jana zeichnete auf einem Stück Papier ihre Idee.

„Das ist gut. Das gefällt mir. Kann ich dich abmessen?“

„Na klar, ich stehe ihnen gerne als Model zur Verfügung.“, lachte Jana.

Die Beiden unterhielten sich noch lange. Jana erzählte Markus wie glücklich sie mit Edward sei, wie sehr ihr aber die Zeit zum Lernen fehlte. Noch nie hing sie mit ihrer Semesterarbeit so hinten nach.

„Ich muss die Woche Gas geben.“

„Vielleicht ist es der Herbst. Ich bin auch in letzter Zeit nicht besonders motiviert.“, meinte Markus.

„Ja, vielleicht. Bei mir ist es doch größtenteils Edward der mich vom Lernen abhält.“

Jana war sehr Zielstrebig und gehörte immer zu den Besten ihres Jahrgangs. Sie nahm sich vor, mehr für das Studium zu tun und ihre Zeit mit Edward ein wenig einzuschränken.

Doch so bald er wieder da war, waren die guten Vorsätze auch dahin. Oft blieb sie über Nacht bei ihm und ließ sich dazu überreden das eine oder andere Wochenende mit ihm zu verbringen, sehr zum Leidwesen von Claudia.

„Bleib im Bett.. Bitte...“, sagte Edward zu ihr, als sie sich eines Montags für die Uni fertig machen wollte. Jana war müde, da sie letzte Nacht bis zwei in der Früh wach waren und legte sich wieder ins Bett zu ihm.

„Keine Zeitung heute Herr Doktor?“, scherzte sie dann beim Frühstück.

„Nein. Heute nicht.“, meinte Edward und gab Jana einen Kuss.

„Ich habe das erste Mal im Leben die Uni geschwänzt.“

„Und ich habe meinen Steuerberater versetzt, was mir aber egal ist.“

„Es soll dir nicht egal sein, wir sind furchtbar! Liegen bis zehn im Bett und vergessen die Welt um uns herum. Furchtbar!“ Jana versuchte ernst zu klingen, was ihr nicht gelang.

„Wieso nicht? Wir können es uns leisten.“

„Du kannst es dir leisten.“, sagte Jana. „Du!“, betonte sie.

Edward war nicht gewillt auf Janas Äußerung zu antworten. Ihm war es bewusst, dass jedes Wort aus seinem Munde zu einem unangenehmen Gespräch führen würde.

„Hast du dir frei genommen?“, lenkte auch Jana vom Thema ab.

„Wieso fragst du?“

„Na mein Geburtstag. Wir wollten doch zusammen zu mir nach Hause fahren.“

„Ohhh.. Ja...“, kratzte sich Edward am Kopf. „Es wird nicht gehen. Leider. Ich muss nach Berlin. Ich hab´s total vergessen es dir zu sagen.“, log er.

„Schon wieder? Du hättest meine ganze Familie kennenlernen können. Meine Mutter hat sicher wie immer Gott und die Welt eingeladen. Und am Abend gehe ich mit paar Freunden feiern. Es wird sicher lustig.“

„Beim nächsten Mal.“, sagte Edward. Ihm war bewusst, dass er auch das nächste Mal eine Ausrede finden würde, um Janas Eltern wie Freunde nicht kennenlernen zu müssen. Er konnte sich nicht erklären, wieso ihm eine Familienfeier eher Kopfzerbrechen wie Freude bereitete.

„Musst du wirklich nach Berlin?“, hackte Jana nach.

„Ja.“, sagte Edward und verschwand im Bad.

Während der Zugfahrt nach Hause, sah sich Jana immer wieder die Uhr an, die ihr Edward am Vorabend zum Geburtstag geschenkt hat. Unter die Freude über das kostbare Geschenk mischte sich auch die Enttäuschung über Edwards Abwesenheit ein. Nur zu gerne hätte sie ihn ihren Eltern vorgestellt. Beim besten Willen konnte sie ihm die Dringlichkeit seiner Reise nach Berlin abkaufen.

„Schön.“, sagte Claudia, als sie die funkelnde Uhr am Handgelenk ihrer Tochter sah und entdeckte bei näherem Hinsehen das Kartier Logo.

„Die ist ja ein Vermögen wert.“, beäugte auch Janas Vater die Uhr. „Für so was wurde schon so Manchem die Hand abgehackt.“, lachte er und bemerkte, dass sich seine Frau für Jana nicht freuen konnte.

„Seit ihr wirklich nur Freunde, du und dieser Edward?“, fragte Claudia.

„Vielleicht bisschen mehr als das. Er will nächstes Wochenende nach Paris mit mir.“, sagte Jana halblaut.

„Was studiert er?“, fragte jetzt Hubert seine Tochter.

„Medizin. Er ist Arzt...“, antwortete Jana und war froh ihre Tante samt Anhang zu sehen, womit sich das Thema Edward erübrigt hat.

Obwohl sich Claudia ihre schlechte Laune nicht anmerken lassen wollte, gelang es ihr nicht, diese vor ihrer Tochter zu verstecken.

„Was hast du Mama?“, latschte Jana ihrer Mutter in die Küche nach.

„Nichts.“

„Doch. Du hast was.. Es ist wie immer alles toll. Du hast den besten Kuchen der Welt gebacken und das Essen war...“

„Irgendwann kommst du gar nicht mehr Heim. Wieso muss es ein Freund aus München sein? Wieso niemand von hier... So wie Lydias Freund.... Ach Gott... Ich habe Angst dich zu verlieren.“, gab Claudia mit Tränen in den Augen zu.

„Hör auf Mama. Du weißt doch, dass ich ohne dies alles hier nicht leben könnte. Edward hin oder her. Ich werde immer nach Hause kommen.“, umarmte Jana ihre Mutter, war sich aber nicht sicher, ob sie gerade die Wahrheit sagte. Sie vermisste Edward mehr, wie sie ihre Familie vermisste, als sie in München war.

4.

Als Jana am Sonntag Abend in der WG ankam, war ihr nicht mal danach Edward anzurufen. Sie war müde und ihre Laune war auch schon mal besser. In Ruhe packte sie ihre Sachen aus, ordnete ihre Unterlagen für die Uni und ging zeitig ins Bett. Ihr fehlte mittlerweile der Schlaf durch die langen Nächte mit Edward und das lange Feiern mit Freunden bei „Flavio“ lag ihr noch in den Knochen. Am nächsten Morgen, kam sie sich wie neu geboren vor. Sie nahm sich vor, wenigstens einen Abend in der Woche für sich selber zu sein, was Edward nicht nur einmal auf die Palme trieb. Er versuchte seine Unmut darüber nicht mal zu verstecken.

„Für was zum Teufel tust du dir das an?“, fragte er Jana, als diese ihre Semesterarbeit erwähnte.

„Für mich.“, antwortet sie kurz und knapp, um dieses Thema so schnell wie möglich zu beenden. Immer mehr fühlte sie sich von Edward eingeengt, wenn es um ihr Leben ging. Um ihr Studium, ihre Familie, ihre Freunde. So bald Jana ihre Eltern besuchen wollte oder eine Nacht in der WG verbrachte war Edward schlechter Laune. Jedes mal, wenn er zu kurz kam, versuchte sie wie ein kleines Kind es wieder gut zu machen in dem sie ihn sogar nach der Uni in seinem Büro besuchte. Auch an diesem Tag versuchte sie seine Laune zu heben in dem sie ihm von der Affäre ihres Professors, die in der ganzen Uni für Aufsehen sorgte erzählte, als eine schwarzhaarige Ärztin sein Büro betrat.

„Oh sorry. Störe ich?“, sagte die schlanke Frau, als sie Jana sah.

„Nein, nein, komm rein.“, sagte Edward, nahm gleichzeitig der Frau ihre Unterlagen ab und vertiefte sich im Patientenbericht. Er war ein brillanter Diagnostiker und nicht selten wurde er sogar von anderen Kliniken um Rat gefragt.

„Hallo.“, sagte Jana, als sich die Blicke der Frauen trafen.

Alicia befand es nicht für nötig der jungen Frau zu antworten

„So können wir unmöglich operieren, oder?“, fragte sie Edward stattdessen.

Edward seufzte, was nichts gutes für den Patienten bedeutete und sagte: „Nein, keineswegs.“

Er gab der Ärztin paar Anweisungen, wovon Jana so gut wie nichts verstand.

„Ach so...“, sagte Edward. „Ich habe euch noch gar nicht vorgestellt. Jana, Alicia. Alicia, Jana.“

Die beiden Frauen reichten sich die Hände, eher aus Anstand wie aus Sympathie.

„Sind sie Praktikantin?“, fragte Alicia in einem herablassendem Ton.

„Jana ist meine Freundin.“, ergriff Edward das Wort.

„Ach so?“, musterte die Ärztin Jana von Kopf bis Fuß.

Im gleichen Augenblick ertönte Edwards Handy.

„Oh endlich. Der Innenarchitekt.“, sagte er und ging in das angrenzende Zimmer um zu telefonieren.

„So ,so... Sie sind also Edis neue Freundin.“, starrte Alicia immer noch ihr Gegenüber an.

Jana war nicht klar ob es eine Frage oder Feststellung seitens der Ärztin war, dennoch sagte sie:

„Ja.“

„Da haben sie sich aber `nen dicken Fisch gefangen.“, zischte die Frau durch ihre rot geschminkten Lippen.

„Bitte?“, fragte Jana, die zunächst meinte, die Frau nicht richtig verstanden zu haben.

„Einen fetten Fisch sogar.“, sagte Alicia.

Einen kurzen Moment lang verschlug es Jana die Sprache, doch dann kam ihr über die Lippen: „Ich hasse Fische und angeln kann ich nicht.“.

Sie stand auf, nahm ihre Tasche, spähte in das Zimmer in dem Edward immer noch telefonierte und winkte ihm zum Abschied.

„Auf Wiedersehen“ , wandte sie sich an Alicia, die inzwischen im Sessel saß.

„Auf Wiedersehen Schätzchen. War nett sie kennengelernt zu haben.“, sagte Alicia, wobei beide Frauen wussten, dass es nicht so gemeint war.

„Blöde Kuh.“, sagte Jana halblaut, als sie das Klinikgebäude verließ. Alicias Eifersucht war in ihren Augen so deutlich, dass sie sich fragte, ob die Ärztin mit Edward mal was hatte.

Kurze Zeit später schrieb ihr Edward: „Wieso bist gegangen?“

„Will noch zum Adventsmarkt.“, schrieb sie, wobei sie es ursprünglich gar nicht vor hatte.

Den wahren Grund für ihren Abgang behielt sie für sich.

„Wer ist diese Alicia?“, fragte sie dennoch Edward bei der nächsten Gelegenheit.

„Eine sehr gute Chirurgin.“

„Die auf dich steht?“

„Das weiß ich nicht. Ich stehe nicht auf sie.“, sagte Edward und fing an Jana zu befummeln.

„Ich stehe auf dich.“, flüsterte er und trug sie ins Schlafzimmer. Wieder bleib Jana den ganzen Abend und die Nacht bei Edward, obwohl sie eigentlich mit den Bewohnern der WG verabredet war. Alle gemeinsam wollten eine Tanne holen. Eigentlich war es Janas Idee. Sie liebte die Weihnachtszeit und bestand darauf, wenigstens einen Tannenbaum in der WG aufzustellen.

Als sie am nächsten Nachmittag die Tanne sah, plagte sie das schlechtes Gewissen.

„Danke. Danke. Danke. Ich schmücke den Baum.“, freute sie sich.

„Du bleibst schon hier wohnen?“, fragte Jonas.

„Ja, sicher.“

„Anna ist gestern ausgezogen. Ich glaube sie ist mit diesem Rolf zusammen.“ Jonas schien nicht unglücklich darüber zu sein.

„Besser so.“, sagte Markus, der dabei war jede Menge Zwiebeln klein zu schneiden.

„Ja, ist es auch, nur.... Ich kann mir alleine das große Zimmer nicht mehr leisten. Will einer von euch mit mir tauschen?“

Die Frage war an Markus wie Jana gerichtet. Dass Dominik nicht leicht mit seinem Geld über die Runden kam, wussten allesamt und somit schied er als Kandidat für das größte Zimmer der WG aus.

„Wie viel zahlst du?“, fragte Jana, die damals das kleinste Zimmer nehmen musste, da sie als Letzte in die WG einzog.

„Zweihundert Zehn.“

„Du?“

„Hundertdreißig.“

„Das könnte ich mir leisten.“ meinte Jonas.

„Markus? Wenn du es nicht willst nehme ich´s.“

„Ich bin zufrieden mit meinem Reich.“

„Ich nehme es.“, sagte Jana die sich jetzt schon auf die größere Bleibe freute. Sie wusste, dass ihre Eltern schon damals mehr für ein Zimmer bezahlt hätten. Außerdem wollte sie wieder malen. Bis jetzt fehlte ihr der Platz um die eine oder andere Leinwand aufzustellen.

„Cool, ich helfe dir dann beim streichen.“, meinte Jonas, der sein Zimmer regelrecht zugequalmt hat. „Deinem Macker werden die Paar Kröten schon nicht abgehen.“, lachte er.

Janas Gesichtsausdruck veränderte sich abrupt. „Behalte dein Zimmer. Ich will es nicht!“, sagte sie laut.

„Hey, Püppchen....“, so nannten die Jungs sie heimlich und jetzt rutschte es Jonas raus. „Ich habe es nicht böse gemeint, er schaut nur so aus wie wenn er nicht wenig Kohle hätte.“

„Er hat auch Kohle. Aber das ist kein Grund anzunehmen, dass er für mich aufkommt.“

„Schon gut. Wirklich, ich habe es nicht so gemeint.“

Jana merkte, dass sie überreagiert hat.

„Sind wir wieder gut?“, meinte Jonas.

Sie nickte, verschwand aber in ihrem Zimmer und rief ihre Mutter an, um ihr von der neuen Bleibe zu berichten.

„Sicher. Das ist gut, dein Zimmer ist so klein und ungemütlich.“ Claudia war alles Recht. Hauptsache ihre Tochter würde nicht zu diesem Edward ziehen.

In den nächsten Tagen war es Edward der wenig Zeit hatte, was Jana ihm nicht übel nahm. Umso schöner war es, als sie wiedermal bei ihm über Nacht blieb.

„Was machst du Weihnachten?“, fragte sie.

„Nicht viel. Ich werde arbeiten, da du sicher nach Hause fährst.“

„Ja. Und ich dachte du könntest Heiligabend mit uns verbringen. Meine Eltern wissen Bescheid wegen uns.“

„Ich weiß nicht. Ich denke ein anderes Mal ist es vielleicht günstiger mich deinen Elten vorzustellen.“ Wieder sträubte sich was in Edward mit Jana mitzukommen.

„Es geht mir nicht nur darum dich vorzustellen. Ich will nicht, dass du Heiligabend alleine bist.“

Edward lächelte verlegen.

„Es macht mir nichts aus. Bis jetzt war ich jedes Jahr alleine.“

„Aber jetzt hast du mich und ich finde es schrecklich, wenn du Weihnachten alleine verbringst.“

Edward stand auf. „Jana, hör zu. Mir bedeutet Weihnachten nichts. Wir haben es nie gefeiert und deswegen geht es mir nicht ab.“

Jana sah ihn mit fragendem Gesichtsausdruck an.

„Wenn man was nicht kennt, vermisst man es auch nicht.“, sagte Edward.

„Aber wieso?....Wieso...“

„Ich will nicht darüber reden.“

„Hast du nicht mit deiner Exfrau und deinem Sohn Weihnachten gefeiert?“ Jana ließ nicht locker.

„Doch. Aber es bedeutet mir nichts. Ich habe wie jedes Jahr Oscar ein Geschenk geschickt und damit ist die Sache erledigt.“ Sarkasmus lag in Edwards Stimme.

„Es geht doch nicht um die Geschenke.“

„Manchen Menschen schon. Oscar erwartet einen fetten Check und ein Geschenk zu Weihnachten. Er ist so erzogen worden, verstehst du?“

„Ja. Schon, aber mir ist es nicht wichtig. Ich will mit dir sein. Mit oder ohne Geschenk. Du wirst sehen, einmal Weihnachten mit uns und du wirst es nie wieder missen wollen.“

„Vielleicht nächstes Jahr. Selbst wenn ich wollen würde, es geht nicht. Im Krankenhaus geht es drunter und drüber. Wir haben immer noch zu wenig Personal.“

Jana war mit ihrem Latein am Ende und als sie Heiligabend mit ihrer Familie am Tisch saß, war sie froh, dass sie nicht wie Oscar erzogen wurde. Wie jedes Jahr trommelte Claudia die ganze Familie zusammen und als Janas Oma wieder mal behauptete es sei ihr letztes Weihnachtsfest, schmunzelten alle da jeder wusste, dass sie sich trotz hohem Alter bester Gesundheit erfreute.

Während der obligatorischen Christmette, fragte sich Jana ob Edwards Abneigung Weihnachten gegenüber vielleicht darin lag, dass er Atheist sei. Doch wiederum würde er nicht eine Kette mit einem Kreuz an seiner Brust tragen, wenn es so wäre, dachte sie. Sie versuchte die Gedanken an Edward zu verwerfen um sich auf die Predigt des Priesters zu konzentrieren, was ihr nicht gelingen wollte. Nach der Christmette machte sie die Schachtel auf, die ihr Edward vor der Abreise gab.

„Frohe Weihnachten. Erst Heiligabend aufmachen. Ja?“, sagte er.

Auch wenn sie beim Anblick der Perlenkette begeistert war, wäre ihr Edwards Nähe um´s tausendfache lieber gewesen.

5.

Gleich nach den Feiertagen machte sich Jana samt Lydia auf die Suche nach einer geeigneten Robe für den Silvesterabend. Jetzt bereute sie, dass sie Edwards Geld nicht angenommen hat, als er zu ihr sagte: „Wir gehen auf einen Ball, du wirst ein Abendkleid brauchen. Kauf dir was schönes.“, drückte er ihr mehrere Hundert Mark Scheine in die Hand.

Wie immer war sie zu stolz um sein Geld anzunehmen.

„Ich habe ein Abendkleid.“, log sie.

Lydia wurde schon längst fündig, während Jana am verzweifeln war. Sie hatte eine genaue Vorstellung davon, was sie tragen möchte.

„Dann gehe ich lieber nackt.“ meinte sie, als sie das Preisschild entdeckte, am einzigen Kleid das ihr gefiel.

„Er hätte sicher nichts dagegen.“, alberte Lydia.

„Ich gib auf, ich werde nichts finden. Es gibt nur noch eine Option.“

Jana schleppte ihre Freundin in einen Stoffladen. Sie fand genau den Stoff der ihr im Kopf vorschwebte. Am Abend rief sie Markus an, der genauso wie sie Weihnachten mit Familie verbrachte.

„Kannst du mich retten? Ich brauche eine Silvesterrobe.“, gestand sie ihm, nachdem sie kurz über die Feiertage geplaudert haben.

„Ich verstehe, sie brauchen einen Termin bei ihrem Designer.“, freute sich Markus.

„Ja, bitte. Ich weiß auch schon wie es aussehen soll und den passenden Stoff habe ich auch gefunden.“ Sie beschrieb Markus so gut es ging wie ihr Kleid aussehen sollte.

„Na klar. Ich mache es.“

„Kommst noch vor Silvester in die WG?“

„Nein, sie müssen schon in mein Hauptatelier kommen.“, lachte er.

Minuten später fragte Jana ihre Mutter: „„Kann ich dein Auto haben? Ich will Markus besuchen.“

„Markus?“, fragte Claudia erstaunt.

„Ja. Er wohnt nur zwanzig Minuten von uns weg.“

„Natürlich, nimm mein Auto.“, antwortete Claudia euphorisch.

Den Grund für ihren Besuch verschwieg Jana ihrer Mutter, um die gute Stimmung nicht zu zerstören.

„Hallo Jana. Endlich lerne ich sie mal kennen.“, empfing Markus´s Mutter mit Freude die Freundin ihres Sohnes.

„Wenn du mich mal in der WG besuchen würdest...“, sagte Markus.

„Du weißt doch wie sehr ich Großstadt hasse.“, unterbrach ihn seine Mutter und versuchte Jana für ihre Plätzchen zu begeistern.

„Sie wird mich jetzt bis mein Lebensende mit dir verheiraten wollen.“, meinte Markus, als seine Mutter die Beiden endlich alleine ließ.

„So lange du das nicht willst, kann ich es verkraften.“

„Du bist die perfekte Tarnung.“, lächelte Markus verlegen.

„Das bin ich gerne für dich, aber meinst du nicht, dass es irgendwann rauskommt. Hast du nicht vor es ihr zu sagen?“