Der Festungskurier Band 14 -  - E-Book

Der Festungskurier Band 14 E-Book

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Beschreibung

Der Festungskurier Band 14 dokumentiert den Tag der Landesgeschichte in der Festung Dömitz vom 5. Oktober 2013, gemeinsam veranstaltet vom Museum Festung Dömitz und vom Historischen Institut der Universität Rostock. Das Thema lautete: Sammlungen und Museumsprojekte in Mecklenburg-Vorpommern. Folgende Vorträge werden in diesem Band veröffentlicht: Andrea Bärnreuther: Rostock – Hafen der Wissenschaften. Ideen, Visionen und Planungen der Universität Rostock auf dem Weg zum Doppeljubiläum Torsten Fried: Fürstliche Repräsentation im Doppelpack Orden auf Münzen Wolf Karge: Fritz-Reuter-Nationalmuseum in Schwerin – eine unverwirklichte Idee Angela Ziegler: Vom Wachsen, Werden und Kämpfen um die Bewahrung und Verbreitung des Thünenerbes

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhalt

Ernst Münch

Vorwort

Andrea Bärnreuther

Rostock – Hafen der Wissenschaften.

Ideen, Visionen und Planungen der Universität Rostock auf dem Weg zum Doppeljubiläum

Torsten Fried

Fürstliche Repräsentation im Doppelpack Orden auf Münzen

Wolf Karge

Fritz-Reuter-Nationalmuseum in Schwerin – eine unverwirklichte Idee

Angela Ziegler

Vom Wachsen, Werden und Kämpfen um die Bewahrung und Verbreitung des Thünenerbes

Vorwort

Nach dem Stadtjubiläum von 2012 anlässlich der Ersterwähnung der Elbzollstelle bei Dömitz im Jahre 1237 konnte auch im folgenden Jahr, 2013, eines Ereignisses gedacht werden, das noch unmittelbarer mit der Geschichte des Museums Festung Dömitz verbunden ist: 1953 legte der langjährige und verdienstvolle Museumsleiter Karl Scharnweber mit der Einrichtung der ersten beiden Räume auf der Festung den Grundstein für das Museum.1 In den folgenden 60 Jahren ist dieses Museum sukzessive, wenn auch nicht ohne sehr unterschiedliche Probleme gewachsen und nimmt heute in der Museumslandschaft Mecklenburg-Vorpommerns eine geachtete Position ein, die angesichts seiner Spezifik als ehemalige Festung sogar weit über die Grenzen unseres Bundeslandes hinausreicht.

Der 14. Tag der Landesgeschichte, veranstaltet durch das Museum Festung Dömitz und das Historische Institut der Universität Rostock, nahm dieses 60jährige Jubiläum daher im Jahre 2013 als willkommenen Anlass, sich erneut – wie bereits auf dem 10. Tag der Landesgeschichte im Jahre 20092 – mit Problemen, Konzeptionen und Perspektiven von und für Museen, Ausstellungen und historischen Jubiläen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu beschäftigen. Nicht nur wegen der stets heiklen Finanzierungsfragen erscheint diese Thematik aktuell wie eh und je. Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Bedeutung dieser Seite unseres kulturellen Lebens als nicht zu vernachlässigender „weicher“ Faktor für Lebensqualität und Attraktivität einzelner Orte und ganzer Regionen, ganz zu schweigen von ihrem Stellenwert für Bildung und Bewusstsein möglichst breiter Bevölkerungskreise.

Der nunmehr vorgelegte 14. Band beginnt mit dem Beitrag von Andrea Bärnreuther, der Koordinatorin der Universität Rostock für die Vorbereitungen auf das bevorstehende Doppeljubiläum in Rostock, der 800-Jahr-Feier der Stadt und der 600-Jahr-Feier der Universität in den Jahren 2018 und 2019. Kern der ehrgeizigen Zielstellung ist hierbei nicht lediglich die Orientierung auf eine Abfolge einzelner und vorübergehender Aktivitäten, wie etwa Ausstellungen, sondern das Bemühen, nach Möglichkeit etwas Bleibendes zu schaffen, wie der Beitrag es etwa in Gestalt eines „Hauses der Wissenschaften“ als Idee entwickelt.

Der Verantwortliche für das Münzkabinett des Staatlichen Museums in Schwerin, Torsten Fried, demonstriert mit seiner Untersuchung über Orden auf Münzen sehr anschaulich, dass insbesondere größere Museen selbstverständlich nicht nur mit dem Sammeln, Bewahren, Systematisieren, Aufbereiten und Präsentieren ihrer Schätze zu tun haben, sondern darüber hinaus auch mit eigenen Forschungen Beiträge zu allgemeineren geschichtswissenschaftlichen Fragen beisteuern können und sollen. Hervorzuheben ist an diesem Beitrag überdies, dass sich der Autor auch dem in der Landesgeschichtsschreibung oft vernachlässigten Mecklenburg-Strelitz zuwendet.

Dass Personalmuseen selbst für unstrittig bedeutende historische Persönlichkeiten vom Range eines Fritz Reuter keine Selbstläufer sind, führt Wolf Karge, selbst u.a. langjähriger Museumspraktiker, am Beispiel des gescheiterten „Nationalmuseums“ für Reuter in Schwerin vor mehr als einem Jahrhundert vor Augen, woran der als Person sehr problematische Theodor Gaedertz sowohl positiv wie negativ entscheidenden Anteil hatte. Wir können uns glücklich schätzen, dass diese Scharte in Mecklenburg – gerade im Vergleich zum Reuter-Wagner-Museum in Eisenach – in späterer Zeit durch die Museen in Stavenhagen und nicht zuletzt in Dömitz, der letzten Etappe der Festungshaft Reuters, ausgewetzt wurde. Und damit schließt sich der Kreis wieder zu Karl Scharnweber, der Fritz Reuter von Anfang an eine zentrale Rolle in seiner Museumskonzeption beimaß.

Dem Museum in Tellow für einen anderen „Nationalheiligen“ Mecklenburgs widmet sich abschließend dessen Leiterin, Angela Ziegler, dem Nationalökonomen und Musterlandwirt Johann Heinrich von Thünen. Bereits der Titel des Beitrages deutet die nicht zuletzt finanziellen Probleme an, mit denen diese Einrichtung – wie viele andere im Lande – gegenwärtig zu kämpfen hat. Planungssicherheit und Kontinuität wären wichtige Voraussetzungen für eine gedeihliche Weiterentwicklung, zumal Thünen ebenso wie Reuter und beider Erbe weit über Mecklenburg ausstrahlen.

Ähnliche Schwierigkeiten wie für Tellow deuteten auch die Beiträge von Gesine Kröhnert über das von ihr geleitete Museum in Schwerin-Mueß sowie von Museumsleiter Olaf Both für das Heimatmuseum in Schönberg an, auf deren Abdruck hier leider verzichtet werden musste.

Fazit: Bei allen beachtlichen Erfolgen bedarf es auch weiterhin nicht nur neuer Ideen und nicht nachlassender Aktivitäten, sondern vor allem auch entsprechender Rahmenbedingungen, um unserer Museumslandschaft und ihrer Vielfalt Bestand, Perspektiven und Zukunft zu erhalten.

Rostock, Sommer 2014

Ernst Münch

1 KARGE, Wolf: Karl Scharnweber. Pädagoge, Museumsmann und Heimatforscher, in: Der Festungskurier, Bd. 13, Norderstedt 2013, S. 75-82.

2 Druck: Museumskonzeptionen. Zu kulturhistorischen „Highlights“ in Norddeutschland. Der Festungskurier, Bd. 10, Rostock 2010.

Rostock – Hafen der Wissenschaften.

Ideen, Visionen und Planungen der Universität Rostock auf dem Weg zum Doppeljubiläum

VON ANDREA BÄRNREUTHER

Es ist für mich eine große Ehre, Ihnen in Dömitz, an diesem so eindrücklich von der Blüte des mecklenburgischen Fürstenhauses in der Renaissancezeit und seiner Verflechtung in Europa Zeugnis ablegenden Ort Ideen, Visionen und Planungen der Universität Rostock auf dem Weg zum Doppeljubiläum – 600 Jahre Universität und 800 Jahre Hansestadt Rostock – vorstellen zu können. Mit dem Namen des Erbauers der Festung Dömitz, Herzog Johann Albrecht, ist auch die Blütezeit der Universität Rostock verbunden, die nach 1563 – dem Abschluss der „Formula Concordiae“, die die Verantwortung für die Universität in Form eines Kompatronats der mecklenburgischen Herzöge und des Rates der Stadt und der Bürgerschaft regelte – beginnt und bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein reicht.

Am 12. November 2013 (12-11-13) steht die Universität Rostock 6 Jahre vor ihrem 600. Jahrestag (Abb. 1). Sie ist die älteste Universität im Ostseeraum und – nach Heidelberg und Leipzig – die drittälteste durchgehend existierende Universität in Deutschland. Ihre Bedeutung für die Hansestadt Rostock kommt in Wenzel Hollars Stadtplan von 1623 „Rostochium Urbs Megapolitana Anseatica et Mercatura et Universitate celebris“ (Abb. 2) deutlich zum Ausdruck. Und sie lässt sich auch aus der Tatsache ermessen, dass es sich bei der Universität Hamburg, die 2019 ebenfalls Jubiläum begeht, um das 100jährige Jubiläum handelt. Dieser Tatsache trägt der von der Universität mitgetragene Beschluss der Bürgerschaft von 2012 Rechnung, das 800-jährige Stadtjubiläum am 24. Juni 2018 und das 600-jährige Universitätsjubiläum am 12. November 2019 miteinander zu verbinden und als Doppeljubiläum zu feiern.

Um nur einige Stichpunkte für die Bedeutung der Universität Rostock zu nennen: Im 15. Jahrhundert war sie mit 400 bis 500 Studierenden insbesondere aus Holland, Skandinavien und dem Baltikum eine der größten Universitäten in Deutschland. In den letzten Jahren der Hanse gründete der Mathematiker und Philosoph Joachim Jungius 1622 in Rostock die erste naturwissenschaftliche Gesellschaft in Deutschland („Societas ereunetica sive cetetica“). 1901 wurde das erste Ordinariat für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in Deutschland eingerichtet, das Ordinariat für Pharmakologie war das zweite seiner Art, auch der Lehrstuhl für Hygiene gehört zu den ältesten in Deutschland. 1938 wurde in Rostock die erste Zahnklinik Deutschlands in Betrieb genommen.

Die Universität Rostock versammelt eine lange Liste berühmter Persönlichkeiten, die es beim Jubiläum in ihrer Bedeutung für die Wissenschaftsentwicklung zu erinnern gilt: vom Humanisten Ulrich von Hutten über den Astronomen und Astrologen Tycho Brahe, den schwedischen Kanzler Axel Oxenstierna, den Wirtschaftswissenschaftler und Sozialreformer Johann Heinrich von Thünen, den Archäologen Heinrich Schliemann, den Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner, die Schriftsteller Erich Kästner, Walter Kempowski und Uwe Johnson, den Philosophen Moritz Schlick, Begründer des Wiener Kreises, die späteren Nobelpreisträger für Physiologie bzw. Medizin Karl von Frisch und Albrecht Kossel – und nicht zuletzt Albert Einstein und Max Planck, die anlässlich des 500jährigen Jubiläums 1919 die Ehrendoktorwürde erhielten.

Rostocks Universität ist eng mit der Geschichte der Hanse verbunden. Rostock war die Universität der Hanse und damit ursprünglich auch die Universität der Hansestadt Hamburg. So gesehen, legt die Universität Rostock Zeugnis ab von dem Weitblick der Hansekaufleute, die bereits im frühen 15. Jahrhundert die bis heute tragende Erkenntnis hatten: ‚WissenSchafftWirtschaft‘, um den Namen einer Strategischen Partnerschaft ins Spiel zu bringen, die aus einem Arbeitskreis in Vorbereitung des Jahres der Wissenschaft 2009 in Rostock hervorgegangen ist. Dass daraus für uns heute die Aufforderung erwächst, dieses Bündnis zu erneuern und für die Entwicklung der Stadt Rostock fruchtbar zu machen, liegt auf der Hand.

Die Aufgabe ‚Jubiläumsplanung‘

im Unterschied zu Museums- und Ausstellungsplanung

Um an das heutige Rahmenthema ‚Museumsplanungen ‘ anzuknüpfen: Ich möchte Sie zu einem Flug über die heute erst in Umrissen fassbaren Planungen zum Doppeljubiläum ‚Rostock – Hafen der Wissenschaften‘ einladen, die einen weiten Jubiläumsbegriff zur Anschauung bringen und vielfältige Schnittstellen zu Museums- und Ausstellungsplanungen im Museumskontext aufweisen, sich aber zugleich auch von ihnen unterscheiden.

Abb. 1: ott + stein, Nicolaus Ott, Plakatentwurf für den 12.11.13 Sechs Jahre vor der 600-Jahrfeier der Universität Rostock, September 2013

Abb. 2: Wenzel Hollar, Stadtplan „Rostochium Urbs Megapolitana Anseatica et Mercatura et Universitate celebris”, 1623/24 Universitätsbibliothek Rostock, Foto: Universitätsbibliothek

Wie Museen, so besitzt auch die Universität Rostock Sammlungen, und zwar in einer Brandbreite, die sich von Sondersammlungen in der Museumsbibliothek – die wertvollsten stammen aus dem Legat der mecklenburgischen Herzöge und sind auch mit dem Namen Herzog Johann Albrecht verbunden – über historische, archäologische, naturwissenschaftliche, zoologische, medizinische, anatomische Sammlungen bis hin zu technikgeschichtlichen Sammlungen erstreckt. (Abb. 3, 4 und 5)

Abb. 3: Atlantenuhr, entstanden um 1710, Skulptur von Johann Samuel Nahl (Skulptur) Louis Le Roy (Uhr), 1789 als Schenkung aus dem Besitz des mecklenburgischen Herzogshauses in der Bibliothek des Weißen Kollegs aufgestellt heute in der Bibliothek der Südstadt, Foto: ITMZ, Universität Rostock

Abb. 4: ‚Rostocker Pfeilstorch‘ von 1822 Zoologische Sammlung der Universität Rostock, Foto: Zoologische Sammlung

Abb. 5: Südamerikanische Hockmumie Anatomische Sammlung der Universität Rostock Foto: Anatomische Sammlung Universität Rostock

Wenngleich es viele Schnittstellen von Museen und Universitäten als Bildungseinrichtungen gibt, so gewinnt doch das Museum sein besonderes Profil in dem auf die Sammlung, Bewahrung, Erforschung und Vermittlung von materiellen und immateriellen Zeugnissen von Menschen und Ihrer Umwelt festgelegten öffentlichen Auftrag, wie er in den 2007 in Wien verabschiedeten ICOMRichtlinien definiert wurde:

Das Museum ist eine gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zum Zwecke des Studiums, der Bildung und des Erlebens materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.

Zugleich hat sich zwei Jahre nach den „Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu wissenschaftlichen Sammlungen als Forschungsinfrastrukturen" vom Januar 2011 eine stärkeres Bewusstsein des Potentials wissenschaftlicher Sammlungen – und das heißt materieller Kultur – als Infrastrukturen für Forschung, Lehre und Bildung sowie ein stärkeres Interesse an der Erforschung der ‚Sprache der Objekte‘ herausgebildet. Mit der im Mai 2012 am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität zu Berlin angesiedelten und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland wurden Impulse zur Weiterentwicklung und Vernetzung der Sammlungen gesetzt, aus denen auch die Sammlungen der Universität Rostock profitieren können.

In dieser Hinsicht bietet das Universitätsjubiläum eine einmalige Chance, die Bedeutung gerade diesen integralen Bestandteiles des Gedächtnisses der Universität ins Bewusstsein der Verantwortlichen in Wissenschaft und Politik sowie ins öffentliche Bewusstsein zu heben und Zukunftsperspektiven für die Erhaltung, wissenschaftliche Erschließung und Vermittlung zu entwickeln.

In diesem Zusammenhang stehen ein demnächst startendes Filmprojekt sowie ein Publikationsprojekt, das anhand ausgewählter Objekte spannende Einblicke in die Geschichte einer 600jährigen Institution zu gewinnen verspricht.

Ein komplementärer Zugang sucht die Institution seitens der sie prägenden Akteure, Konzepte und Netzwerke sowie der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kontaktzonen in den Blick zu nehmen, wobei es im Unterschied zur ersten Publikation unverzichtbar ist, dass sie als ein Gemeinschaftswerk zahlreicher Autoren aus allen Fakultäten und einschlägigen Instituten und auch aus der Studentenschaft entsteht. Die Publikation stellt sich der Trias der Grundfragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Ist uns die erste Art der Publikation aus dem Museumskontext vertraut, so versteht sich die zweite als ein gemeinschaftlich zu erarbeitendes multiperspektivisches, vielstimmiges Selbstbild, das angesichts einer doppelt gebrochenen Geschichte und einer auf die Autonomie der Fakultäten gegründete Struktur der Universität eine Herausforderung darstellt, die nicht überschätzt werden kann. Eine Herausforderung und zugleich die Chance, im Entwurf eines Selbstbildes für die Außendarstellung intern Diskussionsprozesse auszulösen, die zum Aufbau einer corporate identity ‚Universität‘ beitragen kann, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Was das Universitätsjubiläum vom Museums- und Ausstellungsbereich am meisten unterscheidet – und zwar gerade angesichts einer klassischen, um eine Technische Fakultät bzw. einen großen Bereich an anwendungsorientierter Forschung erweiterten Universität – ist die Komplexität, die eine große Vielfalt von Fachkompetenzen, unterschiedlichen Wissenschaftssprachen und Wissenskulturen umfasst und damit eine große Bandbreite unterschiedlicher Wahrnehmungswelten und Denkhorizonte. Dies erfordert bereits auf der Produktionsebene ein hohes Maß an Übersetzungsleistung.

Der großen Bandbreite an Wissensgebieten an der Universität entspricht die große Bandbreite an Zielgruppen, wobei der Spagat zwischen dem Fachpublikum und der breiteren Öffentlichkeit, zwischen potentiellen Kooperationspartnern in der Wissenschaft und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gelingen muss. Dabei bietet sich die Forschungsausstellung als das geeignete Medium an, mit dem über die Entwicklung unterschiedlicher Rezeptionsebenen Spitzenforschung und Breitenwirksamkeit, Kognition und Emotion miteinander verbunden werden können.

Die Zielsetzung des Jubiläums geht allerdings weit über die Produktpalette von Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen hinaus; sie umfasst gleichermaßen partizipatorische Projekte und Prozesse, an denen sich der Erfolg messen lassen muss.

Wissenschaftskommunikation und Außendarstellung sind beim Jubiläum nur eine Seite der Medaille. Ebenso wichtig ist die Wirksamkeit des Jubiläums im Innern als Mobilisierungsangebot auf allen Ebenen der Universität: den Lehrenden und Lernenden und allen nicht-wissenschaftlichen Mitarbeitern. Angesichts des mit der komplexen Struktur erforderlichen langen Vorlaufs und zugleich der hohen Fluktuationsrate der Studierenden, die zum einen als Zielgruppen und zum andern als am Planungsprozess Partizipierende gewonnen werden müssen, gilt es, bereits den Weg zum Jubiläum zu gestalten.

Angesichts des Beschlusses, das Jubiläum als ‚Doppeljubiläum‘ zu begehen, enden die hier angesprochenen Prozesse der Selbstreflexion, Selbstbefragung und Zukunftsprojektion auch nicht an den Grenzen der Universität; sie greifen auch auf das Verhältnis von Universität und Stadt aus, die Definition von Schnittstellen gemeinsamer Interessen und die Entwicklung von Zukunftsperspektiven im Sinne neuer Formen der Zusammenarbeit.

Um die Begriffe „Qualität und Relevanz“ aufzugreifen, zwischen denen die Denkschrift zur Lage der Museen von 2012 (herausgegeben vom Institut für Museumsforschung und dem deutschen Museumsbund) die Museen zu positionieren sucht, bei einem Jubiläum sind Qualität und Relevanz nach keiner Seite der Extreme aufzulösen. Dies bedeutet für die Jubiläumsplanung die Entwicklung einer breiten Produktpalette und einer großen Bandbreite von Veranstaltungsformaten sowie die Gewinnung einer Vielzahl von Personen mit unterschiedlichen Kompetenzen und Erfahrungshorizonten auf unterschiedlichen Ebenen als Mitdenker, Mitgestalter und Mitstreiter und auch als Multiplikatoren und Förderer.

Das Logo ‚Rostock – Hafen der Wissenschaften 1218/1419‘ als Programm

Heute, gut vier Jahre vor der 800-Jahrfeier der Stadt und knapp fünfeinhalb Jahre vor der 600-Jahrfeier der Universität, ist das ‚Gebäude‘ − Gebäude im übertragenen Sinne −, das wir mit dem Doppeljubiläum errichten wollen, erst in Umrissen erkennbar. Aber wir segeln nicht ohne Kompass. Unser Logo ‚Rostock – Hafen der Wissenschaften 1218/1419‘ (Abb. 6) weist uns und allen, die sich mit uns gemeinsam auf die Reise begeben wollen, die Richtung. Unser Verzicht auf die Jahreszahlen des Doppeljubiläums 2018/2019 ist Programm wie ebenso der Verzicht auf das Wort ‚Universität‘. Wir wollen uns nicht darauf beschränken, 2018/2019 ein Feuerwerk zu zünden, sondern wir verstehen das Doppeljubiläum und den Weg zum Doppeljubiläum als Schrittmacher einer nachhaltigen Entwicklung, der neue Funken aus unserer gemeinsamen Vergangenheit schlägt und für die Zukunft fruchtbar macht. Als Chance und Verpflichtung, in der Erinnerung an eine 600 Jahre tragende Entscheidung, selbst ein Fenster in die Zukunft zu öffnen.

Uns selber begreifen wir als Teil einer höchst lebendigen und attraktiven Wissenschaftslandschaft, die zusammen mit den Fraunhofer- und Leibniz-Instituten, dem Max-Planck-Institut für Demographie und den Helmholtz-Aktivitäten und nicht zuletzt der Hochschule für Musik und Theater eine kaum zu überschätzende Standortqualität darstellt. Die konzertierten Aktionen des Wisseschaftsmarketingvereins ‚Rostock denkt 365o‘ wie ‚Rostock’s Eleven‘ und ‚Science Soap‘, die bundesweite Medienaufmerksamkeit gewonnen haben, lassen ein großes Potential erahnen, das es mit vereinten Kräften zu entfalten gilt. Dass die ‚Stadt der jungen Forscher‘ nach tragfähigen, langfristig angelegten Strukturen der Zusammenarbeit von Wissenschafts-, Kultur- und Bildungsinstitutionen verlangt, sehe ich als eine Herausforderung, die vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten impliziert.

Abb. 6: ott + stein, Nicolaus Ott Logo zum Doppeljubiläum „Rostock – Hafen der Wissenschaften 1218/1419“

Das Jubiläum als Chance der Selbstreflexion und Selbstbefragung, der Standortbestimmung und der Entwicklung von Zukunftsperspektiven

Jubiläen stellen in unserer Gesellschaft, die sich den Herausforderungen der Globalisierung und dynamischen Veränderungsprozessen gegenüber sieht, eine seltene Chance der Selbstreflexion und Standortbestimmung dar, der gesellschaftlichen Selbstverständigung, der Zukunftsprojektion und der Entwicklung von Zukunftsperspektiven. Sie laden uns ein, den Denkhorizont alltäglicher bzw. routinemäßiger Planungs- und Entscheidungsprozesse mit ihren Zwängen, Kosten-Nutzen-Relationen und Rentabilitätsrechnungen sowie unseren eigenen engeren Verantwortungsbereich zu überschreiten und uns in andere größere Zeithorizonte zu begeben, uns die Wirkmächtigkeit von Entscheidungen vor Augen zu führen, die die Weichen für Jahrhunderte gestellt haben. Sie bieten uns die einzigartige, einmalige Chance, Aufmerksamkeit und insbesondere Medienaufmerksamkeit auf uns zu ziehen und in neuer, differenzierter Weise wahrgenommen zu werden. Dabei sind wir aufgerufen, gemeinsam an einem neuen Image zu arbeiten.