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Von einem Tag auf den anderen verschwindet Beso, der junge Chauffeur einer internationalen Organisation, aus Tiflis. Er läßt Memoiren zurück, die vom Aufwachsen in einer kleinen westgeorgischen Stadt ab den 1970er Jahren erzählen. Und von der Freundschaft zum deutlich älteren Islam Sultanow, einem Fürsten, der bereits früh aus seinem Reich vertrieben wurde und nun in Besos Dorf ein abgeschottetes Dasein als Filmvorführer fristet. Beso ist der einzige, der den Kontakt zu dem Außenseiter sucht, und Islam hält fortan seine schützende Hand über den Jungen. Als Beso zum Militärdienst eingezogen wird, bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen: er wird nach Afghanistan verfrachtet, in einen grausamen Krieg. Nur dank eines rätselhaften Zettels, den er von Islam bekommen hat, überlebt Beso. Zurück in seiner Heimatstadt, nimmt Beso eine bescheidene Anstellung im Heimatmuseum an, das von keinem Bewohner je besucht wird. Aber die Ruhe in Besos Arbeitsalltag trügt, die Umwälzungen im Zuge der Perestroika sind bereits im vollen Gange. Selbst in der Kleinstadt bildet sich eine Widerstandsgruppierung, die Beso um Unterstützung bittet. Ihm wird schnell klar, daß Politik nichts für ihn ist, und er versucht sich aus den Geschehnissen auszuhalten. Dennoch gerät er unfreiwillig zwischen die Fronten — und erregt zugleich die Aufmerksamkeit der jungen Tamriko, in die er sich sofort verliebt. Doch Tamrikos Familie legt ihr Veto ein. Wieder hilft der Filmvorführer ... Eines Tages verschwindet Islam, der letzte Sohn des Khans von Kirbal. Und Beso wird es seinem alten Freund gleichtun ... ist er ihm gar gefolgt? Ein Roman über eine ungleiche Freundschaft in chaotischen Zeiten und über ein Stück archaische Vergangenheit, das sich in dieser Welt behauptet.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Der Roman einer Freundschaft in Zeiten der Umbrüche. Der naive, gutherzige Beso wächst im ländlichen Georgien der 1970er und 1980er Jahre auf, muß in den Krieg nach Afghanistan und danach seinen Platz in einer sich ständig zwischen Tradition und Neuerung verändernden Gesellschaft suchen. Sein vierzig Jahre älterer Freund, der rätselhafte Filmvorführer Islam Sultanow, steht ihm mit Rat und Tat zur Seite. Nur dank Islam Sultanow wird Beso nicht zum Opfer einer Historie, die sich in seiner naiv-unverstellten Wahrnehmung widerspiegelt.
Nur dank Islam Sultanow wird Beso nicht zum Opfer einer Historie, die sich in seiner naiv-unverstellten Wahrnehmung widerspiegelt.
Aka Morchiladze (1966 in Tbilissi geboren) ist einer der meistgelesenen Autoren Georgiens. Er studierte Georgische Geschichte an der Staatlichen Universität Tbilissi, anschließend wirkte er dort als Dozent. Außerdem arbeitete er viele Jahre als Journalist. Insgesamt veröffentlichte er zwanzig Romane und drei Sammlungen mit Kurzgeschichten. Seine Bücher wurden in Georgien zu Bestsellern und teilweise verfilmt – so auch Reise nach Karabach. Aka Morchiladze wurde fünfmal mit dem wichtigsten georgischen Literaturpreis Saba ausgezeichnet, zuletzt 2012. Die Originalausgabe von Reise nach Karabach erschien 1992.
Iunona Guruli wurde 1978 in Tbilissi geboren und lebt seit 1999 in Deutschland. Ihr Erzählungsband Die Diagnose bekam 2016 den Saba-Preis für das beste literarische Debüt und erscheint im Herbst 2018 auf deutsch. Einband: Karlo Kacharava
Aka Morchiladze
Der Filmvorführer
Roman
Aus dem Georgischen von Iunona Guruli
Weidle Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Weidle Verlag, Göttingen 2025
Wallstein Verlag GmbH
Geiststr. 11, 37073 Göttingen
www.wallstein-verlag.de
Der Weidle Verlag ist ein Imprint der Wallstein Verlag GmbH.
Die Originalausgabe Mameluk () erschien 2009.
© Bakur Sulakauri Publishing, 2009.
The book is published with the support of the Georgian National Book Center and the Ministry of Culture and Sport of Georgia.
Dank an Irena Popiashvili, Lika Kacharava und besonders an Bela Chekurishvili für die Durchsicht der Übersetzung.
Lektorat: Stefan Weidle
Korrektur: Kim Lüftner, Eva-Maria Kempe
Gestaltung und Satz: Friedrich Forssman
Einbandgemälde: Karlo Kacharava (1964–1994)
ISBN (Print) 978-3-8353-7588-8
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-7731-8
Ich kenne Peter Goldsmith seit der Zeit, als bei uns geschossen wurde. Ich glaube, er war einer der ersten Ausländer, die nach Tbilissi gekommen sind.
Ich kann mir die Namen der internationalen Organisationen oder Stiftungen, die er in unserem Land vertreten hat und bis heute vertritt, nicht merken, aber dennoch sind wir alte Freunde: Wir waren ein paar Mal zusammen unterwegs und haben einige Abenteuer überstanden.
Auch in jener Nacht rief er mich an und sagte: »Hey, mein Freund, ich bin geschockt.« Seine Stimme klang irgendwie merkwürdig, wie aus dem Jenseits.
»Was ist?«
Es ist mehr als unüblich, daß ein Ausländer dich nach Mitternacht anruft.
»Ihr seid alle durchgeknallt! Beso ist weg.«
Beso ist der Fahrer von Peters Büro. Ein Typ aus Westgeorgien, etwa so alt wie wir: Er war stets glatt rasiert und trug ein gut gebügeltes einfaches Hemd.
Ich mußte lachen.
»Du wechselst die Arbeitsstellen fast jährlich und wunderst dich über Beso?«
Beso war schon lange Zeit Peters Fahrer – ein ruhiger junger Mann.
»Du verstehst das nicht«, stöhnte Peter, »Beso ist einfach verschwunden, zumindest glaube ich das. Heute morgen fuhr er mich wie immer, aber als er mich gegen Mittag ins Büro brachte, übergab er dem Geschäftsführer seine Schlüssel und bat ihn, mir nicht zu sagen, daß er uns verläßt. Sein Handy ist aus.«
»Ja und? Er war ein guter Fahrer, aber du findest auch einen anderen.«
»Du verstehst nichts. Beso hat seine Memoiren für mich zurückgelassen. Jetzt habe ich sie gelesen.«
Beso sagte zwar ab und zu schüchtern »thank you«, »yes« und »of course«, aber . . .
»Er hat sie auf englisch geschrieben. Also, ich verstehe alles. Man kann sie ganz gut lesen. Jetzt bin ich total durcheinander. Morgen müssen wir zu Besos Haus fahren. Laß uns ihn suchen.«
Den Grund für Peters Aufregung konnte ich erst nachvollziehen, als ich die von Beso in ein einfaches Heft geschriebenen Aufzeichnungen gelesen hatte. Auf dem Heft war Michael Jordan abgebildet. »Okul defteri«, also Schulheft, stand noch daneben.
Peter setzte sich selbst ans Steuer seines weißen Jeeps, und wir suchten im Viertel Warketili das Haus, in dem Besos Familie angeblich leben sollte.
Dort wurde uns dann gesagt, die Familie sei wieder aufs Land gezogen, nicht in ein Dorf, sondern in die kleine Stadt, aus der sie einst weggezogen war, um irgendwie ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Peter ließ nicht locker und fand die Ehefrau und die Kinder von Beso trotzdem. Er fuhr nicht selbst hin, telefonierte aber mit Besos Frau.
Das einzige, was wir erfuhren, war, daß Beso das Land verlassen hatte.
Genau wie Tausende andere.
Diese Auslandsreise gab einem noch mehr zu denken.
Peter und ich betranken uns. Was hätten wir sonst machen sollen? Wir betranken uns und redeten viel. Wir redeten so viel, daß es kein Reden mehr war, ein ganzes Buch wäre daraus entstanden.
Dennoch habe ich über diese Geschichte kein Buch geschrieben, ich habe lediglich Besos Heft übersetzt. Ich bin kein großartiger Übersetzer, aber ebensowenig war Beso perfekt im Englischen.
Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist die Story.
Peter überfliegt täglich die Nachrichtenseiten und ruft mich danach an:
»Bis jetzt nichts Neues.«
Und er seufzt.
Der Vater von Islam Sultanow, Husein, war der letzte Khan von Kirbal. Als die Kommunisten im riesigen Mittelasien angekommen waren und es rot zu färben begannen, traten sie mit Sultan Husein in Verhandlungen und verhandelten mit ihm so lange, bis sie ihn schließlich umbrachten.
Kirbal war ein kleines, gebirgiges Land, und die Kommunisten brauchten es lediglich dazu, um die auf seinen riesigen Bergen gelegenen Wege nach Süden zu nutzen.
Damals hieß Islam Sultanow einfach nur Islam, und er war das Nesthäkchen des ruhigen Khans. Er war, glaube ich, zu der Zeit vier oder fünf Jahre alt. Im Gegensatz zu seinen zahlreichen Brüdern versteckte er sich nicht in den Bergen oder flüchtete nach Afghanistan oder in den Iran, daher wurde er von den Kommunisten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gemeinsam mit seiner Mutter verhaftet und aus der Heimat verbannt. Islam und seine Mutter saßen sehr lange in einem Zug, dann landeten sie in der Stadt Tbilissi, unendlich weit vom Kalifat Kirbal entfernt. Sie wurden in einem Keller auf einer steilen Straße einquartiert, und man gab ihnen den Familiennamen Sultanow.
Islam Sultanow besuchte die russische Schule auf der Friedrich-Engels-Straße, während sich seine Mutter durch ihre Stickerei einen Namen machte. Sie hatte diese alte persische Meisterkunst erlernt. Sie bestickte Stofftaschentücher und verkaufte sie. Außerdem bereitete die Mutter für die Friedrich-Engels-Straße ungewöhnliche Gerichte zu und kochte starken Tee. Zugleich arbeitete sie als Putzfrau in einer Arbeiterkantine.
Islam Sultanow lernte Georgisch auf der Straße. Dort lernte er auch Armenisch und Kurdisch, während er Persisch und Arabisch bereits konnte.
Im Jahr 1938 wurden Islam Sultanow und seine Mutter verhaftet. Islam Sultanow war damals fast 17 Jahre alt. Er sah seine Mutter nie wieder. Die nächsten 20 Jahre verbrachte er im eisigen Sibirien.
Das Land Kirbal war zu der damaligen Zeit eine autonome Region innerhalb einer mittelasiatischen Republik. Islam Sultanow ist alt geworden, ohne je wieder dort gewesen zu sein.
Im Jahr 1957, gleich nach der Rückkehr aus der Verbannung, erfuhr er, daß ihm die Ansiedlung in größeren Städten verboten war. Er durfte nur eine Woche in Tbilissi bleiben, dann schickte man ihn in Begleitung eines Sonderschreibens und zweier Tscheka-Polizisten in ein kleines Städtchen in Westgeorgien, wo er weder Verwandte noch Bekannte, geschweige denn eine Bleibe hatte.
Die Stadt wählte er unter den angebotenen vier Städten selbst aus. Sie erschien ihm am menschlichsten. Wie er später sagte, hatte er schon in seiner Jugend von ihr gehört, und so dachte er, das sei ein guter Ort, um einen Neuanfang zu wagen.
Was für einen Neuanfang eigentlich? Er war fast vierzig, aber dennoch . . .
Man fand für ihn einen Job als Filmvorführer beim Arbeiterklub der Stadt. Mit dieser Tätigkeit kannte er sich bereits seit Sibirien aus. Im Klub bekam er auch gleich ein Zimmer als Wohnung.
Er besaß nicht viel, für den Winter brauchte er lediglich einen Holzofen, und dann konnte er in seinem kleinen Zimmer mit Eingang im Hinterhof des Klubs wohnen.
In jener Zeit gab es dort nur Privathäuser. Die Stadt sah einem Dorf ähnlich, denn in ihren Außenbezirken standen noch keine der nutzlosen und häßlichen fünfstöckigen Arbeiterblocks, die später zum Auslöser von vielerlei Unglück wurden.
Höfe, Obstgärten und Weinstöcke, die säuerliche Trauben trugen: So sah die damalige Stadt aus.
Drei Schulen und ein aus der Königszeit stammender Freitagsbasar. Sonst gab es nichts.
Islam Sultanow war der einzige Ausländer in der Stadt.
Es war völlig anders als in Tbilissi, wo in jeder Straße fünf, sechs Sprachen zu hören waren.
Genau neben diesem Klub, in einem zweistöckigen Haus mit Holzbalkon, in dessen mit roten Weinranken überdachtem Hof die Pfirsich- und Pflaumenbäume wuchsen, kam ich fast ein Jahr nach Islam Sultanows Ankunft zur Welt.
Meine Mutter wurde nicht ins Geburtshaus gefahren, sie gebar mich zu Hause, weil meine Oma eine sehr bekannte Hebamme war.
Ich weiß nicht mal genau, wieso ich mich eigentlich an diese Geschichte erinnere, aber es gelingt mir irgendwie, sie schlüssig und literarisch zu erzählen. Obwohl ich ein Landei war, konnte ich bereits in der Schule gut schreiben, was in unserer Stadt zur damaligen Zeit durchaus unüblich war.
Vor den Kommunisten gab es bei uns ein berühmtes Lehrinstitut, und viele später berühmte Menschen zogen aus unserer Stadt nach Tbilissi. Aber als ich geboren wurde, existierte das berüchtigte Gefängnis am Stadtrand schon seit etwa zwanzig Jahren, und da erinnerte nichts mehr an Kultur und Lehre, weil das Gefängnis einen sehr großen Einfluß auf die Stadt hatte.
Als Kind konnte ich diesen Umstand weder verstehen noch fühlen, aber nach und nach drang er auch in meine Welt ein und machte mir das Leben schwer.
Ich erzähle irgendwie nicht wirklich fließend. Das kommt daher, daß ich mich noch nie auf englisch unterhalten und diese Sprache allein aus Büchern erlernt habe. Außerdem ist die Sprache meiner Stadt viel prägender für mich. Wenn ich einen Satz schreibe, höre ich die Sprache meiner Stadt.
Und die Sprache meiner Stadt ist Georgisch, auch wenn unser Dialekt sehr stark ist, deshalb versuche ich beim Schreiben alles erst ins Georgische zu übertragen und später ins Englische.
Die Sprache meiner Stadt ist eine vorwitzige, fröhliche, ein wenig gedehnte, ein bißchen bäuerliche und ein wenig gaunerische Sprache.
Da unsere Stadt ein sehr alter Handelsplatz und Basar ist, zieht sie auch Gauner an. Wenn man dazu die Nähe des Gefängnisses in Betracht zieht, wird einiges noch klarer. Wir müssen dazu bedenken, daß für die westgeorgische Redeweise ohnehin zweifache, manchmal sogar dreifache Bedeutungsebenen und Verschränkungen charakteristisch sind.
Trotzdem werde ich versuchen, unsere Gespräche möglichst verständlich zu übertragen.
Islam Sultanow beherrschte unsere Sprache nicht sonderlich gut. Er hatte große Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Obwohl er auf georgisch sehr schlicht und verständlich redete. Erst später begriff ich, daß auf der ganzen Welt nur die Könige und ihre Sippen so schlicht und verständlich sprechen.
Woran erinnert man sich ganz genau aus seiner Kindheit?
Islam Sultanow sah ich zum ersten Mal in unserem Hof: Er war zu meiner Oma gekommen, um Eier zu kaufen. Oder vielleicht hatte ich ihn bei einer ganz anderen Gelegenheit gesehen, aber diese Szene vom Eierkaufen brannte sich in mein Gedächtnis ein.
Erst später erfuhr ich, daß das ihn betreffende Verbot, in Großstädten zu leben, längst abgelaufen war, aber er hatte es nicht mehr geschafft, von uns wegzugehen: Er besaß in Tbilissi nichts mehr, und in seinem hohen Alter hatte er wahrscheinlich keine Kraft, noch einmal ein neues Leben zu beginnen.
So sah es damals aus.
»Er hat sich schon aufgegeben«, sagte einmal meine Oma zu mir, als ich, bereits ein Jugendlicher, zu später Stunde aus dem kleinen Zimmer des Filmvorführers heimgekehrt, versuchte, in der Küche etwas Eßbares zu finden.
Damals waren wir schon enge Freunde. Islam Sultanow lieh aus der kleinen Klubbibliothek Bücher aus und empfahl mir, sie zu lesen.
Wie wir zu Freunden wurden, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, er brachte mir bei, wie man ein Seil flicht und die merkwürdigen, wahrscheinlich in den Lagern gelernten Knoten bindet.
Er hatte keine Freunde in der Stadt, wurde weder zu Hochzeiten noch zu Trauerfeiern eingeladen. Er mischte sich in nichts ein, und man vertraute ihm auch nicht. Zum einen, weil er für einen Tataren galt, wie man bei uns die Moslems nennt, und zum anderen hielt man ihn für einen Mann mit einem gefährlichen Lebenslauf.
Er war nie verheiratet. Ich hatte ihn sogar nie mit einer Frau sprechen gesehen. Später dachte ich, daß er wegen der so langen Gefangenschaft vielleicht irgendwelche Probleme hatte, aber ich konnte ihn natürlich nicht direkt darauf ansprechen.
Ich sah oft, wie er einen abgenutzten Teppich, den er, Gott weiß woher, mitgebracht hatte, auf dem Boden ausrollte und so betete, wie ich es später im Fernsehen, bei muslimischen Gebeten, wiedersah.
Er sah einem Tataren, nach unserem Verständnis, überhaupt nicht ähnlich. Er hatte ein weizenfarbenes, sehr symmetrisches und gepflegtes Gesicht, dünnes graues, nach hinten gekämmtes Haar und eine untersetzte Figur. Er besaß eine selbstgeschnitzte und -geknüpfte Kette, die er stets in der Hand hielt. Sein Gang war gemächlich, den Kopf hob er selten, meist starrte er beim Gehen auf die Erde.
Filmvorführungen fanden zweimal täglich statt, um 19 und 21 Uhr oder eine halbe Stunde nach dem Ende der ersten Vorstellung. Es kam öfters vor, daß die Filme aus zwei Folgen bestanden, vor allem die indischen Filme, in denen die Lieder fast länger waren als ein Menschenleben.
Wie oft schaute ich einen Film aus dem Vorführraum an, durch jenes kleine Bullauge, aus dem der Film projiziert wird. Das war mein Privileg und meine Belohnung. Manchmal brachte ich einen vertrauenswürdigen Freund mit, den Islam Sultanow vorher begutachtet und eine Freundschaft mit ihm gebilligt hatte.
Mein Vater sagte nichts zu meinen vielen Aufenthalten beim Filmvorführer. Er arbeitete zu der Zeit als Taxifahrer und fuhr Leute in die benachbarten Dörfer oder Städte. Meine Mutter erklärte sich mein Herumhängen bei dem Tataren wahrscheinlich aus meiner Liebe zum Kino. Ich selbst konnte es durch nichts erklären. Ich glaube, in der Pubertät kommt ein Zeitpunkt, an dem man sich zu einem älteren, fremden Menschen hingezogen fühlt. Er scheint weicher und verständnisvoller zu sein, er weiß mehr als deine Familienangehörigen. Zumindest denkt man, daß dem so ist.
Mein Vater starb genau bei meinem Schulabschluß.
Sie waren zu fünft mit einem großen Lastwagen aus einem höhergelegenen Dorf losgefahren. Alle waren reichlich beschwipst. In einer Kurve am Fluß Khanistskali schaffte es der LKW-Fahrer nicht mehr, das Steuer herumzureißen. Es war Nacht, das Wetter drohte sich zu verschlechtern, und sie wollten sich beeilen, um rechtzeitig nach Hause zu kommen.
Jedes Jahr kam dort jemand ums Leben, und wahrscheinlich geschieht es bis heute, keine Ahnung.
Überall am Khanistskali sind auf Kreuzen und Basaltblöcken Fotos von Unfalltoten befestigt.
Drei sind gestorben, zwei haben überlebt. Sie hatten bei einem Verwandten gefeiert, eine Verlobung oder so.
Es waren furchtbare Tage.
Wißt ihr, wie die Frauen in unserer Stadt ihre Toten beweinen, und wißt ihr, wie die Herzen der Jungs brechen, wenn ihre Väter sterben?
Die Frauen unserer Stadt weinen nicht, sie kreischen. Wenn ihre Männer sterben, sind die Frauen mit ihrem Leben fertig. Sie ziehen die schwarzen Trauerkleider nie mehr aus, falls sie überhaupt vorhaben weiterzuleben. Meine Oma starb nach fünf Monaten. Sie zog nach dem Tod meines Vaters einen Schlußstrich. In unserer Stadt wird ein Jahr lang kein Fernseher oder Radio eingeschaltet, wenn jemand aus der eigenen Straße stirbt. So zeigt man Trauer. Die Jungs verstehen nichts, wenn ihre Väter sterben. Sie spüren einen gewissen Schmerz und begreifen, daß sie einen Raum füllen sollen. Einen großen, leeren Raum. Sie erinnern sich liebevoll an den Groll des Vaters und mit Wehmut an die Freundschaft mit ihm.
Im August fuhr ich nach Tbilissi und versuchte an der dortigen Universität die Aufnahmeprüfung für die philologische Fakultät zu bestehen.
Natürlich schaffte ich es nicht. Die Gesamtpunktzahl hatte nicht ausgereicht.
Diese ganze Aktion war von Anfang an sinnlos.
Die Mutter wollte, daß ich in Kutaissi in irgendeiner Berufsschule lernte.
Die Zeiten, als die Jugendlichen aus Kleinstädten direkt und ohne Schwierigkeiten einen Platz an den begehrten Fakultäten bekamen, waren längst vorbei.
Zudem war es auch merkwürdig, daß ein Junge aus unserer Region Philologie studieren wollte. Man kann doch die Kompetenz von Tbilissern im Lesen und Schreiben sowie im Dichten nicht mit den Kenntnissen eines Provinzlers vergleichen. Zu jener Zeit bezeichneten die Tbilisser uns bereits als Landeier.
Uns – also alle, die außerhalb von Tbilissi geboren waren.
Dieser Kampf war von vornherein verloren.
Ab Herbst hätte ich sowieso nicht mehr studieren können. Entweder wäre ich zur Armee eingezogen worden, oder ich hätte arbeiten müssen. Vater hatte mit seinem Taxi gut verdient, und nun mußten wir mit dem wenigen Geld, das die Mutter in der Textilfabrik erarbeitete, auskommen. Ich hatte noch jüngere Geschwister, wie hätte ich mich in Tbilissi durchbringen können? Damals gab es auch ein Fernstudium für Arbeiter, aber dazu mußte ich erst eine Arbeitsstelle finden und dann auf das nächste Jahr warten. Bis dahin hätte ich bestimmt auch die Einberufung bekommen.
Also wieder Hindernisse.
Islam Sultanow mischte sich nicht in meine Vorbereitungen auf das Studium ein. Er schien zwar ein wenig verwundert, gab mir aber keine Ratschläge. Er selbst hatte es nicht geschafft, an einer Universität zu studieren, und man merkte ihm an, daß er von diesen Dingen nicht viel verstand.
Aus diesen Gründen kehrte ich zurück, ohne an der Universität angenommen worden zu sein. Die Mutter begleitete mich nicht nach Tbilissi. Ein Onkel fuhr mich hin, und die ganzen dreizehn Tage während der Aufnahmeprüfungen wohnte ich bei einem entfernten Verwandten. Natürlich kehrte der Onkel gleich am nächsten Tag nach Hause zurück. Die Unannehmlichkeiten, die ich beim Zusammenleben mit den Verwandten empfunden habe, sind mir bis heute präsent. Bei uns gab es eine andere Art von Toiletten. Und überhaupt, ich war zum ersten Mal in einer Wohnung. Bis dahin lebte ich in einem Haus mit Garten, nun war ich eingesperrt.
Die Verwandten waren gute Menschen, aber seitdem habe ich sie nie wieder gesehen.
Auch mein Onkel war ein guter Mensch, aber er glaubte nicht an mein Philologen-Dasein. Georgischlehrer zu sein sei nicht für Männer, pflegte er zu sagen, »hier bei uns gibt es eine Försterei, eine Saftfabrik, wieso lernst du nicht so etwas, oder wieso hast du nicht die Berufsschule in Kutaissi gewählt?« Er redete immer wieder von einer Berufsschule.
Mir fiel es schwer, die Universität in Tbilissi zu finden, ich konnte mir den Weg dorthin nicht merken.
Mir war echt elend.
