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Von einem auf den anderen Tag, verändert sich Leylas Leben in eine Katastrophe. Ihr Mann leidet an Epilepsie und ihre geliebte Schwester Esin wendet sich von ihr ab, um an der Seite ihrer Familie ein Dasein als gläubige Muslimin zu führen. Zu spät merkt die sonst so lebensfrohe Esin, dass sie sich ihr eigenes Gefängnis gebaut hat. Vergebens versucht sie der Hölle zu entfliehen, während sie in ständiger Angst um ihr eigenes aber auch um das Wohlergehen ihrer Schwester wie das des kleinen Elias verharrt. Nicht mal ihre Kusine Arzu, die sich nach ihrer Hochzeit über die gewonnene Freiheit freut, kann ihr helfen. Erst als Esin sich dem Befehl ihrer Mutter beugt und ihre Jungfräulichkeit wiederherstellen lässt, wendet sich ihr Blatt...
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2019
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JoAnn M.
Fluch der Vergangenheit
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
Sieben Jahre später.
Impressum neobooks
Arzu sah auf die Uhr. Es war zehn vor fünf. Sie ärgerte sich, soviel Zeit mit dem schreiben des Briefes an ihre Eltern verplempert zu haben. Nachdem sie das Kuvert beschriftet hat, schrieb sie eine Botschaft an ihren Mann. Ursprünglich nahm sie sich vor, auch ihm einen Brief zu schreiben. Erneut sah sie auf ihre Uhr und schrieb nur „Ich liebe Dich“ auf dem vor ihr liegendem leeren Blatt Papier. Schnellen Schrittes ging sie ins Schlafzimmer und legte auf dem Bett das neue Kleid hin in dem sie beerdigt werden wollte. Im Bad zog sie dann ihren Lidstrich nach, atmete tief durch, nahm das Messer in die Hand und trennte, wie wenn sie es jeden Tag tun würde, ihre Pulsadern durch. Überzeugt davon, dass sie das einzig Richtige tat, setzte sie sich auf dem kalten Fußboden hin und schloss ihre Augen. Mit einer großen Genugtuung stellte sie sich das Gesicht ihrer Mutter vor, wenn diese von den Gründen ihres Ablebens erfahren wird. Sie dachte an Esin und Leyla und an ihre kleine Schwester, die sie noch vor kurzem retten wollte. Sie wollte ihr das Leben, das sie selber gelebt hat ersparen. Sie dachte daran wie sehr sie sich getäuscht hat. Wie sehr sie jeden Tag in der Vergangenheit und nicht in der Gegenwart lebte....
„Komm ins Bett. Es ist mitten in der Nacht.“, sagte Leyla mit verschlafener Stimme.
„Daniel?“, fragte sie nach. „Daniel!“, wurde Leyla lauter, was keineswegs zur einer Reaktion ihres Mannes führte, der wie angewurzelt am Fenster stand.
„Daniel, was ist mit dir?“, stieg sie aus dem Bett raus und stellte fest, dass Daniel am ganzen Körper zitterte. Im Lichte kam sein starrer Blick und die totale Abwesenheit zur Vorschein.
„Oh Gott Daniel, was ist den mit dir? Sag was, Daniel!!“ Panik stieg in ihr hoch. Daniel sah, wie ein Geist aus.
„Mami?“ Der fünfjährige Elias stand an der Tür.
„Komm mein Schatz, ich bringe dich wieder ins Bett.“, sagte Leyla.
„Ich will bei euch schlafen.“, jammerte der kleine Mann.
Die zierliche Leyla hob ihren Sohn hoch. „Bist du schwer.“, lächelte sie, obwohl ihr keineswegs nach Lachen war.
Sie deckte Elias zu und gab ihm einen Kuss, als sie einen lauten Knall aus dem Schlafzimmer vernahm. Wie von Sinnen lief sie rüber und sah Daniel krampfend auf dem Boden liegen.
„Oh Gott, oh Gott.“, sagte sie während sie sich über ihn beugte und seinen Körper hielt.
Sie betete, dass dieser Anblick dem kleinen Elias erspart bleiben würde, doch dieser stand nur Sekunden später weinend neben ihr und fragte: „Was hat Papa?“.
„Ich weiß es nicht Schatz, geh und hole das Telefon.“
Bereitwillig lief der Kleine in den Flur.
„Setz dich auf das Bett hin.“, ermahnte Leyla ihren Sohn, nachdem sie die Notrufnummer gewählt hat und stotternd die Situation geschildert hat.
Inzwischen krampfte Daniel zwar nicht mehr, dennoch war er nicht ansprechbar.
„Komm, wir machen dem Arzt die Tür auf.“ Leyla versuchte Ruhe zu bewahren, obwohl sie selber am ganzen Körper zitterte.
„Schaffen sie das Kind hier raus.“, sagte der Arzt und gab den Sanitätern irgendwelche Anweisungen.
Leyla brachte den weinenden Elias ins Wohnzimmer und setzte ihn vor dem Fernseher hin.
„Ich komme gleich, alles wird gut mein Schatz.“, versuchte sie vergebens ihren Sohn zu beruhigen.
„Was ist mit Papa?“
„Er ist nur gestürzt, die Ärzte kümmern sich jetzt um ihn und ich muss auch nach ihm sehen. Alles wird gut. Willst du Caillou gucken?“, lenkte sie ab, worauf Elias nickte.
Leyla war froh zu sehen, dass ihr Mann anscheinend wieder ansprechbar war, als sie ins Schlafzimmer kam.
„Daniel?“, sagte sie leise, worauf er nicht reagierte.
„Ihr Mann ist noch benommen. Er hatte einen epileptischen Anfall.“, teilte ihr der Arzt, nach einer gefühlten Ewigkeit mit.
„Haben sie die Versichertenkarte?“, fragte er nebenbei, so als ob es im Moment das Wichtigste wäre.
„Er ist Privatpatient.“, sagte Leyla, worauf der Gesichtsausdruck des Arztes wesentlich freundlicher wurde.
„Wir nehmen ihren Mann mit, morgen früh können sie ihn besuchen.“
Sie musste trotz allem daran denken, dass sie morgen Früh im Laden stehen musste. Es war kurz vor Weihnachten und sie hatten alle Hände voll zu tun.
Nachdem Leyla den Krankenwagen wegfahren sah, überkam sie eine Art Ohnmacht. Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück und deckte ihren Sohn zu, der zu schlafen schien. Im Schlafzimmer stieg sie in eine Pfütze. Sie konnte sich nicht erklären woher das Wasser kam. Erst als sie den Geruch des Urins wahrnahm wurde ihr klar, dass sich Daniel in die Hose gemacht hat. Angewidert wischte sie den Boden und räumte die Überbleibsel von irgendwelchen Spritzen weg die Daniel verabreicht wurden.
Trotz der späten Stunde war sie hellwach und setzte sich an ihren PC hin. Sie las über Epilepsie und konnte sich immer noch nicht erklären, weshalb ihr Mann einen Anfall erlitten hat. Sie fand jedoch die Erklärung dafür, wieso er sich angepinkelt hat und musste in dem Moment daran denken, dass sie ihm nicht mal frische Unterhosen mitgegeben hat.
Es war fast halb vier in der Früh, als sie sich neben ihrem Sohn auf dem Wohnzimmersofa hingelegt hat. Als sie um halb sieben den Wecker hörte, fühlte sich ihr Kopf wie ein Kürbis an.
Leise schlich sie sich aus dem Wohnzimmer raus und stieg in die Dusche. Das unbequeme Sofa machte sich in ihrem Nacken bemerkbar genauso wie der fehlender Schlaf. Auch ein starker Kaffee half ihr nur halbwegs einen klaren Gedanken zu fassen. Normalerweise war es Elias, der sowohl unter der Woche wie auch am Wochenende seine Eltern zum Aufstehen drängte. Nicht so am heutigen Morgen. Ihr Sohn schlief wie Stein und sie hatte sogar Mühe ihn wach zu bekommen. Während sie die Brotzeitbox füllte, rief sie Monika an.
„Hi, kannst du heute aufsperren? Daniel ist im Krankenhaus.“
„Was ist?“, fragte die noch verschlafene Aushilfskraft.
„Kannst du? Ich erzähle dir alles später.“
„Ja, sicher.“
Zur Leylas Erstaunen fragte Elias erst mal nicht nach seinem Papa. Im Kindergarten jedoch, fing er an zu weinen und klammerte sich an seine Mama, was bis zum heutigen Tag nie passiert war.
„Was hast du mein Liebling?“, fragte Leyla, obwohl ihr bewusst war was in ihrem Kind vorging.
„Stirbt Papa jetzt?“
„Nein. Wie kommst du den darauf. Er ist nur gestürzt und ich fahre jetzt gleich zu ihm.“
„Ich will mit dir kommen.“, jammerte Elias.
„Nach dem Kindergarten, ja?“
Elias nickte und ging zu seinem besten Freund spielen. Leyla überlegte kurz die Kindergärtnerin ins Bild zu setzten, doch als sie ihr Handy klingeln hörte ließ sie es bleiben.
Sie ging ran und war froh die Stimme ihres Mannes zu hören.
„Bring mir bitte was zum anziehen mit. Ich kann nach Hause.“
„Wirklich? Bist du dir sicher?“
„Ja. Alles okay.“, beruhigte Daniel seine Frau. „Und nimm meine Zigaretten mit.“, fügte der starke Raucher hinzu.
Als Leyla das Krankenzimmer betrat, sprang Daniel aus dem Bett raus und meinte: „Na endlich. Wer ist im Laden?“
„Moni. Beruhige dich, sie packt es schon.“
„Ja schon, aber gerade heute holt Herr Blum seine Bestellung ab. Ich ziehe mich schnell an, ja?“
„Und die Ärzte haben wirklich nichts dagegen?“
„Nein. Es war nur ein Anfall. Ich muss Tabletten nehmen, dann passiert es nicht mehr. Versprochen.“, redete er mit ihr, während er sich den Pulli überzog. Leyla kam diese egal Einstellung ihres Mannes fast schon verdächtigt vor.
„Ich gehe trotzdem einen Arzt fragen?“, sagte sie.
„Lass es Schatz. Ich muss dir was beichten.“
„Was denn?“
„Im Auto, ja? Lass uns jetzt gehen.“, sagte Daniel und beichtete später seiner Frau, dass er seit seiner Kindheit an Epilepsie litt.
„Seit deiner Kindheit? Wieso hast du mir nie davon erzählt!?“, fragte Leyla zornig.
„Ich hab´s vielleicht verdrängt oder vergessen.“
„Wie kann man so etwas vergessen?“
„Das letzte Mal hatte ich so was mit vierzehn, an dem Tag als mein Vater starb. Seit dem hatte ich keinen einzigen Anfall mehr. Irgendwann habe ich die ganzen Pillen auch nicht mehr genommen. Genauer gesagt ab dem Zeitpunkt als wir zusammengezogen sind. Es ist ja nie was gewesen...Wieso hätte ich dir was erzählen sollen. Außerdem glauben viele was weiß ich was, woher die Krankheit kommen würde.“
„Trinkst du deswegen so gut wie nie Alkohol?“.
„Ja. Das habe ich damals meiner Mutter hoch und heilig versprochen.“
„Und.. Und ist es.. Na ja.. Könnte Eli auch..“
„Nein. Um Gottes Willen. Nein. Ich bin mit drei von einer Leiter gefallen, das könnte der Grund sein. Die Stelle ist nicht operabel. Zumindest damals war es so. Ich wollt´s dir damals erzählen. Bei Elkes Junggesellenabschied, als du mich gefragt hast ob ich ein Problem mit Alkohol hätte... Dass ich mich wie trockener Alki benehme.“
Leyla wunderte sich damals, dass Daniel weder Bier noch Wein trank. Zeitlang nahm sie an, er würde es ihr zur Lieber ablehnen, da sie damals noch eine Muslimin war. „Du bist doch kein trockener Alki?“, fragte sie ihn einmal.
Er verneinte es damals mit einem charmantem Lächeln und meinte: „Schlimm. Man wird gleich als ein trockener Alki abgestempelt, nur weil man nichts trinkt.“
„Ich hätte es trotzdem gerne gewusst. Das gestern war die Höhle für mich. Ich dachte du stirbst oder so. Und Elias....“
„Hat er mich so gesehen?“, unterbrach Daniel seine Frau.
„Ja. Ich konnte nichts tun. Er ist gekommen, während du gekrampft hast.“
„Scheiße.“, sagte Daniel, zündete sich eine Zigarette an und versank in Gedanken.
„Geh schon mal in den Laden, ich komme gleich nach.“, meinte er sobald sie zu Hause waren.
„Du schaust nicht gut aus. Lege dich doch noch bisschen hin, ich schaffe es schon.“
„Mir fehlt nichts. Wirklich. Ich habe nur Muskelkater, aber es ist normal nach einem Anfall. Und gegen Kopfweh habe ich Tabletten bekommen.“ Daniel gab Leyla einen Kuss und verschwand im Bad.
Sie ging in den Laden, wo sich Monika sichtlich abmühte alle Kunden zufrieden zu stellen.
Sofort ging sie dieser zu Hand und bediente Frau Alber die eine gute Stammkundin war.
„Wie geht’s dir? Du siehst wirklich abgekämpft aus.“, sprach Monika sofort Daniel an, als sie ihn reinkommen sah..
„Alles gut. Danke, dass du gekommen bist. Wo ist die Bestellung?“, lenkte er ab und fragte Leyla leise: „Du hast ihr doch nicht erzählt, dass ich einen Anfall hatte?“.
„Ja. Doch. Was hätte ich den sonst sagen sollen.“
„Ich will nicht, dass es jemand weiß.“, sagte Daniel kühl, was Leyla zur Weißglut brachte.
„Sag mal, was soll denn das? Es ist eine Krankheit und kein Ungeziefer. Soll ich jetzt lügen, oder was?“
Daniel sah Herr Blum kommen und widmete sich voll und ganz dem Kunden zu. Die vorbestellten Körbe voller Feinkostspezialitäten, sahen wieder mal fantastisch aus.
„Wunderbar.“, sagte Herr Blum und ließ mehr Geld da, als es nötig war.
„Ich muss zum Kindergarten.“, sah Leyla auf ihre Uhr.
„Ja. Aber beeile dich, schau mal was los ist.“
„Und wo soll Elias bitteschön bleiben?“
„Kannst du nicht Esin fragen? Es ist vor Weihnachten. Wir müssen das Geschäft mitnehmen.“
Sie wusste, dass ihr Mann es gut meinte. Dennoch war sie es satt, Elias zu ihrer Schwester bringen zu müssen. Der Feinkostladen war zwar auch ihr Traum, doch es bedeutete mehr Verzicht wie sie sich das gedacht haben. Vor allem auf die Zeit mit ihrem Kind wollte Leyla zunehmend nicht verzichten, was oft zum Streitigkeiten zwischen ihr und Daniel führte. Er weigerte sich mehr Personal einzustellen, obwohl sich inzwischen eine zusätzliche Kraft von den Finanzen her ausgehen würde. Damals waren sie sich sicher, dass es richtig war sich selbständig zu machen. Beide waren sich sicher....
Elias Kindergärtnerin riss Leyla aus den Gedanken raus.
„Was ist passiert Frau Beck? Elias war heute sehr weinerlich und hat erzählt, dass sein Papa fast gestorben wäre.“
„Oh, mein Mann hatte gestern einen epileptischen Anfall und Eli hat´s leider mitbekommen.“, ignorierte Leyla die Bitte ihres Mannes, niemanden was davon zu erzählen.
„Epileptischen Anfall? Das ist schrecklich. Ich hatte keine Ahnung... Mein Opa hatte das auch. Aber ihr Mann ist jung. Es gibt heutzutage so gute Einrichtungen. Es wird schon wieder. Passiert in den besten Familien. “
„Wie... Wie meinen sie es?“
Frau Lorenz nahm Leyla zur Seite und flüsterte: „Ich bringe ihnen am Montag Broschüren von anonymen Alkoholikern und...“
Leyla verstand augenblicklich, dass die Frau wie viele Menschen annahm, nur Alkohol konnte der Auslöser für Epilepsie sein und unterbrach ihren Monolog.
„Mein Mann trinkt nicht. Er hat die Krankheit seit seiner Kindheit.“
„Ach so...“ Frau Lorenz´s Gesichtsausdruck sprach Bände. Für sie war es klar, dass Leyla ihr nicht die Wahrheit sagen wollte.
Elias unterbrach die unangenehme Situation und Leyla war froh, sich aus den Fängen der besorgten Kindertante lösen zu können. Sie versprach sich, mit niemandem mehr darüber zu reden. Es war so, wie Daniel gesagt hat. Vorurteile und Spekulationen die kein Mensch brauchte, sonst nichts.
Für Elias war es jedoch ein Riesen Thema. Im Auto fragte er seine Mama warum Papa so ausgesehen hat und ob er wieder normal sei.
Obwohl sie ihm versicherte, es sei alles in Ordnung, war es das Erste was er sagte, als sie die nach Plätzchen riechende Wohnung von Esin betraten: „Weißt du schon? Papa ist gestürzt und ihm kam so komisches Zeug aus dem Mund und dann waren Ärzte bei uns.“.
Esin umarmte ihren Neffen und sah Leyla fragend an, worauf diese sowohl von der vergangenen Nacht wie von dem Kommentaren der Kindergärtnerin erzählte.
„Blöde Kuh, wie kann sie so etwas annehmen.“, meinte Esin. „Dann fahre jetzt in den Laden. Er soll sich hinlegen.“, fügte sie hinzu. „Ich brauche sowieso Hilfe beim verzieren. Wir zwei machen jetzt die besten Plätzchen aller Zeiten“, lachte die hübsche Frau Elias an.
Als Leyla in den Laden kam glaubte sie ihren Ohren nicht, als Daniel ihr sagte, er hätte Moni nach Hause geschickt.
„Wieso? Es ist so viel los.“
„Es war viel los. Jetzt schaffen wir es auch zu zweit.“
„Ich verstehe dich nicht....“
„Was?! Was verstehst du nicht?“, brüllte Daniel. „Ich kann es mir nicht leisten den ganzen Tag jemanden zu bezahlen. Und in der Zukunft werden wir uns nicht mal sie leisten können. Robak will einen Tausender mehr Mitte.“
„Darf er das?“
„Sicher! Unser Vertrag läuft aus und wenn wir den Laden behalten wollen, will er einen Tausender mehr.“
„Seit wann weißt du es?“
„Seit einer Woche.“
Leyla dachte daran ihm zu sagen, dass diese Nachricht wohl möglich der Auslöser des Anfalls sein könnte, doch sie ließ es bleiben. Zeit dazu hatte sie ohnehin nicht mehr. Ihr wurde schlecht, als sie Alexis reinkommen sah. Sie wunderte sich, dass die Neugier ihrer Nachbarin erst jetzt mit ihr durchkam und nicht schon gestern Nacht, als der Krankenwagen ankam. Die einzige Erklärung dafür, wäre das fehlende Make Up. Frau Kessler ging nie ungeschminkt vor die Tür, niemals.Trotz ihres Alters war sie noch fit wie ein Turnschuh und machte mit ihren boshaften Bemerkungen den ganzen Viertel der Stadt unsicher.
„Na sagen sie mal Leyla, was war denn los gestern Nacht?“
„Mein Mann hatte einen Kreislaufzusammenbruch.“, log Leyla ihre Nachbarin an.
„Ich habe es ihnen immer schon gesagt. Selbständig sein ist kein Zuckerschlecken.“
Es folgte eine Geschichte über die Selbständigkeit ihres Mannes, die Leyla und höchstwahrscheinlich die meisten Stadtbewohner schon zum x-ten mal gehört haben. Alexis´s lautes Organ war genauso bekannt wie ihr Modestil, wenn man es überhaupt so nennen durfte. Je nach Lust und Laune trug die Sechzigjährige mal einen ihrer Pelzmäntel zur Schau oder aber einen Outfit der eher an einen Teenager erinnerte. Und jede Menge Schmuck dazu. Echt wie Unecht. Hauptsache viel davon.
„Daniel! Sie sehen heute gar nicht gut aus! Ich würde mich an ihrer Stelle ins Bett begeben.“, meinte die schlanke hochgewachsene Frau.
„Es geht schon Frau Kessler. Bald ist ja Weihnachten, da haben auch wir mal wieder paar Tage frei.“, kommentierte Daniel höflich ihre Anmerkung. Als Alexis endlich den Landen verließ sagte er zur Leyla: „Danke. Wenn sie es weiß, weiß es die ganze Stadt.“
„Schon gut. Trotzdem hat sie recht. Du siehst heute nicht gut aus. Du hättest ins Bett gehört. Moni und ich hätten es ohne dich auch geschafft.“
„Oh, ich hab´s ganz vergessen... Grüßen sie bitte Esin von mir.“, kehrte Frau Kessler zurück und unterbrach das Gespräch.
Auch wenn sich Leyla nicht erklären konnte wieso sie Frau Kessler mochte, war es einfach so. Sie bewunderte sie schon fast für ihre ehrliche, niemanden verschonende Art. Die Frau war ein Einzelstück sowohl was ihr Äußeres wie auch was ihren Charakter betraf.
Müde, aber froh über die Umsätze des Tages fuhr Leyla zu ihrer Schwester.
„Alexis lässt dich grüßen.“, lachte sie, als sie bei Esin ankam. Beide Schwestern machten oft Witze auf Alexis´s Kosten und amüsierten sich prächtig über ihre Kommentare, obwohl Frau Kessler nicht mal die Beiden verschonte. Sie war überzeugt davon, dass Esin magersüchtig sei und Leyla nicht weit davon entfernt.
„Ich schicke ihr paar Plätzchen.“, lachte Esin laut und dann sagte sie ernsthaft: „Dir scheint auch nicht gerade die Sonne aus dem Arsch. Du siehst fertig aus.“
„Das bin ich auch. Ich habe die halbe Nacht auf dem Wohnzimmersofa geschlafen. Gott sei dank ist morgen Samstag.... Und! Robak will Tausender mehr Miete.“
„Na ja. Es ist super Lage, klar. Aber gleich um einen Tausender?!“
„Ich verstehe es auch nicht und ganz ehrlich? Vielleicht ist es auch gut so. Mir ist gestern so viel bewusst geworden. Wenn Daniel was passieren würde, stehe ich da! Vielleicht sollten wir uns normale Jobs suchen. Alleine könnte ich nie den Laden schmeißen! Ich habe jetzt schon so wenig Zeit für Elias und ich wollte immer zwei oder drei Kinder.“
„Ihr werdet schon eine Lösung finden, in der Hofmarktstraße bauen sie neue Läden. Fragt doch mal nach, was die Mitte dort kosten würde. Es ist auch gute Lage und die Leute kennen euch. Sie kommen so oder so. Egal wo ihr seid.“
„Vielleicht hast du recht. Ich sage es Daniel, vielleicht ist er dann ruhiger. Ich glaube, dies war der Auslöser des Anfalls.“
„Wie?“
„Ich habe darüber gelesen. Anscheinend kann zu viel Stress und Schlafentzug Anfälle auslösen.“
„Du, das kann sein. Daniel sieht wirklich in letzter Zeit gestresst aus. Und abgenommen hat er auch.“
„Meinst du?“
„Ja. Was sagst du dazu?“, lenkte Esin ab und zeigte Leyla das Kleid, das sie zur Weihnachtsfeier tragen würde.
„Schön. Sehr schön. Sexy.“
„Ja? Ist der Schlitz nicht zu...“
„Nein.“, unterbrach Leyla ihre Schwester. „Zeig ihm, was er verloren hat.“, sagte sie mit Nachdruck, worauf sich Esins Augen mit Tränen füllten.
„Hey, er ist es nicht wert.“
„Ich weiß, trotzdem liebe ich ihn noch. Und vielleicht trennt er sich wirklich von seiner Frau. Es ist kurz vor Weihnachten.... Seine Tochter und so... Irgendwie kann ich es verstehen.“
„Es wird immer was sein. Weihnachten, Ostern oder eine Familienfeier. Komm schon, es war richtig ihn fallen zu lassen. Oder läuft wieder was zwischen euch?“
„Nein. Also, ja. Naaa, nicht wirklich, er hat mich gestern gefragt...“
„Ich will es gar nicht hören.“, unterbrach Leyla ihre Schwester. „So lange er mit seiner Frau unter einem Dach lebt, kann er sagen und fragen was er will. Er bleibt immer noch ein Ehebrecher und du nur die Geliebte, also...“
„Du hast recht.“, diesmal ließ Esin Leyla nicht zu Ende sprechen.
„Natürlich habe ich recht. Mach keinen Scheiß heute Abend.“
„Ich werd` mich bemühen...“
Zur Leylas erstaunen schlief Daniel auf dem Wohnzimmersofa, als sie samt Elias nach Hause kam, worauf der aufgeweckter Junge keine Rücksicht nahm.
„Papa, wir haben Plätzchen gebacken.“, rief er und stützte sich auf den schlafenden Daniel.
„Schön.“ Daniels heißere Stimme beunruhigte den Kleinen, worauf er sofort fragte: „Bist du wieder gesund?“.
„Ja. Ich bin wieder gesund, keine Angst. Nur ein wenig müde. Ich lege mich im Schlafzimmer hin, dann kannst du dich hier ausbreiten.“, lächelte er verlegen. Immer noch war es ihm unangenehm, dass ihn sein kleiner Sohn so sehen musste.
„Willst du nichts essen?“, fragte Leyla schnell nach, bevor Daniel im Schlafzimmer verschwand.
„Nein, nein. Ich habe keinen Appetit.“
Jetzt fiel auch Leyla auf, dass ihr Mann schmäler wie sonst wirkte. Obwohl sie geplant hat die Weihnachtsdekoration aus dem Keller zu holen, legte sie sich sofort schlafen nachdem sie Elias ins Bett gebracht hat. Mitten in der Nacht wurde sie von komischen Geräuschen wach und ahnte gleich was los war. Ihr Mann krampfte wieder. Sie hielt ihn fest so gut sie konnte und rief danach den Notarzt an. Elias schlief Gott sei dank tief und fest.
Als der Krankenwagen samt Leylas Mann fortfuhr, fing sie wie von Sinnen an zu weinen. Während sie den durchnässten Bettlacken wegzog weinte sie wie ein kleines Kind und konnte nicht begreifen, was gerade in ihrem Leben geschah. Der diensthabende Arzt war viel einfühlsamer und netter wie der vom vorigem Tag und meinte: „Wir werden ihn sicher paar Tage in der Klinik behalten, bis wir die Ursache für den Ausbruch der Krankheit kennen.“
Trotz eines schlechten Gewissens, blieb Leyla nichts anderes übrig, wie ihre verkaterte Schwester am nächsten Morgen zu wecken.
„Daniel ist wieder im Krankenhaus.“, sagte sie, bevor die Andere was sagen konnte.
„Schon wieder so ein Anfall?“
„Ja. Während er schlief...“, fing Leyla an zu weinen. Sie schloss sich im Bad ein damit der kleine Elias sie nicht so sehen musste.
„Okay. Okay. Ich brauche ´ne halbe Stunde, dann bin ich da.“
„Ich kann auch Elias zu dir bringen.“
„Neee, nicht so gut...Ich komme zu euch.“
Leyla atmete tief durch, da sie genau wusste, dass ihre Schwester die Nacht mit ihrem verheiratetem Chef verbracht hat und dieser anscheinend immer noch in ihrem Bett lag.
„Und? Hat er´s ihr gesagt?“
„Noch nicht. Aber er macht´s. Nach dem Urlaub macht er´s.“
„Na nun....“, seufzte Leyla. „Wer´s glaubt.“
„Hör auf. Er will sich wirklich trennen. Wenn er mich nicht lieben würde, wäre er schon in Kitzbühel.“
„Wenn er dich lieben würde, wäre er mit dir in Kitzbühel.“
„Danke. Danke für die aufmunternden Worte.“ Esin nahm es mit Humor hin. Sie war überzeugt davon, dass der Mann mit dem sie seit Jahren eine Affäre hatte sich schon bald zu ihr bekennen würde.
„Bin bei meiner Schwester. Ihr Mann ist wieder im Krankenhaus. Freue mich auf heute Abend. Love You.“, schrieb sie schnell einen Zettel, den sie neben dem noch schlafenden Robert hin platzierte.
Währenddessen erklärte Leyla ihrem Sohn: „Ich muss Papa im Laden helfen.“, log sie. „Tante Esin kommt gleich.“ Sie wollte Elias nicht mit der Wahrheit konfrontieren.
„Ich habe ihm gesagt, dass ich in den Laden muss. Er hat gestern nichts mitbekommen.“, sagte Leyla zu der sichtlich müden Esin, sobald diese durch die Tür kam. „Du siehst aus!“, lachte sie im gleichen Augenblick.
„Ich weiß. Wir sind um vier eingeschlafen. Er ist so...“
„Er ist ein Mann der dir dein Hirn rausgevögelt hat.“
„Ist nicht wahr.“, lachte Esin. „Gibt´s Kaffee?“
„Natürlich.“
„Sag jetzt, was war los?“, fragte Esin worauf Leyla ihr die nächtlichen Vorkommnisse erzählte.
„Schrecklich.“
„Ja.“, seufzte Leyla. „Ich fahre jetzt ins Krankenhaus und danach in den Laden. Ich kann Monika nicht alleine schuften lassen. Das Weihnachtsgeschäft ist keineswegs vergleichbar mit normalen Samstagen.“, sagte sie ernst.
„Ich weiß. Fahr nur. Robert hat Nachmittags keine Zeit, wir wollen erst am Abend was machen.“
„Danke. Und tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“
„Schon gut.“, sagte Esin und umarmte ihre Schwester.
„Du stinkst.“
„Ich weiß, ich gehe dann duschen. Versprochen.“
Leyla nahm den Terrassenausgang der Wohnung um nicht Alexis begegnen zu müssen, die wie jeden Samstag ihre Tore für´s Weiberfrühstück öffnete und alle fünf Minuten eine ihrer Freundinnen in Empfang nahm.
Im Krankenhaus ging sie erst zu der Schwesterstation, um mit einem Arzt sprechen zu wollen.
