Der feuchte, amerikanische Traum - Lucian Vicovan - E-Book

Der feuchte, amerikanische Traum E-Book

Lucian Vicovan

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Beschreibung

Luczizcki landet in Miami, der Flug über Lissabon war, um es gelinde auszudrücken, ungemütlich. Nun sitzt er endlich in einem Taxi, auf der letzten Etappe seiner Reise, doch der Fahrer will partout nicht losfahren, sollte Luczizcki seinen Namen nicht preisgeben. Dieser Fahrer, so stellt es sich heraus, ist Überbringer wichtiger Nachrichten. Nachrichten auf die Luczizcki überhaupt keine Lust hat. So beginnt sein kurzer aber intensiver Aufenthalt in Miami. Viel Spaß beim Lesen. Lucian Vicovan

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Lucian Vicovan

Der feuchte, amerikanische Traum

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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9

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Impressum neobooks

1

„Willkommen in meinem Auto, Fremder. In nur wenigen Minuten werden wir uns nicht mehr fremd sein. Wie ist Ihr werter Name?“

„Ich möchte zur 575 South West 11th Street, bitte sehr.“

„Ich versuch´s noch einmal. Mein Name ist Dave, und wie lautet Ihrer?“

„Nun fahren Sie endlich los.“

„So nicht werter Herr, das hier ist kein gewöhnliches Taxi.“

„Also gut, ich brauche ein gewöhnliches Taxi.“

Die Zentralverriegelung machte genau eine Sekunde bevor ich an dem Hebel zog, das typische Klick - ich steckte also fest.

„Wollen Sie mich etwa entführen?“

„Mitnichten, ich möchte Sie zu der von Ihnen genannten Adresse fahren, 575 South West 11th Street. Habe ich recht?”

„Stimmt genau, weshalb fahren Sie also nicht endlich los?”

„Ich möchte, dass Sie mir zuerst Ihren Namen verraten, Mister.”

„Ich könnte Ihnen irgendeinen Namen nennen.”

„Das wäre nicht sehr nett, schließlich habe ich Ihnen meinen richtigen Namen gesagt.”

„Versprechen Sie mir, dass sobald ich Ihnen meinen Namen genannt habe, Sie losfahren und ich kein Wort mehr von Ihnen zu hören bekomme?”

„Das kann ich leider nicht versprechen.”

„Wieso nicht?” Spätestens jetzt überlegte ich, mit welchem Gegenstand aus meiner Tasche, das Fenster sich am besten aufbrechen ließe.

„Weil ich eine Nachricht für Sie habe, lieber noch Fremder.”

„Ich möchte diese Nachricht aber nicht hören.”

„Das denken Sie jetzt.”

Um mich herum fuhr ein Taxi nach dem anderen vorbei. Genauso, wie ich es von überall auf der Welt gewohnt war, nahmen sie die Passagiere, die aus der Flughafenhalle nach draußen kamen, auf, warteten nur so lange bis das Gepäck verstaut und die Personen eingestiegen waren und fuhren los. Ich war der Einzige, dem das zweifelhafte Glück zuteilwurde, in ein Taxi zu steigen, welches nicht so wie alle anderen war.

„Sie verlieren wertvolle Zeit, Freundchen, Ihr Chef wird sicherlich sehr unglücklich mit Ihnen sein.”

„Da machen Sie sich mal keine Sorgen, Fremder, hier auf Erden steht keiner über mir, ich kenne nur einen Chef und dieser wäre nur dann unglücklich, wenn ich es versäumen würde, Ihnen diese vorher angesprochene und äußerst wichtige Nachricht zu überbringen.”

Es blieb mir nur noch eine Möglichkeit, um aus dieser herzlich unerwünschten Situation gewaltlos zu entkommen, ich musste mich dem Willen des Idioten mit Hornbrille und roter Kappe beugen und ihm meinen Namen nennen. Nach dem äußerst ungemütlichen Flug von Lissabon nach Miami wollte ich nichts anderes, als endlich unter einer warmen Dusche zu stehen und mich anschließend in ein gemütliches Bett zu werfen.

„Mein Name ist Luczizcki – und jetzt fahren Sie endlich los!”

„Herrjemine”, sagte der Fahrer, welcher zwar Dave hieß, hier in weiterer Folge jedoch nur noch Idiot genannt wird. Nachdem er mich zuvor nur durch den Rückspiegel anvisiert hatte, drehte er sich schlagartig zu mir um.

„Nun machen Sie schon Dave, Sie haben schließlich bekommen was Sie wollten.”

„Wieso würde man jemanden solch einen Namen mit auf dem Weg geben?”, erwiderte der Idiot, glotzte mich einige Sekunden an und drehte sich dann kopfschüttelnd wieder nach vorne.

„Also gut, Herr Luczizcki - ich hoffe ich spreche es richtig aus - damit steht unserer Abfahrt nichts mehr im Wege.”

Er sprach meinen Namen, wie nicht anders zu erwarten war, sehr amerikanisch aus, indem er diesem alle möglichen Klänge und Noten beifügte. Ich sagte nichts, da der Wagen endlich langsam anrollte. Ich ließ meinen Kopf nach hinten fallen und schloss die Augen. Die ersten Minuten auf amerikanischen Boden außerhalb des Flughafens konnten kaum unerfreulicher verlaufen. Rechnet man die Zeit im Flieger dazu, während der hinter mir ein Kind saß, welches, wenn es nicht schrie gegen meinen Sitz trat, mein rechter Nachbar wie in einer Sauna schwitzte und mein linker wie ein Bär, der sich mit einer verstopften Nase zur Winterruhe gelegt hat, schnarchte, dann konnte man die gesamte Reise als ein Fiasko bezeichnen. Doch nun befand ich mich auf der letzten Etappe ebendieser. Nicht mehr lange und ich konnte für die nächsten Tage getrost jedes Fortbewegungsmittel, welches ich mit anderen Mitmenschen teilen müsste, meiden. Ich war nach Miami geflogen, um allein den Strand auf und ab zu spazieren. Ich wollte mich in Schweigen hüllen und dem Rauschen der Wellen lauschen. Ich wollte meine vom Kontakt mit Menschen gebeutelte Seele beruhigen und am Ende erzähle können, dass Amerika seinem Ruf alle Ehren gemacht hat und sich hier tatsächlich niemand einen Scheiß um dich kümmert.

Ich hörte davon einst in einer Bar, dieses Stückchen Information wirkte bei mir besser als jeder Reisekatalog mit Bildern oder Slogans, mit denen versucht wird die Besuchermassen anzuziehen. Seit Jahren wünsche ich mir von meinen Mitmenschen nichts anderes, als dass sie sich einen Dreck um mich scheren, und werde trotzdem jedes Mal aufs Neue enttäuscht. Wenn es hier in Miami nicht klappen würde, dann wohl nirgends.

„Die Menschen dort sind alle so oberflächlich und sehen dich nicht einmal an, Luczizcki.”, sagte mir eine Bekannte nach einem in Florida verbrachten Urlaub und klang empört. Für mich hörte es sich wie eine Utopie an - Nirwana könnte ich schon fast sagen.

„Wenn du nichts zu bieten hast, interessiert sich keiner für dich! So ist das dort. Traurig, aber wahr.”, fügte ihr Reisebegleiter und Lebensgefährte hinzu. Mein Herz schlug höher.

Ich war sogar so dankbar für diese Information, dass ich jedem von ihnen einen Drink spendierte. Dann setzte ich mich weg, denn für meine Verhältnisse redeten sie zu gerne und demzufolge auch viel zu viel. Das hätte mir schon auffallen sollen, als sie sich zu mir setzten und mich mit: „Wir sind gerade frisch aus Miami zurückgekehrt, wir haben diese Warmherzigkeit und Freundlichkeit hier so stark vermisst!”, begrüßten. Ich ließ mich aber zu einem Kopfnicken hinreißen und die zwei nahmen es sofort als Zeichen, mich weiterhin zu bequatschen.

Beide sendeten mir verstörte Blicke zu, nachdem ich mich ans andere Ende der Bar setzte, doch glücklicherweise nahm ein anderes Pärchen meinen Platz ein und sie stürzten sich, dieselbe Grußformel bemühend, in eine neue Unterhaltung.

„Wie schon gesagt, dieses Taxi ist kein gewöhnliches.” Machte sich der Idiot erneut hörbar und unterbrach meinen Moment des Sammelns und Durchatmens.

„Mhhm.”, antwortet ich und hätte mir am liebsten selbst mit der Faust in den Adamsapfel geschlagen.

„Ja, ja, Luczizcki. In diesem Taxi haben schon sieben Personen die gute Nachricht empfangen und ihr Leben von Grund auf erneuert, bei drei Weiteren bin ich schon ganz dicht dran. Denn in diesem Taxi ist das Wort am Wirken, das Wort, welches schon von Anbeginn der Zeit hier war und durch dessen Kraft wir und alles was uns umgibt erschaffen wurde.”

Die Augen des Idioten wanderten unaufhaltsam von der Straße in den Rückspiegel und wieder zurück. Er hielt das Lenkrad mit beiden Händen fest und fuhr jede Kurve, die er machte, auch mit seinem Kopf nach.

„Nun gut, Sie wollen nichts dazu sagen, Luczizcki, aber Sie hören mir zu, das reicht mir schon völlig aus.” Der Idiot setze seinen Monolog nach einer kurzen Pause fort. Aus Leibeskräften bemühte ich mich der Versuchung zu Wiederstehen, in seinen Rückspiegel zu sehen, ich wollte keinesfalls seinem Blick begegnen.

„Vor mehr als zweitausend Jahren gab es einen König, der wunderschöne Lieder zu schreiben wusste. Er war ein Namensvetter von mir, das erfüllt mich mit Stolz.” Der Idiot lachte ein glucksendes Lachen, als würde er sich jeden Moment verschlucken oder einen Lachs im Hals haben, der gegen den Strom schwimmend nach oben gelangen wollte. „Er spielte die Harfe, mein Namensvetter, und vertrieb mit seinem Gesang Löwen und Bären, so viel Kraft steckte in seiner Musik. Doch der Heimtückische und der Feind alles Guten und Schönen schaffte es, sich einen Weg auch zu seinem Herz zu bahnen, Luczizcki, können Sie sich das vorstellen?”

Es folgt eine weitere künstliche Pause.

„Mein Namensvetter fiel in die Falle des Bösen, Luczizcki, wegen einer Frau, einer süßen Versuchung. Der Feind kennt unsere Schwachstellen meist besser als wir es tun. Nur einen Moment der Unachtsamkeit, Luczizcki, mehr braucht es nicht - ein einziger Moment genügt.”

„Aha!”, rutschte mir wieder heraus und ich hasste mich dafür ein Stück mehr.

„Lassen Sie mich erzählen, wie es bei mir war, Luczizcki.”

„Bitte nicht.” Jetzt fing ich endlich wieder an, mich wiederzuerkennen und zu mögen. Nur wer sich selbst kennt weiß, wann er oder sie sich auch ernst zu nehmen hat. Sonst lässt man sich von all dem, was einem zustößt oder was einem aufgetischt wird, verblenden. So weit bis man wieder Zeit braucht, um sich selbst zu finden, und dazu eine Reise nach Indien antreten muss oder nach Bali. Ich aber wusste genau wer ich war und wieso. Auch wenn der Flug strapaziös war und meine Instinkte alle zum Teufel gegangen sind, konnte mir keiner etwas vormachen.

Der Idiot blickte mich eingehender durch den Rückspiegel an. Er konnte es sich erlauben, da wir mitten in einem traffic jam gelandet waren. Meine ehrliche Bitte schien ihm ein wenig aus dem Konzept gebracht zu haben, doch fing er sich schnell wieder.

„Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten? Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; bette ich mich in der Unterwelt, bist du zugegen; nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äußersten Meer, wird deine Hand mich auch dort ergreifen und deine Rechte mich fassen. Würde ich sagen: Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben, auch die Finsternis wäre für dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag, die Finsternis wäre wie Licht."

Der Idiot nutze die Tatsache, dass der Verkehr stand, und begleitete seinen Vortrag mit wildem Gestikulieren. Mal hob er seine Hände zum Himmel, mal hielt er sie vor der Brust verschränkt. Einmal schlug er sogar mit beiden Händen gegen das Lenkrad und weckte mich so aus meiner Apathie. Am Ende war ich so mitgerissen von seiner Darbietung, dass ich ein: „Wunderbar!” von mir gab. Im selben Augenblick wurde mir bewusst, was mit mir nicht stimmte. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich nun schon seit mehr als einer Stunde auf amerikanischem Boden verweilte, ohne einen einzigen Tropfen Alkohol zu mir genommen zu haben!

2

Der Idiot konnte dies, im Gegensatz zu mir selbst, natürlich nicht wissen - er kannte mich nicht. Also interpretierte er es auf seine eigene Weise.

„Dem Himmel sei Dank! Luczizcki, Gottes Gnade ist groß genug! Er hat meinem Namensvetter verziehen und wird auch Ihnen verzeihen. Sie können nicht ewig davonlaufen. Schöner als mein Namensvetter kann man es kaum ausdrücken. Es war Gottes Stimme, die mir zugeflüstert hat, dass ich Ihnen aus den abertausenden Bibelversen genau diese zu rezitieren habe.

„Jetzt hören Sie mal zu lieber Mann! Ich habe mir ihr Kaspertheater lange genug angehört. Wenn Sie noch ein Wort von sich geben, werden Sie sowohl Zähne wie auch alle Glasscheiben an Ihrem Wagen einbüßen! Haben wir uns verstanden?”

Sein Frohmut verwandelte sich innerhalb von Zehntelsekunden in Entsetzen, Schweißperlen traten auf seine Stirn. Ich genoss diesen Anblick und die sadistische Seite in mir verlangte nach mehr.

„Ich bin auf der Flucht wegen Mord und Totschlags, mir ist es gleich noch eine weitere Person auf die Liste meiner Opfer einzutragen. Sie lenken also das Taxi zur Adresse, die ich Ihnen nannte und zwar so leise, dass man förmlich die Schritte des Teufels bei seinem Spaziergang über die Erdoberfläche vernehmen kann. Ist das klar genug?”

„Ja, Herr Luczizcki, ich werde für Sie beten.”

Ich richtete mich scheinbar wütend auf, er vergrub seinen Kopf zwischen den Schultern.

Die restliche Fahrt könnte man schon fast als angenehm bezeichnen. Obwohl wir nur im Schritttempo vorwärtskamen, so konnte ich doch die Silhouette der Skyline der Downtown Miamis näherkommen sehen. Die Wolkenkratzer, welche in Brickell und der City standen, wurden immer größer, die komische Bebauung Little Havannas konnte ich von der Überführung des Highways aus beobachten. Ich war trotz der Müdigkeit sogar noch imstande über die Diskrepanz zwischen arm und reich zu sinnieren. Umso näher wir auf die Wolkenkratzer zusteuerten, umso eingehender fragte ich mich, ob mein Ziel wohl eins dieser Glaskästen sei, die scheinbar dem Turm von Babel Konkurrenz machen wollten. Dann musste ich den Kopf schütteln, angewidert von dem Erfolg, den der Namensvetter von König David verbucht hatte - ich dachte schon in biblischer Terminologie.

Ich brauche Bier! Sofort, und nicht wenig davon!

Schon fast im Schatten der Hochhäuser fuhr das Taxi endlich vom Highway ab. Ich sah einen Supermarkt und schrie: „Halt!” Es war mir auf Deutsch rausgerutscht und der Idiot, der bis dahin schweigsam und artig gefahren war, erschrak und bremste so hart, als käme dieser Befehl vom Führer höchstpersönlich. Die Reifen quietschten, auch bei den Autos, die hinter uns fuhren.

„Was ist los, Herr Luczizcki?”

Der Wagen hinter uns hupte wie verrückt.

„Wir müssen bei 7-Eleven stehenbleiben.”

Er drehte sich wieder um, kopfschüttelnd. Andere Wagen stimmten in das Hupkonzert ein.

Die Kassiererin war eine immens große, dunkelhäutige Frau. Ihr T-Shirt war weiß, auf der Brust wurde ein rotes Herz von den Worten Jesus loves you! umrundet.

„Was hält Jesus davon, dass Sie mir Alkohol verkaufen?”

„Scheren Sie sich zum Teufel, Sie Penner.”

Ich öffnete eine Bierflasche vor ihr.

„Sie dürfen hier drinnen nicht trinken, draußen auf der Straße auch nicht.”

Ich setzte die Flasche an und trank sie aus.

„Ich kann Ihnen auch den Kauf verweigern!“

Ich nahm eine weitere Flasche, auch diese trank ich aus.

„Um Sie wird sich Jesus schon noch kümmern, zahlen Sie und verschwinden Sie endlich.”

Da der Name Jesus nun schon zum dritten Mal gefallen war, musste ich auch die dritte Flasche leeren. Dann zahlte ich und nahm die drei verbleibenden Bierflaschen, sowie die Flasche Rum und ging gemächlichen Schrittes aus dem Laden.

„Sie werden in der Hölle schmoren, wenn Sie Ihre Wege nicht ändern.”

Die Wärme, die mich außerhalb des Ladens empfing, war eine sehr gute Übung darauf, was mich in der Hölle angeblich erwarten sollte.

Das Taxi wartete vor dem Eingang, der Idiot hatte die Augen geschlossen, seine Lippen bewegten sich. Er schien seinem Versprechen von vorhin Folge zu leisten und betete.

3